Ausgabe 
21.1.1919
 
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!ft. 17 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 21. Januar 1919.

** Amtliche Personalnachrichten. In den Ruhestand ver eht wurden nachstehende Beamten der hessisch-preußischen Eisenbahngemeinschaft vom 1. Fe­bruar d. I. an: der Weichensteller Wilhelm Schmidt zu Gießen, die Schaffner Iohs. Ott zu Gießen und Peter Stielet zu Aschaffenburg, der Bahnwärter Heinrich Bauer zu Bürstadt.

** Zur Regelung deS»Güterver- lehrs mit den am der linken Nhei.lseite »der in den besetzten rechtsrheinischen Brückenkopf gclieten belesenen Stationen ist eine Reihe von Bestim­mungen getroffen morden. Nach den Vorschriften der Entente si:id die rechtsrheinischen 93 rüden» kopsgebiete hinsichtlich des EisenLahnver^hrs den gleicher Beschräniungen unterworfen wie die linke Rheinseite. Nähere Auskunft erteilen die amt­liche Auskunftsstelle für den Güterverkehr im Ge- schästsgebäude der Eisenbahndirektion Frankfurt, Hohenzollernplatz 35, sonne die Güter- und Eilgut- abfertignngen.

** Stenographie. Die Stenographen-Gesell- schaftBabelsberger" und Damenabteilung e. D. hielt am 17. Januar im Hotel Schütz ihre diesjährige ordentliche Hauptversammlung ab. Wie aus dem Jahresbericht ersichtlich, war die Unterrichtstätigkeit, trotzdem beinahe 200 Mitglieder unter den Fahnen standen, auch im abgelaufenen Jahre wieder sehr rege, wodurch es möglich war, den Mitgliederstand auf 600 zu erhöhen. Den Tod fürs Vaterland star. ben während des Krieges 22 Mitglieder und liegen über eine Reihe Vermißte noch keine bestimmten Nachrichten vor. In den Vorstand wurden einstim­mig wieder- bezw. neugewählt: A. Karnbach, 1. Vor­sitzender, K. H. Kuhl, 2. Vorsitzender, K. Hergenröther, l. Schriftf., Friedr. Kopp, 2. Schriftf., Aug. Siebert, Rechner, Elly 'Singel, Dücherwart, Frieda Zink, ßeb tungswart, Unteroffizier P. Jockel und ß. Gravelius, Beisitzer Als Rechnungsprüfer wurden ßudw. Well- Hausen und Fritz Weiß bestimmt.

Geschle chtskrank e Heeresentlassene. (Eine kostenlose Beratung und Behandlung geschlechts- kranker Heeresentlaffener und ihrer Angehörigen wird von der bürgerlichen Gesundheitsverwaltung in Er­gänzung der militärischen Maßnahmen überall einge­richtet. Die Tätigkeit der Fachärzte soll auf benach. barte Gebiete ausgedehnt werden. Wo es an Fach­ärzten fehlt, sollen sie besonders überwiesen und an- gesetzt werden. Aufgabe der Kreisärzte wie der Fach­ärzte sind auch belehrende Vorträge für die Bevöl­kerung. Die Fachärzte sollen auch außerhalb ihres Wohnortes von Zeit zu Zeit Sprechstunden abhalten. Die Kommunalverbände sollen Beratungsstelln ein­richten. Die Krankenkaffenvorstände sollen veranlaßt werden, für eine fachärztliche Behandlung Sorge zu tragen. Die ansässigen Fachärzte sind zu befragen, ob sie sich beteiligen wollen. Sämtliche privaten Aerzte sind aufzufordern, mit den Fachärzten verständnisvoll zusammenzuai beiten. Es wird dafür ein besonderes Merkblatt ausgegeben. Die Rechnungen der Aerzte werden nach der x>tr. durch die Regierungshaupt­kaffe bezahlt Die Einrichtung soll bis zum 31. März bestehen.

** Schwarz-Weiß-Lichtspiele, Sel­tersweg 81. Ab heute bis inklusive Freitag den 24. Jan. gelangt der Münchener KunstfilmW t r gingen einen schweren Pfad", Drama aus dem ungarischen Volksleben, zur Aufführung. Außerdem das LustspielTie Verzweiflungstat des Tobias Storch".

