Aus Stadt und Land.
den 19. Febr. 1920
Heimkehrer.
Heute vormittag um 10.27 Uhr sind wiederum 1000 heimkehrende Kriegsgefangene hier eingetroffen.
** Berufung. Wie wrr hören, hat der a. o. Professor und Wteilungsvorsteher für pharma- -eutische Chemie am chemischen Laboratorium b.'r Universität Greßen, Dr. Karl Feist, einen Ruf auf den Lehrstuhl der pharmazeutischen Chemie <m der Universität Gö t tingen als Nachfolger Karl Mannichs erhalten. Prof. Feist, geb. 1876 zu Nordhausen a. H., widmete sich dem Apache lec- berufe, lvar in Hamburg und Berlin, spater in iLmerika tätig. Nach Deutschland zurückgelehrt, studierte er in Marburg Naturwissenschaften, war gleichzeitig Assistent bei Prof. E. Schmidt, bestand dcs Apvchekerexamen sowie das Staatsexamen als Nahrungsmittelchemiker. Seit 1905 war Feist Assistent am pharmazeutischen Jnstttut in Breslau unter Pros. Gadamer und habilitierte sich dort 1907 für pharmazeutische Chemie und Nahrungsmittel chemie. Zwei Jahre später fischte Tr. Feist »rach Gießen über, erhielt dort die vmia legendi für Chemie und später einen Lehvauftrag für Pharmazie sowie die Stelle als Wteilungsvorstchkr am chemischen Laboratorium.
** Die Lebensmittelkarten die am Freitag den 13. und Samstag den 14. d. Mts. in den Bezirken zur Ausgabe gelangten, sind bis spä- testens 25. Februar einer Verkaufsstelle zur Eintragung ihrer Firma und Abtrennung der Kontrollabschnitte vorzulegen.
** Evangelischer Bund. Sonntag abend 8 Uhr findet in der Stadtkirche ein Vortragsabend von Pfarrer Sattler (Wieseck) über „Me soziale Sendung unserer Kirche" statt.
** Der Gießener Mieter-Verein veranstaltet morgen einen Vortrag des Gerichtssekretärs Schroeder: lieber Mieterschutz. Siehe Anzeige.
Landkreis Gießen.
O Grünberg, 16. Febr. Auch hier wird, angelockt durch die hohen Fell- und Häuteprrise, eifrig Jagd nach Maulwürfen gemacht. Freilich hat nicht jeder Fänger mit seinem Fallen stellen Glück. Tenn gar oft, wenn er nachsieht, muß er leer abziehen, weil irgend ein Spitzbube ihm zuvor- geidmmen und nicht nur die gefangene Beute, sondern auch das Falleisen mitgehen hieß. Tie Tiebes- z-unft verlegt sich eben auf alles.
O Grünberg, 18. Febr. Ter Gemeinde- rat beschäftigte sich mit der Ausgabe der Lesholz- tarten. Wegen der bevorstehenden Holzratvonie- rmtg waren eine Menge Gesuche um Ueberlassung der Karten eingegangen. Man stellte sich auf den Stand-mmtt, daß grundsätzlich nur gering Bemittelte oder solche mit niederem Arbeitsverdienst berücksichtigt werden sollen. Unter Zuziehung des Fvrstpersvnals wurde daher nur 25 Familien die Berechtigung zum Holzlesen erteilt. Außerdem müssen diese auf weitere Holzzuteilung, mit Ausnahme der jeder Familie zustchncken 2 Rm. Hartholz, verzichten. Gemeint sind hiermit Reiser und Stocke, die von der Nativnierung ausgenommen sind, und die von der Gemeinde auch der hiesigen Bevölkerung zugeteilt werden sollen. Tie von der Bauko mmissio" festgestellte Notwendigkeit von Re- Varaturen des ersten Pfarrhauses, sowie am Krr- chenlach wird anerkannt und Bausekretär Seim mit der Ausarbeitung eines Ko stenvvranschlages dieser Arbeiten betraut.
♦ Harbach, 18. Febr. In der Gemeinde Harbach wurde zugunsten der aus Frankreich heim- kehrenden Kriegsgefangenen gesammelt: 137 Stück Eier, 31 Laib Brot 71 Pfund Mehl, 118 Md. Aepfel, 18 Pfd. Gerste, V- W Butter, 1 Korb Kraut, 6 Pfd. Gries.
