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Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Zreitag, 28. März 1919
Bedeckung nach der Hohen Mark zurück. So macken die ftanzösiscl>en D.-satzungsttupp«i Geld! — Am Tieirslag gaben die Frrutzosen das widerrechttich beseht gehaltene Hotel Hvlwmark und bad Sanatorium wieder für den Verkehr frei.
Kö nig ste in, 26. März. Tas französische Militärgericht verurteilte Pfarrer .Horn aus Fischbach zu 500 Mark Geldstrafe, weil er die Befehle der Militärbehörde umgehen wollte.
= Höch st a M., 26. Mä^. Zu empfindlichen Geld- unb Gesängsrisstrafen tvurben zahlreiche Personen verurteilt, weil bei ihnen gelegentlich der Bahnhofsrevisionen Zeitungen aus dem unbesetzten Ytebiet vvrgefmrden wurden. — Einem jungen Mädcl-en wurde die Reiseerlaubnis nach Frankmrt a. M. zum Begräbnis seiner verstorbenen Mutter verweigert.
Deutsche Nationalversammlung.
(Schluß der Sitzung vom 27. Marz.)
Abg. Haa se (U. S.l: Es Muh unsere Aufgabe sein, so rasch wie ntog(id) den Verkehr mit den Völkern des Ostens wieder cnrzubahnen. Eine Verbindung mit Rußland dürfle uns augenblicklich von grösstem' Nutzen sein. Ein Gvost-Rustland und die Ukraine körmen uns sofort mit Rohstoffen und später mit Lebensmitteln versorgen. Die Welt- revolutton ist im! Gange, aber sie wird sich nicht in allen Ländern nach dem russischen Schema vollziehen. Wirklicher Sozialismus allein ist die Befreiung der Menschheit.
Reichswehrmini ter N o s ke Wir 'wünschen g"- wiß ein gutes Verhältnis zu Rußland. Rußland verlangt aber von uns, daß wir vorher bolschewistisch werden. Tas lehnen wir ab, denn solange Gemeinheiten, wie in Halle an dem Oberstleutnant von Klüber Vorkommen, darf sich niemand wundern, wenn entfptedjeitoe Gegenwirkungen ausgelöst werden. General von Lettow-Vorbeck ist IV- Stunden nach seinem Einzug in Berlin bei mir gewesen und hat mir erklärt, daß er und seine Leute zwar in Ostafrika unendlich Hartes haben dulden müssen, daß sie aber sich angesichts der entsetzlichen Notlage des Reiches unbedingt hinter die Regierung stellten, um dafür zu sorgen, daß -endlich die Ruhe und Ordnung in unserem gequälten Lande herbeigeführt werde. Dafür habe lch dem General von Letww-Borbeck gedankt, und ich wiederhole hier diesen Tank. «Stürmischer Beifall.) Ich beklage die Schrecknisse des Bürgerkrieges, ober ich klage an hie Brandstifter, und dos
sind Herr Haase und seine Freunde. Auf ihr Haupt kommt das Blut, das vergossen wurde. (Siür- misckwr Beifall und Händeklatschen. Lärm bei den Unabhängigen. Präsident Fehrenback rügt den Ausdruck „Brandstistcr".)
Abg. Becker- Hessen (Deutsche Vp.): Dem Protest des Vizepräsidenten gegen die Forderungen der Entente schließen wir uns au. Was die Vorgänge in Berlin anlangt, so stehe ich nicht an, zu erklären, daß meine politisclren Freunde in Uebereinstimnlung mit der überwiegeirden Mehrheit der Offiziere die Kundgebung des National- bundes deutscher Offiziere mißbilligen. Scharfe Verwahrung aber müssen wir einlegen gegen die Art und den Ton, in der der Ministerpräsident gesprochen hat. Mit ihrer Haltung gibt die Regierung zu erkennen, daß sie viel slÄcker unter dem fTruck der Straße^ und der Presse steht, als es gut sein kann. Dem Staatsgerichtshof werden wir nur zu stimm en, wenn er auf der Grundlage der Gerechtigkeit beruht.
