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rtt. 209 Swettes Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen) Montag, d. September 1920
Line 8eict)$ernäbrungsfonferenj.
Berlin, 2. Sept. (Wolff.) Im R-:ichs- ttiwiftetiuin für Ernährung und ümomirtiiaft barib am Mittwoch eine Konferenz mit oen E rn ährungsmin isternder Länder statt, bic zu einer eingehmdcn Aussprache über die ver- [d>iexnfielt QX'biete der Ernährung sühne. Die Bella--luncen wurden vom Reid.sininistcr Dr. Hermes mit einer Ansprache eröffnet, in welcher er darauf l/inwies, daß in vielen Punkten der Er- nähruni eine wesentlrche Aenderung der V?rsor- ginig c ngetreten sei.
Delirüdjte und Kartoffeln seien fieigcgtben Auf anderen (Gebieten sei die zentrale Einfulft auf gegeben, wie für Fische, Obst, Gemüse ulw. Tec Abbau der Zwangswirtschaft, so fuhr der Minister fort, legt zwei Gedanken besonders nahe, und zwar erstens, daß wir bet Aaff- l-ebung der Zwangswirtschaft unter allen Umstünden ein gemeinsames Vorgehen der Länder und des Reiches erzielen müssen. Es würde äußerst bedenklich sein und nicht bloß das Interesse dos 9tad)C£>, sondern auch die Jntevefien der Länder gefährden, warn Sonderaktionen sich bei dem Abbau entwickeln sollten. Ich darf $u meiner Freude festste! len, daß es bisher gelungen ist, diese Einheitlichkeit aufrecht zu erhalten, und da, wo Sonderaktionen eingeleitet waren, ein einheitliches Zusammengehen wieder herzusüÄen. Wir alle müssen zmserc Bestrebungen dalstn richten, caß Sondern ktionen irgendwelcher Art in Zu- finrft unterbleiben und daß einzelne Wünsche dem Gesamtbedürfnis untergeordnet wecken, wie überhaupt das Gesamtbedürfnis des Volkes und des Reich.s allgemein maßgebend sein must. Zum zweiten ist daraus zu verweisen, das; mit der Aufhebung der Zwangswirtschaft die Verantwortlrchkctt 6er deutschen Latckwirtschnft eine größere und unmittelbarere itnrb wie zur Zeit der Zwangswrrt- schast. Die Landwirtschaft muß sich in allen ihren Gliedern ihrer Verantwortung bewußt sein und für sich daraus die Aufgabe teil eiten, einen Verbrauchers chuh zu organisieren, d. h. das deutsche koniumierende Volk vor einer übertriebenen Preisbildung und üor einem Mangel <ni Nahrungsmitteln zu schützen Helsen. Die großen Organisationen und ihre Führer haben uns ihre Mitwirkung in dieser Dinsicht in den letzten Wochen zur Verfügwrg gestellt und ihre Mitglieder und Mnbänger m Aufrufen zur tätigen Luise angespornt. Es muß auch anerkannt werden, daß die Brot getr eidea bla e- ferung, die ja hierbei eine ganz besonders wichtige Rolle spielt, in den letzten Tagen eine Bef - ferung erfahren hat, wenn sie auch noch nicht ausreicht, um die Brotwserve in genügendem Maße sicber zu stellen. Ich gebe der Hoffnung Ausdruck, daß diese bessere Ablieferung an Brotgetreide, die unbedingt notwendig ist, unter der tätigen Mitwirkung der landwirtschaftlichen Organüationen auch weiter anhält. Auf dem Gebiete der Preisbildung werden die landwiristhaftlichen Organisationen ebrnfo mitwirken muffen, damit Maß gehalten wird. Tie freie Wirtschaft, wie sie setzt, namentlich in Kartoffeln eintritt, darf nicht dazu führen, daß eine wucherische Preisbildung Platz greift. Einer solchen Entwickelung, welche auch für die Landwirtschaft selbst nicht glücklich feün würde, muß Ire Landwirtschaft mit allen Mitteln entgegentreten. Wenn die Organisationen und Ge- nossensd-aften sich in den Dienst dieses Gedankens stellen, dann dürfen wir mit größerer Ruhe der Zukunft entgegensehen. Ich würde es begrüßen, wenn auch ine Regierungen der Länder in diesem Sinne aufklärend einwirkten.
