Ausgabe 
25.1.1913 Viertes Blatt
 
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Viertes Blatt

Nr. 21

165. Jahrgang

Eichener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Oberheffen

Die(Siebener Famtlienblätter" werden dem Anzeiger" oiermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Siehen" zweimal wöchentlich. TieLandwirtschaftlichen Seit« fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Samstag, 25. Januar 1915

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universiläls Buch- und Steinbrnderei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: 51.

5lebrtftion:e^ll2. Tel.-AbruAnzeigerGießen.

Vie Mönchsrepublil vom Serge Athos.

Die tpafbinfel Athos, von der dieser Tage berichtet worden war, daß sie laut Beschluß der Großmächte iirtcr- uationalisiert werden sollte, ist die östlichste der drei Land­zungen, die sich von dem Massiv der Chalkidike ins Aegä- ische Meer hinaus erstrecken. Sie besteht aus einem reich bewa d ten Höhenzug, an d ss'n Süd pitze sich der st .lze Marmorkegel bev A^hos'derges 1935 Merer über dem Meere erhebt. Die Verbindung zwischen der Hülbinsel und dem Festlande wird nur durch eine ganz schmale Landbrücke hergestellt, die Lerx es einst zu durchstechen gedachte. Dann schweigt die Ueberlieserung mehr als ein Jahrtausend vom Athos, bis in christlicher Zeit sich fromme Einsiedler den weltabgelegenen Berg zur Stätte ihres beschaulichen Da­seins erwählten.

Schon im achten Jahrhundert nach Christus lebten dort zahlreiche Mönche in mehreren Klöstern. Nach diesen Ein- wohnerm hat der Athos den NamenH a g i o n O r o s" Heiliger Berg" erhalten, mit dem er noch heute auf den Karten verzeichnet ist. Das Haup'kloster der Berggemeinde. die sogenannteLaura" des heiligen Athanasios, ist im Jahre 963 gestiftet worden. Sechs Jahre später erhielten die Mönche von dem griechischen Kaiser ihre Grund­verfassung. Ra'ch blühte nun die Klosterrepublik auf, von der Gunst des Kaisers und der maßgebenden Kirchenfürstcn gefördert.

Es waren nicht nur griechische Mönche, die auf den Athos zogen, sondern auch Angehörige der anderen Nationen der orthodoxen Kirche. Georgier aus dem Kaukasus waren es, die das Kloster Jwiron bevölkerten: Bulgaren und Serben ließen sich daneben in Zographu und Chiliantari nieder. Sogar aus Italien sind Einsiedler auf denHeiligen Berg" der Griechen gezogen; besonders Bewohner der da­mals blühenden Handelsstadt Amalfi. Mit allen Herrscher­geschlechtern, die bisher auf dem Balkan geboten haben, wußten sich die Mönche gut abzufinden. Auch als die Türken Mazedonien eroberten, haben sie die Mönchsrcpriblil. nicht angetastet. 9hir wurde die Gemeinschaft des Athos unter die Aufsicht eines türkischen Beamten gestellt, der in dem Orte Karyäs auf der Halbinsel feine Residenz aufschlug. Die jetzt gültige Ordnung der Klöster stammt im ivesentlichen ans dem Jahre 1783, als ihre Verfassung durch den Patri­archen von Konstantinopel geregelt wurde.

Die höchste Gewalt auf den: Athos ist die Synaxis, die Versammlung der Vertreter eines jeden der zwanzig Klöster. Sie bildet einen Ausschuß von vier Männern, der die laufenden Geschäfte zu erledigen hat, und sein Vorsitzender, der Protepistates, ist gewissermaßen der Präsi- sident dieser kleinen Republik von etwa 5000 Bürgern.

Der größte Schatz, den die Manern der Athosklöstcr in sich bergen, ist ihre großartige Sammlung altgrie­chisch er H and s chri ften. Es sind über 10000 Codices, die älteren auf Pergament, die jüngeren schon auf Papier geschrieben. Die Bibliothek ist besonders für das Studium der byzantinischen Literatur und Kultur von größer Be­deutung; ein Gebiet, dessen wissenschaftliche Durchforschung noch in den ersten Anfängen steht. Einen genauen Katalog der Athoshandschriften hat der große griechische Gelehrte Lamb ros hergestcllt. Interessant sind auch die vielen Bevorzugungen, die den Klöstern ursprünglich von den Kaisern und später von den Sultanen gewährt Word n sind.

