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Rr. 15 Zweites Blatt

Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Montag, 19. Januar 1920

An die Stimmberechtigten in den vo^sabstimmungsgebicttn.

Schwere Wunden sind Dem deutschen Volks- tdröer geschlagen, ganze Glieder von ihm getrennt, thtb doch kann das deutsche Volk norf) kreier sinken, noch schlimmere Verluste erleiden, wenn nicht jeder Deutsche in den Teilen, in denen der Friedensvertrag wenigstens Volks­abstimmungen Vorsicht, seine glimme t,ür das alte Vaterland abgibt. Kein Stimm­berechtigter, weder Mann noch Tjran, darr tn dieser Stunde fehlen, denn die Abgabe der stimme ist hier unglrick wichtiger als der leder Wahl. Mit einem Wort wird lner über die Zukunft von Kind und Kindeskindern enNchrcden

Abgesehen von den moralischen Verpfftch- tungen gegenüber 8Lolk und Vaterland, die reden stimmberechtigten Deutschen zwmgen müssen, sich an der Abstimmung zu belerlrgcn und ,ür Teutick^ land zu stimmen, gehütet auch bre reme Vernunft jedem, seine Stimme Teutlchland zu gebera

Tie Gegner locken zwar mit den Verspreche intaen sie sagen, bei ihnen würden die Steuer- Wten und Vermögensabgaben geringer fern als m Deutschland Das ist aber rtn trügerischer Schluß Alle Völker Europas, besonders die, in deren Landen der Krieg gewütet hat, sind genau so verschuldet wie Deutschland.

] Zentrale für alle Fragen der Ermittlung und Rückführung der nicht in den Abstimmungs­gebieten wohnenden Stimmberechtigten ist:

derDeutsche Schutzbund für die Grenz- und Ausländsdeutschen" Berlin NW 52, Schloß Bellevue Fernsprecher: Amt Zentrum 425.

2 Abgestimmt wird in folgenden Bezirken und Kreisen:

a) Oberschlesien: Kreise Kreuzburg, Rosenberg.

Orpeln-Stadt, Groh-Strehlitz, Lublinitz. Gleiwitz-Stadr, Test-Gleiw.tz, Tanwwit, Beutl)en-Stadt, Beukhen-ü^cns, Königs- hulteStadt, Hindenburg (früher Zabrze), Ävttowitz-Stadt, Katt Switz-Land, Pleß, Ry 5- nik, RatiboreStadt, Cosel, Leob schütz, Teile von Raribor-Land, Teile von Namslau;

b) Westpreußen: Kreise Stuhm, Rosenberg, der Teil von Marienwerder östlich der Weichsel, der Teil von Marienburg östlich der Nögot: c) Ostpreußen: Kreise Lyck, Lötzen, Johannisburg, Sensbnrg, Ortclsburg, Rössel, Allenstein- Sdaot, Älcnsteiw-Land, Osterode, der grö­bere Teil des Meises Neidenburg, mit Aus­nahme des Südwestzipfels mit der Stadt Soldau;

d) Schleswig: 1. Zone: Kreis £xd)er5Ieivn4 Son­derburg, Apenrade, nördliche Dälfte von Tondern, Teile von -Flensburg, 2. Zone: südliche Hälfte von Tondern, Flensbnrg- ^stadt, Teilt von Flensbrirg-Lond, Nord­teile vom Kreise Husum.

3. In den Ubslimmungsgebieten werden die ISrnfiftl unsren der nicht in den Abstimmungsgebie­ten wohnenden Absiirninungsberechtigten und ihre Rückfnh^unghur Vvl.sabsHnffnung,rion Provinzial- körperschttslen baarbeiiet und zwar:

in Ober-Schlesien: von denVereinig­ten Verbänden hermattreuer Oberschwester", Abt. B. Breslau 18, Kaiser-Wildetm-Platz 20 (Vertretung beimDeutschen Schutzbund", Berlin NW. 52, Schloss Bellevue),

in Ostpreußen: von derBezirksstelle Menstein des ostdeutschen Heimvtdienües, Abtri- l.mg für VolksabstrmMung ' in Carl:Hof bei Ra- stenlmrg (Ostpr.), (Vertretung beimDeutschen Schutzverband". Berlin NW. 52, Schloß Bellevue», mzttbicnfL A -teilung füllBvlksabslimmung tn Wesl-

in We stp reu sten: VvnrOstdeutichen Hei- inatdienft, Abteilung für Volksabstimmung in West- treusten", Elbing (Westpr.), (Berlretung beim Deutschen Schutzbund", Berlin NW. 52, Schloß Ncllcvuetz

in Schleswig: vomDeutschen Ausschuß sür Schleswig", Flensburg, Norder ho senden 20 und Zweigstelle Berlin C. 2, Burgstr. 30, Zim­mer 53,

