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19.11.1913 Drittes Blatt
 
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Nr. 272 Drittes Blatt 163. Jahrgang

6rfd)ttn4 lS-llch mtt Ausnahme des Sonntags.

DieSiehener Lamillenbkätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das KreMlatt für den Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Sett- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

Seneral-Anzeiger für ©berufen

Mittwoch, <9. November 1913

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schei» Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition rnrd Verlag' ^851.

Redaktion: eE II2. Tel.-Adr.: ÄlnzergerDieben.

Das falsche deutsche Reichrwappen.

iöetotbifer erhebcir neuerdings ihre Stimme und verlangen die Wiederherstellung des echten dentsckten Reichswappens. Leider verhält sicll die grofjc Menge der Deutschen der Heraldik gegen­über recht gleichgültig, weder die eigene Familienforschung wird gepflegt, iroch kümmert man sich um das Landeswappcn, kauni baß man Landesfarben in ihrer richtigen Reihenfolge zu nennen vermag. Die Ansicht, es handle sich dabei um feudale Spielereien, die heutzutage veraltet und längst überwunden seien, stellt die ganze Angelegenheit grundfalsch dar. Jede Familie hat seit alters ihr Wappen, die des Fürsten Ivie die des Bauern oder Arbeiters. Weil heute fast nur noch der Adel sein Wappen führt, ist deslfalb die alte gute derltsche Sitte doch nun nicht ein Vorrecht des Adels geworden, und jeder Handwerker, jeder Kaufmann, jeder Gelehrte, der das alte Wappen seiner Familie wieder aufnimmt, kann es mit demselben Stolze führen, wie seinen guten, ehrlichen Namen. Denn was ist das Wappen von jeher anderes gewesen als der bildliche Ausdruck des Namens? Wie man heute seinen Namen zur Bezeichnung des Eigentums auf einem Gegenstand an bringt, io wurde früher auf dem Eigentum der Familie das Wappen angebracht. Und wie man einew Namen nicht willkürlich ändern kann, wie die Reihenfolge der Buchstaben in einem Namen genau festgclegt ist, so auch die einzelnen Zeichen und Farben ims Wap­pen. Man kann sie nicht willkürlich ändern.

Wenn nun heute die Heraldiker klagen, das deutsche Reichs- Wappen sei falsch, dann lohnt es sich, diese Behauptung nachzu- weisen. Das deutsche Wappentier ist der 9ldler. Wir wissen, daß >Kaiser Karl der Grosse auf seiner kaiserlichen Pfalz zu Aachen einen Adler ausgepslanzt hatte, den er so als Zeichen des Deut­schen Reickws einführte. Der Adler oder Ar ist aber schon seit Urzeiten bei allen arischen Völkern das Zeichen der Sonne, das Zeichen der höchsten Gottheit und das Zeichen der höchsten Herr- scherwürde gewesen. Kaiser Karl der Grosse hat also nicht will­kürlich den Adler zum Wappentier.des Reiches erwählt, sondern der Adler war für ihn nach uralter germanischer Ueberlicferung der Ausdruck und die bildliche Kennzeichnung des Reiches. Und diese Eigenschaft besitzt der Adler noch heute. Er ist aber lediglich das Bild, er kann als solches.nicht frei in der Lust schweben, sondern muß auf irgend einem Gegenstand .angebracht sein, auf dem Mäntel des Kaisers, auf dem Helm und auf dem Schild des Kaisers. Der Schild ist untrennbar.verbunden mit dem Begriff des Wappens. Er bedeutet in diesem Zusammenl-ang nicht etwa die Schutzwaffe der Ritter früherer Zeiten, sondern ist lediglich der Träger des Wappcnbildes, mit dem zusammen er erst das klappen bildet. Dieser Schild fehlt unserem heutigen Reichs­wappen und das ist sein Hauptfehler. Das; auch andere Staaten, wie Oesterreich und Rußland, ihr Wappen ohne Schild darstellcn, ist für uns keine Entschuldigung. . Bei der Gründung des neuen Deutschen Reiches und der Kaiserkrönung .Wilhelms I. am 18. Ja­nuar 1871 in Versailles, war .auf Veranlassung des damaligen Kronprinzen Friedrich das richtige Reichswappen im Krönungs­saale angebracht worden. Es zeigte jmf goldenem Schilde den einköpfigen schwarzen Adler, rot bewehrt und im Brustschilde das Zollernwappen führend. Das ist das echte Reichswappcn. Außer dem fehlenden Schild ist an dem heute gebrauchten Reichswappen noch falsch, daß der Reichsadler auf dem Brustschildc den wieder mst dem Hohenz-ollernschild belegten preußischen Adler führt. Dazu kommen noch einige mehr nebensächliche.Zutaten, die zum min­desten überflüssig sind unb das .Reichswappcn wie überladen er­scheinen lassen. Das bei der Kaiscrkrönung in Versailles ver­wendete Wappen befindet sich im.Hohenzollcrnniuscum in Berlin, nach diesem Vorbild sollte unser Reichswappen jetzt endlich richtig wieder hcrgestellt werden!