Der Minister erstattete dann noch Bericht über die Konferenz in London, die voraussichtlich in den nächsten Tagen in Italien eine Fortsetzung finden wird, und eröffnete dann die Debatte über die einzelnen Punkte, die auf der Tagcsocknung standen. Es handelte sich dabei zunächst um die Frage der Freigabe der Fleisch wirtschaft und der Bereitstellung einer Reserve an Auslandsfleisch, Die ständig so groß gehalten werden soll, daß sie eine Wockenratvon für längere Zeit sicherstellt. Gegenwärtig sind 56000 Tonnen Fleisch vorrätig. Ter Bestand soll dauernd auf 30 OOO Tonnen gehalten werden, so daß 1b Millionen Versorgungsbeivchtigte drei Monate lang mit 125 Gramm wöchentlich versorgt werden können. Don einzelnen Ministern wurde eine Reihe von Wünschen und Anregungen laut. Ter preußische Staatsldmmisiar regte an, daß die stvmmunalverbände bei Aui- hebung der Fleischbewirtschaftung noch für einige Wochen Fleischmengen sicherstellten, die auch nach der Aufhebung der Fleischbewirtschafturrg an die Bevölkerung ausgegeben werden können, um auf diese Weise Stockungen in der Uebergangszeit zu vermeiden. — Ter sächsische Minister sprach sich gegen die Aufhebung der Bewirtschaftung des Fleisches aus, wogegen die weit überwiegende Zahl
Der Länder, einschließlich Braunschweig, für Die Aufhebung ein trat.
Im Lause der Debatte gab der Reichsminister die Erklärung ab, daß er die Verantivornmg nickst übernehmen könne, die Freigabe des Schlachtviehs ohne Sicherung einer Fleischreserve vorzuschlagen. Tie Sicherung müsse geschaffen werden g.gen Stockungen in der Anlieftrung und gegen übertriebene Preisbildung. Auch die Sicherung der Brotreserve, die zur Stelle sein soll, wenn die Fleischbewirtschaftung aufgehoben wird, sei absolut notwendig für die Sidicrung der Ernährung. Für diese Brotreserve komme unmittelbar das Vu- und Auslandsgetreid' in Betracht.
An b.e Besprechung der Fleis sdennit^(Haftung schloß sick) die Besprechung der Getreidebewirtschaftung, wobei Oldenburg die Erks ärung wünschte, daß mit Ende dieses Wirtscsiasts- jahres die Aufhebung der .Zwangswirtschaft erfolgen soll. Vom Reichsministerium wurde demgegenüber erklärt, daß über den Zeitpunkt Der Aufhebung heute unmöglich eine Erklärung abgegeben werden könne. Ein Antrag Bnverns fvr- berte eine Verminderung des Ausmahlungssatzes, sowie eine Erhöhung der Brotration, also eine Verbesserung der Brotveriorgung nad; der Qualität und Quantität. Von anderer Seite wurde demgegenüber daraus hingewiesen, daß eine Erhöhamg ber Menge weniger notrenbig sei, als die Best l'erung beS Brotes, weil die übrigen Lebensmittel letzt gegen früher doch beträchtlich vermehrt seien, namentlich Fett. Tie geringere AusmoIKung und die Erhöhung der Brottation infam men feien fv lange bedenklich, als man die Entwickelung noch nid>t genau über sehen und wissen könne, über weldx Mengen man verfügen werde. Tie meisten Vertreter der Länder schlossen sich der Forderung nach einer Verminderung des ?lusm<thlungssatzes an, eine minder große Zahl auch der Forderung nad) Erhöhung der Brotration. Es wurde außerdem der Wunsch geäußert, daß im Falle einer Erhöhung der Ration die Reichsgetteidestelle eine IleineMenge Auslandsmehl, d. h. gering ausgemableues Mehl, zur Verwendung in der ftüdje bereit stellen möge.
