Nr. 2HÜ Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-AnZeiger für Gberheffen) Dienstag, Mtober 1919
Die Reichsanleihe-Miengesevschast.
Bereits gelegentlich der Auslegumg der 7. Kriegsanleihe hatte der Ncichsbank-Präsident Tr. Lavenstein in Aussicht gestellt, txife nach Friedens- schluß eine grontägige Aktion zur Stützung des Kriegsanleihemarklcs (ingdeitet werden würde. Trotz des verlarengegangenen Krieges und trotz der schwierigen politischen, wirtschaftlichen und finan- hiellen Lage des Reiches wird der seinerzeit in grotzen Umrissen angedeutete Plan nunmehr durch- gesührt. Unter Führung der Reichsban? und unter Beteiligung des Reichsfiskus, der Preußischen Staatsbank lSeehant-lung, sowie der Preußischen Zentratsenossenschaftskasse hat sich ein Konsortium gebildet, dem neben den Girozentralen der deut- ichen Sparkassen, sowie einer Reche öffentlich-rechtlicher Kreditinstitute die Großbanken und nahezu alle bedeutenderen deutschen Bankfirmen angehören. Tas Konsortium, dem die bisher von der Rcickw- bank für Rechnung des Iieiches bewirkte Aufnahme von KricgZanleilx'n übertragen ist, hat den Ziveck, den Kurs am Kriegsan le ihemarkt zu regulieren, ungerechtfertigte, weder in den inneren noch in den äußeren Verhältnissen begründete Kurssenkungen der Kriegsanleihe hintan- zuhaltcn oder ihnen vorzubeugen und ferner — um die Rückoerwandlung konsolidierter An schwebende Schulden zu verhüten — die aufgenommencn Beträge möglichst zu dauernder Anlage wieder unterzubringen. Bei der Größe und Bedeutung dieser Ausgabe sowie mit Rücksicht darauf, daß zu ihrer Durchführung mit einer mehrjähriger Tätigkeit gerechnet werden muß, war es crforder- Kch, dem Konsortium einen festen Rahmen zu geben. Daher wurde unter der Firma „Reichs- anleihe-Aktiengesellschaft" Ende vorigen Rdonais eine mit einem Aktienkapital von 400 Millionen Mark ausgestattete Wtiengesellschaft errichtet, der sämtliche Konsortialmüglicder als Aktionäre angehören und der die Aufgaben des Konsortiums übertragen worden sind. Tie Mitglieder des Kon- sortiumS haften außeiwem noch mit einem Garantie kapital von insgesamt 400 Millionen Mark. Tie Aktien tommen vereinbarungsgemäß nicht an den Markt, sondern bleiben im Konsortium gebunden. Ta die Aktiengesellschaft im Interesse der Allgemeinheit errichtet ist, fall sie nicht den Charakter einer Crwerbsgesellschaft tragen. Sie wird daher auch keine Dividende ausschütten. Tie Mitglieder des Aufsichtsrats sowie des Vorstandes verrichten ihre Funktionen ehrenamtlich Sie erhalten weder Tantiemen noch sonstige Bezüge.
I. Sitzung der Kreistages.
Gießen 14. Okt.
Das am 17. August neugewählte Parlament des Kreises Gießen trat gestern vormittag unter Vorsitz des Oberregierungsrats W e l ck e r zu seiner ersten Sitzung zusammen.
Außer Oberbürgermeister Keller (Dem.), der sich wegen schwerer Erkrankung entschuldigen ließ, waren sämtlich: Mitglieder des jrreistages anwesend. Anstelle des ivegcn Wegzugs ausgeschiedenen Ingenieurs Gustav Lindemann ist .Kaufmann Karl Seibel in Gießen tont Wahlvor-1 schlag der Deutschnatioaalen. Volkspartei in den'
Kreistag eingetrcten. Zu Urkundspersonen wurden Heinrich Bausch und Jakob Becker gewählt. Auf der Tagesordnung stand als,einziger Punkt die
Prüfung der Wast' des Kreistags.
Der Vorsitzende teilt mit, daß die Wahlakten bereits durch den Kvcisausschnß und die >kveis- wahlkommission geprüft worden seien, und, wie aus den entsprechende,i Protokollen, die verlesen wurden, hervorging, zu keinerlei Beanstandungen Anlaß gegeben haben. Tic Wahl wird tont Kreistag ebenfalls genehmigt.
