Ausgabe 
22.3.1913 Fünftes Blatt
 
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Nk. 68

Zimstes Blatt

165. Jahrgang

Erscheint »glich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Oberhesjen

DieGießener Lanniienblätler" weiten dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das '.Lreirbtatt för den Krtis Siehen" zweimal wöchentlich. Dierandroirtschastlichen Zeit, fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Samstag, 22. Mrz 1913

Rotationsdruck und «erlag der Bruhl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gieren.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion:^EH2. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.

Aurfterbende Pflanzenarten der $lora von Giehen.

UeßeraH, wo wogende Aehrenfelder, wohlgepflegte Wiesen­gründe und blühende Gärten den Fleiß des Menschen bekunden, der rin stampfe mit Disteln uni) Dornen dem Boden die Nahrung abgewrnnt, ist die einheimische Pflanzenwelt zurückgedrängt worden, ^eoe neue Rodung, jeder neu umgebrochene Acker bedeutet die düsender vvn pflanzlichen Individuen, manchmal auch den Untergang von Arten, die in ihrer Verbreitung auf ein -er,. ~, beschränkt gewesen waren. Moore werden ent­wässert, rümpfe trocken gelegt, um in Kulturland verwandelt SU wuden. Dadurch wird den Sumpf- und Wasserpflanzen, den BewoMern der 'Moore die Lebensbedingung entzogen, und da sre nicht wie das Tier durch die Not gezwungen sich anderwärts anzusiedeln vermögen, so gehen sie ein und müssen aus der ^lora des betreffenden Gebietes gestrichen werden. So sind der Sonnentau, Drosera rotundifolia, das C h r i st u s a u g c , Comarmn palustre, die seltene Orchidee, Herminium Monor- chrs, von ihren früheren Standorten, den Philosophenwaldwiesen, verschwunden. Tie Wasserfeder, Hottonia palustris, den Tannenwedel, Hippuris vulgaris, sucht man seit vielen Jahren rnt Häßlar, wo sie ehemals häufig waren, vergeblich. Ver­schwunden ist ferner die reizende N i t e l l a , ein rasenbildendes Armleuchtergewächs, seitdem der Klingelbach, auf dessen Grunde cs massenhaft wuchs, alljährlich gereinigt wird. Mit dem Ver­schwinden der Wasserlöcher an den Gailschen Tonwcrken ist leider auch der gelbblühende Wasser Helm, Utricularia vulgaris, und minvr verloren gegangen und die Sumpfwurz, Epipactis pa­lustris, ist auf ihren früheren Standorten am Philosophenwald, im Stolzenmorgen und im Bergwerk ebenfalls nicht mehr zu finden. Auch der Wald verarmt unter dem Einflüsse des Menschen an Arten. Noch vor 100 Jahren war aller Wald um Gießen Mischwald. Nadelhölzer waren nur an der Badenburg und im Schiffenbergerwald vereinzelt eingesprengt und wo gegenwärtig auf weiten Wachen dunkler Tannenwald grünt, dessen Boden ein Moos teppich deckt, blühte damals die bunte Flora des lichten Laub­waldes. Wo Tannenbcstand ausgeforstct wird, ist es mit Strauch und Kräuterwuchs zu Ende, der Tannenwald unterdrückt jede andere Vegetation. Tie Alpenbcere, Ribes alvinum, das C h risto p h s k r a u t, Actaea spicata, des .Hangelsteins find beide im Tannendickickt erstickt und das Verschwinden der fein- blättrigen Biber nellrose aus dem Wiesecker Walde dürfte ebenfalls auf den Einfluß des Tannenwaldes zurückzuführen sein.

So sehen wir denn mit zunehmender Kultur überall ein stetiges Znrückweichen der einheimischen Pflanzen und da, wo die Stadt hinauswächst in die grüne Umgebung, wo die Stein- kästen der Häuser sich zu Straßen verdichten, bleibt für Pstanz en- wuchs überhaupt kein Raum mehr.

