Nr. 39 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Kberheffen) Montag, (b. Februar (920
Aus Sta-t und Land.
Gießen, den 16. Febr. 1920
** Amtliche Personal nach richte u. Uebertragcn würbe am 10. Februar dem ^chul- amtsamvärter Heinrich Lern aus Gambach Die -weite Lehrerstelle an der Volksschule zu Klein- Karben, Mrjiö Friedberg.
** AukausvonSrlbergclddurchdlc Po st. Silbergelb soll auch durch die Past .mgekauft und der Reichsbank zugesührt werden. Das Reichs postmiuisterium lxu angeordnet, den SübcrjnLiui mit allem "'Jiadibrutf zu sördern. Richt nur Die Post- ämtcr, sondern auch die Landbesteller haben sich aus ihren Bestellgängen ebenso nn' die Hilfsstellen cm der Aimahme der Münzen zu beteilig'«. Nö- tigensalls wird das Papiergeld nachher dem Vor küuser gebrach«. Die Postanstalten sollen die g> samtc Beamtenschaft, allo Bestell-Postansraltm auch die zugehörigen Hilssstcllen über Di-1 Wichtig kn t der Masnabmen unterrichten und tktl)iit wirken, daß die Möglichkeit, Silbergeld durch Vermittlung der Posl zv verlausen, im weitesten Umsang b.’tinnt wird. (5iite Vermittlungsgebühr von 10 Ps. für jede Silbermark wird dem Beamten b.'willigt, d'r zuerst die Münze aus privater Hand empfängt und gegen Zahlung des Preises amummt.
** D ic F ahrka cten der Heimkehrer. Heimkehrende Kriegsgefangene hoben bei Rückkehr wiederkwlt ihre Angehörigen nicht mehr angc- tvofsen, weil sie nach einem anderen Ort verzogen sind. Für diesen Fall roirb den Heim kehrenden zur Weiterreise nach dem neuen Wohnart ihrer An- aehörigen einmal eine ZusatzLarte gegen Stundung ides Fahrgeldes für Rechnung der Militärverwal-
die Zeit bis zur neuen tSrnte wohl überwambm werden fimne.
? d -Na uheim, 14. Febr. Frankfurter Kapitalisten als Strohmiftmer ausländischer Mäuler bemühen sich hier um den Erwerb btt Oger Hotels. Ihre Bemühungen hatten bis jetzt keinen Erfolg.
sw. Butzbach, 13. Febr. Tie ordentlichen Ernnahmen der Stadt aus dem Rechmings lahr 1918, betragen 342 861,13 Ml., die Ausgaben 323 549,53 Mk., an Steuern gingen 140 000 Mark ein.
Kreis Wetzlar.
ra. Wetzlar, 15. Febr. Ihricre St»dt»er ordneten haben eine weitere Erhöhung der Lu ft barkeits steuern um 50 Prozent beschlossen. Im Zeitraum von 7 Monaten vom 1. Juli 1919 bis zum 31. Januar 1920 sind der Stadtkasse insgesamt 42 900 Mk. an Luslbarkeits- Heuern zugeslossen, wovon allerdings 22000 Mk. auf das Kino entfallen
Hessen-Nassau.
dt. B o IN H UN s r ü ck, 13. Febr. In Türkis- mühle erwischten Zollbeamte eine Oköpftgc Silbe r s ch i eb e g e s e l l s ch a f t, die für 30 000 M. deutsches Silber gelb bei sich führten, das sie ins Ausland verschieben wollten Sie stammten sämtlich aus Galizien unb haben jetzt ihren Sitz in Paris, Wiesbaden, Karlsruhe unb Saarbrücken. Sic würben verhaftet. Außerdem wurden drei Schieber aus Dem Nachtschnellzug aus Kreuznach verhaftet.
X Hei/sfeld, 12. Febr. Die Vertreter dts Bezirktteerbandes der Bauernver.'in' stur-
tung aus gehändigt. Nötig ist dazu eine ortspolizei- liche Bescheinimrng über Pen Wegzug der Angehörigen. Tie Zusatzfabrkarten werden ohne Ausfüllung des Fahrpreises ausgestellt.
