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Nr. 67 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Freitag, p. März (920

vke Urteilsbegründung im hclfferich-prozetz.

Berlin, 12. März. (Wolff.) In der Ur­teilsbegründung im Prozeh Helffcrich wird u. a. ausgeführt: Ter Wahrheitsbeweis sei dem Angeklagten im wesentlichen gelungen. Das Gericht habe sich ein Bild von dem Charakter des Nebenklägers machen müssen und glaube, in den siebcnwöchigen Verhandlungen cm solckMs Bild ge­wonnen zu haben. Ter Nebenkläger sei ein Mann von zweifelloser Begabung, einem bewunderns­werten (Gedächtnis und großer Tatkraft und Rüh­rigkeit, aber von einem bedauerlichen Mangel an Urteilskraft und geradezu erstaunlicher Ungenauigkeit in allen Singen. Im Falle Thyssen liege eine unzulässige Vermisckzung poli- ttscher Tätigkeit und eigener Geldinterefsen vor. 3m Falle Berger hätte der Nebenkläger das Amt nnes Schicdsrictüers keinesfalls annehmen dürfen. Jem Verhalten in diesem Falle sei zum mindesten unanständig. Im Falle Anhydat habe sich Erzbergcr für eine Palentverwertung während des Krieges in Norwegen, also für ein recht bedenkliches Vorhaben, eingesetzt. 3m Falle Hapag hätte er seinen Aktien- besitz abstvßen müssen, bevor er die Entschädigun- qcn der Gesellschaft in die Land nahm oder er» mdgliditc. Auf jeden Fall habe er amtliche Keimt- msse dazu benutzt, um seine Geldgeschäfte zu machen. Diese FÄle rechtfertigen die Beziehungen des Nebenklägers als politisch-parlamen- lariscker Geschäftemacher, denn sie seien licht Einzelvorgänge, sondern Erscheinungs-- vrinen seines Charakters. Im Falle Pöplau habe irr Nebenkläger seine früheren eidlichen Anssagen Wer Lügen gestraft. Im Falle .politische Lügen" feien mehrfache Unwahrheiten bargetan. Daß cs sich Tri diesen Unwahrheiten nicht um vereinzelte Fälle bandle, sondern um einen Ausfluh der inne« 7en Unwahrhaftigkeit, werde durch das Anhalten des Nebenklägers bestätigt. Die dritte Kruppe der BeleidigungenUnanständigkeit^' falle Zusammen mit diesen verschiedenen Tatbeständen. 3n einigen wenigen Punkten sei her Wahrheilsbe- weis nicht erbracht. Auch soweit er erbracht bleibe der Angeklagte strafbar, denn die Umstände ergaben, daß er die Msicht hatte, den Netzen klüger zu belei­digen. Straffreiheit wegen Wahrung berechtigter Interessen sei dem Angeklagten nicht ziHubilligen. Fine strafbare Beleidigung enthielt folgende Aeuherung: Der Krebsschaden Erzbevger, der Mann mit der eisernen Stirn, ich spreche ihm öffentlich meine Verachtung aus, Erzberger ist zu feige, er drückt zur Schande Deutschlands den Mi° uffterftuhl. Ehren notwehr konnte das Gericht in keinem Falle annehmen. Der Angeklagte fet An­greifer gewesen. Bei der Strafzumessung sei not- mcntlich zu beachten, daß der Angeklagte aus vater­ländischen Beweggründen gehandelt habe, möge ihm auch der Haß die Feder diktiert haben.

Aus Stabt rrnd Land.

Gießen, den 19. März 1920. .

Lieferung-prämie für Milch.

Das Landesernährungsamt gibt bekanntj daß denjenigen Kuhhaltern, welche ihren Milchablieferungsverpflichtungen regelmäßig txn gesetzlichen Bestimmungen entsprechend irachikommen, eine Lieferungsprämie dis ^u 19 Pfennig für den Liter bewilligt wird, für bte Lieferung derjenigen Vollmilch, welche zur Deckung des Bedarfs in den Städten, Gemein­den und anderen Stellen benötigt wird, ist die Landesmilch- und Fettstelle ermächtigt, einen Zuschlag von zehn Pfennigen zu bewilligen.

