Ausgabe 
20.10.1913 Drittes Blatt
 
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Nr. 246 Drittes Statt

163. Jahrgang

Erscheint tLgllch mit Ausnahme des Sonntags.

DieSiebener Zamilienblätter" werden dem »Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, daS Kreisblatt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhtzsen

Montag, 20. Moder 1913

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag- 51. $Rcbnftion:e^ll2. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.

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Die Hundertjahrfeier der Völkerschlacht.

Die Ankunft des Kaisers in Leipzig.

Leipzig, 18. Ott. Ter Kaiser traf um 10 Uhr 40 Min., von Bonn kommend, im Sonderzug auf oem hiesigen Hauptbahnhof ein. Zum Empfang war auf dem Bahnsteig der König von Sachsen in sächsischer .Husaren- riuisvrm anwesend. Es fand großer nrilitärischer Empfang statt. Der Kaiser trug die Uniform des 1. Garde-Regiments zu Fuß mit dem Bande des Schwarzen Adlerordens. Nach der Vorstellung der Gefolge schritten, die Majestäten die Ehrenkompagnic ab und nahmen darauf deren Vorbeimarsch entgegen. Der König und sein hoher Gast bestiegen die vereitstehende ä la Daum out bespannte Equipage und traten unter den Hochrufen des Publikums die Fahrt durch die Feststraße zum Völkerschlachtdenkmal hinaus an.

Die Einweihung des Denkmals.

Als die gewaltigen Umrisse des Völkerschlachtdenkmals noch im Dunste des Ottobermorgens verschwanden, füllten sich schon die großen Tribünen, die winzig erscheinen gegen­über der ungeheuren Wucht der Riesenmassen des Denk­mals. Die Fahnenträger der Kriegervereine, Innungen und anderer Vereine nahmen auf den Stufen der Denkmaltreppe Aufstellung. Um den Teich herum gruppierten sich die Ver­treter der deutschen Studentenschaft, mehrere Tausend an der Zahl, mit ihren Chargierten in Wichs und ihren Fahnen und Bannern. Zahlreiche Alte Herren hatten Band und Müße angelegt und sich den Kommilitonen zugeseNt. Die Ehrengäste fanden sich auf der großen Plattform am Kaiser­zelt ein. Hier sah man die Mitglieder des deutschen Patrw- tenbundes, den Rat der Stadt Leipzig, die Geistlichkeit, die Rektoren, Generalfeldmarschälle, die kommandierenden Generale, den Kriegsminister, die österreichische und ine russische Militärabordnung, die Vertreter der deutschen, österreichischen und russischen Adelsgeschlechter, die an den Ereignissen vor hundert Jahren beteiligt gewesen sind, Vertreter des deutschen Städtetags, den Reichskanzler, die sächsischen Minister, die Minister Delbrück und Brettenbach, ferner die Vertreter des Bundesrats, das Präsidium des Reichstags, den Chef des Generalstabs General v. Moltke, den Chef des österreichischen Generalstabs Frhrn. Conrad ooit Hötzendorff und den Chef des russischen Generalstabs Schtlinstt.

Nahe dem Eingang zu der Umwallung, die den Denk- malplatz umzieht, war das Für st en Falt errichtet. Hier traten die deutschen Bundesfürsten und die Vertreter der freien Städte ein und wurden von den Prinzen des sächsi­schen Königshauses empfangen. Eine Ehrenkompagnie vom 106. Infanterie-Regiment hatte hier Aufstellung genommen.

