Ausgabe 
29.11.1913 Viertes Blatt
 
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Nr. 231

165. Jahrgang

viertes Blatt

Gleftmt Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Oderhefien

TieOiehener ZamiliendlStler" werden dem »Anzeiger* öiermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Eichen" zweimal wöchentlich. TieLm-wirtschaftlichen 3eit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Samstag, 29. November 1915

Rotationsdruck und Verlag der Vrnbl'lchen Universnäis » Buch- und eteinbntderei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Vertag: e-sKöl. 9lebnftion:e^ll2. Tel.-Adr.:4inzeigerGießen.

Professor Merkle und die Zndcxfongregalion.

Von Professor Dr. A u g u st M e s s e r.

Man kennt den WürzburgerKiichcnhistorikcr Sebastian Merkle als einen Vorkämpfer deutschen und wisscnschasd- lichen Geistes in der Kirche gegen Romanismus und Jesuitismus Schon feit Jahren steht er im Kampfe. seit dem Berlichingen-Prozeß. Der Jesuitenpater v. Bcrlichin- ge:i hatte in Vorträgen zu Würzburg die Reformation aufs ärgste angegriffen. Ter protestantische Lehrer Beyhl trat ihm öffentlich entgegen. Es kam zum Beleidigungsprozeß, und Merkle, als Sachverständiger vernommen, sprach sich gegen den Jesuiten aus. Das hat man ihm nie verziehen. Seitdem hat man ihn in jeder Weise angefeindet: durch anonyme Ar­tikel in Zeitungen, durch gehässige Kritiken und Broschüren, durch Intrigen in der Fakultät, durch Denunziationen bei seinem Bischof und in Rom. Es war lange vergeblich. Seine Leistungen als Universitätslehrer und als Gelehrter sprachen zu unzweideutig für ihn. Sein imposantes Werk, die Aus­gabe von Quellenschriften über das Tridentiner Konzil, stellt eine Leistung dar, deren dauernden Wert selbst die Gegner nicht leugnen konnten, wenn sie auch an Einzelheiten herum- mäkelten. Um so erbitterter fiel man über ihn her, als er es wagte, in einem Vortrag auf dem internationalen Historiker­kongreß zu Berlin im August 1908 überDie katholische Beurteilung des Aufklärungszeitalters" (im Druck erschie­nen 1909) der üblichen Verdammung dieser für die Kultur­entwicklung hochbedeutsamen Periode entgcgenzutreten und den historischen Nachweis zu liefern, daß gar manche her­vorragende Katholiken, die gewisse Ideen und Forderungen bet Aufklärung vertraten, treue Söhne ihrer Kirche gewesen seien. Aber Merkle hat seinen Kritikern kräftig geantwortet und mancher ist rühmlos aus dem Streit gezogen.

Endlich aber glaubte man auch diesen wackeren Kämpen gefällt zu haben. In der Oktober- und Novembernummer der Akademischen Rundschau" (Leipzig 1912) hatte Merkle einen Aufsatz überDie Vergangenheit und Gegenwart der katho­lisch-theologischen Fakultäten" veröfsentlicht. Man weiß, daß diese Fakultäten vielen Ueberkirchlichen, die nur Seminarer­ziehung des Klerus wünschen, einen Stein des Anstoßes bil­den. Merkle hat aus seinem Unmut über die Anfeindungen der Fakultäten kein .Hehl gemacht: er hat manche Maßnahmen der Kurie, insbesondere auch die Forderung des Antimodernisten- erdes, freimütig getadelt. Obwohl es nun bisher nicht dage­wesen war, daß Zeitschriftenaufsätze der Indizierung verfie­len: gegen Merkle machte man eine Ausnahme: im Sommer dieses Jahres setzte man seine Studie auf den Index.

Es ist nun Sitte in der katholischen Kirche, daß der Ver­fasser einer zensurierten Schrift die Erklärung abgebe, daß er sich dieser Maßnahme unterwerfe. Insbesondere ein Uni­versitätsprofessor muß das tun. Sonst wird ihm der Bischof durch Verbot seiner Vorlesungen seine Hörer entziehen und dadurch seine Lehrtätigkeit lahmlegen.