** Beerdigung von P rofesso r Bousset. Am Samstag dem 13. März touribe Professor Bousset von einer zahlreichen Trauergemeinde feierlich zur letzten Ruhe be- ihttet. Am Sarge sprachen Professor Dr. Schi an als Geistlicher und Dekan der theo­logischen Fakultät, der Rektor der Landesuni- bersität Professor Dr. Kalbfleisch, oer Senior der theologischen Fakultät Professor Tr. Krüger, ffür die theologischen Fakul­täten von Marburg und Göttingen die Pco- fefforen Dr. Heitmüller und Titius, snr die Studentenschaft stud. hist. Grüne- rtald, für die Theologiestudierenden stud. fieol. Wißmann, ferner die Vertreter der '"identischen Verbindung Germania in Göt- t'ngen, und für die Deutsche demokratische Äartci Lehrer Fischer.

**PostsenoungennachOrtenin Hn Kreisen Eupen und Malmedy, 6te nach dem Friedensvertrag an Belgien ab- gitneten woroen sind, sind nach den Weltpvst- v-treinstaxen freizumachen. Unzureicheno frei- g'tmachtc Sendungen verursachen den Emp- jLngern erhebliche Unkosten. Bei Zweifel ü bet die Lage her Bestimmungsorte oder über bne Höhe der Gebühren wende man sich an He nächste Postanstalt.

AufsichtüberdieHunde. Innerhalb der bewohMen Teile der Stadl müssen auf össent- lich-n Straßen, Wegen und Plätzen bissige ober vom Polizeiamr als bissig bezeichnete Hunde mit einem das Beißen wirksam verhindernden Maul­korb versehen sein und an einer kurzen Kette ober Seine geführt werden. Ebenso müften Bern­hardiner Neufmt dl ander, Leonberger, Doggen (Deutsche Ulmer, Dänische und Bulldoggen), Bar­soys, Mastiffs, Zieh- und Metzgerhmidc, sowie alle aus Kreuzungen dieser Rasten hcrrwrgegange- nen Hunde an einer kirrzen Lerne ober Kette ge­führt tuetben. Alle Hunde sind an eine kurzen Leine oder Kette zu führen im Botanischen (Har­ten, in ben öft'entlicheir gärtnerischen Anlagen innerhalb ber Gemarkung Gießen unb auf ben Bahnsteigen der Bahnhöfe Die Besitzer eher Be­gleiter von Hunden büren Rasenplätze, Blumen beete, Gebüschanpflanzungen unb dergleichen in den öffentlichen Anlagen durch die Hnn^e nicht betreten lassen. Es ist verbalen, Hunde in ösfent lidje Dienstgebäude, in Wirtschaften ober Witts- gärten innerhalb ber bewohnten Teile ber Stadt, zu öffentlichen Feierlichkeiten, auf Märkte ober in Räume mitzubringen, wo Nahrung«- ober Ge­nuß mittel hergcstellt ober fe>laehalten werden. Die Besitzer ober Begleiter »wn Hunden haben zu «rhinbern, baß bie Ruhr burch anbauernbes Ge­bell ober Geheul ihrer Hunde gestört r;irb. Es ist verboten, zur Nachtzeit, d. i. in ber Zeit von 10 Uhr abends bis 6 Uhr morgens, Hunde ohne Aussicht aus öffentlichen Straßen, Wegen unb Plätzen frei umherlaufen zu lassen.

