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Nr. 154

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Erstes Blatt

170. Jahrgang

Samstag, 3. Juli 1920

GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Druck und Verlag: vrühl'sche Univ.-Vuch- und Steindruckerei R. Lange. Zchristleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchnlstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer dis zum Nachmittag vorher ohne jede Verbindlichkeit. Sreis für 1 mm Höhe jür nzeigen v. 34 mm Breite örtlich 35 Pf., auswärts 45 Pf., für Reklame. Anzeigen von 70 mm Breite 150 Pf Bei Platz- vorschrift 20% Aufschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Dr. Reinhold Zenz; für den Anzeigenteil: H. Deck, sämtlich in Gießen.

Der Reichst ai hinter der Regierung.

Der Antrag der Unabhängigen, der Re­gierung das Mißtrauen auszusprechen, wurde in der gestrigen Sitzung mit 313 gegen 64 Stimmen abgelehnt. Es haben darnach selbst Unabhängige gegen den Antrag ihrer Frak­tion geftimnit. Die anwesenden 54 Deutsch- nationalen haben sich der Stimme enthalten. Der zur Annahme gelangte Antrag enthält im übrigen weder eine Vertrauenskundge­bung, rwch eine Billigung der Regierungser­klärung, verschafft aber immerhin der Re­gierung eine tragfähige Mehrheit, die hinter ihren außenpolitischen Handlungen steht. Die Voraussetzung für den schweren Gang nach Spaa ist demnach gegeben.

Berlin, 2. Juli 1920. Haus und Tribünen fhtb schwach besetzt. Auf der Tagesordnung stehen zunächst 'kleine 'Sn fragen.

Aba. Warmuth (D.--N.) fragt an, weshalb für die Lieferung von Militürstoffen für die Sicher­heitspolizei trotz niedrigeren Angebots der deut­schen Tuckündustrie der Zuschlag an englische Fir­men erteilt worden sei, ferner was die Regierung Gegen bi.* Polnischen Schikanen der Nichtanerken­nung direkter dntscher Fälwkarten nach Ostpreußen und Danzig zu tun gebende.

Bon der Regierung wird erklärt, daß In dem ersten Falle besondere Dringlichkeit Vorgelegen habe imb daß im zloeiten Falle die Schwierig Laten, die tuns die Bolen fortgesetzt bereiten, uns zur Be­schwerde in Paris genötigt hätten. Die meisten Bahnlinien seien für den Durchgangsverkehr ge­sperrt, was eine offensichtliche Berletzung des Frie- sbensvertrages darstelle.

Abg. Tr. Philipp (D.--N.) fragt, was die Regierung tim wolle, um die Haftentlassung des Wiesbadener Verlagsbuchhändlers Abigt durchzn- sctzen, der von den Franzosen wegen eines poli­tischen Schreibens an den preußischen Vtinister- präsidenten verhaftet worden sei.

Regierungsßammifjar Lehmann erklärt, daß die Regierung demnächst in der Lage sein werde, volle- Aufklärung zu geben.

Aus eine Anfrage des Abg. Weilnböck, vb das Reichssinanzministerium bereit sei, an die Lan­dens sinanzämter Anweisung zu erteilen, zu viel gezählte Kriegsstenern zurückzuerstatten, sichert die Regierung ernste Erwägung zu.

