m. 99
Zweiter Blatt
(63. Jahrgang
Erscheint lagckch mit Ausnahme des Sonntags.
Die „«iehenrr Zamilienblätler" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beiqelegt, das „Kreisfclott für den Kreis Eiehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit» fraget»" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhefte«
Dienstag, 29. April M3
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäls - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: e^as>51.
Redaktion: ^^112. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.
Die wchroorlage im vudgetaurschuff.
:s: Berlin, 28. April.
Der Budgetausschuß des Reichstags begann beute mit der Beratung der Wehrvorlage. Der Vorsitzende Dr. Spahn schlug vor, zwei Lesungen vorzunehmen, und zwar zunächst je die erste Lesung der Wehr- und dann der Deckunasvorlage und dann erst die zweite Lesung. Gegen den sofortigen Beschluß zweier Lesungen wurden von nationalliberaler Seite Bedenken erhoben, denen sich ein Vvlksparteiliches Mitglied anschloß. Wenn das Ergebnis der ersten Lesung vorliege, könne man sich immer noch zu einer zweiten Lesung entschließen. Insbesondere sei auch eine Festlegung der Reihenfolge der Lesungen im jetzigen Augenblick unzweckmäßig.
Auch die Sozialdemokratie äußerte sich gegen eine Bindung im jetzigen Augenblick. Dagegen unterstützt ein konservatives Mitglied den Vorschlag des Vorsitzenden. Tie Erörterung spitzte sich schließlich auf die Frage zu, ob die Beratung der Teckungsvorlagen zwischen der ersten und zweiten Lesung der Wehrvorlage vorgeiwmmen werden soll. Tas Zentrum- erklärte, daß diese Verbindung notwendig sei, denn es handle sich um die entscheidende Frage: keine Ausgabe ohne Deckung, also auch die Wehrvorlage nicht ohne Deckung.
Der Kriegsminister erklärte, daß die verbündeten Regierungen den größten Wert darauf legen, daß die Verabschiedung des Gesetzes bis Juni ermöglicht werde, damit die Durchführung bis zum 1. Oktober möglich sei. Ein nationalliberales und ein volksparteiliches Mitglied wandten sich wiederholt gegen die von Zentrumisiseite der Sache sofort beigelegte politische Seite der Geschäftsordnungssrage. Um nicht gleich zu Beginn diese politischen Auseinandersetzungen zu bekommen, sei es doch gerade zweckmäßig, die Beschlußfassung auszusetzen. Schließlich wurden zwei Lesungen in Aussicht genommen; ein eigentlicher Beschluß wurde aber nicht gefaßt. Offen blecht die wichtige Frage der Reihenfolge der Lesungen.
Zu Beginn der sachlichen Beratung gab der Berichterstatter Gans Edler 5) e r r zu Pntlitz einen Ueberblick über die Wehrvorlage. Nach längerer Geschäftsordnungsbebatte wird beschlossen, die Hauptaussprache zu gliedern nach den GesickchSPunkten: 1. Ist die Vermehrung der Rekrurerrzahl notwendig, 2. ist sie mö^ich und 3. wie, in welcher Organisation soll sie nutzbar gemacht werden? Der Mitberichterstatter Abg. Erzberger hob die Notwendigkeit hervor, die Grenzorganisatwnen zu erhöhen. Gegen die neuen Bataillone werde sich nichts einwenden lassen. Anders liege es jedoch mit den geforderten neuen Kavallerieregimentern. Was die Möglkchkeit der Steigerung der Relrutenzahl anlangt, so äußerte der Abg. Erzberger Bedenken. Nach den bisherigen Äushebungsbestimmuilgen standen nur 23 000 Mann mehr zur Verfügung, so daß also 40 000 Wann fehlen würden. Ein Herabgehen in den körperlichen -Ansprüchen wäre bedenklich.