Reisender ars dem größeren Griechenland.

In Makedonien und Thrakien.

Saloniki, 1. Nov.

Wer Goethes sämtliche Gedichte bequem zur Hand hat ich muß hier ans dem Gedächtnis schöpfen, der schlage seine wohlgelungcne Uebersetzung einer der schönsten neugriechischen Votksballadcn auf, die sicher schon aus dem 17. Jahrhundert stammt, den Zank zwischen dem Olynipos und Kissawos (der Ossa):Ter Olyrnpos und Kissawos, die beiden Bergen zanken". Ter Olymp, in dessen höchste Gipfelschluchten sich nie ein Türke ge­wagt, obwohl der Berg selbst seit nal-ezu 500 Jahren türkischer Besitz war, schmält die Ossa, daß sie sich gefallen lassen müsse, von den Türkenhunden betreten zu sein, und die niedrige Ossa weiß gegen den Hohn desuralten Olymps" nichts zu erwidern. Die großartige Anschauungspoesie dieber noch heute in ganz Grie­chenland jedem Kinde bekannten Ballade hätte Goethen doppelt entzückt, wenn er vom Meere aus das packende Bild hätte ge­wahren können: hier int Süden die in all ihrer Höhe gedrückt erscheinende spitzig gipfelnde Ossa, noch südlicher die lange nie­drigere Hochfläche des Pclion > daher: die Ossa auf den Pclion setzen!), und im Norden, hart am Mceresbuscn von Saloniki, die gewaltig emporragendcn Toppelgipsel des schneebedeckten Olymps. Kein Grieche vergißt im Borbeisahren zwischen Süd- makedonieit lind der dreifingrigcn Chalkidike den Fremdling stolz zu bedeuten: Jetzt ist dec Olymp griechisches Land! Ein wahrhaft bedeutsames Sinnbild der sich ankündigenden neuen Entwicklungs­stufe Neugricchenlands. Die Götter können auf ihren geheiligten Ursitz zurückkehren, ohne die Laute einer stemdcn Barbarensprackie zu sich heraufdringcn zu hören.

Und wiederum wie aus jedem hinzugcwonnenen althellenischcn, dann veriürktcn Landstrich, worin die blauweiße Griechcnfahne stottert, habe ich vor allem zu berichten: ungestörte Sicherheit für Leben und Eigentum der Einwohner aller Stämme und aller Glaubensbekenntnisse. Dem Regierungspalast, in dem ich diese Zeilen schreibe, jetzt dem Sitze des gttechisckxm Stadthalters in Makedonien und Thrakien, nahte bis vor einem Jahr kein Christ noch Jude ohne Zittern: denn das Recht mußte erkauft, ja schon der Zutritt zu den höheren türkischen Rcgierungsbeamten, nun gar zum Pascha- durch erpresserische Trinkgelder an die niederen Schergen und Schreiber erbettelt werden. Und jetzt geht jeder, auch der hiergcblicbenc Türke, frank und stei in den Palast, braucht nicht eine Drachme zu zahlen, um überall vorgelassen zu werden, und wo Jahrhunderte hindurch die schmachvollste Rechtlosigkeit herrschte, da waltet jetzt das unbeugsame Gesetz tu seiner gerechten Anwendung. , t , ... ..

