Nr. 229
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Erster Blatt 169. Jahrgang Mittwoch,
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Swillingrnmddru-k u. Verlag: vrühl'schc Univ.-Vuch- u. Steiniruderei R. Lange. Lchriftleltung, Seschästsftelle u. Druckerei: Lchulstr.7.
1. Gttober 1919 Annahme von Anzeigen s. die Lagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jedeBerbindlichkeit Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v.34mm Breite örtlich 15 Pf., auswärts 18 Pf., für Retlame- anzeigen von 70 mm Breite 48 Pf. Bei Platz- vorschrisl20°/oAl»sschlag. Hauptschriitleitcr: Ang. Goetz. Berantivortlich für Politik: Ang. Goetz, für den übrigen Teil: Dr. Reinhold Zenz; für den Anzeigenteil: H. Beck; säintlich in (Sieben
Die Tirpitz'schen Erinnerungen.
Im Berlage von K. F. Koehler üt Leipzig ist das schon mehrmals angekündigte, dann aber wieder zurückgezogene Buch des früheren Großadmirals und Staatssekretärs erschienen, der damit niicht minder wichtige Aufklärungen über historische Vorgänge vor und während des Krieges gibt als General Ludendorff. Tirpitz geht noch etwas weiter zurück und berührt frühere Erlebnisse, die noch • -i.t vom Kampf der Leidenschaften umtobt ' i> , er schildert die Anfänge unserer Marine, erzählt höchst anschaulich fesselnde Einzelheiten über Besuche bei Bismarck, der seinen Groll nicht verbarg, auch wenn ihm nach seiner EntlassunA Aufmerksamkeiten an- lgetragen wurden. Schon dieser Teil des Buches ist alles andere denn byzantinisch gefärbt, denn Tirpitz kritisiert sehr freimütig das öfter nicht gerade taktvolle Verhalten des Kaisers bei dem Altreichskanzler, der denn! auch einmal in unauffälligem Zusammenhang aber doch mit merkbarer Betonung dem Kaiser gegenüber geäußert habe: „Mit diesem Offizierkorps können Eure Majestät sich freilich alles erlauben; ist es einmal nicht mehr da, wird es ganz anders sein."
Anttbedeutungsvollsten sind natürlich die Kapitel des über 500 Seiten starken Buches, die von der Entstehung und dem Verlauf des Krieges handeln. Es kann hier nur das Wichtigste angedeutet werden. >Tirpitz stellt vor allem klar, daß nicht etwa e c es gewesen sei, der von Anfang an auf den U-Bootkrieg gedrängt habe. Noch Ende 1914 hat ec in einem Schreiben an Admiral v. Pohl, der für Ende .Januar die Eröffnung J U-Bootkrieges ankündigen wollte, ausdrücklich davon abgeraten. Er hielt das Verfahren und die Methode für verfrüht. Während Tirpitz allenfalls für eine U-Bootblockade der Themse eintrat, erfolgte zu seiner völligen Ueberraschung am 4. Fe- bruar/1915 die bekannte Kriegsgebiets- und U-Bootserklärung. Dann freilich, nachdem der Fehler einmal gemacht war, galt es nach Herrn v. Tirpitz' Meinung fest zu bleiben, und als er sowohl wie der Admiralshabschef in diesem Februar in einer telegraphischen Meldung fichj darüber äußern sollten, „ob und in welchem Mäße eine Gewähr dafür übernommen werden könnte, daß innerhalb sechs Wochen nach Beginn des neuen Handelskrieges England zum Einlenken gezwungen sein würde," ließen die beidmr folgendes Telegramm nach Lötzen abgehen:
„Staatssekretär und Admiralstabschef sind überzeugt, daß England 6 Wochen nach Beginn des neuen Handelskrieges einlenken wird, wenn es gelingt, von Anfang an alle für diese Kriegführung verwendbaren Machtmittel energisch einzu- fetzen,"
Wir hatten uns, so fügt Tirpitz in seinem Buche hinzu, „über das Telegramm des Kabinettschefs und die zu erteilende Antwort des längeren den Kopf zerbrochen. Wir gewannen die Ueberzeugung, man wollte uns durch die Anfrage wegen der 6 Wochen zu einer verneinenden Antwort zwingen und dann den Rückzug vor Amerika ausschließlich durch unser Votum rechtfertigen. Ich entsinne mich noch der Worte des Admirals v. Capelle: „Auf eine dumme Frage gehört eine dumme Antwort."