Es wächst die Stadt, ihr Wuchs verschlingt Die grüne Welt, die sie umringt."

Dieser Werdegang vollzieht sich allenthalben mit Natur­notwendigkeit. Er ist nicht aufzuhalten und ein Stillstand wäre gleichbedeutend mit einem Rückgang unserer heutigen Kultur. Wir haben darum keinen Grund, ihn zu beklagen, und was dem Pflanzenkleide durch die Kultur genommen wird, ersetzt die Natur in anderer Weise wieder. Ja wir haben allen Anlaß, uns darüber zu freuen, daß in der Kultursteppe, zu der unser Vaterland im Laufe der Jahrhunderte geworden ist, sich der allergrößte Teil der einheimischen Pflanzen zäh zu behaupten vermocht hat.

Was viel bedenklicher ist, das ist die Tatsache der Aus­rottung bestimmter Pflanzenarten zu einem be­stimmt en Zweck. Es geschieht teils aus Habsucht, teils aus Gedankenlosigkeit, manchmal auch aus Sammelwut. In anderen Fällen dürfte das Seltenwerden oder die gänzliche Ausrottung auf verschiedene Ursachen zurückzuführen fein. Dieser Fall liegt vor bei .dem Frühlings - E n z i a y der Rödger Wiesen. Diese Cnzian- art, Gentiana Demo, die sonst nur in den Alpen und im hohen Norden vorkommt, kann als ein Ueberbleibsel jener Flora an­gesehen werden, die zur Eiszeit, als in Mitteleuropa alpines Klima herrschte, unserer Gegend eigen war. Die bisweilen ge­äußerte Meinung, der Enzian wäre durch frühere Aussaaten vom Botanischen Garten nach Den Rödger Wiesen gekommen, ist irrig. Solange die hiesige Gegend floristisch durchforscht und das Er­gebnis in Büchern niedergelegt ist, ist auch der Rödger Enzian und der Standort, wie er bis heute noch unverändert geblieben ist, bekannt. Es sind aber Versuche von Professor Hoffmann ge­

macht worden, ihn auf anderen Wiesen, wo die Be­dingungen zum Okdeihen anscheinend ähnlich waren, durch Aussaat zu verbreiten. Sie loaren erfolglos. Es kann daraus gefolgert werden, daß es ganz eigenartige Lebens- <ccbingungen fein müssen, die das zierliche Pflänzchen zu seiner Existenz bedarf, und daß es nicht leicht sein dürfte, ja daß es als ausgeschlossen gelten kann, den Rödger Enzian wieder an­zusiedeln, wenn er einmal ausgerottet sein iuirb, wie der kreuz- blättrige Enzian, Gentiana cruciata, der früher am Südabhange des Schiffenberges, nach Watzenborn zu wuchs und der seit mehr als einem Menschenalter aus der Gegend verschwunden ist.

