Ausgabe 
28.4.1919
 
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Zweites Statt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheßen)

Montag, 2 i. April <9|9

Au» Stadt und Land.

Gießen, 28. April 1919.

Kletubahn-Plane.

. . uns aus Büdingen mitgeteilt wird, bat das Kreisamt Büdingen den Bau der schon lange protektierten Kleinbahn Hanau-Büdingen als Notftan bearbeit angeregt. Derartige Be­strebungen sind auch tm Kreise Hanau hervor- aetre^n. »o hat die Gemeinde Marköbel im r.andkrnse Hcrnan ein dahingehendes Gesuch an das preußische Ministerium gerichtet, dvch ist dort, wie man erfährt, wenig Geneigtheit dafür vorhanden Die Konzcsfwn für den Bahnban Hanau- ^naen hat bekanntlich die Aktiengesellschaft für Bahnbau und -betrieb in Frankfurt a M. er­worben.

Fulda, 27. April. Das Ministerium des Innern hat die Gewährung eines Staatszuschusses für den seit Jahren geplanten Bari der Bogels- bergbahn von Fulda nach Weidenau unter dem Hinweis abgefeimt, daß bei den steigenden Bau­kosten die Ertragssähigkeit der Linie zweifelhaft ®taat sollte zu dem Unternehmen etwa 2 700000 Mk. besteuern. Als Ersatz für die Bahn will der Kreis nunmehr eine Auto­mobilverbindung zwischen Fulda und dem Vogelsberg ins Leben rufen. Die Mittel hierzu stellte der Kreis bereits zur Verfügung.

Speck und Fett sürdieKrankenernührmig.

Nachdem die Lebensmitteleinfuhr wenigstens ut einem gewissen Umfange gesichert erscheint, hat der Reichsernährungsminister durch Rundschrei­ben vom 12. April Maßnahmen zur.Besserung der Krankenernährung getroffen. Den deutschen Freistaaten werden aus den amerikanischen Zu­fuhren einmalige ©onbermengen von Fleisch oder Speck und Fett zur Erhöhung der Krankenzulagen zugewiesen, deren Höhe unter besonderer Berück­sichtigung der in den einzelnen Staaten vorl-an- denen Lungenheilanstalten festgesetzt ist. Durch die Sonderzuteilung soll die Kopsration für die In­sassen der Lungenheilstätten um 250 Gramm Fleisch oder Speck und 250 Gramm Fell wöchent­lich erhöht werden. Diese Verbesserung der Kran­kenernährung läßt sich zunächst nur für bi er Wochen sicherstellen, soll aber bei genügender Ent­wicklung der Einfuhr dauernd durchgeführt werden.

*

**Preußisch-SüddeutscheKlassen- Lotterie. Die Änlösung der Lo^e zur 5. Klasse »muß unter Vorlegung des Vorllassenlo'es bis zum Freitag den 2. Mai, abends 6 Uhr, geschehen. Auch müssen die Freilose gegen Rückgabe der Gewinn lose bis 31t diesem Termin in Empfang genommen werden. Die Ziehung dieser Schlußllasie beginnt am 7. Mai und endigt am 2. Juni. Zur Aus- spielustg kommen 171000 Gewinne und 2 lieber- gewinne (Prämien) im Gesamtbeträge von 64 413 160 Mk.

Kreis Friedberg.

Q. Bad-Nauherm,27. April. Der Turn­verein von 1860 beschloß in einer gestern abgehal­tenen Versammlung von einer Ausschreibung der Turnhalle Abstand zu nehmen und den Wirtschafts­vertrag mit dem bisherigen Pächter, Nikolaus 5) e r 11 e i n , unter erhöhten Bedingungen zu er­neuern. Der Wunsch des Vereins nach Besitz eines Spielplatzes wird jetzt erfüllt. Die Kur- und Bade- verwaltuug stellt zu mäßigem Pachtpreise einen am Promenaden weg nach Friedberg gelegenen Platz zur Verfügung.