Die weitere Verschärfung des U-Boot- krieges wurde von General v. Falkenhayn selbst angeregt, als die Frontlage schwieriger geworden war. Da empfahl um den Jahreswechsel 1915 und 1916 Tirpitz „eine Art Sperrung *be§ Handelsverkehrs mit England". Zum entscheidenden iVortrag beim Kaiser wurde Tirpitz gar nicht zugelassen; ev meldete sich am 8. März krank und erhielt Postwendend die Aufforderung, seinen Abschied einzureichen.
Zur Begründung seines Standpunkts sagt Tirpitz:
, "Ter U-Boots krieg, im Frü hja hr 1916 schran- tenlod ausgenommen, enrhielt unsichere Faktorei iuc I^>e strategisch--politisch-wirtsch;aftliche Berech- ^tun9- .-Per cs läßt sich heute gewisser als je lagen, daß er die Engländer zu einer versöhn- ! n • *-.1 m m V n 9 gebvcrch«t hatte, die sich zwar
wioyl nie Vo kläglich und unverständig geäußert hatte, irre die Friedensresolutivn unserer Reichs- lagödemvkratt: von 1917 —dazu iini> die Engländer em zu politisches Volk —, aber materiell für und cmnehmbaren Fftedensschluß ausgcreicht hatte. Im Fruhmhr 1916 war freilich kein Monat mehr zu verlieren — nicht nur n>>gen des Wachstums der feindlichen Abwehrmaßnahmen, sondern auch wegen d^ Rückgang unserer eigenen Widerstandskraft. Wenn dann nich längstens einjährigem Frachtraumkrieg in England die Mot gefühlt worden wäre, würden die Moral unseres eigenen Volkes und seine Kraftreserven noch so hoch g-standeu haben, daß wir die Wirkung ab'.varten kennten. Für die durch- schlagende Kraft eines damals unternommen m Üb-ootskriegs und für die Lebensgefahr, die damit über England schwebte, laim ich letzt eine lang: Relhe englischer Bekenntnisse Mi führen, welche nn- sere Demokratie und anbere Interessenten vergeb
lich in Vergessenheit sinken lassen möchten. Noch 1917, eiar Jahr zu spät, 'roaren wir dicht vor dem Ziel, so daß man erkennen konnte, daß der Uboots- krieg, auch nur ein.halbes Jahr früher begonnen, noch durchgcschilagen haben würde."