X Wieseck, 18. Fckr. Die hiesige Ge-- meindejagd soll am nächsten Samstag, 21. d. Mts., vormittags 11 Uhr auf unserer Bürgermeisterei nochmals verpachtet werden. M: erste Ber- Ipachtung auf dem Submissionsweg erzielte 7600 Mark. Tiefes Angebot erschien dem Gnninoertt im Vergleich mit den Angeboten auf andere Jagden unserer Gegend zu gering, deshalb b.'schloß er nochmalige allgemeine Verpachtung. Ter Wildstand unserer Wald- und Feldjagd ist sehr gut. Dazu macht die außerordentliche bequem: Lage, die Möglichkeit, das Jagdgebiet ohne Bahn schnell zu erreichen, unsere Gemeind:jagd besonders empfehlenswert.
Äteis Alsfeld.
Up. Ober-Ohmen, 17. Febr. Gestern fand die Verpachtung unserer Gemeindejagd statt. Aon dem bisherigen Pachtpreis von 545 Mk. stieg sie auf 6000 Mk. Steigerer blieb ein Herr Jung von Langen bei Frankfurt a. M.
up. Ruppertenrod, 17. Febr. Bei unserer heutigen Verpachtung der G rmeindeja g d ging der Pachtpreis von 520 Mk. auf 4500 Mk.
Kreis Schstten.
Up. Groß-Eichen, 18. Febr. Unsere Gemein dejagd war bisher für 355 Mark ver- pachtet, jetzt erzielte sie einen jährlichen >Pachtpreis von 4000 Mark. Pächter ist ein Herr Rahn aus Köln.
üp. H öckersdvrf, 17. Febr. Ter bisherige Preis für unsere Gemeindciagd betrug 186 Mark. Jetzt wurde die Gemeindejagd Herrn Schmidt,
Besitzer des „Wilden Mannes" in GEckevg i. $)., für 1000 Mark zugesrUagen.
Kreis Friedberg.
Eine neue Erhöhung des Milchpreises?
= Friedberg, 18. Febr. Tie oberhessische Milchzenttale beschloß den Ankauf der M o l- kerei Nieder-Wöllstadt. Der Sttz der Milchzenttale wird nach Nieder-Wöllstadt verlegt. — Die Generalversammlung der Milchzenttale beschloß, bei der hessisck-eu Regierung dahin vorstellig zu werden, daß den hessischen Milchlieferanten der gleiche Milchpreis von einer Mark das Lrter bezahlt wird, wie den preußischen Landwirten, die nach Frankfurt liefern.
Aus dem besetzten Nheing-ebiet.
Der Adler am Darmstädter Postamt.
R.M.K. Tarmstadt, 18. Febr. Endlich hat man heute mit der Beseittgung des mächtigen, vor einem Vierteljahre an dem Portale des hiesigen öauptpoftgebäudes angebrachten, bis zum Giebel reichenden Gerüstes, das autzerordentlrch vertehrsstörend war, begonnen, nachdem e» fernen Zweck — nicht erfüllt hat. Das Gerüst raurte .aufgestellt, nachdem von Reichswegen angeordnet worden war, daß das kaiserliche Wappen und die entsprechenden Aufschriften beseittgt werden sollten. Kaum hatte man hier damit begonnen, dem kalfer- lichen Adler die Flügel etwas zu stutzen, als be- kanntlich von verschiedenen ©eiten, insbesondere auch von der Künstterschast und zu Gunsten des Denkmalschutzes lebhafte Einwände geltend gemacht wurden, die seinerzeit viel Staub ausnnrbelten, anscheinend aber doch nicht ganz ohne Erfolg geblieben sind. Nachdem auch vor einigen Wochen ein Schreiben der hiesigen Oberpostdirektion an die maßgebende Stelle wegen Beseittgung des Ver- kehrshindennsses unbeantwortet geblieben ist, hat man die Abrüstung angeordnet, ohne daß irgend etwas wesentliches an dem Wappen usw. geändert würbe. Sogar das weithin sichtbare vergoldete „Kaiserliche"', dessen Beseittgimg aus der schweren schwarzen Marmvrtatel sicherlich viel Mühe gekostet hätte, mußte stehen bleiben. Di-e sicherlich nicht unbedeutenden Kosten, da aztd) die Stadtverwaltung bekanntlich für jeden Quadratmeter und Tag einen entsprechenden Bettag yi beanspruchen hat, sind somit umsonst ausgegeben. Zu hoffen und zu wünschen bleibt nur, daß sich die Verkehrsoerhältnisse der Post baburd) nticht verschlechtern, sondern ihre alte gewohnte Pünktlichkeit nneber erreichen.
