Ausgabe 
20.4.1920
 
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Der vorbereitende Reichswirtschaftsrat.

Berlin. 19. April. (Wolff.) Der Volks- wirtschaftsausschuß der National­versammlung schloß sich den heute beendeten Beratungen Wer den vorbereitenden Reichswirtschaftsrat den Beschlüssen des Unterausschusses an, wonach der vorbereitende Reichswirtschaftsrat aus 326 Mitgliedern in folgender Zusammensetzung besteht': 68 Ver­treter der Land- und Forstwirtschaft, 6 Vertreter der Gärtnerei und Fischerei, 68 Vertreter dec In­dustrie, 44 Vertreter des Handels, der Banken und des Versicherungswesens, 34 Vertreter des Ver­kehrs und 'der öffentlichen Unternehmungen, 36 Vertreter des Handwerks, 30 Vertreter der Ver- brancherschast, 16 Vertreter der Beamtenschaft und der Freien Berufe, 12 mit dem Wirtschaftsleben der. einzelnen Lcrndesteile besonders vertrauten Persönlichkeiten, die vom Neichsrat zu ernennen sind und 12 von der Reichsregiernng nach freiem Ermessen zu ernennende Persönlichkeiten, die durch besondere Leistungen die Wirtschaft des deutschen Volkes besonders gefördert haben, oder zu fördern besonders geeignet sind.

** B erufung. Der Ordinarius für Altes Testament an der Gießener Universität Prof. Dr. thcul. et pW. Hermann Gunkel bat euren Ruf nach Halle als Nachfolger des Geh. .fbonsi- storialrats Prof. Eornill erhalten. Prof. Gunkel, geb. 1862 in Springe bei Hannover, studi-wte Theo­logie und Philologie in Göttingen, Gießen und Leipzig und promovierte Michaelis 1888 in Göt­tingen zum Lic. theol. mit der ArbeitTie Wir­kungen des heiligen Geistes nach der populären Vorstellung des neutestamentlichen Zeitalters und nach der Lehre des 'Apostels Paulus". Ebenda iftifoi» litierte sich Gunkel gleich darauf als Privatdozent, siedelte später nach .Halle über, t.im 1895 als Extra­ordinarius nach Berlin und 1907 als ord. Pro­fessor nad; Gießen als Nachfolger Bernhard Stades. Ter ltervorragcndc Theologe, der eine umfangreichst fachliterarische Tätigkeit entfaltet, ist Herausgeber der Forsäungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments. Von seinen Werken nennen »vir:Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit" 1894:Ter Prophet ESra" 1900; Tie Genesis" 1901;Die Sagen der Genesis" 1901;Zum religionsgeschichtlichen Verständnis des Neuen Testaments" 1903;Tic israelitische Literatur" 1908;Tie Religronsgeschichte und die alttestamentliche Wissenschaft" 1910;Tie Urge­schichte und die Patriarchen" 1911.

** Die Ausstellung von Pässen er­folgt für diejenigen Personen, welche in den Land­gemeinden des Kreises Gießen wohnen, int Re- gierungsg-ebäude Gießen, Zimmer 9, werktags vormittags in der Zeit zwischen 9 bis

Aus Stadt und Larsd.

Gießen, den 20. April 1920.

Ausführung des UmfatzstencrgcfetzcS vom 24. Dezember 1919.