Zur Freigabe der Mrtoffelversorgung verlangten einige kleine Staaten Ausfuhrverbote. Die Reichsregierung widersprach dtesem Verlangen grundsätzlich. Die Maßnahmen gegen die Preissteigerung, die wegen der späten Stunde nicht mehr eingehend besprochen werden foniften, sollen in einer demnächst stattfindenden Konferenz besonders erörtert werden. Cs wurde auf den Ausbau Der Preisprüfungsstelle Hingewic- sen, der freilich eine durchschlagende Besserung nicht bringen könne. '
Bezüglich der Zuckerbe Wirtschastung wurde eine schnelle Festsetzung der Rübenpreise gefordert. Ferner wurde gefordert, daß die Marmeladefabriken erst dann beliefert werden, wenn die Rationen für die Bevölkerung! ftchergestellt sind und desgleichen eine bestimmte f)Jöenge Einmachzucker. Die Frage einer stärkeren Belieferung der Brauereien konnte nicht mehr besprochen werden. Der bayerische Minister gab dem dringenden Verlangen Ausdruck, daß ein höher Prozents ges Bier gebraut würde, lieber die Festsetzung eines Braukontingents Wick in der nächsten Zeit in einer Sondersitzung verhandelt.
Es wurde dann eine weitere Konsenenz für Ende des Monats in Aussicht genommen.
Konferenz der hessischen vergwertt- bctrkbsleiter.
In ungewöhnlicher Anzahl hatten die Leiter Hess. Bergwerksbetriebe sich am 31. v. Mts. in Gießen zu einer Konferenz im geologisch-mineralogischen Institut der Universität zusarnmengefun-- den. $>ter gab zunächst Pros. Tr. Kaiser an Sxmb einer großen Reihe von Lichtbildern einen Uebecklick über die bergbauliche Bedeutung von Südwestafrika und die damit zusammenhängenden geologischen und morpholo-- gisck.en Ericheinungen. Besonders wurden die charakteristischen Wüstenformen und die damit eng verbundene wichtigste Mineralgewinnung, nämlich die der Tiamanen, vor geführt und erläutert. Die fesselnden Ausführungen des Vortragenden, die sich auf fünfjährige erngehende Erfvrsdmng jenes Gebietes während der Kriegszeit grünben, fanden lebhaften Verfall und Tank der Dersammlung. — Sobaim erörterte Prof. Tr. §>arrässowitz an Harrd ausgesucht schöner Stücke den Begriff, die .Bedeutung und Entstehung der sogenannten ,,Ver- wi 11 e run g sla g er stä 11 en". Er wies besonders auf die Wichtigkeit dieser Lagerstättenart in Heften hin und eröffnete habet einen Ausblick auf die neuen Aufgaben, die der geologischen Forschung in unserem engeren foeimargebtet harren. Anknüpfatd an diesen ebenfalls mit großem Beist ll auf genommenen Vortrag betonte Bergrat Kv brich die Wichrigkeft der geologischen Mitarbeit für den
hessischen Bergbau und wies auf eine Reihe von Fragen des praErifdxn Betriebs hin, die zu ihrer Erlckigung einer solchen Mi.arbeu nicht vntratcit lönncn. Daher sei eine ftäitjigc enge Fühlung der Betriebsleiter mrt den Vertretern der geclogifdxtn Dissenscliaft unerläßlich. Tern jetzt schei.^enden, nach Münckien berufenen Prof. Dr. Kaiser galt der besondere Tank ber Versammlung für seine seitherige Mitarbett an der Entwicklung des Ijeffi- fckcn Bergbaues. — Sodann wurde über die schon mehrmals bebaitbelte Mar kscheiderfra ge ge sprachen. Tre Niederlassung eines Marksd^iders in Gießen ist nunmeln zum 1. Oktober gesichert. Tie weitere Ausgestalnmg der damft zulammen- llängenben geschäftlichen und Vertrags fragen wird bis dahin erledigt sein. Mit einer Reihe von Heineren Mitlellungerr schloß die Konferenz.
Kirche und Schule.
