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Anomym »weckios.
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Nr. 2^6 Zweiter Blatt
Die Notlage der Assistenten.
Gießen, den 21. Okt. 1919.
Der AkademischeAssistentenver- Land (Ortsgruppe Gießen) wendet sich mit einein O f f e n e n B r ie f an das hessische Ministerium, in dem er folgendes feststellt:
Der Verband ist am 4. April 1919 zum ersten Male an die Regierung herangetreten mit der Bitte um Erhöhung des Gehaltes. Dieses beträgt für den Assistenzarzt einer Klinik (approbierter Arzt!) 66V, Mk. monatlich bei srerer Station, für den Assistenten eines wijsenschaitlichen Instituts 116-7, Mk. ohne trete Station. ES ist 'ür alle Assistenten gleich, einerlei, ob sie 1 oder 10 Jahre an der Klinik oder dem Institut tätig sind. Tas Landesamt für das Bildungswesen ließ sich 2 Monate Zeit, bis es diese dringliche Eingabe auf erneute Bitte um Beschleunigung hin beantwortete. Die Assistenten wuroen mit dem Hinweis auf eine demnächst ftattiinbenbe Hoch- schullonserenz vertröstet, auf der die Sache zur Sprache kommen sollte. Dieser Trost war schwach, und um der augenblickliä>en Not zu steuern, wurde deshalb neuerdings von der Ortsgruppe bei der Regierung beantragt, den Assistenten eine einmalige Entschuldungssumme von 1000 Mk. zu gewähren, weil eine endgültige Regelung der Gehaltsaufbesserung vorerst nicht zu erwarten sei. Bis heute haben wir denn auch von den Beschlüssen der Hochschulkonserenz nichts gehört. Auch dieser zweite Antrag wurde von der Regierung glatt abgclehnt. Sie versuchte allerdings eine Begründung für diese Ablehnung, intern sic auf eine Teuerungszulage verwies, die demnächst zur Auszahlung gelangen sollte. Hinterher entpuppte sich diese als eine Zulage, die allen hesftschen Beamten gewährt wurde und für den unverheirateten Assistenten mit freier Station 662/, Mk., für den ohne freie Station 133 Mk. pro Monat betrug.
Nun hatten sich manche Asftstenten der Hoffnung hitigegeben, die Regierung durch Billigkeits- grünte zu einer Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage bewegen zu können. Es waren Optimiiten, bei denen diese Hofsnung vielleicht dadurch erweckt war, daß der soziale Sinn ter hesftschen Negierung in seiner ganzen Freigiebigkeit und Großzügigkeit bei ter Durchsetzung der Ministerpensionen und der Erhöhung ter Tagegelder dec Volkskammerabgeordneten sich so glänzend offenbart hatte. Die Peisi- misten versprachen sich von Billigkeitsgründen keinen Ersolg. soirdern waren dec Ansicht, daß die Regierung nur bei Zwang sich zur Erfüllung unserer berechtigten Ansprüche herbeilassen würde. Eine interessante Bestätigung erhielt die.e Ansicht sehr bald durch folgendes Beispiel: Auch das Unterpersonal ter Gießener Kliniken war, allerdings erst einige Monate später, an die Regierung mit Lohnforderungen hcrangetreten. Als die Verhandlungen darüber keinen rechten Fortgang nehmen wollten, wurde der Regierung von den Angestellten mit dem Streik gedroht. Dieses Mittel halte eine eigenartige Wirkung auf die Entschlußfähigkeit ter Regierung: Es erschienen sofort bevollmächtigte Regierungsvertreter in Gießen zur mündlichen Verhandlung, die am 22. Juli 1919 einen Tarifvertrag zunächst für ein Jahr mit Rückwirkung ab 1. April 1919 mit den Angestellten abschlosfeu. Danach erhalten bei achtstündigem Arbeitstag, freier Station und einem freien Tag pro Woche anher 100 Mk. Kleitergeld pro Jahr die Pfleger der pjychiatr. Klinik als Anfangsgehalt 200 Mk., die Pflegerinnen 140 Mk., nach 10 Jahren Dienstzeit die Pfleger 295 Mk., die Pflegerinnen 185 Mk.; die Pfleger der übrigen Kliniken als Anfangsgehalt 125 Mk., die Pflegerinnen 100 Mk., nach 10 Jahren die Pfleger 150 Mk., die Pflegerinnen 125 Mk.; die Schlosser und Heizer sämtlicher Kliniken als Anfangsgehalt 245 Mk., nach 10 Jahren 340 Mk.
