Einzelbild herunterladen

Nr. 2^Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten) Samstag. 25 Januar P19

war, all diese friedevollen Jahre hindurch; ihre Romantik setzte sich nicht aus Ballonen und Monteulicht, aus hastigen, übertriebenen Küssen, flüchtig wie dre vergängliche Glyzi­nienblüte, zusammen. Ihre Romantik war eine so.ide, dauerhafte und wahre Sache, die gegen die Winde der Unbeftäiüngfeit gefestigt war, die so lange währte als sre selber und nur dann endete, wenn sie beide tot waren nein, die in freundlichem Andenken er­halten blieb, wenn ihre Kinder, die alle, Gott sei Dank, gesund waren, liebten, heirateten und selbst wieder Kinder bekamen.

So schaute denn dieser närrische, roman­tische Bankbeamte mittleren Alters zu Füßen der Trittleiter mit zärtlichem Blick ru seinem Weibe empor; und vielleicht war es der barm­herzige Schleier vor seinen Augen, der sie ihm nicht so deutlich als unförmigen Klumpen auf der lächerlich dümcheinigen Trittletter erscheinen ließ. Ohne diese gütige Trübung des Blickes würde das Leben uns allen als eine verwirrende und mitleidslose Sache er­scheinen.

Was hast du gefunden?" fragte er end­lich seine Frau, die immer noch mit dem Aufräumen des Regales beschäftigt war.

Dies Paket Briefe," sagte sie, indem sie es herabreichte.

Er schaute es mit leicht erstauntem Blick an.Briefe an mich?" fragte er.

Em sah, daß auch er sie nicht wieder­erkannte.

O ja," sagte er schnell, mit etwas, da- man bei ihm beinahe für ein Erröten hätte halten können.Es sind deine Briefe, ich erinnere mich, daß ich sie alle aufgehoben habe."

Ich wußte das nicht, du hast mir daS nie mitgeteilt," sagte Em beinahe schüchtern.

Es war ein seltsamer Duft in dem Bade­zimmer, ein Duft, der den gewohnten Geruch von grüner Seife siegreich überwand. Und als Galahad den Duft der Boronia erkannte, ertönte wieder jener ferne Musikakkord in seinem Geiste. Lebendig und wundersam stieg in ihm die Erinnerung an das Bi.d Emmie Matsvns, des taufrischen, reizenden jungen Mädchens auf, das er so frohlockend erobert hatte. Er wagte sich zwei Stufen Der Tritt­leiter empor, die gefährlich knarrte imb schwankte, und küßte die frischen, roten, feuch­ten Lippen des jungen Mädchens, das er ge­wonnen hatte. Doll hmgcbeuden GlückeS neigte sie sich seiner Umarmung entgegen.

So drückten sie ihr Siegel auf die einzig wahre und bleibende Romantik.

(Fvrtsetzung folgt.)

1912 erhielten die

11 112450 = 39.03%

5552936 = 19.50%

18.36% 9.62% 7.68% 3.8 % 0.9 %

Sozialdemokraten.....

Demokraten.......

Chttstl. Volkspartei (Zentrum) Deut chnalionate.....

Unabhängige......

Deupche 'Z>oihspartci . . .

Bayer. Bauernbund ....

Mittelparlei ....

Schlesw.-Holstein. Bauernbund Braunjchw. Landesverband

Bei den Neichstagswahlen

5368804 2739196 = 2186305 =

110b408 =

273718 =

11955

58482

56675

übler Nachrede empfängt.

Dem Berliner Korrespondenten derNeuen Freien Presse" gegenüber äußerte sich der Staatssekretär bei einer anderen Gelegenheit über die Frage des An-