Nach dem Umsatzsteuergesetz vom 24. Dez. 1919 (RGBl. Nr. 250 von 1919) unterliegen alle gewerblichen Unternehmungen der Sbnmeldepsiicht bei dem zuständigen Finanzamt (§ 30 a. a. O.),. Umsatzsteueramt, sowie der dauernden Aufsicht dieses Amts bei dem sie fristmäßig eine Erklärung über die vereinnahmten Entgelte zur Entrichtung der Untsatzsteuer einzureichen haben (§ 35 a. a. O.). Soweit es sich um den Vertrieb gewisser, einer erhöhten Steuer unterliegender Gegenstände > Lu­xuswaren) handelt, erstreckt sich die Steuerpflicht auch auf Lieferungen von Privatpersonen (§ 23 Absatz J. Nr. 3 a. a. £).). lieber die vereinnahmten Kaufpreise sind in diesem Falle Empfangsbckennt- nisse auszustellen und auf diesen die entsallendcni Steuerbeträge in Stempelmarlen zu entwerten (§ 39 a. a. O.). In Betracht kommen hierbei Ver­käufe von Brillanten und sonstigen echten Schmuck- sachen, Kunstgegenstände, Antiguitäten und Gegen­stände zu Sammelzwecken, vergoldeten, versilber­ten und Platiniertcn Gegenständen, .Halbedelsteinen, Gegenständen aus oder in Verbindung mit Bern­stein, Kvratlen, Elfenbein, Meerschaum, Perlmutter lunb Schildpatt, ferner Klavieren, Harmonien usw. mit selbsttätigen Spielapparaten, Fahrzeugen, die mit motorischw Kraft betrieben werden oder Vcr- gnügungszwcckeu dienen, Pelzwerk, Teppichen.

Personen, die derartige Sachen umsetzen, müssen somit entweder beim Umsatzsteueramt ihren Gewerbebetrieb angemeldet haben oder, wenn es sich um nicht gewerbsmäßige Einzelverkäufc han­delt, verstempelte Empfanasbekcnntnisse erteilen! (st 30 und 39 a. a. O.). Die Unterlassuna ist in beiden Fällen mit einer Steuerstrafe nach Maß­gabe des st 43 des Gesetzes bebrüt.

Gemäß § 191 der ReichsabgLbeordnung haben die Behörden des Reichs, der Länder und der Ge­meinden den Steuerstellen jede zur Ermittelung der Steuer und zur Durchführung der Prüfung und Aufsicht dienliche Hilfe zu leisten.

Die Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises lverden angewiesen, von ihnen Lcfcntni werdenden Verkäufen von Luxusgegenständen, ins­besondere Brillanten, echten Schmucksack^en, Pel­zen, Teppichen, Autos und Klavieren die Namen von Käufern und Verkäufern, Gegenstand und Kaufpreis dem zuständigen Finanzamte mitzu­teilen, und zwar auch dann, wenn es sich um Ein­zelverkäufe von Privatpersonen handelt. Ebenso sind gelegentliche Feststellungen üver hinterzogene Umsatzsteuern anläßlich schwelender Ermittelungs- Verfahren, insbesondere solcher, die eine Nach­prüfung des gezogenen Gewinnes detrefsen, den Steuerbehörden bekanntzugeben.

Veranstaltungen.

Dienstag, 20. April, Hotel Köhler, 8 Uhr, Versammlmig der Ortsgruppe Gießen der Auslanddeutschen. Einhorn, 7y2 Uhr, Bel- lachim-Vorstellung. Lichtspielhaus, Bahnhof­straße,Menschen in Ketten" undDie .Herrin der Welt", 3. Teil. Lichtspiele, Seltersweg,Ge­schwister Morelli" undDer Tod des Indianer­häuptlings Recca Reed.

Arrs Dessert.

Vorlagen und Anträge in der Kammer.

rat. Darmstadt, 19. April. Der hessischen Volkskammer ist eine Regierungsvorlage Augogangen, nach der durch einen Gesetzentwurf das Mrückengeld und die Ueberfahrtgebühren bei Worms, Kostheim, Gernsheim und Oppenheim er­höht werden. Eine weitere Regierungsvorlage be­trifft einen Gesetzentwurf betr. die Verlängerung der GüUigkeit des Reichsviehseuchenge- setzes und des Gesetzes über die Entschädigung-, für an Maul- dr. Klauenseuche usw. gefallene Tiere.

Die Abg. Reiber und Fclbmamr haben einen Arrtrag eingeveicht, in welckxem die Regierung er­sucht wird, die sofortige Aufhebung der Ausnahme­bestimmung vom September 1871 betr. die Ab­gabe von Brennholz aus Domanialwaldungen, spe­ziell aus den früheren Forsten Burg-Gemünden, iRomrod, Schotten und Nidda verlangt nrirb, da aus diesen Forsten an die Einwohner zahlreicher Orte auf Grund dieser Bestimmung feit langer 'Zeit gegen Bezahlung besondererLeSholzpreise" Holz abgegeben wird, ohne daß ihnen ein Recht auf den Hvlzbezug zusteht.

