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Ter Giehener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonn- und Feiertags.

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Erstes Blatt

169. Jahrgang

Montag, 20. Mober 1W

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General-Anzeiger für Oberheßen

3wllljngrrun»»ruck u. Verlag: vrühl'sche Univ.-Vuch- u. Stcinöruderei R. Lange. Schrlftleilung, Scschästrftel!- u. Druckerei- Schulstr. 7.

Annahme von Anzeigen s. die Tagesnuinmer bid1 zum Nachmittag vorher ohne jedeVerdiudlichken Preis für \ mm höhe für Anzeigen v.34mmBreite örtlich 15 lit, auswärts 18 'Bi., für Neklame- anzeigeu von 70 mm Breue 48 Ps. Bei Platz- vorschrü>20°/°Auffcdlag. Hauvtjchriitieiler: Slug. Goey. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz, für den übrigen Teil: Dr. Reluhold Zenz; für den Anzeigenteil: H. Beck; sämtlich in Gießen

Die englischen Schiffsverluste im Krieg.

öffentlich bekannt geworden wäre, hätte ich sie hier nicht erwähnt. Die Ausbildung der jüngeren Be­amten würde durch die Verschmelzung der beiden Berufe nur gewinnen. Als Konsul in Thikago oder San Franzisko ist mehr zu lernen, als in Washing­ton als zweiter oder dritter Sekretär.

Ich sehe nur eine Schwierigkeit bei der Ver­schmelzung der beiden Auslandsdienste: nämlich die Gehaltsfrage. Bisher hat man von den Diplomaten erwartet, daß sie ihren Dienst als Vergnügen betrach­ten sollten. Es gibt nichts Undemokratischeres auf der Welt, als hohe Beamtenposten, welche nur reichen Leuten gegeben werden können.

Line einmalige große Ausgabe würde viel helfen. Wenn man jetzt anstatt der hohen Umzugskosten, die jährlich gezahlt werden, eine Summe auswürfe, um alle Botschaften usw. vollkommen mit dem Nötigen auszustatten, würden die Diplomaten viel Geld sparen. Bisher mutzten sie Möbel, Silber, Wäsche usw. an­schaffen, um eine Botschaft auszustatten. Das alles konnten sie später im Privatteben in dem Matze nicht brauchen. Jetzt böte sich auch, nach dem Beispiel der französischen Republik, die Gelegenheit, die Botschaf­ten mit Möbeln, Tapisserien usw. qus überflüssig ge­wordenen Schlössern auszustatten.

Hus dem besetzten Gebiet.

Französische Schmuggler verhaftet.

Amsterdam, 18. Oktober. (Wolff.) Nach einer Blättermeldung aus Paris sind in Mainz sieben französischeOffrziere unter der Beschuldigung oes Schmuggelhandels verhaftet worden, des­gleichen sechzehn ftanzösische und deutsche Kaufleute Die Offiziere gehörten der wirtschaftlichen Abteilung des Desatzungsheeres an und haben ihre Stellung dazu mißbraucht, Durchfuhrbewilligungen für Waren zu erteilen, die nicht nach Deutschland gesandt werden dürfen.

Die Auslieferung deutschen Viehes.

Rotterdam, 18. Okt. (Wolff.) Der ,,9H» euw-e Rotterdamsche Courant" meldet au5 Brüssel, daß der AuÄckmß für bie Ausl ieferu ng> des deutschen Viehes und der Pferde an Bel­gien, aus Brüssel nach Deutschland abgereist ist.

Das .Halseisen' für Deutschland.

Berlin, 19. Okt. (Wolff) DerVor­wärts" bezeichnet die voraussichtlichen Kosten der Besatzung der Nheinlande mit 2 V3 Milliarden Mark jährlich als ein Hals­eisen für Deutschland.

Deutsche Nationalversammlung.

Berlin, 18. Oktober.

Die Aussprache über den H a u s h a l t des Reichsarbeitsmini st er iums wird fortgesetzt.

Abg. Müller-Potsdam tadelte die Verzögerung des Bettiebsrätegefetzes und beschäfttgte sich bann ein­gehend mit der Reichsoersicherungordnung und den Krankenkaffen.

Abg. Tremmel (Ztr.) rief die Regierung zum energischen Kampf gegen den Wucher und Schleich, handel auf. Ferner verlangte er die Schaffung eines Beamten- und Angestelltenrechts.

