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gr. 45 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, 25. Zebruar (920

Der prozetz hirschfeld.

Berlin, 21. Febr Wolff. 3=m Schwur- gerichtsfaal des Zbriminalzcrichts begann hmte der Proz S^en den Fähnrich v. Hirschfeld, der aus den Reichs fin an z Minister ge­schossen hat. Hirfchfeld ist des versuchten Mordes angefiagL Es sind ungefähr 12 Zeugen geladen, baruntcr Erzberger. Der Vorsitzende stellt bei Be­ginn des Verfahrens fest, daß der Vater des An­geklagten, der noch nid* 21 Jahre alt ist, als Bei­stand sftnes Sohnes neben dem Verteidiger; Rechts- aimxalt Bahn, erschienen ist. Ein Anttag des Ver­teidigers, die GesÄvorenen auch zu fragen, ob nicht inige von ihnen durch politische Airschauung sich befangen fühlten, wurde abgelehnt. Es beginnt die Vernehmung des Angeklagten, der nach kurzer Schild.rung seines Lckenslauses erklärt, erst durch die Revolution auf die Politik gestoßen zu sein. Er l'ätt." sich durch die lleftfire vieler Zeitungen, svivobl rechts wie linksstehender, zu informieren gesucht, aus welchem Anlaß die Revolution ent- standtm sei und kam zu der Hebersiengimg, daß Erzberger der Hauptschuldige des Zusammen bniches sei. Dieser arbeite wissentlich gegen das Bolkswohl. Die ganze Vergangenheit Erzbergers lehre dies. Die Art, wie er ,ich vom Annexionisten zum Defaitisten verwandelte, und wie er sich in den Fällen Tlwssen, Berger und Parma benahm, hätten ihm die Ueberzeugung beigebracht, daß Erz­berger vvn England gekauft sei, und daß er für Englands Geld m seine Tasche arbeite. Er bildete sich seine Ansicht, daß Erzberger fort müsse, selb­ständig. Seine politische Ansicht über Erzber-ger gewann er aus der Schrift Helffcrichs.

Die Frage des Vorsitzenden, ob denn der Angeklagte das Recht zu haben glaubte, den Mi­nister- durch-eine Kugel zu beseitigen, bejaht der Angeklagte Rach längerer Vernehmung erklärt der Jlngeklagte auf weitere Vorhaltung des Vor- < sitzenden wiederholt mit großem Nachdruck, er gebe zu, daß ein pvlittscher Mord nicht Dorfommen dürfe aber Erzberger stütze sich aus Gewalt und sei and] nur durch Gewalt zu beseitigen. Weiter befurvt der Angeklagte, er habe am 26. Januar dem Prozeß beigewohnt und das, was er dort hörte, habe ihn in seiner Ansicht, daß Erzberger von der politischen Bildfläche verschwinden müsse, bestärkt Als die Verhandlung beendigt gewesen sei, sei er sofort auf die Straße gelaufen, sei dort an das Auto berangetreten, und habe gefragt: Sind Sie der Minister Erzberger?" Hierauf gab er einen Schuß aus die Brust ab, um die Lunge zu treffen. Da er als früherer Soldat ivußte, daß die kleine,! Geschosse fast memals tödliche Lnngensclnmc verursachten, batte er nicht die Absicht, den Mi­nister zu töten, sondern hätte ihn nur für einige Zeit unschädlich machen wollen.

Es folgt darauf die Vernehmung der Sach- vcrständigen. Geheimrat Dr. Hildebrandt be­kundet, daß weder ein Knochen noch die Lunge verletzt sei. Gewehrfabrikant Barella widerlegt die aufgetauchte Vermutung, daß aus dem ange­wandt er Revolver schon vor den konstatierten zwei Kugeln noch eine abgeschossen sein tämtie. Die daraus als Zeugin vernommene Mutter des Angeklagten bekundet, daß man zu Hause keine Ahnung davon hatte, was der Sohn ausführen wollte. Er habe ftetd die allerbesten Zeugnisse mil- gebrad)t und sei unbedingt wahrheitsliebend, selbst wenn es ihm schädlich sei. Die Frage des Vertei­digers, ob ihr nicht aus allen Kreisen zahlreiche Schreiben zugegangen seien, il a. von einem Pro­fessor in Heidelberg und einem General, die ihren Sohn als einen Helden intb einen edyten deutschen Mann priesen beiaht die Zeugin. Geh. Medizinal­rat Dr. Hoffmann untersuchte den Angeklag­ten aus seinen Geisteszustand. Er sei körper- lid» zurückgeblieben und auch geistig nicht ganz auf der Höhe. Die Tat sei die eines Fanatikers. Bon Willensfreiheit bei der Tal im vollsten Sinne könne nicht gesprochen werden. Der Augettagte sei zwar als minderwertig cmzu- sprechen, jedoch für die Tat verantwortlich.