Landkreis Gießen.

-cht. Grünberg, 21. Jan. Am 24. d. Mts. feiern die Eheleute Eisenbahnschaffner L R Konrad Hartmann und Berta Hartmann geb. Riegelmann das Fest der goldenen Hochzeit.

U Lang-Göns, 18. Jan. Heute nachmit­tag 1 Uhr ertönte Feueralarm. Es brannte in der Hofreitc der Wilhelm B e p p l e r Witwe. Tic Feuerwehr war gleich zur Stelle, so daß das Feuer aut seinen Herd beschränkt wurde. Heu und Stroh­vorräte sind verbrannt. Tas Mitgefühl für dre schwergeprüfte Frau, deren Mann im Felde ge­fallen ist. ist allgemein.

ckft Röthges, 21. Ian. Fürs Vaterland starb der Schulverwalter Heinrich Rinker, Offizier-Stell­vertreter im Inf.-Regt. 118, 3. Masch.-G -Komp., In­haber des Eisernen Kreuzes 1. und 2. Klaffe und der Hessischen Tapferkeits-Medaille. Er wirkte in Dau- bringen und an hiesiger Schule.

-cht. Steinberg bei Gießen, 20. Januar. Seit 25 Jahren ist der Sortiermeister Jakob Häuser XL aus Steinberg bei der Firma Gail'sche Dampfziegelei undTonwarenfabrik inGießen beschäftigt.Aus diesemAn- laß wurde der Jubilar in Anerkennung seiner geleisteten treuen Dienste von der Firma mit einem Gedenkblatt nebst Gedenkmünze und einem Geldgeschenk bedacht.

Kreis Büdingen.

# Mittelgründau, 21. Ian. Kurz vor der Heimkehr starb plötzlich an schwerer Krankheit nach 49 monatiger treuer Pflichterfüllung der Sergeant Heinrich Kehrn, Inhaber des Eisernen Kreuzes.

Kreis Alsfeld.

# Dernsburg, 21. Ian Auf dem Felde der Ehre starb der Schulverwalter Karl Schäfer, Leut­nant der Reserve im Inf.-Regt. 253, Inhaber des Eisernen Kreuzes und der Hess. Tapserkeitsrnedaille.

Kreis Scholten.

o Schotten, 20. Jan. Tie Preise für Wild feile sind innerhalb kurzer Zeit erheblich gestiegen. So werden jetzt für Fuchsselle 40 bis d0 Mk., für Steinmarder 60 Mk., für Iltisfelle je nach Größe 10 bis 20 Mk. bezahlt. Ter schneefreie Winter ist für das Erjagen dieses Raubzeugs leider nicht günstig.

# Sichenhausen, 21. Ian. Durch Artillerie- Volltreffer starb der Sergeant Heinrich Lang.

Kreis Friedberg.

= Bad-Nauheim, 20. Jan. Mit dem Verwaltungssitz Bad-Nauheim wurde unter der Firma Gewerkschaft Mannebach I (Gelbrucker Grube) Seelbach bei Aumenau a. d. Lahn eine Ge­werkschaft ins Leben gerufen, die die Ausbeutung der Gimbe Seelbach beabsichtigt. Ter Betrieb wird schon in kürzester Frist aufgenommen.

Hessen-Nassau.

Frankfurt o. M., 18. Ian. Wegen Nicht­erfüllung ihrer Gehaltsforderungen sind die Mit­glieder des Opernhaus-Orchesters in den Ausstand getreten. Wenn die Intendanz und die Theater- 21.=©. nicht die Forderungen bewilligt, steht die Schließung des Opernhauses bevor.

Frankfurt a. M., 18. Ian. Der Mörder des Schuhmanns Heinrich Giesel berg wurde am Donnerstag in feinem Heimatsort Loffenau in Würt­temberg auf Ersuchen der hiesigen Kriminalpolizei verhaftet. Er wird von hiesigen Kriminalbeamten, denen er bereits ein Geständnis abgelegt hat, nat> Frankfurt transportiert Es ist dec 24jährige Schlosier Hermann Adam.

Aunst und Wissenschaft.