Ministerpräsident Scheidemann: Man hat sich über meinen Ton beschwert. In Wirklichkeit hat den Herrdn der Inhalt meiner Rede nicht gefallen. Ich habe auch die Offiziere nicht beschimpft, sondern nur von einem Teile der Offiziere gesprochen. General Ludendorff hak den Gerichtshof jo selber verlangt. Wir hatten uns mit der Frage längst beschäftigt. Nach den Vorkommnissen am Sonntag haben wir uns gesagt, wenn er es selber verlangt hat, dann soll er es auch haben. Selbstverständlich muß der Staatsgerichtshof ganz öb» iektiv und unabhängig urteilen. Die Republik gibt jedem Meinungsfreiheit, aber Vorrechte, wie sie die Spartakisten und die Herren Posadowskp usw. fordern, können niemandem eingeräumt werden.
Die Vorlagen gehen schließlich an den Haus- haltsausscknß.
Nächste Sitzung Freitag nachmittag 3 Uhr.
** Am tliche Persvnalnachrichten. Der evangelische Pfarrer Stistsdechcmt und Kirchenrat Karl Otto Klingelhösfer zu Lich wurde am 6. März 1919 mir sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner der evangelischen Landeskirche geleisteten Dienste, mit Wirkung vom 1. April l. I. in den Ruhestand versetzt. — Ernannt wurde am 20 März 1919 der Rechtsanwalt Otto I ö ck e l in Friedberg zum Notar mit dem Amtssitz in Friedberg, mit Wirkung vorn 1. April 1919 an. — Ernannt wurde am 21. März 1919 der Kanzleigehilfe Johann Karl Vogt in Mainz zum Registrator bei der Staatsanwaltschaft in Mainz. — In den Ruhestand versetzt wurde am 20. März 1919 der Notar mit dem Amtssitz in Friedberg Geheimer Justizrat Hermann Södel auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner dem Staate geleisteten Dienste mit Wirkung vom 1. April 1919 an.
** Ei ne blutige Geburtstagsfeier. Gestern vormittag feierten in einer hiesigen, in der Brandgasse gelegenen Wirtschaft einige Vcr- nmndtc den Geburtstag ihres Onkels. Nachdem sie etwa 20 Flaschen Wein getrunken harten, gerieten sie in Streit, der in Tätlichkeiten ausartete, und wobei das M e sser eine Rolle spielte, so daß es Mutige Köpfe gab. Hierbei gelang es der Polizei, eine schon lange gehabte Persönlichkeit sestzunehmen, die von "verschiedenen Behörden steck- brieflich verfolgt wurde wnb die zuletzt in Marburg in einer Wirtschaft, wo sie mit einer Frauensperson logiert hatte, einen Bettendiebstahl begangen hat. Ms sie sich erkannt sah, flüchtete sic auf den Rodberg, wo es verschredenen Sicherhtits- wachleuten imd Polireibeamten nach längerer Jagd gelang, sie hinter dem.Friedhöfe festzunehmen.
** Ein schwerer Unfall trug sich in der ober hessischen Werkstatt zu. Dem Bahnarbeiter W. Lenz aus Klein-Linden fiel ein sechs Zentner schwerer Eisenkasten auf den Kops, so daß Lenz bewußtlos roegpetragen werden mußte. In der Klinik stellte man eine Gehirnerschütterung und eine Verletzung am Knie fest.
** Unfallversicherung. Der Sohn des Landwirts I. M, in H. verunglückte am 21. Januar 1917 als Heizer an der Bahn tödlich. Da M. vorher von seinem Sohne wesentlich unterstützt worden war, stellte der Vater oes Verunglückten Antrag aus Hinterbliebenenrente, wurrde aber vom Eisenbahnfiskus ab gewiesen. Auch das Oberversichc- rungsamt Wiesbaden stellte sich auf einen ableh- ‘nenben Standpunkt. Aus den von M. durch Vermittlung der gemeinnützigen Rechtsberatungsstelle des Evang. Arbeitervereins beim Reichsversicherungsamt Berlin eingelegten Rekurs wurde der Eisenbahnfiskus zur Zahlung eines Sterbegeldes und der Hinterbliebenenrente verurteilt, so baß dem M., der sich in dürftigen Verhältnis!en befindet, abgesehen von der lausenden Rente nachträglich einmalig ca. 700 Mark ausgezahlt werden.