Es folgt die Vernehmung einer Reihe weiterer Zeugen. Erzberger beftätigt, daß er schon am Montage nach der Tat seine Tätigkeit wieder auf- genoinmen habe. Auf die Frage des Verteidigers, Die wohl die. Bulletins in die Zeitungen gekom­men seien, die das Befinden des Ministers alI be- forgnid.Trcg.nb bezeichnet hatten, während es sich doch herausstellte daß die Sache gar nicht so schlimm ivar, erklärt Erzberger hierüber nickst unterrichte: zu sein. Er wisse nur, daß die beiden behandelnden Aerzte von Vertretern der Presse geradezu überlaufen worden seien.

Berlin, 21. Febr. lWB.) Das Urteil fegen den Fähnrich v. H i r s ch s e l d lautet aus ksährlichc Körperverletzung unter Zubilligung lilbcmber Umstände zu IVs Jahren Gefäng- 1 i s, unter Anrechnung der ganzen Untersuchungs- Lail von 2(3 Tagen. Der Haftentlassungsantrag iturbc mit Rücksicht auf die hohe Strafe abgelehnt. Ster Staatsantvalt hatte zwei Jahre Gefängnis t; antragt.

Attr StaM und Land.

Gießen, den 23. Febr. 1920 Gültige Lebensmittelmarken für die Zeit vom 23. bis 29. Februar 1920.

Brot: 1850 Gr. Brol oder 1370 Gr. Mehl.

Mk" Weizendrotmehl Kg. 1,44 Mk.

Butter: Marke 8. 125 Gr. Margarine zu 1,43 Mk.

Fleisch: Wochenabschnitt 8. Metzger für Fremde I. Kunz, Bleichstraße.

Zucker: für Februar 1920. 750 Gr. Zucker.

Nährmittel: für Februar 1920 noch nicht eingetvoffen.

Nährmittel und Zucker für Zugezo ffene: Gebr. Berdux, Bahnhofstraße 27, Heinrich Reut«, Ludwigsplatz 4, Emst Radtke, Walltor straße 34, K. Klingelmeher, Ludwigsttaße 57, Joh Reinhardt, Krosdorfer Straße 10.

Zucker für Kranke: Emst Radtfe, Wall- Ivrstraße 34.

Nährmittel für Kranke: Ernmericher Waren-Erpedition, 'Seltersweg 59.

Mehl für Kranke: Kg. 1,70 Mk. K. Tuill, Asterweg 43.

Nähr mittel un b Zucker für Fremde: H. Becker, Löwerrgasse 28.

Seife: Marke für Februar: Anteil 125 Gr. K.-A.-Seifenpulver, das Pfd. zu 2,10 Mk.

*

** Vierteljährliche Viehzählung. Am 1. März ds. Js. findet abermals eine Vieh­zählung statt, die sich yebod) nur auf Rindvieh, Schafe, Schweine und Stegen erstreckt. Das Er­gebnis dieser Zählung bient als Grundlage für wirtschaftliche Maßaicklnnen und ist diese daher von ganz besonderer Wickstigveit. Wissentlich unrichtig.' oder unvollständige Angaben werden mit Gefäng­nis bis zu 6 Monaten oder mit Geldstrafen bis zu 10 000 Mk. bestraft.

** Viehka läster. Vom Städtischen Le­bensmittelamt wird uns geschrieben: Es ist die Wahrnehmung gemad)t worden, daß die An- und Abmeldungen zum Viehkalaster vielfach nicht er­folgen . Es wiro darauf hingewiesen, daß die Unter­lassung der An melde pflicht unter empfindliche Stra­fen gestellt ist. Künftig wird in derartigen Fällen unbetingt Strafantrag erhoben werden müssen.