Im übrigen führt der Großadmiral Klage darüber, daß teilt einheitlicher Oberbefehl zur See bestand. Der Kaiser wollte sich den entscheidenden Einfluß selbst Vorbehalten, und das Marinekabinett übernahm die Verantwortung. Tirpitz selbst wäre gern, wie er zuge- teht, Oberbefehlshaber geworden. Sein ur- prünglichec Kriegsplan war, eine offene S> / chlacht mit den Engländern zu suchen und dafür auch die Grobkampfschiffe einzusetzen, denn, so argumentiert er, die Flotte hat uns, wie die Dinge kamen, int Kriege nichts genützt, iijib jetzt liegt sie auf dem Meeresboden. Wir hätten den Schiffsbestand der Engländer mindern müssen, dann hätte ihr Ansehen Einbuße erlitten, und es hätte nicht die ganze Welt zu Verbündeten gewinnen können. Tirpitz hält den Bruch mit Rußland für einen Kardinalfehler der deutschen Politik. Wir hätten nach seiner Meinung einen cmtiengtischen Bund suchen müssen:
„Hättm lirir, statt „Hans Dampf in allen Gassen" zu spielen, die Weltmachtbezichungen, durckgeführt, auf denen die Weltpolitik beruht, so würden lültr uns, mit Hilfe Japans vielleicht, gegen die Möglichkeit des Weltkrieges überhaupt lwben sickern können. Noch« 1915 oder 1916 konnte Japan den Krieg durch« eine Geste becnb-cn, rocrat nicht gar ihm eine entscheidende.Wendung zu un-, seren Gunsten geben. Voraussetzung war, daß lüir uns mit Rußlano verständigten. Wir mußten mit der asiatischen Großmacht ein Bündnis auf Tod und Leben fuctien. Tie Amerikaner nahmen Teutschland vor bent Kriege in jeder Hinsicht sehr ernst und hatten ein feines Gefühl für unsere aufslcigende Kraft.' Warteten wir noch einige' Zeit im Frieden die Entwicklung ab, so wuchsen die uns und den Amerikanern gemeinsamen Interessen von Jahr zu Jahr. Als wir 1914 in den Krieg hineinschlitterten, war eine der schwersten Folgen dieser furchtbaren Tatsache, daß wir die angelsächsische Gemeinbürgerschaft, anstatt sie einzuschläfern, erst redn zur Entwicklung brachten."
Wenn man auch zu der Ansicht kommen mag, daß manches von den Plänen des Großadmirals zu gewagt erscheint, so stehen doch Männer wie ec und Ludendorff sehr hoch über dem schwächlichen rmd schwa-ikenden Charakter eines Bethmann-Hollweg, dessen Halbheiten uns so zum Verderben geworden sind. Wir werden auf das intereffante Buch von Tirpitz noch weiter zurückkommen müssen.
Die heererausgaben.
Berlin, 30. Sept. (Wolfs.) Im Haushalt-' aus schuß »der Nationalversammlung erklärt der Reichswehrminister, daß die beabsichtigte Verringerung der Heeresausgaben nicht - habe eiu- treten können int Hinblick auf die Vorgänge im Osten. Statt den Abbau eintreten zu lassen, müßten dorthin mehr Leute geschickt werden, um die heimatlichen Gebiete gegen Einfälle der Bolschewisten zu sichern. Die spartakisttschen Unruhen in Oberschlc- sien erforderten ebenfalls ein stärkeres Aufgebot an Reichswehr. Die Ruhe sei dank derselben wieder hergestellt und die Kohlenförderung sei im Steigen. Der Minister ging daun auf die Verhältnisse in Kurland näher ein und gab der Hoffnung Raum, daß die zurückberufenen Mannschäften auch im Hinblick auf die getroffenen Maßnahmen, wie Lohnentzug und Verlust der Versorgungsansprüche dm gegebenen Verhältnissen Rechnung 'tragen und zurückkehren würden. Wie die in russische Dimste übergetretenen Mannschaftm zurückgeholt werdm tonnten, dafür wisse er noch keinen Weg. Bei den Heereskosten feien noch die Ausgaben für die zur Entlassung kommen dm zahlreickmn Soldatm und Gefangenen eingestellt. Die Stärke der Reichswehr belaufe sich zur Zeit auf rund 4 0 0 00 0 M ann. Die Bestände feien aber stark im Schwinden, da die Werbung feit l1/« Monaten untersagt fei und viele der Soldatm ausschiedm. wenn sie Arbeits- getegenbeit gefunden hättm. Er werde schließlich die Anwerbung wieder in Aussicht nehmen müssen.
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Die Zurückführung der Gefangenen.
