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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Ar. (48 Zweites Blatt

Samstag, 26. Zum 1920

DeuLZelier Neichstag.

2. Sitzung.

Berlin, 25. Juni 1920.

Hous Itnb Tribünen weisen eine ähnliche Fülle wie am gestrigen Tage auf. Die Ministertische sind fmf der rechten Seite ganz leer, auf der linken weisen sie große Lücken aus.

Ms Schriftführer waltete Fischer (Soz.) seiites Amtes, der gestern dem Rus bcd Alterspräsidenten wegen vorübergehender Abweseitheit nicht Folge leisten toicnte.

Wahl des Präsidiums.

Alterspräsident Rieke eröffnet die Sitzung und läßt die bent Haus ^gegangenen Ern- gänge verlosen, banmter bereits einige Interpella­tionen. Er v-rliost dann die für die.Wahl des <Rrt g präs deuten maßgebenden Be immungen. Die Wahl vc lzog sich recht langsam. Das fraitö gleicht während der Wahl einem aufgeregten Brc- neirschwarm. Die Abstimmung ergibt die Wahl des Abg. Löbe (Soz.) mit 394 von insgesamt 420 Stimmen. Aus Anfrage des Alterspräsidenten Rieke erklärte sich ?lbg. Löbe bereit, dis Amt mtzutveten, nnd nimmt beu PräsidentensiK ein.

Präsident Löbe dankt dem Hause für die große Ehre, die ihm durch Ucbertragung dieses Am­tes gelvorden sei. Die Rechte, die der Reichstag binxf) die neue Berfossimg erfahren hat, zu wahren, werde seine Aufgabe sein. Tie großen Schvierig- Ceiten, die uns der Krieg hinterlassen, würde hrer im Daus noch oft ihren Widerhall finden, wie über­haupt ein ärgeres Zusammenschmieden Heine un­mögliche Forderung sei. Dätten doch selbst die äutzerste Rechte und die äußerste Linke , sich wieder­holt zusammen gefunden (Protestruse bei den Unab- 'hängigen), wenn es gegolten habe, äußerste Not zu lindern.. 'Heiterkeit, Bravorufe.) Ter Präsident mwA)nt sodartr die Verdienste Fehrenbachs.

Sodann folgt die Wahl des ersten Vizepräsi- mten. Ter Parteistärke gemäß hat hierauf die Unabhängige Partei den Anspruch Sie hat den Abg. Tifmann aufgestellt. Tie Wahl vollzieht sich in derselben Form, wie bei der Präsidentenwahl. Insgesamt waren 397 Stimmen abgegeben. Da­von entfielen auf den Abg. D i ß m a n n 236. Er ist somit gewählt und nimmt die Wahl an. 156 Stimmen blieben weiß, 5 Stimmen zersplittert.

Zur Geschäftsordnung bemerkt Abg. Lede- bour, daß zwisä-en den Fraktionen die Abmachung getroffen Worben sei, für die vorgeschlagenen Kan­didaten einzutreten, gans gleich, welcher Partei sie angehvrest. Da den unabhängigen Kandidaten gegenüber diese Abmachung nicht cingehalten wor­den sei, würden auch sie sich nicht mein daran halten.

Abg. Schulz-Bromberg (D.-N.) bestreitet das. _

Abx;. Geyer (USP.) stellt fest, bau diese Ab-machung getroffen unb lediglich ix>n den Kolle­gen bes A^. Schulz durchbrochen worben sei.

Das Haus schreitet zur Wahl des zweiten Vizepräsidenten, für den der Abg. Bell in Vor­schlag gebracht ist.

Tie Abstimmung ergibt, daß 367 Abgeordnete an der Wahl teilgenommeu 'haben. 8 Stimmzettel sind weiß 356 lauten auf den Abg. Dr. Bell, der somit gewählt ist und die Wahl annimmt. .Je ein Stimmzettel lautet auf Becker-Hessen, Erz- berger und Roske (Heiterkeit).

Für den dritten Vizepräsidenten ist der Abg. Dietrich (D.-N.) in Vorschlag gebracht worden. An der Abstimmung haben 348 Abgeordnete teil- genommen. 83 Stimmzettel sind weiß. Abg. Diet­rich wird mit 260 Stimmen gewählt. Je eine Stimme entfällt auf von Gräfe, Frau Zietz, Dr. Bell und Helfserich.