Landkreis Gießen. Eisenbahnwünsche.

Steinherm, 21. Febr. Die Strecke Gießen Gelnhau sen, insbesorchev: die Teillinie Nidda Hun gen, ist von jeher stief­mütterlich behandelt worden. Wähnend auf den kleinen Nebenstrecken em Sonntagsverkehr einge­richtet ist, herrscht bei uns völlige Sonntagsruhe. Leute hes Mittelstandes mäffen deshalb 'einen Tag der Arbeit an das hängen, was sie Sonntags be­sorgen könnten. Auch Werktags besteht eine sehr ichlechte Verbindung mit unserm wirtschaftlichen Mittelpunkte Gießen. Bon morgens 9 Uhr bis «abends 7 Uhr gckkst Tein Zug. Der Güterzug 7501, der gegen 11 Uhr passiert, hat wohl Personen­wagen und auch wenigstens bibber Fahr­personal, aber er ist für Reisende gespurt. Wäre das nicht der Fall, so hätte man Anschluß an den Personalzug Hungen ab 12.30. Weiterlstn wäre zu prüfen, ob nicht der Personenzug 505, früher nur bis Stockheim, jetzt bis NM>o fahrend, bts Gießen weitergeführt werden röjmte. Falls sich die Bahnbehörde entschlösse, in der Beit von 97 Uhr noch eine Berbrndung mit Gießen zu bewerk­stelligen, würde sie des Dankes Vieler sicher sein.

Kreis Alsfeld.

Alsfeld, 21. Febr. Unser früherer Bürgermeister Karl Arnold und die Wiegemeister Diehl setzten beide in einem Zustand geistiger Um­nachtung am 19. dS. Mts. ihrem Leben em Ziel.

V3clt, 22. 3ebr. «der hiesigen Braun­kohlenzeche Jagertalgrube, die nunmehr seit Neujahr mit Erfolg arbeitet, wird durchschnitt­lich pro Tag ein Waggon Braunkohle gefördert. Tas Material ist ausgezeichnet, wird seist gesucht und eignet sich vorzüglich zum Hausbrand.

Starkenburg und Rheinhessen.

RMK. Darmstadt, 22. Febr. Von der Meldung, daß Geheimrat Röm Held in dos Landesamt für das Bildungswesen zur Weitung des Theaters übertrete, ist nach einer Meldung der Darmstädter Zeitung" im Ministerium nicht be­kannt.

Vermischter.

*Draht" oderFunk". Das inlän­dische Funknetz ist jetzt Wetter au£gebaut und soll in größerem Umfang benutzt werden Die Reichs- Telegraphenverwaltung hat sich deshalb im all­gemeinen freie Wahl des Weges, Draht- oder Funkweg Vorbehalten. Wenn der Absender ein Mithören des Funkentelegramms befürchtet, so

kann er im Telegrammausgabeformular an der stelle für die Wegangabe den gebührenfreien Ver merk^,,^raht" niedenchreiben. Dies gilt auch für den o.etegrammverkehr Teutfchlands mit den curo baildjcn Ländern, soweit die Gebühren aus beiden Wegeil dieselben sind. Der läufig im Verkehr mit schweben, wofür btc Haupttunfstelle Nönigs-Wu- Nerhanstn zur Verfügung steht. Im Verkehr zwi­schen Deutschland und Spanien sind die beiden Gebühren noch nicht gleichgestellt. Besttmmt der Abtender nichtDraht" so werden die Gebühren für den Funkweg erhoben. Im Verkehr mit den '-bereinigten Staaten von Amerika kann die Der mal hing wie bisher den Weg wählen, wenn der .Ibienber ihn nicht vorgeschrieben hat Hier wirb öer VermerkFunk" venvenbet. MitRabio" werben nur noch Seetelegramme zwischen Küßen sunkstellen und Bordfimkstellen bezeichnet. Die neuen Bestimmungen gelten vom 15. Januar ab

* Gottsched und der Student. A.s ter Dichter Gottsched Rektor der Universität L ip zisi it-ar, verklagte bei ihm ein Bürger ein,'N Studenten, der bei ihm wohttte, weil befer ihm ol/ne Grund eine Ohrfeige geg'bm hätte. Gott- id}tb ließ den Studenten rufen und fragt3 ihn: Bc.rnm hat Er seinen Wirt hinter die Ohren geschlagen?"Magnifizenz," erwiderte du Stu­dent,der Flegel Hot mid> mit Er ang-uedtt." Gottsched mochte einen Augenblick ein ustmntes Gesicht, dann lachte er gutmütig über die Dreistig­keit des jungen Mannes und sagte:Ja, di hatten Sie allerdings Grund genug zu der Ohr- feige." Der Student wurde ohne Strast ent­lassen.