Amerikanischer Speck.
mc. Darmstadt, 18. Febr. Beim hessischen Roten Kreuz sind 50 Kisten S pe ck aus Amerika einge troff en, welche an unbemittelte Leute verteilt werden sollen. Der Speck wurde von hessischen Freunden in Amerika gestiftet.
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rm. Darmstadt, 17. Febr. Das Landes- theater gibt seinen Abomienten bekannt, daß durch Beschluß der Berwalttmgs'ttmmissLon infolge der Beschaffungsbeihilsen, Gagen undLohnerhöhun- gen, durch den sich die Unterbllanz auf 2 Mill. Mark jährlich erhöht hat, cm Zuschlag von 25 Prozent für das laufende Spielj<chr, d. h. eine fünfte Rate des Abonnements erhoben wwdm muß, da- mit der Fehlbetrag für dm Staat und die Stadt auf ein Mindestmaß herabgedrückt werden kamt.
Hessen-Nassau.
Die Mgullcmng der Lahn.
)( Marburg, 18. Febr. In der gestrigen Stadtverordnetensitzung wurde nach stundenlanger Aussprache bezüglich der Frage der Lahnregulierung ein zustimmender Beschluß gefaßt. Die Gesamtkosten sollen 2 200000 Mark betragen, wozu das Reich einen Hebertene> rungszuschnß von 1 777 000 Mk. beiträgt. Für die Stadt verbleiben 469 000 Mk., wovon ein Teil wieder durch die Anliegerbeittäge, es werden etwa 130000 Quadratmeter Gelände hochwasserfrei und steigen ganz bedeutend im Werte, gedeckt werden soll. Bei der Beratung wurden zwar viele gegenteilige Stimmen laut. U. a. wurde befürchtet, daß unter den jetzigen Verhältnissen die Kosten aus mindestens 5 Millionen sich erhöhen könnten, ferner wurde gesagt, daß bei einer Eindeichung der Vorstadt Weidenhausen bei Hochwasser die Süd- stadt überflutet würde, die Wassermassen würden sich mit umso größerer Wucht in der Richtung nach Gießen walzen und die Ortschaften dort in große Gefahr bringen. Man erwähnte auch die Tal - i'^Erren Projekte und die Pläne bezüglich der Schiffbarmachung der Lahn. Der Oberbürgermeister befürwortete jedoch dringend die Vorlage, die dann auch genehmigt wurde. — Um ten erforderlichen Mehrbedarf der Stadttasse in Höhe von 610 000 Mk. zu decken, wurde beschlossen, zwei Steuerquartale na datier beben. Ein von wztaldemokratischer Seite gestellter Anttag, die Ankommen bis 2100 Mk. frei zu lassen und die bis 3900 Mk. nur mit einem Quartal heranziu- zaehen, wurde mit allen Stimmen gegen die dieser rzraktion abgelehnt.
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me. Frankfurt a. M., 18. Febr. Tie gcwtzge Stadtverorbneteuversamm-- [un S **nT^ ihren Verhandlungen nicht auf lern Niveau^ das ihrer Würde entspricht. Nachdem es schon bet der Behandlung der Fra« „Politik £ bec Schule" lebhaften Widerspruch auf der Rechten des Hauses gegeben hatte, verschärfte sich
Gegensatz bet einer Interpellation des demo- ttattschen Stadtverordneten Schütz über die Schul-
'kinderspeisung, die angeblich zu teuer sei, überhaupt umorganisiert werden müsse, wenn man den Ler>- rern weiter zumute, die Speisung zu beaufiWrigen. Eine zweistündige Aussprache gab es schlteßlrch noch über bie Neuordnung der Tarife, die notwendig geworden ist, durch die erhöhten Teuerungszulagen ter städtischen Beamten und Arbeiter. Sämtltche Beamten, die der Stadtverordneterwettammlung angeboren, bestritten die Notwendigkeit des Abzugs einer bisher gewährten Zulage von täglich 3 Mk., während Die beiden sozialistischen Parteien unbedingt den Ausschußantrag,, der eine Anrechnung dieser Tageszulage aus die Erhöhung der laufenden Steuerung-Zulagen angenommen haben wollten. Es tarn dabei zwischen einzelnen Rednern der Temo- traten mit der Sozialdemokratie zu so scharfen Zusammenstößen, daß auf der Galerie kein Wort mehr zu verstehen war, geschweige denn von einer ordnungsgemäßen Sitzung bie Rede fein Konnte.
