Ausgabe 
25.4.1913 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt

163. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGietztner Famllienblätier" werden dem .Anzeiger" oiermnl wöchentlich beigelegt, das KreisVIait für den Kreis Gießen" zwennal wöchentlich. DieLar.dwirtichaftllchen 3eit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

I

zrettag, 25. Aprtt 1913

Rotationsdruck und Verlag der Brnhl'schen Universiläts - Buch- und Sleindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^gol.

Redaktion: eE 112. Tel.-Ad r.: AnzeigerG leßen.

Rur den Ueichstagzausschüssen.

:|: Berlin, 24. April. Eine vertrauliche Besprechung über die Wehrvorlage.

De r B u d g e t an Fs ch u ß. hielt heute eine streng vertrauliche Besprechung über die geschäftliche Behandlung der Wehrvorlage ab, wobei auch die auswärtige Lage erörtert wurde. Entsprechend einer Ankündigung, die der Reichskanzler dem Vorsitzenden des Ausschusses gemacht hatte, erschien Herr v. Bethmann-Holl- weg zu dieser Konferenz und gab eine längere Erklärung ab, die ebenfalls als streng vertraulich bezeichnet wurde.

Der Aeltestenrat

trat während der heutigen Plenarsitzung zusammen und beschloß, die dritte Lesung des Voranschlags am Freitag und Samstag dieser Woche durchzuführen und dann in die Pf in gstfericn zu treten, die für das Plenum bekannt­lich bis zum 26. Mai, also genau einen Monat, dauern sollen. Der Budgetausschuß, der am morgigen Freitag in einer kurzen Sitzung mit der Beratung der Wehrvorlage beginnt, soll noch bis zum Mittwoch der nächsten Woche, bis zum 30. April mittags, tagen, um die Wehrvorlage möglichst zu fördern. Am Montag und Dienstag der näch­sten Woche wird der Budgetausschuß den ganzen Tag mit einer Mittagspause Sitzung abhalten. Ob der Budget­ausschuß dann wieder bereits am 19. Mai, wie vom vorigen .Aeltestenrat beschlossen war, zusammentreten wird, steht noch nicht ganz fest.

Der Bittschriftenansschuß verhandelte heute über eine Bittschrift nicht ganz neuen Datums. Sie geht aus vom Liberalen Wahlverein beider Mecklenburg und fordert eine Acnderung der Verfassung. Diese Eingabe wurde zusammen be­handelt mit einer Eingabe des mecklenburgischen Landesv ereins für Frauenstimmrecht, die für die Mecklenburgerinnen das Wahlrecht verlangt wie für die Landsleute männlichen Geschlechts. Schon vor 46 Jahren hat die Wahleingabe dem Norddeutschen Bundestag vor­gelegen. Die Aussprache jging zwischen verschiedenen Par­teien darüber, wie weil ein Äng eisen des Reiches in das Berfassungslebeu der Bundesstaaten zulässig sei. Das Zen­trum lehnt es ab, den Erlaß eines Reichsgesetzes zu ver­langen. Ein Vertreter aus Elsaß-Lothringen verweist auf die Verfassung seines Landes, die es durch Reichsgesetz er­halten habe. Auch von nationalliberaler Seite wird ein Gesetz fiir möglich gehalten, falls es nur gewisse Mindest­forderungen enthalte. In Mecklenburg sei die merkwürdige Erscheinung, daß nicht nur das Volk, sondern auch die Re­gierung eine Verfassung wünsche und nur eine kleine privi­legierte Kaste sich dagegen stemme. Ein Zentrumsredner möchte für seine Partei die Angelegenheit durch eine Ent­schließung !an den Reichskanzler erledigen, zieht aber dann dis Entschließung zurück. Nachdem auch die Volkspartei sich dahin ausgesprochen, wird die Bittschrift auf Einfüh­rung der Verfassung mit 15 gegen 2 Stimmen bei 7 Stimmenenthaltungeri die 7 Stimmen des Zentrums zur Berücksichtigung überwiesen. Die Eingabe der Frauen wird zur Erwägung überwiesen.

Der Ausschuß für das Staats- und Reichsangehorigkeitsgesich hat die Beratung der Vorlage in beiden Lesungen für das Plenum fertiggestellt. Der Vorsitzende des Ausschusses äußerte den dringenden Wunsch, das Gesetz im Plenum noch so rechtzeitig zu verabschieden, daß es zum 1. Januar 1914 in Kraft treten kann.

preußisches Aogeorbnetenkaus.

