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24.1.1913 Drittes Blatt
 
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Drittes Blatt

165. Iahrgang

m. 20

Gießener Anzeiger

Erscheint ISoltch mR Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Oberheffen

DieGiehener Kamilienblätter" werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Krcisbldtt für den Kreis Eiehen" zweimal wöchentlich. Dir,Landwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.

8reitag, 24. Zanuar 1913

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Blich- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Drlickerei: Schul-

straße 7. Expedition und Verlag:

Redaktion:S-gK112.Tel.-Adr.:AnzeigerGießeil.

Mb. Deutscher Reichstag.

06. Sitzung, Donnerstag, dey 23. Januar.

Am Tische dcS BundcLrats: Dr. Delbrück.

Präsident Dr. Kacmpf eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 Minuten.

Die vergessenen Resolutionen.

Bei der gestrigen Abschlachtung des vom vorigen Jahre noch liegengebliebenen halben Hunderts Resolutionen waren einige von ihnen beim Aufruf vergessen worden. Heute wird auch mit ihnen aufgeräumt. Für die Arbeiter in Glashütten und die Ziegeleiarbeiter sollen nach Resolutionen der Sozial­demokraten, die Annahme fanden, die Bundesratsvcrordnungcn geändert und erweitert werden, und ebenso fand die Forderung des Zentrums eine erhebliche Mehrhc't, wonach die Negierung um eine Denkschrift über die wirtschaftlichen, gesundheit­lichen und sittlichen Wirkungen der deutschen Arbeiterschutz- und Arbeiterve'r sicher ungs- gesetzaebung ersucht wird. Die Regelung der Arbeitszeit und Ruhepausen im Gastwirtsgewerbc konnten dagegen die So­zialdemokraten als Gcsetzesfordcrung nicht erreichen, und ebenso­wenig der Abgeordnete Mumin seine Resolution auf Erweiterung der Bundesratsverordnung über den Betrieb der Ablagen der Großeisenindustrie durchsetzen.

Set achle Tag beim Ekal des Reichsaniks desZnnern.

Für Unter st ützung der Familien von Reser­visten sind 3 909 000 Mark angesctzt, 297 000 Mark mehr als im Jahre zuvor.

Abg. Rauch (Soz.) begründet eine sozialdemokratische Resolution, die Unterstützungs­sätze allgemein zu erhöhen. Mari solle der Unterstützung nicht den ortsüblichen, sondern den wirklichen Lohn zugrunde legen.

Ministerialdirektor Dr. Lewald:

Die zu diesem Zwecke ausgeworfencn Summen sind in den letzten Jahren ziemlich regelmäßig um 300400 000 Mark ge­stiegen, icht bis auf fast 4 Millionen. Wird die Armee vermehrt, so wird diese Steigerung noch rascher vor sich gehen. Da den Ent­schädigungen die ortsüblichen Löhne zugrunde gelegt sind, so wird bei der allgemeinen Steigerung der Löhne sie sich sowieso er­höhen. In vielen Fällen beziehen ja auch die Einberufenen Lohn und Gehalt weiter, und sie brauchten also doch Wohl nicht entschädigt zu werden. Die Zahl der Einberufenen, die auf Un­terstützung rechnen müssen, ist nicht ganz so groß wie cs scheint. Auf jeden Fall würde die generelle Durchführung der vorgeschla­genen Erhöhung recht ernste finanzielle Konsequen­zen nach sich ziehen.

Abg. Erzberger (Zentr.)r

Wir werden für den Antrag stimmen, wenn wir uns auch den Weg, den die Sozialdemokraten wählen wollen, nicht zu eigen machen. Ten wirklichen Arbeitsverdienst darf man der Entschädi­gung nicht zugrunde legen, sondern den ortsüblichen Tagelohn. Die erforderlichen Mittel sind vorhanden, wir haben einen Ucber- schuß von 100 Millionen, 80 Millionen sind schon da. Und wenn neue Forderungen gestellt werden, so führen wir die Besitz- st e u e r an. Auch dann stehen uns die nötigen Mittel zu Gebote.