Mittags in der zwölften Stunde fand die Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Gegenwart des deutschen Kaisers, des Königs von Sachsen sowie nahezu sämtlicher deutschen Bundessürsten und zahlreiche ausländischer Fürst­lichkeiten statt. Vom frühen Morgen an strömten ber herr­lichem Wetter gewaltige Menschenmengen in das Innere der Stadt der Feststraße zu. Am Denkmal nahmen an der Umwallung und auf dem Rande des Denkmalweihers tote an di auf iben Freitreppen, die ins Innere des Denkmals fiihren, zahlreiche Verbände und Vereine mit Fahnenabord- nimgen Aufstellung. Die Tribünen, die den Festplatz zu beiden Seiten umsäumen, waren vollbesetzt von einer fest­lich gekleideten Menschenmenge. Auf dem Fe st platz hatten die Spitzen der Leipziger Zivil- und Militärbehörden sich aufgestellt. Auch die sächsischen Staatsminister waren nahezu vollzählig erschienen, ebenso and) mehrere Minister der Bundesstaaten, weiter zahlreiche Mitglieder der diplomati­schen Vertretungen. An dem Denkmal hatte eine Ehren­wache, bestehend aus zwei Offizieren und acht Mann vom österreichischen Schwarzenberg-Ulanenregiment Aufstellung glmommen. Außerdem war eine österreichische Militar- kauclle anwesend, die den ersten Vers vonGott erhalte Franz den Kaiser" spielte, während der Kaiser einen Kranz am Tenkinal des Fürsten niederlegen ließ. Vom Schwar­zenberg-Denkmal aus ging dann die Fahrt der Fürst­lichkeiten nach der russischen Gedächtniskirche. Nach einer hier erfolgten Begrüßung durä) den Großfürsten Kyrill Don Rußland wohnten sie dem feierlichen Tedeum bei Um 2 Uhr begaben sich die Fürsten mit ihrem Ge^ folge zum Rathaus, um hier ein vom Rate der Stadt 'LechKig dargebotenes Frühstück einzunehmen.

Um das Fürstenzelt sammelten sich in der elften Stunde die Mitglieder des Leipziger Offizierkorps, ferner öster­reichische und schwedische Offiziere in großer Zahl. Nach- d(«n auch dke deutschen Studenten in einer Stärke pon über 2000 Manu mit über 250 Fahnen an dem Rande des Teiches Aufstellung genommen hatten, war das festliche Bild vollständig geworden. Tie Zahl der anwesenden Fahnen wurde auf nahezu 1000 geschätzt. Auf dem Tenkmalvorplatz mar ein Baldachin errichtet, wo die zum Empfang der Fürstlichkeiten abgeordueten Leipziger Herren die hohen -Gäste erwarteten. Von 104-> Uhr ab trafen teils von ihren "eivriaer Wohnungen aus, teils unmittelbar vom Bahnhof, die fürstlichen Gäste ein. Zuletzt kamen, von zwei Schwa­dronen Ulauen begleitet, der Kaiser und der König von Sachsen an.

Nachdem auf dem Teukmalsvorplatz der Kaiser und der König die anwesenden Fürstlichkeiten begrüßt hatten, begaben sie sich unter Heu Klängen eines am Denkmal stehen­den Posaunenchors, von den Hochrufen der Menge begleitet, durch das Spalier hindurch zum Festplatz^ An der Spitze des Zuges l'chrittcn der Kaiser in Maychallunisorm mit dem Marschallstab in der Hand, und der König VonSachsen ich Husarenuniforn,. Es folgten der 'Prinzregent Ludwig von Bayern der Erzhcrzogthronfolger Franz Ferdinand vo Oesterreich, Großfürst Cyrill von Rußland, Prmz Wil- helm^von Schweden als Vertreter des Königs von Schweden, ^ig Wilhelm von Württemberg ferner die deutschen Großherzige, Herzöge und Fürsten. Nachdem ste nach ttirzer Begrüßung der anwesenden Ehrengäste Pl<ch glommen fiatW, wurde das Lied:Mr treten zum Beten vor Gott den Gerechten" gespielt.

Die Weiherede.

Tarauf hielt Kammerrat Klemens Thieme, der Erste Vorsitzende des Deutschen Patriotenbundes, die Weihe­rede, worin er sagte:

Ter Kampfplatz rings um Leipzig ist eine geweihte Stätte, ein Heiligtum des gesamten deutschen Volkes geworden, geheiligt! durd) die dargebrachten Opfer an Gut und Leben für die Freiheit das Vaterlandes, geheiligt, weil hier unsere Heldenväter die knech­tenden Bande des Eroberers zertrümmerten, hier die so lange er­sehnte Freiheit im harten Kampfe des Leibes und der Seele wieder- gewannen, um wieder ein einig Volk von Brüdern zu werden., Hier unter dem Donner der Kanonen sind das d e u t s ch e Volks­bewußtsein und das deutsche Volkstum von neuem geboren worden, die hohen Güter, auf denen sid; später als sichern Grundsteinen das neue Deutsche Reid) begründen konnte. Die Befreiungskriege begannen die Fäden zu knüpfen, sagt Wil­helm der Große, die heute die deutschen Stämme je länger und desto inniger verbinden. Tem Worden des Deutschen Reiches ging ein Werden des deutschen Volkes voraus, und hier ist die Geburts­stätte, heute der Geburtstag!