O Evangelischer Presjetag 1920. Ter in den Tagen vom 10. bis 13. September in Hannover sbrttfindcnde 2. Evangelische Pres 1 etag wick die Vertreter der evangelischen Preßoerbände, der eo>ang.lisd)en Tagespresse, der Sonntags presse, der Gemeinde- blattpresse, der evangelischeir Vereins- und Fachpresse, ferner die Glieder des freien evangelischen Schrifttums, sowie in Betracht kommende Parlamentarier zusammcnfühven. Am 10. und 11. September wird zunächst dft alljährliche Berufsarbeiterkonferenz der Evangelisdien Preßverbände stattfinden. Der Haupttag, der 12. September, ficht Gottesü' in ben größeren Kirchen Hannovers, sowie te e st g 0 t t es d ren st in der Aegidftnkirche vor mit dem Prckrgtthema „Kirckte und Presse". Für die Beratungen sind 3 Gegenstände vorgeschen: „Grundforderungen christlicher Presftarbeit, an den Grundsätzen des Ehrisientums gemessen", „Die Notlage ber evangelischen Presse und die Mittel ihrer Bekänrpfung", „Berickst über die Ausführung der Dresdener Beschlüsse (Presse und Kircl.enbe'hörden), September 1919". Bei einem geplanten großen Volks- abend sollen außerdem rod? Vorträge gehalten werden über die Fragen: „Was müssen die Evangelischen von ihrer Presie fordern?" und „Wie müssen die Evangelisd)en ihre Presse unterstützen?" Am letzter: Dag finden noch S 0 nderk 0 n feren- zen der berfdziebenen Fachgruppen statt, deren Zweck ein engerer Zusammenschluß zur Wahrung der Fachinteressen ist.
mc. Mainz, 5. Sept. Am heutigen Sonntag fand hier ein großer katholischer Arbeiter^ t a g für den besetzten Teil des Fveistaates .Hessen statt. Ans allen Orten tarnen die Arbeiter in großen Massen, trotz der zweiselhasteir Witterung, und hörten im hohen Dome das Hochamt nm Grabe des großen Sozialbffchoss Frhr. Emma- nuel v. Ketteler. Die Berattmgen währten dann den ganzen Tag und behandelten u. a. die wichtigen Fragen „Kirche und Arbeiterin ferner „Die Notwendigkeit der katholischen Arbeiterbewegung", „Arbeiter und Sozialismus" usw. Auch ans den weiter entfernten Orten Rheinhessens waren große Arleiterfcharen nach Mainz gestckmt.
Aunft und Wissenschaft
Die Darmstädter Sezession.
rm. Darmstadt, ?,. Sept. Die Frage ber Tarmstüdter Seceffion wurde in der heutigen Sft- zung ber Stadtverordneten noch einmal angeschnitten, nachdem sie vor vierzehn Tagen ein ganz gründliche Verurteilung erfahren hatte, was den Präsidenten der Ausstellung veranlaßte, eftien Brief an den Oberbürgermeister zu schreiben und ihn in der Presse zu veröffentlichen. Der Oberbürgermeister Dr. Glüssing teilte nun den Stadtverordneten mit, daß er in Uoberemstimmunn mit dem Ergebnis einer Besprechung mit der von den Stadt- verordneten bestellten Kommission an den Präsidenten der Ausstellung Herrn Kaffimir Edschmü) folgende Antwort gerichtet halbe.'
„Ich beehre mich, Ihnen den Empfang der gefälligen Mitteilung vom 26. August zu bestätigen, die sie an mich für die Darmstädter Secession richteten.
Ihrem Wunsche entsprechend, wecke ich den Einlauf der Mitteilung der Städtvewckneterr-Ver- sammlung zur Kenntnis bringen. Zur Sache selbst darf ich das Folgende Mitteilen: Wir sind mit der auch von Ihnen gegebenen Anregung einverstanden, von einem ?lnkauf von Kunstwerken abzusehen. So sehr im übrigen Veranlassung gegeben zoarc, auf die Ausführungen I'hrer gefälligen Mitteilung einzugehen, unö hierbei u. a. irrige Annahmen klar- zustellen, so trete ich doch auf den Boden Ihres Standpunktes, der eine weitere Erörterung ablehnt."
Ter Abgeordnete Kollmann (USP.) versuchte noch für die moderne Kunst, die doch ihrerr Weg mache, vergeblich eine Lanze zu bredjen, während
Stadtv. Hütsch iSoz.) die Angelegenheti als einen „dunllen Punkt" in der Gescküchte Tarnfftadts be>- zeichnetc, dock) sand die Stellung des Cberbürgev» mristers im übrigen Die Billigung der Versammlung.
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mc. Wiesbaden, 5. Sept. In der Nacht vorn Freitag zum SamStag ist der Direkwr der inneren Abteilung des städtisd^n ÜrantenhauseS. Professor Tr. W. Weintraub plötzlidi ge» torben. Weintraub genoß als Rrckiziner Weltruf. Seine wisftnschastlichen Arbcften waren mit das Beste, was auf dem Gebiete der inneren Medizi» geschrieben wurde.
vermischte».