Eupen und Malmedy:Vereinigte Landsmannschaften von Euven-Malmedy", Csvr- lottenburg, Fa mtenstraste 13.

Diese Verbände sammeln die Anschriften sämt­licher im Reiclie lebender Abstimmungsberechtigten imb geben riesen über alle notwendigen Fragen 'luSkunft. Auch derDeutsche Schutzbund" (Z. I.) sammelt Anschriflen Stimmberechtigter, gibt sie aber zur Vermeidung von Irrtümern usw. an die die bett. Provinziallör verschallen zur Einreihung in beten Karten oder Listen ab.

Vie Notlage der Beamten.

^kr dieser Ueberfckrist ist in derKöln. Ztg."

* Januar ein Artikel erschienen, dem der Gedanke zugrunde liegt:Eine gesunde Bcamten- ftfaft tft Lebensbedingung des Reichs", und der

eine, lehrreiche Statistik enthält, die für die Per- im Reich und in Preußen Gültigkeit be- >"4t- Wir entnehmen daraus folgendes:Einsicht lub der solgenden Beispiele ist jedoch zu bemerfcn, patz es yanz außerordeirtlich schwer ist, Durch- ichr.Utsbeuprele für die Be.oldung eines Beamten aufzustellen, weil wir im Reich 70 und m Preu­ßen.55 Besoldungsnassen haben, die z. T. wieder in eine größere Anzahl Unterabteilungen mit beson­deren Gehaltsbestimmungen eingeteilt sind Tie Arspiele sind so gewählt, daß sie einen Maßstab bilden können. Ein höhe rer Beamter im Alter von 45Jahren hat durchschnittlich kaum ein Gehalt von 400 Mk. monatlich: dazu Wo-Hnungsgeld an teuersten Orten von 108,33 Mk., an teueren Orten vvn 76,60 Mk. und an anderen Orten von 66,66 Mark, bis herunter auf 52,60 Mk Er erhält also, toemt er verheiratet ist und zwei Kinder hat: a) an teuersten Orten Gehalt 400 Mk., Wohnungsgeld 108,33 Mk., Teuerungszulage (195 + ICO) 295 Mark, zusammen 803,33 Mk., vom 1. Januar 1920 an mehr 147,50 Mk. = 950,83 Mk.; b) an teueren Orten 400 -s- 76,70 4- (170 + 80) 250, zusammen 726,70 Mk., vom 1. Januar 1920 an mehr 125 = 851.70 Mk.; c) an billigen Orten 400-p52,664- (140 + 60) 200, zusammen 652,66 Mk., vom 1. Januar 1920 an mehr 100 = 752,66 Mk. Ein mittlerer Beamter im Alter von 35 Jahren hat durchschnittlich kaum ein Gel-alt von 200 Mk., dazu Wohnungsgeld von 66,66 b#n. 52,60 bzw. 45 bis 27^0 Mk. Er behält also, wemi er ver­heiratet ist und zwei Kinder hat: a) an teuersten Orten 200 + 66,66 + (195 + 100) 295, '-ukamm-m 561,66 Mk., vom 1. Januar 1920 an mehr 147,50 = 709,66 Mk.; b) au teueren Orten 2-JO + 52,60 I + (170 + 80) 250, zusammen 502,60, vom 1. Jan. I 1920 an mehr 125 = 627/60 Mk.: o) an billigen Orten 200 + 27,50+ (140 + 60 ) 200, zusammen 4*27,50 Mk., vom 1. Januar 1920 an mehr 100 = 527.50 Mk Ein unterer Beamter im Alter von 35 JÄHren hat durchschnittlich kaum ein Ge halt von HO Mk., dazu Wohnungsgeldzusck>«ast 40 bzw. 30 bzw. 24,17 bis 12,50 Mk Er erhält also, nenn er verheiratet ist und zwei Kinder hat: a) an teuersten Orten 110 + 40 + (200 + 100) 300, zu sammen 450 Mk., vom 1. Januar 1920 an mehr 150 = 600 Mk.; b) an teueren Orten 110 + 30 + (180 + 80) 260, zusammen 400 Mk., vom 1. Jan 1920 an mehr 130 = 530 Mk; c) an billigen Orten 110 + 12,50 + (150 + 75) 225, zusammen 347,50 Mk-, vom 1. Januar 1920 an mehr 112,50 = 460 Mk.