Berlin, 24. April.

Heute gab es nochmals eine mehrstündige Aussprache über den Gesetzentwurf, betreffend die Bereitstellung von Staatsmitteln zur Förderung der Landeskultur und der inneren Kolonisation, ohne daß indes wesentliche neue Gesichtspunkte zutage gefördert roorben jwären. Der Gesetzentwurf wurde schließlich in dritter Lesung verabschiedet, der fortschrittliche Antrag wurde gegen.die Stimmen der Antragsteller abgelehnt.

Es folgt das Ausgrabungsgesetz. Es wurde in der 'Ausschuß- sassung in 2. und 3. Lesung angenommen.

, Auch weiterhin leistete das Haus noch flotte Arbeit, das 'Sesekegesetz wurde in 2. und 3. Lesung angenommen, ebenso das Gesetz auf Regelung der Hochwasser-, Deich- und Vorflut- verhältnisse an der oberer: und mittleren Oder.

Nach Erledigung von Bittschriften vertagte sich das Haus.

PrerWches Herrenhaus.

_ Berlin, 24. April.

Das Herrenhaus nahm heute seine Sitzungen wieder auf. Zur Beratung stand der zunächst dem Herrenhause vorgelegte «Gesetz- entwurf, betreffend die Umlegung von Grundstücken in der Land- gemeinbe Griesheim a. M. «Kreis Höchst), ein Gesetz, durch das zum ersten Male die sogenannte Lex AdickeS auf eine Land­gemeinde übertragen loirb. um der in Griesheim bestehenden Wohnungsnot abzuhelfen. Die Meinungen waren geteilt, schließlich aber wurde das Gesetz mit großer Mehrheit angenommen.

lieber den vont Abgeordnetenhause abgeänderten Gesetzentwurf, betreffend den A u s b a n von Wasserkräften im' oberen Quellgebiet der Weser berichtet Oberbürgermeister Dr. Becker- Minden. _ Der Ausschvfß beantragt, den Beschlüssen des Abgeord netenhauses zuzusriinmen und in einer Entsckjließung die Regierung rx suchen, den Städten Kassel und Göttingen bei den schwebenden Vertragsverhandlungen in tunlichst großem' Umfange entgegenzukommen, um diesen Städten den toirtschaftlichen Zu- fammenschluß mit dein Staate und den in Betracht fomntenben »SS?n' Landkreisen zu ermöglichen. Der Ausschußantrag angenommen. Weiter werden mehrere Iiechen- schastsbenchte der Ersenbahnverwaltung zur Kenntnis genommen, und dann folgen Bittschriften.

©öffentliche Versammlung

der fortschrittlichen Volkspartei.

Gießen, 25 April.

Fortschrittliche Volkspartei hielt gestern abend eine öffent­liche Versammlung im Cafs Leib ab, in der die beiden Land- tagsabgeordneten Professor Urstadt und Justizrat Grüne­wald über die

politische Lage in Hessen und im Reich sprachen. Den Vorsitz führte Justizrat Metz.

