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cranlsurt a. Ui. U686

Erstes Blatt

159. Jahrgang

Freitag, 4 April 1919

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Gderhesien

3®tnhtg$runb6ru<f u.Verlag: Snihl'jche Unio.-Such- u. Steintruderei R. Lange.Zchristleitung, Geschäftsstelle ».Druckerei: Schulstr. 7.

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AutsagendessrüherenNronprinzen.

Man sollte die Schuldfrage am Ausbruch -und an der Weiterführung des Krieges bis zu aussichtslosem Ende jetzt nicht einseitig lösen wollen. Das Problem Ursache und Wirkung spricht gerade hier in seiner ganzen verwickel­ten Ausdehnung mit. Vielleicht trifft un­sere frühere politische Leitung ein größeres Maß von Mitschuld, als man anfangs an neh­men konnte, aber ganz bestimmt war es nur eine M i t schuld, und es gehört die einseitige Verblendung und die Voreingenommenheit eines Hauptmanns v. Beerselde dazu, alle Schmach auf deutsche Köpfe zu werfen und die Verantwortlichen in den übrigen Ländern, die er doch trotz seines Bemühens um ein Quellen­studium wohl nur ganz oberflächlich kennt, völlig reinzuwaschcn. Die Dinge liegen viel tiefer, und die schwachen Hände eines Einzel­nen können sie überhaupt nicht ans Tageslicht -bringen. Der Drang nach Wahrheit ist schön und gut, aber das eigene Gewissen, die schwere Selbstverantwortung in bitterster Stunde va­terländischer Not müßten alle Rechthaberei zu­rückhalten. Das Eingeständnis einer absolut unerwiesenen deutschen Schuld muß unser Volk beim Friedensschluß nur auf das.Ernsteste schädigen.

Aus diesem Grunde geben wir auch die nachstehenden Aeußerungen des früheren beut» fct)CTt .'ibronvrinzen nur mit sehr gemischten ^Zefühlen wieder. Er hätte allen Grund, zu schweigen und sich zurückzuhalten. Seine Kritik an Ludendorff ist ganz unmaßgeblich. Wir können uns höchstens über die Mannhaf- ligkeit freuen, mit der der ehemalige Gene- ralgnartiermeister die Einmischung des Kai­sersohnes abgelehnt hat. Er war kein schwa­cher fövfting, sondern ein aufrechter Willens­mensch, das ist schon etwas? Er konnte die ttrupventeile nicht bevorzugen, die dem fron* Prinzuchen Herzenbesonders nabestanden". Der z'ironprinz hat viel weniger Befähigungs­nachweise erbracht als der Mann, den er jetzt panz unzeitgemäß hart zu beschuldigen ver­sucht. Wir wolle?! Ludendorff von Schuld nicht freisprechen, müssen aber abwarten, was der Slaatsgerichtshof "darüber Vorbringen wird, dessen Entscheidung und Urteil man nicht vor­greifen darf.