Im einzelnen wird dazu noch bemerkt: Ein Assistent muß je nach dem Fach 5—6 Studienjahre aus seine Ausbildung verwandt haben , und hat dafür ein Vermögen verbraucht, ehe er eine Stelle an einem Institut oder einer Klinik bekleiden kann. Im Sinne ter Tarifverträge darf er deshalb als gelernter Arbeiter gelten. Man müßte ihn daher wenigstens mit den Schlossern und Heizern im Gehalt gleichstellen, die gelernte Arbeiter sind. Der Assistent ist im günstigsten Fall mit 24 Jahren so weit, daß er anfängt, Geld zu verdienen, wogegen der Pfleger seine Stelle schon im jugendlichen Alter von 17 Jahren bekleiden kann. Dabet wird von diesem nicht das geringste Maß von Fachbildung verlangt. Beim Unterpersonal sind die Lohnsätze abgestuft nach dem Dienstalter, dagegen bekommt der älteste Assistent genau so wenig loie ter jüngste, auch wenn ec 10 Jahre an dem Institut oder an der Klinik tätig ist. Gewiß, wir lernen noch als Assistenten, aber wir leisten doch auch nutzbringende Arbeit, ohne die ein geregelter Betrieb an Instituten und Kliniken unmöglich
Dgs Glück der andern.
Original-Roman von Erich Eben stein.
Copyright 1916 by Ordner & Comp., Berlin W 30.
sfNachdruck verboten.) Fortsetzung 30
XIV.
Am andern Morgen schlug Magnus seiner Braut einen Spaziergang vor, und Evelyn, die ihre schlechte Laune verschlafen hatte, willigte ein.
So schlugen sie einen schattigen Fußpfad, der links von ansteigendem Wald, rechts von der Karen, rauschenden Verda begrenzt war, ein. Das Ziel war eine Aussichtswarte über dem Dorf Berdstetten.
_ Anfangs gingen sie beide schweigend dahin. Plötzlich aber sagte Magnus lebhaft:
„Sag mal, Evelyn, hattest du gestern etwas mit der Fürstin Zetern?"
Evelyn runzelte ärgerlich die Stink.
„Ah, du hast bemerkt, wie unverschämt sie mich den ganzen Abend geschnitten hat?"
„Nein," gab er betroffen zurück und blickte sie erstaunt an, „ich sah nur einmal vor Tisch, daß sie plötzlich aufstand und von dir wegging. Datei schien sie mir ein wenig erregt. Nachher dachte ich, ich hätte mich getäuscht
„Nein, du hast ganz richtig gesehen. Sie floh in sittlicher Entrüstung meine Nähe. Kitty Melters und ich haben unS königlich amüsiert dabei."
„Aber mein'Gott, was hot es denn gegeb'.n?" „O, die alberne Person erlaubte sich, meine Ansichten „unpassend für ein junges Mädchen" zu finden, was ich mir natürlich nich: gefallen ließ. Es war von Nietzsche die Rete, ,ür oct ich eine besondere Vorliebe habe. Die mciftcn dieser Lhilisterjccleu kannten ihn natürlich gar nicht,
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für GSerheffen)Dienstag, 21. Moder 1919
wäre. Von den Kliniksassistenten wissen das unsere Kranken am allerbesten. Diese Leute staunen ungläubig, wenn sie hören, daß unser Grundgehalt bei freier Station 66 und 2/3 Mark beträgt, einschließlich ter Teuerungszulage jetzt 133 Mk. Sie glauben vielmehr alle, ter Assistent hätte ein Einkommen von 15—20 000 Mk. pro Jahr, und sie begrünten diese Ansicht damit, daß die Arteils- leistung eines Assistenten, ter keinen achtstündigen Arbeitstag und keinen freien Tag pro Woche fennt, immöglich so jämmerlich entlohnt werten könne. Nur die hessische Regierung leimt ab, vertröstet, zieht hinaus, obwohl ihr die materielle Not der Assistenten genügend bekannt ist, obwohl sie in Eingaben und mündlichen Besprechungen ausdrücklich darauf hingewiesen worden ist. Ein halbes Jahr ist seit Beginn dieser Verhandlungen verstrichen, ohne daß die Negierung für die Assistenten auch nur das geringste getan hätte, was über den Nahmen allgemeiner Teuerungszulagen hinausging. Sie rechnet osfenbar mit unserem Anstand, weiß sich ftcher vor einem Streik und glaubt im Vertrauen darauf die Assistenten vertrösten zu können. Sic braucht sich nicht zu wundern, wenn dieser Mangel an Verständnis und diese un- gleicl)c Behandlung der Forderungen der Aftisten- icn und des Unterpersonals von uns als bitteres Unrecht empfunden wird und eigenartige Rückschlüsse ausdrängt über Reden und Tun einer Regierung, die den Sozialismus auf ihre Fahne geschrieben hat.