Seit der Abdankung Bismarcks feiert ade konser- vativ gerichteten Kreise hegen die Negierung und die kaiserliche Politik gewesen. Könne man viel­leicht unser Junkertum für die zunehmende 3n- duslriealisierung, für unsere Flotten- und Kolonial­politik verantwortlich machen? 3m Ausland sei das deutsche Volk von volksfremder Presse als das Volk von Welteroberern hingeftellt wo den. Wenn man den Alldeutschen solche Aufteilungspläne zu­schreibe, verdrehe man die Tatsachen. Während von feiten unserer Feinde kein einziges Mal ein Frieden angebot gemacht worden sei, hätten wir ihnen stets den Frieden angeboten, wenn wir auf der Höhe unserer militärischen Macht standen. Mit Hohn-- gelächter habe man uns geantwortet. Die Linke habe sich von vornherein jeglichen Sonderfriedens­bestrebungen entgegengestellt, obwohl doch nur durch eine Reihe von Sonderfrieden der Krieg einen für uns günstigen Ausgang hätte nehmen können. Das Waffenstillstandsangebot habe Ludendorff im Augen­blick eines völlig n Versagens seiner Nervenkraft ge­macht, doch es sei sicher nicht seine Absicht ge» wesen, solch entehrenden Bedingungen anzunehmen, die uns die bolschewistische Aktion solange klug ver­schwiegen habe, bis die Revolution eintrat Bezeich­nend für die Regie ung sei es gewesen, daß sie gegen die Revolution keine Schritte unternommen habe. Die Revolution sei das Werk einer unten« bischen Organi­sation, die sich schon jahrzehntelang vorbereitet habe. Ausgegangen sei sie vo.n anglo-amerikanischen Freimaurertum. Die Kräfte, die bisher unsere Regierung beeinflußt hätten, seien nun ans Licht gekommen. Und was habe uns die 3nternationale und der Sozialismus gebracht? Iusammengebrochen seien sie Beide: ein wirtschaftlich ruiniertes, den Feinden preisgegebenes Vaterland ver­dankten wir der Revolution. 3n scharfer Weise Griff

diese Tagespolitik der d e Ver-"i'?ung bisier be­kämpfenden verhältnismäßig kleine» h:^a 9,

den Anschluß doch verwirklichen we^» " eut- schen in Deutschland wie in Deutsch-OeIt»-««'ch .outen sich in bieten e, tschUdungsschweren du ruber klar sein, daß hier die Zukunft auf dem Sp'.-l« strht und daß mir über die unvermeidlichen sozial- und parteipolitischen Kämpfe des Tages ' ts große hi­storische Ziel der Wiedervereinigung > aus dem Auge verlieren dürfen. Nur so wirk gesamten schwergeprüften deutschen Volke «me befett Zukunft zuteil werden."

Rücktritt d S Generals v. Winterfeld auS dem WaffenstillstaiidSansschuß.

Berlin, 24 Jan. (WTB.s In der heutigen Vollsitzung in Spaa lütdigt Grncral von Winterfeld an, daß er vv.i seinem Posten a*3> Mi glied des deutsche Wafe.rsti.lstandsauS- schusses zurücktreten to?rte. Den A.ckaß gab eine Erklärung des Marschalls Foch. welche von General Rudant verlesen wurde. Fach erflärte darin kurz, daß der Abschnitt östlich von Straßburg auf Grund d?r SScmnbaytrng bet Der letzten Verlänss'rin" tes Waf'enstillstandes bin e i 6 Ta^n, i o 23. Jan f r a e b> 6 Uhr an, besetzt werde wird. General v. Winter­feld erklärte sofort: Ich habe Herrn General 9?ubant bcret'5 in einer privaten Unterredung mitgeteilt, daß ich in der Besetzung dieses Brücken­kopfes ein derartiges Zeichm von Mißtrauen gegen die Arbeiten der Kommi sion sehen würde, daß ich an dem Tag-?, da ein derartiger Befehl gegeben' flirt), von meinem Posten abgelö'st zu werden bitte. Dieser Zeitpunkt ist nunmehr eing^treten.

Die Friedenskonferenz.

Rotterdam, 24. Jan. (WTB.)Rientve Rotterdamsche Courant" zufolge erfährtNeuyork Sun" aus Paris, daß die Friedenskonferenz gestern über die Rüstungseinschränkungen ver­handelte. Lloyd George setzte auseinander, daß die britische Flotte nicht vermindert werden könne, und Clemenceau, daß Frankreich ein Heer haben müsse, welches größer sei, als es je gewesen ist.

