Ausgabe 
26.7.1913 Viertes Blatt
 
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Nr. 175

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^s» 51. Redakt!on:Li^ll2. Tel.-Adr.:AnzeigerGuchen»

Tie Eichener FamtlienblStter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigclegt, daS Kre.'sblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. TieLandwirtschaftlichen Seit» /ragen" erscheinen monatlich zweimal.

gctie Amerikas, die sich oft, in Wort und Schrift, stolz ver­messen hatte, nie zu heiraten, und die, wo es nur ging, der Männerwelt ihre Verachtung ausgedrückt hat! Sic hat sich doch dem LiebeSgottc beugen müssen, denn soeben kommt aus London die Nachricht, daß sie sich im geheimen mit einem Herrn Boisse- vain verheiratet hat. Ein Schrei der Entrüstung geht durch die Scharen der englischen Zufsragettrn und hat bereits in Amerika ein lautes Echo gefunden. Miß Milholland war eine der ersten Führerinnen der amerikanischen Suffragetten. Sic ivar Advo katin und hat mehrere Prozesse mit großen Erfolg vor dem Ge­richtshöfe in New Pork verfochten, so z. B. einen bekynnten Mord- prozeß und einige verwickelte Ehescheibungsprozesse, deren sic sich stets mit besonderer Wärme angenommen hat. Sie hat an allen Suffragcttcndcmonstrationen tcilgcnommcn und mehrere Schriften für das Frauenstimmrecht geschrieben. Jetzt hat dies alles ein Ende, denn es ist noch nicht einmal sicher, ob sie ihren Beruf wieder aufnchmen wird: sicher aber wird sie dem Susfragetten- tum den Rücken kehren. Sie hat ihren fetzigen Gatten erst vor vier Wochen auf einem Schiff in New Pork kennen gelernt und darauf mit ihm eine Reise nach Europa gemacht. Unterwegs hat sich dann das Liebeswunder vollzogen, so daß sic bei ihrer Ankunft in England bereits entschlossen war, das Joch der Ehe auf siel) zu nehmen. Aber es sollte rasch, möglichst rasch und ganz im geheimen geschehen. Aber die aufregende Nachricht sickerte doch in die Oeffentlichkcit durch. Das junge Paar hielt cs auf alle Fälle für gescheiter, die kirchliche Trauung in Hol­land vollziehen zu lassen. F-rau Boisscvain kennt die Suffragetten.

D i c Polizistinnen von Chicago. Tic Bürger von Chicago werden binnen kurzem Gelegenheit haben, die Wirl- I am feit von weiblichen Schutzleuten kennen zu lernen, denn der Bürgermeister Harrison hat den Plan gefaßt, 10 Frauen ver­suchsweise im Schutzmannsdienst einzustellen. Ihnen soll im be­sonderen die .Aufgabe zusallen, die öffentlichen Gartenanlagen und den Badestrand zu überwachen: außerdem werden sie im Zu­sammenhang mit den Ausgaben der Iugenogerid-rshöic Verwen­dung finden. DieSchuyfrauen" vonChicago erhalten Uniform und als Abzeichen einen Stern.Ich bin fest überzeugt," äußerte sich der Bürgermeister,daß auf gewissen Gebieten Frauen Polizei pslichten viel besser ausüben tonnen als Männer. Sie können nickt nur die Spielplätze und Parks, sondern auck die ösicntlichen Vergnügungsanstalten und Tanzsäle überwach n und besonders aus jenen Gebieten arbeiten, wo cs die Wahrung der Moral junger Mädchen gilt. Schutzmänner werden mit der Zeit leicht hartherzig, Frauen werden milder und verständnisvoller sein und mehr Gutes stiften fönnen."

Dcritschc Kolontcit.

Berlin, 24. Juli. Der von derStändigen Ausstellungs­kommission für die Deutsche Industrie" organisierte Heimische Arbeitsausschuß für dieII. Allgemeine Deutsch- O st afrikanische Landes-Ausstellung Daressalam 1914" hatte sich gestern zu einer Sitzung vereinigt, an der außer Geheim rat Bnsley, dein Vertreter des zurzeit auf R.isen befind­lichen Präsidenten der Sündigen Ausstellungskommission, Geheim­rat Goldberger, der Regicrungslbnimissar Geheimer Oberregie-

Samstag, 26.3uli 1915

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universums - Buch- und Steiudruckerei.