Nachdem die Tagesordnung hiermit cigentlich erschöpft ist, wird noch die
Wahl des Kreisausschusses vorgenommen, der^aus sechs ordentlichen Mil- aüedern und sechs Stellvertretern besteht. Vor der Wahl hatten die im Kreistag vertretenen Parteien besondere Wahlvorschläge euigcrcidjt. Tie Demokraten und die Deutsche Volkspartei hatten sich auf eine Liste geeinigt.
Ter Kreisausschuß setzt sich nach der Wahl aus 3 Dcutschnationalen, 2 Sozialdemokraten und 1 Unabhängigen zusammen, und zwar gehören ihm als Mitglieder (Stellvertreter) an die .Herren Wilhelm Fenchel, Friedrich Bommersheim, Heinrich Schirmer (Heinrich Gottmann, Wilhelm Anton Rompf, Gustav Knauß), von der Dcutschnationalen Volkspartei, Paul Hornberger, Otto Weißgerber (Marianne Hüter, Ludwig Haas II.) von der sozialdcmolratischen Partei und Georg Beckmann (Ferdinano Germer) von der unabhängigen sozicrl- demokratisch.'ir Partei. Bekanntlich setzt sich der Kreistag aus 14 Deutschnationalen, 8 Sozialdemokraten, 4 Unabhängigen, 2 Demokraten und 2 Mitgliedern der Deutschen Volkspartei zusammen. Eine Ueberraschung ergab die Wahl also nicht. Tie vereinigten Liberalen, dir dieselbe Anzahl Kreistagsmitglieder wie die Unabhängigen aufzuweisen haben, .gingen bei der Abstimmung deshalb leer ans, weil das einzige fehlende Kreistagsmitglied zufällig der demokratischen Partei angehört.
Aus der Mitte der Versammlung wird gefragt, warum die Wahl des Kreisausichusses sich so lange verzögert habe; int Kreise Büdingen und Friedberg habe der Kreisausschuß schon längst getagt. Der Vorsitzende erwidert, daß die Wahlen in den angeführten Kreisen streng genommen ungesetzlich seien, da die in Frage kommenden Bestimmungen noch nicht int Regierungsblatt erschienen seien. Hierauf wird die Sitzung geschlossen.
Aus dem AinLsverkündigMtgsblatt.
** Tas .Amtsverkündigungsblatt Nr. 103 vom 13. Oktober enthält: Schluß der Bekanntmachung über die Einschränkung des Verbrauchs elektrischer Arbeit. — Erhöhung der Getreidepreise. — Höchstpreis kür Brot und Mehl. — Sperrzeit für Tauben. — Ausführung der Polizeiverordnung über dos Vertilgen der Blutlaus vom 19. s)Lovembcr 1904. —: Tie landwirtschaftliche Winterschule in Lich — Sperre der Kreisstraß: Lang-Göns—Holzheim. — Ausführung des Fürsorgekassegesetzes. — Schweinerotlauf. — Räude m
I ö-tc st c N , Kaiser-Allee Nr. 36. — Tienstnachrich- ten dos Kreisamtes.
Erhöhung der Getrcidcpreise.
Auf Beschluß des Kreiscmsschuis-es vom 10 Oktober 1919 muß infolge d.r Erhöhung der Getreidepreise und des Weg'allS des Reichozuichusses mit Wirkung vom 16. Oktober d. Js. ab vis aus weiteres der Preis für d^s vmr dem Kommunalverband an die Staut Gießen sowie au die Landgemeinden des Kreises abzugebende Mehl wie folgt festgesetzt werden: 1. Rogge nm .'hl 91 Pro). Ausmahlung 67,50 Mk. für d.en Doppelzentner ohne Sock, 2. Weizenbrotmelst 94 Proz. Ausmahlung 73,00 Mk. für den Doppelzentner - ohne Sack, 3. Wcizcnauszugmehl 100.00 Mb. für öen Doppel« ö-eniner -ohne Sack. Für die Rücklieferung der leeren Mehlsäcke bleiben die Bestimmungen in der Bekanntmachung vom 13. Septent der 1918 (Krcis- blatt Nr. 111 von 1918; in Kraft.