Ein sozialdemokratisches Mitglied suchte nachzuweisen, daß die auswärtige Lage die Heeresvorlage in keiner Weise rechtfertige, und befürwortete eine Verkürzung der Dienstzeit. Der K r i e g s m i n i st e r verwies bezüglich der auswärtigen Lage auf die vertraulichen ErUärungen des Reichskanzlers. Eine Stärkung der an den Grenzen stehenden Organisationen "ici notwendig. Er lege, nicht den größten Wert auf die Ziffer, aber ganz beiseite lassen könne man die Ziffern mäßige U e b erlege nh eit Frankreichs und Rußlands auch nicht. Run sei der Moment gekommen, wo man das Verhältnis vrcht mehr weiter ungünstig bestehen lassen könne. Jede Verstärkung des Mannschastsstandes bedeute eine Erleichterung der Mobilmachung. Von Neuförmationen habe man Abstand genommen, weil dazu ungleich mehr Offiziere und ungleich mehr Material benötigt werde, die Kosten würden sich also hierdurch ganz erheblich steigern. Der jetzt beschrittene Weg führe am schnellsten, am sichersten und am billigsten zur Verbesserung und Vemrehrung des Heeres. Der Hinweis auf die Leistung bulgarischer Truppen mit kurzer Dienstzeit sei hinfällig, denn diesen Truppen standen vielfach Rekruten gegenüber.
Ein volksparteiliches Mitglied begründet einige Entschließungen. Ter Reichskanzler soll u. a. ersucht werden, dahin zu wirken, daß endlich die zugesagten Ersparnisse auf anderen Militärischen Gebieten gemacht werden. Weiter wird gefordert: Beibehaltung der rücksichtsvollen Anwendung der Bestimmungen
über Befreiung vom aktiven Heeresdienst infolge bürgerlicher Verhältnisse, Bekämpfung der Soldatennrißhandlungen und Reform des, militärischen Beschwerderechts, sowie eine Revision des ehrengerichtlichen Verfahrens gegen Offiziere. In der Gesamtbeurtei- hmg erkannte der freisinnige Vertreter an, daß die Verbesserung der Mobilmachung notwendig sei durch Verstärkung des Mann- sckmftsbestandes. Tiefer Weg sei der Bildung von neuen Codres vorzuziehen. Wesentlich sei eine Antwort auf die Frage, ob die Vermehrung ohne Verringerung der Tüchtigkeit der Mannschaften sich durchführen lasse. In weiten Offizierkreisen hege 'm an auch die größten Befürchtungen hinsichtlich der Führung der Riesenarmeen der Zukunft.
Generalleutnant Wandel trat in eingehenden Ausführungen der Besorgnis entgegen, als ob die geforderten Rekruten nicht aufgebracht werden könnten. Ter K r i e g s m i n i st e r erklärte gegenüber dem volksparteilichen Redner, daß in der Tat die Schwierigkeiten bei der Führung der großen Armeen außerordentlich wachsen. Es sei aber zu berücksichtigen, daß durch ftramlme Einteilung und Dezentralisation doch die Führung erleichtert werde. Ein polnisches Mitglied bemühte sich, die russische Gefahr kleiner hin- zu stell en; in der russischen Armee herrschten vielfach fürchterliche Zustände. Tie Sozialdemokraten stießen ins gleiche Horn imb suchten wiederum das Milizsystem zu verteidigen, und zwar auf Grund der Siege des preußischen Heeres im1 Jahre 1813, das nur milizähnlich gewesen sei gegenüber der französischen Amiee. Auch Beitritten sie die Angaben des Generals Wandel über die Tauglichkeit. Demgegenüber gab ein national- liberales Mitglied seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß nach den bisherigen Musterungsergebnissen Deutschland in der Lage ist, auch weiterhin die m-forderliche Zahl von tauglichen Rekruten auszubriugen. Die Verhältnisse in der russischen Armee seien ja allgemein bekannt, aber soweit diese für Deutschland günstig seien, seien sie schon berücksichtigt bei der ganzen Begründung der Vorlage. Die Einschätzung der französischen Atzm'ee von 1813 durch die Sozialdemokratie sei durchaus falsch. Jin großen und ganzen handelte es sich um1 eine Rekrutenarmee, mit der nur ein Genie wie Napoleon etwas anfangen konnte. Tie Truppen hätten vielfach keine Geschütze, der Kaiser selbst habe wiederholt von seinen „Coiiscribierten", seinen „Kindern" usw. geredet. Aehnlich wie mit den französischen Truppen war es mit den Truppen der Rheinbundsstirsten. Auch ein Zentrumsmitalied trat den Versuchen, die russische Armee als nicht aktionsfähig hinzustellen, entgegen.