100 Jahre Monumenta Qicuntintnc.

Gießen, 20 Ian. Das gewaltigste Quellen­werk deutscher Geschichte, die Monumenta Gcrmaniae, blickt am 20 Januar 1919 auf ein hundertjähriges Bestehen zurück. Es ging aus der vorn Freiherrn von und 3um Stein in Fr ankfurt a. M. gegrün­detenGesellschaft für ältere de tsche Geschichtskunde", die sich die Herausgabe sämtlicher Quellenschriften des deutschen Mittelalters zur Aufgabe gestellt hatte, hervor Nur der ganzen Persönlichkeit Steins und seiner Opferwilligkeit war es in den ersten Jahren zu danken, daß das Niesenunternehmen, kaum be­gonnen, überhaupt fortgeführt werden konnte, so lau stellten sich die wiffenschaftlichen Kreise Deutschlands dazu. Länger als 50 Jahre stand Ioh. Georg Perh dem Unternehmen vor, das als erste Publ Kation die merowingisch.karolingischen Quellen enthielt. Der Ber­liner Akademie der Wissenschasten war es vorbehalten, 1875 eine völlige Neuorganisation des Werkes auf moderner Basis gemeinsam mit deutschen und öster­reichischen Forschern durchzuführen. Mommsen, Sickel, die Schüler Rankes, Waih, Wattenbach und Dümmler gaben der Monumenta neue Lebensfähigkeit. Heute bietet das Riesenwerk an seinem 100. Geburtstag in 171 umfangreichen Bänden Uebersehungen der Ge­schichtsschreiber der deutschen Vorzeit und in 53 wei­teren Publikationen ein Spiegelbild deutscher Gründ­lichkeit und Forschertängkcit und einen fesselnden Ueberblick über die Entwicklung der deutschen Ge- schichtswiffenschaft überhaupt. .

Vermischtes.

Ein neuer Nanbnnfall in Berlin.

Berlin, 19 Ian. (WTB.) Nachts erschienen in der Wohnung des Iuwe iers Grützner in der Gormanstraße, der mit etwa 30 Personen den Ge- burtstag seiner Braut feierte, drei Matrosen und ein Feidgriluer und forderten die Gäste mit vor­gehaltenen Pistolen auf, die Hände hoch zu nehmen. Dann durchsuchten sie jeden einzelnen, nahmen ihm ein Geld sowie seine Papiere aus den Taschen und orderten Grützner auf, den Geldschrank zu öffnen, aus dem sie 300 Mark entnahmen sowie die darin befindlichen Papiere. Dann wurde die ganze Ge- burtstagsgeselljchaft in ein Nebenzimmer geschickt. Während einer der Matrosen Grützner aufforderte, ich anzukleiden und ihm nach dem Polizeipräsidium zu folgen, warfen die Räuber, um unbehelligt zu entkommen, auf den Korridor der Wohnung eine Gasbombe. Die sich entwickelnden Gase veran- laßten die Gäste, aus dem Fenster zu springen, wo­bei eine Frau einen Bruch des rechten Beines erlitt. An barem Gelbe sind den Räubern ungefähr 2000 Mark in die Hände gefallen.

"

Koblenz, 19. Ian. Der Oberbürgermeister der Stadt Koblenz, Bernhard Elostermann, ist im Alter von 45 Jahren einer tückischen Krankheit er­legen. Der Verstorbene hat sich in knapp vierjähriger Amtstätigkeit um die Stadt bleibende Verdienste er­worben.

Letzte Nachrichten.

(Befamtergebnis im «reife Gietzen.

Ulrich ...... 20 215

B.ckmann.....2 193

Schmitt......1160

Henrich...... 10 623

Werner...... 10 399

Becker..... 4 468

Die letzten Ergebnisse aus dem Landkreis Gießen.

Unserer auf der ersten Seite des heutigen Dlat- les veröffentlichten Tabelle fehlten noch einige Er- gebniffe, die wir hiermit nachtragen.

Saasen. Uirich 95, Beckmann 0, Schmitt 1, Henrich 66, Werner 52, Becker 15

Watzenborn-Steinberg Ulrich 616, Beck­mann 105, Schmitt 0, Henrich 30, Werner 289, Becker 3.

Reinhardshain. Ulrich 21, Beckmann 0, Schmitt 3, Henrich 65, Werner 63, Becker 0.