An der Ausrottung des Frühlings-Enzians arbeiten seit Jahrzehnten verschiedene Faktoren. Erstens die Kinder von Rödgen, die man an Sonntagen in Scharen beim Pflücken der Enzianblumen beobachten kann. In früheren Jahren brachten sie die gesammelten Blumen in kleinen Sträußen nach OMcfjen und verkauften sie in den Straßen. Ob dieser Handel noch betrieben wird, ist mir nicht bekannt. Es-ist möglich, daß er abgenommen hat, weil sich das Pflücken nicht mehr lohnt. Dann kommt als zweite Ursache das Ausgraben mit der Wurzel von manchen Pflanzenfreunden, die es versuchen wollen, die tyerrHd) blaue Blume in den Garten zu versetzen. Es ist, wie ich jeden versichern kann, verlorene Mühe. Er wächst nirgends und niemals weiter, sondern geht nach einem, in günstigen Fällen im zweiten Jahre ein, ohne wieder zum Blühen gekommen zu sein. Diese Art von Blumenfreunden, die es immer nur auf einzelne Pflanzen abgesehen hat, ist bei weitem nicht so schädlich wie die Blumenpflücker, die mit jeder Blume zugleich auch das kurze Stämmchen mit den paar Blättchen abreißen und damit an einem einzigen Nachmittag Hunderte von Pflanzen vernichten. Als die dritte und vielleicht gefährlichste Art von Schädigern kommen die Eigentümer oder Pächter der Wiesen in Betracht, die ihre Wiesen mit stickstoffhaltigen Düngemitteln düngen, unter denen das Jauchefaß eine große Rolle spielt. lleberaU, wo durch starke Düngung der Graswuchs gefördert wird, geht der Enzian ein und dagegen ist leider njchts zu machen. Man kann es keinem Besitzer verübeln, wenn er den Ertrag seiner Wiesen zu steigern sucht. (Vielleicht ließe es sich erreichen, daß die Stadt ein Stück der Enzianwiese erwirbt und einzäunt, damit uns diese Pflanze erhalten.bleibt. Red.)

Wer rennt nicht als ersten Frühlingsboten das große Schnee­glöckchen, Leueoyum vcrnum! Nach der Flora von Roß­mann und Hetzer war es im Jahre 1866 im Hangelstein noch in Menge vertreten. Bor 20 Jahren kam es an einer Stelle noch vereinzelt vor. Gegenwärtig ist es ausgerottet, nickt durch das Wachstum des Tannenhockwaldes, denn an dem Platze, wo die Schneeglöckchen wuchsen, haben nie Tannen oder Fichten ge­standen, sondern durch die Sucht, sich einen billigen Garteir- schmuck zu verschaffen. Das hätte müssen bestraft werden. Nun ist es zu spät. Unser schöner Bergwald ist um einen Schmuck, den ihm die Natur verliehen hatte, beraubt für immer.

Nicht besser als dem Schneeglöckchen ergeht es der Mond­viole, Sunaria rediviva, deren silberglänzende Fruchtstände von jung und alt als Vasenschmuck gesammelt wordeir ist, bis auch diese Pflanze zu den im Aussterben begriffenen Seltenheiten des Hangelsteines geworden ist.

Eine der herrlichsten Pflanzen der deutschen Flora ist das Leberblümchen, Hepatica triloba. Wo es im ersten Früh­ling mit der Fülle seiner himmelblauen Blüten den noch kahlen Laubwald ziert, begreift man, daß es etwas Schönes und Er­habenes um unseren deutschen Wald ist und daß es heiligste Pflicht eines jeden Naturfreundes sein sollte, das zu schützen, was die Natur uns gegeben und frühere Geschlechter uns bewahrt haben. Wir hatten diesen Schmuck unserer Wälder auch, nämlich in der Lindener Mark. Aber es war so bequem, sich von dort die, hübschen Blumen 511 holen, sie wanderten in die Gärten und auf die Friedhöfe, und so ward der Wald schon vor fünfzig Jahren bald leer, und auch das Leberblümchen war für die Flora von Gießen für alle Zeiten erledigt.

Nicht viel anders mag es sich mit der Küchenschelle, Pulsatilla vulgaris, an den Hardthügeln verhalten. Sie war als einer der ersten Frühjahrsblüher zu auffallend, die Blume zu groß. Dadurch wurden die Liebhaber angelockt, die sie aus­rotteten.