Zum Schluß der heutigen Sitzung Wurde der Wünsch! ausgesprochen. daß bei den weiteren Verhandlungen eine Vertretung des Auswärtigen Amtes und des Reichskanzlers anwesend ist.
Preußischer Herrenhaus.
Berlin, 28. April.
Das Herrenhaus trat heute in die Beratung des Voranschlags ein. Beim Voranschlag des Finanzministeriums konnte der Finanzminister Dr. L e n tz e den Wünschen der Altpensionäre auf Erhöhung ihrer Bezüge Erfüllung nicht in Aussicht stellen. Die Sache soll zwar noch eingehend geprüft werden, aber er kann vorläufig nicht zusagen, daß man dem Beschluß des andern Hauses (Gewährung von Teuerungszulagen in Form einer Kinderzulcrge) beitreten werde. , Das Haus erledigte dann in rascher Aufeinanderfolge die Voranschläge der direkten Steuern, der Landwirtschaft, des Abgeordnetenhauses usw. Beim Voranschlag, der Allgemeinen Finanzverwaltung konnte Graf Yorck zu Wartenburg seine Ungeduld nicht bemeistern, Deutschland bald einmal seine Stellung in Europa mit dem Schwert verteidigen zu sehen. Der Herr Gras glänzte weithin durch die Entdeckung, daß der Vater des "Wehrbeitragsgedankens Servius Tullius ist, dem er ein Denkmal in Berlin wünscht. Dann kam der Redner auf die 'Deckung der dauernden Ausgaben zu sprechen und leitete damit eine Steuererörterung ein, die das Haus noch längere Zeit beschäftigte.
Preußischer Abgeordnetenhaus.
B e r l i n, 28. Ätztril.
Heute wurde Zunächst der Gesetzentwurf, betreffend Umlegung von Grundstücken in Griesheim a. M. von der Tagesordnung äbgesetzt.
Bei dem Gesetzentwurf, betreffend die Abänderung des E i s e n b a h n g e s e tz e s von 1838 regte der Minister wiederholt an, von der Durchberatung des Gesetzes abMsehen. Der Abg. Dr. Friedberg (Natl.) stellte einen demtent- sprechenden Antrag, der aber abgelehnt wurde. Darauf wuvde die Novelle in dritten Lesung angenommen.
Es folgte das Eisenbahnanleihegesetz in zweiter Beratung. Zur Erweiterung, Vervollständigung und besseren Ausrüstung des Staatseisenbahnnetzes, sowie zur Beteiligung des Staates an Kleinbahnen werden 541 Millionen gefordert. Der Budgetausschuß hat an dem' Entwurf nichts geändert. Der Gesetzentwurf wurde nach kurzer Besprechung unverändert angenommen. Und dann zogen Bittschriften heran, im ganzen waren es ihrer 88, die den Bau neuer Bahnen, den Ausbau von Nebenbahnen, Bahnverlängerungen, Errichtung von Haltepunkten usw. als unerläßliche Notwendigkeiten forderten. Es marschierten da Gegenden und Ortschaften auf, die auch dem' geographie- kundigsten Gemüt mitunter als sogenanntes Novum erschienen. Natürlich schenkten sich die meisten Abgeordneten, die mehr oder weniger rührendere Schilderungen der Notlagen, in denen sich no chso viele «Orte unseres Vaterlandes infolge fehlender oder mangelhafter Bahnverbindungen be- ftnden sollen, so daß das Haus zeitweilig eine gähnende Leere aufwies.
Die Nieder-Modauer Genossenschaftskrise.
bs. Darmstadt, 28. ApriN
Die heute fortgeführte Zeugenvernehmung im Nieder-Modauer Prozeß brachte keine neuen Gesichtspunkte. Ein Zeuge, Adam Gruß, Straßenwärter aus Frankenhaüsen, hat einmal von Beck 100 Mark bei einer Auszahlung zu viel erhalten, die er zurückerstattete. Zeuge Kreisrat Wagner von Dieburg war bei der stürmischen Generalversammlung am 16. Dezember 1911 zugegen. Als Ursache der Erregung sieht der Zeuge die Abtretung der beiden Schuldurkunden (275 000 und 52 000 Mar0 an die Landwirtschaftliche Genossenschaftsbank an. Der Zeuge hat getan, was er tun konnte, um eine Einigung zu erzielen. Es fiel ihm auf. daß die Bank sich zur Hergabe von 1 Mill. -Mark entschloß, die zur Auszahlung an die drängenden Spareinleger benutzt werden sollte. Er schildert dann, wie der Zusammenbruch der Kasse in seinem Verwaltungsbezirk sich unheilvoll bemerkbar mache.