Wie Merkles Gegner rechneten, liegt auf der Hand. Sie sagten sich: entweder unterwirft et sich nicht, dann ist es mit seiner Wirksamkeit an der Universität zu Ende, und es ist für alle Katholiken der Beweis erbracht, daß Merkle eine echt katholische Gesinnung abgeht, da er die Autorität der Kirche nicht anerkennt, oder aber er unterwirft ftch: dann ist er vor allen freier Gesinnten diskreditiert, er verliert dann jeden Rückhalt in diesen Kreisen, wenn er weiterhin sich ver­nehmen läßt, ja er wird innerlich gebrochen voraus-^ sichtlich es vorziehen, ganz zu verstummen.

Es ist nun Sache gerade aller Freigesinnten, diese Be­rechnung zuschanden zu machen. Merkle hat tatsächlich seinem Bischof erklärt, daß er dem Dekret der Jndexkongregation sich füge: aber er hat damit nichts zurückgenommen ein Wider­ruf war ihm gar nicht zugemutet er hat damit lediglich die Verpflichtung übernommen, seinerseits für die Weiterver­breitung des indizierten Aufsatzes nichts zu tun. Wie wenig

er aber seiner Ueberzeugung durch diesen Schritt untreu ge­worden ist, das zeigt klar eine Stelle aus seinem bereits im Jahre 1905 gehaltenen und veröffentlichten VortragTie theologischen Fakultäten und der religiöse Friede" (Berlin, ,,Germania"-Verlag). Darin ist er aufs wärmste für feinen Kollegen Schell eingetreten, der ebenfalls dem Verbot sei- nir Werke sich gerügt und darob viel ungerechte Vorwürfe geerntet hatte. Mit Recht betonte er damals, es gehöre viel Charakter und Mannesmut, auch viel Patriotismus dazu, um den lauten und versteckten Spott, ein vielsagendes Ach­selzucken von rechts und links zu ertragen und gleichwohl aus dem Posten auszuharren, weil man sich bewußt ist, dem Christentum, dem Frieden der Konfessionen und damit der großen nationalen Sache zu dienen". Nach dieser feiner Ueberzeugung hat Merkle jetzt gehandelt und darob soll ihn feiner schelten.

Aus Siafct und CaitO»

Gieß en, 29, November 1913.

Haftpflicht des Vaters wegen ungenügender Beaufsichtigung des Sohnes.

Durch die von Kindern veranlaßten Unglücksfälle, die sich vor wenigen Tagen in Gießens Nachbarschaft ereigneten uitb bie unmittelbar aus ungenügende Beaufsichtigung der Kinder durch die Eltern zurückzuführen sind, mag es angebracht sein, auf den Standpunkt des Gerichtes bei solchen ..Fällen hinzuwcisen.

Wer gesetzlich zur Führung der Aufsicht über eine Person verpflichtet ist, die ivegctt Minderjährigkeit oder wegen ihres geistigen oder körperlichen Zustandes der Beaufsichtigung bedarf, ist nach § 832 des Bürgerlichen Gesetzbuchs zum Ersätze des Schadens verpflichtet, den diese Person einem Dritten wider- rechtlüh zufügt. Er kann sich aber von der Ersatzpslicht durch den Nachweis befreien, daß er seiner Aufsichtspflicht genügt hat oder daß der Schaden auch bei gehöriger Aussichtsführung eingetreten sein würde. Zu der hiernach den Eltern obliegenden Aufsichts­pflicht über ihre minderjährigen Kinder gehört es auch, daß sie ihr Augenmerk auf die von den Kindern benutzten Spielzeuge richten. Selbst ein an sich harmloses Spielzeug kann in der Hand eines ungeschickten, nochv recht jugendlichen Kindes für andere Kinder gefährlich werden. Damit muß der Vater rechnen und er verletzt deshalb seine Aufsichtspflicht, wenn er die Benutzung sol­cher Spielzeuge auf der Straße in Gegenwärt anderer Kinder duldet. Eins der beliebtesten Spielzeuge für die Knaben ist der Flitzbogen. Daß er nicht ungefährlich ist und unter Umständen den Vater zu recht erheblichem Schadensersatz verpflichten kann, zeigt der nachstehend mitgeteüie Rechtsstreit:

Im September 1912 spielte der damals 6 Jahre alte Sohn des Mfermeisters B. in Heilbronn auf der Straße mit einem Flitzbogen, der aus zusammengebundenen Schirmstäben bestand. Als Pfeil benutzte er ein einfaches Stück Holz. Der Junge wollte damit auf ein Dach schießen, traf aber den zwei Meter entfernt stehenden vierjährigen Sohn des Wirts K. so unglücklich ins Auge, daß es herausgenommen werden mußte. Der Vater des verletzten Knaben nimmt den Vater des unglücklichen Schützen auf S ch a - deiisersatz in Anspruch: er verlangt 4000 Mark Schmerzens­geld für feinen Sohn und Ersatz der Arzt- und Apothekerkosten. Zur Begründung macht er geltend: der Beklagte habe seine Auf­sichtspflicht verletzt: er habe Kenntnis von dem Spielzeug gehabt und auch gewußt, daß sein Sohn auf der Straße schießen wollte, und hätte deshalb das Schießzeug wegnehmen müssen oder doch den Jungen beim Spiel beaufsichtigen lassen müssen.

Während das Landgericht Heilbronn die Klage abwies, hat das Oberlandesgericht Stuttgart den Schadensanspruch dem Grunde nach für gerechtfertigt erklärt und die vom Beklagten erhobene Widerklage auf Feststellung, daß er über­haupt nicht zum Schadensersatz verpflichtet sei, abgewiesen. In den Entscheidungsgründen führt das Oberlandesgericht aus: Der Be­klagte haftet für den von seinem Sohn angerichteten Schaden als Aufsichtspflichtiger nach § 832 BGB. Es trifft den Beklagten kein Vorwurf, daß er seinen sechsjährigen Sohn überhaupt auf der Straße ohne Aufsicht ließ. Wer er durfte nicht dulden, daß er mit einem Spielzeug spielte, das anderen Gefahr bringen konnte. Ein Kind im Alter von sechs Jahren vermag die in feinem Spiel liegende Gefährdung anderer Personen nicht zu erkennen. Es war deshalb mit der naheliegenden Möglichkeit zu rechnen, daß ein Schuß aus dem Flitzbogen fehlgehön konnte. Daß der Beklagte

von dem Spielzeug Kenntnis hatte und auch wußte, daß sein -sohn damit aus der Straße schießen wollte, ist durch die Beweisauf­nahme erwiesen. Denn der Junge Hal seinen großen Bruder in der Werkstatt des Beklagten, und zwar in Gegenwart des Beklagten, gebeten, um das Steckele ein Stück Draht -u drehen. Das ilt zwar abgelelmt worden. Aber der Beklagte mußte seinem Sohn das Schießzeug entweder wegnehmen oder ihn damit nur unter der Aufsicht eines Erwachsenen hantieren lassen. An alledem hat aber der Beklagte fehlen lassen und damft hat er seine Aufsichts­pflicht verletzt. Hätte der Beklagte seinen Sohn nur unt er Au flickst schießen lassen, so würde der Schaden vermieden worden sein. Demi es ist tmvunchntcn, daß der Aufsichtsführende das ungeschickte Han­tieren des Kindes mit dem Scksteßzeug bemerkt und verhindert halum würde. Der Beklagte ist deshalb für den entstandenen Schaden haftpflichtig.

Ohne Erfolg versuchte es der Beklagte mit dem Rechtsmittel der Revision: das Reichsgericht hat am Donnerstag das Urteil des Oberlandesgerichts bestätigt*und die Revision zurückgewtesen.

** Weihnachts-Ausstellung. Die Hessische Lchr- mittelanstalt, Marburger Straße 20, hat eine sehr interessantc Weihnachts-Ausstellung überBelehrung und Unterhal­tung im Spiel" veranstaltet. Sie bildet eine in systematischer Ordnung und mit Fachkenntnis zusammengestellte Auswahl von den Spielen für die Kleinen bis zil den physikalischen Apparaten. Eine Zusammenstellung guter Bilderbücher und Jugendschristen ergänzt die Ausstellung.

Kreis Büdingen.

r. Büdingen, 28. Nov. Die -Ortslöhne gewöhn­licher Tagearbeiter betragen vorn 1.Januar 1914 für den Bezirk des Versicherungsamts Büdingen und Als­feld für männliche Arbeiter über 21 Jahre 2,60 Mk., für weibliche Arbeeiter über 21 Jahre 1,80 Mk., für männliche Arbeiter von 1621 Jahren 2,20Mk., für weibliche Arbeiter von 1621 Jahren 1,50Mk., für männliche Arbeiter unter 16 Jahren 1,50 Mk., für weibliche Arbeiter 1,20 Mk.