88 tötlichc Pilzvergiftungen in 14 Tagen.
Dor Geschäftsstelle der Pilz- und Kräuter- zeittrale, einer gemeinnützigere ^-orschungs- rmd Arbeitsgemrinsdaft von Pnzforsdiern, Pilz- und Kräuterfremckm (Sitz Lrilbromc a. 92.) wurven in der Zeii vom 28 Juli bis 13. August, also in nur 14 Tagen, au£ 51 Orten nicht weniger als 55 Pilzvergiftungen, die 165 Perionen be* trafen, gerne (bet. 9Hdjt iwnigcr als 88 tneivuc Vergiftungen en beten tödlich, die ohne B’iwifd iu>d) durst, iveitere Sterbcfäl'e unter den Brttwf- fernnt erhöht wecken. Dazu kommen njd) solche Fälle, von denen bie Pilz?» itnb iriäutcr-^tnilc nichts erfahren hat. Genaueres über diese rosst reckende Zahl von Pilzvergiftungen möffent» listt die oben crioälmte gemeinnützige Gese'.lsst^ift in der AuiMstnummer ihres Organs „Ter Pilz- unb Kräuterfteund", auch ist in dem gleichen £>rit an einen typischen Fall ber heimtückische Verlauf der Vergiftung durst» den Knollenblätierpllz beschrieben, bei welcher die Vergistungserschrinungm erst 10—20 Stunden nach den, Genüsse eintreten, um tonn fast ausnahmslos tödlich zu enden. Ebenso sindet fist) in dem erwähnten freft die Beschreibung der Bergiftungsersstreinungen durst) einen neu.nl- berften Giftpll» Inocybe Satararia (ziegelroter Rißpilz), von dem kein einziges Pilzbuck) etwrs berichtet, außer das in diesen Tagen neu erschienene Bademecum von dem ersten Pilzfulcher Deutschlands, Pfarrer h. c. Ricken, der aud) ermm weiteren sehr giftigen Pilz, den Lärchenmilchlmg (Lactarius Porninsis) darin beschreibt.
Sollen uns nun diese Pilzvergiftungen oom Pilzgenuß abtzalten? - Minestvegs, cbenfonxntg wie Gasvergiftungen ünd Tötungen durch etet* Irischen Starkstwm uns veranlassen, van den Segnungen dieser Fortschritte keinen Gebrauch ^u masten. Unsere Nahrungsmittelnot ist groß, unsere Wälder bergen aber in den Pilzen Unmengen kostbarer Nahruitgsmittel, die wir nicht nur um oes Bauches willen auf jede nur mögliche Weise aus- nutzen sollen, pnbern auch, um dazu beizntragen, uns vom Aicsland .unabhängig zu machen. Aber die Volksmassen müssen über Wesen und Art ber Pilze in viel vollkommenerem Maße aufgertärt werdet), als dies bisher geschah. In die bisherige Art ber Aufklärung mengte sich infolge der leider vorhandenen Unzulänglichftiten unserer Pilzliteratur viel Wahres und Filsches, und da ist es nun eine besondere Aufgabe aller Bolkserzicher, der Aerzte, der Apotheker und in besonderer Weise Aufgabe der Schule und der Lsthrerfchaft, für einen regelrechten Pilzunterricht zu sorgen, damit sich den Massen unwillkürlich einprägt, was ist giftig, was eßbar. Es handelt sich hierbei nicht um Liebhabereien, sondern um Tinge von ganz beträchtlich volkswirtschaftlicher Bedeutung.