Längere Zeit nimmt die Vernehmung des Zeugen Geh. Justizrat Kleinschmidt in Anspruch, der Rechtsbeistand der Landw. Genossenschafts-Bank war. Er wird im einzelnen über die vor- genommenen Beglaubigungen, Urkunden, Zessionen usw. befragt, lieber die inneren Angelegenheiten der Bank weiß der Zeuge aber keine Auskunft zu geben. Seine Tätigkeit erstreckte sich nur auf die formale Prüfung der Urkunden. Im März 1908 erhielt der Zeuge von der Bank den Auftrag, alles zu tun, um von der Kasse weitere Sicherheiten durch Hppothekeneinträge usw. zu erwirken. Sonst sei zu befürchten, daß die Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder, wenn sie die verworrenen Zustände kennen lernten, ihr Vermögen dem Zugriff entziehen könnten. Geh. Rat KleinsckMidt stellt dem Angeklagten Ihrig das Zeugnis eines arbeitsamen und tüchtigen Menschen aus.
Der nächste Zeuge, Rechtsanwalt Dr. Guckenhcim-Offenbach hat sich gleichfalls an der stürmischen Sitzung beteiligt. Nach der Ansicht des Zeugen waren die von Ihrig gemachten Sanierungsvorschläge brauchbar. Ein anderer Zeuge, Dr. Fitting, trat am 30. November bei der Landw. Genossenschafts-Bank ein. Er wurde mit den Sanierungsarbeiten von Nieder-Modau betraut. Da es ihm aber an der ausreichenden Erfahrung gefehlt habe, konnte er einschneidende Maßnahmen nicht treffen. Er behauptet auch, dem Rechner Neff Anweisung gegeben zu haben, weitere
Die Eröffnung der Berliner Zezessions-Aurftellung.
Ans Berlin wird uns geschrieben: Die jüngste Ausstellung der Berliner Sezession, die am Sonnabend eröffnet wurde, bedeutet eine gute künstlerische Tat. Mit erfreu! idjer Entschlossenheit hat die neue Leitung ihre Aufgabe angegriffen. Eine neue Unruhe ist über das Reich der Künste gekommen, um neue Probleme hat ein heißes Ringen begonnen, und mannigfach sind die Wege, auf denen Man zu ihrer Lösung gelangen will. Davon mußte die Sezession Kunde geben, sie durste sich nicht in satter Ruhe mit den: Erreichten begnügen. Daß sie die Stürmer und Tränger in ihre Ausstellung ein bezog, war ihre .Pflicht: daß sie durch sorgsame Auswahl die Ziele in ein helleres Licht rückte und 'so zur Läuterung der gährenden Kräfte mitwirkt, ist ihr Verdienst. Man kann ihr feinen Vorwurf daraus Machen, daß sie um dieses Zieles willen eine Anzahl Künstler, die sonst in diesen Ausstellungsräumen vertreten waren, ausschloß. Es mag hart gegen einzelne erscheinen, aber ging nicht in früheren Jahren stets die Klage, es wären zu viel Mitläufer da, die das Niveau herabdrückten? Ob die Aussonderung in allen Fällen gerecht war, wird kaum' zu entscheiden sein: Ansicht steht 'hier gegen Ansicht. Aber die Absicht bleibt zu loben. Nur auf diesem Wege kann die Sezession . weiter der Entwicklung der Kunst dienen.