Berlin, 3. April. (WTB.) TerB. Z. a. M." zufolge meldet der Berichterstatter des Ko­penhagener BlattesBerlingske Tidende" über eine auf der Insel Wieringen mit dem Kron­prinzen gepflogene Unterhaltung. Ter Kron­prinz stg'e: Ich ;an:t'e bi? En? änder und wußte,, daß sie lich nicht begnügen würden, mit 3000'KJ Mann über den Kanal zu kommen. In Teutsch- land bildete man sich ein, man sei bas auserwahlte Bolk der Erde unb verschloß die Augen davor, daß wir in Wirklichkeit das meistgehaßte Volk der Welt waren. Unb warum? Nicht nur, weil wir schlechte Manieren hatten und mit dem Messer alten, nein, weil der deutsche Reichstag nie etwas für die Propaganda bewilligte. Ich will ein ein­stiges Beispiel anfuhren: Ter deutsche Gesanote In Peking hatte einen Betrag von 20 000 Mark jährlich, um Stimmung zu märten! Ter russische Gesandte verfugte in der gleichen Zeit über 200 000 Rubel, unb als wir uns endlich, natürlich viel zu spät, entschlossen, Propaganda zu treiben, da war der Krieg bereits verloren. Ludendorffs Berichte waren im letzten halben Jahre ver­logen bis zum Lächerlichen. Man kann nicht wie Herr Snbenborff 300 Geschütze und 30 000 Mann verlieren und gleichwohl melden, daß man einen Abwehrsieg erfocht. Es gibt Gren­zen dafür, wie plump eine Lüge sein darf. Unsere Feinde dagegen logen fein. Uebcr Er ick» Luben- borff habe ich wörtlich in meinen Erinnerungen' geschrieben: Er ist durch seine rücksichtslose Energie und sein einzig dasteliendes Organisationstalent vorwärts gekonnnen. Eigenschaften, die vorzüglich sind, wenn es auf einen kurzen unb rasch abge­schlossenen Feldzug ankommt, die aber nicht hin­reichen, um m einem langwierigen Krieg zu siegen.. Er verstand es, in einem möglichst kurzen Zeit­raum, den letzten Mann einzuziehen. Er ver­band die Eisenbahnen bis zum äußersten auszu- nutzen. Aber diese dauernde Uebcranftrengnng der Nation mußte auf die Län^ zum Zusammen­bruch führen.

Im Sommer 1918 sagte ich dem Kaiser: Die 1. Gardebivision, eine Truppe, die meinem Herzen besonders nahe steht, und die mit Ehren an allen Fronten kämpfte, kam mit schweren Verlusten aus der FrühjalwSofsensive. In der ersten Linie sind nur 800 Gewehre übrig ge­blieben. Die Division braucht mindestens 45 Wollten, um wieder zu Kräften zu kommen und aufgefüllt zu werden. Aber jetzt ist der Befehl da, fie wieder nach einer Woche Ruhe cinzu- setzen, bas beifct nach meiner Meinung, daß fte beim nächsten Sturmangriff bis zum letzten Mann mebergekämpft wird. Der Kmser hörte mich aufmerksam an unb am nächsten Vormittag beim Generalstabsvorlrag erhob er sich und nahm bas Wott: Mein Sohn, der Kronprinz, W hervor, daß ... Ludendorff, sprang rot vor Wut auf, starrte durch sein Monokel den Kaiser in Grund und Boden und wartete kaum, bis Majestät zu Ende gesprochen. Es ist uiierhött, daß solche Tinge überhaupt dem Obersten Kriegs Herrn unterbreitet werden, der Kronprinz weiß

nicht Bescheid, worüber er spricht. Ich ver­lange, daß er künftig das Interesse aus die Ge­biete begrenzt, die feinem Bee hl unterstellen und lich nicht in unsere Dispositionen mischt. Die l. Gardedivision muß und wird an dem von unä festgesetzten Zeitpunkt in den Kampi kommen. Wir haben eine Woche Ruhe gegeben, damit muu'cn sich auch andere Truppenteile unter dem Druck der gegenwärtigen Ereignisse begnü:?n. Es werden an die Soldaten des ft conpr in,>cn keine gröfiemi Ansprüche gestellt als an das übrige deulsckrc Heer. Die 1. Gardedioision hat nur das gewöhn­liche zu leisten ...

Wie der Berichterstatter weiter meldet, bat der Kronprinz den Eid an geboten, daß der be­rühmte Kronrat in Potsdam niemals statt- geiunben habe.

hessische üollstammer.

8. Sitzung vom 2. April-.

Vizepräsident Tr. Schmitt eröffnet um 91/» Upr die Sitzung Tas Haus L gut le sucht, die Tri­bünen iinb maß g besucht. Änwle.kd sind die Herren Minisle'- Ulrich, Tr. Fulda intb von Brentano, Mi i''.eciuldi «l or N e '> m a n n.