Die Abg. Reiber u. Gen. beantragen ferner für alle Beamten im besetzten Gebiet nach dem föorgang anderer Länder eine sog. Westmar - ken zulage.

Ein dringlicher Autrrns des Abg. Häuser fordert Erklärung des 1. Mai als gesetzlichen Feiertag.

Es liegen weiter vor; die dringl. Anfrage der Abg. Di ngeldet) u. Gon. betr. bte hohen Pa ßgebühren, del Abg Bornemän n betr. die Abänderung des Jagdgesetzes, des Fischereige- setzes und der Feststellung der Gemartuugsffren- zen, sowie verschiedene gedruckte Regierungsant- worten. ---

Deutsche Nationalversainmknng.

Berlin, 19. April.

Präsident Fehrenbach eröffnet bst Sitzung nm 3 Uhr 20 Minuten. Auf der Tagesordnung ßeht die dritte Beratung des Gesetzentwurfes betr. die Grundschule und die Aufhebung der Vorschule.

Abg. Tr. Mumm (D. Ntl.) befürwortet eine Anzahl Anträge seiner Partei, die u. a. den Re­ligionsunterricht als ordentlichen Lcbrgegenst.rnd festlegen wollen. Ties entspreche den Forderungen der Verfassung. Ferner wollen sie btc Rechte bei; Vorschulsehrer wahren. El d'ich soll der Privat^ imterridjt möglichst unbeschränkt zur^lassen und Gründe des Gewissens dabei cmerkrMnt werden.

Die Abg. Bruckhofs (Dem.) u£b Z ö phcl iTem.) bitten, die Anträge abzule'hnea, da die Ver­fassung alles Nötige bestimmt.

Neichsminister Koch: Der erste Antrag der Rechten betreffend den Religionsunterricht ist durch bic Bestimmungen der Verfassung erledigt. Das Ministerium hat sich unparteiisch und eifrig be­müht, durch Verhandlungen mit den Ländern über^ all dem (Leiste der Berfassmig zu seinem Rechte zu veralten. Tie Rechne der Vvrschullrhrer find nicht gefährdet. Ter dritte Antrag ist überfTüliig.

2(bg. Dr. Run kel (Dt. Bp.) spricht für bic Anträge.

Die Anträge der Teutsch-Nationalen lverden abgelehnt und das Gesetz in der Fassung der zweiten Lesung angenommen.

Es folgt die erste Beratung des Geletzentwurfes über die Versorgung von Militärfersonen und ihrer Hinterbli'-benen lReichsversorgungSge''etzf. Das Geetz wird dem 7. Ausschuß überwiesen.

Dienstag 1 ll'frr Fortsetzung. Anfragen, Inter­pellation EuPen-Malm, dh, Jnterpellatron betr. den Durchgangsverkehr nach Ostpreußen und mrdercs.

Schluß. 4-/3 Uhr.

12 Uhr. Tie Antragsteller müssen persönlich er­scheinen zum Vollzug der in den Pässen erforder­lichen Unterschriften. Mitzubringen ist der, von der Bürgermeisterei des Wohnorts, auf vorgesäzriüxe- ncm Formular ordnungsgemäß <ni£-gefcrfgie Paß­bericht imd ein nicht aufgezogenes Lichtbild (Brust­bild in Visitsormat, Auftiahme ohne Hut).