Büchertisch.

- Balkanmärchen. Im Verlag von Eugen Diederichs-Jena ist eine Sammlung von Balkanmärchen erschienen, beraudgeg.'ben von A. Leskien. Bunt wie das Bölkergemisch ber Halb­insel sind diese rounberamen Gesdstchtm Sie ver­einen das Behaglid>e in der Erzähl nngsweis: des Abendlandes mit der ungebundenen Mantasi? des Morgenlandes. Im Gegensatz zur Märchmsamm- lungTausend imd eine Nacht", die aus dem Munde feinkultivierter Märchenerzähler flammm, sind die Bal kaumürchcn aus der Emsalt und Derb­heit der Volksseele gtforen. Wir haben daher auch eine reizvolle Gelegenl?eit, uns in Leidensdiaft unb Sehnen jener Volksstämme voll mieuropäischu Wildheit zu versenken.

Handel.

Frankfurt a. 9JL, 23. Februar.

Devisenmarkt.

Gelb Brief Gelb Brief Datum: 20. Febr. 21. Febr.

Amsterdam. Rotterd. 3526,- 3534,- 3516,50 3523,50 -Brüssel-Antwerpen . 729,25 730,75 724,25 725,75 Thristiania 1663,25 1666,75 1648,25 1651,75 Kopenhagen 1428,50 1431,50 1428,50 1431,50 Stockholm 1783,25 1786,75 1778,25 1781,75 Helsingfors 377,10 377,90 377,10 377,90 Italien 532,- 533,- 534, 535,- London 327,65 328,35 327,90 328,60 New-York 95,15 95,35 94,90 95,10 Paris 713,60 715,- 709,30 710,70 Schweiz 1508,50 1511,50 1508,50 1511.50 Spanien . . -,- -,- 1603,501606,75

Wien (altes) .... 38,46 38,54 38,46 38,54

Deutsch-Oesterr. abg. 34,71 34,79 34,96 35,05 Prag 100,40 100,60 100,40 100,60 Budapest 34,21 34,29 33,96 34,04

Bulgarien,

Marknotierungen.

Datum:

Zürich

Amsterdam

Kopenhagen .........

Stockholm

Wien

Prag

20.2. 21.2.

7,- 6,50

2,90 2,87

7,25 7,35

5,65 5,65

293,-

Spictplan der Frankfurter Theater.

Opernhaus. Montag, 23. Febr.: Schih- razadc. Dienstag, 24.: Das Loch In der Land­straße. Mittwoch, 25.: Trittes Volkskonzert Don­nerstag, 26.: Der Schatzgräber. Freitag, 27.: Un­dine. Samstag, 28.: Figaros HoctMit. Sonntag, 29 : Lohengrin. sJJtontag, 1. März: Tanzabend von Niddy Impekoven. Dienstag, 2.: Der Eoin- gelimann. Mittwoch, 3.: Aida. Scha uspiel- hau s. Montag, 23. Febr.: Die große Katharina. Hierauf: Eine ?tzbrechnung. Dienstag, 24.: Ros- mersholm. Mittwoch, 25., nochm. 2y2 Uhr: Wil­helm Tell. Abds. 7 Uhr: Fräulein Julie. Vorher: Samum. Donnerstag, 26.: König Richard 111, Freitag, 27.: Die Marquise von Arcis. s>amstag, 28.: g^atban der Weise. Sonntag, 29., nachm. 3 Uhr: Wikhelm Teil. AbdS. 7 Uhr: König Nicolo Montag, 1. März: Rausch Dienstag, 2.: Nathan ber Weise. Dttttwoch, 3., nachm. 2y2 Uhr: Wilhelm Tell. Aödis. 7 Uhr: Der LäbgoE.