Obwohl die Athosmönche als Sammler und Lopisten von Handschriften sich um die Wissenschaft hoch verdient ßeiitod)t haben, legen sic selbst aus gelehrte Studien kein en

allzugroßen Wert. Man darf eben nie vergessen, daß das I orthodoxe Mönchtum über geistige Arbeit ganz anders ur-I teilt, als das abendländische. Die katholischen Klöster des Westens haben stets die gelehrten Studien gepflegt; für den orthodoxen Mönch gehören dagegen Wxsenschaft und Kunst zurWelt", also zurSünde". Trotzdem haben die Athosnlönche im Jähre 1749 eine Akademie gestiftet, die für die griechische Bildung viel geleistet hat; lei; er ist sie zu Anfang des vorigen Jahrhunderts der Feindschaft der türkischen Behörden erlegen.

^Die Regeln, nach denen die Bewohner des Athos leben, sind sehr streng. Lange Fastenzeiten sind vorgefchric- ben und reichliche Askese. Das Gebot der Keuschheit wird so streng genommen, daß kein weibliches Wesen dieHalbinselbetreten darf. Die frommen Mönche vermeiden es sogar, weibliche Haussiere zu halten! Ihre weltliche Tätigkeit besteht aus Gartenbau und Fischfang, aus Holz und Elfenbeinschnitzerei und aus der Herstellung von Heiligenbildern. In der Malerei haben die Mönche Ansehnliches geleistet. In den Klöstern befindet sich eine große Anzahl von Fresken und wer wollen Tafelbildern. Die alte byzantinische Tradition, die sonst überall seit der Er- obcrung von Konstantinopel durch die Türken abgerissen ist, besteht auf dem Berge Athos bis auf den hurtigen Tag.

Neben den^ Klöstern der strengen Richtung gibt es auf dem Athos auch die Reform gemeinschaften deridio- rhvtmischen" Mönche, die ihre weltliche Gesinnung so weit treiben, daß sie z. B. außerhalb der Fastenzeit Fleisch und Eier essen. Die Angehörigen dieser Klöster legen auch größeren Wert darauf, im Zusammenhang mit der modernen Wissenschaft zu bleiben.

politische Tagesschau.

Ein bundesstaatlicher Finanzminister über die Besihstenervorlaae

Einem Berichterstatter gegenüber hat der oldcnburgische Finanzminister R u h st r a a t I über die Besitzsteuer'fragc folgendes geäußert:

Die oldenburgische Regierung vertritt den Stand­punkt, das; die direkten Steuern den B u n d e s st a a t e u verbleiben müssen, wenn sie auch künstighin in der Lage sein sollen, die wachsenden Kulturausgabeu, die versassuugsgemäß den Bundesstaaten obliegen, zu erfüllen. Wir haben daher er­hebliche Bedenken gegen das Uebergreifen des Reiches in das Steuergebiet der Bundesstaaten. Aus dieser prinzipiellen Stel­lungnahme ergibt .sich naturgemäß unsere Haltung zur Besitz- steuerfrage. Unser Standpunkt ist der, daß das Reich bestehende indirekte Steuerquellen weiter ausbauen soll, und demgemäß sind wir für eine weitere Ausgestaltung der Erb­schaftssteuer (Erbanfallsteuer oder Erbzuwachssteuer) einge- trcfen. Wir verkennen nickt die Bedenken, die, angesichts der parlamentarischen Verhältnisse und der ablehnenden Haltung eines großen Teiles der bürgerlichen Parteien, gegen den wei­teren Ausbau der Erbschaftssteuer sprechen. Trotzdem haben wir aus den vorerwähnten Gründen einer Vermögenszuwachs- steuer nicht z u st i m m e n können, behalten uns allerdings unsere endgültige Stellungnahme noch vor, bis wir den Entwurf des Reichsschatzamtes kennen. Für uns, und wahrscheinlich auch für andere Bundesstaaten, wird die Entscheidung davon abhäugen, cb sich nicht die Notwendigkeit ergibt, dem Reich zu nationalen Zwecken, bezw. zur weiteren Ausgeftalttiug unserer Wehrmacht, neue E i n u a h m e q u c 11 e n z u erschließen, und in diesem Falle müßte jedes Bedenken hinter die Sicherheit des gemein­samen Vaterlandes zurücktreten.