** Die Erhöhung der Versicherungs­grenze, die nach neuesten Meldungen durch Be­schluß pes Reick>srats und des Ausschusses der Na­tionalversammlung auf 20 000 Mark festge|ctzt ist und am 26. April bereits in Kraft tritt, hat zur Folge, daß die Arbeitgeber alle Angestellten mit einem Einkommen bis zu 20 000 Mark bei der für den Geschäftsbetrieb zuständigen Pflichtkrankenkasse anmelden müssen. Angestellte, die einer Ersatzkasse angehören oder beitreten, können jedoch nach §§517 bis 520 der Reichsversicherungsordnung von der Pflichtkrankenkasse befreit werden. Nähere Auskunft erteilt gern die hiesige Geschäftsstelle der ^cmken- kasse des Kaufmännischen Vereins von 1858 bei Herrn Walter König, Wiesenstr. 4.

** Tie Arbeitsgemeinschaft der Angestellten Gießen schreibt uns: Aus Einladung derWirtschaftlichen Bereinigung kauf­männischer und technischer Privatangestellten und Beamten für Stadt und Kreis Wetzlar"' fand am Samstag su Wetzlar eine Zusammenkunft der Vorstände der Angestelltenvereinigungeii aus dem Industriegebiet des Lahn- und Tillbezirks sowie Oberhessen statt. Vertreten waren die Angestell- tenveremigungen des Unterlahnkreises, der Kreise Limburg, Oberlahn, Dillenburg, Oberiiessen und Wetzlar mit zunächst etwa 5000 Mitgliedern. Der Vorsitzende Stadtverordneter K. Leonhard- Wetzlar, eröffnete die Versammlung intb führte nach der Begrüßung aus, daß die bei den Tarifvcrl-and- lungen sich immer stärker fühlbar machende straffe Organisation der Arbeitgeber einen Zusammen­schluß der Augestellten im ganzen Industriegebiet notwendig mache. Die anwesenden Vertreter der auswärtigen Vereinigungen schllderten die Ver­hältnisse in ihren Gebieten und betonten, daß dem Widerstand der Arbeitgeber beim Abschluß von Tarifverträgen nur durch eine Einheitsfront der gesamten Angestelltenschaft des erwähnten Wirt­schaftsgebietes erfolgreich entgegengetrcten lverden könne. An verschiedenen Plätzen Hütten die Arbeit­geber eine geradezu unglaubliche Verständnislosig­keit für die überaus trostlose wirtschaftlick>e Lage der Angestellten gezeigt, obwohl sie durch rigorose Ausnutzung der Konjunktur zu ihren Gunsten ohne Rücksicht auf das Allgemeininteresse zwei­fellos in der Lage seien, ihren Angestellten die Existenzmöglichkeit zu gewährleisten. Nach einer eingehenden Aussprache wurde dasKartell der Arbritsgemeinsck-aften für Angestellte im Lahu- Tillgcbiet und Obertassen" (K. d. A.) gegründet imd zum geschäftssührenden Vorstand die Herren Stadtverordneter K. Leonhard als Vorsitzender, Kaufmann Albert Schmidt als Schriftführer, Kauf­mann Otto Ebel als Kassierer gewählt. Als Sitz des Kartells wurde Wetzlar bestimmt. Mit dem Hinweise darauf, daß dieser Zusammenschluß für die gesamte Angestelltenschaft des Kartell­bezirks von iDeittraneiiber Bedeutung sei, schloß der Vorsitzende die Versammlung.

** Sein 50jähriges Berufsjüvi- läum feiert heute Mascknnenmeistcr Alwin An­dreas. Andreas trat Ostern 1870 bei Breitkopf fit. Härtel in Leipzig in die Lehre, ging 1875 nach Karlsruhe (Braaussche Hofbuchdruckerei) und ist seit April 1876 in Gießen (Brühlsche Druckerei) tätig; invalid seit 1904.