Uebereinftimmung zwischen Sozialpolitik und Wirtschaftspolittk forberte bie Sprech rin der Deutsch, nationalen, Frl. v. Gierke. Auch hünbigte sie eine bem Hause oorzulegende Entschließung über ben Schlich- iungsausschuß, Tarifangelegenheiten unb Arbeitsnach­weise an.

Der Reichsarbeitsminister Schlicke ging eingehend auf die von ben Vorrednern gemachten Vorschläge ein. Er zeigte großen Optimismus in bezug auf die der Na- tionalversammlung zu unterbreitenden Vorlagen. Da^ die Erkenntnis der Notwendigkett angeftrengtefter Arbeit bei dem Volke bisher nicht durchgedrungen ei, schob er auf die Entbehrungen und ben seelischen Druck, ben bas fünfjährige .Stahlbab" bem deutscher Volke bereitet hat. Er stellte eine ganze Reihe von Vorlagen in Aussicht, die besonders dem Arbeiter­schutz gewidmet sein sollen.

Als nach dem Minister der verfioffene unab- hängige Polizeipräsident Eichhorn das Wort er­griff, verließ die gesamte Negierung mit sämtlichen Abgeordneten, ausgenommen die Parteigenoffen Eich­horns, ben Saal. Nur ber Präsident, ein Schrift­führer unb sechs unabhängige Abgeordnete blieben zurück. Eichhorn machte seinem Aerger Luft unb hielt eine Rebe für einevorübergehenbe Diktatur der Arbeiterklasse".

Die Beratung des Haushalts wird am Montag fortgesetzt.

Die Finanzlage Badens.

Karlsruhe, 17. Okt. In der gestrigen Sitzung des Haushaltungsausfchuffes des Landtages erklärte bei der Behandlung ber von ben Staats­beamten unb Staatsarbeitern geforberten Beschaf - fungs Zulage, die 1000 Mk. und 200 Mk. für jedes Kind betragen soll, Finanzminister Dr. Wirth, daß der badische Staat an einem Wendepunkt seiner Finanzpolitik angekommen sei. Es handle sich nicht nur um die Beschaffungszulage für die Beamten und die Eisenbahner, die etwa 80 Millionen erforbete; dahinter stünden neue Forderungen des Beamten- bunbes, bie zusammen mit ber jetzt generell bestehen­den Beschaffungszulage 170 Millionen ausmachten. Die allgemeine badische Finanzlage sei durch ben großen Steuernachttag zur Zeit in Orbnung. Dagegen verschlechtere sich ber Stand der Eisenbahnfinanzen von Tag zu Tag. Es sei im Finanzministerium be­rechnet worben, baß der badische Eisenbahn­betrieb vom 1. Oktober ab tägliches D e fi- Z i t von einer Million ergebe. Für die jetzigen großen Forderungen des Beamtenbundes und der Eisenbahnerorganijationen sei eine Deckung nicht vorhanden, und es sei auch unmöglich, durch neue Steuerzuschläge im nächsten Fahre einen Ausgleich Zu schaffen. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt. Der ßauirtag wird in einer am nächsten Dienstag stattfin- denben Sitzung sich über die Angelegenheit aussprechen und schlüffig machen. (Franks. Ztg.).

Volkszählung in Berlin.

Berlin, 19. Okt. (Wolff.) Dir Volks- Zählung ergab für Berlin-Stadt vorläufig 1897 834 CT.TTOoIjner, davon 834 609 männlichen und 1033 255 weiblichen Geschlechts.

Die Befreiung Petersburgs.

Amsterdam, 19. Okt. (Wolff.)Daily Ex­preß" meldet daß die Beschießung Kron­stadts durch die englische Flotte außerordentlich heftig nxtr. Die Fenster in den benachbarten sinni- schen Dörfern toirrben infolge des Luftdrucks ein­gedrückt. Iw der russischen Kirche in frelsingfors wurde die Befreiung Petersburgs festlich begangen.

Amsterdam, 18. Okt. (WTB.) In Kopen­hagen eingetroffene Telegramme aus frelsingfors bestätigen denEinmarschdesGeneralJu- denitsch in Petersburg. Unter der Mos­kauer Bevölkerung herrsche infolge des Vormarsches Judenitschs und Denikins große Spannung. Der Auflösungsprozeß im bolschewistische Herr ist all­gemein. Tie bolschewistische Front ist an verschie­denen Punkten durchbrochen. Tie Bolschewisten ver­fügten nur über beschränkte Reserven, um die Front wiederherftellen zu können. Tschitscherin soll den Alliierten dieser Tage ein neues Friedens­angebot gemacht haben.