Abg. Ha'hl (Vpt.) schlägt vor. die noch, aus­stehenden Schriftführerwählen durch Zuruf zu er­ledigen.

Abg. Ledebvnr widerspricht.

Abg. S ch u h - Bvomberg (Tntl.) betont, seine Partei 'habe keine Tem-onsdration ausüben wollen, sondern lediglich der Ueberzcug.mg Ausdruck ge­geben, daß die von den Unabhängigen vorgeschla­genen Persönlichkeiten nicht die recksten seien.

Abg. Ledebvnr (USP.): Wenn die Deutsch- nati-onalen erst 'heute mit ihren Bedenken heran s- getommen seien, so müsse er dieses Verhalten als hinterhältig bezeichnen. (Unruhe.)

Präsident Löbe rügt den Ausdruckhinter­hältig". .

Tie Wa'hl der Schnstfuhver erfolgt nunmehr nach der bisherigen Art, aber in einem einzigen WM gang.

Als Schriftführer werden gewählt die Abgg. Fischer (Soz.h Frau Schuch (Soz.), Frau Agnes - USP.), Tr. Pfeifer (Z.), Maltewitz (Dntl.), Kemp­les (Vpt.), Beucrmann (Vpt.) und Heile (Dem.).

Zur Gefchiftsoi^>nimg begründet Ledebour USP.' einen Antrag seiner Partei, die g-'gen den Abg. Mittwoch verhänge Festungstaft straft aus zuheben. Er wolle nicht auf den sackstuhen Inhalt cingthen, betone aber die Dringlichkeit.

Der Präsident erklärt bas für möglich, wenn sich kein Widerspruch ergebt.

Abg. Müller-Franken (Svz.) beontoagt

Ueberweisung des Antrags Ledebour an die schleu­nigst zu bildende Gesck-äftsvrdnungsllommissivn.

Ter Antrag wird! angenommen.

Nächste Sitzung Däontag vormittag 11 Uhr. Cntgcgnnsthnie einer Regierungserklärung. Außer­dem inelrcre Jnteri?ellationen.

Sck-luß Uhr.

2lus dem besetzten Gebiet.

Landau (Pfalz), 24. Juni. (WTB.) Das französische Mi.itärgerickst in Landau verur­teilte die Redner der Pwtestv-ersammlung vom Dienstag in Ludwigslxrfen zu svlgenden Strafen: Bau 6 Monat Gefängnis und 10000 Aiark Geld­strafe, Fischer 9 Atonale Gesiängnis und 10 UOO Mark Geldstrafe, Bauscl>ert 8 Tage Gefängnis und 2000 Mark Geldstrafe.

Aus der Sitzung

der haudelstaminer Sieben.