Landkreis Gießen.
U Lang-Göns, 26. März. Gebern verunglückte ber Schacktmeister Karl Faber, welcher bei der Firma Weimar-Wetzlar beschäftigt ist. Er kam unter die Räder der Lokomotive. Die Verletzungen sind schwer, aber nicht lebensgefährlich.
Hessen-Nassau.
ls Marburg, 26. März. Bei der Ersatzwahl von fünf ausscheidenden Magistratsmitgliedern wurden folgende Herren gewählt: Schrciner- obermeister Rose, Bureauvotsteher Erdcnberger, Zeichenlehrer Becker, Rentier P. Runckel und Geh. Rat Pros. Dr. med. Tuczek. Die beiden letztgenannten Herren gehörten schon dem Magistrat an. — Ferner beschloß die Stadtverordnetenversammlung, dem Fahrpreis der Straßenbahn von 10 auf 15 Ps. zu erhöhen. — Heute früh wurden hier zwei Männer aus Neustadt fest- gehalten, als sie im Begriffe standen, größere Mengen Rind- und Schaffleisch hier einzuführen. Tas Fleisch mürbe beschlagnahmt.
Aus dem besetzten Nheingebiet.
= Aus dem Taunus, 26. Marz. Einen gemeinen Streich verübten die ftanzösisck)en Besatzungstruppen am Sonntag in der ilülhe des Saudylacken an einer großen Wandergesellschaft. Tie Posten lockten die Wanderer, wrgeblich, um ihnen einen freien Weg zu zeigen, in das besetz t e G e b i e t und führten sie dann ihrer Wackst- stube aus bgm Sand placken zu. Unter schärfster Bewachung mit auf gepflanzten Seitengewehren schleppte man dann die „Verbrechet" trotz beftigfhm Einspruchs über Falken stein nach Königstein vor den Ortskommandanten, den Hauptmaim Baumann, einen einmaligen Deutschen. Dieser ließ die Leute, 16 an der Zahl, in Einzelzellen ein- sperren. Als der ehrenwerte Hauptmann die Wanderer verhörte, äußerte er höhnisch, das sei seins Rackn für die ihm in deutschen Gesang men lagern gewordene schlechte Behandlung. Nach fangen Verhandlungen gab man bann die „Verdreckter", nachdem jeder 50 Mark Strafe hatte bezahlen müssen, frei, und transportierte sie unter abermals sck-verev
anlasfung einiger Vertrauensdamen gütigst zur Verfügung gestellten Mittel verscknedener Zweig- beretne konnten mit den vom Haupwerem gestifteten Beträgen außerdem noch etwa 600 von Berlin nickst berücksichtigten hessischen Frauen Bei- hllfcn gegeben i Derben. Es darf sonach wohl behauptet werden, daß die Kriegslinderspende auch in unserer engeren Heimat eine segensreick-e Tätigkeit entfaltet hat, die durch die opferwillige Mit- lnlse aller beteiligten Kräfte gefördert wurde, wofür diesen allen nochmals herzlichster Tank gesagt sei.
Kriegöchroniken.
Zu Beginn des Krieges wurde mehrfach die Anregung zur Bearbeitung von Kriegschroniken gegeben und besonders die Bürgermeister, Pfarrer, Lehrer usw. ersucht, sich der Sackn anzunehmen. Zur Zeit läßt sich noch nicht feststellen, in wcl- cbem Umfange der Anregung Folge gegeben wird. Es liegt nicht nur tm Interesse der Gemeinden, alle auf den Krieg, bezüglichen Vorgänge durch genaue Aufzeickpiung der Nackpvelt vor Augen zu führen, auch die Privaten, besonders aber die jfriegsteilne hmer, einschließlich der zum Dienste in der Heimat, der Etappe cing?$ogenen Gerneinde- cinwohner, sollten ihre Beobachtungen und Erleb- nijfe schriftlich nieder le mm. Es wird uns mit» geteilt, daß von den Pfarrern in einigen Gemeinden bereits in diesem Sinne gewirkt und die von den Einwohnern geschriebenen Berichte gesammelt und zu Bänden vereinigt den Kirck-cn- lober Gemeindearchiven einverleibt wurden. Es ist zu wünschen, daß jeder, der über dies und jenes zu berichten weiß, ber Anregung Folge leistet.