Starkenburg und Rheinhessen.

rm. D a r m st a d t, 26. April. Zu der Frage der Wohnungsnot war von verschiedenen Sei­ten die Benutzung des Residenzfchlosses, des alten Palais usw. angeregt worden. Nunmehr teilt der Sachverständige Professor Dr. C o r w e g mit, daß das alte Patais schon feit November v. Js. den Staatsbehörden als Bureaus usw. zur Verfügung steht tund benützt wird. Im Resrdenzschloß be­finden sich außer den historischen zu Wohnzwecken fungeeigneten und unheizbaren Sälen der Hosbiblio- thek und des Staatsarchivs nur noch die Räume, die tzß: Arbeiten für die Erweiterung der Bibliothek und des Staatsarchivs benützt werden. Sie können wegen der Feuergefährlichkeit nicht umgebaut werden. Dagegen hat der G r o ß h e r z o g in bem von ihm bewohnten Neuen Palais 8.möb­lierte Zimmer zu Wohnzwecken zur Dersü-

^a rm ft a b t, 25. April. Eine zahlreich besuchte Protestversammlung der hiesigen. Radfahrer-Vereine forderte die Rück­gängigmachung des Beschlusses der Stadrverorb- netenversammtung auf Abtragung der R e n n - bahn Tie Rennbahn sei seinerzeit auf Kostest der Radfahrer errichtet worden. In vielen ande­ren Städten beginnt man Rennbahnen citecit. Die Mittel, die für die Abtragung der Rennbahn vorgesehen seien, sollen für bereit Wicherherstellung

für ihren ursprünglichen Zweck verwandt werden. In einer zweiten Entschließung wurde die Ab- chaffung des NumMern^oanges und der Radfaht- leuer g.forbert, die In den meisten anderen beut- chen Staaten nicht eingeführt seien.

e. Offenbach a. M., 26. April. Durch die Träger der Revolution war im November v. I. zur Wahrnehmung des Sicherheitsdienstes eine B v l k s w e h r geschaffen worden, für die wöchent­lich der Betrag von 28 000 Mk. anfgewendet wurde. Ta diese Wehr sich weigerte, am Kar­freitag^ gegen die Ausrührer einzuschreiten, so wurde sie sofort aufgelöst und den Mannschaften mit einer Frist von 14 Tagen gekündigt. Anstelle der seitherig^ Bolkswehr soll ein anderer Sicher- h.'itskörper geschaffen werden, der auf ganz neuer Grundlage aufgebaut fein und im engsten Zu­sammenhänge mit der hiesigen Polizei arbeiten wird. Tie hicr von dm Regierungstruppen noch zurückgebliebenen Kompagnien roerben in dm nächsten Tagen nach dem nabgelegenen Oberts­hausen verlogt, wo die Truppe dauernden Auf­enthalt nehmen soll.

ch. AuS Rheinhessen, 25. April. Bei ben letzten Weinvertaufm wurden in Wallertheim für das Stück 1918er Weißwein 62006300 Mk., Wörrstadt 6100 Mk., Weinheim 6100 Mk., Eich­loch, Spiesheim 6000 Mk., Ensheim 6200 Mk., Schwabcnheim 6500 Mk., im Bezirk Wöllstein 65007000 Mk., in Stadecken 20 Stück je 6000 bis 6100 Mk., Nicderolm 6000 Mk., Oberolm 6100 Mk., Mommenheim 6500 Mk., Zornlicim 68007000 Mk. bezahlt. Für das Stück 1918er Rotwein wurden in Stadecken 6700 Mk., in Schwabenheim 7100 Mk. angelegt. Das Stück 1917er stellte sich in Wörrstadt auf 10 000 Mk., in Ensheim auf 11500 Mk. und in der Wöll­steiner Gegend auf 1012 000 Mk.

Kreis Wetzlar.

ra. Wetzla r, 24. April. Ter jüngsten Kreist agsitzung lag n. a. die Jahrcsrech- nung der Sparkasse des Kreises Wetzlar vor. Ihre Einnahme betrug 45 155 413,41 Mk., ihre Aus­gabe 44 734 487,60 Mk., so daß ein Bestand von 420 925,81 Mk. verbleibt. Ter Vorschuß- und Kreditverein Wetzlar zählt jetzt 264 Mitglieder. Tie Haftsumme beträgt 132 OÖO Mk. Di? Jahres­rechnung ergab in Einnahme und Ausgabe 373510,36 Mk.

ra. Hohensolms, 25. April. Oberlemp ist die letzte Gemeinde der Bürgermeisterei Hohen­solms, welche die Zusammen le gu ng ihrer Gemarkung 500 Hektar) durchführt.