.Ruddingshausen. Ulrich 199, Beckmann 0, Schmitt 0, Henrich 111, Werner 35, Decker 2

Oppenrod. Ulrich 55, Beckmann 4, Schmitt 0, Henrich 21, Werner 63, Becker 2.

Langd. Ulrich 95, Beckmann 0, Schmitt 0, Henrich 65, Werner 59, Decker 5

Lumda. Ulrich 67, Beckmann 4, Schmitt 2, Henrich 72, Werner 58, Becker 2.

Nonnenr oth Ulrich 16, Beckmann 0, Schmitt 0, Henrich 89, Werner 44, Becker 18.

Weitere Wahlergebnisse im Reiche.

Frankfurt a. M. (Wahlergebnis aus 362 Be­zirken: lu kleinere Bezirke stellen noch auS.s Mehr» beilssoz. hi5379, Uuabb. Soz. 10>>71, Teuttcke TemofrotiM e Partei 56 "80, Zentr. 27 774, Teuts.be Vollspartei 20 6-3, Teutsch-nat. Vo kspartei 103 5.

27. Wabllre, s (Pfalz). Eigebliis aus 430 Landstinunbeftrkcn.) Zentrum 54871, Unabhängige 553 Deutsche Volkspartei 46592, Sozialdemokraten 56.350, Deutlche Deinokransche Parte» 15121

Köln und Aachen. 20. Wahlkreis. (Resultat aus 474 Wahlbezirken der Stabt Köln, die insgesamt 804 Bezirke aufweist.) Zentrum 105 291, Mehrheits- sozialisten 105364, Demokraten 32384, Deutsche Volks- Partei 15 619, Deutsch-nationale Volkspartei 8 174, Unabhängige Sozialisten 3 939.

siel dort: Bis heute Mittig sind sollende Ergebntffe feftgeiellt: Deutsche Demokrat Part i 2 ,010, Deutsch-nationale Bolkspartei 18417, ZeMr 75694, Mehrlieitsso-ialbeiuokraten 40250, Unabh. Soz>albemokraten 55841.

Iserlohn (Stabt): Zentrum 3466, Demokraten 2798, Deutsche Volkspartei 2465, Mehrheitssozial­demokraten 6833, Unabhängige 825 Stimmen.

Remscheid: Zentrum 3'43, Deutsch-Nationate V.-P. 4612, Demokraten 10152, Mehrheitssozial­demokraten 5634, Unabhängige 16891 Stimmen.

Stabt Wilhelmshaven: D lusch-natlonate V.- P. 379, Zentrum 1636, Deutsche Bollspariei 5235, ?eiufd)e demokratische Partei 16240, MehrheiiSsozialtsten 15408, Unabhänqtqe Sozialdemokraten 1 362.

Ölorbbaufen (Ctabt und Land): Deutsch- nationale Volkspartei 5099, Zentrum 689, Demo­kraten 103)8, Sozialdemokraten 5633, llnab» hängige 15834.

Berlin, 21. Ian. Aus annähernd der Hälfte der Wahlkreise liegen die Wahiergebnisse vor. Sie entbehren jedoch noch der amtlichen Bestätigung, wenigstens zum größten Teil, sodaß noch kleine Ver- schiebungen eintreten können. Nach den Berechnun, gen desBerl. Lok.-Anz." sind gewählt: Mehrheits- soz alisten 96, Deutsche Demokratische Partei 40, Ehristliche Volkspartei (Zentr.) 35, Deutsch-nationale und Deutsche Dolkpartei 24, Unabhäng. Sozialisten 10, kleinere Parteien 7.

Dresden Stabt): Sozialdemokraten 154947, Deut'che Volks» >rtei 56526, Demokraten 45 715, Deutsch-Nationale 30407, Unabhängiae 9 638, Christliche VolkSparlei 4771. Ein Bezirk fehlt noch.

Chemnitz (Teilergebnisse): Sockaldemokraten 499472 (Noske), Demokraten 169556 > Brodaus), Ui,abhängige 53828 >Jacke!), Zentrum 3680 (Rothe , Teutsch-9iationale 113237 (Bteuer).

Bautzen Stadt. Niehrheitssozialdemokratie 402, Deutsche Demokratische Partei 5064, Deutsche Volkspartei 2535, Detit'ch'iiationale Volkspartet 20!6, Christliche Volkspartei (Zentrum) t52, Un­abhängige Sozialdemokraten 6.0.