** Ter neue Adler o hne Kriser- frone auf den keutschen Brief wirken. Tie neuen Postwertzeichen, die vor Monaten in- getihttigt wurden, werden jetzt von d.w Rcickrs- truckerei den Pofianstatten grlt?r~rt. Bon den Freimarken zu 1,25 MV., 1,50 MV und 2,50 Mk. sind gegen die ursprüngliche Msichl zwei Ausgaben brr» gestellt worden. Die bisherige Kupferdrsck'maeß? mit lleberdruck nftrd durch eine in Offset-Buchdruck ersetzt Die Offset-DuchdruckmarLen werdm in etwa 14 Tagen, die Kupfer-Ueberdruckmcrtken in
Hessens und Waldeck hielten gestern und oorg.'stern hier eine Sitzung ab, die sich mit wichtigen Ber- lantsangelegenheitcn zu beftrssen l)alte. Tie An- jchlussrage wurde ettfegstltig geregelt, iudmi b?r Avs4chus an den deutschen Landllunv nunmehr einhellig Annahme fand.
= Wiesbad en, 14. Febr. Ter Kreistag des L«fetiteifeS Wiesbaden-Land erwarb das Brauukohlenbergwerk Tiefretebergen am Taunus. Tie IahrrSförderimg schätzt man ans 100000 Tonnen; die Grube ist in etwa 20 Jahren erschöpft. Ein den Kosttenfl-zen überlagerndes Tvnbager soll zur H-ersteSung »cm Zie-el- steinen Verwendung finden.
etwa li/i Monaten auSgegelen roerbm. Für den Wert zu 2,50 MV. wird das Bild der bisherigen 2-Mar'k-Marke benutzt. Statt des Reichsadlers mit Preußenschfld in den beiden unteren G*n ist der neue Mler ohne Brustschild getretzen. Ter Genius hinter den beiden Kriegergestal-en hält in der erhobenen Rechten nicht mehr die Kaiserkrone, sondern ein? Leuchte. Auch die Umwandlung der jetzigen Kupferd-ruckmarke zu 1 Mk. in eine Buch druckmarVe bleibt vvrbelpl>en. Tic FrermarVcn zu 2 und 5 MV. werden vorläufig weiter hergestellt. Tie 60-Ps Marke ist. Neujahr wieder eingesührt. Bei den lleberdruckmarken ist die bisherige Aert- angabe durch einen sclpvarzen SechMern unkenntlich gemacht. Für die Marken in Offset-Buchdruck Hot man l<sondere Stempel hergestellt. Tie neuen Marken sind auf weitem Papier gedruckt. Tic Postkarten zu 15 Ps. sind aus gelblichem, die Postanweisungen aus wsa und die Kartenbriefe aus bläuliäem Papier hergestellt. Unverändert ist die Farbe des Papiers zu 50 Pf. dec Rohr Postkarten unt der Rohcpvsthnefumfchläge zu 60 Ps.
** I m letzten Stadtverordneten- bericht ist ein Irrtum unterlau firn insofern, als Herr Winn, der der Deutschen Volkspartet angehört, der deutschen demokratischen Partei zu gezählt wurde.
Landkreis Gießen.
*o- Grv ßen-Li nden, 15. Febr. Nächsten Tienstag den 17 .Februar begehen Schuhmacpermeister und Glöckner Heinrich Z ö r b und Frau Marie geb. Schmidt das Fest der silbernen Hochzeit.
Kreis Friedberg.
Q. Bad-Nauheim, 14. Febr. In der heutigen Stadtverordnetenversamm- lung wurde folgendes beschlossen: Ten Holz- bauern wird eine Zulage von 2 Mk. für je 100 Wellen bewilligt. — Die statischen Arbeiter erhalten mit Wirkung vvm 1. Januar ab eine Erhvlmng des Stundenlohns von 30 Pf. Außerdem eine Zulage von 120 M?. für Verheiratete mit Kinder, 70 Mk. ohne Kinder und Lsdige 20 Mk. Ten städt. Beamten und Lelwern wird eine T?umtng^atage von 2000 byw. 1500 Mk. bewilligt. Eine Vorlage betr. des städtischen Arbeitsnachweises, hab alle Arbeitgeber verpflichtet sein sollten, chre offt- nen Stellen bei dem Nachweis anztunttden imb durch.diesen besetzen zu lassen, imtrbe ckbgelehnt und an den Ausschuß zu neuer Beratung zurückverwiesen. — Ter GaÄweis muß con 60 Pf. aus 1 Mk. auf den Kubikmeter erhöht werden. — Ein Gesuch Von 50 Einwohnern um Errichtung kleiner Wohnhäuser wird auf bessere Zeiten zurückgfttulll, da unter ben heutigen AnhAtnisfen an Baum nicht zu denken sei. — Auf eine Anfrage btireffend unserer ErnrchrlmgsPerhSltnisse erwart d?r Leiter? des städtisckien Leliensmittelarntes, daß, b?i äußerster Sparsamkeit im Verbrauch von Nahrungsmitteln I
vermischtes.