Hessen-Nassau.

4 Marburg, 25. April. Im Laufe dieser Woch? wurde die Leiche eines Greises und eines jungen Mädchens aus der Lahn gelandet. Ferner hat sich ein junges Mädchen vergiftet!

Handwerker zentralgenoffenschaft.

I Da rm ftabt, 25. April.

Tie Han dwcrker-Zentral genossen- schäft hielt heute vormitt ig 11 Uhr im Neuen Gerichtsgebäude in Darmstadt am Mathiltenplatz ihre 15. ordentliche Hauptver farnrn- 1 u ng ab. Tem von Tirektor P a e ch erstatteten Geschäftsbericht ist folgendes zu entnehmen: TaS 15. aUgemtine und 4. Kricgsgeschäftsjahr hat ben seit Errichtung des Unternehmens öedeu- tenbflen Gesamtumsatz gebracht: Er beträgt 8 354 850,37 Mk. gegen 4 811276,44 Mk. im Jahre 1917 und 3 272 560,49 Mk. im Jahre 1916 und 2 741794,14 Mk. im Jahre 1915. Ter Gesamtbetrag der durch das Institut dem hessi- schm Handwerk zugeführten Kriegslicsernnacn wird, bis zur völligen Abwickelung 20 Millionen übersteigen. In der Maschinencibteilung kam das Geschäft infolge Mangelnder LieferungsmöglichkeiL der Werke fast ganz zum Stillstand. Neu auf­genommen wurde in diesem Jahr: 1. die Anfer­tigung von Zivilanzügen für das Reichste wei- dungsamt und 2. die direkte Belieferung der holz­verarbeitenden Handwerkszweigc mit Holz aus ben) Staatswaldungen. Bei der Ablieferung der Zioil- anziiae hat cs Schwierigkeiten gegeben, während sich das Holzgeschäft in normaler Weise abwickclte.

Ter Gewinn an den Lieferungen hält sich in ben für ein gemeinnütziges Institut gezogenem Grenzen. Einen höheren Nutzen ergab bte Ma- sckinenabteilung, in der noch Friebensvorrätc ver­kauft wurden, und vor allem die Abteilung für Tornister, bte das Institut allerdings auch mit dem größten Risik) belastete. Tie Handlunasun­kosten betragen 132 477,25 Mk. gegen 73 694,77 Mark im Vorjahr. Tie Erhöhung geht zum Teil auf die Einstellung neuen Personals infolge er- neiterter Geschäftstätigkeit, zirm anderen auf die notwendig gewordenen Teuerungszulagen und bid allgemeine Verteuerung alles Bedarfes und aller Leistungen. Im' Verhältnis zum Umsatz ift der Unkostenfatz trotzdem nur wenig von 1,42 Prozent

auf 1,70 Prozent gestiegen. Was die Flüssigkeit der Betriebsmittel anlangt, so war die Lage wäh­rend des Geschäftsjahres mit Rücksicht auf die außerordentlich hohen Materialgestellungen bei den Sattleraufträgen zeitweise geradezu außcrortent-, lich gespannt. Es wurde vorübergehend ein Bank­kredit von über Vi Million in Anspruch genom­men. Wätztnb die Genossenschaft in früheren Jah­ren einen Zinsen Überschuß von 89000 Mk. zu ihren Gunsten hatte, mußte sie dieses Jahr 14 00( Mark für Zinsen zahlen. Turch sehr energifd\. Beschleunigung aller Ablieferungen gelang es von Juli ab, die Bankkredite abzubauen, so daß Ende November sogar ein Bankguthaben von 371000 Mark bestand.