H. Büdingen, 27. Nov. In der Gemeinderats- s i tz u n g war der Vertreter des Fürsten anwesend: als Sach­verständiger war Kreisstraßenmeister Straub zugegen. Zu Au fang der Sitzung beantragte Gemeinderat Schäfer zur Ge­schäftsordnung, daß die Pos. 14die Einsührungder Elek­trizität in Büdingen betreffend" mit Rücksicht auf die um­fangreiche Tagesordnung abgesetzt und in einer besonderen Sitzung behandelt würde. Gemeinderat Keil erklärt jid) damit einver­standen und beantragt weiter, daß vor Beschlußfassung ein Sach­verständiger gehört wird, ob durch die Einführung der Elektrizität dem Gaswerk eine starke Konkurrenz entsteht. Sei das der Fall, bann sei er für seine Person gegen Einführung der Elektrizität. Es wird ein Ausschuß bestimmt, der am nächsten Tage mit dem Sachverständigen, Direktor v. Gäßler, Hanau, Rücksprache nimmt. Wiederholt steht der Tausch von Ge­lände am Wildenstein auf der Tagesordnung. Der neue. Be­sitzer wünscht noch von dem an seinem Besitz anstoßenden städt. Fichtenwäldck)en einen etwa 1 Meter breiten Geländestreifen und beantragt die Umsetzung einer Bank. Der Gemeinderat entschließt sich nur schver, den Wünschen nachzukommen, weil der Wilden=» stein von allen Fremden, die nach Büdingen kommen, mit Vor­liebe besucht und besichtigt wird, und die dortigen Anlagen im Interesse der Allgemeinheit errichtet sind. Um aber zu zeigen, daß die Stadtvertretung dem neuen Besitzer freundlich gegenüber- stcht, willigt der Gemeinderat in den verlangten Tausch und in eine Versetzung der Bank auf einen anderen Aussichtspunkt. Der nächste Punkt, die Lieferung der Pflastersteine zur Her­stellung her Berghohle, wofür ein höherer Preis bewilligt wird, wird genehmigt. Beig. Dotter erklärt, daß die Herstellung des Weges viel zu teuer käme (Kubikmeter Steine 8 Mark)- was nicht im Interesse der Allgemeinheit läge. Es wird darauf hin- gewiesen, daß dort viele kleine Grundbesitzer beteiligt seien, und daß es nur eine Unkenntnis der ganzen Sache sei, wenn man die gesamte Herstellung des Weges bemängele. Nur mit der größten Anstrengung konnten die Grundbesitzer bisher auf dem schlechten Wege verkehren, und die Benutzung von Zugtieren sei gerade eine Tierquälerei gewesen. Gemeinderat Keil empfiehlt eine noch­malige Besichtigung des Weges. Zur besseren Auflicht über die Ausführung derartiger Arbeften sollen in Zukunft die Mitglieder des Bauaus schuf ses herangezogen werden. Der Spiel­platz am Schulhause soll der Unkosten wegen nur geebnet wer­den. Von der Errichtung einer Einfriedigung, Einlegung einer

Hermann Km3.

Zn seinem 100. Geburtstage, 30. November.

Das blaue Genie" oder kurz und bündigDer Blaue" wurde der schwäbisck)e Heimatdichter Hermann Kurz von seinen Freun­den genannt. Er hat diesen Spitznamen, den er bis in sein hohes Mannesalter bcibebalten hat, im Stift zu Tübingen bekommen, nickst sowohl wegen seiner poetischen Tätig feit, sondern auch, wie er selbst scherzhaft erklärt, wegen feinen von blauen Schnupftüchern stets gefärbten Nase und mMgen feiner sonderlichen Vorliebe für bläuliche Rocke, die außerdem gegen das vorgeschriebene strenge Schwarz der Stiftstracht verstieß. Hermann Kurz, der am 130. November 1813 in Reutlingen geboren war, hat den gewöhn­lichen Weg so manchen sclpväbischen Genies durchgemacht. Tie Armut führte auch ihn zu dem unentgeltlichen Studium der Tbeologie, hinter der eine 'bescheidene Landpfarrei als irdisches Ziel der Titanensöhne winkte. Der Weg führte, wie Isolde Kurz in einem warm empfundenen, liebevollen Buch über ihren Vater schreibt (bei Georg Müller in München,, durch die Pforte des Landexamens" in die klösterliche Zucht der niederen Seminarien und von da in das bekannte Tübinger Stift, der eigentlichen Stiefmutter der großen schwäbischen Geister. Kurz hat leine Se­minarzeit in Maulbronn durckMmacht. Stets war fein lugend- iicber Uebermut bereit, der (halb klosterlickien, halb militärischen Zucht ein Sckmippchen zu schlagen. Nächtlickie Kletterpartien über die Dächer führten zu der Entdeckung des berüchtigten Blutfleckes an der Mauer in Dr. Fausti Gemach und führten zur Gründung einesMaulbronner Musenalmanachs", für den Kurz der eifrigste Mitarbeiter war. , . .