Aus dem Amtsverkündigungsblatt.
Die landwirtschaftliche Winterschule in L ich. Ergänzend wird mi geteilt: In die landwirtschaftliche Wintersckpile fönnen Schüler und Schülerinnen aufgenommen werden, die sich durch Zeugnis ter Bürgermeisterei des Wohnorts über tadellose Führung und über die Bekanntschaft mit ten gewöhnlichen Arbeiten in der Lanü^rirp- schaft, ferner durch Schulzeugnisse über den Besitz der durch ten Besuch der Volksschule zu emxrten» ten Kenntnisse und Fertigkeiten ausweisen können. Eine Aufnahmeprüfung findet nicht statt. Tas Alter ter aufzuuehmenden Schüler und Schüle- rimren soll in ter Regst nicht unter 16 und nickst über 18 Jal)re sein, lieber Ausnahmen entscheidet auf Antrag des Schulvorstehers ter Aufsichtsrat.
Handel mit Lebens- und Futtermitteln.
Erneut wird darauf hingAvieseir, daß ter Hantel mit Lebens- und Futtermitteln nur solchen Personen gestattet ist, denen eine Erlaubnis ^zum Betriebe dieses Handels erteilt worden ist. Diese Vorschrift findet keine Anwendung auf den Verkauf sclbstgewonnener Erzeugnisse, Kleinhantelsbetriebe, in denen Lebens- oder Futtermittel nur unmittelbar cm Verbraucher abgesetzt werten, Personen, die eine Erlaubnis zum Hantel mit Lebens- oter Futtermitteln erhalten haben, sowie Behörden und andere Stellen, denen amtlich die Beschaffung und Verteilung von Lebens- und Futtermitteln übertragen ist. Ws Lebens- und Futtermittel im Sinne dieser Verordnung gelten auch Erzeugnisse, aus denen Lebens- oder Futtermittel hergestellt werden. Mit Gefängnis bis zu einem Jabre und mit Geldstrafe bis zu zehntausend Mark oder mit einer dieser Strafen wird bestraft, wer ohne die erforterlickre Erlaubnis mit Lebens- oder Futtermitteln HandÄ treibt. Wer ten Preis für Lebens- oder Futtermittel durch unlautere Machenschaften, insbesondere Kettenhandel, steigert, wird mit Gefängnis bis zu einem Jahre und mit Geldstrafe bis zu zehntausend Mark oder mit einer dieser Strafen bestraft. In ten Städten von über 20 000 Einwohnern sind bei den Oberbürgermeistern, im übrigen bei ten Kreisämtern beordere Stellen, die zur Entscheidung über die Erteilung und Entziehung der Erlaubnis, sowie über die Untersagung des Handels zuständig sind, errichtet. Vorsitzeirde ter besonderen Stellen sind die Oberbürgermeister, im übrigen die Kreisräte. Anzeigen, in denen Gegenstände des täglichen Bedarfs, insbesondere Nahrungs- und Futtermittel aller Art, sowie rohe Naturerzeugnisse, Heiz- und Leuchtstoffe, Tüngrinittel oder Gegenstände des Kriegsbedarfs angeboten werden, oder in denen zur Llbgabe von Angeboten über fcldie Gegenstände auf- gcsordert wird, dürfen in periodischen Druckschriften nur mit Angabe des Namens ober der Firma sowie ter Wohnung toter ter Geschäftsstelle des Anzeigenden zum Abdruck gebracht werten.