Rotterdam, 24. Jan. (WTB.) DemN. Rotterd. Cour." zufolge wird der ..Neuyork Wvrld"> aus Paris gemeldet, daß der Entwurf über dem Völkerbund das Unterseeboot als Kriegsmittel.' vollkommen verwirft und von allen Ländern, hie einen solchen Vertrag unterzeichnet, .fordert, daßi sie alle Waffen dieser Art vernichten. Die Eng-i l ä n d e r und Amerikaner haben große Ab­neigung gegen die Ansprüche der französischen Milt« tärs «aut .den BesiH des linken R h e i n u \ c t ebenso auch gegen die italienischen Forderungen be­züglich der östlichen Adriaküste.

Rußland und die Friedenskonferenz.

Berlin, 23. Jan. (WTB.) Ein Fmtksprnch ans Mosian meldet:London News Agency" be­stätigt, daß die englische Regierung Frankreich einen Vorschlag machte, alle politischen Zentren, (undeutlich) in Rußland, darunter auch die r u s s t* sche Sowjetregierung einzulaten. einen Waffenstillstand zu schießen und Vertreter zur Friedenskonferenz zu schicken. ,L)umanit6" veröffentlicht eine ablehnende Antwort Frartk-i reichs.

Neuregelung de- preußischen GemcindcwohlrechtS

Berlin, 24. Ian. (WB) Die preußische Regie­rung erläßt mit Gesetzeskraft eine Verordnung zur anderweiten Regelung des Gerneindewahl- rcchts. Die Mitglieder der Gemeindevertretung wer» den in allgemeinen, unmittelbaren und geheimen Wahlen nach den Grundsätzen der Derhä tniswahl gewählt. Jeder Wähler hat eine Stimme. Wahlbe­rechtigt und wählbar sind alle im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit befindlichen Männer und Frauen, welche das 20. Lebensjahr vollendet und im Ge­meindebezirk feit sechs Monaten ihren Wohnsitz haben sowie im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte sind. Die gegenwärtigen Gemeindevertretungen werden aufgelöst. Die Neuwahlen haben an einem Sonntage bis spätestens am 2. März zu erfolgen.

Oderberg von den Tschechen genommen.

Breslau, 24. Ian. (WTB) Wie die Presse- stelle des Volksrats von Breslau und der Zentralrat der Provinz Schlesien mitteilen, ist Oderberg nach blutigem Kampf mit den Polen von den tschechischen Truppen genommen worden.

Warschau, 24. Ian. (WB.) Der Heeresbericht des polnischen Generalstabes über die Gruppe Bug und die Gefechtstätigkeit des Generals Nozwadowski meldet, daß die feindliche Artillerie die Stadt Lem­berg beschieße.

Grausamkeiten dcr Rumänen in Siebenbürgen.

Budapest, 24. Jan. 32000 siebenbürgische Bergarbeiter, sämtliche Staatsbeamten Sieben­bürgens, sowie alle Beamten, Angestellten und Ar­beiter der Eisenbahn, des Post- und Tele­graphenwesens haben die Arbeit eingestellt, die sie so lange nicht wieder aufnchmcn wollen, bis die Grausamkeiten der Rumänen in Siebenbürgen aufhören.

bann der Redner die jetzigen Zustände an, das Neue mit dem Alten vergleichend, unb ging schließlich zu den Fragen der Hessischen Landespolitik über. So wünschenswert auch eine Wiedervereinigung mit dem alten chaotischen (Bcbelt sei, so sei seines Erachtens diese Frage noch nicht spruchreif. Man solle nicht oer- geffen, wie sich gerade die Sozialdemokratie gegen jede Aufteilung Preußens wende, und die Gründung einer RepublikGroß-Hess n" würde wahrscheinlich die Gründung einer westfälischen Republik, die dann für die (Entente der gegebene Pufferstaat sei, nach sich ziehen. Auch Hannover würde wohl alte Ansprüche ge tenb machen. Sodann erörterte der Redner ein­gehend die Bodensrage, Schaffung von Kriegerheim- ftatten und Aufteilung des fide kommiffarisch gebun­denen Landes, verbreitete sich über bas Paironats- recht wie über Fragen, bie Kirche und Schule angehen. Der Deutsche sei bisher mit seiner Geschichte zu sehr in Hintergrund getreten. Der deutsche Mensch in seinem Wesen, seiner Geschichte und besonderen Art müffe mehr zur Geltung kommen. Und da stehe gerade der chr stliche Charakter im Mittelpunkt. Was habe doch die Kirche in sozialpolitischer Beziehung geleistet. Alles Große sei nur auf Grund der rel giösen Erziehung zu­stande gekommen. 3n den links stehenden Parteien ocrmiffe er gerade die Betonung des Deutsch-Völkischen, da seien es besonders antideutsche, internationale Be­strebungen, die sich geltend machten. Wenn es auch dem Redner im Laufe se ner Ausführungen gelungen war, seine Gegner allmählich zum Schweigen zu brin­gen, so prallten in der sich anschließenden Debatte die Meinungen wieder um so stärker und erregter auf. einander. Als erster Diskussionsredner trat Herr Stephan auf, ihm folgten Herr Prof. Michel und Herr Klotz. Es ist leider nicht möglich, auf die inter- effan en und sich weit über die 'Polizeistunde hin- z ehenden Auseinandersetzungen, die oft sehr stark persönlich gefärbt waren, näher einzugehen Herr Ober-Postfekretär Kohlhase beschloß als erster Vor- sitzender der Ortsgruppe Gießen der Deutsch-natio- nalen Volkspartei die Versammlung.