-Tie Mutter, die ihm noch allem geblieben war, verfehlt nie, ibn iuim Sparen und zum Streben anzuhalten. Sie schreibt ihm einst in ihrer erstaunlichen Orthographie: ,,$3arum' bist du toie-- ber ins Kötzer gekonnen, was hast du gethan, um Gotteswillen, wen du noch Einmal darein konnst, so wirst du hin aus geworfen, was wehre das for dich und.deine l. Mutter, u. l. Ernst u-. b. nar tag wo ich noch leb. es ist doch zu arg, was bit uns for lamcr Machst " Bal) winkte das freie Leben auf der Unmeriitat Tübingen wo er allerdings dem berüchtigten Stift nicht ent- rntnpheu 'konnte, wo aber doch neben der dürren Heide letneä Brötslubiums sich ihm durch Uhlands Vorlesungen das Wunder- land der Poesie auftat. In diese Zeit fällt -auch der erste, freilich noch anonyme 5<britt in die Oessentlichkeib Zn leinen Lehrern gehörten der berühmte David Friedrich ©traut? und der junge ftnebrüfi Theodor Visck>er, zu dem der Student der Theologie jedoch fein Verhältnis finden konnte, innerlich tuhlte lich -Kun nickt zur Theologie bin getrieben. Er hat zwar einen echt christ­lichen Glauben, aber er hasst die Amtsausübung des Pfarrers. Selten sind wohl kürzere Predigten gehalten worben, als Vikar

Kurz sic gehalten hat. Eines Morgens ging er vom Pfarrhause weg, während fein Onkel, den er auf der Kanzel vertreten sollte, sich noch ankleidete. Als dieser fertig war und ihm folgen wollte, fand er den Neffen auf dem Rückweg von der Kirche.Hast Du Deine Aufzeichnungen vergessen?" fragte er bestürzt,bleib, bleib, ich bringe sie Dir gleich."Nein, Onkel," ist bie Antwort,ich bin schon fertig." Sonderbarerweise predigte er hauptsächlich über .die Liebe. In einem Briefe an seinen Freund Kausler äußert er sich selbst humorvoll über seine Vikartätigkeit:Ich will die Kanzel müde schlagen. Und ob mein Herz darüber bricht, So sollen meine Feinde sagen: Er war Vikar und stockte nicht." Jetzt habe ich zweimal gepredigt und nie hat bie Kirche übeti eine halbe Stunde gedauert. In der biblischen Geschichte stehe ich noch immer an den verschiedenen Apfelsorten, welche es im Paradies gegeben hat." Und an seinen Freund Adalbert Keller schreibt er:Ich bin Vikar: versuche einmal, diese Worte zu singen auf die MelodieAuch ich Ward in Arkadien geboren"; ich habe bisher vergeblich daran studiert und geworgst." Der Galgenhumor hals ihm jedoch so wenig, wie die Sophistik klüge­rer Kollegen über den inneren Zwiespalt hinweg. Als er die Pein einige Wochen hemm geschleppt hatte, erklärte er eines Tages dem Onkel entschlossen:Lieber tot fein, als Vikar!" und sagte der Theologie puf immer Bolet.