In den fortgesetzten Debatten über die Re­gierungserklärung erhält zunächst der

Reichs?ruäftruugsminister Dr. Hermes das Wort. Er führte aus: Die Entbehrungen in der Ernährung, die zu den Unruhen in den letzten Tagen geführt haben, sind auf das HöckLt- maß des Erträglichen gestiegen und nötigen die Regierung, einzugreifen. Leioer find die Bedin­gungen hierfür sehr sckstvierig. Eine Preispolitik zu Gunsten der Landwirtsehast lehnen wir ab. Aber den Landwirten müssen Preise zugebilligt iverden, die den Produktionskosten ent sprechen. Hier dürfen keine politischen Ansichten sich vordrängen. Die Preissteigerung im .Innern ist eine Folge der teuren Äuslaudspreisc. Trotz der Aufwen­dungen des Reichs von 10 Millionen Mark konnten die Preise nicht nach den Wünschen der Bevölkerung eingerichtet werden. Tas wird auch im kommenden Jahre der Fall sein müssen. Um den Landwirt zu schützen, sind für den Herbst d. Js. bereits Mindestsätze eingesetzt worden. Tie Jndepkommission des Reichsernährungsministe- riums hat nun genaue Zahlen festgesetzt und ist dazu gekommen, den Zuschlag der Produktions- Verteuerung in diesem Jahre mit 55 Prozent fest- zusetzen. So wird die Tonne Roggen 1500 Mk. kosten, die Tonne Kartoffeln dagegen auf 500 Mk. stehen bleiben. Diese imrermeidlich Erhöhung der Getrerdcprcise ist aber immer noch so gestellt, daß der Brotpreis nicht teurer zu werden braucht. Die Haupftache ist, bie heimisch Ernte ganz zu erfaßen Das wird erleickstert. ivenn bas Ge­treide gleub nach der Ernte erfaßt werden kann der Grund für die Beibehaltung der rzruhdrusch und Ablieferungsprämien. Die Reichsgetrerdestellc hat im Ausland geeignete Leute, um die Beriendung des Auslandsgetreides dort zu beschleunigen Es steht zu hoffen, daß die Ausluhr letzt schneller errolgen kann / desgleichen ist in diesem Jahre mit einer Frühernte zu rechten So wird die Reichsgetreideltelle hoffentlich wieder in die Lage kommen, Reserven zu schaffen und inamentlich im; Weste nnnd Süden, des Reichs größere Bestände zu lagern. Auch die Aussichten für die Kartoffelernte ich.'inen nicht schlecht. Die Bestände an Schlachtvieh haben sich gehoben: bie Preise dürsten sich hier um ein Drittel ermäßigen. Die Biehhandelsverbände müßten aber recht bald versch/winden. (Beifall rechts.) Auch die

Milchproduktion sei in der Besserung, ge­

nüge aber noch lange nicht. Sehr übel sei es ftod) mit der Versorgung von Deien und Fetten, besonders ;bie Margarmrsabr kation habe darunter ^.'leiden Tie Zuckerproduktion habe sehr gelitten. Iw Regierung habe jedoch für Kohlenzufuhren für toe Zuckermdustrie gesorgt, desgleichn sei eine Weigerung 'her Anbaufläche in diesem Jähre um 12 Prozent erfolgt Tie R'g.erimg werde ^^öur Höhung der Zuckerproduktion tun. Frei- ^^ben könne der Zucker jedoch nicht werden Tas jöeiweben J>er Regierung sei auf eine Verbilligung ^^üfebreije gerichtet Es sollten nur noch

Dmni.aiionen und Kriegsgesellschsten be- ireyen blei hon, die unentb.'br; id> sind. Zum Schluß <1inCQ -lusfülwnngen app.fflierte der Minister an o.e ^andwirtsä-ast andrerEcnnen, was die Regie­

rung ^ur Hebung der Lage tue, ebenfalls aber auch ihrer LieserungSpflicht nack-zullommen. Anderer- seits mahne er das groß: Publikum, die Landwirt­schaft zu achten. Keinem Bauern tönnc vvrgeschrie- ben werden, was er bauen soll.

Ta inzwischen der Minister des Auswärtigen erschienen ist, verliest Frau Brünner (Dem.) ihre zunächst zurückgestellte Ansprache wegm des Sckstcksals von Dr. Holtum und Dr. Wagner.

