Nr. 52
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Anzeiger Gießen.
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Erstes Blatt
165. Jahrgang
Montag, 3. März 1915
SietzenerAnzeiger
Beznasvrel •; monatlich 75 Ls., viertel- jährlich Bit. 2.20: durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk.2.— viertel-' jährt. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15Pf., ausivärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil: August Goetz; für „Feuille- ton", „Verniischtes" und „Genchtssaal": R. Neurath; für .Stadt und Land": E.Heß; für den Anzeigenteil: H. Beck.
General-Anzeiger für Gberhessen
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Die heutige Nummer umfaßt 14 Seiten.
Die Deckung.
der zahllosen, sich offiziös gebärdenden „Ent- yüllungen" über dre kommende Militärvorlage wird es mit Befriedigung begrüßt werden, daß der Reichskanzler fetzt in der „Nordd. Mlg. Ztg." einiges, zwar nicht über den Inhalt, aber doch über das Drum und Dran der geforderten Rüstungsverstärkungen mitgeteilt hat. Ans der Kundgebung des amtlichen Blattes geht zunächst hervor, daß die Wehrvorlage durch die Erfahrungen bei den Vorgängen auf dem Balkan veranlaßt wurde, denn es wird mitgeteilt, daß der Entschluß zur erneuten Verstärkung unserer Wehrkraft alsbald nach dem Umschwung der Verhältnisse im Südosten Europas gefaßt worden ist. Aber aus dem Hinweis, daß die zu treffenden militärischen Maßnahmen frühestens am 1. Oktober 1913 durchgeführt werden können, erhellt zugleich, daß sie nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit den gegenwärtigen internationalen Wirren, wenn auch mit der allgemeinen, man muß wohl sagen chronischen internationalen Krisis stehen.
In der amtlichen Auslassung wird die Regierung gegen den Vorwurf einer' Verzögerung der Wehrvorlage mit der Begründung verwahrt, daß die Entscheidung des Kais e rs im Januar gefallen fei, und wenn cs g lnrge, die Vorlage um die Mitte dieses Monats an den Bundesrat zu bringen, so sei das eine anzuerkennende Leistung. Wenn nun weiter der Hoffnung Ausdruck gegeben wird, daß der Reichstag die Vorlage noch vor Pfingsten unter Dach und Fach bringen werde, so muß doch gesagt werden, daß hier von der Volksvertretung ein schnelleres Arbeiten verlangt wird als vom Bundesrat. Wenn die Vorlage an diesen erst Mitte März gelangen soll, so würde sie dem Reichstag erst nach den Osterefrien zugestellt werden können, so daß also nur die Zeit zwischen Ost-nm und Pfingsten für die Durchberatung des Gesetzentwurfes neben den anderen Aufgaben, die der Reichstag dann noch zu erledigen hat, bliebe. Nun ist bekanntlich ebenfalls in der „Nordd. Allgem. Ztg." erklärt worden, daß H eer e s v o r l a g e und Deckungsvorlage dem Reichstage gleichzeitig zugehen sollen. Daß mit der Heeresvorlage zugleich die Deckungsvorlagc zwischen Ostern und Pfingsten erledigt wird, kann natürlich als ausgeschlossen gelten, und es könnte hier nur eine grundsätzliche Einigung zwischen Regierung und Parteien über den Modus der Deckung in Frage kommen. Die Erledigung der Deckungsvorlage müßte dann entweder, wie das schon angeregt worden ist, in einer Sommertagung des Reichstags erfolgen, oder aber, wenn diese an dem Urlaubs- und Erholungsbedürfnis der Volksvertreter scheitern sollte, bis zum Herbst vertagt werden, was den schweren Mißstand mit ftch brächte, daß am 1. Oktober ganz außerordentlich hohe Mehrkosten den Voranschlag belasten würden, für die es an einer gesetzlich festgelegten Deckung fehlt.