B e r l i n , 30. Sept. (WTB.) Die Reichszentralstelle für Kriegs- und Zivilgefangene teilt mit: Bei der deutschen Waffenstillstands- kommission ging eine neueNoteder eng- lischen Waffen still st and skommis- s i o n ein, worin erklärt wird, die Heimschaf- fung der deutschen Gefangenen aus Aegvptcn werde in Kürze beginnen. Die Heimschaffung der Gefangenen aus den anderen britischen Kolonien sei in die Wege geleitet.
Eine Prügelei in der italienifchen Kammer.
B er n, 29. Sept. (WTB.) Auf die während der Abstimmung von N i t t i gemachte Drohung, sich über die von dem Reform- ozialisten Raimondo gestellte Frage, ob die Regierung etwas über die Art der piskufiwn des Friedensvectrages sagen wollte, mcht äußern zu können, versuchten die Sacchiften die Weiterführung der Abstimmung zu ver-I
hindern. Der SozialistMediglianostürzte sich darauf auf R a i m o n d o und es entstand eine allgemeinePrügelei,an dermindestens 50 Abgeordnete teilnahmen. In dem Durcheinander wurden vielen Abgeordneten die Kleider vom Leibe gerissen. Die Unruhe erneuerte sich immer wieder, bis endlich Nitti erklären konnte, daß seine Aeuße- rungen mißverstanden worden seien und daß er durchaus nichts gegen die Diskussion der Friedensverträge einzuwenden habe. Die Abstimmung konnte dann gegen Mitternacht zu Ende geführt werden. Die Regierung erhielt eine Mehrheit von 60© tim men.
Neuwahlen in Italien.
Bern, 30. Sept. (Wolff.) Durch gestriges königliches Dekret ist die i t a l i e n i sche Depu - ticrtenkammer aufgelöst worden. Die Wahlen sind zum 10. Oktober ausgeschrieben wor- dm. Senat und Kammer werden am 1. Dezember zusammmtretm. Tie Auflösung der Kammer finbet in der Presse vorerst 'wenig ernsten Widerspruch. Irgendwelche Umbildungen im Kabinett find vorläufig nicht zu erwarten. Ebenso ist die Erörterung der Friedensverträge damit bis auf weiteres, vertagt.
Bern, 30. Sept. (Wolfs.) Dittoni, der in den letzten Kammersitzungen einen unbestreitbar starken Erfolg errungen hatte, der aber, wie die Kammerauflöfung zeigt, sich nicht zur Uebernahine der Macht entscheiden konnte, ivill unverzüglich feine Tätigkeit in Paris 'wieder ausnehm m in der Hoffnung, dach n4 eine günstige Lösung der Fiurnesrage zu erzielen. Sein tatkräftiges Bestte- Len und feine klaren Darlegungen über die auswärtige Lage haben die Gefahr der Jsoli'rung Italiens vorläufig befeitigt und lassen die Frage der endgültigen Regelung der italimischm Ansprüche offen.
Der Handel Englands mit Deutschland.
Haag, 27. Sept. Aus London meldet der „Telegraaf": In einem gestern veröffentlichten Weißbuch drängt die Handelskammer darauf, den Handel mit Deutschland wieder kräftig aufzunehmen. Es sei zu wünschen, daß die englischen Kaufleute alles tun, um sich einen Platz in Zentraleuropa zu sichern. Unternehmungen finanzieller oder kommerzieller Art haben keinerlei Erlaubnisscheine mehr nötig. Alle Waren, die von Deutschland nach England eingeführt werden, genießen dieselben Rechte wie die aus anderen Ländern.
Die Bedingungen der russischen Sowjetregierung.
A m st e r d a m, 30. Sept. (WTB.) Das Pressebureau Radio yreldet aus Lyon, daß in Washington amtliche Nachrichten eingetroffen sind, nach denen die russische Sowjetregierung bereit wäre, Friedensunterhandlungen unter folgenden Bedingungen einzuleiten: Sturz des Sowjetregimes, Einstellung der Hinrichtungen, Abschaffung des Terrors, Erteilung eines Freigeleits für 12 Bolschewisten- führer, darunter Lenin, Trotzty und Sinowjew, die sich nach Südamerika begeben wollen. Dieser Vorschlag der Bolschewisten werde den französischen und amerikanischen Diplomaten in einem neutralen Lande übermittelt werden. Man glaubt, daß Wilson eine neue Negierung vor Zusammentritt der Konstituante in Rußland anerkennen werde.