HöchftprnL für Brot und Mehl in den Landgemeinden.
st.-'Hem . er Konunimalverband Gießen mit Wirkung vom 16. Oktober lf. Js. ab bis aas '."unteres den Preis für den Doppelzentner Roggenmehl bei 94prozentiaer Ausinahlang auf 67,50 Mark, sür den Doppcezentirer Weizenbvorm.'hl lei 94prozcntiger Ausmahlung auf 73 Mk., sür den Doppelzentner Weizenauszugmehl auf 100 Mk. festgesetzt hat, werden hiermit von genanntem Tage an sür die L a n d g e m e t n d e n d e s Kreises bis aus weiteres folgende Höchstpreise festgesetzt: I. Für Brot bei überwiegender Verwendung von Weizenbrotrnehl a) sür den 4-Psund-Laib 1,40Mk., b) für den 2-Pfund-Laib 0,70 Mk. II. Für Mehl lvim Weiterverkauf durch Händler oder Bäcker an die Verbraucher: 1. Roggenmehl 38 Pf. das Pfund, 2. Weizenbrotmehl 41 Pf. das Pfund, 3. Weizenauszugmehl 55 Pf. daS Pfund. Das Verlaufsgewicht deS Booles muß noch 24 istundsn riachi seiner Fertigstellung vorhanden (ein.
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SpcrrzeitfürTauben. Zur Sicherung per Volksernährung müssen die Saaten vor der Schädigung durch dir Tauben bewahrt bleiben. Alle Taubenhalter 'nierben aufgesorderl, die Tauben während, der von dem Ortsvorstande festgesetzten Z eit streng ein zu halten.
Die landwirtschaftliche Winterschule in Lich beginnt am Montag den 10. No- vomber d. Js. ihren nächsten Winterkursus. Ausgenommen ^werden junge Leut: im Alter von 14 bis 20 Jahren, welche das Unterrichtsziel der Volks- schule erreicht haben. Aelter: Landwirte rönnen als Hospitanten ausgenionunen 'werden. Tas Schulgeld beträgt für das Winterhalbjahr voraussichtlich 50 ML. Anmeldungen sind an die Bürgermeistern Lich (Rathaus) zu richten.
Tie Sperre der Krersstraße Lang- Göns—Holzheim wird aufgehoben.
Schweinerotlauf ist in dem Gehöfte des W i l h L r n k in Hungen festyestellt worden.
R ü u d e bei einem Pferd: dBFranzBüv- ger in Gießen, Kaiser-Allee sttr. 36.
Tienftnach richten desKreisamtes. Georg Karl Hoffmann aus Stangenrod Wurde
am 7. Oktober vor dem .Kreisamt Gießen zum Poüzeidieuer der Genuind: Stangenrod eidlich per- pNichtct.
*Kh?ct?e rrnv Schttle.
Dic Leitung der Volksschulen in Preußen.
Berlin, 11. Olt. Ter Kultusminister hot nunmehr die Frage der Schulleitung in den Volks - schulen Preußens geregelt. lieber die Wahl d-es Rektors erhält der Erlaß keine Bestimmung. Tiste soll durch einen Gesetzentwurf von der National- reriammlung geregelt werden. Ti' hauptsächlich- fien Bestimmungen des Erlasses sind folgend:: Tie L e h r e r k o tz s e r e n z l)at die Ausgabe, in- nerholb ihrer Zuständigkeit alle für das Gedeihen der Schule geeigneten Maßnahmen zu ei> lassen und zu beschließen. Zu il/ren Obliegenheiten gehören u. a. Aufstellung der Grmrdsätze sür die Verteilung ber Lehrmiltelbeständ: und Massen, Re-' gelung des Berfahoens für Versetzung d:r Schüler,' Beschlußfassung über die Benvendung der beit' Sckulen überwiesenen Geldmittel. Ter Schuller ter hat als Vorsitzender der Konserenz das Recht, Kiassenbesuche vvrzunehmen, um sich über das Leben in der Schule zu unterrichten. Tie Obliegenheiten des Schulleiters sind ungefähr dieselben geblieben wie bisher.
Kricgsgesangenerr-Heimkehr.
)( W i p p e n b a ch, 13. Okt. Gestern kehrte der einzige Kriegsgefangene aus unserem Dorf, Heinrich E m r i ch, Sohn des Beig. Friedrich Emrich I., aus der Gefangenschaft zurück. Emrich tritt wieder als Bürgermeistcreifekretär in seine alte Stelle in Nidda ein.