** Zahlmar'kenumt'aüs.ch. Die Frist zum Umtausch der Za'lflmaüken der Straßenbahn ist bis zum 1. Mai verlängert worden; bis zu diesem Zeitpunkt können die Margen mit entern Aufgeld Mn 5 Pf. benutzt werden. 1

** Frcibank. Mittwoch den 21. April 1920 trerben von 13 Uhr nachmittags die Nrn. 2051 bis 2150 beliefert.

** Tic Baugenossenschaft 189 1 E. G. m. b. H. zu Gießen hielt am Samstag abend im Gckverbehaus unter dem Vorsitz des Justizrat Tr. Rosenberg bei sehr gutem Besuche ihre diesjährige ordentliche Hauptversammlung ab. Aus dem von dem Geschüfosführer Haas erstatteten Geschäftsbe­richt Ivar zu entnehmen, daß von der Genossen-' schäft, dank dem finanziellen EntgegenDmmen der Stadt Gießen, an der Siedlung £i(her Straße 28 Wohnungen erbaut werden tonnten, die noch im Laufe des Sommers bezogen werden dürften. Wenn die Stadt Gießen auch fernerhin Tarlehen zur Verfügung stelle, sei die Genossen­schaft in der Lage, den ganzen Bebauungsplan zur Ausführung zu bringen, um so der allgemeinen Wohnungsnot abzuhalfen uind der Stedlimg ein an­sehnliches Bild zu verleihen. Die Bewerbungen um Wo'hnungen sei sehr groß gewesen und es habe dem Vorstand und Aussichtsrat nicht leicht gefallen, unter Berücksichtigung der Verhältnisse, wie z. B.

Kopfzahl der Familie, Kriegsbeschädigung, ftrieg^. teilnehmer usw., die richtige Auswalch zu treffen. Reflektanten, die dicsesmal nicht Berück! icktigung finden konnten, mußten sich für die nächsten Bauteu gedulden. Tie geprüfte Jahcesrechnung für 1919 sowie Bilanz nebst Gewinn und Verlustbereckm'ung fand die Genehmigung der Versammlung, ebenso wurde die vorgelegie Statutenänderung int Prinzip gutgehnßen. In den Vorstand wurden für die freiwillig ausschridenden Mitglieder Haas, Ritsert senior, Stirdiner, die Herren Ritsert junior, Allen- dörser und Peiran einstimmig gewählt und in den Aufsichtsrat an Stelle des Herrn Paivan, Herr Haas. Tcr Vorsitzende spricht Herrn Haas für seine 26jährige Tätigkeit als BorstandsmilgliÄt den Tank aus. Nach erfolgter Aussprache über bic allgemeine Bautätigkeit wurde Ibic Versammlung geschlossen.

** Deutscher Offizier-Bund. Nach längerer Pause hielt die Ortsgruppe, des D. O.-B. am Samstag abend wieder einmal einen Mil- glieder-Abend ab, der verhältnismäßig gut bejucht war. Ter Vorsitzende, Generalmajor Mohr be­grüßte die Versammlung und machte wichtige ge­schäftliche Mitteilungen; unter Hinweis auf Er­reichtes und Erstrchtes zu Gunsten der Osf.'ziere, der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen und auf die mancherlei wirtschaftlichen Vergünstigungen, welche die Mitgliedschaft in einem so gro&sn Ver­bände mit sich Erringt, regte er zu weiterer Werbe­tätigkeit an. Tann hielt Prof. Dr. Schmoll den angekündigteu Vortrag überDie Ideen­welt des Bolschewismus", dessen Grund­gedanken etwa die folgenden waren: Die Ereig­nisse der letzten Zeit lassen es als ein Gebot dn Vorsicht erscheinen, die im russischen Bolsck-ewis- nius wirksamen Kräfte kennen zu lernen. Daß der Bolschewismus als die extremste sozialistische Strömung gerade in Rußland groß werden konnte, liegt an den dort 'herrschenden kulturellen und sozialen Berhi^tnissen, die eingehend geschildert wurden vor und nach den Revolutionen von 1905 und 1917. Mit Lenin und Trvtzky kamca bann die unter der Regierung Kerenskis ziemlich bedeutungslosen Bolschewisten ans Ruder, die sich durch Gewalt und Terror, durch ihrerote Garde" und die sog.außerordentliche Kommisjivn", ein furchtbares Revolutions-Tribunal, bis jetzt erhal­ten 'haben. Gefährlich ist der Bolsckfewismus durch >rine imperalistische Tendenz, stcht ihm doch bic Welt-Revolution, d. h. ferne Welthcrrschaff, als Ziel vor Augen. Wie jeder Imperialismus, so kleidet auch der bolsck-ewistische fein Ziel in all­gemeine schöne Redensarten vom Wohl der Mensch beit und voni Glück der Völker, aber feine Mittel sind Gewalt und Terror. Dow betDiktatur des Proletariats" wird ein paradrsicher Zustand auf Erden erwartet. Zunächst gilt es aber, jede Er­innerung an das Reich des Kapitalismus durch Zerstönmg und Zertrümmerung des Bcs.ehenden auszutauschen. Mit dem Wiederaufbau mag eine spätere Generation sich befassen. Freilich muß der Bolschewismus auf der Mideren Seite doch auch wieder Zugeständnisse an die Wirklichkeit machen, um das völlig niedergebrochen-e tvirtjcbaft- liche Leben wieder in Gang zu bringen. Zu dem ausgesprochenen Haß gegen die sog.Bourgeoisie", zu der auch die Anhänger der gemäUgten fozia- listischen Ewuppen zählen, die man mit allcai erdenk­lichen Mitteln zu vermickrten sucht, die unge­zählten Opfer kommen als Preis für die Aufrich­tung des b-olschewistischen Ideals nicht in Betpackt kommt die Kulturfeindsichkeit des Nolsche,o^- mus, für die zählreiche Beispiele gegeben uwrba. T<r Bol'ck>ewiSiwus kennt weder persönliche noch Pressefreiheit, der Wille einer Bolksmehrhrit nritb rücksichtslos vergewaltigt. Em Fortschritt für die Menschheit ist also von ihm nicht zu erwarten;