Minister Dr. Simons bespricht die wider­rechtliche Verhaftung Dr. v. Holtums. Die Regie­rung habe in Warschau und Paris sofort pro­testiert; trotz aller Bemühungen sei die Frei­lassung aber nicht erfolgt. Da bis zum 1. Juli keine weitere Nachricht vorlag, habe er den polnischen Geschäftsträger befragt, dessen ungenügende Er­kläre ihm nicht genüge, und ihm mitgeteilt, daß er zu Repressalien gezwungen sei. Auf Verhandlun­gen werde er sich nicht mehr einlassen. Neber den Fall Wagner wisse er noch nichts weiter, als daß Dr. Wagner unter dem Verdacht der Spionage nach Warschau gebracht sei. Der Minister protestiert gegen das Verhalten der Polen bei der Festhal­tung der nach West- und Ostpreußen untenvegs befindlichen Deutschen und empfiehlt bis zur schnellsten Klärung sicherheitshalber den Seeweg. Der Minister besprach sodann das Verhalten der Polen gegenüber den Deutschen in den Grenz- bezirlen, deren Einberufung den FriÄ>ensbedingun- gen widerspreche.

Abg. Tr. H e l f f e r i ch (N.^Ntft) toitb von den Unabhängigen mit Lärm und höhnisckxm Zurufen empfangen und kann sich kaum verständlich machen. Tie'Kraft des deutschen Volkes istüdurch den Krieg und die Revolution geschwmrden: jetzt wird dieses geschwächte Volk unter einem Truck gehalten. ^Zu­ruf der Unabhängigen: Durch Sie! Großer Lärm.) Piäsident >L ö b e bittet, dem Redner nicht sein Recht auf Redefreiheit zu nehmen.) Das deutsche Volk hat sich durch das Wahlergebnis gegen jedes sozialistische Experiment ausgesprochen. (Erneuter Lärm.: Tie Gedanken, die mit uns die Deutsche Volkspartei vertreten hat, marschieren. (Stürmi­scher Lärm.) Wir 'haben uns bereit erklärt, uns an der Regierung zu beteiligen. Bedauerlich ist, daß die anderen Parteien sich nicht zu einem gleichen Entschluß durchringen konnten. Er kon­statiere, daß die Unabhängige Partei die einzige Partei des Hauses fei, die sich nicht vorbehaltlos auf dem Boden der Verfassung stelle. (Erneuter Lärm.) Er protestiere g'geu die Art und Weise, wie bie Methoden des Wahloamp-fes hier im Hause weiter fortgesetzt werden. Wenn er in einer Anfrage des Abg Hoch als Mitwisser bei den Bewuche­rungen d"s Staates durch die Kriegs vo'hstoff-Ge- fellschast bezeichnet werde, so bezeichne er den, der das ausspreche, für einen elenden Verleumder (Furchtbarer Lärm Präsident Lobe betont: Dieser Ausdruck gegen ein Mitglied des Hauses entspreche nicht der Ordnung des Hauses.) Zur alten Koalition 'habe seine Partei in einer ge­wissen Opposition gestanden, jetzt sei es anders. Wir werden uns nicht von parteipolitischen Emp- findlichl'enen 'leiten lassen. Tie Sicherstellung von Recht und Ordnung bleibt die Hauptsache, damit aber auch die Sicherung der