Tie erwähnte gemeinnützige Forschungs- und Arbeitsgemeinschait „Pilz- und Kräuterzentrata" hat es sich zur besonderen Mfgabe gemacht, in rein gemeinnütziger Tätigkeit durst) einen regelrechten Forschungs- und Erfahrung^ 111 stau sch aller Pilzfvrsst?er, Pilzfteunde und Sammler dis bisher so unzulängliche Wissen von den Pilzen zu vertiefen, auszubruen, es weileren Kreisen zugänglich zu machen und die Verwertung der eßbaren Pilze, deren es viel mehr gibt, als gemeinhin bekannt ist, im Interesse des Volksganzen zu fördern. Tie Geschäftsstelle dieser gemeinnützigen Gesellschaft in .'Heilbronn a. N. versendet die oben erwähnte Nummer ihres Organs „Ter Pil>- und Kräuterfreund" sowie sonstiges AuMärungsmatk- rial an alle Pilzforscher und Pilzfreunde, jebodj muß sie als Beitrag zu den entstehenden .Koste« für diese Einftmdung 1 Mk. erbitten, womft Dw wirklichen Unkosten der Sendung bei 1 veilem noch nicht gedeckt sind.
hSo V rohrb wiederholt ans die am ^tonetttoe* Mittwoch, dem 8. ds. Mts., tm Bahnhofs-Hotel stattfindenden Sorechnunden des Erfinders der vorzüalich bewährten Selbstunter- richiSmethode hingewiefen. Da Herr Warnecke tn nächster Beit in Gießen keine Svrech'tnnden wieder abhalten kann, ist der Besuch drinaend zu emviehlen. (Siebe Inserat in der Nummer vom 3. dS. MtS.)
Blinder Hatz.
Roman von Alfred Sassen.
Machdruck verboten.) Fortsetzung 25.
Starr und tall lag er im Sarg, er, der sie noch vor wem gen Tagrn aus seinen Augen voll glühender Lidenschaft angeb'.itzt hatte. Nicht etn armes Fünkstien nxir zurückgcklreben von dieser glühenden Leidenschaft. Vorüber — alles vorüber!
An diesen Sarg sollte sie nun treten — mit all den Stimmen in ihrer Brust, die ihr zuschrren: »hättest du aur jene Reise verzichtet, so lebte der Ünglückliche noch!" _
Und das Gleiche sprach wohl auch,der Mtmd der immer neu von zermalmenden Schtcksalsschlägen geprüften Blinden!
Sie mußte es hören--es war ihr Ge
richt! . . .
Sie schritt hin zur Tür.
Sie öffnete sie.
Und zog sie hastig hinter sich zu, aus dem erschütternden Blld, das sich ihr bot, bereit, eines zu erraffen wie mit hungernden und dürstenden Augen! Jäh war ihr beim Dürern des Zimmers Anna Reinsdorfs Wort eing- m im Gesicht des Toten sei Frieden! Diar C) n ?!
Sie meinte aut einmal, bann könne auch ihrer zerrütteten Seele ein Hauch des Friedens nicht versagt bleiben!
Don der Schwelle schon schickte sie das Auge und alles Begreifen hin zu dem bleichen Gesicht auf 'dem weißen Attaskissen — — ja, ja, bi eie vollendeten Züge zürnten und drohten nicht mehr! Weichheit lag darüber ausgegossen — und eine Milde, toie sie sie nie von dem Lebenden gekannt!
Ein Wunder war geschehen, und das Wunder wirkte ein anderes!
Wie erlöst kam sich das junge Mädstxm vor. Der Tote verdammte sie nicht. Sie fühlte es. Er hatte ihr vergeben.
So war ihr roch die Blinde zur Richtenn gesetzt. Und Rena sah sie an, diese Richterin.
Da freilich war es, als wollte eine madtfoul! sich ^her oorstrecken.de Riefenfaust den köstlich aufge- gangenen Erlösungssstftin in ihr wieder ausdrück^a und das vorige Dunkel der Verzweiflung und Trostlosigkeit heraufbeschwören!
Wie sah die Blinde aus! Nicht wie etne trauernde Mutter. Nein, nein, ganz, ganz anders! Ja, wie beim?!
Rena fragt sich's in gjrer erschauernden Seele, fand aber keine Antwort. Doch! Es sah ans, als sitze sie und warte — ja, worauf?
Auf ein Opfer.
Tas junge Mädchen fand keine andere Auslegung dem Unheimlichen gegenüber, das aus Dem Gesicht der Unglücklichen aur sie einsprach. Es lag scheinbar die gewohnte, steinerne Ruhe darüber, tot und leer starrten die Augen wie sonst auch — aber dos alles war nur wie eine Maske — etwas Ungeheuerliches mußte im nächsten Augenblick Darunter hervorbrechen!