Der Wiederaufbau unseres Auslandsgeschäftes erfordert mit gebieterischer Notwendigkeit die Schaf­fung starker Stütz- und Knotenpunkte im Aus- lande: solche erblickt die Handelskammer neben den Konsulaten in den deut­schen Au slandshaudelska mm ern, welche zweckmäßigerweise in den für unseren Außenhandel wichtigsten Plätzen des Weft- Marktes errichtet werben sollten. In dem vor­bereitenden Reichswirtschaftsrat sind zu wenig die Interessen der Produktion berücksichtigt worden. Es muß daher bei der Zusammensetzung des endgültigen ReichswictlchaftLrates gefordert werden, daß ein richtiges Verhältnis zwischen den Vertretern der Produktion und der Verbraucher hergestellt wird. Dieses kann, auch bei voller A if- rechterhaltung der Parität, in der Weise geschehen, daß die Arbeitnehmerinteressen entweder von den Vertretern der Verbraucher und Beamtem mitver­treten werden ob. r die Vertretung der Verbraucher­interessen den Arbeitnehmern und Beamten über­lassen wird. Als Wah körper für die B e z i r k s - wirtsckastsräte sollen die Handelskammern gelten. Ter Aufgabenkreis der Bezirkswirtschafts­räte ist auf die allgemeinen den,Bezirk als solchen allein ober überwiegend betreffenden sowie die ihnen im B^icksrätegcsetz zugewiesenen.Aufgaben zu beschränken. Bei Erlaß von Richtlinien des Reiches für die Bildung der,Handelskammern ist darauf Gewicht zu legen, daß die Festsetzung der Bezirke nach örtlichen Bedürfniss n und den Wün­schen der Kaufmannschaft entsprechend vorgenom­men wird. Anträge der Kammer aus Zu­lassung von Zigarren zur Eilgutbefor- d e r u n g ist von der Eiftnbahnverwackung ver­suchsweise entsprochen roorben. Bei dem Rcichs- wirtsckiaftsministerium ist die Aushelung der sünf- prozentigeu Ausfnhrabg ab e für Hüte be­antragt worden: in eht.-r gemeinsamen Eingabe werden die hessischm Handelskammern für die Aushebung sämtlicher Ausfuhrabgabeu eintreten. Gegen den Verkauf von Textilwaren durch Filialen der Kornhausgesellschast Alsfeld hat die Handelskammer beim Ministerium Einspruch erhoben. Bei dem Ministerium der Finanzen ist der Erlab einer Anweisung an die Finanzämter angeregt worden, wonach die Steuerbescheide vor Ab!aus des Steuerabschnitts den Sbuerpflich- tigen zugestcllt meeben. Die Handelskammer hatte wiederholt Gelegenheit, sich zu Anträgen auf Zulassung zum Großhandel mit Talmk- sabcikaten, Lebens- und Futtermitteln gutachtlich zu äußern: sie hat ber für die Erlaubniserteilung zuständigen Stelle die größte Zurückhaltung der Genehmigung solcher Gesuche dringend anemp- sohlen. Das Eisenbahnverkehrsamt Gießen wurde gebeten, von ber beabsichtigten Festsetzung des Schlusses der Güter ann ahme auf 4 Uhr nachmittags abzusehen, weil die beteiligten Kreise hierin eine Schädigung ihrer Inter ssen erblicken. Das Staats Ministerium ist gebeten worden, bei der b vorstehmden Vergebung der neuen Staats stempel im engeren Welt­bewerb die im Kammerb zirke ansäs.ige Industrie in einer deren Leistungsfähigkeit und Bedeutung entsprechenden W ise zu berück: ichtigen. Einem Anträge bes Verbandes obcrhe.suchec Brarlereien entspreckMd wird sich die Handelskammer liei den zuständigen Stetten dafür einsetzen, daß die bisher für die Einfuhr b ohmischen Bieres be- nilligteu Devisen besser zur Einmhr cmslänoisch'N Malzes verwendet werden möcksten, um batmrd) ber einheimischen Brauindustrie die Herstellung guter Biere zu ermöglichm. Die beftischeu Handelskammern haben sich für die Schaffung eines hessischen Landesauftrags­amtes ausgesprochen,- welches dem Reichs- ausgleichsamt als Unterstelle dimen imd vornehm­lich bei dec Vergebung der Aufträge für den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete und für den Bedarf der Reichsbehörben tätig sein soll. Die hessischen Hanbeltkammern hab n sich basür ckuS- gesprochen, baß in allen den Fäck n, in denen an Stelle ber bahnamtlichen Verwiegung eine Verwiegung von beeidigten privaten Per­sonen vorgeirommen ist, die von diesen Personen

sestgesetzten Gewichte auch von der Bahnverwal­tung als verbindlich anerkannt nxrbcn. Für den Verwaltungsrat in der Außenhandels- stelle beim A u s w ä r t i a e n Amt, für den Beirat beim Landesberufsamt sowie für den vorbereitenden Reichswirt­schaftsrat haben die hessischen HanbelSkam- mern die vorgeschcriebene Anzahl von Personen als Vertreter der hessischen Industrie und des Handels namhaft gemacht. Nach der Reichssteuerordnung sollen die Länder und Städte berechtigt sein, Zu­schläge von «Steuern a u s das Ge­werbe zu erheben. Das Ministerium dec Fi­nanzen ist gebeten worden, von einer hierauf bezüglichen Gesetzesvorlage an die Volkskammer den hessischen Handelskammern Gelegenheit zur gutachtlichen Aeußerung zu geben. $n einer Eingabe an das Reichswickschastsministerium sind die hessischen Handelskammern dasür eingetreten, baß die zwischen Nord- und Süddeutschiand be­stehende Ungleichheit in der Festsetzung der Malzkontingente beseitigt wird. Sie haben sich ferner im Interesse der Brauereien für-eine anderweite Regelung des Bezugschein- Verfahrens eingesetzt, wobei als ft.bitverständ- liche Voraussetzung gelten soll, daß hierbei der Getreibehanbel nicht ausgeschaltet und die über bas zu gesprochene Kontingent , hinausgehende Gerstenmenge restlos an die Reichsgetreidestelle abgeliefert wirb.