** Die 3<fgb auf Gold unb Silber. In letzter Zeit sind Hchidler und auch Privat­leute am Werke, durch die hohe Preislage unter­stützt, nicht nur Gold- uno Silber gegenstände, son­dern mit besonderer Vorliebe auch Zinn aufzu- taufen. Der scheinbar hohe Preis, ber für die Gegenstände geboten wird, sticht im ersten Augen­blick auch dem sonst Vorsichttgen verlockend in die Augen. 2Bemt man aber bebenEt, wie groß ber wirkliche Wert hauptsächlich auch ber Zinngegen- stänbe tatsächlich ist, muß man in dem Vorgehen der Aufkäufer eine um so größere Gefahr er­blicken, als die hier in Bettacht kommenden Stücke, bk oft schon durch mehrere Geschlechtsfolgen hin­durch im Besitze der Familie gewesen sind, neben dem Geldwert einen nicht zu unterschätzenden ide­ellen unb kulturellen Wert in sich bergen, ber wohl gefühlt und empfunden, nicht aber in Ziffern ausgedrückt werden kann. Tatsächlich ist dieser ideale Wert ja auch den Besitzern besonders noch aus dem (weniger von der alles mit sich reißenden rücksichtslosen Geldgier drttchttänkten) Land ost genug nicht bekannt. Das geht z. B. schon daraus hervor, daß die Gegenstände meist nur ungi*rn uno eben nut deshalb bergegeben werden, weil der vermeintlich hohe Geldbettag Gewinn zu ver­sprechen scheint. Nur wo wirklich Not ist, sollte ber Besitzer solche Gegenstände veräußern, bann aber möglichst an Bekannte, Verwandte ober Orts­eingesessene, weil bann die Möglichkeit besteht, sich das Rückkauf srecht vvrzubehalten ober bie Sachen überhaupt mir pfandweise herzugeben Auf keinen Fall sollte es jemand, ber im Besitze von Gegenständen unbestimmten Alters und Wettes ist, auch Möbeln, Spitzen usw imterlassen, sach­kundige unb uneigennützige Personen um Rat anzugelien. Die Gemeindebehörde wird in ber Regel in ber Lage sein, solche Perionen nam­haft zu machen. Dieser Leute Aufgabe aber ist es, auf bie Gefahr hinzuweisen und mit dazu beizutragen, daß das flache Land nicht von ge­wissenlosen Leuten ausgeplündett wird.

Kreis Friedberg.

Friedberg, 15. März. In ber letz­ten Stadtverordnetensitzung wurde das Ge­such der ledigen städtischen Angestellten um Bewilligung einer Teuerungszulage abge­lehnt; die vorübergehend angestellten Be­amten erhalten eine monatliche Zulage von 75 Mk. Dem städtischen Lebensmittelamt wird ein Kredit von 300 000 Mk. bewilligt. Das Gesuch der Metzger um Ueberlassung des Vertriebes des Auslandsfettes wird abge­lehnt. Der Mietvertrag zwischen Hochbau- amt und Stadt Friedberg über ben sogenann­ten Feldwebetbau wird genehmigt. Die Turngemeinde Friedberg hat ein Gesuch um Ueberlassung der stüdt. Seenriese als Fest­platz für ihr 75 jähr. Jubelfest eingereicht; eine Beschlußfassung darüber ist noch nicht erfolgt. Ein Gesuch des Stadtteils Feuer­bach um Anschaffung einer neuen Glocke wird nicht bewilligt. Der Stadt werden 5000 Raummeter Holz als rationierte Menge von der Oberförsterei Romrod zugewiesen; weitere 650 Rm. sind von der gräfl. Rentkammer in Assen heim angeboten taorben. Für den An­kauf von drei Baracken von Mic^lstadt wer­den 30 000 Mk. bewilligt. Die Kosten dafür werden mit Transport und Aufstellung zirka 45 000 Mk. betragen. Der Stadtverordnete Repp hat sein Mandat als Stadtverordneter niedergelegt; an seine Stelle tritt Herr Ferd. Hohmann.

Die Grskin.

Roman von G. W. App le ton.

i??adjbrucf verboten.) Fortsetzung 3.

Als sie bei dieser Wendung bemerkte, daß ich imnil(fürlid) bie Augenbrauen in die Höhe zog, h-rilte sie sich hinzuzusügen: Halten Sw mich rrdjt auch für geistesgestört, nxim ich das gesteh:! $4 Ihr Vater noch am Leben?

Nein, antwortete ich. Er ist im Ausland ge* fxtrrbcn, als ich noch em kleiner Junge war.

In Italien?

Jawohl, in Italien

Fiel im Duell?

Sprachlos starrte ich bte Dame an. Tann fand «ä Worte unb rurr aus:

Großer Gott! Was wollen Sie barmt lagen, gnäbvw Frau? Waren Sie mit meinem Vater wannt?

Fragen Sie mich lieber, entgegnete sie, ob i» seinen Sohn er ferme. Ich form mich aber nicht tLffchen, denn niemals habe ich zwei Menschm ge­troffen, bie sich so ähnlich sahen, wie Ihr Vater neb Sie. Jawohl, ich turnte bat Doktor Pertgorb scktt gut: ich bin sogar ohne meine Schuld bte ll-lache zu seinem Tobe geworben.