Am 16. Januar 1836 konnte er von Stuttgart aus, wohin er sich als freier Schriftsteller zurückgezogen hatte, seinem Freunde Kausler schreiben:Es sind mir gerade noch zwei Stunden übrig, um meinen Korrespondenten zu schreiben, daß sie in Zukunft an denHerrn Exvikar und wiederum ganz Mutten und bloßen Her­mann Kurz . . ." adressieren sollen. Der -Aiisänger trat als geborncr Erzähler auf den ^lon Ein Band Novellen erschien unt r dem TitelGe'izianen" noch in bunfefbe.i Jahre in einem kleinen Stuttgarter Verlage. Taueben keimte bet' Plan zu seinem ersten großen Werke, dem RomanSchillers .Heimatjahre", der ursprünglich unter dem TitelHeiirr ich -Roller" gefaßt worden war. Die Geschichte dieses Buches wurde ein Leidensweg für den Dichter. Sechs Jahre lang sollte das Werk, das neuerdings in seiner gediegenen Neuausgabe im Verlage von Hesse und Becker vorliegt, ttn Schreibtisch vergilben, bis er endlich, nach unsäg­lichen Mühen, es bei einem kleinen Stuttgarter Verleger unter­bringen konnte, der .ihm übsrdies das ausbedungene Honorar nicht zahlen konnte. An diesem tragischen Geschick, das bie dichte­rische Laufbahn Kürz' unwiderbringlich beeinträchttgte, war der Verleger Cotta schuld, der aus Bedenken, daß das Buch aller­höchsten Ortes Anstoß erregen könnte, den Verlag nachträglich ablehnte. Das Buch ist jedoch später das Lieblingsbuch König Karls geworden. Ern finanzielles Elend begann, das weder durch seine Heirat noch durch die Freundschaft Mörikes, die übrigens bald wieder in die Brüche

ging, gehoben werden konnte. Auch der zweite RomanDer Sonnenwirt" schlug nicht ein, so daß der Dichter sich schließlich zu unseliger Frohnarbeit als Zeitungsschreiber und Bibliothekar entschließen mußte. Seine »Redaktionstätigkeit hat ihm übrigens einige Monate gelinder Festungshaft eingetragen. Am 10. Okto­ber 1873 hat er dann ift Tübingen feine Augen geschlossen.Ich bin zwischkm die Zeit gefallen," sagte er einst von sich selbst und hat damit seine literarische Laufbahn am besten gekennzeichnet. Er war ein Heimatkünsller, lange bevor dieses Schlagwort ge­prägt worden war. Er gab seinen bodenwichsigen Erzählungen die ganze altschwäbische Innerlichkeit und befreite sie von der im Leben davon unzertrennlichen Kleinlichkeit.

E i ne Internationale Gesellschaft für S e x u a l s o r s ch u n g ist in Berlin gegründet worden, die sich jeder Agitation fernhalten und ausschließlich der reinen Forschung dienen will. Zur Gründungsverfammlung hatten sich in erster Reihe Mediziner eingefunden. Darunter auch eine ganze Anzahl bekannter Männer. Sanitätsrat Dr. Moll setzte im Namen des vorbereitenden Ausschusses die leitenden Gedanken auseinander. Es fehlte heute an einer rein wissenschaftlichen, nach keiner Richtung hin zweckbedachten Erforschung der Sexualprobleme, die beute zer­streut von den verschiedensten Stellen, meist einseitig von Medi­zinern betrieben wird Von solcher Einseitigkeit will man sich fernhalten und die Sexualwissenschast als Teil der Gesellschafts- wiflenschaft ansehen. Daher solle an der Spitze der neuen Gesell­schaft für Sexualwissenschaft ein Nationalökonom stehen, der in der Person des Geh. Regierungsrates Prof. Dr. Julius Wolff von der Technischen Hochschule (früher in Breslau« gefunden fei.

Anzahl und Benennung der kleinen Plane­ten. Bon den zahlreichen, mit ihren Bahnen zumeist zwischen den großen Planeten Mars und Jupiter, gelegentlich aber auch diesseits wie jenseits davon liegenden Planetoiden sind bis jetzt nicht weniger als 753 entdeckt worden. Dieses Dreioiertel- tausend kleiner Planeten (mit elliptischen Bahnbewegungen um die Sonne konnte von der Astronomie in 113 Jahren aufgefunden werden, da der erste kleine Planet am 1. Januar 1801 aus der Sternwarte Palermo von Picizzi und der Planet 753 in diesem Jahre auf der Simeis-Stemwarte von Neujmin entdeckt worden ist. Auch die Benennung dieser zahlreichen und der astronomischen Wissenschaft große Rechnungsmühen verursachenden Planetoiden ist nunmehr bis zum Planeten Nr. 727, insbesondere nach weib­lichen Namen ans der Mythologie und Geschichte, durchgeführt worden. Der erste Planetoid hatte den NamenCeres" erhalten, und der 727. wurde in diesen Tagen, da er in Japan entdeckt worden ist,Nivvonia" genannt. Die in Hamburg aufgefnnbenen kleinen Planeten 723 und 724 erhielten die Bezeichnung ...Ham mvuia" und£>apag".