Im Vorwort des Katalogs wird resigniert davon gesprochen, daß die Ausstellung vielleicht nur für den Künstler sei. , Der Künstler soll sich mit den neuen Problemen auseinandersetzen. lieber die Zufälligkeiten einer Ausstellung - hinaus wird hier mit überlegter Anordnung ein Ueberblick geboten, der tron Ausgangspunkten der modernen Malerei, die heute schon klassische Geltung haben, bis zu ihren neuesten Ansätzen führt. Klare Gliederung zeichnet die Ausstellung aics, wie sie auxfy in einem geschmackvoll erneuten Rahmen, in übersichtlicher gestalteten Räumen mit ferner abgestimMten Farbentimen der Wände vorgefiihrt wird. Ter Besucher, der dem' sehr praktisch angeordneten Katalog folgt, wird von reifen und anerkannten Leistungen mit einigen vorbereitenden Zwischenspielen hinüber geführt in das Reich, des Neuen und Problematischen.
Die jrtoci ^Entwicklungsrei Heu der deutschen und der franz ö- sischen Malerei laufen nebeneinander her. Von Renoir bis zu Matisse geht die Linie, von L a i b l bis zu Pechstein. Cezanne und v. Gogh geben den Ton an, der heute so kräftig weiter schwingt. Von beiden sieht män Landschaften und Sttlleben von reifer Schönheit, von Gesamte auch eine überraschende Nachtszene „Ter Mord" von düsterer Wucht. Und als „Kunst, die schon über den Kämpfen der Zeit steht", wirken auch die Sammlungen von Liebermann und T r ü b n c r, die beide den steten Aufschwung von ihren Anfängen bis zu ihrer Gegemvart veranschaulichen. Slevogl zeigt Stilleben von feinster Delikatesse der Farbe, Corinth tritt diesmal zurück.
Max B e ckmcin n hat neben der „Sensation" in der Ausstellung dein „Untergang der Titanic", einem Riesenbild, das trotz erstaunlicher Mcklerei int einzelnen die Größe der Tragik, in der das Ereignis vor unserer Phantasie steht, nicht erreicht, das Gruppeu- bud einer Familie gesandt, das von wundervoller Geschlosseitheit lM Ton und in der Komposition ist. i$m „Retter am Meer" von Berneis hat einen großen Zug. Von bett Brandenburg und Baluschek, von den zarten Winterstimmungen aus St. Moritz von Kurt Hermann, von Heinrich mtb Ullrich Hübner, der einen neuen lockeren Farbenauftrag zeigt, und all den andern beivährten Mitstretterit der Sezession wendet sich das Interesse zu bemJ Saal der Jungen, der auf den erften Anblick wild genug erscheint und doch viel ernstes Streben enthüllt. Auch schon gutes Können: Max Pech steins Still- leben sind nicht nur bloße Ansätze, hier hat eine neue Farben - harmonik bereits eine zwingende Lösung geformt. Von der Jugend wird nach ausftihrlicher zu sprechen sein.
Für die Plastik ist ein neuer Rautst gewonnen. Aus dem Hauptsaal öffnet sich durch! große Rundbogen ein reizvoller Ausblick auf den dahinter gelegenen Längsraum, dessen tiefblaue Wände einen wirkungsvollen Hintergrund abgeben für die Werke der Plastik imb das großzügige dekorative Gemälde „Ter Tanz" von Matisse, dessen starken Farbendreiklang und Linienrhythmus schlagkräftig wirken. Es sind nur wenige Werke der Plastik, aber auch hier zeigt sich neues Leben. Barlachs Holzskiilpturen sind außerordentlich: daneben stehen neue Tierplastiken Gauls und der seine Römerkopf Van de Veldes von Kolbe.
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Deutscher Einfluß aus die englische Erziehung.
In diesen Tagen, in denen ein gewisser Ausgleich des politischen Gegensatzes zwischen Teutschland und England unverkennbar ist, wird eine Veröffentlichung, die sich eines besseren gegenseitigen Verständnisses zwischen beiden Ländern zur Llus- gabe macht, ein besonderes Interesse finden. Die fünf Vorlesungen, die von den hervorragenden engliWn Universitätslehrern I. H. Rose, E. C. K. Conner, M. E. Sadler und C. H. Herford über die politische und volkswirtschaftliche Gescknchte, über die Erziehung, den Geist und die Literatur Deutschlands im vorigen Jalirhundert, an der Universität Manchester gehalten tvurden und die bereits bei ihrer Veröffentlichung mit einem Geleitwort von Viscount H al dan e in England ein leb - Haftes Echo wackten, liegen .jetzt in deutsche llcbertragung von Karl Breul vor („Deutschland im neunzehnten Jahrhundert", Berlm, Karl Siegismund). Mr l>eben aus dem reichen Inhalt einen Abschnitt aus dem BÄtrag Prof. Sadlers, des bedeutendsten Pädagog-en Großbritanniens hervor, der von item1 deutschen Einfluß auf die englische Erziehung handelt.