-daher muß er mit allen Kräften bekämpft werden, zumal in Deutschland, auf daS seine Agitation b> sonders gerichtet ist, da hier die Entsch.idimg über seine Ausbreitung nach Wissen fallen mach.

Landkreis Gießen.

O Grünberg, 18. April. Am Sonntag feierten Zigarrenfabrikant Heinrich Möser und Ehefrau in voller Rüstigkeit das Fest der gol­den en Hochzeit. Ter Jubilar ist ein Mit­begründer des hiesigen Turnvereins, dem er auch ununterbrochen als Vorstandsmitglied angebärtr. Der Vorstand überbrackste daher, die GlüÄvunsch des Vereins und überreichte eine Pl)otographic als Geschestk. Möser, der aus Wieseck! stammt, kam in hingen Jaihcen bierber und gründete ein Zi­garrengeschäft, das er gegenwärtig noch betreibt.

Kreis Friedberg.

Q. Bad-Nauheim, 17. April. In der ge- strigcn Stadtverordneten-Berfamm- [ u it g wurden folgende Besch'üs'e gefaßt: Du F-äl/rPreise ber Troschllen weiden gegenüber b/m früheren Tarif um das vierfache erhöht. M 5lrastdwschken genehmigt die Versammlung einen 500proz. Aufschlag. Gegen eine Jahresmik^

Sietzener Ltadttheater.

- Gießen, 19. April.

Der Arzt am Scheidewege. Komödie von Bernard Shaw.