Was in der Seele sorgsam geborgen liegt, verlangt nach einem gewaltigen, sichtbaren Wahrzeichen. Einmal muß es urkräftig zum Ausdruck, zur Gestaltung gelangen, und sollte es einhundett Jahre währen. Hier steht der zu Stein gewordene Wille des. Volkes, das sichtbare Zeichen der Dankbarkeit gegen Gott und unsere Hel­denväter für unsere Freiheit und unser nationales Sein! Gewal­tiger Zeiten gewaltiges Zeichen! den gefallenen Helden ein Ehrenmal, dem deutschen Volke ein Ruhmesmal, kommenden Geschlechtern ein Mahnzeichen!, hock) und hehr, wie die Taten der Mütter und Väter, die Gut und Blut einsetzten für die Rettung des Vaterlandes.

Am Schlachtenbild verkörpett Michael die siegreiche Erhebung des deutschen Volkes. Stumm trauern in der Krypta die in Stein gemeißelten Krieger um die im Kampfe gefallenen Helden und halten die Toteiiwacht. Im Ruhmesmal offenbaren sinnbildliche Gestalten die hehren Eigenschaften des deutschen Volkes, die zur gewaltigen Erhebung und zum Sgege führten: Opferwilligkeit, Tapferkeit, Glaubensstärke und deutsche Volkskraft. Hoch darüber wölbt sick) das Mahnzeichen mit den zwölf Riesengestalten, Hüter der Freiheit und Stützen des Reiches zugleich. So hat das deutsche Volk sein Denkmal für die Befreiung aus großer Not sich selbst zur Ehre errichtet. Als treue Söhne des Vaterlandes legen wir heute am Hundettjahttage der Völkerschlacht im Geiste der Väter aufs neue das heilige Gelöbnis ab: Treu und fest zu sein im Glauben an den allmächtigen Gott, treu und fest zu sein in der Liebe zum angestammten Fürstenhause, zum Kaiser und zum Reich. Dazu verhelfe uns der Gott, der mit unfern Vätern war!

Die Antwort des Königs von Sachsen.

Auf die Weihrede antwortete König Friedrich Au­gust vonSachsen mit folgenden Worten:

Die von hoher patriotischer Begeisterung getragenen 3Borte, die Sie, Herr Thieme, in Vertretung des Deutschen Patrioten­bundes soeben an mick) gerichtet haben, haben uns Deutsche tie bewegt. Sie unterstützen den gewaltigen Eindruck des mächtigen Denkmals, das durch die freie Opferbereitschaft deutscher Männer hier errichtet worden ist, als ein Zeichen deutscher Kraft und Einig­keit. Wie dieses Denkmal uns erinnert an blutige Kämpfe und an den Heldentod vieler braver Soldaten, die vor hundert Jahren auf diesem Schlachtfelde fielen, wie es uns weiter mahnt an Gottes gnädige und wunderbare Führung, der unfern Volke nach langem Ringen und Sehnen eine herrliche Einheit schuf, so möge es nad) weiteren hundert, ja, nach 1000 Jahren noch spätem Geschlechtern von dem heutigen Tage Kunde geben, möge es ihnen erzählen, wie in dieser Stunde Deutsche und Russen, Dcfterreidjer, Ungarn und Schweden ihre Knie in Verehrung beugen vor Gott, dem all­mächtigen Lenker der Weltgeschichte, und zu ihm beten, daß er uns den Frieden erhalte zum Wohle unseres deutschen Volkes, zum Wohle auch der Staaten und Fürsten, die mir die große Freude bereitet haben, meiner Einladung zu folgen, und bei diesem Feste durch Mitglieder ihres Hauses und durch Abordnungen ihrer tapfe­ren Heere oertreten sind. In diesem Sinne beglückwünsche ich den Deutschen Patriotenbund zu dem wo hl gelungenen Werke und nehme das Denkmal unter meinen königlichen Schutz.