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Ans Stadt und Land.

Gießen, den 26. Ium. 1920.

Die Abstimmung in Ostpreußen.

Ter Deutsche Schutzbund teilt mit: Tie Frei- fährtsckeine des Deutschen Schutzbundes berechtigen zur Fährt durch beit polnischen Korridor nur in Sonderzügen ober burckftauftmden Züg,m Laucn- burg -Danzig und gegebenenfalls KönitzCzerck Marienwerder. Ter Deutsche Schutzbund- i)f im ganzen Reiche durch Zweig>st>ettcn, Arbeitsgemeiu- schäften sowie durch die Vereine heim-attreuer Ost- und Westpreußen vertreten. Tie Schutzbundsahir-' scheine gelangen durch diese Stellen zur Ausgac^. Wer noch nicht im Besitze eines Fahrscheines ist, tut gut, bei ben ^namtten Stellen anzufragen, sofern er nicht bereits verständig: ist, baß er wegen den immerhin beschränkten Transpvrtmöglichseiten nicht befördert werden ßrnn. Bei der Benutzung ber Abstimmungss-onderzüge genügt auch für die Fahrt durch den polnischen Korridor der Abstim- mungsausweis, ein amtlich r«on der Ortspolizei aber anderen Behörden beglaubsgiter Personalaus- tveis mit Lichtbild. Für die Benutzung von Züg-en des öftenllickien Verkel-rs, die burch ben polnisck-en Korridor fahren, muß ein Paß mit polnischem Visum besorgt werden. Sollte der ZugiverLelw KönitzCzcrck Marienwerder so rechtzeitig ein­gerichtet werden, daß er für die Abstimmung in Frage kommt, fo kann diese Strecke ohne Paß benutzt werden. Für die Fa'hrt über See sind weder Paß noch Persionalansweis erforderlich, sondern lediglich der Abstimmungsausweis. Die Rückreift muß dann aber auch auf dem Seewege erfolgen. Tie AbstimmungsEÄveift werden von ber deutsch- polnisck/en Absttmmnngsklommission im Wstim- mungs-geviet selbst ausg>estettt und versandt. Ter Versand erfolgt teils unmittelbar, teils durch Ver­mittlung der HeimatverbÄidbe. Es muß damit ge­rechnet werden, daß ein Teil ber Ausweise erst in den erffen Tagen! des Jusli in den Besitz fixer Stimm­berechtigten gelangt. ftWTB.)

*

* Besitzwechsel. Professor Lambh ver­kaufte sein Haus Großer Steickwcg 21 für 55 0(0 Mark. Wiederverkauft wurde das Haus Selters­weg 59 für 115000 Mark an Kdrl Kölner.

* Dem Zirkus Althoff wäre zu seiner gestrigen Eröffnungsvorstellung wirklich ein besse­rer Besuch zu wünschen gewesen. Denn^ er steht mit seinen Darbietungen wohl an ber Spitze ber Zirkusse, bic Gießen im letzten Jahre auf bent Oswaldsgarten sah. Angenehm überrascht ward man vor allem durch ben hervorragend schönen Tierbestand, besonders toemt man bedenkt, mit nclch ungeheuren Schwierigkeiten gerade heilte ein Zirkusimternehmen zu kämpfen hat, um diesen aus der Höhe zu halten. Eine wahre Augmfveude, wieder mal edle, wohlgebaute Pferde zu schauen, die auch hinsichtlich ihrer Dvessuren keinen Wunsch unbefriedigt ließen. Näheres Eingehen auf die einzelnen Nummern des reichlmlttgen und ab iveänlungsretchen Programms reebietet leider die Raumnot. Den Pferden stehen die Leisttlngen des kleinen Htmdekoppels würdig zur Seite. Auch die Kamele, die den Beschluß des Abends bildeten. In ihrer Art gleich vorzügliches boten die ver­schiedenen Trupps der Akrobaten usw. Man weiß wirklich kaum, wen man an erster Stelle nernten soll, ob die ikarischen Spiele der fünf Rothenecks, die mit dem menschlichen Körper unglaublich zu jonglieren und Fangball zu spielen wußten, ob dem Trapezkünstlerpaar mit seinen schwindel­erregenden Leistttnmn, ob der temperamentvollen Araberfamilie mit ihren Menschen-Pt)raniiben oder

den drei beweglickren Tralstseiltänzerinnen. Au­guste und Clioivns sargten zwischendurch für ge­nügende Heiterkeit.