Tie schöne O r ch i s m i l i t a r i s , die merkwürdige O. corio- phora vom Hardt, ist vielleicht in den Herbarien früherer Stu­denten untergegangen. Ebenso die hellrote Orchis incar-

n a t a und Spiranthes autumnalis des Philosophenwaldes. LiliuM Martagon des Bergwerkwaldes, bekannt als Türkenbund, gehört auch zu den Pflanzen, deren Tage gezählt sind. Selten wird der Elsbeerbaum, das Pfaffenhütchen, der Seidel­bast, verloren gegangen ist die Prachtnelke, Dianthus superbus vom Trieb, verschwunden die gelbe Waldtulpe am Heg- strauch, verschwunden die niedliche Teesdalia nudicaulis im Ursulum, verschwunden sind noch eine ganze Anzahl anderer Bestandteile bei? reichen Flora von Gießens näherer Umgebung.

Was Hecken mir bafür bekommen? Leider nicht viel und leider auch iudjt viel Gutes. Da ist das lästige Franzosen­kraut, Galiusoga parviflora, das in der Umgegend eines der lästigsten Unkräuter in Kartoffel- und Gemüsegärten geworden ist. Es kam 1807 nach Deutschland, die Franzosen sollen cs mit* gebracht haben. Seine Heimat ist Peru. Wann es in Gießen zuerst aufgetreten ist, findet fick nirgends angegeben. 1879 ward an der Lahn, bei dem Schmalkschen Eishause, zuerst die Wasser­pest^ Elodes canadensis, beobachtet. Sic hat der Kulturinspektton Gießen seitdem manche Ausgabe gemacht, denn sie verbreitete sich alsbald so stark, daß sie Bäche und Wasserläufe verstopfte. Zhre Gefährlichkeit scheint abgenommen zu haben. Der im Wester­wald häufige Rote Fingerhut, der auch am1 Dünsberg vorkommt, verbreitet sich von Jahr zu Jahr mehr im Stadt­walde, die hübsche Salvia stzlvestris, zu deutsch Waldsalbei! wird häufiger und im Hangelstein hat sich feit Mitte der sechziger Jahre von der Ruine Vetzberg aus eine südeuropäische Storch- schnabelart, Geranium macrorrhiznm, angesiedclt. Wie die Pflanze nach Vetzberg gekommen ist, wo sie schon 1788 beobachtet ward, darüber hat man nur Vermutungen. Auck der um Gießen seltene Adlerfarn, Pteris aguilina, tritt in neuerer Zöit hin und wieder auf. Tas ist alles!

Wiederum feiert die Natur das Fest ihrer Auferstehung und Tausende werden in den warmen Frühlingstagen Hinauswanbern in.Flur und Wald, inn neue Kräfte zu sammeln für die Mühen des. Alltags. Möchten doch die Lehren, die sich ans vorstehender Zusammenstellilng ergeben, eine ernste Mahnung fein, auf Spazier­gängen Pflanzen da stehen zu lassen, wo sie die Natur hingeftellt hat, damit auch andere Freude daran haben fönnen. Es ist nicht schlimm, wenn Kinder am Wegrande der Landstraße sich einen kleinen Blumenstrauß pflücken, diese Schwäche ist den meisten Kindern angeboren. Hier kann man sie in mäßigen Grenzen ruhig gewähren lassen, aber abseits der Wege sollte kein Blümchen geknickt werden. Wer aber Pflanzen für den Garten benötigt, findet in den Katalogen der Hanbelsgärtnereien und bei den Gärtnern aM Platze so viel Schönes für mäßigen Preis, daß er nicht nötig hat, die Wälder plündern um Pflanzen, die selten befriedigen, weil sie an die feuchtere Luft des Waldes ge­wöhnt sind.

Jeder aber tue, was in seinen Kräften steht, zur Erhaltung unserer einheimischen Pflanzenwelt. F. Rehnelt.

Arrs Stadt Land.

Gießen, 22. März 1913.