Den Weiheakt beendete der gemeinsame Gesang:Nun danket alle Gott". Der Kaiser schien, wie aus seiner lebhaf­ten Unterhaltung mit den übrigen Bundesfürsten hervor­ging, in bester Stimmung. Inzwischen trafen am Denkmal die E i l b o t e n l ä u f e r mit ihren Urkunden von allen En­den des Reiches, sogar aus Amerika, am Denkmal ein und wurden vom Kaiser freundlich begrüßt. Dann begaben sich die Fürsten in das Innere des Denkmals, um es zu besichtigen. Vom Denkmal aus besuchten sie das int Park Meuldorf liegende

Denkmal des Fürsten Karl von Schwarzenberg des Oberst-Kommandierenden der verbündeten Heere in der Völkerschlacht. Sie wurden von dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand an der Spitze einer von österreichischen Offizieren gebildeten Suite be­grüßt. Tie Familie Schwarzenberg war durch fünf Mit­glieder vertreten. Der junge Fürst zu Schwarzen­berg hielt darauf folgende Rede:

Euere Kaiserl. und Königl. Majestät, Euere Kaiserliche und Königliche Hoheit geruhen, den ehrfurchtsvollen Dank umerer Familie für die Ehrung unseres Vorfahren, des Feldmarfchalls Karl von Schwarzenberg, entgegenzunehmen, nachdem es durch Gottes Fügung meinem Vater nicht beschieden war, es zu tun. -öd) danke den Vertretern der einstmals koalietten Armee int, Namen unser aller tiefinnigft für die Anerkennung der Vertuen,te ihres Führers in schweren, sorgenvollen Zeiten, Ver­dienste, die der Geschichte angehören und der Vergesseiiheit niemals anheimfallen können. Wir ehren in dessen Andenken das Andenken strenger Pflichterfüllung gegenüber dem Monarchen und dem Vater­land Unlösbar mit dessen Andenken verbleibt uns die Erinnerung aller jener Helden, die alles freudig aufopferten, um dem Rufe der Herrscher zu folgen, das Vaterland frei von jedem Zwange zu machen. Der Glanz, der diese Zeit umgibt im Beispiele der Selbst­aufopferung eines jeden einzelnen, irn Kampfe für monarchisches Recht und freies Volkstum, erblaßt nie; er sichert den vergangenen Generationen unvergänglichen Ruhm und den kommenden die Anweisung eines einzigartigen Weges pattiotischen Wirkens. In löte,ent Glanze leben die Krieger und ihre Führer weiter, aere perennius. Was vergangen, kehrt nicht wieder, aber ging es leuch­tend nieder, leuchtet's lange noch zurück. In diesen Motten des Dichters ehren wir die damalige Zeit und alle Teilnehmer, ehren wir Fütt't und Volk und fassen Kraft zur Erfüllung der eigenen Pflicht. Ewige Ehre den Toten?

Nach der Rede legte Erzherzog Franz Ferdinand einen Kranz am Denkmal nieder, während dessen die Mu­sik die österreichische Nationalhymne spielte. Auch der Kai­ser ließ am Denkmal einen Kranz niederlegen. Darauf wur­den dem Kaiser die Mitglieder der Familie Schwarzenberg vorgestellt, mit denen er sich kurze Zeit unterhielt. Sodann

begrüßte der Kaiser die Generale der österreichischen Ar­mee. Damit war diese Feier beendet.

Zm Rathause-

Tie Monarchen begaben sich dann zur russischen Kirche, wo der Kaiser, die Bundesfürsten und die fürst­lichen Gäste an einem Tedeum aus Anlaß des Namens­tages des russischen Großfürsten-Thronsolgers teilnahmen, und von dort aus überall von einer unübersehbaren Men- jd)cnmcnge begrüßt, nad, dem Neuen Rathause. Hier wurden die Fürsten von dem Oberbürgermeister Dr. Titt- rich das imposante Treppenhaus hinausgcleitct und in der Wandelhalle, deren Galerie mit Tanten der Stadt besetzt war, von ihm feierlid) begrüßt. Oberbürgermeister Dr. Dittrich hielt darauf eine Ansprache. Ter Kaiser und der König von Sachsen verneigten sich nach der Rede gegenüber den Herren der Stadt, die um den Bürgermeister Ausstel­lung genommen hatten, und schritten dann in den Festsaal des Rathauses, wo gegen 2 Uhr ein Frühstück begann, das vom Rat der Stadt gegeben wurde. Es wurde an ein­zelnen Tischen gespeist. An der Haupttafel saß der Kaiser neben dem König von Sachsen, links von ihnen der Groß­fürst Kyrill, rechts vom Kaiser Erzherzog Franz Ferdinand, Prinzregent Ludwig von Bayern, Prinz Wilhelm von Schwe­den. Nach beiden Seiten schlossen sid) die übrigen Bundcs- sürsten und die Vertreter der freien Städte an. Gegenüber den Fürsten saß der Oberbürgermeister; u. a. hatten hier auch der Reichskanzler, der Präsident des Patrioten­bundes und die Spitzen der fremden Militärdeputationei« Platz genommen. An das Frühstück schloß sich Cercle in der Wandelhalle.