Aus Statt und Land.
Gießen, 28. März 1919.
MartdaiSniederleguttg Geh.Rats V.Tr.Eck.
Infolge andauernder schwerer Erkrankung hat sich der demokratische Volkskammerabgeordnete Geheimer Kirchenrat Professor D. Dr. Eck-Gießen veranlaßt gesehen, sein Mandat niederzulegen. An seine Stelle tritt Lehrer Loos-Darmstadt in die Volkskammer ein. — Die gestern von einer Darmstädter Korrespondenz verbreitete Nachricht von Rücktrittsabsichten des Ministers Henrich entspricht, nach einer weiteren Pressenotiz, nicht den Tatsachen. Von Amtsmüdigkeit oder anderen Gründen zum Rücktritt kann keine Rede sein.
KriegSkinderspende deutscher Frauen.
Ter Alice-Frauenverein schreibt uns:
Tie von der Frau Kronprinzessin im Jahve 1915 ins Leben gerufene Stiftung „Kriegs- kin der spende beutf cher Frauen" hat mit Ende vorigen Jahres ihre Tätigkeit eingestellt. Tie Begutachtung ber aus Hessen eingehenden Gesuche war bekanntlich dem Alice- Frauenverein übertragen worden, dem es mit Hilfe seiner Vertrauensbcvmen und Zweigvereine möglich war, die etwa 3000 eingelaufenen Gesuch Äffischer Kriegsmütter zu bearbeiten und nach Berlin weiterzugeben. Allerdings konnte nach den für die Stiftung Mttßqebenden Grundsätzen nur etwas mehr als -ie Hälfte Berücksick.iguna finden. Immerhin sind doch für diese 15 18 fte f f 11 die n Kriegsmütrer Mittel im Dettag von 30775 Mart aufgeroenbet worden. Durch die auf Per-
(Ein Wort an die Landwirte!
Es war schon während des Krieges eine betrübende Erscheinung, daß ein ungewöhnlich großer Mangel an Verständnis für die wirtschaftliche Lage, die Stimmungen und die Leistungen der einen Berufsstände den anderen gegenüber zutage trat. Außerordentlich viel Kraft und Stärke, die aus dem Einiakeitsge- sühl eines großen Volkes kam, hat sich so zersplittert. Das war verhängnisvoll damals, und das ist verhängnisvoll heute. Heute um so mehr, als die Lage unseres wirtschaftlichen und sozialen Lebens weitaus bedrohlicher ist, als im Kriege. Jeder Berufsstand muß mit der engherzigen Art brechen, dem anderen seine Leistungen und seine überlegene Wichtigkeit klarzumachen, denn es kommt heute darauf an, daß alle Berufsstände einträchtig zusammenstehen, um den furchtbaren Aufgaben, die an uns gestellt sind, gewachsen zu sein. Die brennendste Aufgabe bleibt zunächst die Entlastung unserer Städte, d. h. die Abwanderung der städtischen Erwerbslosen auf das Land oder in den Bergbau. Wir müssen wünschen, daß die Erwerbslosen die Unhaltbarkeit einer Erwerbs- losen-Dauerexistenz auf Kosten der Allgemeinheit in den Städten einsehen, und sich infolgedessen bereitfinden für die Landarbeit und für den Bergbau. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß diese Einsicht sich tatsächlich in den Städten mehr und mehr durchsetzt. Wir müssen aber auch wünschen, daß die Landwirte alles tun, um die notwendige Umgruppierung der Bevölkerung zu erleichtern. Dahin gehört zunächst die Anmeldung aller offenenlandwirtschaftlichenStel- len bei den zuständigen Arbeitsnachweisen. Leider versäumen viele Landwirte in der Hoffnung auf Kriegsgefangene und polnische Schnitter diese Anmeldung vielfach und erschweren den Behörden ihre Maßnahmen und verderben den Arbeitswilligen ihre Freude, auf dem Lande Arbeit zu suchen. Weiterhin sollten alle Landwirte versuchen, die Wohnstätten ihrer Arbeiter anständig herzurichten. Das dient wesentlich dazu, die Freude an der Arbeit auf dem Lande zu heben und die Neigung, dort zu bleiben, zu verstärken. Mag es unter gegenwärtigen Verhältnissen schwierig sein, so bleibt doch keine Wahl: es muß etwas geschehen zur Hebung der Wohnungsnot auf dem Lande und zur Wohnlichmachung der Räume.