In ten Gemeinden ansässige Händler von LÄienS- und Futtermitteln, welche noch nicht um die erforderliche Erlaubnis nachgesucht haben, hüten um diese Ettaubms sofort nachzuöommen.
Verbot der Haferausfuhr.
Obwohl mit dem 15. Oktober ds. Js. das Verbot des Ausdrusches von Hafer abhäuft, ist die Ausfuhr von Hafer aus Gemeinden des Kreises
ohne kreisamtliche Genehmigung auch weiterhin verboten.
♦
Errichtung einer VLckerzwangs- innung für ten Landkreis Gieyen. Tie Liste ter Handwerler, welche an ter Abstimmung über die Errichtung einer Zwangsinnung für das Bäckerhandwerk im Landkreis Gießen teilgenommen haben, liegt ivährend zweier Wochen, vom Tage des Ersck>eiuens dieser Bekanntmachung, auf ter Registratur tes KreisamtS Gießen in ten üblichen Geiü-ästsstuuten zur Einsicht und Erhebung etwaiger Einsprüche ter Beteiligten offen. Nach Ablaus dieser Frist angebrachte Einsprüche bleiben unberücksichtigt.
Lieferungszuschläge für Brotge- treideundGerste. Auf Airordnung tes Lan- tesernährnn^Zamts ist mit Genehmigung tes Reichswirtschaftsministeriums rtunmefyr auch die Frist für Gewährung tes Lieferungszuschlages in Höhe von 75 Mark für ten Bezirk tes Kvmmnnal- verbands Gießen bis zum 31. Oktober 1919 einschließlich verlängert loorten.
Sy ort*
** Gießen, 19. Okt. Tas Ligaspiel auf dem Spottplatze tes V. f. R. 1900 endete zu Gunsten tes Siegener Sportv. Germania mit 3—9 Toren. Die Manns cl-a ft ter Gäste lieferte ein flottes, von, Anfang bis Ente energisch durchgeführtes Spiel. Tas erste Tor erzielte Siegen durch einen Fehler ter Gießener Verteidigung. Einen gegebenen Elfmeter verschieß Gießen uitb Siegen erzielte ein zweites Tor. Nach Halbzeit hat Gießen anfänglich meljr front Spiel und kann zwei Tore aufholen, muß aber bald das Kommando an Siegen abgeben, das 6 Minuten fror Schluß das dritte Tor erzielt, und damit die Führung hat. Noch ein starker Angriff von Gießen, dann ertönt ter Schlußpfiff und Siegen hat die zwei Punkte errungen. Die Gießener ALannschast spielte unter ter sonstigen Form. Im Sturm zeigte nur der Halbrechte gutes Kömten. Tie Verteidigung war bis auf zeitweiliges Nachlassen gut, ter Tormann ter beste Mann. Bei Stegen ist ter Linksaußen zu langsam, sonst ist die Mannschaft schnell im .Angriff und stark in ter Verteidigung.
Turnen.
-m. Hungen, 20. Okt. Gestern ftlrtd im Saale des „Darmstädter Hofes" das A b t u r n e n tes hiesigen Turnvereins statt, das nach einem Zug der altifren Turner durch das Städtchen einen guten Verlauf nahm. Bei Konzertvv-rttätzen entledigten sich am Nachmittag die jungen Zöglinge und am Aoend die älteren Turner, umgeben fron zahlreichen Zuschauern, ihrer Aufgaben, fron denen namentlich die schwierigen Vorführungen ter älteren Turnzögilinge lebhaften Beifall sanden. Hieran anMießend wurde ein Ball veranstaltet, der ebensalls gut verlief.
Gericht-saal.
Drr Offenbacher Karsrellagsputsch.