Berlin, 18. Okt. (WTB.) Ter Haus­haltungsausschuß der Nationalver­sammlung empfahl di ser eine Entschließung, die die Regierung auffodxrrt, mit Rücksicht auf die außerordentliche frölx ber ztveieinhalb Milli­arden Mark betragenden Kosten für die Besatzrmgs- armee und die Uelerwachungsausschüs c dahin zu nirten, daß erstens nach dem Inkrafttreten des Friedens die Besatzungsarmee herabge­setzt und die Zahl un> Unterbringung der Trup­pen der deutschen Regierung mitg-ieilt wird, zivei- ttns bi: Reichsvermögensverwaltung im besetzten rheinischen Gebiet unver­züglich eingerichtet wird, drittens, d.c mit der militärischen Besetzung verbundenen Ausgaben so­weit verringert wwden, wie zur loyalen Durch- sührung der FriedensbLdingungen erforderlich ist, viertens, die Ueberwachimgäausschüsse bedeutend vermindert werden, um teilweise die belegten Ge­bäude wieder freizubekommen.

Amsterdam, 18. Okt. (Wolff.)Nieuws van den Tag" meldet aus London, daß amtlichen t zufolge Großbritannien während des ---------- -------------- ------,______ infolge feindl i cher Operationen tiefe Angelegenheiten nicht durch Schmähschriften' im ganyr-n 2 4 7 9 Schiffe mit einem Gesamt-

^a i[t zunächst erforderlich, daß ber Minister des Aeußern eine bestimmte Politik im Kopse trägt, faltrit daß er mit dieser steht und fällt. Nur in diesem Falle kann er das Vertrauen des Dolles und ferner Untergebenen genießen. Tann muß der Minister unbedrngit Herr im Hause und zu diesem Zwecke in ber Sage sein, jeden Unter­gebenen sofort su beseitigen, der eine andere Politik vertritt. Solche Mitarbeiter darf der Minister indessen nicht, um sie aus dem Amte zu be­seitigen, in das Ausland senden. Wenn er das tut, tritt die unvermeidlich)«: KonsequerF ein, daß £r den Verachten des betreffenden. Botschafters reinen Glauben schenkt. Die fremde Regierung findet das sofort l)eraus und stellt den Herrn kalt. Tre Botschafter müffen die politischen Pläne des Ministers genau kennen, während dieser sich im­mer der Tatsache bewußt bleiben muh, das; er allein die Verantwortung trägt, die er nicht nach­träglich aus die Diplomaten abwälzen darf. Wenn der Minister in einem Botschafter einen Kon­kurrenten erblickt, oder ihn aus anderen Gründen burch Borenthalren von Informationen ärgern wfflT, so soll er ihn lieber gleich ab fügen.

. Wer von uns Diplomaten mit dem je» neiligen Staatssekretär persönlich befreundet mar ober sonst einen Freund in der politischen Ab­teilung des Auswärtigen Amtes hatte, erfuhr pri- lvatbneftich ober mündlich dievvaie beritt!" Sonst war man auf amtliche Bruchstücke angewiesen. Jedenfalls ist mir in fremden Ländern aufgefallen, wie ganz anders das System war. Dort wurden die (Diplomaten viel öfter in die Heimat berufen und bei feder wichtigen politischen Wendung um ihre Meinung befragt. Soweit unsere lln- und Anslandsdiplornatie an der deutschen Niederlage mit Schuld trägt, ist der besprochene Systemfehler in erster Linie dafür ver- antworüch.