e In diesen Beispielen ist bei den höheren B- amten ein Alter von 45 Jahren angenommen, weil diese Beamten im Alter von 35 Jahren durch­schnittlich noch nicht angestellt sind. Bei. den Unter- beamten ist ein Alter von 35 Jahren angenommen, weil dann das älteste Kind noch nicht erwerbs­fähig sein kann. Für die Annahme des Alters von 35 Jahren für den mittleren Beamten sind beson­dere Gesichtspunkte nicht maßgebend geivesen.

Diese Zahlen sprechen mehr als Worte faacn können. Schon vor dem Kriege befand sich die Be­amtenschaft sozial auf der abschüssigen Bahn, im Kriege ist es noch schneller mit ihr abwärts ge­gangen, und jetzt treibt sic infolge ihrer wirtschaft­lichen Notlage mit Windeseile dem Abgrunde zu."

Das tanöesamt für das vildungswesen und die Schule.

Das Landesamt für das Bildungswesen er­läßt folgende Bekanntmachung:

Die gewaltigen Erlebnisse der letzten Jahre, Niederlage, Revolution und Umändenmg der deut­schen Siaatssorm sind auch an unseren Schulen nicht spurlos vorübergegangen. Den hierdurch ge­gebenen Schwierigkeiten sich gewachsen zu zeigen, ift für die berufenen Erzieher keine leichte Auf­gabe. Viel guter Wille, pädagogisches Taktgefühl und kluge Einsicht wird dazu gehören. Wir legen bat Lehrern und insbesondere den Schulleitern diese wichtige Aufgabe dringend ans Herz. Von der Art ihrer Lösung hängt es ab, inwieweit sich bei unserer Jugend die rechte staatsbürger­liche Gesinnung und das für jedes Volk lebens­notwendige Gefühl für Zusammengehörigkert ent­wickelt. Wir sind uns bewußt, eine so schwierige erzieherische Frage, die an den einzelnen Lehrer oder Schulleiter in den allerverschiedensten For­men herantreten kann, nicht mit wenigen Sätzen einer Verfügung abtun zu können. Einige allge­meine Richtlinien sehen wir untf aber um so mehr veranlaßt aufzustellen, als unerfreuliche Vor­kommnisse der letzten Zeit die Abstellung von Mißständen auf diesem Gebiete verlangen

1. Die Schule soll nicht etwa einfach ein Werkzeug der Regierungspolitik sein, sie darf aber natürlich noch weniger zu einem Werkzeug der Bekämpfung der bestehenden Regierung gemacht werden. Die Schule hat sich auf den Boden der geltenden Verfassung zu stellen, da auch Wünsche nach Veränderung der Staatssorm

immer nur von dieser gesetzlichen Grundlage aus­gehen dürfen. Für solche Wünsche kann der friedliche Weg gesetzmäßiger Weiterentwicklung ge­zeigt werden, aber es müssen selbstverständlich zunächst einmal die positiven leitenden Ideen der geltenden Verfassung gebührend heroorgehoben und dic Jugend in ihr Verständnis sach.ich angeführt werden. Ter Veriassungsabdruck, der nach Art. 148 ber_ Reichs Verfassung jeder Schüler am Ende seiner Schulzeit ins Leben mitbekommt, soll ihm kein gleichgültiges Buch fein, sondern muß von ihm mit all der Achtung betrachtet werden, die der staatlichen Grundlage und dem darin aus­gesprochenen Mehrheitswillen eines großen Vol­kes aus alle Fälle gebührt.