Tie Aussichten für das lausende Jahr sind trotz der unglücklichen Wendung, die die äußeren wie inneren Verhältnisse genommen haben, für das Institut nicht ungünstig. Es ist gelungen, alle bereits in Angriff genommen er.) Kriegsaufträge noch abzuwickeln. Für die meisten ist sogar schon Zahlung eingegangen. Außerdem hat sich die Genossenschaft mit großem Erfolg an der Sicherung wertvoller Warenbestände für unser Handwerk beteiligt, so daß schon jetzt cii« günstiges Ergebnis des begonnenen Geschäftsjahres al3 sichcrgestellt gefen kann. Auch der alte Haupt- betriebszweig, das Maschinengcschäff hat trotz der jedes gesunde Maß übersteigenden Preise und un­gewöhnlich langen Lieferzeiten in überraschend er­freulicher Weise erneut etugesetzt. lieber die Wei­terentwicklung ist bei der Ungewißheit aller Ver­hältnisse allerdings zur Zeit ein Urteil »nrnpglick

Tie Bilanz schließt mit 2237000 Mark, die Gewinn- unb Verlusircchnung mit 343 750 Mark ab. Ter Reingewinn beträgt 179 767 Mk. Es wird vorgeschlagen, 90 000 Mk. einem neu zu errichtenden Unterstützungsfonds gemäß § 3C( Ziffer 4a bet Satzungen zuzuweisen imb den Rest an ben bereits bestehenden Fürsorgefonds zu über­weisen. <

Tie Versammlung stimmte der vorgeschlagenen Gewinnverteilung zu und erteilte dem Vorstand und Aufsichtsrat Entlastung.

Tic statu'enmäßig ausscheidenden Aussichts- ratsmttgfieter Jean Falk- Mainz, Georg H a u - bach-Gießen und Ludwig Fröhlich-Groß-- Zimmern wurden wiebergewählt.

vücherttsch.

Kronen-Bücher, Band 50.Der Wirt von Veladuz", Roman von Georg Hirschseld.l (Preis 1 Mark und 35 Pfennig Teuerungszu­schlag. Verlag Rudolf Mosse, Berlin SW 68.)

Tie Massenseele. Psychologische Be­trachtungen über bie Entstehung von Volks- (Massen-)Bewegungen, Revolutionen, von Tr. I. R. Roßbach, München, Rubolph Müller unb Steinicke.

Die Kunstschufe. Monatsschrift. Ver­lag: Mal- unb Zeichen-Unterricht G m. b. H., Berlin W 9. Redaktion: Kunstmaler Albert Knab, Berlin.

Tas Abonnement auf die Meggendor- fer - Blä11er kann jederzeit begonnen werden. Bestellungen nimmt jebe Buchhandlung unb jedes Postamt entgegen, ebenso auch der Verlag in Mün­chen, Peru astr. 5. Ter Aboirnementspreis beträgt vierteliährlich nur 4 Mk. (ohne Porto), die ein jelne Nummer kostet 40 Pfg. (ohne Porto . Ti? seit Beginn eines Vierteljahres bereits erschie­nenen Nummern werden neuen Abonnenten auf Wunsch nachgeliefert._____________________________

Letzte Nachrichten.

Eine Protcftvcrsammlung gegen die Zerstiickclnng Deutschlands.

Berlin, 27. April. (WTB.) Im Palast- thealcr sand mittags eine vom Reickisverband Ost­schuh einteruferoc Protestversammlung gegen bie Zerstückelung Deutschlands statt, die von vielen Tausenden Männern und Frauen aller Parteien besucht war und sich zu einer erhebenden einmü­tigen ftlmbgebmtg gegen die Losreißung deutscher Gebiete in Ost und West gestaltete. Es sprachen der Minister des Innern Heine, Dr. P a ch - nicke, Dr. -Pfeiffer und Weinhausen. Nach der von lebhaftem1 Beifall auf genommenen Ausführungen der Redner wurde einstimmig eine entsprechende Entschließung angenommen.

Neue französische Friedensforderungeu.

Bern. 27. April. (WTB.) In einem aus­führlichen Leitartikel des LyonerRouvelliste" über bie Rhcinschiffahrt wird vorgeschlagen, den Hafen von Kehl ebenfalls von Deutschland tm Friedens vertrag anzufordern, desgleichen die deutsche Rheinflottille. Aus biese Weise könnten die französischen Gesellschaften, die sich schon gebildet hätten, aber noch kein schwimmendes Material besäßen, sofort die deutsche Konkurrenz ausschließen.

Italienischer Ministerrat.