(In einem Teil ber Auflage wied.rholt.) Verhaftung angeblicher Kriegsverbrecher in der Pfalz?

Berlin, 21. Febr. (WB Zu ber .AeldunH ^rPfalz-Zentrale" aus .'.'Mannheim über die Verhaftung und A b t r a n s p 0 r t i e r u n g angeblicher deutscher Kncg-overbr:ck:er nnrd fort zuständiger Stelle bemerlt. daß von dief:nr Vorgehen brr Franzosen an amtlicher Stell' noch nichts bekannt ist, aber alle Scbntte unternommen wcrben, um eine Mlarftellung des Borg chms her* beizuführen Ausdi-ücklich sei noch behxnt, daß sich bte in der Melduiig genannten Person m nicht auf ber AuSliescrungslistc besinden

Tic Gehkimvcrhaudlnngen der Entente.

.Rotterbam, 20. Febr. (WTB.) Laut Nieiiwe Rottertamschen Gburanl" bat eine in London abgebal.enc Konferenz von Vrwrvctern ber Londoner und der Proviuzvresse einen Beschluß angenommen, in dem auf bie drin­gende Notwendigkeit größerer Ocf- f e n 11 i d) f e i t bei der Tätigtett ber Friedens- konstrenz hingewiesen wird.

England als Glänbiger.

Carmarvon, 21. Febr (Funkspr (WB.) Ter Schatzkanzler sagte im Unterbaute in öeant* mortung einer Anfrage, die Allienen 1 dnifb'.bnr 'England für Vorschüsse z n Kriegs­zwecken 1700 Millionen Pfunb Sterling. In dieser Zahl seien Bors chw.se für WiebwauibauzwsLe an alliierte Staaten im Bettage von 21500 000 Pfnnd Sterling nicht eingeschlossen.

Der Prozeß Caittauz-

Paris, 20. Febr. (WTB.) Ter Gerichtshof ttat heute zu einer öffentlichen Sitzung zu­sammen. B 0 u r g 0 i s schritt zum Verhör Caillaux über seinen Ausenthalt in Brasilien im Te,ember 1914. Caillaux erklärte, daß er die Bekanntschaft eines Grasen Minetto machte, der durch den Bot­schafter der Vereinigten Staaten an ihn gewiesen worden war. Er fügte bei, daß es ihm nicht brkamll ivar, ob Minetto Beziehungen zu Teutschaiid hatte. Er habe immer im Interesse sein.'s Land'* gehan­delt intb in Brasilien habe ihn jeder für emm glühenden Patrioten gehalten. Ein Okridtt»- schreiber verlas sodann bie Telegramm Vui- burgs bezüglich der Rückkeln Caillaux, die be­weisen, daß Luxburg von Mtnetto Über Caillour auf dem Laufenden gehalten 'wurde. Caillaux er­widerte, daß, Deutschland eine Million Mark in Südamerika ausgegeben habe, um seine anttdattsche Propaganda zu bekämpfen. Caillmix gab zu, sich in Luxburg getäuscht zu haben und benchtete j»1 bann, wie er Liebs cher kennen g.'lemt habe^ der beftätigte, daß. er ein Agent Karolis nur, und er habe gelernt, weiter; Beztehimgen mit ihm zu unterhalten Er fügte jedoch hinzu, baß er später Liebscher empfangen habe, und daß ihm biestr Mtttcl in die Hand gegeben habe, stine Gottrn nM» seine Ehre zu verteidigen. Caillaux kam bann auf den Briefwechsel mit Liebscher zu sprachen unb warf der Anklage vor, die Briest an Frau Di> vergor mit Stillschweigen übergangen ,u hab«. An Hand dieser Briefe könne er nämlich b'wnfeu, daß die Versuche Liebschers goscheitett seien. Dte Verteidiger Caillaux verlangten, daß. biefe Briefe verlesen mürben. Der Präsident erllärre, die Briefe würden in der nächsten Sitzung zur Verlesung Lome men. Die Sitzung 'wurde hierauf ausgehoben.

Die ungarische Verfaffuug.