mc. Frankfurt a. M., 18. Febr. Das Frankfurter Schöffengericht verurteilte zwei Fri- seurgehilfen, welche mit ihrer Zustimmung länger als acht Stunden ohne Ueberstundenbezahlung gearbeitet hatten, wegen Verletzung des Gesetzes über den Achtstundentag zu je 5 Mk. Geldsttafe.
---Frankfurt a. M., 17. Ftbr. Vom 1. April ab soll der Mindestfahrpreis auf der Straßenbahn 40 Pf. betragen; es ist nicht unwahrscheinlich, daß er auch auf 50 Pf. erhöht wird. Ferner sollen Monatskarten nur noch für Strecken von mehr als 5 Kilometer zur Ausgabe gelangen.
-- Höchst a .M., 18. Febr. Vom 1. Marz ab erscheint für das Gebiet des ehemaligen Reichs- tagswahltteises Höchst-Homburg-Usingen eine eigene mehrheitssozialistifche Tageszeitung „Freie Press e".
)s Marburg, 18. Febr. Zwei fremde junge Leute, die bei dem kürzlichen großen Einbruchs- diebstahl im Steinmetz'schen Schuhgeschäft beteiligt erscheinen, wurden hier festgenommen. — Die älteste Marburgerin, Frau Pfarrer Haas, geb. von Stiernberg, beging heute ihren 95. Geburtstag.
Gietzener Strafkammer.
Gießen, 17. Febr.
Ein Dienstmädchen, das für ferne, ein (Safe rn Gießen betreibende, Hwrschaft an verschiedenen Orten Eier und Milch gehamstert hatte, war mit mehreren Strafbefehlen belegt worden und batte einen Teil davon rechtskräftig werden lassen. Auf feinen Einspruch im übrigen erkannte das Schöffengericht auf Geldstrafen von 50 und 30 M. In der Berufungsinstanz wurde von der Vertei- tigung geltens gemacht, es handle sich um eine einheitliche Tat, bie durch rechtskräftigen Strafbefehl erledigt sei und nicht Gegenstand einer weiteren Bestrafung fern könne. Das Gericht entschied, daß es sich nicht um eine einheitliche Tat handle, da verschiedene Rechtsgüter verletzt und verschiedene Strafgesetze anzuwenden seien und erlannte dem Anttag der Staatsanwaltschaft gemäß auf Verwerfung der Berufung.
Der Händler M. S. von Crainfeld war vom Schöffengericht wegen verbotenen Handels mit Rindvieh in zwei Fällen zu Geld- ftrafen von 100 und 200 Mk. verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft verfolgte dagegen Berufung, da Schleichhandel vorliege. Es wurde fest- gestellt. daß der Angeklagte eines der beiden ver- botswiorig angekauften Rinder selbst geschlachtet batte; seine Behauptung, er habe das Fl ns cd in seinem Haushalt verbraucht, war ttotz dringenden Verdachts nicht zu widerlegen.. Das andere Rind hatte er an eine Kvrpsfchlächterei weiter verkauft. Da er wegen ähnlicher Vergehen bereits zweimal vorbestraft war und andere Landwirte zum heimlichen Verkauf von Rindvieh an ihn zu bewegen gesucht hatte, konnte an seiner Absicht, aus dem verbotenen Ankauf ein Gewerbe zu machen, nicht gezweifelt werden. Er erhielt wegen Schleichhandels eine Woche Gefängnis uni) 5000 Mk. Geldsttafe, ferner wegen unerlaubten Viehkaufs in einem Fall eine Geldsttafe von 400 Mk.