Berlin, 27. April. (WTB.) Orlando hielt nach italienischen Meldungen einen zwei­stündigen M i n i st c r r a t ab, in dem er eine genaue Schilderung deS Verlaufes der Pariser Verhandlungen gab. Tic Regierung beschloß Da­rauf, die K a min e r auf näch sten T i e u S t a S nadnniitag einzuberufen. Man rechnet mit, einer ganz kurzen Tagung, die vielleicht nur eine Sitzung umfassen roub, unb mit einer von allen bürger licheu Parteien gemeinsam cingebrachten Tages ordung, die ixr Regierung für ihre Haltung in Paris das Vertrauen aussprechen wird, endigen soll

Die internationale sozialistische Konferenz.

Amsterdam, 27. April. (WTB.) Die i n ternativna lesozialistische Konferenz wurde am 26. April eröffnet. Tas internationale sozialistische Bureau teilt mit, daß bezüglich her CeffcntlidiCcit der Verlaudlungen beschlossen tour .-, die sozialistische Presse zu ben Erörterungen zuzu lassen Als erster Redner erklärte ber belgische, sozialistische Abgeorbuetc Anscele tm Namn, der bclgiid)£n Arbeiterpartei, baß dies. an bei» Konferenz tcilnchme unb setzte audctitaiiber, unter welchen Bedingungen sie bereit sei, an beut' allge meinen sozialifrifck.it Kongreß, ber innerhalb eint ger Monate stallsinden soll, teilzunehmen Tie Bedingungen stimmten mit ben Beschlüssen brr Berner Konferenz überein. Tie belgische Partei, verlange, daß bas interna ioiia'c soziali ische Bu­reau wiederum seinen Sitz in Brüssel nehmen soll Im' Namen des Komitees terichlctc hierauf Ram lan Macdonald über bte in Paris getanmen Schritte zur Ausführung ber in Bern gefaßten Beschlüsse. Im Anschluß daran kam es zu einer Debatte darüber, was außerdem noch für die Pro­pagierung der in Bern gefaßten Beschlüsse getan werden könne

Am ScUuß der heutigen Abcndsl'mng dcS internationalen sozialistischen Bureaus traf der erste beutfebe Delegierte Hugo Haase ein. Auch Frau Kautsky war gekommen. Ter Kongreß ist gegen jede Annexion gestimmt, unb auch brr. Franzosen nehmen in ber Saargebietssragc eine Stellung ein, bie eine gewaltsame Annexion ab­lehnt. . ,

Der heutige Nachmittag galt ben unterdrück' ten Völkern unb dem Selbstbestimmungsrecht. Bei dieser Gelegcnh tt protestierte ber Kongreß gegen das (Einbringen frember Truppen in Ungarn und gegen bie Ansprüche, sich in bie inneren Ange lcgenheiten Ungarns einzumischen. Tie deutschen Teile ber vormaligen österrcickstsch-ungarischen Mo­narchie, z. B. Deutsch-Böhmen, sollen bas abso­lute Recht haben, sich ben Staaten anzuschließm, denen sie sich anschließeir wollen. Deutsch Oc st er re ich, so beschließt der Kongreß ferner, hat bas Recht, sich an Deutschlanb anzuschlietzen. Tie Unabhängigkeit Finnlands, ©eorgiend und Estlands wird ebenfalls ausgesprochen.

Amsterdam, 27. April (WTB) Wie ver­lautet, kam man auf .ber gestrigen, nichtöfsen t licken Sitzung ber internationalen Sozia- liitenfonferenj überein, bte Frage ber Verant­wortlichkeit für ben Krieg in einigen Monaten auf bem Londoner Kongreß zur Sprache zu bringen, da die Belgier die Teilnahme an der Konferenz <nt diese Bedingung geknüpft hatten. Macdonald erstattete über den von der Friedens- Konferenz ausgearbeiteten Völkerbundsentwurf Be. richt und teilte mit, daß Deutschland und Rußland in den Völkerbund ausgenommen werden würden, sobald die Umstände es gestatteten. Der arg-mttnisch« Delegierte Tomaso unterbreitete eine Erklärung über den von der Friedenskonferenz gefaß­ten Beschluß, in Deutschland ein Berufsheer in g Leben zu rufen. Darin heißt es: Wenn dieses System von den anderen Ländern an­genommen würde, so entstände daraus für den So­zialismus und die Demokratie eine große Gefahr; denn ein Berufsheer könne in den Händen der Re­gierung und der Gegenrevolution ein gefährliches Instrument sein. Die englischen Vertreter könnten sich nicht gegen ein Bern sheer erklären. (Renaübet unterstützte den argentinischen Vorschlag.