* Die Opfer der Seesperre. Die Wite- hmgen der Deefperre auf Leben unb Gestlndtzeft der deutschen Bevölkerung zeigt jetzt wieder mit besonderer Deutlichkeit eine Zusammenstellung des Neichsgesundheitsamts über die Sterblichkeitsver- hckkttriste in ben J<ch»en 1914 bis 1918. Tie Arhl der Sterbestwe beim weMichen Gesthkecht im 9Rter von 15 bis 30 Jahren stieg im ganzen Reich ohne Elsatz-Lrihrinsen in den Jahren 1914 bis 1916 von 34 578 auf 35 963 und 39 047. In den Alters- Raffen von 30 bis 60 Jahren stieg sie gleich^itig ton 93 312 auf 85 267 und 102 156, in den Jahren von 60 bis 70 stieg sie von 1914/16 von 64 753 auf 68 298. Die Zahl der Sterbefälle bei beiden Geschlechtern im Alter von 70 unb mehr Jahren stieg ohne Elsatz-Lothringen in den drei Jahren 1914 bis 1916 von 212 585 auf 217 914 und 236 759. Die Lungentuberkulose forderte in der weiblichen Bevölkerung ohne Mecklenburg und Elsast-Lothringen 1914 nur 38 728 Todesopfer, 1915 dagegen 40 526 und 1916 sogar 45 653.
* Oberammergauer Kriegsschicksale Tie Engländer nefymen soviel Interesse an der Zukunft der Oberammergauer Passionsspiele, daß die „Daily Mail" ftch einen Bericht über die Kriegs schicksale des berühmten Dörfchens von einem Mitarbeiter liefern läßt. Zunächst wird mitgetejlt, daß Anton Lang, der Darsteller des Christus, nicht, rote wahrend des Krieges berichtet wurde, gefallen ist. Lang hat niemals an der Front gedient, sondern er war nur eine Zeitlang bei den bayerischen Pionieren eingesogen unb wurde bann als krank entlassen. Er hat mehrere Monate gt> braucht, um sich bei ben schlechten Ernähvuvgs- Verhältnissen zu erholen. Eine Anzahl van Mit- wirkenden bei ben PafffenShnrien, sowostl Darsteller, rote auch Sänger wnd Musiker, sind gefallen. Man hofft in Oberammergau atigemein, daß die Passionsspiele in nicht allzu ferner Zukunft wieder ausgenommen werden Sinnen. Aber gegenwärtig sind Nahrung und Kohle so knapp, daß man an irgendwelche Vorbereitungen noch nicht bettlet kam.
* Die bes chlagnahm ten Beinkleider. Unter den Strichen, bet das amerft«stick»' Gesetz über den Verbot des Blb»ho-S für trtttmgen Vorsicht, befindet ftch auch Die Ai:- drohung, daß das „Geführt", in rem bte verbotene Flüssigkeit transportiert roieb, beschlagnahmt ner- ben soll. Gedacht ist woU daba m Aagen um» A«tomo»ile, in denen man Bein- uns Schn st»- süsser befördern Eorrarte. Diese Strafe hat abrr nunmehr eine merkwterbige Auslegung und Anwendung erfahren. In Chikago veichrirett die 'ÄNuti bene Pchsftdemov einer gro^n Charles Niel Thomas, weit er cmgrflegt war, g.ft einer in seiner Hosentasche mitg.'führtm Flasche sei
nen Gefährten, die mit ihm speisten, nnm „starten Trunk' angeboten zu haben. In strenger Befolgung der Anweisungen des Geietz's ronrb' dem gastfreundlichen unb sreigebigen Herrn das „0>:- fäfyrt", in dem er den verbotenen Alkoh.'l mit sich führte, nämlich seine Beinkleider, b.'schlag- nahmt, und er mußte nach dieser höchst peinlichen Prozechtr, aus der Haft entlassen, auf Schleichwegen sein .Haus erreichen Iti»mi, der in her Tasche seines Beillkieides irg.nd welchen Alkohol mit sich trägt, droht also Konfiskation der „Ui:- aus sprech! ichen".