Darmstadts 19. Okt. Eine ganze Anzahl tteiterer Teilnehmer au dun Oftenbacher Karsrn- tagsputsch stanten gestent fror ter Darmstädter Strafkammer wegen Landfricktensbruchs, Auftuhr usw. zur Aburteilung. Es sind acht Angeklagte, der neunte, ein gewisser Ri: ß, ter jetzt in Frankfurt wohnt, hat sich nicht gestellt. Meist sind es vorbestrafte Personen, die beschuldigt sind, sich an jenem Tage durch ihr Verhalten und ihre B'.- teiligung an dem schweren blutigen Zusammenstoß schuldig gemacht zu haben. Sie find im allgemeinen geständig, bestreiten ater, in böser Absicht und in ter Absicht Gewalt anzuwenten, gehantelt zu haben, iDter aber sich ter Folgen ihres ^testete mens bewußt gewesen zu fern. Die Anklage vertritt wieder Amtsgerichtsrat Dr. Sittel, ter das Verhalten her Angeklagten scharf geißelt und besonders darauf hinweist, daß das Schwurgerichts-- urteil, auch vielfach in ten Jteeifen ter Kommunisten als gerecht anerkannt Worten sei. Die Verhandlung fördert stteues von Belang nicht zu Tage. Als Verteidiger ist nur R.-As. S e ck e l--Frankfurt erschienen, ter in kurzen Ausführungen mehrere ter Angeklagten verteidigt. Tas in verhältnismäßig kurzer Beratung gefällte Urteil lautet: Gegen Tag- löhner Jos. Walther und ten .Arbeiter Robert Eiche, 39 Jahve alt, auf je 1 Jahr 6 Monate Gefängnis. Walther, ter auf freiem Fuß: war, wird wegen Fluchtverdacht in Haft genommen.- Fabrikarbeiter K. Behl, 23 Jahre alt, 1 Jahr Gefängnis, abzüglich 5 Monate Unter- suchungshaftt Portefeuiller Hch. Pietz, 29 Jahre alt, ein überzeugter, mit rednerischen Talent aus- Bestatteter, ater augenscheinlich gnstig erkrankter Ictznsch, zu 8 Monaten Gefängnis, abzüglich sechs Monaten Untersuchungshaft, der Buchdrucker H. R.
gern
Evelyn gab sich keine Mühe, das Schweigen zu brechen. Sein Ton hatte sie roie schon öfter gereist Er tlang so mentorhast. Dann dachte sie an Paul Gottorb, Der ihr die Bücher von Nietzsche geliehen hatte, über die sie bann beite ihre Ge- tonten austauschten.
„So? Davon habe ich wirklich nichts bemerkt. Meine Freundin wird sie jedenfalls nie werten."
Bewe schwiegen. Magnus war ernstlich verstimmt. Nach einer Pause sagte er beklommen:
„Dn hast Nietzsche wirtlich gelesen?"
„Jawohl. Hältst du ihn etwa auch für „verbotene Lektüre"?"
„Das nicht gerate. Wer idj knn der Ansicht, daß ihn ohne Schaden nur reife Menschen mtt völlig gefestigten Grundsätzen lesen sollten. Seme Theorien können sehr leicht mißverstanden werten und würden dann, in die Tat nmgesetzt, allerdmgs eine Gefahr für die Gesellschaft bedeuten. Wer gab dir denn die Bücher? Deine Mutter oder Beate Mlllner doch gewiß nicht!" .
„Nein. Ein Bekannter borgte sie mir."
Magnus schwieg verstimmt. Er hätte gewußt, wer dieser „Bekannte", war, aber ihre Antwort hatte so schroff ablehnend geklungen, datz
Nur die Fürstin Zedern ließ sich mit mir in einen Streit ein. Für sie scheint er ter richtige Gottseibeiuns zu sein. Ihre spitze Nase wurde ganz weiß vor Verachtung bei feinem bloßen Namen, „jenseits von Gut und Böse" scheiitt ihr der ketzerischste Begriff, den es überhaupt gibt. Na, und das Ende von allem war dann, daß .ich ausgespielt, habe ^^Das täte mir sehr leid, Evelyn. Die Fürstin ist eine alte Freundin unseres Hauses, und nebenbei außerordentlich klug und tolerant," sagte Magnus
Wie anders war er doch als Magnus! Ein stolzer — sich allerdings rücksichtslos durch die Wett drängender Herrenmensch! Aber eben darum hatte sie sich ihm geistig verwandt gestchlt. Er icar so klug. Er verstand es so gut, den ScAeier von allen Vorurteilen zu ziehen und ihr Tiefen des eigenen Wesens zu enthüllen, die sie allein wohl nie ergründet hätte. Bis zu unbesonnener Begeisterung riß er sie manchmal mit sich fort . . .
Das hatte Magnus nie gekonnt. Was er sagte, war immer im Nahmen der banalen landläusigm Moral.....
Wie schade, daß nicht Gottorb ter Besitzer von Rettenegg ist! dachte sie, einen Seufzer unterdrückend.