Neuerdings taucht in den Städten verschiedentlich die Mitteilung auf, die Landwirte weigerten sich hier und da, den Städten Lebensmittel zuzuführen, oder sie spielten mit dem Gedanken eines landwirtschaftlichen Streiks. Ein derartiges Verhalten der Landwirte wäre so verantwortungslos, daß man im Ernst nicht glauben kann, der Gedanke an einen Streik könne in landwirtschaft-. lichen Kreisen Eingang finden. Ein solcher Streik wäre die Katastrophe für die Städte; denn sie würden schlechthin dem Verhungern ausgesetzt sein. Es wäre aber auch die Katastrophe für die Landwirte, denn der Strom der verbitterten, unterernährten ober halbverhungerten städtischen Bevölkerung würde sich auf das Land ergießen und mit Gewalt und Zerstörung das holen, was ihm verweigert wird. Hinter diesem Gedanken eines landwirtschaftlichen Streiks steht die leider vielfach verbreitete Auffassung, die Arbeitslosen in den Städten wären samt und sonders arbeitsscheue Elemente. Diese Auffassung ist völlig falsch. Für die meisten Arbeitslosen ist ihre Erwerbslosigkeit eine schwere Sorge und ein bitteres Schicksal; sie würden sich freuen, Arbeit zu bekommen, und viel der in ihnen aufgespeicherten Erbitterung rührt gerade daher, daß sie keine Arbeit finden können. Wegen der geringen Zahl des arbeitsscheuen Gesindels sollte man doch nicht so hart urteilen über die große Zahl der schuldlos Erwerbslosen. Es ist zu hoffen, daß das gerechte Urteil auch in den Kreisen der Landwirtschaft die Oberhand gewinnt und jene gefährliche Idee des Nahrungsstreikes mit Stumpf und Stil ausrottet.
Letzte Nachrichten.
Ein Notenwechsel über die Streitfrage Danzig.
Berlin, 27. März. (WTB.) Am 26. März abends ging beim' Vorsitzenden ber deutschen Wasfen- stiUstandskommifsion in Spa folgende Note des französischen Vorsitzenden, des Generals Nahmt, zu: „In Uebereinftimmung mit ber Entscknibung des Obersten Kriegsrates der alliierten und assoziierten Regierungen wird General 'N u d a n t üt Ausführung der Klausel 16 des Waffenftiilstonbes vom 11. November 1918 fordern, baß die Tcnt- scl-en gestatten, daß die Armee des Generals Haller, welche ein Teil ber alliierten Armeen ist, durch Danzig in ber Richtung auf Polen frei burchmarschiert, mit dem Zweck, dort die Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Deutschen werden sich weiterhin verpflichten, alle Erleichterungen für die vorübergehenden Einrichtungen! jeder Art zu geben, die für die durch diesen Hafen- Platz marschiereirden Truppen notwendig sind. Jede Weigerung, diesen Forderungen zu entsprechen^ wirb als ein Bruch des Waffenstillstandes durch die Deutschen angesehen werben. Infolgedessen bitte ich Sie, von ber beutschen Regierung die Vollmachten zu verlangen, die nötig sind, um die Art und Weise ber Ausführung bringenbft und auf Grund gegenseitigen Uebereinkommens zu re* geln." gez.: Nudant.