ES konnte' keinem Zweifel unterliegen, daß bhge Enthüllung der vollen Wahrheit entsprach. Äb selber war unfähig, etwas anderes zu trat, als

sie m stummem Staunen ansustorren und zu war­ten, ob sie ihrer Enthüllung noch etwas hinzu­fügen rmirte.

Es war eine traurige, eine schrecklich' Ge­schichte, fuhr sie fort, und ich bin wirklich froh, seinem Sohn zu begegnen unb in der Lag' zu sein, ihm vielleicht eine EntsÄÄxgung für ben Verlust eines tapferen und ritterlichen Vcttns leisten zu können. Sind Sie nicht in Nom geboren?

Tas stimmte freilich. In dem Murrapschen Reiseführer jener Zeit war mein Vater im Ver­zeichnis der englischen Ülerzte ausgefühtt, die da­mals in Rom praktizierten. Acht Jahre nach meiner Geburt ereignete sich der unglückselige Vor­fall, woraus sie angespielt hatte. Nach dieser Ku* tastrophe reiste meine Mutter mit mir nach Eng­land. Sie lebte zur Zeit von einer kleinen Pensum in Tunbridge Wells.

Ich zögerte emen Augenblick mit der Ant­wort, mehr aus Verdutztheit als aus irgendeinem anderen Grunde. S-odann antwortete ich:

Gewiß, gnädige Frau. Ich bin in Rom ge­boren.

In der Via Babuino, nicht wett von der Mazza bi Spagna?

Jawohl. Ganz richtig.

Tann vielleicht erinnern Sie ftch der Um­stände, unter denen Ihr Vater leinm Tod fand?

Ziemlich klar, erwiderte ich. Ich hxiB noch gut, wie er sterbend nach Hause gebracht rötabi.

Hcsskn-Nassau.

Schlafwagen als Hottkersatz.

= Frankfurt a. M., 12 .März. Aus An rtgung des Frankfurter Derfehrsvereins hat sich die Gii'tnbabnbirehion grundsätzlich bereit erklärt, Schlafwagen als Hotelersatz für F r a n k f u r t zur VersÜKtng zu stellen. Als geeig­neter Aufstellungsplatz ber 'Bagcn wird, da sich ber Hauptbalnchof wegen semcs Umbaus nicht emp­fiehlt, ein Gleis ber Hafcnbalm am Fahrtor in? Bettacht kommen.

dz. Dillenburg, 15. März. Nach Be­schluß des Kuratoriums der Wetzlarer Berg- vor- unb Steigerschule vom 31. Januar soll der seit 1914 ruhende Unterricht dieser An­stalt nicht wieder aufgenommen, sondern die Schule aufgelöst werden und Vermögen und Inventar in den Besitz der Dillenburger Berg schule übergehen.

Der Schlichtungsausschutz der Provinz Oberhesscn.

Sitzung vorn 3. März 1920.

In ber Antragsach? des Deutschen Mttall- atbeitrrVerbandes wurde auf die bestehenden Löhne ber Gehilfen der Spengler und Installateure in Gießen mit Wirkung vorn 1. März 1920 eine Teuerungszulage von 50 Prozent fest^ffetzt.

Den am Lager Gießen beschäftigten Emil Braun, Jakob Heller unb Emil Borst wurde eine Wittschastsbcihilfe in derselben Höhe, wie den in der Heeresgutfammelstelle beschäftigt gewesenen Ar­beitern zugebilligt.

Ein Arbeiter der von Ri^)eselschen Gutsver- walttmg in Sickendorf verlangte WiÄekeinstel- lung und Aushebung der Kündigung. Da er mit ber Kündigung einverstanden war, wurde sein An­trag abgelehnt, aber in dem Schiedsspruch aus­drücklich ausgesprochen, daß eine Kündigung als ungerechte Maßregelung erscheinen muß, wenn sie deshalb erfolgte, weil der Arbeiter einer Organi­sation angehört unb für dieselbe tätig ist, ober Mitarbeiter nicht mehr mit ihm zusammen arbeiten wollen.