Narwa von den Bolschewisten in Brand gesteckt.

Reval, 27. April. (WTB.) Mm 25. April entstand durch eine Beschießung durch die Bolschc- nriflen in Narwa ein großer 23 ra nb. 100 Häuser tourten eingeäschert. 5000 Einwohner sind obbachlos. Es wurde eine Hilfsaktion unter Lei­tung ter amerikanischen Kommission eingeleitet.

Der Temperatursturz in Frankreich.

Bern, 27. April. (WTB.) Die ftanzösischen Blätter berichten über einen plötzlichen Tempe­ratursturz, der in den meisten Gegenden an den Frühjahrskulturen schweren Schaden angerichtet hat. Das Amtsblatt teilt über die Ernteaussichten mit, daß nur in 15 Departements gegenüber 33 im Vor­fahr die Ernte gut zu werden verspricht. In 50 De­partements sei sie mittelmäßig.

Der Doppelgänger.

Roman von Carl Schüler.

Fortsetzung 2cr. 14.

Wir werten ihn schon fassen!" erklärte ter Schutzmann unb machte sich Nolrzen

Als Dorival aus bte Straße trat, tauchte bor ihm ein lierrschaftlicter Diener in langem, be­treßtem Mantel auf, ber cmen aurgcfpaiinten Regenschirm trug. Dieser Mann rührte ihn, als rofce ba5 aanz selbstverständlich unter dem schütze feines Sckirmes zu einem tereitltehenten, 'ehr eleganten Automobil, öffnete vor ihm die Tür tes Wagens unb Tonval stieg, cm.

Ter Diener schloß bie Türe hinter ihm, schwang sich neben ten Fahrer auf oen Bock, und sofort setzte sich das Automobil ui Bewegung.

Das alles war so schnell gegangen, ,o ganz ohne fein Zutun, daß Torioas die eacfc faum selbst L(triff Aber es war ihm schon recht',, au K schnelle Art bem Schauplatz semer Äif,^ entfliehen zu können, soviel war ihm sofort «ar geworden- ber Diener hatte ten Pelzmantel stines^errn erkannt untenatürlich angenomme^ vaß in bem Mantel auch sem Verr steckte. Im Übrigen hatte bie zunchmenbe '~'1

nachmittags bie Verwechslung

Papa, ich habe em surchtbai m cressantes Abenteuer erlebt," hörte Tormal da dicht^neten sich ein Helles, klangreines Strmmchen sagen und er fühlte, wie sich ein Arm zutraulich m den seinen^fchob.^ ernichtattern

in bem bunflen Auto saß. dre^nihm saß em junges Mädchen. Uni> dies Mädchen war, das

erkannte er sofort an der Stimme, Ruth Rosenberg. Rosenberg.

Armer Dorival!

Seine Geistesgegenwart, bte er bisher zu fei­nem eigenen Erstaunen so vortrefflich gewahrt hatte, drohte ihn zu verlastzn, Er hatte fid> also ten Pelzmantel unb ben Seidenhut des Kon­suls Rosenberg angeeignet! Er saß in teßen Automobil? Neben Ruth, die sich an ihn schmiegte unb nach seiner Hand tastete.

Er war zunächst keiner Antwort fähig. Das war zu viel. Tie Kehle war ihm nrie zuge- schnürt Tas lleinste Wort konnte, mußte ihn

verraten . /T1 m

, Tu bist wieder ganz in Gebankeri, Papa, fuhr Ruth im Tone fanf:en Vorwurfes fort.Hat dir ber elende, gemeine Mensch wieder mit bem unglückseligen Brief gedroht? So laß doch jefct einmal teilte Sorgen beiseite und höre, was ich dir zu er zählen habe. Denk' dir, ich habe ten interessanten Spitzbuben wieder gesehett, ber neu­lich in ter Loge im Opernhaus , unb dort verlostet wurde. Ter Mensch nwß furchtbar ge- riffen fein. Er ist damals ter Polizei schnell wieder durchgewischt, denn ich sah ihn schon crn paar Tage später ganz gemütlich tm Tiergarten spazieren gehen. Da hat mich der Frechling ge­grüßt. Tu weißt doch, ich h?be ter doch er­zählt Er stellte sich mitten in den Weg. Nach­her traf ich den Polizeikeutnmtt Schwaz. Einen Augenblick kam mir der Gedanke, den Spitzbuben zu verraten, aber YE wgte ,ch mir: Laß tech tee Polizei allein ihre Lovitzbuben sangen. Nicht wKr? &b; ich Nichtr-ch!? 1-6 «