R. Lange, Gieße».

dahin, ausdeutet, daß jede Blume einem Stern entspräche und die Astrologie eine Blumensprache sei, ist beeinflußt vom Orient, von dem geheimnisvollenSelam", der Blumenbotschasr.

Goethe bat diese in der Eintönigkeit des Harcrnslebens erfundene Art der Liebes/orrespondenz, über die zuerst die Lady Montagne in ihren Briefen aus der Türkei genauere Mittei­lungen machte, in den Noten zum West-östlichen Tiwan ausführ­lich geschildert:Wenn ein Liebendes dem Geliebten irgend einen Gegenstand zusendet, so muß der Empfangende sich das Wort aus- sprecken und fud;en, was sich darauf reimt, sodann aber aus­spähen, welcher unter den vielen möglichen Reimen für den gegenwärtigen Zu stand passen möchte. Daß hierbei eine leiden­schaftliche Divination obwalten müsse,, fällt sogleich in die Augen." Hauptsächlich, wenn auch nicht ausschließlich, werden Blumen bei diesen Vcrsspielen verwendet, und so reimt denn Goethe in dem kleinen Roman, den er als Beispiel ansührt: Amaarantc Ich sah und brannte. Nellen Soll ich ver­welken. Narzissen Du mußt es wissen. Veilchen Wart ein Weilchen. Maßliebchen Schreib nach Belieben. Nacktviolen Ich laß' es holen. Myrten Wilf dich bewirten. Jasmin Nimm mich bin."

Die Deutungen, die in den schriftlich festgclcqten und auch wohl heute noch benutzten Blumensprackcn gegeben werden, sind sehr verschiedenartig. Jfl5 Beispiel seien angeführt: Tulpe Liebeserklärung. Myrte Liebe. Rote Nelke glühende Siebe. Gelbe Rose Untreue. Weiße Rose Schweigen. .Heliotrop Liebesrausch. Moos mütierlid e Siebe usw.

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kf. D i c erste Landmesser k'n. Wieder eine weibliche Eroberung! Zum erstenmal hat eine Frau die Staatsprüsung als Sandmesscrin bestanden, und zwar ist cs Dänemark, wo dieser Erfolg erreicht ivordcn ist. Fräulein Edcle Bcntzon ist selbst die Tochter eines bekannten dänischen Landmessers. Sic studierte zuerst auf dem Polytechnikum, an dem sie auch ein Examen ablcgte, wandte fich aber dann der Landvermessungs- kunst zu, die in ihrer Familie seit alters herkömmlich ist. Ihre Absicht war, später bei ihrem Vater zu arbeiten. Durch diese Rechnung hat nun freilich Freund Amor, der Schalk, einen Strich gemacht. Fräulein Landmesser heißt jetzt Frau Edelc .stavser, und da ihr Gatte bei einer Zementfabrik in Chile Anstellung ge­funden hat, so wird Frau Edele ihm in das Land des Salpeters nachreisen. Ob sie nun dort von ihrer Landvermessungskunst noch wird Gebrauch machen können, das muß die Zukunft lehren.

Jf. Die schönste Suffragette. Sie hat sich doch beugen müssen, die junge Miß Inez Milholland, die schönst« Gusfra-

Frarreir-riundfcbau.

Die Blumen spräche.

In einer Novelle von RoseggerDer Liebst ist mein Glaube !" nimmt das liebende Mädchen am Abend aus dem Schrank ein weit im Hintergründe verstecktes Büchelchen hervor und blättert bariji.Es war das Brevier so manck-er schönen Mädchen, der (Dolmetsch so inancher Licbesleutc, so lange sich dieselben noch durch die Blume lieben es war dieBlumensprache". Ein Sträußck)en mit Kümnielstengeln und Kleeblättern hat ihr der Bursch gegeben, und nun sucyt sie erst unter Kümmel nach, wo die Worte stehen:Noch soll es niemand wissen, baß^ich und du uns küssen," und dann beim Allee, wo es heißt:Ich liebe did) immer, ich liebe dich beut, uno werde dick) lieben in Ewig­keit." Da drückt sie das Sträußlein beseligt an das Hcrz.