Magnus bemühte sich intessen, wieder ein Gespräch in Gang zu bringen. Er sprach von seiner nahe bevorstehenden Versetzung zu irgend einer auswärtigen Gesandtschaft und meinte, daß es wohl wahrscheinlich Paris ooer Berlin fein würde!
Paris! Berlin! Das gab Evelyns Gedanken sofort eine andere Richtung. Sie schwärmte für Großstädte und erging sich nun in allerlei Plänen.
In ter sprunghaften Unausgeglichenheit ihres inneren Wesens, die sie äußerlich so gut verbergen konnte, schalt sie sich sogar jetzt heimlich eine „senttmentale Närrin" um ihrer eben gehegten Gedanken willen. Nein, es war alles ganz gut so. Magnus würde ein um so gefügiger Ehemann werten, und in Rettenegg, wo die geistige Mtttel- mäßigkeit seiner Umgebung sie schon jetzt bis zum Ersttcken langweilte, blieb man ja gottlob nicht ewig! ,
Plötzlich gab es seitwÄtts im Walte ein Geräusch, das ihre Aufmerksamkeit dorthin lenkte.
Gleichzettig grüßte Magnus. Auf einem schräg auswärts fnhventen Steig wurde zwischen dem
Stapf zu 6 Monaten und ter Schuhmacher H Alb. Stapf zu 4 Monaten Ge.ängnis Zwei nerleve .Angeklagte werdm freigespvock?en.
Die Kommtmaltoafylen.
a. Nordeck, 20. Okt. Bei den gestern hier veranstalteten Bürgermeister- und Schöffen» wählen wurde folgendes Ergebnis erzielt: Der bisherige Bürgermeister W i ß k e r wurde einstimmig wiedergewählt, als erster Schöffe der Landwirt Georg Henkel, als zweiter Schöffe der Landwirt unb Dreschmaschinenbesißer Wilhelm Weber und als Schöffenstelloertreter der Landwirt Philipp Kornmann.
g. Rüddingshausen, 19. Oft. Bei der Ente Juni abgel-altenen Bürgermeister^ wähl waren von 412 Stimmberechtigreu 354 Stimmen abgegeben worden. Cs erhielten von ten beiden Kandidaten Gastwirt August Müssig und Ludwig Genth II. ein jeder 175 Stimmen, vier Stimmen waren ungültig. Daraufhin mußte das Los entscheiden, welaies zu Gunsten tes Gastwirts Llugust Müssig ausiiel. Die Partei tes <tegcn- faiwioaten war aber mit diesem Re.ultat nicht zu- frieten und hatte die Wahl angefochten, weil eine Perion gewählt bähe, die das 20. Lebensjahr noch nicht überschritten. Es kam zur Ver!)andlnng vor dem Kreisausichuß, wo die Klager kostmfculig ab- gewis'en wurden, well es an Beweisen fehlte. Mittlerweile wurde Herr n Nechtsanwalt Hornberger, Gießen, von feiten ter Kläger Vollmacht erteilt und gegen das Urteil tes Kreisausschusses Berufung eingelegt. Am 18. Oktober kam die Sache vor dem Provinzialausschmß zur Verhandlung, wobei noch mehrere Zeugen Dvraomnien wuroen. Das Urteil lautete: Der Berufung der Kläger wurde stattgegeben und die Wahl für ungültig erklärt. Mithin hat Rüddingsl-allsen das Vergnügen noch einmal eine Bürgerneeistenvahl abzuhalten.
Kricgsgesangenen-Heimkehr.
g. Rüddingshausen, 19. Okt. Dis jetzt sind von unserem Orte 8 Mann aus englischer Gefangenschaft zuruckgekehrt. Es sind dies: Otto Krug, Hch. Dietz, Peter Müller, Konrad Volk, die beiden Brüder Heinrich Theis und Karl Theis, Karl Peter und Johannes Zahtt. Der hiesige Musikverein frühere von Herrn Lehrer Schmidt gegründete Schülerkapelle) ließ es sich nicht nehmen, die Heimgekehrten abends durch ein Ständchen zu begrüßen. Auch die jungen Mädchen haben den Heimgekehrten eine Freude bereitet indem sie deren Wohnungen mit Kränzen geschmückt hatten. Bis jetzt sind diejenigen, welche in englischer Gefangenschaft waren, alle zurückgekehtt.