In ber Antwortnote ber beutfeben Regierung heißt es:
Tie deutsche Regierung kann nach eingehender Prüfung eine Maßicahme nickst verantworten, die ohne Schaffung ausreichender Garantien ben Bürgerkrieg im eigenen Land Hervorrufen muß. Dagegen ist die beutfdje Regierung nach wie vor bereit, die Landung der Armee Haller in Stettin, Königs- berg, Memel über Libau mit allen Mitteln zu er» leichtern und dadurch die Absicht ber Alliierten, die Ordnung in Polen.aufrecht zu erh-ckten, mit allen Kräften zu unterstützen. Tie deutsche Regierung erklärt sich ausdrücklich bereit, alle Einrichtungen für die rafdjefie Landung und die Durchreise ber Armee Haller mach Asten zu gewährleisten. Diese Wege führen auch eisenbahntechnisch schneller und ohne jede Störung ber Lcbens- mittelzusuhr nach Polen zum Ziele. Um die in ber Note von Marschall Fach gewünschten Vollmachten zur Regelung der Art und Weise der Ausführung ber Landung aus Grund gegenseitigen Uebereinkommens erteilen zu können, ersucht die deutsche Regierung um alsbaldige Mitteilung über folgende Punkte: 1. Zusammensetzung der Armee des Generals Haller und Stärke derselben. 2. Zeitpunkt ber Landung der Armee Haller. 3. Angabe der Zeitdauer der Durchbesördening ber Armee Haller bis nach Polen. 4. Welche Gewähr könnten die alliierten und assoziierten Mäckste dafür bieten, baß nicht die Armee des Generals Haller oder ein Teil derselben sich an politischen ^Kundgebungen oder an etwaigen Aufständen der Polnischen Minderheit nach dem Vorgang bei der Anwesenheit des polnischen Ministerpräsidenten Paderewski in Posen beteiligt oder solche mit Sicherheit zu erwartenden bedauerlichen Ereignisse hervorruft? Gez.: Reichsminister Erzberger. Eine Entschließung der sächsischen Volkskammer.
Dresden, 27. März. (WTB.) Die Sächsische Volkskammer hat mit allen gegen acht Stimmen der Unabl;äitg:gen eine Entschließung angenommen, die einen Frieden gemäß ben 14 Punkten Wilsons verlangt und erUärt: Unannehmbar wäre die Abtrennung von Teilen West- preußens, Oberschtesiens ober bes Saarbeckens und eine Kriegsentschädigung, die geeignet wäre, den Wiederaufbau des deutschen Wirtschaftslebens unmöglich zu machen. In den umstrittenen Gebieten Polens müssen unbeeinflußte Vollsabstimmungen ftattfinben, ebenso muß Deutsch-Oesterreich bas Reckt ber Selbstbestimmung in vollem Umfange gewahrt bleiben. Zum Schluß wirb in der Entschließung die sofortige Herausgabe unserer Kriegsund Biöilgefangmen und die sofortige Aushebung der Hungerblockade, unter der Sachsen am schärfsten zu leiden habe, sowie die sofortige Räumung der besetzten Gebiete gefordert.
Reicksministcr Sckmidt über die Volksernäbrung.
Weimar, 27. März. (WTB.) Im Haus- haltsausschuß der Nationalversammlung erhärte Reichsminister Schmidt zur Lage der Volks- ernährung: Auch die amerikanische Einfuhr ist noch nicht durchweg gesichert und wird es a»ck nicht ermöglichen, der Bevölkerung wöchentlich 500 Gramm Fleisch zuzuweisen. Um den Zuckerrübenanbau wenigstens in der Höhe des Vorjahres zu erhalten, wird der Preis für diese Rüben erhöht werden. Dce Zuckerfabriken werden nun Teil in ihrer Produktion freie Hand bekommen. Ter Mundzucker soll aber in entsprechenden Preisen an die Bevölkerung Eommen.
Aus dem Amtsverklmdlgungsblatt.
Tas Arnlsverkündigungsblatt Nr. 4 enthält: Bekanntmackstmg ber Provinzialdire klion Obcr- hessen und des Kreisarnts Gießen. — Bekanntmachung 9?r. F. R. 630/2. 19. K. R. A. der Kriegs- Rohstvfs-Abteilung. — Verbot ber Ausfuhr, Veräußerung ober Verpfändung ausländisckier Wertpapiere nach dem Anslanb. — Neuausstellung von Zulassungsbescheinigung für Kraftfahrzeuge. — Anbau von Tabak int Jahre 1919 Vom 14. März 1919.