Das haben sogleich nach der Etnnahme von -Saloniki dte Brandstifter, Totschläger und Mörder erfahren, die sich einbil- deten sic könnten ihre Schandgewerbe wie unter der türkischen Luderwirtscbaft weiterbetreibcn. Die Feuerversick)crungsgesellschf- tcn, die früher mit 800 bis 1000 Bränden, fast durchweg Brand­stiftungen. jährlich in Saloniki rechnen mußten, machen jetzt mit d u hohen Prämiematzen und der ganz geringen Brändezahl glänzende Geschäfte. Das Räubcrwesen in Saloniki und im vge- ncn Lande bis zu den Hängen des Olymps ist ausgetilgt, und gleichwie im alten Neugriechenlaird herrscht vollkommene Sicher­heit auf allen Straßen und Wegen bei Nacht tme bei Tage, ^elt- sant, daß nach Europa keine Kunde gedrungen i>t von einer -vat- sack>e, die wie wenige andere den großen Umschwung der Verhält­nisse beleuchtet: von der Räuberbande, die vor einigen Jahren

Der Kampf um die Zugspitze.

** Innsbruck, 18. November.

Seit Jahren verfolgt nicht allein die Technikcrwclt, sondern auch die große Zahl tion Touristen aus aller Welt ein Projekt, das eine Bahn auf die 2944 Meter hohe Zugspitze, den hoch- sten Gipfel des Weltcrsteingebirges, führen will. Nach dem Plan soll von Grainau bei Garmisch- eine Drahtseilbahn über die Risfelwände auf den Zugspiygipsel gebaut werden. Das kühne Pro­jekt stammt von dem Ingenieur C a t h r e i n und cs bildetc sich ein vorbereitender Ausschuß, dem neben der Maschinenbau Gesell­schaft Augsburg Nürnberg auch die Bcrgmann-Elektrizitäts-Untcr- nehmungcn A.-G. in Berlin angchören. Bereits vor dem Aus- tauchcn des Cathreinschen Projekts hatten dem Bayerischen Ver- kehrsministerium mehrere andere Projekte Vorgelegen, darunter auch ein solches der Firma Schuckcrt u. Co., das finanziell be­reits gesichert war. Im letzten Augenblick scheiterte jedoch dieses Projekt und das Cathreinsche wurde von dem inzwischen verstorbenen Prinzregcnten Luitpold von Bayern genehmigt. Nach dem kühnen Projekte würde die Bahn eine Länge von etwa 4800 Metern erhalten und der Verkehr durch Wagen ermöglicht werden, rson .dencn jeder zirka 16 Personen einschließlich des Führers aufnehmen könnte: die Fahrgcschwindgikeit soll an steilen Strecken .etwa 11 Meter in der Sekunde, an weniger schroff ansteigenden Stellen bis zu drei Metern betragen; die tägliche Betriebszeit ist mit 10 Stunden angcsetzt und auch ein Betriebs­dienst tm Winter geplant. Ein zweites erst neuerdings aufgetauchtes Projekt einer öslerrcichischen Firma will die Bahn ausschließlich aus österreichischem Boden an den Bcrgriesen beran* und auf dessen Gipfel heraufführen. Zur Besprechung dieses Projektes sand in dem Zugspitzdorf Ehrwald eine amtliche Konferenz statt, an der Vertreter des Eiscnbahnministeriums in Wien, der Statt- halterci Innsbruck, der Handelslämmer, des Landcsoerkchr ratet» für Tirol, der Staatsbahndirektion Innsbruck, der unternehmen­den Firma Stern u. Hafferl in Mion und andere teilnahmen. Tie Teilnehmer an der Konferenz erhoben gegen das Projekt selbst keinerlei Cinwendungeu, vielmehr wurde der Plan als höchst erfreulich und wünschenswert bezeichnet, namentlich mit Rücksicht darauf, daß Tirol eine solche Bahn noch nicht besitzt. Besonders lebhaft wurde die Absicht begrüßt, Ehrwald zum Ausgangspunkt der Bahn zu machen, da sich hier die Scharen der Zugspitzbcsucher ans dem gesamten Norden einznfinden pflegen. Die unternehmende Firma Stern u. Hafferl ließ durch ihren .Vertreter auf der Kon­ferenz erklären, daß sie hoste, innerhalb zwei Jahren mit dem Bau der Dahn beginnen zu können.

2hts Staöt rind Land.

Gießen, 19. November 1913.

Konkurse im Grohhcrzogtum Hessen.