Vizepräßdcn' Tr. Schmitt eitl irt, daß auf Wunsch des Hauses im Anschuß an die Anftage Eißuert wcgen der Schvarzsüftnchtungcn eine Aus­sprache übet das gesamte

Cr.ähruniswesen enrünscht sei unb bittet, daß al'e Wünsche über Ernährungssragen jetzt hier er edigl wrden, da­mit eine Wiederl-olit::g der Ernährungsdelatte bei den Beratu. geti üuer bei Dovanßlftag vermieden werten kann.

Mini-.eiialdiref or Neumann verliest fol­gende Antwort aus die Anfrag? Eißuert:

Die Regierung ist wohl'unterrichtet von den immer mehr überhandnehmenben S chwarz schl ä cht e re ien. Schon früher sind die Vichhandelsve rbande beauftrag! g wesen, Be- standsaufiialTmen über die Bich «tiänl« stattfind.n zu la sen und die Ab- unb Zugänge genau zu kon- ttvllieren Lknch durch die Belanntmachung über den Verkehr mit Zuckst- und Nutzvieh vvm 23. Ok­tober 1918 war hauptsLiiä ch beubf d> igt, zu ver- btnbem, baß Vieh im Schleichhandel versckiwindt. Durch diese Bekanntm-nchung ist der Verkehr mit Vieh jeder Art unter Polizei! ick>e Kmttvolle gestellt, da jeder, der ein Tier von Ort au Ort führt, eines Beförderungsschernes bedarf. Keine dieser Maß­nahmen^ soviel Belästigungen sie auch veranlaßt haben, ist von Erfolg gewe en. Ter Oberhessi'ch,' Viehhandelsverband, bet namentlich in der Auf­nahme der Vi hbestände sich viele Arbeit gemacht hat, ist ebcnf 'lls zu der Heber-.cugmtg glommen, daß die Führung von Viehka a .em von ei wr zcn- tralcn Stelle aus nicht möglich sei, beim die Auf­stellung der Listen hat so lange Zeit erfordert, daß sie, ehe sie fertig waren, schon keinen Anspruch mehr aus Boll 'ändigleit hatten, weil die Vieh­bestände Vielsache Aendengm erfahren hatten.

Taß die Sckrwarzsckftächtere en und der Schleich­handel mit Fleisch immer mehr zu.vhmen, ist eine Tatsache, mit der um so mehr gerechnet werben muß, als dadurch die Versorgung der Gesamtbevö'lerung in den kommenden Sommermonaten ernstlich in Frage gestellt wird. Mögen die Gründe für die Zunahme dieser liebelitänbe auch ans Umständen beruhen, die durch die traurige politisckx Lage herbeigesülmt sind uich nicht ohne weiteres beseitigt werden können, so ist sich die Regierung doch be­wußt, daß mit aller Energie geschehen müsse, 1im5 geschehen kann, um den Schleichhandel mit Vieh und Fleisch zu unterdrücken.

Tas Lanbesernähru: gsamt hat nun in der Erkenntnis, daß das einzige burchgressende Mittel in einet genauen Ueberw'chung der Viehbestände bestehe, unter dem 18. März 1919 die Einfüh­rung von Viehkatastern für jede Ge­meinde angeordnet. Ansckckießend an Vie Vieh- zalftung vom 1. März ist auf Vordrucken eines vor­geschriebenen Musters der Viehbestand und fort­laufend jede Veränderung ernzutragen. Jeder Vieh- besitzer ist verpflichtet, Veränderungen in hinein Biehstande, soweit es sich um Pferde, Rindvieh, Schweine und Schafe behandelt.nameMlich jeden Zu- gang durch Geburt, Kauf usw., und jeden Abgang durch Verkauf, Hausschlachtung, Verenden usw., mtverzüglich dem mit der Führung des Dieh- katasters Beauftragten auf vorgeschriebenem Vor­drucke anzumelden. Die Anmeldepflicht entfällt nur bei Schweinen im Alder unter einem halben Jahre.