Gegen die wilden Autos rickstet sich eine Verordnung des Reichsministeriums für wirtsckaftliche Teniolnlmachung vom 21. Februar 1919. Dom 15. April an verlieren sämtliche bisherigen Zulassungsbescheinigungen und Kemizeichen, die von zivilen # ober militärischen Stellen erteilt worden sind, ihre (Gültigfeit.
Ter Eigentümer eines gegenwärtig zum Verkehre zugelassenen Kraftfahrzeuges kann die Erteilung einer neuen Zulassungsbescheinigung und eines neuen Kemrzeickiens beantragen. Während des Erneiierungsverfahrens werben bent Antragsteller die bisherige Zulassungsbescheinigung und das bisherige Kennzeichen belassen, jedoch nickst über ben 15. April 1919 hinaus. Bevor die höhere Verwaltungsbehörde dem Erneuerungsantrrg stattgibt, hat sie das Reickisverwertungsamt zu hören. Tie Anhörung unterbleibt nur, ivenn das Kraftfahrzeug vor bem 1. November 1918 zum Verkehre zugelassen gewesen ist und seit der Zulassung den Eigentümer nicht gewechselt hat.
Sämtliche Zulasiungsbeschei-uigungen, die nicht bis zpnr 15. April 1919 erneuert wurden, sinb nebst den zugehörigen Kennzeichen einzuzieyen. Die Neudurchnumerierung und Ausgabe neuer Zulassungsbescheinigungcn erfolgt iw Kveisamt, Zimmer Nr. 9.
Kraftfahrzeuge, die nach bem! 15. April 1919 auf öffentlichen Wegen und Plätzen verkehren, ohne ordnungsmäßig zugelassen zu fein, können von den Deenvbilmachungskommissaren für verfallen erklärt werben.
Bekanntmachungen der Prvvin- zialdirektion Oberhessen und des Kreisamtts Gießen oder von diesen Behörden veranlaßte Bekamttmachiungen gelten nur bann als amtlich veröffentlicht, wenn sie im Amts- unb Verkündigungsblatt erschienen sind.
Die Kriegs-Rohstoff-Abteilung teilt eine Reihe von Bekanntmachungen mit, in benen die Befugnisse verschiedener Stellen dcirch bie Reicksleberstelle, das Neichswirtschaf'sministe- riunt ober beten Unterabteilungen abselöst werden. Die Bekanntmachungen betreffen fieber, rohe Groß Viehhäute und Roßhäule, rohe Kalbfelle, Schaf-, fiamm- unb Ziegenfelle, sowie fieber baraus, Eickien- unb Fichtenrinbe, Treibriemen. In einer weiteren Anzahl von Bekanntmachungen tritt cm bie Stelle der Kriegsleder-Ak:iengesellsckiaft die deiilsckie fieber - Aktiengesellschaft. Die Bekanntmachung bett. Verlaufsverpflichtung von rohen Kanin-, Hafen- unb Katzenfellen vom 24. November 1917 tritt außer Kraft, ferner bie Bekanntmachungen vom 13. Juni 1917 betteffenb Beschlagnahme usw. von rohen Reh-, Rot-, Dam-, Gemswild-, Hunde-, Schweine-, Scehundssellen. Walroßhäuten, Renn- und Elentierhäuten, sowie von Leder daraus.
Die Ausfuhr, V e r äu ße r u ng o der Verpfändung ausländischer Wertpapiere nach dem Ausland ist mit Wirkung vorn 3. März bis zum 31. März 1919 verboten. Oester- reichische, ungarische, bulgarische und türk. Wertpapiere werden von dieser Aiwrdnung nicht betrof- feit Tas Ausfuhrverbot findet keine Anwendung, wenn laut Vesck)cinigung der Reichsbank oder einer Devisenstelle ausländisckie Wertpapiere nur zum Bezüge von Zftis- oder Gewinnanteilscheinen, zum Austausch oder zur Wstempelung bei Konversionen, zur Ausübung von Stimm- oder Bezu^s- recksten, oder wenn fällige oder ausgeloste Aktien und Obligationen zum Zwecke der Einlösung versandt ober überbracht werden.
Die Bekanntmachung übet den An- ba u von Tabak im Iahte 1917 vom 18. April 1917 gilt auch für bas Iaht 1919.