Landtagsabg. U r st a d t sprach über die Verhandlungen des Landtags und die Stellungnahme der fortschrittlichen Fraktion dazu. Er erstatte diesen Bericht für alle Wähler und schließe nicht, wie unser Reichstagsabgeordneter, eine Bevölke­rungsklasse aus. Er beschäftigte sich im Landtag namentlich mit dem Schulwesen. Bei der Beratung über die höheren Schulen hielt er eine größere Rede, in der er u. a. dafür eintrat, daß neben deni Unterricht auch die Erziehung zur Geltung koinme. Weiter trat er für die Koedukation ein und wandte sich nament­lich dagegen, daß ein Mädchen ohne Angabe des Grundes von einer höheren Knabenschule verwiesen werden kann. Weiter verlangte er für höhere und Volksschulen einen Elternrat. Bei der Volks­schule sei dies dadurch zu erreichen, daß man den bestehenden Ortsschulvorstand zu einer parlamentarischen Vertretung der Eltern umwandle. Er sei ferner, unter gewissen Einschränkungen, für die Oeffentlichkcit det Schule. Er sei auch für den Antrag des Abg. Ulrich eingetreten, 50 000 Mk. für die Unterstützung be­gabter mittelloser Kinder zur Erlangung einer höheren Aus­bildung vorzusehen. Das könne aber nur geschehen, wenn man in den unteren Klassen den fremdsprachlichen Unterricht entferne. Damit mache man einen Schritt zu der Einheitsschule, die an sich erstrebenswert sei, aber natürlich nicht auf einmal erreicht werden könnte. Man werde mit der Aufhebung der Vorschulen nur der Errichtung von Privatschuten Vorschub leisten und es sei zu befürchten, daß damit in konfessionell gemischten Gegenden die Konfessionsschule wieder eingeführt werde. Die Fortschritts­partei Wabe auch für den Antrag Ulrich gestimmt, der die kümmer­lichen Reste der Konfessionsschulen beseitigen wolle. Der Antrag sei in namentlicher Abstimmung mit den Stimmen der Sozialdemo­kraten, Fortschrittler und Naiionallibcralen mit einer Ausnahme (6 fehlten) angenommen worden gegen Zentrum und Bauernbund. Der Redner wandte sich dann gegen den Artikel eines anscheinend unparteiischen Schreibers in Darmstadt, der den Fortschrittlern vorwarf, sie seien bei der Besoldungsreform für die Schreibgehilfen und Hilfsgerichtsschreiber nicht genug eingetretcn. Bei der Budget­beratung habe namentlich die Verstaatlichung der Offenbacher Polizei lebhafte Auseinandersetzungen hervorgerufen. Die Ver­staatlichung sei unnötig gewesen und es sei zu be­fürchten, daß nach Offenbach auch noch in anderen Städten die Polizei verstaatlicht werde, was eine wesentliche Beein­trächtigung des Selbstverwaltungsrechts bedeute. Die Fort­schrittler seien auch gegen die jetzige Handhabung des Bestäti- gungsrcchts bei den Gemeindebeamten. Bei der allgemeinen Besprechung habe er über die Grundstücksverhältnisse gesprochen. An Hand eines Beispiels, das den Fürsten von Stolberg betraf, wies er nach, wie sehr durch die jetzige Gesetzgebung der Bauern­stand geschädigt werde. Durch eine energische innere Kolonisation werde nicht allein der Bauernstand gestärkt und vermehrt, der Fleischkonsum werde gehoben, die Wehrkraft und die Steuer­erträge vermehrt. Auch für den gewerblichen und kaufmänni­schen Mittelstand müsse der Staat sorgen. In diesem Sinne sei Abg. Korell-Jngelheirn bei der Elektrizitätsversorgung für den Schutz des einheimischen Handwerks eingetreten. Die Fortschritts­partei trete auch für die Mithilfe des Staates bei der Beschaffung zweiter Hypotheken ein. Das könne durch eine entsprechende Heranziehung der Landeshypothekenbank geschehen. Die finan­ziellen Verhältnisse Hessens seien infolge der glänzenden Eisen­bahneinnahmen sehr gut; man arbeite, sogar mit Uebcrsckmssen. Die Frage der Revision des Eisenbahnvertrags hinsichtlich der Teilnngsziffer habe den Landtag ebenfalls wieder beschäftigt. Die Zweite Kammer habe sich für die Revision des Vertrages ausge­sprochen, mit Ausnahme der Nationalliberalen. Auch die Erste Kammer und die Regierung verhalten sich ablehnend gegen die Revision. Die erste Kämmer habe den Abbau der Steuer angeregt, doch werde dies fßx die meisten Leute kaum eine Bedeutung haben. Besser sei cs, die unterste Grenze der Steuerleistung herauf­zusetzen, zunächst einmal vielleicht auf 700 Mk. Zu erstreben sei die Beseitigung bezw. der Abbau der Eingaben-, Grundstücks- und Ver- sickerungsstempel. Die Heeresvorlage, bezw. die Deckung der­selben greife außerordentlich in die hessischen Finanzverhältnisse ein. Für die einmalige Vermögensabgabe seien alle Parteien; Hessen habe außerdem noch 1,6 Millionen Mark an veredelten Matrikularbciträgen auszubringen, wofür die Erste Kammer an­statt einer direkten Steuer einen sogenannten Steuerregulierungs- fonds zu bilden Vorschläge. Der Redner führte dann aus, daß feine Partei für die Erhaltung und Erweiterung des Koalitions­rechts und der sonstigen Rechte der Arbeiter, sowie für eine Revision des Wahlgesetzes eingetreten sei. Professor Urstadt schloß unter lebhaftem Beifall mit der Aufforderung, in der Organisation der Partei mitzuarbeiten, damit das Wort auf der Mitglieds­karte wahr werdeEin freies Volk im freien Staat".