Der mit der Führung des Viehkatasters Be­auftragte ist berechtigt, jederzeit Einsicht in die Viehbestände der ihm zugeteilten Gemeinde zu nehmen. Die Viehbesitzer sind verpflichtet, ihm jederzeit den Eintritt in die Stallungen und sonsti­gen Räume, in denen Vieh unter gebracht sein kann, zu gestatten. Der mit der Führung des Vieh­katasters Beauftragt? hat von allen wuhrgenomme- nen Abgängen an Vieh, soweit diese nicht durch amtliche Nachweise einwandfrei als ordnungs­gemäß erwiesen sind, unverzüglich dem Kreisamte Mitteilung zu machen. Die Rechte und Pflichten, die nach den vorerwähnten Bestimmungen den mit der Führung des Viehkatasters Beauftragten zu« stehen, können auch einer Kommission übertragen werden, deren Vorsitzender der Katasterführer ist. Jedes Kreisamt hat für feinen Bezirk einen Re­visor zu bestellen, dem es obliegt, nachzuprüsen, ob die Listen und die angemeldeten Veränderungen mit den Viehbeständen übereinstimmen.

Uebcr die Art der Führung der Viehkataster ist den Kreisämtern eine ausführliche Anweisung zugegangen.

Wir hoffen, durch die vorerwähnten Anord- mmoen die die allgemeine Versorgung so schwer schädigenden Schwarzschlachtungen mit Er olg be­kämpfen zu tonnen, namentlich wenn die Arbeiter-,

Bauern- und Soldatenräte (Volksräte) auf Grund ihrer ftennlnisie ixr ött.ichen Verhältnisse dir l>ca- tasterjührer und Revisoren nachdrücklich unter- stützen.

Jrn Anschluß daran gibt Ministerialdirektor Ne umann eine Uebersicht über die gesamte Er­nährungsfrage. Ich sag? Ihnen nichts Neues, daß wir mit umereil Vorräten nicht bis zur nächsten Ernte durchhalten können. Die Vorräte schmelzen zusammen wie Butter an der Sonne. Wir gingen mit ziemlickx'r Zuversicht in das neue Erntejahr. Alles in allem konnten wir hoffen, bis zur nächsten Ernte auszureichen. Die Ereignisse im November und die politischen Ereignisse haben die Verhältnis e aber sehr verschlechtert. Die Nationen wurden all­gemein erhöbt. Die Ablieferungen gingen zurück. Tie Höchstpreise sind völlig wirkungslos, der Scksteichhanoel blüht. Was die Getreideversorgung betrifft, so sind die Kreise Bensheim, Heppenheim, Offenbach-Friedberg bereits mit ihrem Brotgetreide zu Ende, auch im besetzten Gebiet sind die Vorräte nahezu erschöpft. Tas Reich hat erklärt, daß auch seine Lieferpflicht nur eine begrenzte sein köime. Bis Milte Mai sind unsere Brotgetreidevorräte erschöpft. Es müssen schon in allernächster Zeit Zu­fuhren in allergrößtem Maße eintreffen. MitHa er- nahrinitteln waren wir trotz aller Bemühungen sehr schlecht versorgt. Bon anderen Nährmitteln wurde f ind nur ein Drittel des Solls zur Verfügung ge­stellt, seit letzter $eit z/s des Solls. Vom Reich wird erklärt, daß im Mai unb Juni das gesamte Soll zür Verfügung gestellt wird. In Kartoffeln hatte Hessen eine befriedigende Ernte von 10 Millionen Zentnem Ti? A ssih- haben wir eingestellt. Durch den Schleichhawxl sind einige Hunderttauiende Zentner ausgesührt. Von Frankfurt und Essen kamen bringe»ix Hilferufe. Die Fleischver;or- g u n g war bisher einigermaßen befriebigenb. Tas Bild hat sich burch bie Schworzichlachtungen sehr geänbert. Tas übermäßige Abschlachten ber Pferde hat jetzt nackigelassen. Ferkelhöchstpreise würben fest­gesetzt. Vom Reich wurden uns 330 000 Kilogramm Schweinefleisch in Aussicht gestellt (*/2 Pfund aus den Kopf). Die Fettversorgung ist außer­ordentlich traurig. Die Fetterzeugung ist stark zu- rückgegangen und deshalb auch die Lieferung.