Handel.
Frankfurt a. M., 16. Februar.
Devisenmarkt.
Datum: Amsterdam • Rotterd. Brüssel-Antwerpen . Christiania Kopenhagen Sto4cholm......
Helfingfors jtalicn Cenben New-Park Baris Schweiz Spanien . Wien (altes) .... Deuffch-Oesterr. abg. .........
Budapest , . Bulgarien K»«fton1p,»pel . . .
Geld Brief Geld Brief 13. Febr. 14. Febr.
3721,- 3029,- 3746,- 3751,- 734,-0 735,70 739,25 740,75 1678,25 1681,75 1708,25 1711,75 1443,50 1446,50 1458,50 1461,50 1848,- 1852,- 1868, 1872,-
394,60 395,40 399,60 400,40 544,50 545,50 549,50 550,50 33»,65 340,35 340,65 341,35 100,40 100,60 100,40 100,60 699,30 700,70 701,80 803,20 1643,25 1646,75 1648,25 1651.-5 1718,25 1721,75 1718,25 1721,75
37,96 38,04 39,46 39,54 28.S7 30,05 32,97 33,03 96,90 97,10 98,90 99,10 23,71 33,79 34,66 35,04
Markrrotternugeu.
Datum: 13.2.
Zürich 6,10
Amsterdam 9,22
Äopenstatz«,............... 7,20
feto (Myelin 5,45
Mftn 346,-
14.2.
6,10
2,70
7,20
5,24
330,-
— Wilhelm Gailfche Tonwerke A. G. Geheimer »vmmerpienrat Dr. Wilhelm Gail in Gießen hat seine bisher unter der Firma Gail'sche Tampsziegelei und Tonwarensabrik W. Gail betriebenen Werke in eine Aktiengesellschaft, firmieren» : Wilhelm Sail'sche Tonwerke Aktiengesellschaft m«grrMK>e(t. Tie Genehmigung durch die Hessische Slaatsbehörde und die l)andelsqerichtliche Eintragung ist erfolgt. Tas Aktienkapital beträgt 1000 000 Mk., welches von dem Boehesitzer un-- grtertt übern»n«en wate. — D« Milnftrfting eines Barrkhanses i«rd nicht statt: es handelt sich um eine Gründung, denen Amen im Fa- «ilienbesitz verbleiben fallen. Geheimer Kommerzienrat Tr. Wilhelm Gall widmet seine Kraft weiter dem Unternehmen clls Vorsitzender des Aufffchtsrats der Gesellschaft, dem außerdem die Herren Dr. jur. Georg Gail, Direktor Hermann Petri und Privatier Jacob Jung, sämtlich zu Gießen, angehören. — Zu Mitgliedern des Vorstandes sind die beiden langjährigen Mitarbeiter Raimund Wagenschein und Karl Wenzel bestellt.
Bncherttsch.
— Albert H. Rausch: Kassiopeia. Verlag Egon Fleisches, Berlin. Albert H. Rausch hat nach mehreren Prosabüchern wieder ein Gedichtbuch veröffentlicht. Es sind die gesammelten Verse eines Zeitraumes von 10 Jahren. Danach kann man an imb für sich schon erwarten, daß Herschiedenartiges in dem Buche steht. Deutsch spürt man die einzelnen Entwicklungsstufen. Leider muß man aber konstatieren, daß sie nicht steigend zu einer höheren Vollkommenchtit führen. Gedichte wie die „Hymne an die Mutter" roadtfen ans tiefem Erleben. Das Antinons-Gedicht „Krönung"' tft von strahlender Schönheit. Daneben stehen z. B. die „Elegie an eine Sängerin": bis auf wenige Zeiken leblose Diktion. Die „Lothringischen «•ffieat" ohne Belang. Vieles der Reche „Sterne ftefen" ist ewrikr Durch-chnitt, ein Gedicht wie dis „An einen Unbekannten" einfach unmöglich. Liest man aber wieder das Sonett „Der KünstLn", so ueiß man: Rausch ist wirklich ein Dichter. Doppelt beflogt man dann seine Distanzlosigkett gegen- Anr pich feWt, die Hn so schlechi unter seinem Merke austockmen -ietz.