Es ist zu bebenfen, bafj Berufsdiplomaten nicht für ben Gang der Politik verantivvrtlich sind. Sre haben die Aufgabe, bie Politik der Zentralregie- rung nach besten Kräften auszuführen und über die Verhältnisse im Auslände, wie sie diese sehen, zu berichten. In der Beeinffussung der heimischen Re­gierung durch die letztere Tätigkeit liegt heutzutage der frauptwert der Diplomatie. Wenn ein Bot­schafter jedesmal zurückzutreten hätte, wenn er mft der Politik seiner Regierung nicht harmoniert, so könnte es keine Berufsdiplomaten mehr geben. Gegen diese ist vielfach bei uns Sturm gelaufen worden, während ich in «Amerika die entgegen­gesetzte Strömung beobachten konnte. Dort geht man mehr unb mehr zu dem System der Berufs­diplomatie über. In einer parlamentarischen Repu- ollk ilerben selbstverständlich immer Außenseiter für einige große diplomatische Posten in Betracht kommen. Dieses Verfahren sollte aber nicht zum ' ©bftem erhoben irerben, weil sich sonst niemand mehr finden wird, der bereit wäre, die Diplomatie als Beruf zu ergreifen. Eine Laufbahn, bei welcher per Marschallstab regelmäßig von einem anderen m der Westentasche getragen wird, bietet keinen Ez. .Gerne Mischung beider Systeme wäre sehr 1 ju empfehlen, weil dadurch mehr deutsche Politiker m das Ausland kämen unb mehr Diplomaten wie-- : her als Politiker in die Heimat. Die ersteren wür- dm die Welt kennen lernen, unb die letzteren nicht, ' toie letzt häufig, landfremd werden.

vier Stimmen in einer Entschließung festge­legt, in der es u. a.cheißt:

Die Vollsitzung der Arbesterratsausschüffe und und Arbeiterräte von Frankfurt und Friedberg nimmt Kenntnis von dem Entschluß der Regierung, ben den Eifenbahnern das Mitbestimmungsrecht nicht nur in allen Arbeiterangelegenheiten, sondern auch an allen Fragen des Betriebs und der Verwaltung zu gewähr- leisten, und billigt die Haltung des Der- kehrsausschuffes in ber Versprechung unter bem Dor» sitz von Unterstaatssekretär Gräf. Die versammelten Vertrauensleute empfehlen ber Gesamtkollegenschaf^ die Durchführung bieses Mitbestimmungsrechts auf das peinlichste zu überwachen. 3n ber Voraus­setzung, baß alle Dertteter ber Verwaltung ge» willt sinb, in Zukunft in loyaler Weise mit ben Vertretern ber Arbeiterschaft zusammenzuarbeiten, verpflichten sich bie Versammelten, bei ihren Manbat- gebern bafür einzutteten, ben Beschluß der Versamm- lung vom 14. Oktober die (Entfernung der Herren Dr. Stapff, Lüttke unb Strasburg betteffenb, rückgängig zu machen. Die Vertrauensleute unb Ausschußmitglieber betonen, baß sie für ideelle Forde­rungen mit gewerkschaftlichen Mitteln Kämpfen, ihr Kampf gilt nicht Einzelpersonen, sondern dem System.

Der Vorstand des Bundesbezirks Frank­furt des Gewerkschaftsbundes Deut­scher Eisenbahnbemten erklärt^zu den? Verhalten derjenigen Arbeiter, die'am 13. Oktober gegen Beamte der Eisenbahndirektiou Frankfurt gewalttätig vorgegangen sind, daß er jeglichen Terror aufs schärfste ver­urteilt und sich bei Vertretung der For­derungen der Beamtenschaft streng an die vom Gewerkschaflsbund Deutscher Eisenbahn­beamten gegebenen Richtlinien halten wird.

inhäkt von 7 759 000 Tomurn eiuyebüßt hat. vtarbei tarnen 14 287 Menschen ums Leben.

Jnternatioualer Preisabbau?

Haag, 18.06tbr. Der HaagerNieuwe Courant" meldet aus Buenos Aires: Der argentinische Minister des Aeußern beruft einen Kongreß aller amerikanischen Staaten ein. Auf diesem Kongreß soll der Vorschlag gemacht werden, bie sämtlichen Staaten Amerikas aufzuforbern, ein Ab­kommen zu schließen, durch bas. ber freie Verkehr mit allen Waren unb Lebensrnitteln eingeführt wirb. Auf diese Weise will man eine Verminderung ber hahen Preise in bie Wege leiten unb ermöglichen, daß auch anbere befreunbete Staaten sich an bem Abkommen beteiligen. Dieses Vorgehen des argen­tinischen Ministers wirb für außerordentlich wichtig erachtet, da es als der erste Schritt gilt, eine Herab­sitzung der Preise in der ganzen Welt zustande zu bringen. ,

Graf Lzernln über Kaiser Wilhelm I I.