In der Antragfache des Landarbeiterverbandes wurde eine größere Anzahl von Gemeinden, be­sonders des Kreises Büdingen, für verpflichtet er­klärt, ben Holzhauern die mit denselben verein­barten (höheren als staatlichen) Löhne zu bezahlen byw. D"n Beginn der Holzhauerei nachsubezahlen. Für die Gemeinden, die noch keine Betträge ab­geschlossen haben (Reichelscheim unb Gettenau) wur­den die Löhne des staatlichen Tarisverttags für bie Holzhauerei vom 5. De-embcr 1919 für maß­gebend erklärt.

Die fürstliche Oberförfterei in Bübingen (Fürst von Dsenburg-Büdingen) hatte mit ben Holz­hauern Tarifverträge abgeschlossen. Der Schlich­tungsausschuß war daher nicht in der Lage, den staatlichen Tarisvettrag für die Holzhauerei hier für anwendbar zu erklären, er sprach aber die Erwartung aus, daß die von der fürstlichen Ver­waltung in Aussicht gestellte Zulage zu den be­stehenden Akkordsätzen den Holzhauern gewährt ttrirb.

Sitzung vom 10. März 1920.

Die GewerkschaftGtücksftnrd" wird ver- pftichtet, dieselben Löhne zu wtytn, wie sie bei der benachbarten Grube Abendstern bezahlt werden, weil brr Bettiebsführer bie Löhne in dieser Höhe ben Bergleuten zugesagt hatte.

Der Arrttag eines Wiegemeisters ber Gewerk­schaftFriebrich" auf Wiebereinstellung wird ab­gelehnt, weil Antragsteller nur auf Probe an- gestellt war und die Kündigung form» und frist­gerecht erfolgte.

Sieben Firmen in Friedberg wurden auf An­trag des Deutschen Transportarbeiter Verbandes zur Zahlung der Löhne verpflichtet, die in dem Gieße­ner Taris festgefetzt sind und wurde den Firmen aufgegeben, bis 1. April in Verhandlung einzu- tteten zwecks HerbeisühruTtg eines förmlichen Tarif- vettrags nach Gießeirer Muster.

Die Stceitßrche gegen verschiedene Teptilfirmen in Schlitz, Alsfeld, Lauterbach, sowie gegen die Firma Haardt hier wegen Wiedereinstellung eines Angestellten fanden durch Vergleich ihre Erledi­gung; eine weitere Sache fiel aus.

kirchliche Nachrichten.

Israel. Religionsgemeinde. Gottes­dienst in der Synagoge (Süd-Anlage). Samstag, 20 März 1920. Vorabd. 6.15. Ntorg. 9. Abds 6.45 u. 7.25.

Israel. Religions - Gesellschaft. Sabbatfeier d. 20. März 1920. Freitag abb. 6.10. Samstag norm. 8.30. Nachm. 3.30. Sabbataus­gang 7.25. Wochengottesdienst: nurg. 6.45, abds. 6.00 Uhr.

Vermischtes.

* Wieviel Worte kennt Ihr Kind? Diese Frage hat eine EnglLnderin Emma M. Wise dadurch zu beantworten gesucht, daß sie bet ihren