Die Osterbräuche, hnc sie früher gang und gäbe waren, kommen leider immer mehr ab. Auch das kleinste Dorf entzieht sich nicht mehr dem Einfluß der alles nivellierenden Kultur, und die Bauern vernrein-en, den höchsten Grad der Bildung erreicht zu haben, wenn sie sich städtisch kleiden und gänzlich mit den alt­hergebrachten Sitten und Gebräuchen brechen. Schade, sehr schade! Denn nicht allein, daß sich der äußere Mensch wandelt nnd dadurch ein total verändertes Aussehen erhält; nein, auch der innere Mensch wird auf diese Weise anders gestaltet imb bekommt ein neues, wenn auch sehr oft nicht kleidsameres Gewand an. Denn wie es schon in einem treffenden Spruche von Logan heißt:

A la mode Kleider, A la mode Sinnen, Wie's sich wandelt draußen. So wandelt's sich auch drinnen!

Es ist also insofern kein Fortschritt zu nennen, wenn so mancher alter Brauch ab geschafft wird, und manche das Volk harmlos ergötzende Feier in Vergessenhett gerät. Schiller äußerte sich in diesem Sinne, indem er bekundete:

Krauen-FeuMeton.

i Die Frauen int Jahre 1813.

Frau'n 1 Preußens!" so dichtete Friedrich Rückert,Tes Ruhms, den eurer Männer blut'-ge Klinge erfechten wird, sollt ihr die Hälfte haben. Und wenn der Freiheit Tempel aus dem Leide neu steigt durch sie, so soll's die Welt erkunden, daß, ihn -zu schmücken, ihr gäbt eur Geschmeide."

Ter heilige Eifer und die begeisternde Hingebung, mit denen das weibliche Geschlecht seinen Anteil an den großen Tagen der Erhebiurg forderte und nahm, wird ein ewiges Ruhmesblatt in der Geschichte der deutschen Frauenwelt bleiben. Man hat gesagt, daß seil den Tagen der Cimbern und Teutonen zum ersten Mal wieder die Frauen hinter den Taten der Männer nicht zurück- standen. Der imponierende Ausdruck für diese Vaterlandsliebe, der an Glanz und Glut kaum etwas gleichkommt, was irgend die Geschichte berichtet," offenbarte sich in der Gründung des Frauenvereins zum Wohle des Vaterlandes", an dessen Spitze in einem Ausruf v 0 m 23. März die hoch­herzige Prinzessin Wilhelm von Preußen, eine geborene Prin­zessin von Hessen-Homburg, mit sieben anderen Prinzessinnen trat. Das Vaterland ist in Gefahr!" so scholl dieser Appell an die Frauen durchs ganze .Land.Männer ergreifen das Schwert Und reißen sich los aus dem Kreise ihrer Familien: Jünglinge ent- wurden sich der zärtlichen Umarmung liebender Mütter, und diese voll edlen Gefühls unterdrücken die heilige Mutter­träne. Auch wir Frauen müssen mitwirken, die Siege befördern zu helfen, auck wir 'müssen uns mit den Männern und Jünglingm einen zur Rettung des Vaterlandes." Deshalb werden Gaben und und Geschenke erbeten: alles soll dem Vaterland gehören.Diese Opfer dienen dazu, die Verteidiger, die es bedürfen, zu bewaffnen, zu bekleiden, auszurüsten, und wenn die reiche. Wohltätigkeit der Frauen uns in den Stand setzt, wiedergegeben 1 Derben, damit auch von unserer Seite erfüllt werde das Große, das Schöne, damit das Vaterland, das in Gefahr ist, auch durch unsere Hilfe gerettet werde, sich neu gestalte und durch Gottes .Kraft aufblühe!" Ter Verein breitete sich in seinen Zweigstellen bald über alle Städte und Dörfer aus. Tie auf diese Weise organisierte bedeutende Tätig­keit schildert Caroline von Rockww in ihren Erinnerungen:Nun begann jene Periode großer Regsamkeit im ganzen Lande, wo alles nur auf Ausrüstung zum Kriege bedacht war. Wer nichts anderes tun konnte, der strickte Strümpfe, nähte Hemden und Gott weis; welche Kleidungsstücke für die Soldaten. TXn Gesellschaft zupfte man noch Charpie." Charpiezuvfen )uar die gewöhirlicb: Abend- arbeit in den Familien. Ta saßen in den stillen Stuben beim trüben Lick ! der Oellampe die Mütter und Töchter bunt durch einander ohne Rang und Stand, schnitten Verbandszeug, nähten Kleider und sorgten so gut sie konnten für die Männer, Söhne und Brüder, die in bett heiligen Krieg zogen. In den Hauptstädten lNußten Lazarette errichtet werden, und überall waren es trie*