Breslau. (Vorläufiges Wahlergebnis von 363 Bezirken): Sozinlc>em. Partei 159478, Deutsche Demokr. Partei 7 055, Cbrtl'il. Volkspartet (Ztr) 41313, Deutsch-uationale Volkspartet 38822, Unabh. soztaldcm. 'Bartet hi2.

Görlitz (Stabt): Deutsche Demokraten 14057, Deutsch-Nationale V. P. 5023, Zentrum 2163, Sozial- bemokraten 24171, Unabhängige 1 (ungültig 93) Stimmen.

Brom berg Stadt. Sozialdemokraten 8270, Detttsche Volkspartet 7242, Deutsch-nattonale Volks- onrtei 2991, Deutsche Demokratische Partei 2371, Ehrinliche Volkspattei (Zentrum) 1788, Das Er­gebnis von 4 Bezirken fleht noch aus.

Dienstag, 21 Januar 1919

Neu-Strelitz einlchl. Fürstentum Ratzeburg: Deutsch-nattonale V.-P. 6334, Deutsche Volkspartet 463, Bauernbund 140, Demokraten 17 214, Sozialdemokraten 22772. (Einige Heute Landgemeinden fehlen noch).

Die zriedenLtonscrenz.

Paris, 20. Ian. (WB.) Reuter. Einige Depu- tierte auf der Friedenskonferenz drückten ihr Er- staunen aus, daß auf dem Programm der Konferenz Fragen wie die der Verantwortung für den Krieg der Vorrang enigeräumt worden sei, während wichtige Gegenstände, wie der Völkerbund und die Freiheit der Meere nicht unter den zu erwägenden Punkten angeführt seien Eine Hauptperson wies darauf hin, daß diese Fragen darum keineswegs zu übersehen sind und daß man die (Erörterung dieser Gegenstände auch nicht verschleppen wolle. Es würden keine Ver­zögerungen in dieser Hinsicht eintreten. Die auf dem Arbeitsprogramm stehenden Gegenstände würden den versch ebenen Delegierten, die darüber sobald wie möglich Bericht erstatten werden, zugewiesen. In der Zwischenzeit kann die Konferenz selbst ihre ganze Aufmerksamkeit anderen Fragen, insbesondere dem Völkerbund, zuwenden.

London, 20 Ian. (WTBI Reuter. DerDaily Mail" zufolge wird der große Plan für den Völker­bund in der nächsten Sitzung erörtert. Das Blatt schreibt: Wir glauben, daß viele der Schwierigkeiten verschwinden werden, wenn er geprüft wird.

Die Arbeit an der Neichsvcrsasfimg.

Berlin, 20. Jan. Wie derV o r iv ä r t 8" meint, dürfte eine große Mehrheit vvrhairden sein, die bereit sein werde, den Grundlinien des Ber> sassungsentwurss zuznftimmen. Möchte sich die Nationalversammlung, die voraus ichtlich am 6. Februar Zusammentritt, vor dem Fehler des Frankfurter Reichstages hüten und lange akck- demische Erörterungen vermeiden. Die Not der Zeil fordert rasche Taten.

lieber den neuen Entwurf der Reichs-« Verfassung wird in derDeutschen Allgem. Zeitung" getagt: Jnsbesoirdere ist es ine autonome Abrundung des deutschen Westens, die für die gesamtdeutsche Einheit eine schwere Gefahr be­brütet. Ihr muß man offen ins Auge schauen, ine innere Neuordnung darf den Kops vor unserer Lage nicht in den Sand stecken. Dieser entscheidend schwere Gesichtspunkt gab den Vorwand zur Der* cinigung des ganzen Nordens innerhalb des neuen bualiftifd)cn Gesamtstaates.

ImLokalanzeiger" heißt es über den Ver­fassungsentwurf u. a.: Der Entwurf ist das Pro­dukt der Studierlampe, bei dessen Anblick jedem vaterlandsliebenden Deutschen der Zorn über* mannen muß darüber, daß auch diese Selbitzer--* fleischung und Selbswerslümmelung uns noch be» schieden sein soll zu alle dem Unglück, das unser« Feinde schon für uirs bereithalten.

Generalstreik in Braunschweig.