Die Bundesstaaten sollten nicht so viel mitGrund­sätzen" operieren. Es wird aber doch eine wirkliche Be­sitz st e u e r kommen müssen.

Börsen-Wochcnbericht.

= Frankfurt a. M., 24. Januar.

Die Börse hat eine Enttäuschung erfahren. Während mau damit gerechnet hatte, daß es aus dem Balkan zum Frieden kommen werde und man die Zuversicht hegte, daß die politische Beunruhigung überwunden sei, hat die Umwälzung in der Türke, alle Hoffnungen zunichte gemacht. Zwar läßt sich ein klares Bild über die Folgen der Vorgänge in der Türkei noch nickt gewinnen, eines ist aber fieber, die Aussicht, daß in Europa endlich Frieden und Sicherheit einkehren, ist wieder auf längere Zeit vernichtet. Tie Perspektiven, die sich damit eröffnen, spie­gelten sich in der Haltung der Börse deutlich wieder: der Zu­versicht der letzten Tage folgte eilte recht flaue Tendenz. Die Kauflust verwandelte sich in eine starke Verkaufsbewegung, die heftige Kursrückgänge zur Folge hatte. Am Montanmarkt fielen die Kurse, die an den Tagen zuvor ansehnliche Avancen erzielt hatten, wieder 5 bis 6 Prozent .bei einzelnen^Werten, wie Eschweiler Bergwerksaktien, sogar 10 Prozent. Schiff- fahrtsaktien, die schon zu Beginn der Woche unter Hin­weis auf etwaige neue Kämpfe der Gesellschaften untereinander stärkerem Druck unterlagen, wichen weitere' 3 bis 4 Prozent, ebensoviel und Noch mehr Elektrizitätswerte. Andere Industrie- papiere mußten ihre in jüngster Zeit erzielten Kursbesserungen ebenfalls wieder bergeben. So haben Dürkopp und Daimler je 9 Prozent, Hilgers 8 Prozent, Chemische Mannheim 8 Prozent, Höchster 9 Prozent, Scheideanstalt 12 Prozent, Akkumulatoren 13 Prozent und Meyer nahezu 20 Prozent eingebüßt. Auch am Banken markt waren beträchtliche Kursabschläge zu ver­zeichnen. Zu den Realisationen der in den letzten Tagen einge- gaitgenen Engagements gesellten sich Blankoverkäufe der Spe- kulätiou, die den Kursdruck noch verstärkten, zumal es an einer Konti em ine gerade fehlte. Läßt sich auch noch nicht über sehen, wie weit die Konsequenzen der Umwälzung in der Türket reichen, so erfdteint doch sicher, daß mindestens mir einer Verzögerung des Friedensschlusses und mit einer weiteren Fortdauer der Ungewiß­heit und Beunruhigung gerechnet werden muß. Diese Entwick­lung ist für das deutsche Wirtschaftsleben sehr bedauerlich, indesfeu darf man annehmen, daß, wenn nicht iveitere Kom­plikationen politischer Art cintreten, die Widerstandskraft unseres Wirtschaftslebens sich bewähren wird. Vorsicht bei allen ge­schäftlichen Operationen scl>eiut jetzt besonders geboten, wo jede Stunde neue Ueberraschungen bringen kann. Ans dem Geld­markt ist eine kleine Erleichterung eingetreten. Schiebungs­geld steht reichlich zur Verfügung zu etwa 5V4 Prozent und der Privatdiskont hält sich auf etwa 4% Prozent. Fremde Gelber werden zurzeit kaum nach Deutschland gelegt, abgesehen von einigen Beträgen, die Amerika auf kurze Lristeu hier ausge- liehen hat.