Kindern in den verschiedenen Lchmsaltcrn ein genaues Vokabularium ber von ihnen gebrjuthten Worte aufnahm. Sie gelangte zu dem Eriebn.S, daß inan den Wortreichlum ber kindlichen Sprache biölyer stark tmterfchatzt ixtt^ Die gewöhnliche An­schauung ist die, daß ber Spraärchatz eines vier­jährigen Kindes nicht mehr als 90 bis 60 Worte umfasse. Schreibt man sich aber alle von dem Kmdc im Lause eines Monats gcbrmidncn Wott: au|, so ist man erstaunt über die verhältnismäßige Fülle der AuSdrucksmögtichleilen. Frau Wi e (teilte bei ihrem Vien äh eigen Mi b fest, baß es 12 7 1 Worte in feinem t^ebäMinis imlie. und dies? Worte deckten sich prattisch mit allen C'iegcnHänbn. mit denen daS Kind in Berührung kam. Das Vokabularium wies Worte auf, tun denen die Eltern nicht ivufcleii, das sie bas Minb ie gehört hätte. Si}ftematifd)e Unkrinduingeu btei vr Att führten zu interessanten Ergrbilijfeii. B't Minbmt imHter von 1620 Monaten Livres sich, daß ber geringste Sprachschatz im Gebrauch von 60 Worten bestand. Dasjenige unter ben .rin 'inhald- jäbrigen, bad über bie größten AusbttickSmöglich- Tciten verfügte, kannte 232 Watte. B dmkt r<an die kurze Zeit, in der diese Balu's bi1 Worte lernen, so ist das Resullat gewiß erjaunlidx W-ü- tere Berchachtungen mürben bei w i a.trtgm Kin­dern angestellt. Tie geringste Wortmmge, die hier festgestellt wurde, betrug 115 Wott' Nach dieser Zeit wächst dann der rtnblidjc Sprachschatz überraschend schnell, und mit vier Jahren verfügt es in seinem Gedächtnis mindestens über 1200 Worte. Jedoch wirb diese Zahl von begabten Kin­dern noch weit überschritten. Aus solchen Be­obachtungen ihres Kindes wird so manche Mutter feststellen können, baß ihr BabN twch um ein gut Teil klüger ist, als sie selbst in ihrem Mutter- stolz angenommen.

* Ein exotisches Menu. Tie Socidtb Nationale d'Acelimatation bc France, bie ftch bte Einbürgerung exotischer, aber für die Volkswirt­schaft wichttger Gerichte zur Aufgabe gestellt h-il, hielt vor dem Kriege viel befprochw Essen ab, bet benen einer ert'fimen Gesellschaft bte merk­würdigsten Dinge vorgesetzt wurden. Tief: Pro- baganba war in den letzten fünf Jahren nicht fortgesetzt worden. Nun aber hat die Gesullchoft die alte Ueberliefenmg wieder ausgenommen und dieser Tage in Paris ein Dmer geg-ben, bad zwar noch nicht ganz den holten fMnfjrbmingen irüderer Zeiten entsprach, aber doch schon eine FAl: selt­samer Gerichte aufwtes. Aus dem Meeiu ftanb rr u. a. Speisen wie westafrikanischer Kabeltau, pa- tagonischer Hase, gerösteter Stör, Pasteten aus Rindfleischabfall usw. Bei dem letzten Gerick>t waren aus Fleischabfällen, die sonst tottgeworfen werden, köstliche Pasteten herg?fL*nt. Vorzüglich schmeckte der pataswnische Hase, ein Ti:r, das rinc Att Kreuzung zwischen Meersckw.inck)en unb Ka­ninchen darstellt. Dieses sehr fruchtbare und l richt aufzuziehende Tier lvirt) besonders zur Kleintier­zucht empfohlen. So wurde viel llngrtvöimltd)e3 dem Gaumen geboten, wenn auch dieHmpt- gäatge", wie Klapperschlangenragout und Gürtel- tiertrmten auf dem Grill, dresmal fehlten.

* Dienasse" Welle in Amerika. Seitdem die Vereinigten Staatentrocken" gewor­den sind, indem dis. Erzeugung und ber öffentliche Genuß von Albihol verboten wurden, hat ber leidenschaftliche Kampf gegen diese so schwer ein­schneidende Maßnahme nicht ausgehött. Jetzt wird von einernassen^ Welle gemeldet, einer immer anwachsenden Bewegung gegen das Allbholverbot, die sich in allen Staaten sehr stark bemerkbar macht. Von überallher wird eine Abschwächung des Alfeholverbotgesetzes gesordett, und zwar verlangt man die Erlaubnis, leichte Weine imi> Biere zu erzeugen und zu verkaufen. In New Jersev ist der neue Gouverneur Edwards auf Grund eines nassen" Programms gewählt worden und setzt sich jetzt mit aller Macht dafür ein, daß eine Milderung des Gesetzes erfolgt. Natürlich spielen diese Dinge auch in die hohe Politik hinein. Ed­wards glaubt, daß die Milderung des Alkohol­verbots eine glänzende Wahlparole für die Demo­kraten bei der Präsidentenwahl sei, und bie Repu­blikaner fürchten, auf diese Weise ihre Anhänger in ben großen Stäbtcn zu verlieren. Arn meisten spricht aber gegen bas Gesetz bie Tatsache, daß es ftch überhaupt gar nicht durchführen läßt. Man hat berechnet, baß eine genaue Kontrolle, auch wenn das Gesetz gemildett wird, 200 Millionen Dollars erfordern wird, so viel Aufsichtsbeamte wären nöttg. Gegenwättig läßt sich überhaupt nicht feft* stellen, wieviel gegen das Alkoholverbot gesündigt wird, und es ist nur eine stete Quelle für Aerger- nisse, Unruhen, Denunziationen unb SNettig­keiten. Der Abgeordnete W. I. Jgoe, ber im amerikanischen Abaeordnetenhaus eine Rede für die Aufhebung des Gesetzes hielt, konnte mit Recht erklären:Das Gesetz wird überall übertreten. Wenn alle bestraft würden, die sich nicht an das Alkoholverbot halten, bann würde der größere Teil bet erwachsenen Bevölkerung der Bereinigten Staa­ten im Gefängnis setzen."