Abg. Koch (Vp.):

Wir sind jur den Antrag. Doch sollte der Entschädigung der wirkliche Arbeitsverdienst bis zur Höhe von 3000 Mark zugrunde gelegt werden.

Abg. Behrens (Wirtsch. Vgg.):

Wir stimmen der Resolution zu. Die Negierung möge hier schnell vorgehen.

Abg. Brnhnc (Soz.):'

Die 100 Millionen Ueberschüsse sind aus dem Volke heraus- gepreßt, sie können wohl zurückgezahlt werden.

Abg. Schulenburg (Natl.):

Auch wir werden der Resolution zustimmen. Allerdings ^möchten wir der Anregung des fortschrittlichen Redners, nicht den ortsüblichen Tagelohn zugrunde zu legen, nicht ohne weiteres folgen. Sehr bedauerlich ist, daß die Unter st ütz ungen sehr spät, manchmal erst nach Monaten ausgezahlt werden. Man sollte die Leu'e keinesfalls länger auf ihre Bezüge warten lassen, als nötig ist. Das liegt schon im Interesse der Gesamt­heit. Namens meiner Fraktion möchte ich noch erklären, daß wir energisch für die Erhöhung der Veteranenbezüge eintreten. Unter den alten Kriegern herrscht eine große Be­unruhigung, und sie haben an mich die Bitte gerichtet, ihre Wünsche zu vertreten. Leider ist cs ja eine falsche Auffassung von ihnen, daß wir von hier aus ihre Bezüge erhöhen können. Und doch ist das dringend notig. Aber wir hoffen doch, daß den Veteranen möglichst bald höhere Bezüge gezahlt werden.

Ministerialdirektor Dr. Lcwnld sagt eine Beschleunigung dcS Verfahrens bei der Auszahlung der Entschädigung zu.

Die Resolution wird angenommen.

Für Einrichtungen uni) Veranstaltungen im allgemeinen Interesse des deutschen Handels sind 80 000 Mk. eiegcsetzt.

Abg. Thöne (Soz.) wünscht Förderung des Vereins zur Schiffbarmachungder Werra.

Unterstaatssekretär Dr. Richter:

Dem Plane der Schiffbarmachung der Werra steht die Re- gicrung svnipathisch gegenüber. Dieser Fonds ist aber bisher stets nur für die unmittelbaren Interessen des Handels verwandt worden.

Abg. Krätzig ^03.)'

tritt für Hebung der B a u in w 0 l l k u l t u r in unseren Kolo­nien ein. Der Redner bespricht die Frage sehr cingehend und entfernt sich völlig vom Thema so daß er vom Vizepräsidenten Dr. Paa sch e wiederholt zur Sache gerufen werden muß. Er schildert dos Elend in Arbeiterfamilien und fährt fort: Ich wünschte, ich könnte einmal Herrn Geheim rat Paasche mit» nehmen, nm ibm das Elend zu zeigen.

Vizepräsident Dr. Paaschc macht ihn darauf aufmerksam, daß er nicht vom Geheimrat Paasche, sondern vom Abg. Paaschc sprechen mög'.

Abg. Krätzig (Soz.):

Verehrte Anwesende! Die Verhältnisse unter den Arbeitern sind vielfach erbärmlich. Der schwindsüchtige Vater sitzt in der einzigen Stube, und fc;<. Bazillen fliegen nur so herum. Ich könnte an tausend Beispielen das beweisen

Vizepräsident Dr. Punsche:

Es kann nicht der Zweck unserer Beratungen sein, bei diesem Titel an lausend Beispirien das Vorhandensein von Not und Elend in Deutschland zu beweisen.

Für Förderung des Absatzes landwirtschaftlicher Erzeugnisse sind 150000 Mark ausgesetzt.

Jl-. Abg. Hösch (Kons.)

/ike'fürwortet die Förderung der Gesellschaft für Züchtungskunde.

Ans Statt unt Land.

Gie neu, 24. Januar 1913.

Bo« der Straßenbahn.