Machtmittel. (Laute Unterbrechung.) Hierzu gehört auch die Militär- jnstiz. Ter Redner wendet sich sodann gegen die Ausführungen 'des Reichsfinanzministers und be­tont, daß er im Einklang mit vielen Mtgliedern des Hauses während seiner Amtsperiode wieder und wieder auf Erhebung von Kriegssteuern ge­drängt habe, wie aber stets dagegen protestiert worden sei, namentlich von feiten eines Zentrums­mitgliedes namens Erzberger. (Sck-allende Heiter­keit. -Hört, hört!) Auch Herr Schiffer habe sich gegen Kriegssteuern gelvehrt und alles auf An­leihen nehmen wollen. (Erneute Unruhe.) Kein Mensch weiß, was erjiorderlich ist, um unsere Eisen- bahnen wieder leistungsfähig zu mad/nt, die nicht allein der Krieg zugrunde gerichtet habe. Bei der Verreichlichung. der Eisenbahnen fei nicht mit der gehörigen Sorgfalt verfahren worden. Vor der Verreichlichung hätten die Landesbehor- ben noch rasch die Gehälter erhöht und jetzt müsse das Reich Milliarden drauf zahlen. Wir sind auf dein Wege zum Bankerott unseres Staats­bahnsystems. Die ganze Trostlosigkeit des Aus­blicks in der Rede des Reichsfinanzministers war entsetzenerregend. Wer als Minister hier keinen Ausweg findet, würde am besten tun, hieraus die Konsequenzen zu ziehen. Wie kommen wir aus den Schwierigkeiten heraus? (Mörderischer Lärm auf der Linken. Ruf: In die Sie und Ludendorft uns gebracht haben! Minutenlange Unruhe. Ledebour und Geyer schreien auf Helfferich ein.) Die Kennt­nis unserer Lage ist genügend bekannt. Tem Ar­beiter haben Sie erzählt, wenn Sie ans Ruder kommen, brauche er nicht mehr zu arbeiten. (Er­neute ohrenbetäubende Lärmszenen. Vizepräsident Dietrich versucht vergeblich, Ruhe zu stiften.) Es muß wehr gearbeitet werden. Für die Eisenbahner ist der Achtstundentag undurchführbar. (Erneuter Lärm.) Die Zwangswirtschaft muß an vernünf­tiger Weste durchgeführt werden. Helfferich kommt sodann auf Spaa zu sprechen und dankt dem Mi­nister Simons für den Ton der Würde, den er gegenüber Polen heute gehen ben habe. Das gebe ihm gute Borbedeutung für Spaa. Das Friede von Versailles fei schon heule undurch­führbar. Wenn man unsere Hvheitsrechte über düsen hinaus schwächen wolle, so könnte es nur ein Nein geben. Er erinnert daran, daß tat­sächlich die Entente vor dem Vertrag von Ver­sailles noch Linen anders lautenden Entwurf ge­sehen habe, dessen Existenz jetzt in der franzö­sischen Kammer bestätigt worden sei. (Ruf.' Schwin­del! Große Unruhe. Vizepräsident Ti trich bittet im Interesse der Würde des Parlaments das Ni­veau der Verhandlungen nicht durch Schreien herabzusetzen.) Redner schließt seine Ausführungen mit der Anerkeirnung, daß die jetzige Koalition wesentliche Besserungen gegenüber der alten aus­