, Berlin, 18. Oft. (WTB.) DieVvssische Beitimy'' fährt in der Veröffentlichung der Me­moiren des Grafen Czernin fort, und zwar ver­öffentlicht sie das KapitelWilhelm IL, dem wir folgende Stellen entnehmen:Ich glaube nicht, daß es Regenten gibt, die von besserem Willen beseelt sind, als Kaiser Wilhelm. Er lebte nur kittent Berufe so wie er ihn auffaßte, sein ganzes Temven und Trachten dreiste um den deut­schen Pol. Familieuzerstreuung und Vergnügen, alles trat bei ihm hinter den einen Gedanken

zurück, Has deuffchc Volk groß und glücklich zu machen unb zu erhalten. Wenn der gute Wille genügt, um großes zu leisten, so Hütte Kaiser WA'helm Großes leisten müffen. Vvm Anfang, an wurde er mißverstanden. Er hielt Reden,, tat Aussprüche und machte Gesten, die nicht nur die Zuhörer, sondern die Welt gewinnen wollten. Aber so ost er damit auch abstieg, nie kam er zum Bewußtsein des tatsächlichen Effektts seiner Pandurng, weil er nicht so sehr von seiner engeren Umgebung, sondern vom ganzen uunjaje-d Soti«? systematisch getäuscht und irregeführt wurde. In den berühmten Novembertagen von 1908, als die großen Stürme rnt Reichstage gegen b*n Kaiser losbrachen, und als der damalige Reichskanzler Bü­low ihn so ziemlich preisgab, war ich, mit bem Kaiser zusammen. Obwohl er mit uns fremden Gästen, die ihm ferner standen, über das Thema nicht sprach, so war doch der überwsäilti^ende Eindruck, den diese Berliner Vorgänge auf ihn machten, vollständig sichtbar. Ich hattt das Gefühl, in Wilhelm II. einen Menschen zu sehen, der mit vor Entsetzen geweiteten Augen erstmalig in seinem Leben die Welt so sieht, wie sie wirklich ist. Vielleicht zum ersten Male im Leben fühlte er ein leises Beben unter den Füßen seines Thrones. Er vergaß aber die Lehre M schnell. Wäre der überwältigend Eindruck, der mehrere Tage vorherrschte, nachhaltiger Mblieben, vielleicht hättt es ihn bewogen, aus den Wolken, Mokfirr ihn seine Umgebung unb das Volk hinaufgeschvben hat­ten, herunter zu steigen und wiedw festen Boden unter den Füßen zu suchen., und umgekehrt, hättt? das deutsche Volk dem Kaiser öfters fo angefafet als damals, so hafte es ihn heilen können.

Vie Zukunft des diplomatischen Dienstes.

Don Graf Bernftorff.

ZmAlmanach 1920" (Verlag Rudolf Mosse, Berlin) äußert sich unser früherer Botschafter in den Vereinigten Staaten über die Tnottucningen Reformen unseres Auslandsdienstes. Wir sind in der Lage, daraus wichtige Teile mitzuteilen, die gerade jetzt besondere AufmerkfamPeit erregen, da die Reichsvegierung mit der Reform b's Außen­dienstes beschäftigt fft. Graf Bernftorff führt u. a. aus:

Ein- auswärtige Politik kann nur Erfolg haben, wenn die Zentrcckre'^'.erung llare Ziele hat und sich auf ihre Vertreter im Auslande unbedingt verfassen kann. Tie Diplomaten Tonnen aber nur Vertrauen zur Zentralregierung haben und diese sachgemäß unttrsttitzen, wenn sie über deren Ab­sichten genau informiert sind, frier lag der Haupt­fehler des alten Regintes. Es bestand zu wenig Fühlung zwischen dem AuÄandsdienste und der Zentrale. In Zukunft muß alles' Per önliche völ­lig <ms der auswärtigen Politik ausge chaltet ^.wer­den und das Sachliche allein entschestren.

Aus Sem Reiche.

Der Untersuchungsausschuß.

Berlin, 19.Okt. (Wolff.)' DiePolitisch- Parlamentarischen Nachrichten" berichten, daß zur ersten öffentlichen Sitzung des zweiten Unterausschusses des Untersuchungs­ausschusses geladen waren: Bechmann Hotlweg, Jägow, Zimmermünn, Dr. Helffe- rich, Capelle und Ludendorff.