Weiter sollte verhandelt werden gegen den vom Schwurgericht der Provinz Ober helfen kürzlich zum Tode verurteilten Tagelöhner Maus, der — das Todesurteil ist noch nicht rechtskräftig — in Marienschloß eine mehrjährige Zuchthaussttafe verbüßt und von dort vorgefübrt war. Er war angellagt, mit zwei Burschen, Die er verleitet hatte, einem Sergeanten beim Rückmarsch der Truppen eine Reihe von Ausrüstungsstücken gestohlen zu haben. Maus verstand es jedoch, die Verhandlung gegen ihn zu verhindern, diesmal nicht wie 'üblich durch Schreien und Toben, sondern durch ein zwar geräuscUoses, dafür aber die Geruchsnerven derart angreifendes Mittel, daß er schleunigst aus dem Saal entfernt werden mußte. Die Verhandlung gegen ihn wurde abgetrennt. Seme Genossen erhielten je 1 Monat Gefängnis.
Die Staatsanwaltschaft verfolgte Berufung Si ein Schöffengerichtsurteil, durch das ein wirt wegen Nichtablieferung von etwa fünf Zentnern Getreide zu 60 Mk. Geldstrafe verurteilt worden war. Die Strafe wurde auf 150 Mk. erhöht. Mildernd fiel ins Gewicht, daß der Angeklagte das (betreibe zur Verköstigung der Arbeiter beim Wiederaufbau seiner Scheuer benötigt hatte.
Ein wegen Schleichhandels taenrr teiltet Händler wurde auf feine Berufung freigesprochen, ba nachgewiesen werben konnte, daß nicht er, sondern ein anderer das angeblich von ihm gekaufte Schwein erworben hatte. <•
Der Maurer G. W. hatte vier Eigentümern zusammen sieben Gänse, vier Enten, einen Korb, einen Sack unb ein Fahrrad gestohlen, ferner eine Armeepistole nicht abgeliefert. Seine Behauptung, betrunken gewesen zu sein, wurde durch die Planmäßigkett seines Handelns widerlegt. Strafe: 9 Monate Gefängnis abzügl. 2 Monate Untersuchungshaft unb 100 Mk. Geldsttafe.
Ein Müller war vom Schöffengericht zu einer Woche Gefängnis und 800 Mk. Geldsttafe verurteilt worden, toeil er von einem Landwirt fist zwei Zentner Roggen zum Vermahlen -rngenommen und nur bis 60 Proz. ausgemahlen hatte. Das Schöffengericht hatte Gewerk Mäßigkeit angenommen. Auf seine Berufung sah die Strafkammer von einer Freiheitssttafe ab, ba Gewerbsmüßigkeit nicht nachtzuweisen »vor, erkannte aber auf eine Geldsttafe von 4000 Mk. --
Gietzener Gpern- und Uonzertwoche.
Gießen, 19. Februar. Fidelio.
Große Oper in zwei Aufzügen von L. v a n B e e t h o v e n.
Im „Fidelio" verherrlicht Beethoven die durch aufopfernde Liebe gewonnene Freiheit des Einzelnen. Tem Hymnus auf das polckische folgt der auf das persönliche Freiheitsideal: auf die Eroica das Leoawre-Problem. Gattenttene als Symbol bet Selbstaufopferung auf der einen, teuflische Dämonie als nicht zu überbietende Steigerung der Leidenschaft des Bösen auf der andern Seite. Dieses Aufeinanderprallen der beiden Welten war Beettz)vens Triebelement.