Rena wurde von wilder Furcht geschüttelt und hätte am liebsten fliehen mögen.
Allein sie mußte bleiben, und sie vergaß urplötzlich auch ihre Furcht. Uebermädjtig quoll ein andres Gefühl m ihr auf, das ja doch das natürliche war —: Das unsägliche Mitgefühl mit dreier ärmsten Frau und ärmsten Mutter, die vom Schicksal beraubt worden war, wie vielleicht nie zuvor eine andere . . «
„Wer ist da?" fragte setzt die Blinde.
„Tante —" gleich einem Aufwimmern tarn das Wort von den Lippen Rcnrrs, sie stürzte hin zu der Unglücklichen und umfaßte ihre Knie.
„Steh auf," gebot die alte Frau hart, „ober ich muß auffteben und hinausgehen aus dem Zimmer. Du wirst mich aber wohl nicht vnn Srrg meines Sohnes vertreiben wollen."
„Nein, nein," schrie das junge Mädd-en zurückweichend auf und erhob sich trumelnd.
„Tu bist zurückgekehrt. Was wlllst du hier?" fuhr Die Blinde in dem gleichst, ehern harten Ton fort.
„Mit dir trauern, Tante."
„L>a, ha, ha!"
Grell schallte das schneidende Lachen durch den stillen Raum. Mit einer erschütternden Gebärde, als wolle sie Verzeihung erbitten für diesen Ausbruch, tastete die Blinde nad) dem offenen Sarg, nach Den Länden des.Taten. Dann sprach sie in gedämpfterem Ton: „Geh wieder. Ich bedarf Deiner nickst."
„Sckicke mich nicht fort, Tante — nicht so schicke mich fort!"
„Dein eigenes Gefühl sollte dich von brefer Stätte scheuchen. Entweihung bedeutet deine Gegenwart für sie."
„Um aller Barmherzigkeit willen, Tante," flehte Rena, „kein solches Wort mehr — du weißt nicht, wie es mir die Seele zerreißt!"
„Und die meine —?!" lohte es jetzt unheimlich in dec Stimme der Blinden auf. „Glaubst du, sie fei nicht zerrissen? Das Letzte, was mir noch angetan werden formte, ist mir durch den Tod meines Sohnes geschehen! Nun bin ich ganz beraubt — zerschlagen, nackt und bloß stehe ich da.
fein Stecken und Stab leitet mich mehr m memer Finsternis! Und wer tat mir auch dies Letzte, Bitterste an? Meine Feinde, die du tannft, und mit denen du dich verbündet hast! Um dieses Bündnisses willen aber ist jede Brücke abgebrochen zwischen dir und mir! Und wenn du auch die Tochter meiner Schwester bist, wenn ich dich auch gäiebt habe wie mein eigenes Kind — ich kenne dich nicht mehr! Noch einmal rufe ich dir zu: Verlaste diesen Raum, in Dem ich meine Totenfeier halte! Du entwechst ihn! Geh, geh, geh!"
Zu ihrer vollen majestätischen Größe aulgereckt, stand die Unglückliche ba, mit den machtvoll drohen- ben Gebärden einer zürnenden blinden Prophetin.
Die Schauer, die von ihr aussttömten, drängten wirklich, wie mit unwiderstehlicher Gewalt, die arme Rena zur Tüve hin. Ta aber klammerte sie sich mit beiden Händen fest und rief: „Tante, Tante, ich begreife ja, daß dir in deiner schrecklichen Nacht meine >H<rndlungsweise schwarz uno undankbar erscheinen muß, daß du mir die Schuld an dem jähen Tode Oskars zuweisest —"
Tas junge Mädchen raffte sich zu einer verzweifelten Energie zusammen.
Nicht laut, aber voll unerschütterlicher Bestimmtheit erklang ihre Stimme: „Und ich gehe nicht! Schmähe mich, soviel du willst! Schlage mich — ich will es tragen und dulden! Aber ach bleibe. Es ist meine Pflicht, zu bleiben, über Dir zu wachen, deine Schritte zu behüten ! Tante, iwße mich nicht von dir! Es wäre nutzlos. Du würoest mich doch immer wieder in Deinem Weg finden! Die Hoffnung soll mich aufrecht erhallen, daß sich dein Zorn und §>aß enLstich mildern wecken,"
(Fortsetzung folgt)