Ter Verkehr unserer Straßenbahn für das abgelausene letzte Vierteljahr 1912 zeigt im Verglich zu dem gleichen. Zeitraum 1911 eine erfreuliche Zunahme der befördertem Personen auf beiden Linien. In folgender Tabelle geben mir die Zahlen von 1911 in Klammern zum Vergleich. ,

Befördert wurden: grüne üinie Qkt. 44 363 (41 160) Rov. 42 400 (39 622) Tcz. 42 564 (42 243»

rote Linie

62 4u6 (59 605)

57 800 (57 255)

57 695 (60 140)

Zusammen 106 769 (100 765) 100 200 (96 877) 100 259 (101383)

129 c27 (122 U25) 177 901 (176 090) 307 228 (299 025) ,

Die Gesamteinnahme aus dem Personenverkehr im 4. Quartal 1912 stellt sich auf 29 943.93 Mk. gegenüber 29 103 Mk. im gleichen Quartal des Vorjahres. Danach sind 8203 Personen gegen 1911 mehr befördert worden, während, die Mehrcinnahme 840 Mk. betrug. Auffällig ist, daß die grüne Linie mit 7302 Personen und die roie Linie nur mit 911 Personen «an der Mehrbeförderung beteiligt ist,1 trotzdem der Lüagenverkehr der Schützenhvns-Linie dichter ist als und) dein neuen Friedhof. Tie Zunahme der beiden Linien im gleichen Zeitraum 1911 zeigte gegenüber 1910, das umgekehrte Bild. Während oie grüne Liuie damals um 2000 Personen zurückblieb, hatte die Schützenhauslinie eine Steigerung von 7600 -erfahren. Die Gründe, warum sicll dar Verkehr auf beiden Strecken der Zahl nack) nicht gleich­mäßig steigert, sind schwer zu ermitteln. Ein humorvoller Stadtvater, um seine Ansicht über die auffällige Verschie­bung gefragt, erklärte: Der Verkehr der grünen Linie fei1 deshalb stärker geworden, weil das Walltor fick) jetzt regt und dabei stark Straßenbahn fährt, um frühzeitig zur Stelle zu sein.

Aus -cm städtischen Bcrwaltungsbericht.

IV.

Vermögen unb Schulden der Stadt.

Am 31. März 1912 stellte sich das Gesamtvermögen der Stadl Ivie folgt: Die S t a d t k a s s e besaß an Aktivkapilatien 757 943,01 Mark, ferner betrugen die Vorlagen für die Kanalisation 3 410 267,04 Mk. und der Kassevorrat 1 231 733,37 Mk. Ferner betrug der Wert der Mobilien 305 000 Mk., der GÄaude \ 5 004 530,50 Mk., der' verpachteten Feldgüter 1 805 759,05 Mk., der Feldgüter in eigener Bewirtschaftung 1 039 009,65 Mk., der nicht benutzten Grundstücke 776 654,97 Mk., der Waldungen 3 920 000 Mk., der össentlick>en Plätze 310 000 Mk., der nutzbaren Rechte 20 600 Mk., des dem Theaterbanverein überlassenen Grund- stücks 115 500 Mk. Der Stadterweiterungsfonds be=; sitzt Grundstücke im Werte von 3 389 298,12 Mk. und verfügt! über einen Kassevorrat von 25 056,69 Mk. und hat noch 19 284, Mark Ausstände an Muufgelbern. Die Armenkasse besitzt an Aktivkapitalien 340926,62 Mk. und außerdem Grundbesitz imj Wert von 457 797,70 Mk. Tie städtischen Werke sind nrie folgt bewertet: das Gaswerk nut 980 000 Mk., das Wasser , werk mit 1 Million, das Elektrizitätswerk mit 2 Millionen und die Straßenbahn mit 650 000 Mk. Tas Gesamtvermögen beträgt- 27 553 360,72 Mk. An Schulden stehen gegenüber: Stadtkasse 12 832 256,67 Mk., Stadterweiterungsfonds 2 236 771,43 Mk.,- Armenkasse (Stiftungskapitalien .15 811,15 Mark« Gaswerks

Abg. Wallenborn (Zenlr.) bittet um Unterstützung des PomologcnvcrcinS.