** Die gestrige so z i a ld em okratis che Versammlung im Stadttheatcr wurde von Redakteur Vetters erüfnr t, der eingangs bemerkte, daß der Stimmencrsolg der Partei etwas hinter den Erwartungen zurückgeblieben sei. Tie Rednerin des Abends war Frau Henriette F ü r t h- Frankfurt. Sie verteidigte die Sozialdemokratie zu­nächst gegen den in diesen Tagen oft erhobenen Vorwurf, als habe sie Schuld am Kriege und Zu­sammenbruch, und betonte, wie wenig Spartans- mus mit Sozialismus gemein habe. Mtt der Auf­teilung des Großgrundbesitzes könnten rote eine Dankesschuld an manche unserer heimgekehrtcn Krieger abtragen, und auch die großen Prodnk- tionsmittel, tote Bergwerke, Dampsicki.fahrtsüe^ll schäften usw., müßten aus den privaten fänden in die des ganzen Volkes übergehen, damit diesem dadurch z. B. von den indirekten, Steuern befreit werden könne. Ferner stehe auf der Fahne des jungen Volksstaates; Mensch.-nschutz; die Wahl vor Frauen in die Nationalversammlung werde ins­besondere den Mutterschutz zu fördern haben., Der Achtstundentag sei ein Grundge-etz, aber keines­wegs mechanisch wörtlich aufzufassen. Und die letzte unumgängliche Frage nach rvirche und Staat nutete die Rednerin dahin, daß die Religion etwas mL Größeres sei als ein zum Teil auf weltliche Macht ausgehendes Kicchentum, und daß

Sozialdemokraten (einfdjl. der Unabhängigen, bie sich erst während bes Krieges von ihnen toslost n) 34.8 Prozent. Die Demokraten, zu denen jetzt Teile ber Natwnalliberalcn gestoßen sind, 12.3 Prozent, bas Zentrum 16.4 Prozent, bie rea)tsftei)cnben Parteien 17.1 Prozent, bieJlationalliteralen, beten linket Flügel jetzt abgefplittert ist, 13.6 Prozent.

Erleichterungen" für vcn Postverkehr nach heu vom Feinde besetzten Gebieten.

Berlin, 23. Ian. (WTB.) Wie bie beutsche Massen st ill st anbskom mtslion mitteilt, sind fol« genbe Er leichterun gen für den Po st verkehr aus bem unbesetzten Deutschland nach den be­setzten Gebieten eingetreten: a) Rach ber amerika­nischen Besahungszone sino gestattet: außer Briefen an Kriegsgefangene verschlossene Vriefe in bringenden persönlichen unb in allen Geschäfts-, Geld- unb Verwalt ngsangelegenheiten, ferner Zeitungen, Drucksachen, Postanwei,ungen und Wertbriefe Die amerikanische Besatzungszone umfaßt den Oberpost- direktionsbezirk liier, ausgenommen die Orte Mer- zig, Birkenfeld, Oberstem und die Gebiete südlich biejer Orte, den linksrheinischen nördlichen Teil des Oberpostdirektionsbezirks Koblenz bis zur Linie Bop­pard - Simmern - Büchenbeuren einschließlich, ferner das Brückenkopf-Gebiet von Koblenz, ausgenommen den Kreis St. Goarshausen und den Unterlahnkreis.