Abg. G r ü n e w a l d betonte, daß die Fortschrittspartei die Vertreterin des gesamten Volkes und der Interessen der Ml- gemeinheit sei. E's sei dies nicht so zu verstehen, daß der Ab­geordnete die Verhältnisse aller Wahlkreise des Landes kenne, er habe vielmehr auch die Interessen seines eigenen Wahlkreises zu vertreten, namentlich die Vertreter Gießens, das in erster Linie Industriestadt sei. Die Industrie ist im Landtag äußerst schwach vertreten, dagegen treibe eine ganze Reihe Abgeordneter im' Land­tag ein industriefeindliches Wesen. Tie Gießeiter Abgeordneten müßten im Landtag namentlich auch die Interessen der Uni­versität vertreten. Deshalb sei Wert daraus zu legen, daß die Beziehungen zwischen Stadt, Abgeordneten und Regierung hinsichtlich der Universität recht gut sind. E's ist in den letzten 2 Jähren vieles für die Universität geschehen. E's seien seit dieser Zeit 4 Kliniken Tten entstanden. Man habe, nicht ohne Opfer der , Stadt, die Ohren- und Hautklinik erhalten, dazu die Kinderklinik, die wohl die einzige ihrer Art in ganz Deutschland sei. Er sei der Ansicht, daß die Universität Frankfurt eine Konkurrenz für unsere Universität ist. Mer- es fei falsch, etwas, was man nicht verhindern könne, zu bekämpfen. Man solle die Konkurrenz belämpsen durch Heranziehung von Spezialitäten. In dieser Hinsicht fei auch die Lupusheilstätte zu neunen. Es sei die zweite Anstalt dieser Art in Deutschland und es fei nicht anzunehmen, daß Frankfurt ein solches Institut errichte, denn mit der hiesigen Anstalt sei dem Bedürfnis für einen größeren Bezirk genügt. Leider sei das für hier in Aussicht genommene große Unternehmen eines Unsallkrankenhauses und eines Lehrstuhls für soziale Me­dizin durch die Agitation der Aerzte nicht zustande gekommen. Die Verhandlungen seien allerdings noch nicht abgebrochen. Es sei den Gießener Abgeordnete,t gelungen, daß Gießen in die 1. Wohnungsklasse gekommen sei. Der von ihn: gestellte Antrag, das Landwirtschaftliche Institut auszubauen, fand merkwürdiger­weise anfangs den Widerstand des Bauernbundes. Erst nach und nach gab es bei ihm' einen Umschwung, so daß die Annahme der inzwischen gestellten Vorlage sicher ist. Damit ist man zunächst gerüstet, der neuen Konkurrenz zu begegnen. Wer man darf nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, es werden neue Forderungen kommen. Eine wichtige Frage fei die Frage der Verbesserung der Gießener Verkehrsverhältnisse, vor allem durch den Bau der Hinterlandbahn, die ein altes Verkehrsgebiet der Stadt er­halten solle, sowie die Anlage des Nordbahnhofs. Verschiedent­lich habe die Partei parlamentarische Erfolge errungen, so z B hinsichtlich ber Gewährung von >ßrankengeld an die fog. Bazillen­träger. Ein anderer Antrag betrifft die Ordnung der Verltziltnisse der Stiftungen, der zunächst den Erfolg Akte, daß das zerstreute Matertal darüber gesammelt werden soll. Der Redner besprach