Der Erfolg des preußischen Heeres in dem Kriege mit Oesterreich mii Jahre 1866 lenkte die Aufmerkfamkett auf den mckttärischen
Wert der Jntelligeiy unb Disziplin, welche durch die sorgfältig durchgeftihrte Organisation der vom' Staate imtersttitzteir Schulen durchs das , ganze, deutsche Volk verbreitet worden ivaren. Der auf diese Weise auf das Publikum gemachte Eindruck war ein Faktor, welcher im Jahre 1870 zur Turchbringung des Gesetzes über das Volksschulwesen führte und int Jahre 1876 »u, der darauf folgenden Annahme des Gnutdsatzes der allge- mevnen Schulpflicht. Von allen ausländischen Einftüssen auf die englischen Gedanken über Erziehung in den letzten vierzig Jahren ist so, mit Ausnahme der amerikanischen, der deutsche Einfluß der am meisten bildende und am tiefsten eindringende gewesen. Er hat iftie Stiife unserer Erziehung, vorn' Kindergarten bis zur Unwersität, berührt, Fröbel und seinen Nachfolgern verdanken wir hauptsächlich die sanftere und natürlichere Erziehung kleiner Kinder. Tie amtliche Definition des Zweckes der Volksschule, wie sie letzt in der Sammlung der Verordimngen des englischen Unterrichtsministeriums gedruckt ist, trägt den Stempel der Ideen Fichtes imd Herbarts. Schulhygiene und die ärztliche Inspektion der Schulkinder verdankt deutscheni Muster und deutscher Untersuchung viel. Viele der Verbesserungen in den Methoden des neusprachlichen Unterrichts lassen sickl auf die Arbeit Professor Vistors in Marburg unb seiner Mitarbeiter zurückführen. Der neue Begriff ber Fortbildungsschule, bic zugleich technisch imö humaniltisch, in unmittelbarer Beziehung zur Industrie, aber doch mit weitem bürgerlichen Zweck organisiert ist, ist hauptsächlich aus deutschen Quellen, und besonders anS den Arbeiten Tr. Kerschensteiners in München, abgeleitet. 9Iud) wird gewiß feiner, der die Geschichte der englischen Erziehung ttU neunzehnten Jahrhundert zu schreiben hat, verfehlen, auf den weitreichende Einfluß vieler unserer Mitbürger und Mitbürgerinnen deut- scher Geburt und Mkmtst Hinweisen, welche in ihr ent eigenen Kreise ober im großen Leben der Nation den Fortschritt neuer erziehlicher Ideen und Eilirichtungen gefördert haben Jeder der sich in England mit Erziehungsfragen beschäftigt, ist für das was er aus deutschen Schrifteii und deutschem^ Beispiel gelernt bat, zu Dank verpflichtet. Berlin, Jena, Marburg, Fiunk- W , M und München hüben alle in lwhem Grade die erziehliche Gedanlenwelt unseres Vaterlandes beeinflußt In drei BezielMngen ist der deutsche Einfluß im' englischen Erziehung^' wesen wahrend der letzten siebzig Jahre ganz besonders stark gewesen. Erstens hat er den Gedanken unterstützt, daß der Staat an der Regelung aller Grade ber Nationalerziehung sich ioirksam beteiligen muß. Ferner hat er das wissenschaftliche Studium osophie der Erziehung und der Lehrmiethoden auf das höchste angefeuert. Und endlich lyat er dazu ntitgeholfen, eine allgemeinere Annahme der Ansicht duvchtzusetzen, daß der Staat den materiellen Wohlstand der Nation durch snstematische Föiderunst der gelehrten und technischen Erziehung sowie systematisckZer wis- senschaftlichier Forschung vermehreii kann.