Das neueste Vierteljahrsheft der Statistik des Deutschen Reichs bringt lehrreiche Tabellen über die Konkurse des Jahres 1912. Daraus seien die nachfolgenden, das Großherzogtum Hessen besonders interessierenden Angaben mitgeteilt. Im Jahre 1912 wurden in .Hessen 227 Konkurse neu angemeldet, davon wurden aber nicht weniger wie 60 wegen Mangels an Masse abgekehnt. Diese 227 Konkurse verteilen sich auf 102 natürliche Personen, 86 Nachlässe, 26 Einzelfirmen, 4 offene Handelsgesellschaften, 1 Kom­manditgesellschaft, 2 Gesellschaften m. b. H., eine bergbau­liche Gewerkschaft, 3 eingetragene Genossenschaften und 2 Vereine. Im ganzen Reich wurden 12094 neue Konkurse beantragt, darunter aber 2885 wegen Mangel an Masse abgelehnt.

Beendet wurden im Großherzogtum Hessen im Jahre 1912 151 Konkurse, davon 91 durch Schluß-

TI'Miimi-I I IHM III III

Verteilung (Ausschüttung der Masse), 30 durch Zwangs­vergleich, 4 durch allgemeine Einwill'igung und 26 wegen mangelnder Masse. Von den durch Schlußverteilung und Zwangsvergleich beendeten 121 Konkursen hatten 11 eine Schuldenlast von unter 1000 Mk., 17 zwischen 1000 und 5000, 22 zwischen 5000 und 10 000, 33 zwischen 10 000 und 20000, 21 zwischen 20 000 und 50 000, 9 zwischen 50 000 und 100 000, 7 zwischen 100000 und 500000 und einen über 500 000 Mk. Von diesen 121 Konkursen wurden be­endet 18 nach einer Dauer von höchstens 6 Monaten, 34 innerhalb eines Jahres, 43 dauerten über ein Jahr, 14 über zwei Jahre, 9 über drei Jahre, 1 über vier Jahre nutz zwei dauerten sogar länger als 5 Jahre.

Tie Konkursrosten aller dieser Konkurse zusammen- genommen betrugen 170 855 Mk., darunter Vergütung an die Konkursverivalter 91 924 Mk., wozu noch deren Aus­lagen in der Höhe von 21363 Mk. treten.

In den Konkursen luaren angemeldet worden 4 4 14 918 M davon 160 720 Mk. bevorrechtigte For­derungen und 4 254198 Mk. nicht bevorrechtigte Forde­rungen. Die verfügbaren Teilungsmassen betrugen 985 721 Mark ober 22,4 Proz. der angemeldeten Forderungen. Davon mußten jedoch erst die Kostcir bezahlt iDerben. Bon bem Rest würben bann zuerst die bevorrechtigten Forde­rungen befriedigt unb dann der Rest unter die nicht bevor­rechtigten verteilt. Dabei reichte die Masse bei mehreren Konkursen nicht für die bevorrechtigten Forderungen aus, so daß 'bei diesen noch ein Ausfall von 29 073 Mk. tzw verzeichnen war. Bon den nicht bevorrechtigten Forderun­gen aber fielen nicht weniger wie 3616 548 Mk. aus oder 85 Prozent.

Im Reich betrug die Summe der bei den beendeten Konkursen angemeldeten Forderungen 399 497 226 Mk. Dia zur .Verteilung verfügbare Masse erreichte nur eine Höh«' von 95638 580 Mk. oder 24 Proz. der angemeldeten For­derungen. Der Ausfall bei den nicht bevorrechtigten Fordo- rungen betrug die ungeheure Summe von 333 796 350 Mk. ober 84,5 Proz. der Forderungen. Im Jahre vorher war der Ausfall noch größer, denn da betrug er sogar 362 Millionen Mark. Es scheint also bas Jahr 1912 ein Durchschnittsjahr zu fein. Wenn man bebenkt, baß bei bem Binnenl>anLel allein burch Konkurse runb jedes Jahr eine drittel MiKiarde Mark verloren gehen, baß .Hanbel und Industrie auch noch anberweittge Verluste zu verzeichnen haben, namentlich auch beim .Handel mit dem Auslände, bann kann man trotz, des Gefühls des Bebauerns über diese ungeheuren Verluste doch den Gedanken nicht los werben, baß es um unserkn Handel und Industrie im großen und ganzen recht gut bestellt sein muß, baß sie solche jährlich wiederkehrenoen Verluste ohne nennenswerte Schwankungen ertragen kann.

LU. Dem Herrn Dr. Alfred Brüggemann, 1. Assistent der Universitäts-Ohrenklinik, wurde die venia legendi bei der medizinischen Fakultät der Landesuniversität für das Fach der Oto-Laryngo-Rhinologie erteilt. Seine Habilitationsschrift lautet über:Das erschwerte Döcanulement und seine Behandlung mit besonderer Berücksichtigung der Dilatationsoerfahren."