b) Nach der französischen Besatzungszone, ausgenommen Elsaß-Lothringen, sind Pakete mit Lebensmitteln ohne anderen 3nhalt unb ohne briefliche 'Mitteilungen zur Beförderung über Frank­furt-Wiesbaden zugelassen. Pakete mit anderem 3nhall als Lebensrnitteln unb mit brieflichen Mittet- langen werden fetndlicherjeits beschlagnahmt. Die französische Zone umfaßt alle besetzten deutschen Ge­biete südlich der amerikanischen Jone, also insbeson­dere die südlichen Teile der Oberpostdirektionsbezirke Trier und Koblenz (linksrheinisch), Rhe.nhessen, ferner bas Brückenk. ps-Gebiet von Mainz unb vom Brücken- Kops-Gebiet Koblenz die Kreise St. Goarshaufen und den Unterlahnkreis. Ueber die in Betracht kommen- Öen Postorte der Brückenkopf-Gebiete geben die Post- anstalten auf Verlangen Auskunft.

W umöttjiM Millcutt iw Kcllll (Sttlaliab HrM.

Roman von D. A. A d a m s

Nachdruck verboten. Fortsetzung 52

Sie saß wie eine dicke, büßende Matzda- lena auf der schwankenden, dünnbeinigen Trittlciter, als ihr Mann hereinkam. Sie halte nicht gehört, wie er die Vordertür öff­nete, noa; wurde sie, da er seine Stiesel aus­gewogen hatte und in Socken über den Gang geschlichen war, seiner Gegenwart inne, brs ! ^Wa's in aller Welt tust du um diese Zeit dort oben?" ries er, seinem Erstaunen mit einem Anflug von Aerger Luft machend. Nach diesem wunderbaren Abend befand er srch nicht in der Stimmung, mit Ern eine Unter­haltung zu pf. eg en. Er hatte sich fest darauf verlassen, daß sie im Bette fern und schlafen werde Denn es war allerdings entsetzlich spät, und er hatte keine glaubwürdige Aus­rede zur Hand. Die schwache Trttttetter zit­terte, als Ern erstaunt auffuhr, wie em Rosen­stengel unter dem Gewicht seiner Blute nach einem Gewitterregen. e

Ich suchte nach etwas, dav rch verlegt hatte," antwortete sie und betrachtete ihren j Maun durch einen von der Sanftmut der Er­

innerung hervorgerufenen Nebel, der seine letzten Fehltritte austilgte sie bemerkte, nicht einmal, daß er in Socken warund was glaubst du, daß ich gefunden habe?" fügte sie in einem Anflug von Triumph hinzu.

Galahad, der zu ihr emporschaute, war verblüfft von der Aehnlichkeit, die ihr Sitz auf der Leiter mit jener Szene im Garten der verbotenen Freuoen hatte. Sie war eine zweite Julia und er ein zweiter Romeo. Den Unterschied bezüglich des Badezimmers, der Trittlciter, der massigen Gestalt Ems und selbst seiner Socken bemerkte er nicht. Denn jetzt fühlte dieser einfache und gutherzige Mann, daß die Szene im Garten eigentlich eine sinnlose und theatralische Sache gewesen war. Es sah so aus wie Romantik uich war doch im innersten Wesen nichts als ein fal­sches und abscheuliches Sichausspiclen, eine grausame Liebesposse.

Aber hier war das wirkliche Drama des Lebens, die wirk.iche Romantik. Denn er liebte Em, auf nüchterne und prosaische Art zwar, aber er liebte sie. U.ld sie liebte ihn, dessen war er sicher, trotz ihrer etwas mür­rischen Zurückhaltung. Sie hatten zusammen gelebt in ruhiger Gemeinschaft, die weder aufregend, noch leidenschaftlich, ergreifend

Letzte Nachrichten.

Eine Rede des Grasen örocköorss-Kantzau.