Auch die Milchproduktion hat einen gefährlichen Tiefstand erreicht. Tie Strafen sind viel zu niedrig. Wir sind an das Justizmini­sterium herangetreten, um schärfere Strafen (wie Freiheitsstrafen) und raschere Aburteilungen für Lebensmittelsünder zu erreichen. Ter Schleich­handel hat einen unerhörten Umfang erreicht. In Ockstadt wurde für 1 Pfund Butter 94 Mk. gefordert und bezahlt, an anderen Otten in Ober­hessen wurden 35 Mk. gefordert. Das Reich hat die Jnlandeier freigegeben. Gayern, Baden, Württemberg und Hessen haben beschlossen, die Eier weiter zu bewirtschaften, sonst bekom­men unsere Kranken überhaupt keine Eier mehr. In Ruppertsburg kaufte jetzt schon ein Händler 1700 Eier für 1,65 Mk. an. Wir wollen jedem Städter wenigstens 1 Osterei zu kommen lassen. Tie Fischversorgung hat sich gebessert.

In der Zuckerversorgung trat eine Stockung ein, die Ra 'ion wird beibehalten werden können. Frühobst und Gemüse iverden dem freien Handel überlassen, als Versuch zum Abbau der öffentlichen Bewittsckxiftuiig. Von einer Freigabe von Brotgetreide, Kartoffeln, Milch, Fett, Fleisch kann nicht die Rede sein.

Außerordentlich ernst sind die Erzeuger­streike, die auch in Hessen zur Tatsache ge­worden sind. Tie Eiererzeuger im Kreise Fried­berg streiken. Tie Milcherzeuger in öeppenbeim, Erbach, Friedberg erklären, daß sie keine Milch abliefern. Tie Stadt Mannheim hat beute ge meldet, daß ihr ans dem Kreise Heppenheim feine Milch geliefert wurde. Tas ist außerordentlich gefährlich Unter diesen Umständen wird sich der Spartakismus ausbreilen. Tann werden die Mas­sen aufs Land gehen und sich mit Gewalt holen, was ihnen vorenthalten wird. Ter Hunger treibt zum Wahnsinn. Schon heute kann die öffentliche Sicherheit auf dem Lande nicht mehr gewährleistet tonben. Wir warnen die Land­wirte vor dem Streite. Nur durch restlose Ab­lieferung der Erzeugung kann Ruhe und Ordnung aufrechterhalten werden.

Unsere Ernährungslage ist auch für die Zu­kunft außerordentlich traurig.

Ich nehme Veranlassung, den Beamten meines Ressorts den wärmsten Ausdruck der Anerkennung für die Pflichterfüllung in ihren schwierigen Auf­gaben auszusprechen, und bedauere den Eingttff eines hiesigen Blattes in eine schwebende Unter­suchung, weil dadurch das Vettrauen untergraben wird.

Unsere Zustände sind außerordentlich traurig auch für die Zukunst. Der Boden ist ausgesaugt, es fehlt an Düngemitteln und Arbeiiskrä ton. Hun­derte von Menschen sterben täglich in den Städten Europas. In Pforzheim wütet der Hungertyphus. Wir brauchen eine Einfuhr von 5 Millionen Mark. Wir können sie nicht mit unserer kleinen Gold­reserve, nicht mit Papiergeld zahlen, sondern nur mit Arbeit. Darum ist Streif Wahnsinn. Wir müssen arbeiten oder unter gehen.

Die Aussprache.