Wie groß diese Kosten sein werden, darüber erfährt man auch in der amtlichen Auslassung nichts, doch stimmen die meisten Angaben darüber überein, daß die dauernden Mehrkosten sich auf rund 200 Millionen M k., nach einer anderen Version auf 220 Millionen M k., belaufen, während für die einmaligen Ausgaben die Angaben zwischen einer halben und einer ganzen Milliarde mit einer starken Gravitation nach der letzteren schwanken. Auf Einladung des Reichskanzlers hat
am Samstag eine Besprechung der stimmführenden Mitglieder des Bundesrats über die Deckungsfrage slattgesun- den, und wenn auch Beschlüsse bei dieser vorbereitenden Konferenz nicht gefaßt wurden, so gilt es doch, da die großen Bundesstaaten bereits ihr Einverständnis damit bekundet haben, als sicher, daß die einmaligen Ausgaben auf dem Wege einer Art Kriegs st euer, das heißt durch eine einmalige Abgabe vom Vermögen gedeckt werden sollen. ' Voraussichtlich wird die Negierung sich dafür entscheiden, die Vermögen unter 20 000 Mk. von der Steuer frei zu lassen und, wie es heißt, haben sich die deutschen Bundesfürstcn bereit erklärt, in diesem besonderen Falle auf ihr Privileg der Steuerfreiheit zu verzichten. Wird doch ein angeblich aus dem Munde des Kaisers gefallenes Wort kolportiert: „1813 war ein Opferjahr: lassen wir es 1913 für jedermann auch sein, denn die Zeiten sind heute kaum weniger ernst als vor hundert Jahren."
Was nun die Höhe dieser Kriegssteuer betrifft, so kommt in Betracht, daß das steuerpflichtige Vermögen in Preußen nach der Veranlagung für das lausende Jahr 104 056987 221 Mark beträgt, die 50509 580 Mark an Steuern erbrachten. Rechnet man dementsprechend, daß das steuerpflichtige Vermögen für das ganze Reich — es werden sich hier große Schwierigkeiten ergeben, da es in etlichen Einzelstaaten bisher noch keine Vermögenssteuer gibt — rund 160 Milliarden Mark beträgt, so würde diese einmalige Steuer auf das Vermögen rund ein halbes Prozent betragen müssen. Als selbstverständlich müßte es, wenn der Reichstag dieser Form der Deckung zustimmt, angesehen werden, daß dadurch nicht etwa das Besitz st euer Problem als abgetan gelten kamt, sondern es darf kein Zweifel darüber oestehen. daß auch für die laufenden Mehrausgaben nur eine Belastung der starken Schultern, nur eine Steuer auf den Besitz in Frage kommt. Dieses Besitzsteuerproblem wird aber durch die Heranziehung des Vermögens zu den einwaligen Kosten nicht etwa eine Vereinfachung, sondern vielmehr, wie das aus der Hand liegt, noch eine weitere Verwickelung erfahren.
Ter Wortlaut der amtlichen Mitteilung.
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: In der Öffentlichkeit und in der Presse zerbricht man sich die Köpfe darüber, warum die Regierung mit der Einbring- ungderHeere^vorlagezögert. Bon einem Zoaern kann aber gar nicht die Rede sein, die Vorlage ist eben noch nicht so wait, daß sie bereits eingebracht werden konnte. Auch von einem Verpassen der Gelegenheit darf man nicht sprechen, denn der Entschluß, unsere Wehrkraft erneut zu verstärken, ist, wie an dieser Stelle bereits Mitte Dezenkber angedeutet wurde, alsbald nach dem Umschwung der Verhältnisse im Südosten Europas gefaßt worden. Wie das zu geschehen habe, bedurfte der gründlichen Erwägung und zwar um so mehr, als es für uns nicht auf einen Bluff oes Auslandes ankommt, sondern nach dem Ernst der Lage es sich mir um einen wohl überlegten großzügigen Ausbau unserer Wehrmacht unter Ausnutzung des gesamten 'bisher brach liegenden Teiles unseres wehrkräftigen Volkes handeln konnte. Eine Uebereilung wäre, wenn irgendwo, gerade hier schädlich gewesen. Die für die Durchführung dieser, wie aller Maßnahmen auf dem Gebiete des Heerwesens grundlegende Entscheidung des Kaisers fiel im Januar. Seit diesem Zeitpunkt sind die beteiligten Stellen der Reichsvegierung mit dem Uebcr- trag der gefaßten Entschlüsse in die nun einmal notwendige ! Etats- und Gesetzesform mit fr er Anspannung!