weise. Er stimme größtenteils den Erklärungen der Regierung zu, wenn sie ihrem Programm treu bleibe. Seine Partei werde sich abicartenb ver­halten, aber gegen das Mißtrauensvotum der Un­abhängigen stimmen. (Großer Lärm, Händeklat­schen, Zischen, Pfeifen)

Reichfinanzminister Wirth: Der Abgeord­nete Helfferich habe einen historischen Beweis dafür liefern wollen, daß wir einen anderen Frieden hätten haben können. Die Rechte hätte ja in Weimar Gelegenheit gehabt, den schweren Gang mitzugehen, aber so wenig wie heute sei nie­mals dec Mut auf feiten der Rechten gewesen. Wir alle wollen dem Vaterlande dienen, aber derart, 24 Stunden vor Spaa die Brandfackel ins Haus zuschleudern, sei unerhört. Wir wollen aufrecht und nüchtern, nickt schweifwedelnd nach Spaa gehen. Wenn wir nach unserer Rückkehr an unsere großen Ausgaben berantreten, dann wollen wir imfere Finanzen prüfen, jetzt vor Spaa ist das einfach unmöglich. Das deutsch Volk aber mag das Vertrauen haben, daß die Regierung es -würdig vertreten wird.

Abg.'Becker-Hefen (D. Vpt.) bedauert, daß seine'Hoffnung auf friebäden Verlauf dec'Debatte beute so schmählich getäuscht worden sei und daß besonders die Partei, die sich besonders als Hüterin der Freiheit geriere, die Freiheit der Rede so wenig achte. Herr Müller-Franken sei mit der aus­wärtigen Politik des Kabinetts nicht einverstanden, er habe aber selbst erzählt, daß er sich bemühen werde, den Minister Simons für sich.zu gewinnen. Tas Vertrauen auf die Einigkeit dec Parteien der neuen Koalition, dem der Abgeordnete Scknfstr Ausdruck gegeben habe, teile auch er. Tem Rcichs- ern ährungsministec danke auch er für seine Absicht, die Zwangswirtschaft auf eine vernünftig.' Basis zu fallen und ihren A bau einzul iten. Ta2 Stceik- fieber, das zur Zeit die Landarbeiter ergriffen habe, sei ein Verbrechen an der guoßstävtifchn Bevölke­rung. Mit der Arbeit allein sei ds nicht getan, es müsse auch zur Wahrung unseres Kulturstandes etwas gefd/eben. Er plädiere daher für die Schaf- sung einer Kammer der Kultur. In der auswär­tigen Politik 'buben wir unsere Karten offen aus- geberft. Gegen die E-ehrimdipliomatie der Gegner können wir nicht aufkommen. Er sei überzeugt, daß auch'wir bald zur Ge'heimdipbomatie zurück- lehren werden. Ter Redner schloß mit der Mah­nung, in Spa>a nur das zu unterschreiben, was wir halten Tonnten. Es sei deutsche Art, zu Hilten, was man versprochen habe. (Beifall.)

Abg. Frau Zetkin (Kommunist): Das erste Wort der Kummunisten in diesem Reichstag ist als Gruß an alle Kommunisten der Welt ge­richtet, dos Gelöbnis entschiedenen Kampfeswillens für dos Proletariat. In Spaa wird der Entente­imperialismus die Verbrechen des beutfeben Im­perialismus bestrafen. Hier wird das beglichen wer­den, was in Brest-Lickwsk und Bukarest der deut- fdje Imperialismus angezettelt hat. Nur der Zu- sammensckluß «mit dem bolschewstffschn Rußland könne der deutschen politischen Isoliertheit abl-el­fen. Fran Zetkin, die mit der leidenschoftlicken Form ihrer Rede die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkt, fährt fort, daß sie aus der Regie­rungserklärung nicht herausgehört habe, was ihrer Ansicht über die Auslandspolitik entspricht: Ent- ttwffmmg der Bourgeoisie un-o Bewaffnung der Ar- ibeiter durch die politischen Arbeiterräte, das sei die Aufgabe der Wiedecaufrichtung Deutschlond's. Sie bespricht sodann die Finanznot und wirst dem Abg. Helffench M.5 dem größten Kriegstreiber die Hauptschuld an derselben vor. Sie liebt eine Haupt­stütze des Wiederaufbaus in der allgemeinen Ar­beitspflicht. (Sollende Heiterleit und Zustim­mung.) Die zunehmende Arbeitslosig lieft sei der Beweis für die zunehmende Zerrüttung des Kapi­talismus. Schon nabe der Tag, wo die Arbeiter­schaft selbst das Wirtschaftsprogramm in die Hand nehmen werde, gestützt auf ihre wirtschaftlichen Be­triebsräte. Dann werde auch der Klassengegensatz verschwinden, freilich auf unsere Weise.

Auf die gestrige Mitteilung des Abg. Henke, daß die Unruhen in Hamburg von Polizeibeamten als Spitzel veranlaßt worden seien, erklärt Staats­sekretär Ewald, daß diese Mitteilung unzu­treffend sei.

Abg. Petersen (Dem.) bespricht die Schwie- rigkeiten bet Kabinettsbildung ,die durch die Ab­stinenz dec Linken besonders markant wurde. Helfferich habe den Beweis erbracht, daß ein Zu­sammenarbeiten mit seiner Partei unmöglich sei. Irren könne jeder, aber wenn durch dieses Irren das Schicksal eines ganzen Volkes besiegelt werde, dann solle man sich etwas mehr zurückhalten. Seine Partei sieht im übrigen einem neuen WahlLampf gegen rechts und links gern entgegen. Herr Henke noerde dann erfahren, daß er seinen prahle­rischen Worten vom Anschwellen der Unabhängigen Partei auf Sand gebaut habe.