2. Artikel 148 der Reichs Verfassung fordert staatsbürgerliche Erziehung, Pflege deutschen Volkstums und Erziehung zur Völlerverföhnung. Es wird wohl keinen deutschen Lehrer geben, der nicht mit Begeisterung gerade die Schätze der deutschen Ku ltur der ihm anvertrauten Jugend übermittelte. Diese soll in freudigem Stolz erfahren, wodurch deutsche Dichter und Den­ker ihr eigenes Volk geistig erhöhten und über alle Lanocsgrenzen hinaus die Kultur der Welt bereicherten: sie soll erfahren, was in deutscher Musik für die Seele der ganzen Menschheit er­klungen ist: sie soll wesentlich gründlicher als bisher in des eigenen Volkes sch^cksalsvolle, er­folg- wie irrtumsreiche Vergangenlieit angeführt werden; sie soll voll banfbarer Ehrfurcht das ganze reiche Erbe, das uns der Geist uni* der Fleiß unserer Vorfahren vermachte, in sich auf­nehmen und sie soll mit dem starken Willen durchdrungen werden, dieses Erbe nicht nur zu erhalten, sondern lebendig zu machen und nad) Kräften zu mehren. Die kommende Schulreform wird unter allen Umstanden dafür sorgen, daß gerade diesen Unterrichtsgegenständen ent erheb­lich breiterer Raum als bisher neben den übrigen Fächern eingeräumt roerbe.

3. Die Erzielung zur lkerver söh- n u n g stellt das Ideal einer gerechten vernünf­tigen Regelung der politischen.Beziehungen zwi schon den Kulturvölkern auf. Gerade wir Deutsche haben am wenigsten Anlaß, dies Ideal zu ver­leugnen, da es in der Philosophie unseres größten Denkers seine tiefste geistige Durchdringung erlebt Hat. Cs wird feine Lie bastener ei gegenüber dem Auslande, es wird leine ehrlose Unterwerfung unter unbillige Forderungen damit verlangt. Im Ggeenteil ergeben sich gerade aus dem Ideal der Völkerverföhnung sehr wichtige Ansprüche, die wir im Namen unseres Volkes an die Menschheit stellen dürsen und müssen. Die Reichsoerfafsung will nur einen blindwütigen Chauvinismus ab­lehnen der, wie er unserem Volke gegenwärtig aufs schwerste schaden, so auch insbesondere der Würde unserer Erziehungsanstalten nicht ent­sprechen würde. Uniere Jugend soll zu geistiger Klarheit und nicht zu blinder Leidenschaft erzogen werden.

4. Bezüglich der staatsbüraerlichen Erziehung werben sich alle Pädagogen darü er einig sein, daß die Schuler eine po^enche Mei­nung sich erst zu bilden, nicht aber eine solche dererts als eine fettige zu betätigen Haden. Es muß das rechte sittliche Bewußtsein für die Schwie­rigkeit der Ausgabe geweckt werden, sich ein klares politisches Urtal zu bilden, und es gilt die Ge­fahr zu vermeiden, daß sich auf unzureichender , geistiger Grundlage ein vorlauter und oberfläch­licher Dünkel mit bet ihm eigenen Unduldsamkeit gegen Andersdenkende breit machte.

5. Daraus ergibt sich, daß vor allem 'der Unterricht, soweit er politische Dinar berührt insbesondere der staatsbütgetüche, geschichtliche, deutsche und philosophische stets das Gepräge wissenschaftlicher Sachlichkeit zu tragen hat. Der Schüler muß beizeiten lernen, daß es wohlfeil ist, den Gegner zu verspotten, aber nicht ebenso wohlfeil, ihn wirklich zu verstehen und zu widri:- Icgcn. Es muß ferner wie der Erwachsene, so erst recht der Schüler auch stets die innere Be­reitschaft wahren, durchschlagenden sachlickien Argu­menten gegenüber die eigene Anschauung nach-u- pcüsen und nötigenfalls zu berichtigen. In den Schülerbibliotheken und in ettoa vorhandenen Lese­zimmern darf keine einseitige politische Richtung gepflegt werden.