I ** Die Kriegsmarine-Ausstellung in der I alten Klinik wirb heute abenb 8 Uhr geschlossen.

ben unvorsichtigen Herrn Eduard Richter zwisckxm den türkischen Dörfern am Nordabhangc des Olymps herumgeschleppt, bat die griechische Gendarmerie schon vor mehreren Monaten zwei Rädels­führer gepackt, unb diese sitzen jetzt im Gefängnis mit der Aus­sicht auf ein unbarmherziges Urteil. Man darf sich jene Räuber­bande nur gar nicht umwittert vom gerinqRcn Hauche der Ro­mantik vorstellen: die Räuber betrieben ihr Geschäft in behag­licher Sicherheit und waren eines hohen Gewinnes aus dem Lösegcld sicher, daß in solchen Fällen fast immer von der türkischen Regierung gezahlt wurde. Vor den türkischen Behörden brauch­ten sie sich nicht im mindesten zu fürchten, denn mit diesen stan­den sie in dein angenehmen Verhältnis der Betriebsteilhaber, mit denen sie allerdings die gesal/rlos erschnappte Beute ein wenig teilen mußten. Auf diesem niederträchtigen Bunde zwischen türkischer Regierung und Verbrechern jeder Art beruhte ja bas, was man die türkische Schandwirtschaft nennt.

Durch die Eroberung von Saloniki sind der Regierung des Größeren Griechenlands schwerere Aufgaben zugesallcm als in irgendeiner der neuen Provinzen, lieberaH sonst hat sie es mit einer so gut wie einheitlichen griechischen Bevölkerung zu tun, und Griechen sind, wie König Konstantin so richtig erkannt hat, sehr leicht zu regieren. In der einen Stadt Saloniki aber wohnen noch jetzt gegen 10 000 Türken und 7080 000 Juden. Die Juden bilden in dieser Stadt mit 160 000 Seelen nahezu die Mehrheit: sie geben ihr ein höchst eigentümliches Gepräge, denn hier ist der Jute keineswegs bloß oder überwiegend der Händler, sondern zum größeren Teil der arme Teufel, dem die schwersten körperlichen Arbeiten aufliegen. Er ist der Barkenführer, der in Sturm und Nebel hinaus muß. der Lastträger mit Bürden von 12 Zentnern, der Kutscher, hier und da auch der Maurer, der Schlosser und der SckMied. Daß die jüdische Bevölkerung Salo­nikis sich in den ersten Monaten nach der Besitzergreifung durch die Griechen vor diesen fürchtete, ist nicht schwer zu begreifen: an die Unterdrückung durch die Türken hatte sich dieses aus Knccht- sichaft in Knechtschaft gehetzte Volk gewöhnt, und nur zu gut weiß der Jude aus seiner traurigen Erfahrung vieler Jahrhunderte, daß noch jeder Wandel der ihn verfolgenden Regierungen eher eine neue Bedrückung als ein Aufatmen bedeutet. Jetzt leben die Juden in Saloniki, dieser zweit- oder drittgrößten Judenstadt der Welt, friedlich und hoffnungsvoll neben ihren griechischen Mitbürgern, und mit dem Tage des Einzugs des siegreichen Griechenheeres haben sie, wie übrigens die Türken auch völlig gleiches Bürgerrecht im griechischen Königreich gewonnen. Tie Duldung der gttechischen Regierung geht so weit, daß sie den Juden ihr eigenes Familienrecht läßt, ebenso wie ben Türken, die in familienrechtlichen Fragen nicht unter ben griechischen Gesetzen, sondern unter denen des Korans stehen. Bei dieser Gelegenheit sei die Mitteilung gestattet, die mir von allen be­fragten griechischen Offizieren und Soldaten übereinstimmend ge­macht wurde, daß die nicht wenigen jüdischen Mitglieder des gricchisck-en Heeres sich in den zwei letzten Kriegenwundervoll" (thasmasivs) geschlagen haben.