des Buchhändlers Reimer, die die Vorsteherinnen der weiblichen Krankenpflege in Berlin wurden. Fichtes Gattin starb auf diesem Felde der Tätigkeit, das auch ein Feld der Ehre war, amMerven- fieber und zog ihren berühmten Ehemann nach sich, der sich an ihr ansteckte. In ihren Erinnerungen entwirft die Gräfin Schwerin ein wundervolles Bild von diesem! selbstlosen Wirken der Frauen und der Frauenvereine, die alle Lazarette mit Speise, Trank und Kleidungsstücken versorgten.Tausendfache Schikanen, ja, der Undank, der Soldaten selbst, die oft gar nicht ahnten, daß sie freiwilliger Milde verdankten, was sie vom Staat fordern konn­ten, setzten dennoch diesem schönen Eifer keine Grenzen, ja nicht einmal die schnöden Betrügereien, die so oft die besten Zwecke vereitelten. Ein jeder hat in dieser Zeit eliyas getan säst alle (ja, gewiß die meisten), was sie hin konnten. Auszeichmen InoUtc und konnte sich da auch niemand, wo vielleicht auch das ärmste Weib-ckick neben dem. spärlichen Mittagbrot ein Topf eben für irgendein Lazarett ans Feuer setzte. Damals rühmte sich niemand seiner Wohltaten, wie sich auch keiner ihrer schämte." Diese Opfer edler Weiblichkeit bewegten sich alle in jenen Grenzen, die der Frauemratur gemäß sind. Daneben aber gab es auch einzettie Amazonen, die in Männerkleidern mit der Flinte im Arm ins Feld zogen. So rühmenswert diese Ausnahmen sind, sie mußten dock Ausnahmen bleiben, und deshalb war ein Aufruf verfehlt, in dem der bekannte .Komödienschreiber Kotzebue zur Errichtung einer Ama z 0 n e nl e gi 0 n in Berlin auf fordern'. Dieser vielgewandte Schriftsieller gab damals das Russisch deutsche Vollsblatt" heraus, das sich wegen seiner witzigen Schimpfartiß'l aufden kleinen Näppel mit) die Ohnehosen der großen Armee" einer besonderen Verbreitung in Preußen er freute. Sein Aufruf hat wohl auf einige phantastische Mädchen gewirkt: die deutsche Frauenwelt in ihrer Gesamtheit aber wies dies Ansinnen als eine Beleidigung des weiblichen Zartgefühls und Verlemrung des Berufes der Frauen zurück. Dies geschah in einer ,,'Xnttvort einer deutschen Frau in ihrem und ihrer T ödster Namenjauf den Ausruf an edle deutsche Mädchen."Wenn brave deutsche Jrauen und Jungfrauen aufgerufen werd^. ihren 'teuren Männern, Vätern und Brüdern zu folgen, um sie zu Pflegen und für ihre nötigen Bedürfnisse zu sorgen und dadurch den Gram über die Schrecknisse dieser verhängnisvollen Zeit liebe­voll zu lindern." so heißt es da,o! dann wird die Zahl gewiß groß, sehr groß sein und der Feind wird und mich Achtung vor unserem Gesel.lechte betommen, da kein Feind, selbst dfr rohest", das von der uur in dem Herzen des Menschen tief em geprägt.- Gefühl für Seelen Hoheit unterdrücken und ächte, prunklose'Tugend mit Füßen treten kann. Wohlauf denn, ihr edlen deutschen Frauen und Juugsrauen, zur Erfüllung schöner und heiliger Pflichten!"