Abg. Bebrens (Wirtfcki. Vgg.)

bedauert, daß für dic Bekämpfung der '.Di aul = unb ,r:nucn» feudjc nichts geschehe, obgleich der Reichstag immer tagelang darüber verbandle und eine Menge Resolutionen fasse. Notwen­dig sind Maßnahmen zur Hebung des Gemüsebaues und der C b ft 5 u d) t. Im Weinbau verschwinden leider immer mehr die kleinen sclbstänoigcn Existenzen infolge einer ungeschickten Steuerpolitik der Gemeinden.

Staatssekretär Dr. Delbrück:

ES ist ein dankbares Geschäft, Anregungen zu geben und ein undankbares Geschäft, solche Anregungen, denen meistens ein gesunder Gedanke zugrunde liegt, aus formalen Gründen zu widersprechen. Tatsächlich 'st die Möglichkeit des Reiches, f ü r Obstbau, Gemüsebau', Viehzucht und dergl. große Mittel aufzuwcvdcn, sehr gering. Wir würden zu einer völligen Desorganisation unserer Reichssinanzen kommen, wenn ich mir nicht hierbei eine große Beschränkung auferlegte. Auf diesen Ge­bieten ist auch ein Eingreifen des Reiches aus anderen als formalen Gründen nicht erforderlich, denn die Bundesstaaten und die Organisationen der Landwirte leisten hier Außerordent­liches. Was wir von reichswegen tun können, wird immer nut eine Kleinigkeit sein. Wenn man sich darüber beschwert hat, daß der Bundesrat auf die Resolutionen deS Reichstags häufig nur sehr kurzen Bescheid gäbe, so wäre eine solche Beschwerde bei einem Gleiche ohne parlamentarische Ver­handlungen am Platze. Tie Motive zu diesen Erklärungen des Bundesrat? liegen in den langen Reden, die wir bei Gelegenheit der Etatsberatungen über alle diese Dings zu wechseln pflegen.

Ein Teil der Anregungen über die Mauk- und Klauenseuche sind schon durch das neue Vichseuchcngcsetz überholt. Unsere ganze neue Prophylaxe, wie sic das Viehseachengesetz Vorsicht, muß man sich erst einmal bewähren lassen, ehe man mit Korrekturen und neuen Forderungen kommt. Aktuell ist augenblicklich nur die Frage nach dem Erreger der Mauk- und Klauen­seuche und ihrer Bekämpfung. Die Schwierigkeiten bei der Er­forschung dieses Krankheitserregers haben wir früher schon wie­derholt besprochen. Man bat uns gebeten, dic Leute zu unter­stützen, die solche Untersuchungen anstellten. Tas ist geschehen; namentlich haben wir dem Gelehrten, der im vorigen Jahre an­scheinend den Erreger dieser Krankheit gefunden hatte, unter­stützt, dasselbe ist mit weiteren Gelehrten geschehen. Die Frage, ob eine eigene Arbeitsstelle b e 9 Reiches bezw- des Reichsgesundheilsamtes zur Erforschung bes Erregers ber Maul- unb Klauenseuche eingerichtet werden könnte, ist noch nicht ent­schieden.

Abg. b. Boeljn (Kons.) wünscht eine dauernde Unterstützung für die Gesellschaft für Züchtungskunde. Die jetzt gewährte Summe ist zu gering.

Staatssekretär Dr. Delbrück:

Es geht nicht an unb ist nicht mit den allgemeinen Inter­essen vereinbar, einen Verein in hervorragender Weise zu be­günstigen. Wir werden, so weit es nach Lage der Tinge möglich ist, die nützliche unb brauchbare Arbeit aller auf biefem Gebiet tätigen Vereine unb Gesellschaften unterstützen.

Abg. Dr. Wendorsf (Vp):'

Es wirb auf der anderen Seite so viel davon besprochen, daß es eine englische Landwirtschaft und Viehzucht e:ae>.:lich nicht mehr gibt. Es würde sich aber empfehlen, die Einfuhr englischen Zuchtviehs nach Deutschland zu fördern .

Als Beitrag für den Verband Deutscher Arbeits- nachtveise sind 30 000 Mark ausgesetzt. Dazu liegt eine Re­solution Graf Posadowski (b. k. P.) vor, die von sämt­lichen bürgerlichen Parteien unterstützt wird, diesen Beitrag im nächstjährigen Etat angemessen zu erhöhen.