Berlin, 24. Ian. Der Staatssekretär bes Aus­wärtigen Amtes, Graf Brockborff-Rantzau, emp fing heute nachmittag bie in Berlin weilenden Ver­treter ber au ländischen Zeitungen unb begrüßte sie mit einer Ansprache, ber wir folgendes entnehmen: 3d) will offen zu 3hnen sprechen. 3ch habe nur widerwillig bie letzten Reden ber französischen Staats­männer bei der Eröffnung ber Friebensdesprechungen zur Kenntnis genommen. Es ist mir kaum möglich, zu fasten, wie bie Herren Clemenceau und Poincar« von dem Sieg ber Gerechtigkeit sprechen können, nachdem Cleme ceau noch vor einigen Tagen bekannt hat, et sei ein Anhänger bes alten Systems in ber Politik, bieses allen Systems der Allianzen unb jenes fragroürbigen europäischen Gleichgewichts, das mehr als irgend eine Einzelperson bie Schuld für bas in den letzten vier Jahren vergostene Blut trägt. Es scheint fast, als ob bte Reben ber französischen Staats­männer mit be-onberem Eifer versuchen, bie Auf. merksamkeit ber W>lt von den zentralen Fragen des Augenblicks abzulenken Sie beschäftigen sich mit ber Schuld am Kriege, von ber sie wissen, daß sie tat­sächlich alle gerecht benhenben Menschen interessieren muß. Sie sehen aber in biesem Problem nur bie Frage nach zeyn ober zwanzig Personen, bie etwa persönlich an bem Unglück, bas wir erlebt haben, besonbers schuld sein sollen. Sie müssen diese Frage so sehen, denn sie sind ja, wie Herr Clemenceau sagte, Anhänger bes alten Systems. Nun meine Herren! E kommt darauf an, den Geist festzustellen, aus bem heraus Entschlüsse möglich waren, bie ben Tob von Millionen zur Folge hatten. Auf die Aenberung bieses Geistes haben bte Staatsmänner von heute unb von morgen ihr Augenmerk zu lenken. Solange ber Nevanchegebanke lebt, wirb es Krieg geben, unb so lange bie nationalen Güter vergewaltigt werben, mästen Völker im Drange nach Freiheit zu ben Waffen greifen. Solange es 3rrebenten gibt, werben bie Staatsmänner nur zögernd unb ohne Offenheit mit« emanber sprechen können. Darum ist bie Frage nach der Schulb am Kriege sicher einer der zentralen Punkte, an benen sich bie Frage nach bem neuen System in ber Politik unb nach ber Acuorbnung zwischen ben Völkern entscheiben wirb. Aber cs darf gerade bes- halb, wenn man bieser Frage nachgeht, keine Ein- seitigkeiten geben unb ber Mut ber Offenheit darf nicht nur von der einen Seite verlangt werben. Nur wer ein schlechtes Gewissen hat, kann sich bem Wunsche entziehen, das (einige zu tun, damt bie Frage ber Schulb am Kriege eine so einseitige Beleuchtung wie möglich er­hält. Der morali che Sieg n ber Politik müßte ber ge- rechte Völkerbunb sein, wo jedes Volk bereit ist, feine individuellen Wünsche in Frieden unb versöhn­licher Sinnesart mit den anderen zu besprechen. 3n diesen Völkerbund kann Deutschland nicht als ein Paria eintreten unb ebensowenig kann es seinerseits diesem Völkerbund Vertrauen entgegenbringen, wenn man es bei seinem Eintritt mit Verleumdungen und

Aus Stabt unb Land.

Gießen, den 25. Januar 1919.

Tie Wahlbcwcguug.