(In einem Teil der Auslage wiederholt.)
der verztchl auf die Auslieferungen!
Paris, 14. Febr. Aus italienischen Greifen wird der ÄHentur Havas gemdbet, dast die Londoner Käuferenz beschlossen habe, di: Schuldigenunter Kontrolle der Alliierten in Leipzig aburteilen zu lassen. Man ivrirbe also auf die Auslrelerung verzrch- t en und den durch Deutschland am 25. Januar gemachten Vorschlag mit einigen Kettle rungen «nnehm-rn.
Tie Adria frage stkeibt immer noch aufgeschoben. TrunÄckstch überreichte einen Abän
derungsvorschlag. England unb Frankreich, die air dieser Diskussion nicht tcilnahm.-n, verlangen eine definitive, positive ober negative Antwort. 'Jtitti gab zu erkennen, baß er sich noch Belgrcch begebe.i iverde, unt cinnt günsligm Vertrag mit Jngoslawien obzufchlietzen.
Die Schluftsitzung des Bolkerbundrates.
London, 14. Febr. lWTB.) Die Schlußsitzung des Völkerbundralcs wurde gestern eröffnet mit dem Verlesen des Berichts zu den auf der Lagesordnung stehenden Fragen. Die bereits <icn»äl)lten vier Kommissare für das 2flor gebiet sind folgende: Für Frankreich eteetsfefreier Rault, der der Vorsitzende wird, der Belgier Major Lambert, der Däne Graf Moltke Hitfeldt und der Saarländer Boch. Der fünfte Kommissar wurde vorgeichlagen, ohne dast seine Na- tioitalität genaimt worden ist. Die Vollmachten des olerften Kommissars für Danzig, Sir Reginald Toner, wurden bestätigt. Dieben bet Frage des Saaigebietes und der Danziger Frage wurde namentlich der Bericht Bourgois' über die Erricht tung eines ständigen internationalen, ^'richtshofer diskutiert. Der Bericht hob, ohne die Wirksamkett des Haager Schiedsgerichts missen zu wollen, die Notwendigkeit einer bölleren Gerichtsbarkeit hervor, die von der Friedenskonferenz einzusetzen unb za sanktionieren sei. Der Bericht schlägt vor, die Frage einer juristisck>en Kommission zur weiteren Behandlung zu überweisen. Zum Schlutz der Sitzung be- sprach Balfour nochmals die Finanzkrtsis Europas und die Mittel zu ihrer Behebung. Der Rat beschloß daraufhin di" Einberufung einer dies bezüglichen internationalen Konferenz. Eine Aeufterung des Freiüerrn von LrrSner.
Berlin, 14. Febr. lWTB.) Freiherr von Lersner gibt im „Lokalmrzeiger" eine Erklär rang ab über das, was wir von der Entente zu befürchtm hätten. Er meint, daß es seil dem 10. Januar unmöglich ist, daß die Entente auch nur einen Fußbreit deutschen Landes besetzt. LerS» ner hält für die Dauer des Friedenszustrüdes eme Besetzung Deutschlands für unmöglich, glaubt auch nicht, daß Frankreich oder die Alliierteir in absehbarer Zett den Frieden durch eine ro'ire Kriegserklärung brechen könnten.
Die Wriafrage.
Belgrad, 14. Febr. lHavas.) Die Adria- frage hat einen Konflikt zwischen der Reis i e r u n g und den Oppositionsparteien Herrorgernfen. Der Prinzregent hat die Partei^ • lührer zu einem Einigungsversuch veranlaßt. Wenn dieser mißglückt, muß das Kabinett demissionieren.
Die finanzielle Lage Amerikas.
Washington, 13. Febr. sWTB.) Schatz- sekeetör Houston kündigte am Montag die Tilgung der laufenden Schulden in Höhe von 60 Millionen Dollars an Nach Angaben Houstons ist die finanzielle Lage der Bereinigten Staaten als glanzend zu bezeichnen.