Was hat die griechische Stallhalterei in Makedonien und Thrakien an Taten der Menschenliebe vollbracht und noch zu voll­bringen! Nicht jede Regierung würde mit er gleichen Verhältnissen nach der siegreichen Austreibung einer barbarischen Fremdherr­schaft, das Gleiche tun. z. B. die Hundette von mittellosen Famili-m der geflohenen türkischen Beamten ein Jahr hindurch, und wohl noch auf längere Zeit, unterhalten, statt sie nach der Türkei ab­

zuschiebcn oder von der türkischen Regierung die Mittel für diesen Zweck zu fordern. Und bann muß man die Massen griechisc^r Flückstlinge aus ben von den Bulgaren besetzten Küstenländern am Aegäischen Meer sehen, die nach den Greueltaten der bulgarischen Offiziere und Soldaten mit gutem Grunde das Schlimmste fürchten, wenn sie unter der Herrschaft der rachsüchtigen Besiegtim aus­harren. Wie die griechische Regierung allen Anforderungen des letzten Jahres hat genügen können, das grenzt ans Wunderbare: Herr Michalopulos, der griechische Handelsminister, dem ich hier auf feiner ersten Studienreise durchs Land begegnete und diese Frage stellte, antwortete mir mit einem heiteren Lächeln: Das ist ein Geheimnis. Als ich ihn dann fragte, ob die griechische Re­gierung vielleicht den Stein der weisen Goldmacher, gefunden, meinte er: Vielleicht! Daß nicht etwa die gefällige Notenpresse mit unbegrenztem Nachdruck den Stein der Weisen ersetzt hat, das folgt aus dem unverändert hohen Kurse des gttechischen- Papiergeldes: Tag st'ir Tag verzeichnet der Bericht der athenischen Börse, daß 20 Pavierdrachmen gleichwertig mit bem goldenen Zwanzigfrankenstück sind. In Wahrheit herrscht seit einem Jahr in Griechenland die reine Goldwährung, was in der £at angesichts der ungeheuren Geldopfer der zwei Kriege ans wunderbare grenzt.

In Salonili wird jetzt in großem Stil gebaut, und die Riesenbauten stehen noch bevor. Dieser größte Hafen Griechen­lands hatte zur Türkenzeit nur einen elenden, ganz unzuläng­lichen Wellenbrecher und ein Endchen winzigen Kai. Tie Vor­arbeiten zu einem Wellenbrecher, der ben größten Schiffen das Ankern in einem ruhigen Hasen ermöglicht, sind in vollem Gange, unb großartige Kaianlagen werden folgen. Saloniki wird nach dem Ausbau des Verbindungsstückes der gttechischen Nord-Südbahn ein Eisenbahnknotenpunkt ersten Ranges in der Levante werden, und der Platz für einen gewaltigen Personen- und Güterbahnhof unmittelbar am Meere ist schon ausgesucht. Saloniki wird sto etwas wie das Hamburg ober Bremen Griechenlands werden, und abgesehen von dem großen Durchgangsverkehr in nordsüd- licher und westöjtlicher Richtung auf Konstantinopel zu verspricht das an Naturschätzen ungemein reiche Hinterland Make­doniens dem zukünftigen Handel Salonikis einen unabsehbaren Aufschwung. Schon erheben sich hier nagelneue sehr stattliche Warenhäuser, bereit eines in den nächsten Tagen eröffnet werden soll: die Kaffeehäuser überbieten an Größe die größten in Athen, und die besten Gasthöfe verraten nichts mehr von der früheren türkischen Schlamperei. Stellt man nicht allzu hohe Anforde­rungen an die Sauberkeit der Straßen, denkt man an die trau­rigen Zustände in wielen Vierteln Londons, Newyorks, Patts nicht zu vergessen, so erscheint einem Saloniki als eine der an­ständigsten Städte des Ostens, und einige Hauptstraßen sind wesentlich besser gepflastett als viele wichtige Verkehrsstraßen Newyorks.

Traumhaft erscheint selbst bett chofsnungsfreudigsten Griechen der Besitz Salonikis in griechischen Händen. Erst durch die Er­oberung dieser Hauptstadt Makedoniens und Thrakiens tritt Neu- Hellas in die Verkehrsgemeinschaft mit Europa ein. Schon jetzt fängt man in den gebildetsten Streifen an, nicht mehr Europa sondern Westeuropa zu sagen, und wenn nur erst der tägliche Schnellzug zwischen Athen und Wien verkehrt, so wird sich in der Auffassung der Griechen, wie der des Abendlandes ein gründ­licher Wandel vollziehen. 'In Saloniki aber, wo der europäische Reisende die erste gttechische Stadt erreicht, wird sich das neueste Gttecbenland ihm mit einer Achtung, ja Bewunderung erzwingen­den Machttülle darstellen, Eduard Engel.