Eine von Anbeginn bis zum Schluß für naheM alle Mitwirkenden gleich lobenswerte, für bie Hörer gleich genußreiche Wiebergabe der Oper lie^t hinter uns. Generalmusikdirektor Michael Solling, des früheren Bayreuther Dirigenten umiassender, auf breitplastischer Linienführung beruhender Leitung ist es zu danken, das O r ch e st e r weit über die Bedeutung eines bloßen Begleitkörpers hinausgehoben zu haben. Man empfand es als gleichberechtigt neben den andern Trägern der Handlung. Unter diesen sind vor allem bie Leonore von Johanna Hesse und der Don Pizarro von Johannes Bischoff zu nennen. Beide mit gewaltigen Stimmitteln ausgerüstet, bie sie in den brarnatischen Höhepunkten zu wahren Velden ihrer Kunst stempeln. Man denke an das Rezitativ der großen L-eonoren-Arie im ersten Akt, man denke an die in großen Intervallen sich bewegenden Wutausbrüche der bald listtg überredet» den, bald drohend forvernden Schreckensfigur. Bedeutend waren auch Peter I o n s f o n (Florestan), Josef S ch l e m b a ck (Rocco) unb Walter Elsch- ner (Jaquino), dessen weicher lyrischer Tenoi mit der llarflüsfiyen Sopranstimme von Frick Meyer (Marzelline) im Eingangsduett der Ope besonders schön harmonierte. Herrn Kuhns Fer nanborolle ist zu klein, als daß man ihn gefang lich genügend würdigen könnte ober dürfte. Mimiscl scheint er für diese Figur fick nicht befonberi zu eignen. Besonderer Erwähnung wert sind die Chöre, bie stets mit größter Präzision einsetzten und rhythmisch wie stimmlich Außerordentliches leisteten: sowohl im 1. Auszug, wo sie ihren hoffnungserfüllten Gruß an die Sonne richten unb toieber resignierten Abschied vom Licht nehmen müffen, als auch in dem von himmlischem Jubel burdrittelten Finale des 2. Anzugs.
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Frankfurter Erstaufführung.
Frankfurt a. M., 18. Febr
Es wird Niemanden einfallen, Bernack Shaw, den irischen Freigeist und Gesellschasts kritiker, in die Schar der Moralprediger zopftgo Stiles einzureihen. Seine 5aktige Komöbie^,Der Arzt am Scheidewege" verficht als Moral, baß das Leben eines anständigen, wackeren, mäßig begabten Turchschnittsarztes dem eines genialen Taugenichtses unb Lumpen vor zuziehen ist. Aber Shaw macht dem naiven Hörer (in Frankfurt war das Publikum durch zwei Einführungshefte der ausgezeichneten Theaterzeitschrist „Ter Zuschauer" gut vorbereitet) das Erkennen solcher Lehre nicht leicht: Denn einem — recht fatirifdj behandelten — Aerztekollegium gegenüber hat er den Maler Tubedat zwar mit abstoßenden Zügen der Selbstsucht und des über Menschen Schreitens auSgestattet, ihm aber wiederum auch so viel blendende Lrebenswürdigkeit und genialische Unbekümmertheit um des Lebens Alltag geliehen, daß er manchem Hörer stärkere Sympathie als seine Richter ab geraumen, ja, besonders in bet Sterbeszene als der eigenlliche Held erscheine« dürfte.
Tas Neue Theater brachte die geistvolle, irt manchem Paradoxon zum Nachdenken anregende Komödie in untadeliger Weise zur ErstauffÜh' rung. Unter der sein abnmbenben Regie von Direktor Hellmer boten besonders Frau Saget unb die Herren Schröder, Karchow, Großmann, Weber, Schmöle und Wallburg treffliche Lei' ftungen; die geschmackvolle szenische Einrichtung mar Reinhold Schön zu bauten. — Tas Publö kam bekundete sein Töv^gesallen durch starke« Beifall. tt.
Seegespenftec.
Roman von ÄnnyWothe.
Ajeeffladedie« Copyright 1918 by Awy Wothe-Mefc», Leipzig (Nachdruck verboten.) Fortsetzung 45.
„Das Licht löscht aus, Reine Sölde," sagte er noch, „nun ist es ganz dunkel."
Als Mutter Wibke mit der Lampe in die Stube trat, fand sie Sölve am Lager eines Toten knien.
Fromm faltete die alte Frau die Hände und sah ernst in das ftickvolle Gesicht bt£ Geschiedenen.
,^Jhn hat Gott den rechten Weg geführt," sprach sie, „laß uns für ihn beten/
Sölve aber schmiegte die kleinen Hande liebkosend an des Toten Antlitz unb in ihrem Herzen spvrch cllne Sttmme:
„Gott hat mein Opfer nicht gewollt. Ich werde nun nicht im weißen Kleid unb Kranz im Haar auf ihn warten, er wird auch ohne mich selig jein."