Abg. Eißnert (Soz.) erklärt sich von der Regierung:« k.ä ung bttr. Schwarzfcklachtens für befriedigt. Er unterstreicht die Ausführungen des Vorredners. Besonders aufreizend wirkt die Aus­stellung von Schleichhandelswac-en in den Schau- laden. Der Redner greift die Landwirte heftig an. Er fordert sv'ortige strengst« Freiheitssttafen unb Vermögenskonfis'ation

Abg. Hahn (Deut'ch? Vo'kSp.f: Die Schuld am Schleichhandel tragen nicht die Landwirte, son­dern die Unterhändler. Ob ber Biehkataster wirk­sam wird, ist fraglich. Je größer die Brtästtgung

der Landwirte, desto mehr Neigung, sich ihrer Ab­lieferungspflicht zu entziehen. Die Ferlelhöckilp- Preise haben keinen Erfolg gehabt.

Abg. Dr. Büchner (Demokr.): Wir haben eine Umfrage in landwittschattlickum Kreisen ver­anstaltet. Uebcr die Angemessenheit der Höchstpreise gehen die Ansichten auseinander. Die Spannung zwischen Leland- unb Schlachtgewickst erscheint zu hoch. Bei den Eiern sollte man einen Versuch mit dem freien Handel machen. Wir befommen sowieso feine Gier. Wir haben beantragt, daß bei beit Abschätzungen und Erfassung der Lebensmittel die Selbstverwaltungen herangczvgu werden svl'e.n. Allgemein nnrd die Abschaffung ber DrusclwrLinien gefordert. (Direktor stteumann: Ter Eintrag beim Reich ist bereits gestellt.) Die Bodeniläckx' soll durch Rodung durch Wald vergrößert iverben.

Abg. Hofmann (Zentr.) hat in der Rede des Ministcrialdircktors ein Wort der Anerkennung ür die Lanchvirisck-uft vermisst. Viecick-eim, £am*| pertbeim, Bürstadt haben kttne Milch für ilire klei­nen .Kinder, während Milch nach Baden geht. Iw der Landesirrenanstalt in HeppenI-eim ist die Er­nährung sehr schlecht. Zur Hebung der Milchwitt- schast in Hessen ist eine Steigerung des Stallmilch-' Preises auf 60 Pfennig und Pachthöchstpreis für Wiesengelände notwendig. Ein Dauer in Ober» Hessen sckxnkte einem Lazarett einen Waggon Dick^ wnrz, dafür mußte er 75 Mark Gebühren au die Landesgemüsestelle zahlen. (Hört, hört!) Tie Stall- revisoren verschleppen die Viehseuche (Heiterkeit). Für den Kartoffelbau ist Kali- und Saatiutwechsel nötig. Ein Abbau der Saatgntpreisc ist absolut notwendig. Der Redner verlangt Prämien für den !. nüan der Kartoffeln und BrotgctreiX, die aus) den Gewinnen der Landesstellen und Kommunal­verbände gezahlt werden können.

Abg. Herbert (Zentr.) bespricht bk Be­schwerden ber hessisckxn Städte über fe t Mangel au Pferdefleisch. Er befürwortet die Zwair sbcwirt- sckrastung des Pferdefleisches, da sich das Aus uhr- verbot als unwirksam erwiesen habe. In der Zu­teilung von Weizenmehl war Darmstadt außer­ordentlich Henachteiligt- (Darmstadt 80 Prozent Roggenmehl und 20 Prozent Weizenmehl, Gießen 50 Prozent Weizenmehl, in Offenbach 66 Prozent IlZeizenmehl, dabei gibt es in Darmstadt keine Brötckxn.) Das ganze Hessenland sollte zu einem Kommunalverband Bereinigt werden.

Abg. Engelmann (Soz.): Wir stellen für das besetzte Gebiet den Antrag, daß in jedem Kreis ein unparteiischer Vertrauensmann, z. B. ein Ab­geordneter, ausgestellt wird. Wir stellen auch den Antrag, daß in den einzelnen Gemeinden Kvnttoll- kommissionen gegen den Schleichhandel emgeiührt werden itnb den weiteren Antrag, daß alles Mehl der Vrotbereituna zugeführt werde. Die Gerichts- praxis muß schärfer werden.