<4 Bad-Nau heim, 12. Okt. Ter dritte allgemeine Kriegsgefangenentag über dessen Verlauf schon berichtet lourde, brachte nach dem nun vorliegenden abgeschlossenen Ergebnis den alle Erwarrungien übertreffenden Reinertrag von 9198 Alark, wovon ein Drittel für ote Bad-Nau Heimer Heimkehrer bestimmt ist und der hiesigen Volksgruppe des Bolksbundes zum Schutze der deutschen Kriegs- und Zivilgefangenen überwiesen wurde, während die übrigen zwei Tritte! dem beutfdjen Hilfswerk zufließen. Alles in allem mögen es nun schon über 2 0000 Mark sein, die in opferfreudiger Weise von Kurgästen und Einwohnern zugunsten der Kriegsgefangenensär- sorge im Laufe des Sommers gesammelt worden sind, und die etwa zu einem Drittel der hiesigen Ortsgruppe, zu zwei Dritteln der Zentrale des Voltsbundes in Berlin Angeführt werden Konnten.
Turnen.
)( Ortenberg, 13. Okt. Heute sand das Ab turnen unseres Turnvereins statt. Leider war das Wetter nicht so günstig als beim Sport-, fest des vorigen Sonntags, auch die Beteiligung der auswärtigen Vereine war schwach. Die Preisverteilung wurde am Wend in der Post vorgc- nommen, wo Turnervorführungen und Tanz die Freunde des Vereins noch lange vereinigte. Den Ehrenpreis im Freihochsprung erhielt Gg. Pfeiffer von hier mit 1,60 m.
Das Glück der andern.
Original-Roman von Erich Ebenstein.
Copyright 1916 by Greiner 6c Comp., Berlin W 30.
lNachdruck verboten.) Fortsetzung 25.
„Daran — ach ja — daran habe ich eigentlich noch nicht gedacht, Bertie!" Tann setzte sie kl stu- laut hinzu: „Tir wäre also lieber, Magnus schriebe nicht an Herrn Schröder?"
„3a!"
„Aber dann müssen wir ja noch lange, lange — vielleicht Jahre warten, bis . . . wir heiraten können?"
„Hoffentlich doch nicht. Ich wollte dir bisher Nichts davon sagen, weil ich hoffte, dich dann damit überraschen zu fömteit — aber nun sollst du es doch wifseir. Ich arbeitete noch während mstner Studienzcir an einem neuen Verfahren, gewisse bisher nicht herstellbare Farbennuancen haltbar «auf Seide zu übertragen. Tas ist natürlich keine welterschütternde Entdeckung, für die Textilindustrie vber bodj von einschneidender Bedeutung . . . Die Mrbeit ist nun abgeschlossen und liegt Fachmän- ueni zur Begutachtung vor. Wenn sie hält, was ich erwarte, dann, glaube ich, brauchten wir um mein Fortkommen nicht mehr bange zu sein. Wenn auch nicht gerade so schwell wie durch Magnus — würde ich doch in absehbarer Zeit meiner eigenen Zähigkeit ein? Stellung verdanken, die nns zu heiraten ermöMcht."
.. ^ofte tiaue sehr aufmerksam zugehört, jetzt Nel fxc ihm ui ihrer.stürmischen Weise um den Hals und ries begeistert: „Aber natürlich warten wrr! Waruni hast du mir das nicht längst ge
sagt! Welches Glück, daß Schröder in Aegypten ist und Magnus erst seine Rückkehr abwarten will, also noch nichts, unternommen hat! O, Bertie, wie bin ich stolz auf dich! Du hast eine Erfindung gemacht! Tn 'roirft berühmt weichen!"
„Nwi, letzteres wohl nicht. Kleine. , “
„Darf ich es Mama sagen?"
„Selbstverständlich!"
„Tann will ich mich lieber gleich auf bia Beine machen; denn es läßt mir gar keine Ruhe fetzt, bis ich bei Mama durchgesetzt habe, daß ich nicht nach Nettenegg mit muß. Auch treffe ich wahrscheinlich noch Magnus daheim und kann es ihm gleiche sagen, er möge an seinen Schröder gar nicht erst schreiben."
So kam es bann schließlich nach vielen Bitten Lottens dahin, daß bloß Evelyn und Modesta die Mutier nach Rettenegg begleiteten,
Emmy hatte ihr Schncidertalent, ia.be r auch ihren Fleiß glänzend bewiesen. In dm zwei Kiffern, hie Fran Losenstein voransschickte, lag alles, was sie brauchten, um selbst vor Augen, die an erstklassige Toiletten gewöhnt waren, in Ehren zu beftefjen.