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Judenmißhandlungen in Oesterreich.
Wien , 30. Sept. (Wolff.) Die Blätter melden aus Wiener-Neustadt: Als gestern nachmittag der Zug aus Oedenburg in dem ungarischen Kurort Sauerbrunn ankam. wurden die jüdischen Passagiere, etwa 30, von Soldaten, die unter dem Kommando Szekler Offiziere einen Kordon bildeten, beim Verlassen des Zuges bei der Legitimierung und beim Ausgange mit Ohrfeigen und Fußtritten, sowie Stößen mit dem Gewehrkolben traktiert. Auch Leute, die nur für Juden gehalten wurden, und Dmtschoestxureicher wurden mißhandelt. *
Bulgarien.
Paris, 29. Sept. (Wolff.) Dem „Temps" wird aus Softa gemeldet, daß die Veröffentlichung derFriedensbedrngungen große B c st ü r> zuug hervorrief. Einzelne Blätter tragen einen schwarzen Trauerrand. Kaffees und öffentliche G:-. bäube wurden auf Anordnung des Ministers d.'s Innern zum Zeichen der Trauer um 9 Uhr geschloffen. Tie Zeitungen erklären, daß d;r Vertrag unannehmbar fei. Es heißt indessen, daß die öffentliche Meinung nach und nach zu einer gemäßigten Einschätzung der für Bulgarien geschaffenen Lage gelangt.
Aus dein Reiche.
Die Untersuchung über die Schuldfrage.
Berlin, 30. Sept. (Wolff.) Der parlamentarische Untersuchungsausschußder Nationalversammlung zur Prüftmg der Schuldfrage des Krieges beschloß,, eine Reihe von Untersuchungsausschüssen einzufetzm, die einzelne
Punkte besonders untersuchen sollen, wie Völker- rechlsfragen, die belgische Angelegenheit, insbesondere die Maßnahmen gegen Zivilpersonen in den besetzten Gebieten, die armenische Frage usw.
Die Vrotversorgung.
Berlin, 30. Sept. (Wolff.) Tie fdjton seit geraumer Zeit vielfach dringend verlangte itiebtiga A nsm a h lung des Brotgetreides, die ein wohlschmeckenderes und bekömmlicheres Brot ergibt, wird nach Auskunft der Reichsgetreidestelle in der Mitte des Oktobers verwirklicht werden. Walrrcnd bisher Roggen unt> Weizen eine Ausmahlung von 94 Prozent erfahren .hatten, wird Stcggicn nach dem 15. Oktober mir zu 82 Prozent und Weizen zu 80 Prozent ausgemahlen. Bei Gerste erfolgt die Herabsetzung bis zu 75 Prozent. Es ist Har, daß die Folgen der niedrigeren Ausmahlung sich niicht schon vom 16. Oktober ab xin Gestalt von besserem Brot bemerkbar macken können. Vielmehr müssen die vorhandenen imt> bis 15. Oktober ent-- sl eh enden Mehlbestände aufgearbeitet werden. Je. nach dem Umfang der Vorräte an 94pnozentigcm Mehl kann in den einzelnen Kommunalverbäiideii das bessere Brot erst einige Zeit später vom Bäcker hergestellt werden. Tie roefentlidfie Qualitätsverbesserung des Brotes ist natürlitfi auch auf die Gestehungskosten des Brotes nicht ohne Einftuß, wozu noch der gegen das Vorjahr höhere Getreidepreis, der Mahllohn und die sonstigen Erhöhungen der Unkosten (Kohlen usw.) treten. Ta es nicht möglich ist, die Differenz zwischen den jetzigen und den künftigen Preisen gänzlich mis Reichsmitteln zu begleichen, wird sich die Erhöhungfdes Brotgetreides nicht umgehen lassen.