oann seinen Antrag auf Herabsetzung des Umsatzstempels auf Grundstücke 'und Gebäude, der dazu dienen solle, die Bautätigkeit wieder zu beleben und damit einer Wohnungsnot und Mietsteige­rung tzu begegnen. Er sei auch Gegner der Wertzuwachssteuer ge­worden und bedaure nur, daß er seinerzeit in Gießen für die Einführung des Zuschlags dazu gestimmt habe. Auch bezüglich der Wertzuwachssteuer habe er den Antrag gestellt, Material über die Wirkung der Steuer vorzulegen. Man habe in der Fraktion ernste sachliche Arbeit geleistet, ohne Rücksicht auf die agitatorische Wirkung. Zum Schluß begründete der Mtebner seinen Austritt aus dem Wahlprüsungsausschuß, der erfolgt sei, weil im Ausschuß gegen Recht und Gerechtigkeit Mandate aus Gründen für gültig erklärt wurden, die man früher, wenn frei­sinnige Abgeordnete in Frage kamen, für ungültig erklärt habe. Tie Vorgänge im Reichstag, wo offen erllärt wurde, daß die Walilprüfungen eine Machtfrage feien, rechtfertigen feinen Stand­punkt. Das habe sich Haupt fach ich erwiesen bei der Wahlprüfung Beckers, wobei leider 11 fortschrittliche Ao geordnete gefehlt hätten. Er habe nunmehr den Antrag gestellt, die Wahlprüfungen dem Oberlandesgericht zu überwiesen. Er habe den Antrag gestellt, trotzdem er die Ausgabe eines Volksrechts bedeute. Es fei anzunehmen, daß sich die drei Mehrheitsparteien gegen den Antrag erklärten, da ihnen damit die Möglichkeit genommen werde, ihre Mandate für gültig zu erklären. Erste Kammer und Regierung seien für den Antrag. Zur Besoldungsfrage bemerkte der Redner, daß ihnen namentlich aus Lehrerkreisen der Vorwurf des Umfallens gemacht worden sei. Das sei nicht der Fall, man habe lediglich bei der vorläufigen Regelung nicht den Standpunkt vertreten:Alles oder nichts!" Uebrigens sei durch die von ihm angeregte Entschließung, daß die 1. Kammer bei der endgültigen Regelung den Wünschen der Lehrer besser Rechnung tragen wolle, ein Weg gezeigt worden, auf dem die Lehrerwünsche möglichst befriedigt werden könnten. Tie Partei sei nicht aus tak­tischen Gründen für die Besserstellung der Beamten und Lehrer, sondern aus Gründen der Gerechtigkeit. Die Tatsache, daß man jetzt noch nicht wisse, wann die endgültige Regelung der Beamten- und Lehrergehälter erfolge, gebe der vorjährigen Haltung -der Fortschrittspartei recht. Wenn die Teuerungszulage 1912 nicht bewilligt worden wäre, hätten die Beamten 1912 und 1913 und vielleicht auch noch die solgenden Jahre überhaupt nichts be­kommen. Die fortschrittliche Partei sei lebhaft für die Besser­stellung der Schreibgehilfen und Gerichtsfchreibergehilfen ein­getreten. Der Beamtenstand gehöre zum Liberalismus, der Libe­ralismus buhle nicht um die Beamten, aber aus inneren Gründen müssen sich die Beamten dem entschiedenen Liberalismus zu- wenden. Aus diesen Gründen sei die Fortschrittspartei auch für die Schaffung eines Beamtenrechts. Was die Parteikonstellation anbelange, so sei für Hessen eine liberale Regierung durchaus möglich. Der Großherzog sei ein durchaus konstitutioneller Fürst, mit dem man vom liberalen Standpunkt aus zufrieden sein könne. Tie Regierung sei nachgiebig und wenig einheitlich und richte sich nach den Wünschen der Mehrheit. Die 1. Kammer sei ein einheitlicher, der 2. Kammer politisch gleichberechtigter Faktor, und es sei bedauerlich, daß bürgerliche Mitglieder der 1. Kammer zu so vielem ruljig seien, was sie nach ihrer Vergangenheit un­möglich billigen könnten. Der Redner besprach dann die For­derung des Fürsten zu Lich in der 1. Kammer, einen positiven theologischen Prosessor an die Universität zu berufen. Er sand die Unterstützung des Freiherrn v. Heyl, während Prof. Dr. Leist und Prälat D. Ftöring der Forderung entschieden ent­gegentraten. Auch den Ausführungen des Freiherrn von Heyl über die atheistischen Pfarrer, die im Talar mit den Sozial­demokraten Arm in Arm gehen, trat Prälat D. Flöring ent­schieden entgegen. Dem einheitlichen Willen der 1. Kammer hat die 2. Kammer nichts Gleichwertiges int liberalen Sinne ent­gegenzusetzen. Die Nationalliberalen begnügen sich mit einem Schein von Macht, es ist nicht anzunehmen, daß die Hess. Nationalliberalen sich im liberalen Sinne entwickeln werden. Wenn es keine ausschlaggebende liberale Politik geben soll, muß der ent­schiedene Liberalismus mit der Sozialdemokratie zusammen die Mehrheit zu erringen suchen. Wg. Brauer hat kürzlich einmal ge­sagt, der Fortschritt sei der Stiefbruder der Sozialdemokratie. Er ba';e demgegenüber im Auftrag der Fraktion eine programmatische Erklärung abgegeben, die die grundsätzlichen Unterscknede der beiden Parteien hervorhob. Die weiter noch vorgesehene Be­sprechung der Reichspolitik müsse er für heute absetzen. Bloß wolle er zur Militärvorlage sagen, daß die Fortschrittspartei unbeschadet der Prüfung imJ einzelnen für die Verstärkung der deutschen Heermacht sei. Der Redner verurteilte dann die Vor­gänge bei der bekannten Firma Krupv und wies darauf hin, daß die Fortschrittspartei für den sozialdemokratischen Antrag auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses mit dem Recht, eidliche Zeugenvernehmungen vorzunehmen, gestimntt habe. Leider sei dieser Antrag abgelehnt worden. Man habe einen Unter­suchungsausschuß eingesetzt, der keine eidlichen Vernehmungen vor­nehmen könne. Viel werde dabei nicht herauskommen. Tie fort­schrittliche Reichstagssraktion habe vieles getan, was ihm Freude gemacht habe, aber auch manches, was ihm nicht gefallen habe. Sie solle bedenken, daß sie die Nachfolgerin der alten preußischen Fortschrittspartei sei und wie diese liberal und demokratisch han- deln. Im Landtag sei dies ber Fall, die Fraktion sei homogen, sie bemühe sich, im liberalen und demokratischen Sinne zu arbeiten für das Vaterland und die Freiheit. (Stürmischer Beifall.)