Braunschweig, 20. Jan. (WTB.) Heute nachmittag 2 Uhr hat der Generalstreik ein-- aesetzt. Wre dieLandeszeitung" berichtet, wird baä Llchckverk gesperrt, hingegen bleibt das Wasserwerk in Betrieb. Die Bevölkerung wird durch eine Be- fanntniadjung ausgefordert, sich nicht mit Wasser zu versorgen. Die Straßenbahnen verkehren nicht. Nachmittags fanden Umzüge und Versammlungen vor dem Schloß statt. Wie wir hören, macht sich du Bewegung auch unter den Eisenbahnürbeidern bemerkbar.

Ein außerordentlicher Parteitag der Unabhängigen".

Berlin, 21. Ian. DerFreiheit" zufolge er- läßt ber Ientralrat ber Unabhängigen sozialbemo- krat schen Partei eine Einlabung zu einem außer­ordentlichen Parteitag nach Berlin zu Sonntag, den 2. Februar.

Eine Spartakiftentat.

Berlin, 21. Jan. DemLo'alanr." zufolge wurde der frühere mehrl^itssozialistische Reichs- tagsabgeordnete Gustav Poch auf dem Heimwege von einer Versammlung von Anhängern d.s Spar-« takusbundes unter den Rufen tSchlagt ihn tot, ben Mörder!" überfallen und schwer miß­handelt. Er mußte in einem Auto nach seiner Wohnung geschasst werden.

Aus Italien.

Bern, 20. Ian. (WB.) Orlando empfing eine Vertretung der sozialistischen Partei, die ihm fol­gende fünf Forderungen vortrug: 1. Amnestie, 2. De­mobilmachung, 3. Nichteinmischung der Verbündeten in die inneren Angelegenheiten Deutschlands und Ruß- lands, 4. Wiederherstellung ber bürgerlichen Freiheit, 5. Schleunige Wiedereröffnung ber Kammer. Or­lando machte in bezug auf die Amnestie Zulage und erklärte gleichzeittg, daß Italien schneller demobilisiere, als seine Verbündeten Eine Einschränkung der bür­gerlichen Freihei'en soll nur noch auf Grund mili. tärischer Notwendigkeit auftechterhatten werden bür» fcn. An eine Einmischung in bie inneren Angelegen» Heiken Deutschlands und Rußlands denken weder Italien noch die Verbündeten. Die Kammer hoffe er in der ersten Hälfte des Februars ein berufen zu können.

M rouiiönfamc Mnleuer öes Herr» Aich») Ims.

Roman von ö. A. AdamS.

Nachdruck verboten. Fortsetzung 49

Könnten Sie nicht mit ihr ihrer jungen Dame sich so lange unterhalten, wäh­rend wir?"

Meinen Sie, ich sei so scharf auf die eine da, daß ich sie jeden Abend in dec Woche ge­knutscht haben müßte?" Er schwieg einen Augenblick, dann fügte er in vertraulichem Tone hinzu:Unter uns gesagt, ich will sie nur nicht ganz fahren lassen. Ich hab' noch 'ne andre."

Mit großer Inbrunst sagte er das. Gala- had war voller Teilnahme.

Noch 'ne andere," fuhr der Fleischer düster fort.Aber ich habe noch nichts mit ihr. Sie ist nicht im Dienst, sie ist eine Dam: und steht über mir, obgleich ich, ungelogen, einen guten Gehalt bekomme und Aussichten habe, in meir.em Berufe weiterzukommen. Aber sie hat es mit einem andern Kerl."

Galahad wurden durch diese Worte die Augen ge^fchet. Das war genau die Stellung, in der er sich zu Sibpl befand. Sie stand auch über ihm, siehatte es auch mit einem an­dern Kerl".

Unbewußt legte er die Hand auf seine Brustlache. Unter dieser Berührung knitterte

irgend etwas gleichsam bestätigend. Es war das schmächtige Pakelchen mit Sibhls beiden Briefen.

Und auch der Fleischer legte unter dem Zauberbann düsterer Erinnerungen seine schwere Hand auf die Brusttasche, und Gala­had hörte irgend etwas leise rascheln. Augen­scheinlich war es auch ein Brief.