Hessen-Nassau.

Die Werbung für die Fremdenlegion. ,

= Frankfurt a. M., 24. Juni. Dte Pressungen junger Deutscher durch Agenten für die Fremdenlegivn nehmen trotz aller Warnungen ihren Fortgang. Heute kehrten zwei junge Leute aus Franlreich zurück, denen es im letzten Augen­blick gelungen war, sich aus den Horden der Fran­zosen zu befreien. Ter eine, ein 21jä'hriger Kellner aus Altenburg, wurde bei Höchst a. Alain ti-jr einigen Wochen angeblich für Auftäumungsarbeittm im Saargebtet g^vorben. Dem jungen Mann, der mit Geivalt in dem Höchster Schloß festgehalten: wurde, näl-men die Marokkaner die Sachen ab. Tann transportierte man ihn nach Landau, wo er von den Schwarzen die schwersten Mißtzandlungeit zu erdulden hatte. Von hier aus Bant er mit 30 Leidensgefährten nach Metz in die Trainkaserne. In Metz waren bevefts an 150 junge Leute in Kellerräumcn tafemiert. _ Tieft mußten bei schlechtem und mangelhaftem Essen in 40 Portionen mußten sich die 150 Mann teilen die sd/wers:en Arbeiten verrichten unb wurden bann unter sclKrsster Bewachung, nachdem man ihnen Geld unb Kleiber zwangsweise abgmommeit Tiatte, nad) Marseille tranSporttert. Bon hier ge­lang es bem Kellner in einem T--Zugc: zu ent- weichen und glücklich das unbesetzte Gebiet vöttig rnittettos und aus gehungert zu erreichen. Ter zweite, ein 17jähriger Bursche aus Hedwigsbuvz in Braunsck>wetg, wurde in Köln von einem Herrn auf offener Straße für Räumungsarbeiten in Eus - kirchen geworben, nach einem französischen Bureau r.ckhe dein Tom geführt, später nach Forbach und dann nach Metz in die Trainkaserne vecocacht. Auch dieser junge Mann hatte in Metz die schwersten Aiischänblungen zu erdulden, namentlich von elsast - lothringischen Soldaten, die jetzt in sranzöstsck;eu Tiensielt st^h n. Beide junge Leute wurden grcwalt- sain unter varge!ialtenem Revolv-w gezwungen, sick> lür eine sünßä'hrige Dien streit in der Frentben- legion zu verpflichten. Dem Hedlvigsburg. r gelang es, von Metz atts in das mtbesetzte Gebiet zu entkommen.

oz. K ässe l, 25. Juni. In der letzten S t a d t- Verordnetensitzung kam es zu stürmt-, scheu A u s e i n a u d e r s e tzu n g e n. Anlaß hierzu bildete die Anfrage eines demokratischen Stadtverordneten über die öftere Abw esen- heit des Oberbürgermeisters Scheibe­mann aus Kassel. Der ftzialdemokratische Stadtrat und frühere Schriftleiter besVolks- blattes" Häring wandte sich hierbei in scharfen Ausdrücken gegen die angebliche Hetze der bürger­lichen Kftrsseler Zeitungen gegen Scheidemann. Die s2(u5fültamgcn so schreibt hierzn dieHessische Post" strotzten derart von persönlichen Beletdi- Mngeit gegen die Schriftleiter dieser Zeitungen, daß sie sich bei jedem Menschen von einigen mora­lischen Qualitäten von selbst rich.en. Im ivetteren Verlauf der Auseinawbersetzmtg, die äußerst stür­misch verlief, wandte sich Oberbürgermeister Sdeidemann namentlich gegen bic Verschmierung seiner Dienstwohnung, die in einer ber letzten Nächte mit ellenlangen Settern aus Oelfärbe ver­sehen worben ich Audi seine Frau, so sagte Scheide­mann, werde täglidj- mtt anonymen Schmähbriefen überschüttet, und sogar seine Tochter habe unter diesen Gehäisigftiten zu leiden. Naä>dem man sich anverthdlb Stunde gegntfeitig die stärkten Grob­heiten gesagt hatte, ging man zur Beratung ft>es Haushalts über.