aller Kräfte beschäftigt, und wenn es gelingt, die Vorlage um die Mitte des Monats an den Bundesrat zu. bringen, so ist das eine anzuerkennende Leistung, die allerdings nur derjenige einzuschätzen in der Lage ist, der sie selbst einmal zu leisten gehabt hat. Wenn dann fr er Reichstag d i e V o r l g g e no ch vor P fing st en unter Dach bringt, so ist auch keine Zeit verloren, denn die geforderten Heeresverstärkungen können sämtlich frühestens am 1. Oktober 1913 durch geführt werden. Nach Einführung der zweijährigen Dienstzeit ist ein anderer! Zeitpunkt a l s d e r H e r b st für die Durchführung größerer Organisationsänderungen nicht möglich, ohne eine bedenkliche Erschütterung des Gesamtorganismus des Heeres und ohne eine Schädigung frer sorgfältigen Ausbildung der bestehenden Truppenteile. Um die nötigen Vorbereitungen zu treffen, ist es allerdings erforderlich, daß die Heeresverwaltung spätestens um Pfingsten die Vorlage zum Gesetz erhoben sieht. Wenn aber befurchtet wird, daß die eines großen Heeresvorlage günstige Stimmung im Volk und Parlament abflauen könnte, so schätzen wir beide höher ein. Nicht augenblickliche Stimmungen, sondern ti e f e i n- gewurzelte Ueberzeugung von der Notwendigkeit, unsere Rüstung nachhaltig zu verstärken, wenn wir in frer Welt uns fernerhin durchsetzen wollen, haben nun in aller Kürze der kommenden Vorlage den Boden im deutschen Volke bereitet, wie es seit langem bei keiner Heeresvorlage frer Fall war. Daher ist fric Ungeduld und Erwartung des Volkes erklärlich. Diese wird nicht enttäuscht werden.
Auch die Deckung s frage wird überall lebhaft erörtert. Wie wir erfahren, besteht bei frer Reichsleitung die Absicht, die wegen ihrer Höhe ganz besonders .ins Gewicht fallenden einmaligen Kosten der Heeresvorlage durch eine einmalige Abgabe vom Vermögen zu decken. In dieser Angelegenheit ftndet heute nachmittag auf Einladung des Reichskanzlers eine Besprechung der stimmführenden Mitglieder des Bundesrats statt.
Die „B. Z." teilt nach einer Korrespondenz mit, daß die Absicht bestehe, die einmaligen Kosten der neuen Heeresvorlage durch eine einmalige prozenMale Vermögensabgabe an das Reich zu decken, wobei die Vermögen von 20000 bis 30 000 M t freibleiben sollen. Daneben und neben frer Reichs oer - mögenssteucr in der einen oder anderen Form, auf der hie Regierung zu bestehen scheine, istdieBescitigungderSreuer- freiheit der Fürsten in Aussicht genommen. (Notiz des Wolffschen Telegraphenbureaus: Zuverlästige Meldungen von amtlicher Seite liegen noch nicht vor; es sind aber anscheinend demnächst zu erwarten.)
Blatterstimmen.
Berlin, 3. März. Zu der Ankündigung einer einmaligen Abgabe vom Vermögen zwecks Deckung frer einmaligen Kosten der mstten Heeresvorlage schreibt die „V o s s i s ch e Zeitung^:
Eine Milliarde soll einmal vom Vermögen genommen werden. D. h. man nimmt die eine Milliarde einmal und dazu alljährlich die Zinsen, die sic abwersen, also 40 ober 50 Millionen Mark. Man nimmt die Einkommen und schmälert die Quellen des Einkommens. Tie einmalige Neichsvennögensabgabe ist so ziemlich eine Banke- rotterklärung der Finanzvcrwaltung.
Das „Berliner Tageblatt" hält den Vorschlag für eine gerechte unb gewissermaßen anständige Lösung des Problems, und sieht im Prinzip keinen Grund zur Ablehnung, falls der Reichstag die angeforderte Summe, die wie es heißt, jetzt nicht eine Milliarde, sondern 700 Millionen Mark
Gsefzener Stadttheater.
Madame Bonivard.
Gießen, den 3. März.
Es gibt ieinc, gescheite Menschen auf der Welt, die trotz all ihrer Klugheit das große Geheimnis des Gcldverdicnens nicht lernen, und es gibt hinwiederum Menschen ohne jede Kenntnisse, unter deren regem Geschäftssinn sich alles zu barer Münze wandelt. Das sind Anlagen, und ohne eine solche Veranlagung kann man nicht einmal ein regelrechter Spitzbube werden. Frau Bonivard, die ehemalige Tänzerin, hat solche Anlagen und ohne irgendwie bedeutend zu sein, cs sei denn in der beharrlichen Verfolgung ihrer Ziele, versteht sic es, sich und ihrer Tochter rasch ein beträchtliches Vermögen zu erwerben. Indem diese gute Dame die verschiedenen Männer ihrer Diane bis zur Handgreiflichkeit reizt, veranlaßt sie die Scheidung und zieht dann mit den vorher vertraglich zugesicherten 100 000 Mark „Unterhaltungsgebühren" vergnügt ihrer Wege. Wesentlich heiterer und in ihren Folgen von drastischster Komik wird diese schlau eingefä Delte Spitzbubengeschichte dadurch noch, daß die liebe Diane durch ihre zweite, vorübergehende Heirat die Schwiegermutter ihres ersten Mannes wird.