Rücktritt Lansings.
Washington, 14. Febr. (WDB^ Staatssekretär Lansing hat demmissivnitzrt. Seine Demission wurde angenommen.
Die Lohndifferenzen im Hoch- itnfo Tiefbaugewerve.
Berlin, 13. Febr. (WTB? Tte seit mehreren Nbonaten im Hoch- und Tiefbaugewerbe bestehenden Lohnd ifferenzen wurden nunmehr durch einen EinigungsVorschlag beigelegt, der seitens der beteiligten Arbettgeller imb Arbeitnehmer angenommen wurde und eine Teurungs- zulage vott 1 Mk. pro Stunde vorsieht für Großstädte über 100 000 Einwohner der Industriegebiete Rheinland, Westfalen und Oberschlesien. Für die Bitterfelder Lautawerke beträgt die Zulage 1.25 Mk. Tie Verhandlungen über die Ende März ablaufenden Reickstarifvertröge für das Hoch--" und Tiefbaugewewe sollen Anfang März begonnen werden.
Die hessische Zentnrmsvattei und die cheinische und grosthesfische Bewegung.
mr. Darm stadt, 13. Febr. Die Zentrumsfraktion der hesftschen Volkskammer nahm m ihrer gestrigen Nachmittagssitznng folgende Entschließung an: Tie am 12. Februar 1920 statt- geftrndene Sitzung der Zentrumsftaktion des Hess. Landtages, an der eingeladene Parteifreunde aus den Kreisen Alzey, Bingen und Warrns teilnahmen, stellt sich einmütig ans den Standpunkt der Ablehnung des grioßpreußischen Gedankens, befürwortet die mit der Frage der Rheinischen Republik zusammenhängende Idee einer VerseIbständigung der am Rhein gelegenen Länder im Rahmen des Deutschen Reiches und aus Grund der deutschen Reichsversasftmg Sie hat zu den Parteifreunden das Vertrauen, daß sie nicht Vereinigungen unter stützen, die dem deutschen ReichsgedanÜm und damit auch der dsntschen Zentrumspartei ab- v träglfth sein können. Im übrigen verweist die Konferenz die weitere Erörterung der Rhein landsfrage vor den Landesausschuß der Hess. Zentrums Partei, wohin sie zuständigkettshalber gehört.
Geegespenstec.
Roman von Anny Wothe.
Amerikanisches Copyright 1918 by Anny Wothe-Melm, Leipzig.
(Nachdruck verboten.) Fortsetzung 43.
„Ich bin zu dir gekommen, Jngewart," nahm Estrid das Wort, nach seiner hageren sano tastend, „um dir zu sagen," — sie zögerte einen Augenblick, „wie tief ich bereue. Hab dock; Erbarmen," fuhr sie fort, an der Butze auf die Knie sinkend, „fühle doch, daß ich nickst so leben, nickn atmen kann, wenn ich die Gespenster nicht zu binnen vermag. Immer wieder steigen ftz aus d:r See zu mir empor mit beteten Zügen unb verfolgen mich Tag und Nacht, mit deinem Wort und deinem Fluch."
„Erl armen?" fuhr der Kranke aut, sich mühsam aufrichtend. „Hattest du Erbarmen mit mir, als du mich verrietest? Du trägst nur deine Strafe."
Die Augen des Fiebernden sahen sie drohend an
„Ich könnte dich jetzt töten," flüsterte er geheimnisvoll, „aber ich habe es der da —", er beutete, auf Sölve — „verf»rochen, es nicht zu tun. Sie will bann stets bei mir bleiben urtb einen Ercmz tragen, wie du Lh« getragen, unb fie_nrirb ihn treu unb in Ehren halten, die Reine SStve, was du nicht gekonnt."
Estrid schauerte zusammen. Sollte die Schwester, ihre Äebe jungt Schwester, ihr Opfer fein?