AlrchNche Nachrichten

Cvnngtliiche Gemeinde.

Sonntag bat 27. iFuni 1920, 4. nach Trinitatis.

Stadtkirche. Vorm. 8 U'tr, zugl. Christen­lehre f. d. 9teu tonfirm. a. d. Markusgern.: Pfr. Becker. Vorm. 9y2: Pfr. Mähr. Varm. 11: Kinrergottesdienst f. d. Mcckthäusgem.: Pfr. Mahr. Donnerstag den 1. Juli, abends 8^/2 Uhr, Ge-- nteind'wcrsammlirng für Männer unb Frauen ber Markusgemcind? im Markussaal mit Besprechung des ThemasUnser Gotteschenst". Jo-han nes- kirche. Bonn. 8 Uhr fällt aus. Bonn. 9Vs: Pfatwass. Ramge n. vovausgog.t'Ngener Ordination. Bonn. 11: Kindergottes Tatst f. b. Lnkasgem.: Pfr. Bochtolsheimer. Abends 8: Btbelbesprech. im Jplwmtessaal: Pft. Mahr. W t e s e ck. Vor- mittnigd 91/2: Gottesdienst. Kirchberg. Vav- mittags 10: Gottesdienst. 11: Christenlehre f. b. weibliche Jugend.

Kalholischl» Gemeinde.

Samstag den 26. Juni. Nachmittags 5 und abends 8 Uhr: Gelegenheit z. hl. Beick>te.

' Sonntag den 27. Juni. 5. Sonntag nach Pfingsten.

Bonn. 61/2 Uhr: Gelege nh. z. hl. Beichte. j 7: Hl. Messe. 8: AuÄl. d. hl. Kommunion. ! 9: Lwchimt m. Predigt. 11: Hl- Messe m. Predigt. Nachm. 2: Elwistenl-hie; darauf An­dacht. Abends 8: Alosiusandach. Freitag vorm. 7 Uh r ist Segensmesft. Diaspora-Gottes­dienst in Grünberg um 9Vs Uhr, in Hungen um 8 Uhr, in Lich um 10 Uhr.

Die Gräfin.

Roman von G. W. Appleton. (Nachdruck verboten.) Fortsetzung 64.

Die Gräfin stellte mich der Wärterin vor und erttäcte, daß ich die alte Gräftn Elena behandelt habe, als sie plötzlich auf geheimnisvolle Art verschwunden, ja in WirLichLeit unter Anwen­dung brutalster Gewalt aus ihrer Wohnung in London weg geschleppt worden fei. Was wir jetzt begierig wären, zu erfahren, seien die Gründe und näheren 'Umstände, unter denen die arme alte Dame nad) Rom verbracht und in Wahrheit als (befan­gene in dem Palast interniert woröen sei, in dem sie jahrelang als Herrin geschaltet habe.Was wir wollen," sagte ste schließlich,ist nur die volle Wahrheit. Ich bin überzeugt, daß Sie nichts zu verbergen wünschen. Außerdem wird es Ihnen zu Ihrem Vorteil gereichen, wenn Sie offen und freimütig in dieser Sache mit uns sprechen."

Die Wärterin, die offenkundig erstaunt diesen Worten 5ugehört hatte, erwiderte ohne Besinnen:

Nun, Frau Gräfin, soweit ich in die Angelegen­heit verwickelt bin, ist bic Sach- sehr einfach. Ich habe nicht im entferntesten etwas zu verbergen. Ich bin Wärterin von Beruf und das letzte Jahr über in der Krankenabteilung «einer privaten Jrrenklinik angestettt gewjen. Nagern ich mich mit dem Oberarzt überworfen, suchte ich mir einen

«neuen Platz. Zufällig sah ich eine Annonce in der Times", durch welche eine erfahrene Wärterrn, die gewöhnt sei, mit Irrsinnigen umzugehen, ge­sucht wurde, um eine an Halluzinationen leidende Dame auf Reisen zu begleiten. Das Ergebnis war, daß ich am folgenden ober übernächsten Tag m De Keyftrs Hotel" mit einem Herrn -usammen- traf, ber sich mir als Erbgraf Frangtpant vor- stellte unb mir eröffnete, baß seine Schtvester vor ein paar Jahren aus Italien verschw^cnben fei, und er sie nach langem Suchm endlich in irrem Zustande in einer ärmlidjcn Vorstadt Londons entdeckt habe. Sie sei dort all ihres Eigentttms, sogpr ihrer Kleiber beraubt worden.