Dies anmutige Bildckien aus dem Bauernleben zeigt, daß die grauen auch beute die Blmnenspracl)e noch nicht 'verlernt haben; besonders in ländlichen Kreisen findet das uralte viel­sagende Spiel seine Verehrer, und so lange Liebende mit andern Augen als der gewöhnliche ©tcrblidic in die Natur blicken und in den Kindern Florcns ein Sinnbilo ihrer Geheimnisse jdyaucn, wird diese stumme Sprache nid'.t vergessen werden. Mag man im BlumenkultuS der alten Inder und Chinesen, in den schönen Blumenmythen der griechischen Sagenwelt Vorboten der Blumcn- sprache erblicken in unsere deutsche Welt hat sie doch erst ihren Einzug gehalten, als die Kreuzzüge das Abendland mit bem Orient in Berührung brachten.

3ni Mittelalter sind Blumen Symbole von ^.ugciiocn: die Qtfic Sinnbild der Reinheit und Unschuld, die Rose der Liebe und Freude: and? oas Veilchen, der Bote des Frühlings, tritt ah das Zeichen hoffender Sehnsucht aus. In. der Spätzeit der Minnesänger beginnt man dann den Blumen besondere Bedeutung Leizulegcn und die Blumenspiclc der Provence sind ein Aus­fluß dieser Blumcnzcickzcnsprache. Die Symbolik knüptt zunächst an die Farbe der Blumen an. Das blaue Vergißmeinnicht deutet auf sinniges Gedenken, das braune Habmichlreb auf bescheidenes Weben, der rosenrote Herzenstrost auf süße Erfüllung, der weine Sckaabab auf falte Wweisung. Später künden nur noch die Namen von dem tiefem Sinn der Blumen: Wegwarte und Wohlgemut, Jelängerjelieber und Maßlieb, Ungnade, Leid und stteue. Tag und Nacht usw. So vielsagende Bezeichnungen sprechen für l'ck selbst. Im Liederbuch der Klara Hätzlerin ist eine solch alte Wlnmensprache aufl ewahrt, in der aud) schon das Blumenorakel derRupfblume" erscheint. . t m _

All diese Blumenmystik, dte z. B. der große Arzt Paracchus

rungsrat Haber, der Gencraldireltor Sorge, Magdeburg, unb auch der aus Afrika zurückgekebrte Vorsitzende des Kolonial Wirt­schaftlichen Komitees, Herr Supf, teilnahmen. Tie Beratungen galten im wesentlidwn der cnbgültigcn Festsetzung ocr für mutter - ländisd e Aussteller bestimmten Ausstellungsbedingungen. Aud) wurde beschlossen, sich an weitere interessierte Kreise wegen der Beschaffung der notwendigen Gelcnnittcl zn wenden. Ferner mürbe in Ausfidst genommen, die Eröffnung der Mittellanobabn sowie das 25jährige Jubiläum der Schutztruppe, zu deren Feier die Ausstellung^statifindet, zur Organifaiion einerDeutsch - O st - Afrika-Schau" zu benutzen, in deren Rahmen aud; die Ein­weihung der vorn Kol-mial Wirtschaftid^u Komitee projektierten Masd inistenstlule in Daressalam, Reisen in das Innere der Kolonie zur Besichtigung des Planlagengebietes der Mittelland- unb der Usambara Bahn, cd. Iagoausslüge mit der Nordbahn in das Kilimandscharogebiet und nach Nairobi, sowie Besud>e von Sansibar usw. figurieren sollen. Die (Geschäftsstelle des Hei- müden Arbeitausschusses, an die alle Anfragen zu richten sind, befindet fich Berlin f>IW. 40, Roonstraße 1.

2(315 Sfaöt uitö Land«

Gieße n, 26. Juli 1913.