,L)öre mich, Jngewart FerkS," hat Estrid, seine Hand mit ihren beiden «tafan umttemwevn», „nicht tik mich bitte ich dich Ich haste wr einen Wen kleinen Jungen, feer fckll nicht »ter deinem Fluch zugrunde gehen und anch nicht das Haus des Mannes, der mich geliebt hat und den tth betrogen, ans Leichtsinn, wie ich dich betrog. Nimm bte Schuld von mir, Ingen«, betete mich von der Qual, die mich m*t los läfel’ Du hast mich geliebt, wie ich dich, und um inefer Lrefee willen bitte ich dich, Jngewart, verzeihe nur die Sünde, die ich gegen dich beging.
Sieh, ich will fein Glück für mich, nur für mein Kind bitte ich dich! Weit, weit will ich mit dem Kinde wandern in ein fremoes Land, fort von dem Mann, dem ich eben so weh getan wie btt. Um des Kindes willen mußt du den Mich lösen. Eme Mutter bittet dick, eine imgffiAtibe, trostlose Mutter!"
Schluchzen erschütterte Estrifes Körper und ihre
heißen Ttihrert rannen über Jngewcofttz abgezehrte Hande.
Staunend sah der itwtfe auf die Kniende. War das Schön-Tstrid mit dem sieghaften Lächeln, die einst alles in ihren Bann gezwungen, die nun nichts war ccks ein armselig, verzwestetees Weib?
Stttee war näher getreten. Ihre beiden gefalteten HSnste fegte sie auf des Kvanllen Stirn.
„Vergib ihr," bat sie tintig, „vergib der Muter, die für chr Kind fkckhl."
Da ging eme ftttsame Veränderung über Jng«w«tzs harte Züge.
Nnftcher blickte er auf Estrids blondes Haupt, das sich verzweifelt in den Kissen seines Lagers barg. Seine Hand tastete nach ber Sölves und er klammerte ftch an diese kleine Mitfechenhsrch, als Bmtte sie ihm Trost und Beruhigung spenden.
„Ein Kind," tagte er staunend — „ein lleines Kind ? Können Kinder Wunder schaffen? Kann ein Kchd ein lrichtiertiges Menfchenherz, das mtt dem Besten fees ruberen immer bloß gespielt, so wei^elv? Nein, ich glaube nicht daran. Glaubst du es, Sölve?"
„Ja, Jngewart, ich glaube eS," versetzte das Mäbchen mit tintiger :Hoversicht, „ich g(«ube es, feenn Mmter'iebe ist das Größte und Heiligste im Leben. Nichts reicht da hinan."
Jngewart FerkS Augen ruhten unverroandt aus der Fam, die an seinem Schmerzenslager tniet:, awr der endt so Stofeen, die fteghaft durchs Leden gchq and jetzt nichts war, als eine armselige Bettlerin.
Was hatte sie gesagt? Sie wollte mit dem ftiitb weit ioetgefeen? Alfe nicht mal der Mann, um bcu sie iftu ti 11 —tarn zu ihr? Sie war
e»W.. etnfem. xm: Werota bssn,
als er, denn er hatte ja Sötve, die eine so süß: Stimme hatte unb bte gelobt, ihn nie zu verlassen.
Und ein Mitleid ohnegleichen qitott in des Kranken Brust empor, Mitleid mit der Treulosen, feie alles Hoffen seines jungen Hebens grausam geknickt.
„Hifte mich, Jngewart," bat Estrid von neuem „Jetzt erst, wo ich selbst ganz verlassen bin, weiß ich, was ich dir tat! Ich glaubte dich tot und da nahm ich feen anderen."
„Den Toten braucht man keine Treue zu halten," stieg es wieder bitter in ihm auf unb leise murmelte er die Worte bot sich hau.
Estrid hatte sie verstanden. Sie hob die in Tränen fftrnmemben Auaen zu ihm auf und all bas Glück, das ihm einst aus diesen strahlenden Sternen gelacht, wallte heiß in fernem Herzm auf.
Unsrcher faßte seine Hand ntuf) der ihren
„Und wenn ich dich bitten würde, Estrid." tilgte er stockend, „bleibe bei mir, mache dich frei von feem Mann, um den du mich betrog«! und folge mir in ein neues Leben, was roitibeit tu sagen?"
Sie hielt tapfer seinen durchdringenden Blick aus.
„Tat ich nicht kann, Jngewart, berat stell, ick liebe den Mann, der mich iii'rirfnMfr, ich liebe den Vater meines Kindes."
(Fortsetzung Met)