Selbst Evelyn war zufrieden.
„Tn hast wirklich- Geschmack, Emmy," meinte sie lobend. ,Merncmd 'wird unfern Kleidern an- sehen, daß sie zu Hause gemacht sind. Wenn ich nickt Gräfin Sanderfeld würde, könntest du ruhig einen Salon eröffnen und dir ein Heidengeld mit der Schneiderei verdienm. So aber mußt b.i natürlich Rücklicht auf mich nehmen und darfst es ja niemand wissen lassen, daß du heimlich mit der Sattler für Geld arbeitest!"
Emmy warf die Lippen auf.
„Tie Rücksicht auf dich toftrbe mich darin nicht hindern, darauf kannst du Gift nehmen. Wenn ich es heimlich tue, so geschieht esl nur Egon zuliebe, dem es vielleicht peinlich 'wäre, seine ehemalige Braut als — Schneiderin zu wissen!"
Und Modesta?
Sie hatte all diese Wochen wie int Traume verlebt, ohne sich klar zu machen, ob es ein Glück 'ooec Unglück sei, daß sie nach Rettenegg sollte.
Zuweilen fteilich war es auf Momente wi; Erwacken über sie gekommen, und jie hatte dann plötzlich erklärt: „Ich gehe um keinen Preis mit!"
Aber wenn die Pkutter dann erstaunt nach Gründen fragte, und Evelyn sie spöttisch fixierte, bann verstummte sie erschrocken, wurde abwechselnd rot und blaß und Mich aus dem Zimmer.
An einem herrlichen Maitage, wo die Welt in Sonnenglanz und Farbenpracht zu versinken schien, wurde die Reise nach Rettenegg endlich angetreten.
Magnus war in fröhlicher Laune. Er brachte Blumen und Bmrbons ins Eoup4, überschüttete die Damen, deren Reisemarschall er machte, mit Ausmerkiamkeiten amd nMe besonders M^odesta mit ihrer „ahnungslosen Schweigsamkeit".
Als man dann von der Statton die Wagenfahrt antrat, fragte er Modesta plötzlich, ob sie sich für Sternkunde intereffiere?
„Nein," antwortete sie verwundert. „Warum? Ich verstehe ja nichts davon!"
„Darum!" Er wies, verschmitzt lächelnd, auf einen runden Turm in der Ferne. „Weil dort solch ein Sternkundiger wohnt, der hoffentlich Ihr Interesse für sein Fach bald wecken wird. Ich meine Harald von Wolkern auf Schönau, von
dem ick> Ihnen schon öfters erzühtte, liebe Mo- oefta. Er ist mein liebster Freund und ein prächtiger Mensch, Sehen Sie sich feine Sternwarte nur gut an, denn wir werden chm dort sehr bald einen Befuch abftaitat Er muß uns sogar das Horoskop stellen — denn baä versteht er auch.' Es ist sogar sein Steckenpferd, lohwohl wir jhn immer auslachen deshalb!"
Modesta hatte auf die Worte gar nicht geachtet und auch keinen Blick auf das Gut Schönau geworfen, dessen Sternwarte di: dichten Bäume ringsum hoch überragte.
Wie immer, wenn Magnus sprach, trank ihre Seele mir den Klang feiner Stimm,'.
Evelyn aber ließ die Augen desto eifriger in der Runde gehen.
• „Wie viele Güter und Schlösser!" sagte sie. „Verkehrt ihr .mit allen diesen Leutm?"
„Natürlich. Sie find ja unsere Nachbarn. Reltenegg liegt so z-iemlich in der Mitte, wie du siehst. Nur mit der Herrin von Buchegg versehrt niemand."
„Warunr?" -
„Weil das affe Fräulein ein weibliches Sonderling ist und sich (eit jeher von allen Nienschm aischloß. Ick) glaube, sie ist halb verrückt. .Ein Bruder von ihr starb im Irrenhaus."
Welches ist Buchegg?"
„Ter hohe alte Kirsten dort im Westen gleich hinter dem Dorfe Berd-stet den, das du dort si?hst. Du erkennst Buchegg schon an dem alten 2Zacht-. türm, der neben dem Herrenhaus: steht."
^Lebt sie ganz -allein dort?,"
(Fortsetzung folgt.)' <
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