Die technische Nothilfec

Berlin, 19. Okt. (WolffO Ein Beschluß der Gewerkschafts ko mm is slon b.zeichnet, wie die Blätter melden, die techmsche Nothilse als eine behördlich organisierte Streikbvkcherorganisalion.

Berlin, 19. Okt. (Wolff.) Von zuständiger Seite wirb gemeldet: Die technische Nothilf«, bie sich in bankenswerter Weise zur Auftechterhaltung ber lebenswichtigen Betriebe im Interesse ber durch die Stteiks bedrohten Betriebe betätigt, wirb von ben Streikenden heftig befehdet und mit dem Boykott bedroht. Auch die Gewerkfchaftt'komrnission Berlins unb Umgebung empfahl bebau*(ict)nDcife allen ihr angeschloffenen Organisationen, ben Ausschluß aller berjenigen Mitglieber vorzunehmen, bie ber technischen Nothilfe angehören. Um ber wirtschaftlichen Be« . l j^hung unb ber Schöbigung ber Angehörigen der technischen Nothilfe und ihrer Familienmitglieder wirksam zu begegnen, verbot nunmehr der Ober­befehlshaber auf Grund des Belagerungszustan. des jede wirtschaftliche Bedrohung und Schädigung, sowie die Aufforderung und Aufteizung zum Boykott der Mitglieder ber technischen Nothiife unb stellte Zuwiberhanblungen unter Gefängnisstrafe. Die Be­völkerung wirb ben ber technischen Nothilfe dadurch gewähtten Schutz nur billigen und unterstützen können.

Zentrumsparteitag.

Berlin, 18. Oktober. Wie dieGermania" mitteilt, ist der Reichsparteitag ber Zentrums- partei nunmehr auf den 14. bis 16. November an beraumt.

Ein Parteitag der Unabhängigen.

Berlin, 17. Okt. Die unabhängige sozialdemokratische Partei beruft für den 16. November nach Leipzig einen Parteitag ein, auf dem über das Programm und die Taktik der Partei, über die Stellung zur internationale und über bie gewerkschaftliche Bewegung beraten werben soll.

*Serm in Zukunft als sicher zu betvachiien ist, em größerer Wechsel als bisher zwischen brn 3n- unb AuslandSpolitikern ftottfbiben wird, bleibt niim Sch'u st nur rroch die letzde notwendige R.'- wrm zu e-wähnen, nämlich die völlige Derschmel-

Mnschen dem diplomatischen und d-em Kon- futtattsdlenst. Tie Zweiteilung ist gänzlich ver- raa wirtschaftliche Fragen in der Po-

ttNr zu eurer fast auschlaggcb<-chm Svllrmg tangttn. (ftne Koffchift und ein General ko nsubrt glichen Stadt find wLer notroenbig nach nrttzlrch. wart de'sen müssen an den Botschaften und Söfiff f;t K bt« ungen errichtet werden, xus msi^nge Nebeneinanderarbeiten der beiden auslanbsftenen brachte nur Eifersüchteleien, Kornpe- tenzstrettigkeiten, doppelte Arbeit unb sonstige Un» Fraglichkeiten aller Art. Die gesamte Berichterstat- mng ber Konsuln muß burch die Botschaften gehen, und zwar vor der Absendung der Be« Uchte. Nur so ist Einheitlichkeit zu erzielen, etwaige Meinungsverschiedenheiten müssen in bem ietrejfenben Lande ausgetragen werden, bamtt die Zentrale ein einheitliches Bild erhält, auf welches sie pd) verlaffen kann. Es darf in Zukunft nicht wieder vorkommen, wie in Amerika vor Ausbruch des Krie- txm Den ges mit ben Bereinigten Staaten, baß ein General- 9Ingoben bnsul birekt gegen eine Botschaft Krieg führt. Wenn Krieges ' ~ ' '' ' - - -..... l

Die $rantfurter Eisendahnerbewegung.

Eine Vollsitzung der Eisenbahner- Ar b ei teraussch üsse u nD^rbeiteräte von Frankfurt und Fr^/dberg be­schäftigte sich am Freitag w-mehrstündigen Besprechungen mit den Besailüsfen der Kon­ferenz zwischen Arbtzftervertretern, der Direk- tion und dem Uirt^rstaatssekretär Gräf. Das Ergebnis t>er Verhandlungen wurde gegen