Galahad wäre erstaunt gewesen, wenn er gewußt hätte, daß dieselbe Hand diese beiden kleinen Päckchen, die so beruhigend raschelten, geschrieben hatte. Unter ihrer Brusttasche sind Fleischer . und Bankbeamte einander völlig gleich, und ein Fleischer kann ebensogut wie ein Galahad einen hohen Stern anbelen

Soll ich Ihnen mal was sagen?" schlug der Fleischer mit einem Anflug von Nervosi­tät vor.Ich werde mein anderes Schätzchen im Stich lassen und morgen abend mit Ihnen gehen. Aber es ist nicht nötig, daß meine Kleine hier aufgestört wird. Ich werde den Hund besorgen, und wenn ich mit euch Bur- sck>en in den Garten komme, kann ich ja ein bißchen ausschauen, falls der Alte euch fassen wollte."

Galahad dachte bei sich, daß nun schon einer zu viel bei den Garteuzusammenkünsten sei; aber cs gab in dem Garten schlimmere Dinge als Fleischer. Hunde zum Beispiel. Er willigte ein, mit dem Fleischer am nächsten Abend am Eingang der Straße zusammcn- zutrefsen.

Es war eine jener kleinen Ironien in Galahads Verbrecherlaufbahn, daß tatsächlich überhaupt keine Notwendigkeit für ihn vvrlag, Hundefutter zu Hilfe zu nehmen; denn Em war bei ihrem unruhigen Umherstrcisen um die Bootshalle, wo sic auf die Rückkehr ihres abenteuernden Gemahls wartete, den Weg hinabgegangen, der h nler Sbpls Garten vor- beisührte; und als sie ein leeres Ruderboot sah, das seine Spitze in den Sand des Stran­des bol)rte, machte sie es als ordentliche Per­son sorgfältig fest. Und am nächsten Morgen holte sich der Bootsverleiher sein Eigentum wieder und bekam später am Tage eine Post­anweisung von fünf Schilling für Boots­miete. Diese großmütige Bezahlung machte ihn wohlgeneigt gegen den absonderlichen Kunden, der sein Boot zurückzubringen ver­gaß; und wenn Galahad am folgenden Abend gekommen wäre, hätte er einen begeisterten Willkomm gestrichen.

Nack) dieser Leistung gab Em die Nach­forschung aus und ging traurig nach Hause. Sie mußte dafür sorgen, daß die Kinder zu rid)tiger Zeit zu Bett kamen und hatte auch das Änzündholz für morgen früh noch nicht gespalten. Früher falte Galahad das besorgt.

Und aus dem Fährboot, das prächtig er­leuchtet und mit lachenden Frauen und rau­chenden Männern in Abendtoilette überfüllt war, denn in der Stadt hatte ein e end­liches Orcbesterkonzert stattgefunden.stbaute

Em nach dem späten Mond, schaute in die kühle Ruhe der Gewässer und fühlte sich selbst beruhigt. Schließlich kannte sie ihren Galltz zu gut, um etwas allzu Schreckliches zu arg­wöhnen. Er konnte wohl eine Dummheit mack)en, denn alle Männer und besonders alle Ehemänner sind töricht und kindisch und müssen vor den Ränken der Welt M/ü:et und beschützt werden. Aber ihr Gallp war chr all die langen Jahre ihres Ehelebens hindurch ein treuer Ehemann gewesen. Er war wirklich ge­zähmt; er war zu sehr an die Kette gewöhnt, um ihr Nachschleisen zu spüren. Sie konnte sich auf ihn verlassen.

Nein, was Ehemänner anbetraf, so war ihr Gallp gar nicht so schlimm. Worüber hatte sie sich denn eigentlich zu beklagen, es war ja nur ein Verdacht. Er hatte ihr eingestanden, daß er Aerger auf der Bank gehabt habe, und weitere Einzelheiten hatte sie bisher nicht aus ihm herausbringen können. Er hatte sie ge­beten, ihm zu vertrauen, es würde alles gut werden. Und hieß es etwa Vater anständig behandeln, wenn man ihm nachspurte? Schickte sich das für eine Ebefrau? Und so­weit die Erfahrungen des heutigen Abends reichten, war wirtlich gegen feine Besiche­rung, daß er zum Angeln gegangen sei, nichts einzuwenden.

(Fortsetzung folgt.)