Die Deutsch-nationale Dolkspartei (Hes- fische Dolkspartei) veranstaltete gestern abend im Saale bes Hotels Fürstenhof eine stark besuchte Wähler-Versammlung, in ber Herr Prof. Dr. Werner über bas Thema: Was fordern wir von ber Hessischen Volkskammer? sprach. Die Versamm­lung verlief von Beginn an recht stürmisch, da die gegnerischen Parteien bis zu den Unabhängigen stark vertreten waren unb immer roicber, trotz Ermahnung zur Ruhe und Sachlichkeit, burch lärmende Zwischen- rufe wie Pfeifen ihr fULbfalien zum Ausdruck brach- ten und den Redner unterbrachen. Da Prof. Werner auf viele persönliche und die Partei angehende An­feindungen, Beschimpfungen wie auf Einwürfe aus dem Munde von Zuhörern in ironisierender Weise einging, dürfte es nicht ganz leicht fallen unb auch im Rahmen eines kurzen Referats zu weit führen, die Gedanken seiner Rede lücken­los wieberzugeben. Wir beschranken uns baher darauf, das Hauptsächlichste herauszugreifen. Daß bas Wahlergebnis für die Deutsch ° nationale Volks- partei in Hessen nicht so günstig ausgefallen sei, wie man erwartet habe, daran sei besonders die feindliche Besetzung schuld, die die Agitation in Rheinhessen aanz, in Starkenburg zum größten Teil verhindert habe. Gegen die Behauptung, es seien v eie An« Hänger seiner Partei zur Sozialdemokratie übergetre­ten, wende er sich entschieden. Ferner müsse man bedenken, daß in Obcrgeffen augenblicklich unser ge­samtes hessijches Mckttar sich befinde. Sodann pole- m.fierte ber Redner gegen ben Ausspruch des Hern Vetters, die Sozialdemokratie habe sich der rücksichts­losen Durchführung des U-Bootkrieges widersetzt. An Hand von authentischen Berichten versuchte et ben Gegenbeweis zu liefern. Ebensowenig habe bei U-Bootkrietz den Krieg mit Amerika heraufbeschwo ren. Amerika sei von jeher unser Gegner gewesen Ueberhaupt habe er seit 1890 eine starke Orientie­rung unterer Politik nach links wahrgenommen.

Deutschen demokratifchen Partei auf. Er machte historische Tatsachrm namhaft, bte er­kennen ließen, ime die Demokratie für die Sozial­demokratie eing-etreten seien, und leitete davon ten Gedanken au ein gemeinsames Wirken ter zwei Parteien her. Sowohl im Kampf gegen die Reak­tion als auch beim Ausbau des Volksstaates könne aus ter Zusammenarbeit beider Ersprießliches her- üorgeten. Groß seien die Verdienste der Sozial- dkinolratie geiveicn bei der Veivitti umg der ftite.is- frebite, bei dem unblutigen Verlauf ber Revo» lution. Durch die zur Unzeit aufgerollte Frage nach Kirche und Staat seien der Sozialtemokratie wie ter Demokratie viele Stimmen verloren gegangen. Abgesehen von an­deren Mängeln glaubte der Redner schließlich noch ein klareres Programm der Sozialdemokratie be­züglich der Sozialisierungsfrage fordern zu <nüssen. Sxrr M ann begegnete diesen Ausfüh­rungen, indem er die früheren Beziehungen der bettelt Parteien als nicht geeignet für ein Zu­sammengehen hinstellte. Die Dentokratie müsse erst beweisen, daß sie richtig umgelernt habeIm rtd.eren versuchte Herr Mann, durch Frau Fürth unterstützt, die der Sozialtemokratie üorg- ivorienen Fehler zu iciKriegen. Nach einer recht langen Diskussion schloß Herr Vetters die Versammlung.

bem Reiche.

Tas Sumllttnvcrhiiltiiis dcr Parteien.

Berlin, 24. Ian. DerReichscmzeiger" »er- Iffentlidn eine vorläufige Zusammenstellung der Wahl­ergebnisse. Line Zuiamnienstellung ber darin an­gegebenen Sliiumenzahlen ergibt üver bas Kräfte Verhältnis ber Parteien folgendes Bilb:

jchlustes Oesterreichs an Deutschlanb folgendermaßen: 3ch zweifle nicht daran, bah bie Nationaloersamm- lung, an deren Wahl ja auch bie in Deutschland befindlichen Deutsch"! ester eicher teilgenommen haben, es als eine ihrer ersten Aufgaben betrachttn wird, den Einigungsgedanken kräftig zu betonen, wie dies in fast allen Wahlprogrammen ber verschiebenen Parteien vorgesehen ist. Anberer« Seils machen sich innere Wiberstänbe einzelner wirtschaftlicher 3nterestenten unb gewißer noch zö­gernder politischer Kreise in Deutsch-Oesterreich gegen den Anschluß bemerkbar. Hier bin ich nun Optimist ii^teshalb "a7s"Hrivatsäche"'gelt^ müsse. -,3ch hoffe, daß die großen nationalen und politischen I 9hm trat Justizrat Weidcmann von ter ' Beweggründe, die für ben Anschluß sprechen, über