In ber Aussprache führte Städtv. Löber aus, daß Wg. Grünewald seinerzeit die Universität Frankfurt begrüßt habe, er freue sich, was für die Universität alles geschehen sei und dankte ben Wgeorbneten für die Zusage, im Lanbtag für den Norbbahnhof einzutreten. Im Namen der Versammlung sprach er den beiden Wgeorbneten Tank für ihre ersprießliche Tätigkeit aus. (Lebhafter Beifall.)

Stadtv. Vetters (Soziald.) erkannte an, daß beide Parteien selbstverständlich grundsätzliche Verschiedenheiten hätten. Die Stel­lungnahme der Fortschrittlichen Volkspartei beim Wahlrecht und bei der Steuergesetzgebung billige er. Dagegen bedauere er die Ausführungen des 'Wg. Urstadt über den Terrorismus, ber in der Tat nicht Vorlauben fei. Richtig sei, daß üt Hessen nur durch das Zusammengehen von Fortschritt und Sozialdemokratie etwas zu erreichen fei. Auch bei den preußischen Landtagswahlen müsse man versuchen, durch das Zusammengehen beider Parteien möglichst viel zu erreichen.

Wg. Grünewald stellte fest, daß'die Fortschrittspartei, wie auch heute wieder betont worden sei, die So­zialdemokratie als gleichberechtigte politische Partei an feste. Tagegen fei festzustellen, baß die Sozial- bcmofratic eine Klasseupartei fei, die nicht für die Förderung aller Bevölkerungsklassen etntrete. Mir Gewerkschaftsführern lasse sich vielfach ganz gut verlmndelu, allerdings würde vielfach mich künstlich die ^Erregung geschürt imb die Forderungen so hoch gestellt, daß die Unternehmer nicht mehr mitkvunten. Der Liberalismus mißbillige es, daß die Sozialdemokratte eine einseitige Klassen Partei sei imb namentlich auch ihre kollekttvistischn Anschauungen. (Lebhafter Beifall.)

Eiseubahnbebiensteter Zorn wandte sich gegen die Aussicht rangen des Wg. Raab- im Hessischen Landtag, daß die Eisen- bahuarbeiter Heuchler seien, weil sie auf das Stteikircht ver zichteten. Sie hätten aus freien Stücken darauf verzichtet, mcit durch das Stillegen der Eüseubahn das ganze Volk den Sckiaden habe. Mau habe iM vorigen Jahr einen Reichsverband ber