Sie schritt zum Fenster unb öffnete es weit, dann brach sie bie feuerroten Geranienblüten von den Töpfen und legte sie auf das Lager des Toten. Da leuchteten sie wie große Bluistcopfm. Bon der Keitumer Kirche klangen bie Glocken sie hallten über das Meer unb verschmolz.^ sich mit dem Gesang bet Wogen.
llnö ans den Wassern stiegen sie herauf, alle te? bintffen in* lichten Gestalten, die ba unten ffiyfen, unö schlangen sich zum Reigen. Doch Sötte hatte teme Furcht mehr vor bpx Seegefpen- ftern. Ihr Ange bhdte licht und klar und ihre Seele war voll Dank mck Demut, weil sie einer armen ’IRtntd'<ittede, die zerrissen unb sterbens- tmüb, etwas hatte fein Annen
Sie backte an den aroßen Kirchhof bet Menschen und Schrffe, au das unendliche, brausende Meer, und wie eine heiße Sehnsucht tarnte es in ihrer jungen Seele auf nach einem fernen Wunderland unb dem bergenden H^en, den si» wvht nimmer fand.
Bor dem Fenster schmetterte bie Stimme eines jungen Fischers kräftig in die Abendluft:
„Das Land, das hinter still berfruEt, War schläfrig unb verdrossen: Das neue, das uns morgen rainft, Hält Zaubergvld umschlossen"
Da fmte» Sötte die ersten lindernden Tränen
Beim Glanz her Kerzen hielt sie Jngewirt Ferks die Toten »acht.
Es war eine lange urtb dunkle Nacht, ob»
Arrcht
verspürt, den GottesSoog zu betreten. Nur ein paar große, blaue Kinderaugen lockten ihn. Lange stand er vor der Wiege des Kleinen, ter friedlich schlief.
Wie totenstill es im Hause war . Als wäre einer gestorben.
War es nicht so? War sie nicht tot für ihn, die Frau, die nie miebertant ?
Etwas Eisiges kroch durch sein Herz. Er sank am Bett seines Kindes auf einen Stuhl und barg seinen Kopf in die weißen Kissen.
So saß er lange. Nun war es schon ganz dunkel. Er scheute sich, Akke zu sehen und in ihren Auc^n das Mitleid zu lesen mit einem verratenen Mann und einem verlassenen Kinde.
Endlich ermannte er sich und ging au£ dem Zimmer. Auf den Zehen scAich er hinaus, um das Kind nicht zu wecken. Ms er auf die Diele trat, vernahm et plötzlich das Heranrollen einesWagens.
Das Herz stand ihm fast still. Konnte es möglich fein?
Wie ein Jauchzen flieg es in ihm auf, aber mit eiserner Gewalt zwang er dieses Gefühl nlebet. Ruhig unb beherrscht trat er Estrib, die jetzt ins Haus trat, entgegen. Dein Zug in fernem Gesicht verriet die Bewegung, die sein Inneres durchtobte.
Et sah nur die Leichenblässe auf Estrids Antlitz und die großen, flimmernden Augen, die in «einem seltsamen Glanze strahlten.
„Du hast dir viel zugemutet, Estrid," nahm er bas Wort, „du siehst sehr angegriffen aui!
„Ja," gab sie zu, „ich will gleich schlafor gehen," und die Augen ins Leere gerichtet, sagte sie: „Wir haben Frieden geschlossen, Jngewatt Ferks und ich. Er hat den Fluch von mir una deinem Hause genommen um des Kindes willen, das zur Sühne seinen Namen trägt. Er geht wohl bald den letzten Weg."
Peter entgegnete kein Wort. Er hatte nichts zu sagen vermocht, denn noch immer schien es ihm unfaßbar, daß Estrid zurückgekehrt, daß leibhaftig vor ihm stand.
Sie verweilte rwch auf der Diele, als erwarte sie eine Antwort von ihm, bann klang es leist an sein Ohr:
„Gute Nacht?"
Er hörte das Klappen der Tür. Nun nxn: er allein und grübelte mit weitgeöffneten Augen vor sich hin.
Warum war sie zurückgekommen? Um des Heinen Jngewart willen? Wollte sie das Kmo nicht lassen? War das Muttergefühl so mäckng in ihr, daß sie darum im Gotteskoog und bet ihm aushalten wollte. Oder spann ihr Smn andere Plane?
(Fortsetzung folgt.)