tm Kaiserhof dicht «ben und. Erinnerst w»»

des Herrn, der allein an einem Tisch saß? Ter Oberkellner wollte uns an seinem Tisch unter- bringen. Aber dagegen protestierte ich. Tenke dir, der Herr war ter Spitzbube. Er sah ganz gut aus, nicht wahr, 2$ater? Eigentlich schade um den Menschen. Gleich, nachdem du fortge- gangen naeft kam in den Fünfuhrtec ein Kri­minalbeamter. Ter hatte ihn sicher in das Hotel gehen sehen. Gerate, wie ber Spitzbube bezahlen unb weggehen wollte, loollte ihn ber Kriminal­beamte verhaften. Aber weißt bu, was er getan hat? Ter hat tem 23eantten eins mit ber Faust ins Gesicht gegeben. Tas war furchtbar grob, aber was sollte er tun? Verhaften wollte er sich doch nicht lauen. Unb bann gab es eine große Aufregung und bie hat er benufci und hat sich gebrückt. Aber fein, sage ich btt. Mit ber größten Ruhe. Ich weiß, wohin er gegangen ist. Aber ich l-ab's nicht gesagt. Ein Schutzmann kam unb wollte mich verhören. Ta würbe mir die Sache zu dumm, unb ich habe mich in unser Auto ge­fetzt unb hier auf bich gewartet. Weißt du, was ich möchte? Ich möchte, er wischte der Polizei wieder durch!"

Dorival war sprachlos.

Er spürte eine eigentüm.'iche Leere im schätel. Es war ihm zumute nrie damals, als er in seiner Kadettenzeit in ter Reitbahn mit dem Gaul ge­stürzt war unb bei dieser passenden Gelegenheit mit ziemlichen Erfolg versucht hatte, mit seinem Kvp> ein Loch in die Holzverschalung der Reit- bahntoanb zu stoßen Es war ihn, alles furchtbar gleichgültig. Er fühlte sich nur wohlig dumm. Auch war alles andere bunrm, Menschen und Tinge, und jnx besonderen besonders dumm er­

schien ihm ein gewisses Fräulein Ruth Rosen­berg . .

Tie erkannte Geheimpolizisten auf den ersten Blick!

Tie hielt ihn für Emil Schnepfe!

Und diesen Emil Schnepfe bemitleidete frei

Tja wie blödsinnig das alles war und wie wuiiderschön unb wie luftig . . .

Als sie zu erzählen begonnen hatte, war bas wie ein Hammerschlag gewesen, ter ihn in den Zustand eines Blödsinnigen versetzte. Dann hörte er gedankenlos zu unb beobachtete, wie bas Auw über ten Leipziger Platz, die Potsdamer Straße hinauf eilte, unb in ben Weg einbog, der am Lutzolier Ufer entlang führt. Außerdem fand er eS fabelhaft schön, neben Ruth zu sitzen

Unb was sagst bu zu ber Geschichte, Väter­chen?" fragte sie.

Ta packte ihn ter Galgenhumor.

92a ich vcrsönlich wünsche auch, daß bet Spitzbube g'att durchkommt!" sagte er.

Ruth rückte blitzschnell von ihm ab und griff nach bent elektrischen Einschalter. Tie elekttischie Glühbirne an ter Tecke des Wagens leuchtete auf.

Erschrecken Sie nicht, giiädiges Fräulein!" sagte Torival ernsthaft.Ich tue Ihnen wirk­lich nichts zuleite."

Ruth sah ihn mit wcitaufgerisienen Augen an

Sie?"

Ja,- ich!"

Tas junge Mädchen faßte sich schnell. Be- tounterung»roürbig schnell.

Cie haben ten Mantel meines Vaters an* gezogen. Sie stehlen also auch Mantel?" sagte sie streng. (Fortsetzung folgt.)