6. Der Besuch von politischen Versammlungen ist den Schulern und Schülerinnen, die 17 Jahre alt sind, erlaubt, das rednerische Auftreten in demselben aber nur bann, wenn sie das wahl­fähige Alter haben. Auch muß die Schule darauf Hinweisen, daß es nicht genügt, bloß Red na ober Rednerinnen einer bestimmten Richtung zu böten. Vor allem sollen Schüler und Schülerinnen auch in Versammlungen als Lernende "hingehen und nicht, um schon selbst mitent.cheiden zu wollen oder sich gar an störenden Kundgebungen zu be­teiligen. Unangemessenes Verhalten von Schü­lern in öffentlichen Versammlungen ober auf der

Straße wird nach «ne vor zu rügen, in groben Fällen zu bestrafen sein.

7. Die Teilnalnue der Schüler an politischen Iugendvcrei neu ist vom vollendeten 17, Lebensjahre an erlaubt. Aber es gilt auch für diese Vereine, daß sic da politischen Bildung und kNcht der politischen Demonstration dienen sollen. Dre Arbeit dieser Vereine darf nicht in die Schuir Ijineingctragcn werden, insbesondere sollen dic Zehrer inchl vom Katheter aus sür die eine oder andere Vcrcinsrichtung ivcrben. Die Schule muß inmitten der leidenschaftlich wogenden politischen Kämpfe ehre Insel des Friedens bleiben, vvn der aus auch das politische Xeben mit aller und Men idyn möglichen Sachlichkeit und Duldsamkeit be- obachtet und begriffen werden soll. Es gilt auch hier Art. 148 der Reichsveriassuna, da vorfchreibt, daß beim Unterricht in öffentlichen Schulen Be­dacht zu nehmen ist, daß die Empfindungen An dersdenknder nicht verletzt werden. Aus dem gleichen Grunde muß das Tragen von Vereins- färben und -abzeichen in der Schule verboten und das Aushängen von Bekanntmochungen poli­tischer Vereine untersagt werden

8. Unter allen Umständen ist die äußere gute Ordnung in der Schule auftechtzualialten Ge­rade nach den verhängnisvollen Wirkungen der letzten Jahre auf unsere Jugend muß da Erzie­hung zu verständiger Disziplin wieder der größte Wert beigemessen werden. Gegen Schüler slreiks unzulässige politische .Kundgebungen, Ver­teilung von Flugblättern und ähnliche Störungen innerhalb der Schule darf um so eba mit strengen Strafen eingeschritten werden, als da Jugend in beit Schülerausschüssen ein Weg zu gesetzmäßiger und geordneter Aeußerung von Wünschen gegeben ist. Lehrer und Schulleiter sind sür ine Aufrecht­erhaltung der Ordnung in ihren Unterrichtsstun­den bzw?an ihren Anstalten verantwortlich Gegen große Störungen des Schulfriedens wird mit der Strafe da Ausweisung vorzugel-en sein

Ar»s Stadt und Land.

Gießen, den 19. Jan. 1920.

Gültige Lebensmittelmarken

für die Zeit vorn 19.25. Januar 1920.

Brot: 2300 Gr. Brot oder 1680 Gr. Mehl. Brot Sllgt. 1,18 Mk. Weizenbrvttnehl Klgr. 1,44 Mark.

Butter: Marke 3. 60 Gr. Butter zu 1,14 Mark.

Fleisch: Wochenabschnitt 3. Metzger für Fretnde: Will). Böß, Kaiser-Allee 17.

Zucker: Atarke 1. Januar 1920. 750 Gr. Zucker.

Nährmittel: für Januar 1920. Marke B. 250 Gr. Auslandsgries, 250 Gr. Reis. Marke O. 250 Gr. Teigwaren, 250 Gr. Graupen, 125 Gr. Auslandsgries.

N ähr m ittel und Bucker für Zuge, zogene. Hch. tzeyne, Walltorstr 5. L Lub- linski, Dammstr. 11. C. Schwaab Nächst, Selvers- weg 23. Th. Schlierbach, Frankfurter Straße 9. M. Schäfer, Ww., Kaisex-Älee 4.

Zucker für Kranke: C. Schwaab 9iad)f., Seltersweg 23.

Nährmittel für Kranke: Hch. Driesch, Seltasweg 70.

Mehl für Kranke: Ngr. 1,70 Wt. Emil Dörr, Gr. Stein weg 14.

Nährmittel u. Zucker für Fremde: K. .Rüdersdorf, Bismarckstraße.