Reichskanzler Fchrenbach tauft für die Anerkennung, die ihm ausgesprochen wurde und für die ruhige und sach.ick-e Art, mit dec die Regierungserklärung besprochen wurde. Angesichts der Tatsache, daß der Koalition mehrere Parteien mit verschiedenen Part iProgrammen angehvrtcn, sollten diese Parteien bei den Debatten Rücksicht auf die verschiedenen Part.iprograrnme nehmen. Das liege im Gesamtinter.s^e des Vaterlandes. Die der Koalition nicht angehörenden ^Parteien würden gut daran tun, sich ein gewisses Maß von Reserve bei ihren Ausführungen aufzuerlegen. Morgen gehen wir ehnt schveren Gang. Seien Sie überzeugt, wir werden unseres Amtes in Spaa mit ernster Würde walten. Was uns erwartet, ist noch unklar. Noch besteht die Hoffnung, daß wir an einen gemeinsamen Verhandlungstisch kommen und daß auch ein Resultat herailskommt. Dec ehr liche Wille des deutschen Volkes ist da, die uns auferlegten Bedingungen nach Möglichkeit zu er=l füllen, aber wir hegen auch die Hoftnung, daß sich unsere Gegner von unterem guten ehrlichen I

Willen überzeugen werden. Die Leistungsfähigkeit muß für uns die Grenze sein. Ich bitte, uns in dieser schweren Stunde unser Amt nicht durch leidenschaftliche Kämpfe im Innern zu erschweren. (Lebhafter Beifall.)

Ein Antrag der Unabhängigen, daß die Re­gierung nicht das Vertrauen des Reichstages be sitze, wird in namentlicher Abstimmung mit 313 gegen 64 Stimmen abgelehnt.

Es folgt die Wstirnmung über den Antrag der Koalitionsparteien: Ter Reichstag hat die Er flärungen der Reichsregierung vom 28. Jmii zur Kenntnis genommen. Er erwartet von der Re­gierung, daß sie diesen Erklärungen entsprechend die Politik des Reiches, insbesondere auch bei den bevorstehenden Verhandlungen in Spaa, führen wird.

Hierzu liegt ein Abänderungsan trag der Deutsch-Nationalen vor, der dein Schlußpassüs des Antrages der Kvalitionsparteien eine andere Fas­sung geben will. Der Antrag der Deutsch-Na­tionalen wird abgelehnt und der der Koalitions­parteien in namentlicher Abstimmung mit 253 g<gen 62 Stimmen bei 54 Stimmenthaltungen an genommen. Dagegen stimmten die Unabhängigen. Die Deutsch-Natwnalen enthielten sick der Ab- ftimmung.

Nächste Sitzung morgen 11 Uhr: Interpella­tionen, Notetat. Schluß 9.20 Uhr.

Di-e föderative Ausgestaltung des Reiches.

Berlin, 2. Juli. (Wolff.) Zwischen dem Reickiskanzler und den Ministerpräsidenten sämt­licher deutschen B u n d e s st a a t e n sand heute eine Besprechung statt über die föderative Ausgestaltung des Reiches im Zusammenhang mit der Erklärung, die dec Reichskanzler im Regie­rungsprogramm darüber abgab.

Berlin, 2. Juli. (Wolff.) Der w i r t - schaftspolitische Ausschuß des vor­läufigen Neichswirtschaftsrates trat heute vor­mittag im Kriegsntinifterium zu einer streng vertraulichen Besprechung zusammen, in der, wie bereits im Plenum angekündigt worden war, die Regierung die vorbereitenden Maß­nahmen für die Konferenz in Spaa darlegte.