Budapest, 21. Febr. (Korr.-Bureau.) (Sät rn der Nationalversammlung .inge&nidx ter Gesetzentwurf bestimmt, daß bte g.'sotzliche Ge­walt von der Nationalversammlung ausaeübt und bis zur Besetzung des Postens eines 9i i chSderwesers bie Exekutivgewalt von der Nationaloersammlung unb dem verantwortlichen Ministerium ausgeübt wird. Zur Verteidigmig des Landes und der Auf­rechterhaltung der inneren Ordnung wirb ein? auf die ungarische Verfassung beefbigte national' Ar­mee errichtet. Die Nationalversammlung wähll in geheimer Äbstimmuaig bis zur enbgillhgen Re­gelung der Ausübung der Gewalt durch ein Staats­oberhaupt aus der Mitte der Staatsbürger tinm Verweser.

Die irische Bewegung.

Amsterdam, 21. Febr. (WB.) Der ,,Te- legraaf" meldet aus London: Gestern früh wurden in Dublin 11 Führer der ©inMeiner durch Soldaten und Polizisten verhaftet. In Westcerry griffen bewaffnete Banden das Polizeig'bäud.' an, wobei Handgranaten, Gewehre und Revolv'r gr- braucht wurden. Der Angriff ttnnt>e abgeschlagen. Der Berkaus der deutschen Schiffe in Amerika.

Washington, 21. Febr. (WB.) Die Haw- delskommissron des Senats sagt in ihrem Be­richt über den Verkauf der deutschen Schiffe, daß sie sich zu Gunsten einer Brll er- Räre, die den Verkauf der ehemalig.'n deutschen Paketboote verbiete. Llusgenommen würden die sein, die durch den Kongreß bestimmt würden.

Geegespenstec.

Roman von Anny Wothe.

Amerikanisch«« Copyright 1918 by Anny Wothe-Mahn, Leipzig.

(Nachdruck verboten.) Fortsetzung 47.

Als» Estrid sich endlich niederlegte, starrte sie nit ivehcn Llugen ins Dunkel. Beide Hände über 1er Brust gefaltet, sann sie dorn Tage nach.

Und ihr war, als ginge em Rauschen durch Sic Luft, als spüre sie den FlügolscAag einer an- Seren Seele, unb blendender Glanz fiel in ihr luge.

In dem weißen Licht erstand eine hohe, ha- tere Gestalt mit glattgesttichenem Haar, im weißen Sterbelleire, einen unbeschreiblichen Glanz auf den ixllen Zügen. Unb eine Sttmm^, bie sie dereinst geliebt, sprach zu ihr:

Ich bringe dir deinen Ring, Schön-Estrid. Im tiefen Meer bei deinem Kranz, da soll er ruhen, denn ich gehe narrt ein in lichte Herrlichkeiten. Du aber sollst leben und gesegnet sein."

In Glanz und Dust zerfloß die Gestalt und im Crwacken des Morgens dämmerte die Stube.

Estrid aber flüsterte, erschauernd die gefal­zten Hände auf ihrer Brust:

Nun ist Jngewart Ferks tot und ich muß Ltben."

Als die Nachricht von Keitum kani, daß Dnge- oart heim gegangen, sagte sie zu khrem Mann, ohne <7n anzuselien:

^d; habe es in dieser Nacht gefühlt. Er km, Bra Aoicksted zu nehmen und mir zu vergeben."

Wer Banken schauerte zusammen. Er ge­

dacht eher Stunde hoch oben auf dem Kampener Leuchtturm, wo es auch zu ihm wie ein Gruß aus der Geisterwelt berübcrgetoaUt war.

Gab es Dinge zwischen Himmel und Erde, die niemand ergründen, die sich nur mit dem feinen Fühlen der Seele empfinden ließn?

Am nächsten Tage äußerte er zu seiner Frau:

Ich will Jngewaxt FerV das letzte Geleit ge­ben, id> hoffe, du wirst mttcsthen."

Estrid wollte erwidern, doch Peter schnitt ihr kurz das Wort ab.

Ich will nicht fragen, warum du hem Sarge nicht folgen magst, aber hörst du ich will, daß es geschieht.

Auch ohne deinen Befehl, den du dir fchen- ken konntest, werde ich Jngewart auf dem letzten Wege begleiten," entgegnete Estrid mit finster ge­falteten Brauen, und heimlich dachte sie:

Nicht meinet» und seinetwegen, nur deinet­wegen, Jngewart Ferks, dem ich soviel schulde, wäll ich mit Peter Bonken an deinem Grabet stehen das Schwerste wohl, das ich jetzt tun nruh."