~®eife: Marke für Januar 1920. Anteil 125 Gr: K. A. Seifenpulver, das Pfd. zu 2 Mk. '

** ,'F r e i ban k. Dienstag, 20. Januar werden von 13 Uhr die Nrn. 551600 belieftrt.

** Opernwv che im Stadtt Heater. Ter ganze Opernkörper des Hess. Landestheaters wird am 17. Februar Zar und Ziistmer mann von Lortzing, am 18. Februar Fidelio von Beethoven und am 19. Februar T i c Wal> f ü r e von A. Wagner zur Aufführung bringen. Davon anschließend findet am 20. Februar rin Symphonie-Konzert im Stadttheater statt. Der Beginn des Kartenvalanfs wird demnächst betanntgegeben, Vorbestellungen waden nicht an­genommen.

Die Seminare für technische Lehrerinnen des Aliceschul-Verrins beginnen den nächsten Jahreskurs am 7. April. Gesuche um Aufnahmen sind bis zum 1. Februar ein zureichen. (Siehe Anlage.)

Landkreis Gießen.

r. Leihgestern, 17. Jan. Seit Durchfüh­rung da Feldbereinigung hat hier die Obstbaumzucht in erfreulicher Weise ange­nommen. Hunderte von Bäumen wurden feit dieser Zeit neu angep lairzt.. Während des Krieges war ein gewisser Stillstand hierin ringe treten, jedoch ist man allerseits bestrebt, das Versäumte jetzt

Geegespenfter.

Roman von Anny Wothe.

Aacriknfedie» Copyright 1918 by Wothe-M«le, Leipzig lNachdruck verboten.) Fortsetzung 29.

Gewiß, Peter, aba die Luft im Gotteskug bekommt mir nicht. Ganz abgesehen davon daß ich c5 nicht vawunden habe, daß du mir heim­liche Zusammenkünfte mit deinem Weib zutrauen konntest, liegt mancherlei anderes vor, das mich in die Ferne treibt."

Peter streckte dem Bruder herzlich btt foinb entgegen.

.verzeihe, Bent, ich hätte dich kennen müfjen. Ich weiß, hne blind und toll Estrid, wenn sie will, die Männer machen kann. Ich war damals so ver­wirrt und außer mir durch alle Zwischenfälle, daß ich ganz vergaß, daß du ein Banken bist."

Bent stieg das Blut heiß ins Gesicht.

Du beurteilst mich zu gut, Peter. Ich mutz bekennen, daß Estrid mit ihrem bestrickenden Lä­cheln um) ihrer seltsamen Schönheit mehr als ein­mal mein Blut in Wallung brachte. Niemals hätte ich vergessen, daß sie die Frau meines Bruders ift. Außerdem war ich auch gegen ihren Zauber durch eine andere -gestit."

Eine andere? Du, Bent? Wer könnte das yem?"

Der Kapitän lachte hart auf.

~Die kleine Sölve! Sie will mich bloß nicht. So was nennt man Schicksal."

Peter sah feinen Bruder prüfend an.

Du warft in List ?' fragte er kurz.

Bem neigte bejahend daS Haupt.

Beinahe hätte ich in dem Sturm heute dran glauben müssen. Bug und Mast zersplittert, die Segel zersetzt. Es ist ein Munda, daß ich mich heimgefunden."

Deimgefunden, Bruder, das ist das rechte Wort."

Bent entzog Peter seine Lwnd.

Die Heimat ist mir vergällt," grollte er, ,cher Schatten auf dem Gotteskoog, dem sonst so reinen und lichten, und das blonde Mädchen, das ich nicht gewinnen kann, verleiden mir bre Heimat."

Peter sah unsicher auf den Bruder.

Ü>aft du ihn, haft du etwas von den Ferks gesehen?" fragte er rasch.

Nein, Peter, ich scheute mich, ins Laus zu gehen, ich glaubte, es könne mir unangenehm fein. Sölve trat ich vor da Tür und ich ging mit ihr Über die Dünen zum Meer."

Wie steht es mit den Kranken?" fragte Peter zögernd.

Besser, beide sind außer Bett. Sölve meinte, Jngewart Ferks Gemüt fei schwer belastet, nie fürchtet wohl, daß er Unheil sinnt."