Kopfschmerz

gHopapofheken OHo». ärtMich H^OVän ! Ile bevorzugt

Er hatte einen Degenstich durch bie Lrimgt erhalten. Was mir indes am deutlichsten im Gedächtms haftet, ist der Kummer und Schmerz meiner Prin­ter : cs war fürchterlich! Sie nahm mich ins Sterbe-» zimmer, um mir den Taten zu zeigen unb brach dort völlig nieder. So jung ich damals war, bie Szene hat einen unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht. '

Ein stechend scharfer Blick kam aus den Augen der alten kleinen Tarne, als fte \v. in bie menugen bohrte, sich vorwärts beugte und fragte:

Hat sie Ihre Mutter von ber Ursache des Todes Ihres Vaters gesprochen? Hat sie in Verbindung damit den Namen einer Frau er­wähnt?

Ich suchte in meinem Gedächtnis. Tas Drama hatte sich vor so vielen Jahren abgespielt.

Jawoist, erwiderte ich schließlich. S« hat von einer gewesen Gräfin gesprochen ; ihr Name war, wenn ich mich nicht irre, Frangipam.

Und hat sie von dieser Gräfin im Haß ge­sprochen?

Nein, erwiderte ich. Ich habe nichts von Haß oder Mißmut bemerkt, als sie von ihr redet?.

Gott seis gedankt, sagte bte Gräfin nut Wärme, Gott sei's gedankt! Ich but bie Gräfin Fvangipam.

Kaum waren ihr dreie Worte über die Lippm gekommen, da fuhr sie mi) einem Angstschrei aus.

Was war das ? Haben Sie nichts gehört^

Mit einem erschreckten Blick übet ihr Ztrnrnwehen, ergriff fte wie hilfesuchend meinm Arm.

Ich chatte in ber Tat etn eigenartiges Gttäufch gehört, als ob jemand im Zimmer anwesend ge­wesen wäre, aber ich formte es nicht gmauer be­schreiben, noch formte ich irgendeine Ursach: dafür ausfindig machen. Ich riß die Tür aut, aber ent­deckte niemand auf dem Vorplatz. Aus die Bette der Gräfin durchsuchte ich auch das anstoßende Schlafzimmer, aber auch Heer tonnte ich nichts Verdächtiges entdecken.

Allerdings habe ich etwas gehört, sagte ich Mießlich^ aber, fügte ich mit beruhigendem Lä­cheln hinzu, es war nichts, worüber Sie sich zu beunruhigen brauchen. Im Zrmmer ist absolut nie­mand anwesend außer uns, und bann, warum sollten Sie sich beim fürchten?

Weil die ganze letzte Woche mein Leben hier unausgesetzt von Schrecken erfüllt war. Können Sie nicht mutmaßen, warum ich an einem berar- tigen Orte lebe, in einer elenden Sackgasse eines der ärmlichsten Stadtteile Londons? Sie waren so liebenswürdig anzunehmen, daß mir das Spatz bereite. Wett gefehlt, Herr Todor! Es ist eine fürchterliche Notwendigkeit, unb ich gäbe Welten darum, wenn ich ihr entfliehen könnte. Apropos, sprechen Sie Italienisch?

(Fortsetzung folgt)