Warnung für Pilzcsuchcndc.

Allmählich ist die Zeit hcrbciackommcn, wo man beginnt, eß­bare Pilze zn sammeln unb sie zn verarbeiten. Jedoch scheinen alle Zeitungsmeldmigen über Pilzvergiftungen noch nicht genügend Wirkung ansziniben, beim stellcnweis wird mit schrecklichem Leicht­sinn nmgespnmgen. Zur Warnung mögen einige Beispiele aus dem Vorjahr, die ich persönlich erlebte, erwähnt werben. Ein- Iciiber ging ivährenb der Grummeternte an ber Lahn spazieren. Durch Zufall fanb er einige Pfund Wiesenchampignons, die er mit« nahm. Beim Weil ergehen bcobacbtelc er einen Lanbinann, der Grummet mähte, hie unb ba auf hörte und einen Pilz aus bem Gras nahm unb ihn beiseite auf seinen Rock legte. Einseiiber be­trachtete bic Pilze und sah mit dein erster Blick, baß bei einer arößcreu Anzahl von echten Champignons auch eine Anzahl falfdicr Chamvignons, sog. Kiiollciiblötterpilze sich befanben. Er fragte beu ibn mißtrauisch beobachlcnben Wann, ivas er bannt zu hm gedenke, ivorauf jener schnell nnlivortclc, diesmal nähme er sie sich mit nach Panse, gestern unb vorgestern hätte er sic verschenkt. Ich hatte meine Last, ben Mann zn überzeugen, baß er in sein sicheres Verberbcn renne; erst wollte er sie bod) munehmen unb ben Herrn Lehrer eiitscbcideii lassen. Da nahm Einsenber kurz eutschlosseu ben Rock samt Pilzen, cd)ten wie unechten unb sdnitlcie sic in bic Lahn, fstls Erfaß gab er bem verbatst breintchancnben Lanbmann einen T"il seiner Pilze samt mi'mblichcr (ticbraudiöamvcifnng unb er­klärte ihm bic Merkmale echter unb fogn. falscher Champignons.

Der anbcrc Fall ist noch braftiichcr. Id) traf auf bem Trieb einen pilzcsammelnbcn, ärmlich gcklcibcten Jungen. Nach anfäng- lidicm Zögern zeigte er feine Sammclobjcfie. Tie war aber em schönes Sammelsurium: echte Champignons von ben kleinsten bis zu ben ältesten, halb verfaulten unb mabenblirchsetsten, bann Bo­visten und Staublingc vcrjrhiebcncr Garnitur, ebenso Parasolc alt unb jung, zwei bis bvei Fliegciipilze, ein großer, vermurmter Steinpilz, Täublinge jebev Farbe unb Große usw. In bet Tasche hatte er gefonbert noch Eierpilze, gemischt mit einem Stamm Schwcfelköpschcn. Ta bet chva 12 Jahre alte Junge nicht zu be­wegen wat, feine Bente zu vernichten, fragte id; ihn aus, erfuhr, baß seine Mutter, eine Witwe, ihn zum Sammeln geschickt habe, er sei schon ein paarmal mitgeweseii.

Ta id) keine Zeit halte, bic Fran persönlich aufznsuchcn, gab ich bem Jungen einen Zettel mit unb teilte der Frau mit, unter keinen Umständen auch mir teilweise Gebrauch von bem Ge­sammelten zu mache». Eine fvälerc Nachforschung nach bet Fran ergab, bas; bet Junge gelogen batte; sicherlich wirb aber die schrift­liche Warnung ihre Wirkung nicht verfehlt haben. Ter drille Fall betraf einen hiesigen Geschcisismann, dessen Lehrling im Philv sopemvold alles pilzahiiliehe mitgenommen hotte. Dieser war je­doch so vorfid)tig, die Pilze erst von meiner Mutter unter|itd)en zu lasten, b. (> ohne ein Wort worb bos ganze Sammelcrgcbnis bem Kehrichttasten einverleibt. Aehnlid; verfuhr id) mit einem Rncksock voller Pilze, bic ein hiesiger Hotelier mit seinem Söhnchen heimgeholt hotte. Mon sicht, mit weid) un­glaublichem Leichtsinn mit bem Leben gespielt wirb. Tadelnswert ist auch bas ollznlangc Slufbcben gepflückter, eß­barer Pilze, wie es z. B. in ben Gemüsebonblungen gefchieht. Id) soh im vorigen Jahr auf dem Tlarft Pilze (Ehampignons, alle offen), die mindestens schon 2 Tage gepflückt waren. Am liebsten Höste id) einen Schutzmann geholt und bic Vernichtung beantragt. Auch augenblicklich ficht man Pfifferlinge (Eierpilze) m Läden zum Verkauf arisgebotcn. Tic Hönbler iviffcn ivobl nicht,