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v . * haben wir uns nachgerade alles Staunen abgewöhnt. Längst haben wir die Tyrannei der Mvde über dasschwächere" Geschleckt anerkannt und haben oft genug im Wandel der Zeiten erleben können, über welchen Herois­mus die Frau verfügte, wenn es sich darum l>andelt, die Schön­heit von heute gegen eine von gestern zum Siege zu führen. Und die neue Schönheit, die nun von Paris aus gepredigt wird, ist, wie alles im Leben, schon einmal dagewesen, nur daß die Modedamen diesmal zu einem sehr, sehr fernen Ideal zurück- greifen. Eine Begeisterung für d i e klassische Linie des F r a u e n k ö r per s ist ausgebrochen. In den Museen stehen die Modelle: die antiken Statuen sind es, die der F-rmi. von heute deir Ton angeben. Tie breite Taille, die freien Hüsten und der Bauch. Jnwohl, der Bmrch ist modern geworden, man trägt ihn wieder.Le bentre de la femnie est comme un bouelier": Dies Wort ist zu Ehren gekommen inti> die weiche Wölbung des Schildes", wie ihn die Natur geschaffen, darf durch kein Korsett, kein Leibchen entstellt werden. Tie Sucht, schlank zu bleiben, schlank zu werden, ist überrount>en. Dem Mieder ist der Krieg erklärt, und so manche eitle Pariserin, die in höchster Selbst­verleugnung wenig und wenig trank, ünrb viel zu tun haben, um der neuen Mode gerecht zu werden.

rf. Ern ienstmädchenrek0rd. Fünf TienstnrädcheU- die an einer Stelle, zusaminen 154 Jahre gedient haben, haß ist der Rekord, dessen sich eine Frau M. B. Williams in der Nähe von Swansea rühmt. Jeder dieser treuen weiblichen Dienst­boten hat also im Durchschnitt fast 31 Aihre an einer Stelle gedient. Tw englischen Tagesblätter feiern diesen erstaunlichen Rekord auch gebührend und geben einige Einzelheiten über die Zürnstmadcheu an. Am längsten ist das .Kindermädchen bei Fran Williams, nämlich 42 Jahre: dann das Milchmädchen, 33 Jahre, imd das Waschmädchen hat es auf 32 Jahre gebracht. Das Haupt der Zimwermädchen ist 24 Jahre bei Frau Williams tätig, und das zweite Waschmädchennur" 32. Frau Williams selbst er- tTart,_ m ihrem Haushalt blieben die Dienstmädchen solange, bis sie sich verheirateten oder lns sie alt und grau geworden feien. Bei den fünfen, die den Rekord aiifkgestellt haben, ist an Heiraten allerdings faum' nock zu denken, denn das .Kinder­mädchen zählt 70 Jahre, das Milchmädchen gar 79, die beiden Waschmädchen sind über 60, und nur das erste Zimmermädchen mit seinen 47 Jahren kann den anderen gegenüber noch als jung bezeichnet werden. Das Geheimnis, weswegen die Dienst- mäbchen solange auf einer Stelle bleiben, erklärt Frau Williams nn> unvollständig, wenn sie angibt, die Dienstboten hätten je vierzehn Tage Urlaub int Sommer und wechselten an den Sonn­tagen mit freien Vor- und Nachmittagen ab.

Frauen, die diese großen Unternehmungen in die Hand nahmen,I Die neue Linie. Aus Paris wird uns geschrieben: Prinzessinnen und Hofdamen, Schriftstellerinnen, wie Rahel LevinJ Auf dem Gebiet der Frauenmode ' ' treue Hausmütter, wie die Frau des Philosophen Fichte und die r"-3 -------- r ' "" r'