Vizepräsident Reh schließt um 1/s2 Uhr bis Sitzung und setzt den Beginn auf morgen pcäziÄ 9 Uhr fest. Es sind noch 8 Redner vorgemerkt.

9. Sitzung vorn 3. April.

Fortsetzung ber Aussprache über ErnLTwungs^ fragen.

Zunächst gab Staitsmin. Ulrich eine Gr-* riärimg ab, nach ber Herr v. Roernheld bei der Deröffentlichung über bie Entschädigung des Groß- Herzogs keinerlei Schulb trägt.

Frau Abg. Balser (Tern.): Wir städtischen Hausfrauen wissen die Leistungen der L inbfrium in der Landwirtschaft wohl zu würdigen. Sie haben auch Tausend« von unseren Stadtfinbem ausgenommen. Tcshalb begrüßen wir alle Maß­nahmen, die ber Landwirtschaft entgegenkommen. Tazu gehört die Hcrauffetzung ber Höchstpreis«' für Schlachtvieh unb Milch, wenn dadurch die Versorgung vermehtt wirb. Ebenso müssen bie Wünsche ber Selbstversorger hinsichtlich ber Ra'io- nicrung berücksichtigt werben, da darin schwere Mißstände sich herausgebildet haben. Wir Frauen fordern die Auftxbung der Zwangswirtschaft für Obst unb Gemüse, bie sich gar nicht bewährt bat Wieviel gng burch fic zugrunde! Ebenso sind wir für Aufhebung ber Eierbewirtschas ung, wenn fte uns doch nur 1 Osterei gewährleisten kann. Nur der Eierbedarf ber Krankenhäuser muß erfaßt wer­den, den Rest soll man dem freien Handel über­lassen Wir Frauen sind für den Avlxur ber Zwangswirtschaft, soweit wie

Präsident Reh gibt eine dringliche Anfrage ber Demokratischen Partei über die zunehmend« Unsicherch.it in Stadt und Land betont, bie so­bald wie möglich auf bie Tagesordnung gesetzt werden soll.

Abg. Kiel (Unadh.) wird sich nicht Vvm Ministerpräsidenten Ulttch den Mund verbiet«!» lassen, wie das letztemal. Er kritisiert das Turch- balten der deutschen Fürsten und in den Fresser- Sanatorien. Er verlangt unter allen Umuxrnbcn nicht nur bie Kontrolle, sondern bie Exekutiv^ für bie ArbeiterrLe.

Abg. So Herr (Ztt.): Ter Vkhfa'aßer ge­nügt nichr, man muß bie in Preußen eingeführte« Ohrmarken ebenfalls entführen.

Abg. Münzer (Teutsche BoVp.): Tie Stra­fen sind hart genug, trotzdem wird weiter gesün­digt. Wirksamer wären vielleicht wirtschaftliche Maßnahmen gegen bie Sünder. Doch warne ich vor weiteren Verordnungen. An der Langsam­keit der Rechtsprechung ist die Umständlick>keit un­serer Prozeßordnung schuld, besonders des Ge­richtskossenwesens.

Abg. Tr. Dehlinger (Hess. Bolksp.) wi- berspttcht ber Behauptung, daß ber Bund der Landwirte BetLrlernÄoirtschaft mit dem Stickstoff­dünger treibt. Ich bin Gründungsmitgiied deS Bundes und habe flein Pfund erhalten. Ohne S tickt tv-sdü gcc gibt es Iy?u e nur eine halbe Gmte., Ter Bauermtand ist ein Gewerbe, ber verdienen) soll, wie ber Beamte seine Teuerungszulage uiti> ber Arbeiter seine Lohnerhöhung fordett.

Abg. Piebler (S^.) fordett u, a.