über die ganze Besoldungsvorlagc zu gelangen. Wäre bas zu- trcficnd unb würden fich bic Mitglieder wirklich sämtlich diesen Bortchlägen anjdjlieren, so würde damit bic Schassung eines pcnlivnslähigen Wohnuugsgelbcs für die hesfifchcn Beamten als gefcheiterl betrachtet werden müssen: man meint das um so leichteren Herzens zugeben zu lönncn, als bei der jüngst in Elsaß Lothringen vcrabfchicdcten Besoldungsvorlagc gleichfalls auf die Gewährung eines Wohnungsgeldes verzichtet worden ist.

Nun muß ja zugegeben werden, daß cs für den Beamten schließlich ziemlich einerlei sein konnte, ob die ihm bisher als Wohnungsgeld gezahlte Verbesserung feiner Bezüge zum Gchalt geschlagen und damit co ipso als pensionsfähig anerkannt wirb, ober ob ber Negietungsvorsdstag aur Pensionsfähigmackung des Wohnungsgeldes zur Durd führnng täme. Ader der Kernpunkt liegt darin, daß die Wirtfd-afllid,e Bercinignng vorfd)!ägt, den mittleren Satz der Ortsklasse II als Zuschlag zum Gchilt zu berechnen. Dadurch würden zwar die' auf dem Lande tätigen. Beamten ganz bedeutend aufgebessert, alle Beamten in den größeren Städten aber erheblich geschädigt werden. And) wir sind der Meinung, daß der GrundsatzGleiche Leistung, gleiche Bezahlung" möglid)st strenge zur Durchführung gcbrad?t werden müsse, wie das ja in der neuen Vorlage durch Beseitigung der Unstimmig­keiten und Härten aud) erstrebt wird. Es scheint aber dock zweifel los gerechtfertigt, daß, dem Beamten in der Stadt, der für seine Wohnung wohl das Doppelte gegenüber ber gleichen Wohnung auf dem Lande cmsgcbcn muß, nach den regierungsseitigen Erhebungen vom Jahre 1908 zahlte ein kleiner Beamter, Steuer- aufsehcr, Gendarm usw. in Mainz für anc 34-Zimmcrwohnung etwa 500 Mark, in einer Landstadt für bic gleich große Wohnung 290 Mark, unb in einem kleinen Lanbort nur 220230 Mark; ein akademisch gebildeter Beamter hat in einem kleinen Landort einen durchschnittlichen Wohnungsauchvand von 500600 Mark, in Mainz aber einen soldxn von 10001200 Mari dafür aud) eine entsprechende Entschädigung gewährt wird. Eine mecha­nische Gleichstellung ber Wohuungsvergütung in Stadt und Land durch Gewährung des mittleren Ortssatzes kann daher nicht als den Grundsätzen der Billigkeit Rechnung tragend angesehen werden und wir sind überzeugt, daß. weder bic liberalen Parteien, noch and) bic Regierung eine derartige Sd>ädigung der Beamten iiit den Städtc-n gutheißen weroen.