Abg. Dr. Dvorntnnn (Vp.):'

Der Wunde Punkt der Arbeitsnachweise ist die Geldfrage. Die Regierung möge für das nächste Jahr die Erhöhung des Zu­schusses auf 50 000 Mark in Erwägung ziehen.

Tie Resolution wird angenommen.

Tie allgemeinen Fonds werden erledigt.

Bei der R e i ch s sch u l k o m m i s s i o n beantragen die So­zialdemokraten die Umwandelung dieser Kommission in ein selbständiges Neichsamt für das Schul- und Bjldungs-- ipcfen.

Abg. Schnltz.Erfurt '(Soz.):'

handelt sich um keine Ütogie des sozialdemokratischen ZiK- kunftsstaates, sondern um eine alte demokratische Forderung. Die Reichsschutkommission in ihrer jetzigen Zusammensetzung und Tätigkeit ist nichts als ein dürftiges Feigenblatt, uns einen militärischen Ausnahmezustand, die Berechtigung zum Ein- jährigeii-Tienst, zu verdanken. Bei der Erörterung dieser Frage müßten die Parteigegensähe schweigen und alle Par­teien könnten unserer Resolution zustimmen, deren Annahme noch lange nicht die Verwirklichung des sozialistischen oder liberalen Schulideals bedeuten würde. Der Lehrer Schmidt hat die Not­wendigkeit eines Neichsschulamts sehr gut begründet und die Broschüre dieses Lehrers hätte sein Kollege, der Abg. Bruckhofs, lesen sollen, ehe er unserem Antrag widersprach. Auch die Lehrer- kage haben sich immer für ein Neichsamt ausgesprochen. Viel­leicht liest Herr Vruckhosf sich einmal die Beschlüsse seiner eigenen Organisation durch. Neben dem Reichsschulamte müßte ein Neichsschulami aus Männern ber pädagogischen Praxis gebildet werden.

Abg. Knckhosf (3entritm)5'

Mit b'em Neichsschulamt will die Sozialdemokratie ben ersten Schritt zu einem Reich sschulgeseh machen. Da wir aber fragen, wie die Schulunterhaltung, den konfessionellen R'ligions- unterricht usw. den Bundesstaaten überlassen wollen, sind wir gegen die Resolution der Sozialdemokraten.

Ter Vorredner scheint den Eindruck erwecken zu wollen, daß er ganz im Sinne der demokratischen Forderungen, die vom Kolle­gen Kerschciisteiner vertreten werden, wirke. Dabei hat er aber auf dem sozialdemokratischen Parteitage gewarnt vor den Bc- Ilrebmigen Kerschcmteiners, weil sie auf dem Boden der herrschen- ben Gesellschaftsordnung sich bewegen. Wir bieten unsere Hand nicht dazu, den Sozialdemokraten größeren Einfluß auf die Schul­gesetzgebung der Einzelstaaten zu verschaffen. Die Aufhebung des Einiährigen-Privilegs, die von der Sozialdemo, rratie gefordert wird, können wir schon deshals nicht befiirwor- ten, weil dies das Reich 24 Millionen kosten würde. Wohl aber Ware die Einführung einer allgemeinen Prüfung zur Berechtigung des Einjährigen-Dienstes zu er­wägen. -

uu d. Sozi) eine steigende Liebe zur Uniform an. (Heiterkeit.) Hier wollen Sie eine neue Uniform. Nun wissen wir, je hoher ein Amt, desto gescheiter sein Inhaber. Der Obere h a t immer recht. (Heiterkeit.) Das ist sogar nötig. Denn es gibt immer Untergebene, die glauben, recht zu haben. (Heiter­keit.) Die Oinuipotenz macht eine Behörde unfehlbar. Ich will lieber mit sechzig unfehlbaren Päpsten zu tun haben, heben sich gegenseitig auf, als mit einem einzigen. (Heiter­keit.)