Mit dieser ulkigen Wirrnis, die von dein stark besetzten Haus außerordentlich beifällig aufgenonrmen wurde, feierte Fräulein Lore Scholz ihren Abschied von der hiesigen Bühne, die sie vor vier Jahren zuerst als Soubrette betreten hat, um bann mit Glück den Schritt zu den Müttern zu tun. Als Frau Bonivard zeigte die beliebte Künstlerin wieder all ihre mutwillige Laune, all ihre erfrischende Munterte' , die sie hier so häufig liegretd) ms Tressen geführt hat Die zahllosen Hervorrufe und die vielen zarten Angebinde bewiesen, welche Shmpathicn die Gießener Theaterbesucher für die liebenswürdige Künstlerin hegen.
Ein besonderes Interesse geuxmn der Abend durch tierrn C Rott eck vom Deutschen Theater in Hamburg, der als Henn Duval aus Anstellung spielte. Hoch und schlank gewachsen, sicherer Gang und gute Haltung sind die autzeren Merkmale, die sofort für den Gast einnahmen. Ein gewandtes, sicheres Spiel, das in feinen Abst'-üingen den erfahrenen Künstler erwies, cmc schone, flugc Art des Vortrages, der von einer wohltönenden etimuic angenehm gestützt wird, sind die inneren Vorzüge des Gastes der trotz einer kleinen, kaum merklichen Eigentümlichkeit gut und klar zu reden versteht. Es ist daher wohl anzunehmen daß wir Herrn Rott eck im nächsten Jahre als den „Unwiderstehlichen unserer Bühne seheii werden. Auch in den übrigen Rollen war das Stück, das Herr Goll leitete, gut besetzt Fräulein Ra p po spielte die Diane frisch und neckisch Herr Grosser als Cham- pcaur war ein tadelloser Kavalier betveglich und gemesiem .\)crr V o I ck gab in der Gestalt des Onkels Corbillon einen prachtvollen alten Seebären. Als Bourganeus zeigte sich Herr Norden
wieder von seiner besten Seite und in Fräulein de Bruyn sahen wir sein allerliebstes, kleines Töchterchen. Etwas auffällig war es, daß die Zofe unmittelbar in den Zuschauerraum sprach, was heutzutage unnatürlich wirkt. N.
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Siehener Uonzertverein.
9. Konzert.
Gießen, 2. März 1913.
Das Programm des heutigen Kanimermusik-Abends war einer Reihe von österreichischen Komponisten gewidmet, deren bedeutendster (Brahms) allerdings nur durch äußere Beziehungen mit Wien verknüpft ist: innerlich ist er der Mann des Nordens geblieben, dem das leichtere Naturell des Oestcrreichers zeitlebens versagt war. Ter solistischc Teil des Abends stand nickst ganz aus der sonst gewohnten Höhe; Die Sopranistin Frau M. Lahner-Rebner verfügt zwar über ein nicht unsympa- patisches, indes wenig ausgiebiges und ausgeglichenes Stimm- material; es bedarf iwch gründlicher Weiterbildung, besonders, wenn Kompositionen gewählt werden, die eine so hohe Stufe technischer und geistiger Sicherheit beanspruchen, wie die Lieder von Mahler und Zemlinsky. Es läge wohl im Interesse der Künstlerin, wenn sie vorerst einfachere und dankbarere Lieder bevorzugen würde, worin sic sich gewiß erfolgreicher betätigen könnte: so gelang ihr auch heute am besten das flotte „Frisch vom Herd" in der gefälligen, leicksteingänglichen Vertonung von A. Dvorak. Voll ben Mahierschen Liedern gefiel uns am besten ber „Frühlingsmorgen" unb ber Schluß von „Liebst du um Schönheit". Um bie Begleitung machte sich Herr Pros. Trautmann verdient. Das Trautniann-Trio, mit den Herren Redner und Heg ar in der Partie der Streichinstrumeiite, erfreute wieder mit seinem ausgezeichneten künstlerischen Zusammenspiel. Das bie Ein- leitungsnummer bilbenbe B-molLJrio von Volksmann ist zwar nicht gerabe bebeutenb ober hochoriginell, bietet aber eine Reihe ansprechenber Momente, besonders in den lyriscks-weichen Partien: in bet Thenrabilbung