Das ist in gewissem Sinne sehr richtig, stimmte die Gräfin bet. , t, .

Ihre Wahnvorstellung sei, fuhr die Wärterin fort, so sagte mir der Graf daß er sie sett Dielen Jahren verfolgt unb in diese verrufene Gegend getrieben habe.

Das ist vollständig wahr, sagte ich, zum ersten Male das Wort ergreifend.

Nun, was formte ich anders tun, als seinen Angaben Glauben zu schmken? Sie schienen mir sehr einleuchtend, und als er fragte, ec wünsche sie in seinen Palast nach Nom zu verbringen und dort für sie zu sorgen, damit sie mit jeher möglichen Sorgfalt behandelt werbe, warum sollte ich aus seinen Beweggründen Verdacht schöpfen ober an seinen Worten zweifeln?

Gewiß, sagte die Gräsin, Ihr Benehmen in dieser Angelegenheit war völlig korrekt.

Nimmehr, fuhr die Wärterin fort, wurde ick dem Sekretär des Grafen, einem Herrn Salviatt, vorgestellt. Er sollte in demselben Zuge mitsahren und uns nach Rom in ben Palast begleiten.

Befinbet er sich gegenwärtig hier? fragte ich.

Ja. Wenigstens sah ick ihn noch gestern. Da­her wurde alles Weitere sofort abgemacht. Die alte Dame sollte am selben Abend in das .Hotel ver­bracht werden, und ich wurde angewiesen, am nächsten Morgen meine Stelle anyutreten, um mit dem ersten Schnellzug abzufahren. Ich will mich kurz fassen: ich sprach in dem Hotel vor, sah die alte Dame imd fand sie in fo aufgeregter Verfas­sung tobend, weinend, mich anflehend, sie aus der Gewalt ihres Feindes, des Erbgrafen, zu er­retten, daß mir ihr Benehmen, so sehr ich an der­artige Schauspiele gewöhnt war, die Worte des Grasen nur betätigte. Ein großer Koffer mit Kleidern war da, aber ich hatte fürchterlick)e Mühe, sie nur so wett zu bringen, daß lie etwas, das für die Reise paßte, anzog: auch aus dem Bahnhof hat sie eine nette Szene aufgeführt, aber nach und nach hat sie sich doch beruhigt. Wir hatten ein reserviertes Abteil zu unserer Verfügung. Die ganze Reise über war sie saust wie em Lamm. Sie ließ sich ohne Murren in den Palast hier verbringen und hat mir seither keinen Augen­blick mehr Schwierigkeiten bereitet. Sie liegt ein­

fach da und jammert den ganzen Tag. Das tut mir schrecklich weh.

Dann ist sie also bettlägerig? fragte ich.

Sie bleibt im Bett liegen, gewiß. Sie will nicht anfstehcn und ist meiner Ansicht nach sehr krank, aber sie weigert sich, einen Arht zu ernv- fangen.Lassen Sie mich allein, meine Liebe," sagt sie.Ich bin mit meiner Kraft zu Ende, lassen Sie mich daher in Frieden!" Jetzt glaube ich, daß sie nicht mehr irrfinnig ist, als ich selber, und ich kann Ihnen gar nicht sagen, welche Er- leichteruna Ihre Ankunst mir bereitet.

Die Gräfin erhob sich.

Sie wird sich wieder aufheitern, sagte sie, wenn sie uns sicht. Kommen Sie, Doktor! Ich werde vorausgehen, aber einen Augenblick!

Damit wandte sie sich an den nunmehr fas- ftmgslvftn Pasquale, ber zwar kein Wort von ber ganzen Unterhaltung verstanden hatte, aber etwas Unerwartetes ahnen mochte.

Sollte der Erbgraf ober Signor Salviati er­scheinen, sagte sie, so teilen Sie ihnen sofort mit, baß ich gekommen bin, die Gräfin Elena zu be­suchen und daß Doktor Perigord aus London bei mir ist.

Perigord! wiederholte er. Der Name kommt mir bekannt vor.

(Fortsetzung folgt)