Das ist ein sehr erheblicher Unterschied. In der Schule ist es nicht anders. Wer es nicht glaubt, kennt den Schulmeister schlecht. (Große Heiterkeit.) Die Schule leistet das Veste, wenn sic nach ihren persönlichen Bedürfnissen geleitet wird. Die Ein­heitlichkeit ist ein großes Hemmnis in geistigen Dingen. (Sehr richtig!) Sie kann nur schädlich sein. Diese Freiheit ist besser als ein einheitlich zentralisiertes Schulwesen, ivie es in Oester­reich besteht. Wir können da eine langsame, allmähliche Verknöcherung beobachten. Jeder kleine Staat soll sein eigenes Schulwesen haben. Man sehe die ungeahnte Entwick­lung der amerikanischen Schulkinder, die sich durch eine wirk­liche Beobachtung auszeichnen. Aehnlich ist die Entwicklung in ber Schweiz geworben.

Dir haben in Bechern auch biese Dezentralisation. Ein schwä­bischer Käsehänbler beantragte sogar einmal bie Einführung ber bloß sechsjährigen Schulzeit. Das Zentrum unterstützte ihn babei. Er sagte, er wolle mit bet liberalen Schule rasa tabula machen. (Heiterkeit.)

Rasa tabula ec versteht was von ber Schuld!

Tabula rasa er versteht was vom Käs' a!

(Große Heiterkeit.)' <

Bei uns herrscht eine Erziehungsnot. Wir fühlen das. _ Wir Süddeutschen fürchten aber, baß bas Neichsschulamt in königlich preußischer Uniform auftreten würde. Der Geist der absoluten Strammheit ist zu mächtig in Preußen, selbst bei der königlich preußischen Sozialdemokratie. (Heiterkeit.) Ta? erklären manche Ketzerverbrennungen bei ihr. Wir haben ein leichtes Gruseln vor Uniformierung und Bürokratie. Diese beiden Heiligen dürfen nicht maßgebend sein.

Unsere höheren Schulen leisten nicht das Nötige; alle Lehrer, bie es mit ber Schule ernst meinen, sind der Ansicht. Der einzige Ausweg ist, bas E'njährigen-Fre'willigen-Necht zu erweitern. Was braucht ber Sin jährige? Klaren Kopf gesunden Körper, anständige Gesinnung. Das geben aber die höheren Schulen nicht im Gegenteil! (Heiterkeit.) Sie sind vielfach nichts als Dressur­anstalten urb H o b e I m a ' ch i n e n. Man kann unendlich viel wissen und doch ein unglaublich dummer Kerl sein. (Schallende Heiterkeit.) Wir sind stärker als die Militärverwaltung, wenn wir nur wollen. (Beifall.)

Die Beratung wird dann auf 8 Uhr abends vertagt

Schluß 6% Uhr,

Abendsitzung.

Vizepräsident Paasche eröffnet 8 Uhr 2 Minuten die Sitz­ung. Das Haus ist sehr schwach besetzt. Tie Beratung des Vor­anschlags des Innern geht beim TitelR e i ch s s ch u l k o m m i s- s i o n" weiter. Abg. Z i r n (Reichsp.): Der sozialdemokratischen Resolution aus Schassung eines Reichs)chulamts können wir nicht zustimmen. Abg. Gröber (Ztr.), zur Geschästsordnung: Ich beantrage die Vertagung und bezweifle die Beschlußfähigkeit des Hauses. Vizepräsident Paasche: Unter diesen Umständen bin ich gezwungen, die Beratung zu vertagen.

Nächste Sitzung Freitag 1 Uhr. Schluß 8 Uhr 14 Minuten.

Abg. Kerschensteiner (Vd.)'

stellt fest, daß schon seit Jahrzehnten ein R e i ch s sch u kg e s e tz von den verschiedensten Seiten gefordert wurde. Die Schule hat die Au,gäbe, die Kulturbilder der Vergangenheit der Gegenwart zil übertragen. Tas Schlimmste ist die stete Bevormundung der Schule durch Jahrhunderte alte Gesetze und Einrichtungen. Der sozlaldemokrgtische Antrag bezweckt eine Uniform für unfer Schulwesen. Die Uniform hat ihren guten Zweck. Man kann an Kragen und Achselstücken erkennen, wie viel ein jebet hem Staate wert ist. _ (Weiterleit). Man merkt. Ihnen