Sie soll fort Vvn den Leuten," riet Peter tn- grimmig.Es taugt sicher nicht, daß sie sich für sie abmüht."

Wieder lachte Bent bitter auf.

Das ist es eben, daß es ihr niemand wehren hmn, Jngewan Ferks zu pflegrii. Wirst du es glauben," fuhr er fort, und seine grauen Augen funkelten wild,"daß sie nicht nur jetzt, so lange er front, solchem immer bei Jngewart Ferks blei­ben will? Sie, das zarte, holde Geschöpf bei dem verwilderten Gesellen, der sich vor Wut und Rache fau« kennt."

Ja, mein Gott, was will berat das dumme Ting da?" fragte Peter.

,^Zhn gesund pflegen und ihn vielleicht hei­raten. Was weiß ich. Den Fluch will sie dadurch von dem Gotteskoog und ihrer Schwester nehmen, indem sie Jngewart Ferks dient wie eine Magd. Verstehst du das? Ich nicht! Die Haare könnte man sich ausraufen über so viel Unverstand. Am liebsten schleppte ich sie mit Gewalt fort, wie du deine Frau. Dabei weiß ich nicht einmal, ob sie mich gern hat ich fürchte fast, nein, berat liebte sie mich, könnte sie nicht solch wahnwitzige Dinge vorhaben. Da lasse ich beim lieber meine Hände davon und gehe fort, je weiter, desto besser. Nun weißt du alles. Verstehst du das Mädel'?"

Peter saß bergrübelt da.

Ja, ich verstehe sie," meinte er dann zögernd, und ein eigener Glanz trat in feint blauen Augen. Sie hat die Ausomerungsfähigkrit der Frau, die Estrid abgeht. Sie ist deiner Liebe wert. Und das ift wohl die köstlichste Gewißheit, bte ein Mann haben kann."

Die Gewißheit macht es mir nicht leuhter, Peter. Ich pfeife auf den ganzen Opfermut, um so grünblid)er, da ich weiß, daß es zwecklos ist. Wenn Sölve mich liebt, gehört sie zu mir, nicht zu Jngewart Ferks."

Peter zuckte müde die Schultern.

Es sck)rint fast, Bruder, als ob wir beide die Frauen nicht verstehen. Ist dein Entschluß un­widerruflich?"

Ja, ich gehe, vielleicht komme ich mit dem Frühling wieder, vielleicht auch nie. Es drängt mich hinaus auf See. Sie war immer meine Braut, meine einzig Geliebte. Bei ihr werde ich ruhiger fein."

Peter machte feinen Versuch, den Bruder zu halten, er wußte, jedes Wort würde nutzlos fein.

Aber ein Frösteln schlich ihm durchs Her», wenn er an ben Winter dachte, den langen, trost­losen, einsamen Winter.

Bent Banken war abgereift. Er hätte feiner Schwägerin gernLebewohl" gesagt, aber Mutter Wibke meinte, es sei nicht angängig. Estrid wäre zu schwach. Sie liege ganz still da, mit Augen, über die man weinen könnte, und rebe kein Wort. Estrid sei wohl fast immer ohne Besinnung oder wolle nicht sehen und hören, was um sie her vor- ging.

Akte bestätigte das. Es war besser, sie nicht zu stören.

So war denn der blonde Seemann ohne Ab­schied gegangen und Peter hatte ihn wehmütig selbst über das Watt an das Festland gefahren.

Es war schon alles eins. Freude und Glück »raren ans dem Gotteskoog gewichen. Sie brachte nichts mehr zurück. Der erfte Schnee fiel schon in weichen Flocken, da batte Peter Banken eine Unterredung mit dem Arzt.

Nachdem der alte Doktor fortgegangen, äußerte Peter zu Wibke Wedderten:

Wie mir der Arzt sagt, ist Estrid genesen. Es ist nur eine Frage der Zett, wann sie wieder genügend Kräfte hat, ihre Pflichten auhunebmot."

Das heißt also," warf Mutter Wibke schars ein,daß ich überflüssig bin?"

Verzeiht, Modder, ja! Ihr tut ber Kranken jeden Willen, und Estrid muß lernen, auf eigenen Füßen zu stehen."

(Forsetzung folgt.)