Unb dann ging sie im Hause ihrer Mutter von der Tenne aus, nx> ber Sarg aufgebtthrt war, am Arm ihres Mannes hinter dem Sarge her und die Schulkinder fangen:

Wenn ich einmal soll scheiden,

So scheide nicht von mir,

Wenn ich den Tod soll leiden. So tritt du dann berfftr."

Gstrü) dachte daran, wie still und ernst Jnge- wart im Sarge gelegen einen bnligen Frieden im Gesicht, gerade, wie sie ihn m der Sterbe­nacht gesehen.

Sölve hatte ihm Heideblüten auf das letzt' Zager gestreut und taufrische Rosen, die wenigen, die die Insel hergab. Und die Mutter hatt:, Estrid imb Peter Bonken die Hand reichend, g> sagt:

Sa hat unser Herrgott noch alles wohl- gefügt"

Sie stand aufrecht an dem Grabe, berat Peter Bonkens kräftiger Arm stützte sie und die Augen der Neugierigen, die zuerst mit Mißtraum imb heimlicher Schadenfreude auf "bem Ehepaar geruht, fanden sich arg enttäuscht.

Das war ja alles Ihrfian, was die Leute ge- llatscht, daß Peter Bonkens Frau die heimliche Liebste von Jngewart Ferks gernejm sei unb er durchaus die blonde Sölve hätte betraten sollen, die er gar nicht gemocht und gewollt.

Peter Banken sah nicht aus, als ob er das duldete, und Schön-Estrid alle meinten, daß die junge Fvau noch schöner geworden stand stolz und sicher an ihres Mannes Seite mit einer solch stillen verhaltenen Trauer in den Augen, daß jeder Lästermund verstummte.

Und der Pastor sprach mit weithin tragender Stimme über bas stille Grab hinweg,daß sich einer endlich bcimgefirnben, der draußen im Sturm des Lebens redlich gekämpft, dessen ruhelose Seele nun Anker geworfen im Hasen bet Ruhe, den er im Leben vergeblich gesucht. Er verglich der Men­schen Erdenwallen mit der Fahrt auf hoher See und sagte, wie wenige den Gefahren und Stttt- men gewachsen feien. Auch er, Jngewart Ferks, fei zu weich gewesen, doch treu in der Liebe, stark im Glauben und klar im Handeln, bis Leid

und Krankheft seinen Sinn verwirrt und seine Zeit gekommen für die große Reise in das Land, aus bem noch keiner wieder gekehrt."

Ta ftröntten Estrids Tranen. Sie, die Un­nahbare, Harte, weinte imb ihre Tränen fielen pi die Gruft des Toten wie leuchtende Perlen.

Die hellen Kinderstimmen aber sangen: Wie sie so sanft ruhen."

Tann war auch das vorüber und Estrid weilte unter der Schar ber Leidtragenden in iljrer Mutter Haus, trank mit ihnen Kaffee und Kuchen, wie es Brauch auf 'der Insel. 'Als Sölve zu ihr trat und leise auffchkuchzend die Arme um ber Schwester Hals legte, dachte Estrid daran, oaß es wohl das letzte Mal sei, wo sie mit ihrem Manne zusammen heimwärts fuhr.

Bald kam die Zeit, wo sein Blick und seine Hand sie nicht mehr zr^ingen konnten bald würde sie ganz frei fein.

Und als sie "'ft Peter heimwärts fuhr über die im Dmnmerlicyt ruhende Heide, ivar es chr, als ginge ein Jubeln und Jauchzen aus von den lleinen Glöckchen, die seht ihrer rosenroten Pracht entgegenreiften.

Sie hatte das Gefühl, als müsse sie all bie lleinen Heideblüten an ihr Herz nehmen, als Hvff- ramgspsänder für Sonnentage, die für immer ver­sunken imb nie nneber tarnen.

Peter senkte die florumwundene Peitsche. Er glaubte plötzlich den Flügelschlag einer neuen bes­seren Zeit zu spüren, so Seite an Seite mit seinem Weib inmitten ber sommerdifftenden Heide.

(Fortsetzung folgt.',