Die Bedeutung,

die dem Lebertran als Nährmittel zukommt, ist allgemein anerkannt. Leider können nur wenige dieses schwer ver­dauliche Fett verttagen. Ganz anders verhall cs sich mtt Scotts Lebertran-Emulston, die nicht nur wohlschmeckend, sondern auch leicht verdaulich ist und deshalb die längste Zeit hindurch mit bestem Erfolge als Kräftigungsmittel genommen werden kann.

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Fr«rrien-Fernlleton.

Knnftlererrnncrungcn einer Dame der großen Welt.

Frau Lillie von H eg erm ann-Lindenerone, die tyat-in des langjährigen dänischen Gesandten am Berliner Hofe, . veröffentlicht soeben unter dem TitelIn the eourts of memorh, '185b187.'" ein Memoirenwerk, das eine bunte und anziehende Pjühe von Bildnissen, Erinnerungen und Anekdoten enthält. Frau vou Hegermaun-Lindenerone ist eine geborene Amerikanerin; ihr Mädchenname war Miß Greenough. Sie studierte bei Gareia in London und bei Delsarte in Paris Gesang, und vermählte sich zu Paris in erster Ehe mit einem dort ansässigen amerikanischen Bankier, Mr. Charles Moultou. Als Mrs. Moulton kam sie mit dem Kaiserhdfe in Beziehung; Napoleon und Eugenie erwiesen ihr besondere Gunst, und die 60er Jahre, die die Glanzzeit des napoleonischen Hofes bildeten, sind auch in dem Leben der Memoirenschreiberin ein Höhepunkt gewesen. Durch ihre Be- -,ie>ungcn zum Hofe und als Gesangslünstteriu hat sie damals die Belänitt'chaft zahlreicher Größen des Musiklebens gemacht, >iud hie Begegnungen und Erlebnisse mit den Künstlern dieser Zeit, die sie erzählt, gehören zu den interessantesten Teilen ihres unter­haltenden Werkes.

Vor allem erregt unsere Aufmerksamkeit, was sie von Richard Wagner zu berichten weiß, der damals in Paris sich durch seine schwerste Zeit durchzuringen hatte. 1864 traf Mrs. Moulton den deutschen Meister zum ersten Male bei der Arstin Metternich.Ich sreute mich,, ihn zu sehen, obgleich er so schrecklich streng, feierlich und satirisch ist. Er hatte an allem tlvas auszusetzeu: er fand die Pariser Th.aler siirchterlich schmutzig, ungepflegt, schlechten Stil, schlechte Darsteller, die Orchester zweite Uasse, die Sänger noch geringer, das Publikum unwissend ufw. Er lächelte einmal mit solch einem selbstbewußten Blick und beobachtete die Gesichter der Leute dabei, als wolle er sagen: Ich, Richard Wagner, habe gelächelt!" Aber er kann wohl Ans annefyinen, denn er ist ein Genius." Kurze Zeit darauf lud Mrs. Moultou die Metternichs und Wagner zusammen zum Theaterbesuche in ihre Loge ein. Wagner saß hinter den vornehmen Gästen und tat, als ob er einschlafen müsse. Er fand alles höchst mittelmäßig. Die Oper warFaust", der, wie mich dünkte, schön au: die Bühne gebracht wurde, mit Madame Miolau Carvalho als Margarete und Faure als Mephistopheles. Beide fangen und spickten vollkommen; aber Wagner pustete (Pock>-poched) auf sie int> auf alles sonst.Mscheulich" undgräßlich" weckyelten in ienten verurteilenden Sätzen miteinander ab. Nichts gefiel ihm. Er iturbe ganz nervös und war während des fünften Aktes, wo das -Mett getanzt wird, sehr verdrießlich.Warum hat Gounod dieses idiotische Ballett ein gefügt? Es ist banal und überflüssig. Frankreich ist das einzige Land, wo dieser fünfte Akt gegeben Dafür müssen Sie Goethe tadeln," versetzte die Fürstin Wer,?Warum ließ er Faust in die eltzsäischen Felder ?nn er ihm nicht ein bißchen Tanz seheir lassen wollte ?" brummte Wagner.Goethe hätte viel bester j/bu. rouf ihrem Stroh sterben lassen, und, sie nicht in Tt/j'Srfoof? i wie die Madonna zum Himmel empvrschicken sollen, Jßta / Ballettmusik."Nun," sagte die Fürstin;ich

sehe feinen Unterschied zwischen einem Ballett im Himmel und einem Ballett im Veuusberge."