Bei 2d>af,ung des Wohnungsgeldgesetzes vom Jahre 1907 hat man sich aus guten Gründen und ans der Basis sehr eingehender statistischer Erhebungen über die teueren Lebens'oerhältnisse in den Städten bazu entschlossen, eine entsprechende Differenzierung in ber Wohnnngsgelbvergütung eintreten zn lassen uno die Unter­schiebe sind in brr neuen Vorlage noch wesentlich gemildert wor­den. Es mag Angegeben werden, baß auf manchen Gebieten bic tatsächlichen Kosten der LebenShlltung auf dem Laube höher find, als in ber Stabt, unb baß z. B. brr Besuch höherer Sckml'"'. auf bem Laube zum Teil mit höheren Kosten verknüpft ist. Wir besitzen aber crfrelilichcrweise aud) aus dem Laube sehr viele solcher Sckmlen, und die jüngst von der Regierung verlangte Statistik Hal festgestellt, daß nur 31 Beamte in Hessen ihre Kinder zwecks 2dmlbcfud;s nach auswärts in Pension gegeben haben, während die Kinder von 160 Beamten eine ansroartifle Schule mit der Bahn oder zu Fuß benutzen. 9Cuf ber anderen Seite wurde er­mittelt, daß von 2813 Beamten ohne Dicnsrwolmnngen 2024 in den Städten Mainz, Darmstadt, Offenbach, Worms, Gießen unb Bingen wohnen, also etwa 72 Prozent, die einen sehr be­trächtlicheren Mchroufwanb für ihre Wohnungen zu beffreitm haben, alö ihre Kollegen auf dem Lande.

Schon diese Zahlen genügen wohl, um barzutun, daß eine völlige Gleichstellung ber Bezüge unserer Beamten in Stabt unb Lanb nicht angängig ist. Das sehen ja au di die Herren selber ein, und deshalb sind sie bereit, in den größeren Städten fog. Stellen'.nlagen zu b.billigen. DaS ist trotz ihres einmütige» Festhaltens an den Rid?llinicn vom 4. Juni geschehen, und wir helfen, daß sic in ber für Ende August geplanten neuen Versamm hing zu weiteren Bcschlußßrssungen bereit fein werden, bürd'- treldw eine endgültige allseitige Verständigung über die ganze Besoldungsvorlagc ermöglicht werden wirb!

Der Wohnungsgeldzuschutz.

Ja den gegenwärtigen Kämpfen um die heffifche Besolbungs- vorlage spielt bekanntlich schon seit längerer Zeit bic Frage bes Wohmingsgelbzuschnsscs resp. bessen von ber Regierung zugunsten ber Beamtenschaft vorgeschlagenen Verbesserung bic Hauptrolle unb zwar infolge ber scharsen Stellung, die die Wirtschaftliche Vereinigung der Zweiten Kammer dagegen einnimmt. Bis zum Jahre 1907 kannte man in Hessen das System des Wohnungsgelbes über- hmipt nicht. Es wurde eingcsührt durch bas diesbezügliche Gesetz vom 28. März 1907 im Hinblick ans die schwer drückenden Teuecungsverhältnissc und die von säst allen Bcamtenkategoricn Angegangenen Vorstellungen und Wünsche nach Verbesserung ihrer Eink»mmensvcrhältnisse: teils wurde darin eine Neuregelung ber Gehälter, teils bic Gewährung von Teuerungszulagen ober Woh- nungSgclbzu>chüfsen verlangt. Da eine allgemeine, burdjgrciicnbc Gchchtsaufbesferung sowohl lange Vorbereitungen im Schoße ber Regierung, wie nickt minber lange Beratungen in ben parla mentorischen Körpcrschasten ersorberl hätte, hier aber vor allem eine schnelle Hilfe nottat, so entschloß sich bic Regierung nach dem Torgchen bes Reick)cs unb verschiedener Bundesstaaten, den Wünsecn der Beamten durch Gewährung eines Wohniiiigsgclb- zuschujscs Rechnung zu tragen. Das damalige Gesetz bestimmte, daß das Wohnungsgeld in den Städten Darmstadt, Mainz, Offen' bad), Gießen, Worms und Bingen für Beamte nut einem Ein­kommen bi5 2000 Mk. 12 Hundertteile und für Einkommen über 2000 Mk. 8 Hunbertteile, für Beamte in den übrigen Orten bei einem Einkommen bis 2000 Mk. 8 Hundertteile und für bic höheren Einkommen 6 Hundertteile betrage» sollte. Sckwn da­mals wurde seitens der ländlichen Kammervertreter durch den An traf Xvrcll der von der Zweiten Kammer abgelebte Versuch gemacht, den Unterschied im Wohnnngsgeld zwischen den Be am Im der größeren Städte und denen der kleinen Städte und des Landes zu beseittgen.