4 Ortenberg, 19. Okt. Gestern ab erst kehrte aus englischer Gefangenschaft in Frankreich Gustav Suhl, Pslegesohn des früheren Feuer- nehrkommandartten Karl Suhl, in die Heimat zurück. Er kam aus dem Durchgangslager Lechseld Das Heimatftädtchen hatte nneoer Fahnenschmuck zum Empfang angelegt, die Kriegsgeiangenenheim- kehr begrüßte den Hellnkehrer durch znxi Abgeordnete im Haus und ließ ein lleines Geschenkpakei überreichen. Die letzte Zell hatte es ter Gefangene unter dem Befehl eines englischen Offtziers uni Pfarrers sehr gut. Sein gutes Aussehen legte Zeugnis davon ab.
Eingesandt.
(Für Form und Jnhatt aller unter dieser Rubrit stehenden Arttkel übernimmt die Redaktion tenr Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)
Die Verordnung über die Einschränkung des Gasverbrauchs in Gießen leidet an einem schweren Mangel. Sie bcrücksichttgt nicht, daß ein Teil der Haushaltungen nur über Gaslicht ver-, fügt, während ein anderer sowohl Gas- wie elektrisches Licht benutzt. Die letzteren Haushalllmgen sind nach der Verfügung in sehr glücklicher Lage: sie dürfen ihr Quantum Gas voll für die Küche benützen, da die Zimmerbeleuchtung elektrisch ist. Die anderen aber können, da sie die ihnen zugestan- tene geringe Gasmenge für die Küche brauchen (Kohlen gibt es ja nicht!), ihre Zimmer überbaupt nicht beleuchten, oder sie müssen die Beleuchtung mit dem ungeheueren Aufgeld von 50 Psg. für den Kubikmeter bezahlen. Es ist Har, daß darin eine so schwere Benachtelligung derjenigen Haushaltungen liegt, die nur Gas haben, daß die Verfügung in dieser Form unniöglich auftecht erhalten werden kann. Vielmehr muß denjenigen, die nur Gas haben, unbedingt eine größere Gas« menge ohne Aufschlag zugestanden werden. Es stehl wohl zu hoffen, daß eine entsprechende Abänderunl bald betaimtgegeben wird. S.
ärztlich bevorzugt.
dichten Unterholz eine alte, hagere, fast männlich erscheinende Frauengestalt sichtbar, die Magnus' Gruß stumm erwiderte, einen Augenblick neugierig aus unsteten schwarzen Augen herabstarrte und tentn hastig zwischen den Büschen verschwand.
Die ganze Erscheinung hatte etwas Unheim-^ liches für Evelchi. Ihr war, als habe die Fran ganz besonders sie angesehen, und als verriete ihr stechender Blick dabei etwas wie zornige Bettofsen^ heit.
.Fragerid blickte sie auf Magnus.
„Wer war das sonderbare Wesen?" . ;
„Fräulein Webster aus Bvchiegg, frfrn der ich dir bereite erzählte."
„Ach so — die Närrin!"
Das vorhin unterbrochene Gtz'präch wieder aup nehmend, setzten sie ihren Weg fort, bis MagnuÄ ahnungslos sagte: „Sollte man mich aber etwa, auf einen zu weit entlegenen Posten schicken wollen, würde ich einfach aus dem Staatsdienst austtetew und dauernd in Rettenegg leben."
Wie vom Blitz getroffen, blieb Eoelyn stehen..
„Tas wolltest — das könntest du?" ftammeltd ie bestürzt. Und als er ruhig bejahte, erstaunt, >aß dieser Gedanke ihr unangenehm schien, begann,- ie in leidenschaftlicher Weise auf ihn einzureten./ Das könne doch nimmer sein Ernst sein. Er — so! jung, so begabt! Ob er denn gar keinen Ehrgeiz, habe? Zum ersten Male vielleicht, feit sie Der tobt, waren, hing sie sich schmeichelnd an seinen Ann,, fand warme Wvtte und heiße Blicke, um ihm be-, greiflich zu machen, Ivie sehr sie ihn bewundern^ würde in irgend einer wichtigen Mission wie stolz, sie auf ihn wäre, wenn sein tzteist, Mitarbeiten würde an ter Politik .Europas.
(Fortsetzung firtgt)