Was Wagner auf diese nicht mißzuverstehende Anzüglichkeit geantwortet hat, wird leider nicht berichtet. Dagegen hören wir von Mrs. Moulton, wie Rossini über Wagner und feine Musik geurteilt hat. Anher fragte ihn, wie ihm die Vorstellung desTannhäusers" gefallen habe. Rossini antwortete mit einem satirischen Lächeln:Es ist eine Musik, die mau wiederholt frören muß. Ich gehe nicht wieder hin." Er sagte, .daß weder Weber noch Wagner die menschliche Stimme verstünde. Wagners un­endliche Dissonanzen seien unerträglich. Diese beiden Tonsetzer stellten sich vor. Singen heiße einfach die Note entstellen (?); die Kunst zu fingen und ihre Technik würde von ihnen als unter geordnet und bedeutungslos angesehen. Phrasiening und jede Art Feinheit würden überflüssig; das Orchester müsse allmächtig werden. Rossini fuhr fort:Wenn WaMer die Oberhand be­kommt, und das tut er sicher, denn die Leute werden dem Neuen nachlaufen was wird dann aus der Kunst zu singen? Kein bei conto mehr, keine Phrasierung, keine Aussprache. Wozu auch, wenn von einem1 nichts anderes verlangt wird, als bellen? Jedes Coruet ä Piston ist ebenso gut, wie der beste Tenor, und besser sogar, denn es kann noch über dem!Orchester gehört werden. Aber die Instrumentation ist großartig. Darin ist Wagner hervor­ragend. Die Ouvertüre zum Tannhäuser ist ein Meisterwerk: da ist ein Schwung, eine Wucht und ein Ungeftiim1 drin, das einen nicht still sitzen läßt. Ich wünschte, ich Hütte sie selbst komponiert." Von Rossinis Lebensführung weiß Mrs. Moulton allerhand JnteressanreS zu erzählen. Unvergeßlich ist ihr der Anblick seines Schreibtisches geblieben; da lagen Bürsten, Kämme, Zahnstocher, Nägel und aller möglicher Plunder bunt durcheinander und friedlich dazwischen sah man das Rohr, dessen sich Rossini zur Zubereitung seiner berühmten Maeearoni ä la Rossini bedient. Fürst Metternich erklärte, daß keine Macht auf Erden ihn dazu bewegen könnte, eine Speise ä la Rossini an­zurühren, am allerwenigsten die Maeearoni, die, wie er sagte, mit Haschee und allenErinnerungen" des letztwöcktcutlicheu Essens vollgestopft und auf einer Blatte, einem Blockhause vergleichbar, ausgetürmt würden.Mich überläuft jedesmal ein Schauder, wenn ich daran denke." Rossini pflegte sein Haar nicht zu färbe», sondern er trug eine Perücke, oder vielmehr Perücken! Denn wenn er die Messe besuchte, so stülpte er über seine Perücke noch eine zweite, und war es sehr kalt, so kam noch eine dritte Perücke über die beiden anderen.

Wenn Rossini in satt rischen Bonmots groß war, so wurde er doch durch Ander in diesem Punkte noch bei weitem übertroffen. Auber hatte eine unglaubliche Schlagfertigkeit, in jedem Augen­blicke ein Wortspiel, einen Calembourg, einen guten Witz zil fabrizieren; nicht umsonst warEsprit" einer seiner drei Voy- namen. Herr von Persigny stellte Mrs. Moulton dem Tonsetzer vor, und sie bemerkte höflich, sie freue sich so sehr, den Mann kennen zu lernen, von dem man in Paris am meisten spreche. Schlag­fertig versetzte Auber:Ta haben Sie einen Vorteil vor mir voraus, Madame. Ich I-abc nie über mich selber sprechen hören." Wissen Sie (so fragte er die amerikanische Dame bei einer anderen Gelegenheit), was Rossini über mich gesagt hat? Er sagte:Auber ist ein großer Musiker, der kleine,9Nusik macht,"