Das Ende des SeemannSstrciks.
Bremen, 30. Sept. (Wolff.) Wie die Blätter berichten, scheint der Streik im hiesigen Hasen nach der Annahme folgender Resolution, die in einer Versammlung von streikenden Transportarbeitern, wozu auch 40 Angehörige des Seemcmnsbundes erschienen, gefaßt wurde, sein Ende erreicht zu haben. Die Resolution lautet: Die Versammlung erklärt, daß die Arbeit in der Voraussetzung aufgenommen wird, daß von feiten der Arbeitgeber keine Maßregelnn- gen stattfinden, weder bei Seeleuten noch bei Hafenarbeitern. Die fremden Hafenarbeiter haben den Hafen sofort zu verlassen. Wer bis Samstag den 4. Oktober nickst die Arbeit aufnimmt, hat die Konsequenzen selber zu tragen.
Es wird angenommen, daß die Hafenarbeiter jetzt die Arbeit wieder anfnehmen werden. Bis dies aber festeht, werden die Freiwilligen ihre Tätigkeit fortseben. Die Reeder loerden voraussichtlich die Forderung, daß auch die streikenden Seeleute nicht gemaßregelt werden sollen, annehmen.
Aus dem besetzten Gebiet.
Zwei deutsche Zivilpersonen von französischen Wachtposten erschossen.
Ludwigshafen a. Rh., 30. Sept. (WTB.) Gestern nachmittag wurden vor der Badischen Anilin- und Sodafabrik zwei deutsche Zivilpersonen von französischen Wachtposten erschossen. Ein Arbeiter der Anilinfabcik stieß an einen patroullierenden Posten, wodurch es zu einem Wortwechsel und Ansammlung einer größeren Menge kam. Die Franzosen zogen sich in ihr Wachtlokal zurück und schossen von dort aus einfach in die Menge hinein, wodurch die zwei gänzlich unbeteiligten Personen getötet und einige verletzt wurden.
Das Strcikrecht von den Franzosen anerkannt.
wv. Worms, 29. Sept. Der ftanzösische Administrator in Bingen gibt bekannt, daß das Streikverbot im Bereich der 10. Armes aufgehoben ist. Unter einigen Vorbehalten, die nur Formfragen betreffen, besitzen die deutschen Arbeiter, Arbeftgeber und Behörden im Bereich der 10. Armee das von der deutschen Gesetzgebung geschaffene Rüstzeug, das sie in den Stand setzt, in fast allen Fällen mit eigenen Mitteln zu einer schnellen Lösung zu koiümen. Erst im Falle des Mißerfolges läge es dann an der französischen militärischen Besatzungsbehörde, jo nach der Schwere des Falles darüber zu befinden, wie und ob sie cinschreitcn will.
'Vjr ÄM
(Ein neues Quartal beginnt heute für die Bezieher des Gießener Anzeigers. Wir gehen in einen Winter hinein, der die Notlage des deutschen Vaterlandes in ungeahntem Maße zu steigern droht. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und innerpolitische Treibereien können allerorten zu Unzuträglich- keiten und Putschen führen. 3n dieser Seit rasch, zuverlässig und ohne Voreingenommenheit unterrichtet zu werden, ist der Vorzug den der Gießener Anzeiger seinen Lesern bieten wird. Außerdem wird er zur Zerstreuung an den langen Winterabenden für gediegenes Unterhaltungsmatenal und gute, 'spannende Nomane Sorge tragen. Bisher find uns die Leser stets auf unseren Wegen treu gefolgt, viele neue sind hinzugekommen und wir hoffen, daß auch in Zukunft sich dies nicht ändern wird.
Verlag und Uedaktion.