'Kurz vor Ende der Spielzeit muß allein schon dis. Mühe, die man sich mit einer so schwierigen Einstudierung tote sie ein Shawsches Stück erfor­dert, dankbar anerkennen. Denn Shaw läßt sich nicht einfach auf bic Buhne stellen. Seine seiten­langen Regiebemerkungen sind keineswegs Spie­lerei, wie sie vielfach vom Naturalismus ausgeübt wurde. Er weiß, daß es bei ihm auf jede Geste, auf den Tonfall jedes Wortes ankommt. Der eigentliche Keni seiner Dramen ist genau besehen dürftig und rmbedeutend. Ein Gemeinplatz sagt hier treffend bas Richtige: Es kommt alles auf die Be­leuchtung an. Und die weiß Shaw in jedem Augen- «blick überrafobenb zu wechseln, so baß Licht und Schatten sich unablässig in bas Gegenteil verkehren. Gut und böse, Wahrheit und Lüge wechseln ftänbig «ihren Standpunkt. Alle Ideale, alle Gesetze, alle moralischen Anschauungen scheinen nur dazu da, daß Shaw wie ein Clown mit bunten Bällen sein Spiel damit treibt und seine paradoxen, sophisti­schen und sarkastischen Witze darüber reifet. Und doch ist er kein amoralischer Dichter, ebensowenig tote Frank Wedekind, der deutsche Clown des 'Dramas. Beide kommen von Ibsen her pud setzen dessen Kampf gegen bic Lebens- Lügc, bte brüchigen Ideale fort. Nicht als Moralprediger, sondern in einem lachenden' Kampfe, der nichts desto weniger verbissen ist, trenn er sich nach außen hin auch vor mancher -clopf- fechlerei nicht scheut. Ihr Kamps soll ^herau^sühren aus einer durch engherzige Anschauungen füi fMid; mengten Mickbefchränkung und uns mit offenen Sinnen sehen lassenSo ist das Leben". W- h- find bat es dabei mehr auf die sexuelle Moral ^gesehen. Shaw auf die gesellschaftliche f>Rvral,.

fidl ihm, dem Iren, heim Englänber in besonders angreifbarer Form z-rigt.

The Doctors Dilemma, das 1906 entstand, ist tvohl in der Hauptsache eine blankgeschlifsene Sa­tire gegen die Aerztezunft, insbesondere das Spe­zialistenwesen. Gleich ein halbes Dutzend ausge- iVrägter Typen vorn biedcieu Landarzt, bis zum eitlen Modearzt wird aufgeboten, ihr spezialisiertes Steckenpferd in ergötzlichen Rcdetournicren vorzn- reiten. Und Sl>aw weiß sie so gründlich jeglicher Autorität Au entkleiben, daß man beinahe versucht ist, auch dem nüchternen Wissenschaftler l)öch'stens einen negatioen Einfluß ans das Befinden seiner 'Patienten brizumessen. Genug, gerade il-i stelltSlxiwi vor den Scheideweg, den genügsamen, biederen, tüchtigen DutzendmenschLN, den Landarzt vor dem sicheren Tode der Schwindsucht zu retten, oder einen noch lxnkömmlichen Begriffen nwralisch verlump- teven Künstler als Kollege Crampton, bet auf völlig amoralischer Basisein König der Menschheit" und dazu noch ein genialer Künstler ist. Shaw fällt daS Urteil nicht, welcher von beiden es el)ec verdient, der Aienschheit erhalten zu bleiben. Er läßt seinen Arzt die Frau des Künstlers lieben unb ihn der Behandlung eines Kollegen übergeben, die zu seinem Tobe fuhren muß. Aber die leben- bejahende Kraft des Toten Lebt in seiner Frau weiter und der Ar.zt, der ihretwegen sich zu einer amoralischen Hmidlung Initrcifecn ließ, erreicht da­mit nichts iveiter, als die bittere Erkenntnis, daß dies beiseinen Jahren" und bei seiner inneren Schwungbosigkeit zwecklos war.

Die Wiedergabe des Stückes traf unter der Leitung von Adolf Teleky den richtigen Geist und daran 1 kam es vor allen Dingen an. Einige Stet len hätten ein befchwingteres Tempo vei> I lragen. Ten Arzt am Scheidewege gab Hans Eifolt als den nüchteren Wissenschaftler und den I fox>ii leicht eiii Ttrochk ken Junggcfellen in ausge- I zeichneiLi: Spielsicherheit. Die übrigen Llerzlc-