Mrs. Moulton fragte daraus, was er seinerseits über Rossini gesagt habe.Ich sagte, daß Rossini ein sehr großer Musiker ist und schöne Musik, aber eine scheußliche Küche macht." Wem? er mit der Amerikanerin vierhändig Klavier, spielte, pflegte er das zweite Piano zu übernehmen und vor Beginn ihr gemüttich zu sagen:Ich gebe Ihnen unten am Ende der Seite ein Rendezvous. Wenn Sie zuerst dort ankömmeu, so warten Sie auf mich, und ebenso werde ich es machen." Mrs. Moulton sah den greisen Tonmeister in schwerer Z^it wieder; es war'in den grauenvollen Tagen der Pariser Kommune, daß sie ihn be­suchte. Damals war er schon sehr verfallen, aber froh, sich wieder einmal aussprechen zu können. Er, erzählte ihr, was, für ein unvergleichlicher Librettist Seribe gewesen sei. Er habe seine Texte nur auf das Piano zu legen brauchen und habe dann ruhig seinen Hut aufsetzen und ausgehen können.Wenn ich zurückkam, war die Musik geschrieben die Worte allein hätten es gemackst." Ganz wtzjiderlich berührt das Geständnis dieses erfindungsreichen und heiteren Tonmeisters, daß er beim Komponieren nie eine andere Muse /gekannt habe, als die Langeweile.Unter 'ben Motiven, die man gelungen findet, gibt es keins, dasckch nicht zwischen zwei Gähnansällen geschrieben hätte. Ich lönute Stellen zeigen, wo meine Feder einen langen Zickzack gemacht hat, weil mir die Augen zu fielen und mein Kops auf die Partitur herabsank. Nicht wahr, man möchte sagen, daß es hellsichtige Sonnambule gibt?"

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DieLösung d es K n ö p f - P r o b l em s. Nicht länger mehr soll die Sispphus-Arbeit der Kammerzofen dauern, die die unzähligen Knöpfe, Haken iuid Schließen am1 Kleide der Gnädigen" in nimmermüdem Eifer öffnen müssen; nicht länger mehr sollen weniger begüterte Damen nach einem dienstwilligen Geiste suchen, der ihnendie Bluse aufmacht"; nickt länger mehr wird der Gatte, wenn er im Morgengrauen aus der Gesellschaft zurückkehrt, um die kurzen Stunden des Schlafes betrogen, weil er in stiller Verzweiflung seine Frau von ihrer großen Toilette befreien muß. Im praktischen Albion ist die Lösung gefunden, die Lösung des schlimmen Knöpf-Problems, und zur Freude aller Kammerzofen und Ehemänner, zum Jubel der Dime» selbst, ist die Rettung da: dasS chu el l - Au s z i eh - Kl e i d". Eine findige Schauspielerin, Miß Tarragh vom Repertory-Theatre in Manchester, hat die glückliche Idee gehabt, die ein.großer Londoner Schneider zur Ausführung gebracht hat und die in weiten Kreisen der britischen Frauenwelt Anklang findet. Das neue Kleid ist so sinnreich gearbeitet, daß es nur eine einzige Schließvorrichtung hat und daß man in weniger als einer Minute hinein- und heraus- schlüpsen kann. Mes, was die Trägerin zu tun nötig hat, um von ihrer Hülle befreit zu werden, besteht in dem Ausdrücken eines Knopfes, woraus bei einer kurzen Bewegung das Kleid berunterfliegt. Man stelle sich den tiefen Sinn und den hohen Nutzen dieser Erfindung, über die freilich nähere Einzelheiten: noch nicht verraten werden, recht vor, die Ersparnisse an Zeit, an Arbeit und Aerger, und mlan wird der Schauspielerin einen Lorbeerzweig und dem' Schneüier einen großen finanziellen Erfolg verspreck-en können.