In ber jetzt zur Beratung stehenden Besolbnngsvorlage soll nun die Besserstellung der Beamten einmal durch die Neurege­lung bes WohnnngsgeldeS unb Wegfall ber Dienstwohnungs- mietn, anbererfeits durck) Verbesserung und organische Revi­sion der Beamtengchältcr erfolgen: für das neue Wohnimgsgelb hat die Regierung auch die Anrechnung auf die Pensionsbezüge beattragt. DaS Wohnungsgeld soll darnach nach drei Ortsklassen enifctcilt werden, bereit erste wieder die Beamten der größeren Stkdtc in sieben Klassen mit 3501700 Mk. Wohnnngsgeld- Tufchuß, die zweite 15 kleinere Städte mit 5 Beamtengruppen Vtrt 260 800 Mk. und die dritte alle übrigen Orte des Groß- herzogtumS mit ebenfalls 5 Bcaintengrnppen von 220700 Mk. umfassen soll.

Gegen diese Difserenzierung der Wohnnngsgeldzuschüsse zwi­schen beit Beamten in Stabt und Land hat nun dieWirtschast- liche Vereinigung" ber Zweiten Kammer in schärfster Weise Stel­lung genommen unb, wie berichtet, in ihrer Sitzung am 4. Juni eine Erklärung beschlossen, worin sie 1. bic unterschiedliche Be­handlung der Beamten von Stadt und Land in Wohnungsgeld auf das entschiedenste ablehnt"; 2. mit ber Schaffung ber neuen Besoldungsordnung die Einführung der preußisck>en Grunbsätze über Ruhegehalt und Hinterbliebenenvcrsorgiiug fordert: 3. die Durd;- fühnmg bes GrundsatzesGleiche Vorbildung, gleiche Bezahlung" verlangt: 4. bedauert, daß die von der hessischen Vvlkssdnil- lchrerschoft erstrebte volle Gleichstellung mit den mittleren Finanz- beamten zurzeit aus finanziellen Gründen nicht erreichbar ist und 5. sich bereit erklärt, die von der Regierung zn Befolbnngszwecken angeforderlen Mittel zu bewilligen, soweit dies ohne Erhöhung der StaatSsteuern geschehen kann.

ÄeWirtschastliche Vereinigung" hält bic ganze, durch bas Gesetz vmn Jahre 1907 eingeführte Gewährung eines Wohnungs- aelbzuschusses für eine unglückliche Idee unb erstrebt in erster Linie die vollstänbige Beseitigung desselben. Sic will, daß an Stelle bieses Wohnungsgcldes ein entsprechender Betrag dem Ge­halt der Beamten zugejchlagen und dieser möglichst gleichmäßig für bic Beamten in Stadt unb Land gestaltet werde. Nur für Mm ter, bei benen eSnotwenbig" erscheint, schlägt sie bie Ge­währung von Stellenzulagen vor, bic aber nicht pensionssähig sind, und) Möglichkeit beschränkt und nur aus den Stelleninhabcr bewilligt werden sollen. In Rücksick! am die teueren Wohnungs- Verhältnisse in Mainz, Darmstadt, Offen bad) und Worms will sic den Beamten dieser Städte die erwähnte Zulage bewilligen, die sie aber für Gießen mit ihren billigeren Mietspreisen nicht für notwendig hält.

Man versicherte uns, daß die Regierung sich diesem Plan gegenüber durdiaus nicht ablehnend verhalten, jondcrn sich schon bereit erklärt habe, auf bicicm Boden mit der Wirtschaftlichen Bereinigung zusammcnzuarbciten, um so zu einer Verständigung

Mettes Blatt 165. Jahrgang

Erscheint ISyNch mit Ausnahme bes Sonntage. JtS* T Ä A *

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

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