stark klassizistisch beeinflußt, zeigt bas Werk im übrigen ein mehr rhapsodisch lockeres Gefüge. Als interessante „Neuheit" hörten wir eine Sonate für Violine unb Klavier bes alten Salzburgischcn Kapellmeisters Biber, bie recht dankbar ist unb in ber Tat verbicnte, der Vergessenheit entrissen zu werben. Den Abschluß und zweifellos auch ben künstlerischen Höhepunkt bes Abends bildete das bk-ckur-Trio dou Brahms (in seiner ursprünglichen Fassung). Schon in diesem frühen Werk zeigt Brahms, trotz gelegentlicher Eklektizismen, seine starke, männliche Eigenart und bomben auch stellenweise eine Gefühlswärme, bie später bei ihm nicht so häufig zu finden ist. Das schwierige und umfangreiche Werk lag unserem wackeren Künstler-Trio offensichtlich ganz besonders am Herzen und wurde mit so viel Sc^vung
und, Hingabe zu Gehör gebracht, daß die Hörerschaft zu lebhaften Beifallskundgebungen hingerissen wurde. — Die Ferienzeit machte sich leider durch einige Lücken im Saal bemerklich. Die Beleuchtungsverhältnisse, besonders am Ausgang des Universitätsgebäudes, bedürfen ber Verbesserung. P.
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Gberhessijcher Nunstverein.
Es ist eine Freube, zu erfahren, welche Anerkennung bie schöne Ausstellung moberner Baukunst finbet, bie bas Hagener Museum für Kunst unb Gewerbe zusammengestellt hat. Der kluge Aufsatz des Begrünbers jenes Museums, des so zielbewußten und selbstlosen Bahnbreckiers moderner Kunst E r n st O st h a u s, in diese, Zeitung, mag das seine dazu beigetragen haben. Wer sich vcr- traut gemacht hat mit den Lösungen moderner Bauaufgaben, wie sic uns hier von Messel, der doch ivohl zum Vergleich nicht fehlen durfte, Olbrich, unferem Darmstädter leiser so früh dahingegangenen Meister, von Endell, Behrens, Muthesius unb vielen anderen vorgeführt werben, bem wird auch das Verständnis für ernsthafte Arbeit bei unseren einheimischen Architekten geschärft werden. Die Baukunst ist noch immer die Mutter aller Künste und der Stand der künstlerischen Kultur eines Volkes hängt wcseMlich von seiner Baukunst ab. — Der Anklang, den diese Ausstellung gefunden hat, auch darum, weil sie eine wohltuende Abwechslung in die Reihe der Gemäldeausstellungen brachte, veranlaßt uns, bald — im Juni — wieder eine ähnliche Ausstellung zu veranstalten, die moderne Raumkunst zeigen soll.
Die Shinft von Barnas-Friedbcrg gewitmt durch ihre Bescheidenheit. Das durchaus künstlerische Betnühen des Malers um die Licht-, Luft- und Farbenstimmung unserer Gegend, die Vermeidung grober Effekte, sollte eigentlich jedem sympathisch fein. Man hat das Gefühl, daß dteser Künstler ehrlich an seinem Talent arbeitet und sich entwickelt.
Eine Seltenheit in deutschen Sammlungen sind die feinen Radierungen moderner Italiener aus bem Besitze des Geheimrats A. Schmidt. Die Technik an sich gilt ja als besonders nordisch und so ist es vor allem für den kunstgeschi chtlich Interessierten sehr anregend, zu studieren, wie diese Südländer, Galeazzo, Botazzi, Grimaldi, die Landschaft ihrer Heimat, dic Campagna, das Ufer des Arno, die Küste des tyrrhenischen Meeres u. a. malerisch auf zu fassen fudxn, die wir von den deutschen unb anderen Romfahrern heroisch-plastisch dar- gestellt zu sehen gewöhnt sind. Ein besonders feines Stück ist die „camcriera" von «Enrico Lionuc, der den Reiz des französisch gebildeten Linienstickfes mit italicnifdjem Temperament durchdringt.
Es ist ein großer Verlust für das Gießener Kunstleben, daß die Privatsammlung, der diese feinen Blätter entstammen, aus unserer Stadt verschwindet, Tie Ausstellung von Klingers Grifsellunst