Berlin, 2. Julft (Wolff.) Der Haus- b alt saus schuß des Reichstags bewilligte in seiner heutigen Sitzung den Notetat, der auch Nentenzuschläge für Altpensionäre, Witwen und Waisen vorsieht. Bei der Besprechung des Etats der Reichspostverwaltung bemerkte Reichs- postminister Giesberts, daß die Verwaltung mit der Deutschen Versicherungs-Aktien-Gesellschaft in Verhandlungen stehe, nach deren Absastuß die Teilnehmer von Telephonanschlüssen den 1000- Mark-Beitrag voraussichtlich als Anleihe erhalten können. '

Berlin, 2. Juli. (Wolff.) Die Unab­hängigen haben im Reichstag einen Antrag auf A b s ch a f f u n g d e r T o d e s ft r a f e ein­gebracht. An ihre Stelle soll bis zur Reform des Strafgesetzbuchs die jetzt zulässige Höchst­strafe treten.

Die Teilnehmer von Spaa.

Berlin, 2. Juli. (Wolff.) An d.w Konferenz in Spaa werden, wie nunmehr seftsteht, von deutscher Seite folgende Persönlichkeiten teil- nahmen: Reichskanzler Feh ren bach mit Staatssekretär Albert, Reichsminister d's Aus­wärtigen Simons, Reichsfinanzminister Wirth, 'Rcick/swirtschaftsminiiivc S ck o l z, Ncid^cmährmigsmini|-1£T Hermes, dor Leiter des Wiederaufbauminister ums Staats^tretär M ü l- l e r, ferner vom Auswärtigen Amt Ministerial­direktor v. S i m so n, die Geheimräte v. Keller und L ö hn e y s en, Legationsrat Führ von der Prcsseabtcilung, vom Reichs finanzminislerium Staatssekretär Schröder, Miinüerialdirektior Bensch, von der Kriegslastenlommissi'on Staats- fetntär Bergmann, von den wirtschastlichen Ressorts die Geheimräte leSuire, Merz,Rup­pe l, Staatsrat v. Meinet und Geheimrat Fel-- l i n g e r; vom Reichsw-ehrministeriimi d e Majore Michelis, v. Bötticher und Vogt.

Es weichen ferner eine Reihe von führenden deutschen Sachverständigen auf dem Gebiete bei Wirtschaft und Finanzen nachreifen, falls es bei Gang dec Verhandlungen erforderlich machTN sollte

Berlin, 2. Juli. <Wolff. Wie wir erfahren sind als hervorragendste Teilnehmer an der Ko n feren-z in Spaa bisher bekamrt: Für Bel­gien 15 Delegierte, darunter Minifterprä-üenl und Finanzmiuister Telaeroix, der Mini.ec des AusuÄrligen Hymans, der Minister des Innern Jaspar, der belgische Kommissar in Koblenz Rvlt- Jacauemyns, dec belgitoe Delegierte bei der Wie- becgutmackstmg-Lomm.s ion Theunis, der Ches des belgischen Generalstabes General Magi in; für England Lloyd George, Lord Curzon, Sir John Bradbury von der Wieoergutmachunsol'ommiiiivn, der Ebes des englischen Generalwabes General Wil- fan, General Sackwille-West von der interalliiertcar Kommis.ion in Paris, Admival Beatty, Mr. Wife von der iMeralliierten Lebensmittelüommis.i'm, der Oberkommissar der Mliierten für Tanzig Tower, General Malcolm, Chef der britischen Milit-är- mi) ion in Berlin: für Frankreich Minftter- präfibent Millerand, vom Ministerium desAeuyerv Der Direktor der politischen Mneilung Ber- thelot, Laroche, Unterdirelckor der Abt'ilung Euro­pa, Ministerialdirektor Seydomr, FlKiri-ck, Bot­schafterrat in London, vom Lmanzmi.ästeirum Mi­nister Marsal, Tirektor Cellier, der Fiwmz:ach- üerftänbige der französischen Botschaft in London Avenol, Marschall Fach, General Weygand, Ad-