typen zu treffen war nicht leicht, da sie stark angli­kanisch ein gefärbt fein müssen. Ganz ausgezeichnet in Spiel und Maske, wenn auch mehr Pariser Salonarzt als brittscher Wesensart, war Karl Wolck als Sir Ralph Bloomfield Bennington. Auch die weiteren Typen waren fein abgewogen. Harry Noebe r t als menfckiLnfreundlicher Skep­tiker aus langer Praxis, Oskar Feige! als (mefferberciter Chirurg, Kuno Erich Weber als gefrbäftlidrcr Stveber und Wilh. Koch als küm­merlich lebendes Arbeitstier. Erstaunlich gut wußte Franz Brann seinem Maler Louis Dubedat den liebenswürdigen Zug eines genialisch lunbekümmer- ten Menschen zu geben, der sich mit einem sorg­losen Lächeln über jegliche Moral hinwegsetzt und auch den Tod wie ein buntes Spielzeug eutgegen-- nimmt. Ebenbürtig stand ihm Rose Rubner als Jennifer zur Seite, als lebensbejahende lebens­gläubige Frau, die hie Amoralität ihres Gatten zu einer hÄteren Vioral umwertet. Von verschie­denen Nebenpersonen seien noch Margarethe Wer­nicke als Wirtschafterin und Heinz Bechstein els btc groteske Karrikatur eines Reporters er» nwhnt, bic Shaw bazu dienen muß, der ihm un- syvrpätischen Gefahr einerrührenden Sterbeszenc" zu begegnen.

Das ausverkaufte Haus vergaß die vorgerückte Stunde und kargte nicht mit wohlverdientem Bei­fall. zz.

Frankfurter Theater.

WebersEu r y a n t he" ist nun einmal, seit­dem das Werk vor nahezu 100 Jahren in Wien zuerst aufgeführt wurde, nicht viel Theaterglück bc- schieden. Das liegt, wie bekannt, an dem unglück­seligen Libretto der Helmine v. Ch^y, das durch seine Verworrenheit dem naiven Zuhörer Rätsel üb.n Rätsel aufoibt und jeder klaren, scharf ent­wickelten Handlung entb'bri. Ob Gustav Mahlers Bearbeitung, dir vielleicht die gröbsten Ungeschick- j

lichkeiten und Unwahrschrinlichkeiten zru tilgen ver­mochte, die Operretten" wirb, bleibt abzuwartcn. Vornehme Buhnen worden es immer von Zeit Zeit als ihre Ehrenpflicht ansehen, dieEuryanthc aufzuführen, und auch das Frankfurter Opernhaus hat das Werk jetzt wieder in seinen Spielplan auß genommen. Webers Musik ist hier romantisch hel­denhaft, es herrschen unbedingt die heroischen und dämonischen Elemente, von starkem Schwung des Orchesters beseelt, vor: große Rezitative weilen schon deutlich auf Richard Wagner hin, dessen ,Lohengrin" ohne Lysiart und Eglantine ja un­denkbar ist. Unter Brechers temperamentvoller musikalischer Leitung fand das anspruchsvolle Werk eine int Ganzen vortreffliche Wiedergabe, die zu* letzt durch zahlreiche Hervorrufe der mitivirkenden Künstler, des Dirigenten und Spielleiters (Hof- m a it n) anerkannt wurde.

Sudermanns KümödieDas höhere Lebe n", die im Neuen Theater Mn erstenMale gespielt wurde, bat die Vorzüge und Nachteile, die dem Gesamtschafsen des erfolgreichen Thealerautor. mit Recht nachgesa^ werden. Ein flüssiger, geilt* reicher Dialog dem die Damen und Herren der Westend bühne unter Reimanns Reche zu sprühender Wirkung verhalfen tmischt dock mckt über die innere Leere und Seelenlosigreit des Stück­chens hinweg. Es ist, so mag man vergleichsweise sagen, Sudermanns1 9 1 3". Aber das Deutsch­land vor dem Kriege wird bei ihm ebenso einseitig' geschildert, wie in Stern hei ms satirischer Komödie: Die Kreise, denen sich das gesamte Leben aus melji ober minder graziösen Ehebrnchsszenen, aus Be* suchen bei ber Modistin, aus Tratsch und Klatsck, aus Kokettentum und dem dolce far niente W sammensetzte, sind immer nur ein Teil gewesen, gottlob! Wenn man das Theater verläßt, bann entgleitet einem diese innerlich morsche Welt, von der dashöhere Leben" bandelt. Und das ist, wahr* baftig, kein gutes Zeichen für den Wert des Smcksl G. Sch.

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