Das Festmahl im Gewandhaus.

Bei dem Festmahl im Gelvandhaus brachte König Friedrich August folgenden Trinkspruch aus:

Hundert Jahre sind heute verflossen, seitdem auf Leipzigs Gefilden jene große Völkerschlacht geschlagen worden ist, die einen Markstein in der Geschichte der hier vertretenen Völker bildet. Hochragend blickt das Denkmal heute auf uns herab, zu dessen Weihe Sie mir die Ehre und Freude Ihres Erscheinens fdjentten. Indem id) Sie, die deutschen Fürsten und Vertreter der freien Städte, an der Spitze den deutschen Kaiser, und Sie, die Vertreter außerdeutscher Souveräne, deren Vor­fahren an der großen Völkerschlacht vor hundert Jahren teilge- nommen haben, begrüße, gedenke id) der ruhmreichen Taten, die vor hundert Jahren von deutschen, österreichischen, ungarischen, russischen und schwedischen Truppen auf diesem Schlachtfelde, voll­bracht worden sind.

Damals ein blutiges Ringen, Kämpfe und Schlachtaetüm- mel, Not und Elend, Darniederliegen von Handel und Wandel, der entscheidende Wendepunkt für die heranbrechende, noch im Dunkel der Zukunft liegende Neuzeit. Heute aber nad) hun­dert Jahren weittragender politischer Entwickelung und Umge­staltung an gleicher Stelle, als nunmehr einer Stätte unge­stört fortschreitender Kultur und blühenden Gewerbefleißes, ein Zusammenströmen der Nachkommen jener Kämpfer der großen Völkerschlacht von Leipzig von nah und fern zu einem Fest des Friedens. Vereint sind wir zu einer'Feier der (£rin=> nerung an die damaligen heißen Kämpfe, an die damals für ihr Vaterland gefallenen tapferen Helden, vereint aber sind wir vor allem hier, um ein Fest der Gegenwart, ein Fest der Lebenden zu feiern. Nicht nur was Deutschland, Oesterreich- Ungarn, Rußland, Schweden 1813 gewesen, vor allem ivas die Völker der Völkerschlacht von Leipzig heute geworden sind, wie Gottes Segen sichtbarlick) auf den Fürstenhäusern dieser Völker geruht hat, ist uns angesichts dieser glänzenden Versammlung von Monarchen und Fürsten, dieser glänzenden Versammlung von hohen und höchsten militärischen Führern, dieser glänzen­den Versammlung von Vettretern des deutschen Volkes zum freu­digen Bewußtsein gekommen. Wir Deutsche insbesondere sind in patriotischer Begeisterung dessen eingedenk, daß die Quellen der Kraft, die in der Erhebung Tentschlands von 1813 mit ihrem Streben nach Einigung liegen, nach einer sittlichen und politischen Wiedergeburt ein neues herrliches Deutschland, das Deutsche Kaiserreich geschaffen haben.

Und aus der Erinnerung an die Not der Vergangenheit und aus dem Bewußtsein des Besitzes der Gegenwart entspttngt der einmütige Wille aller Einzelstaaten Deutschlands, als Glieder des Reiches jederzeit Gut und Blut für den' Bestand und die Ehre des deutschen Vaterlandes einzusetzen. Wie im Jahre 1813 die Völker von Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Rußland und Schweden in Wehr und Waffen gestanden haben, so haben sich aud) heute Vertreter dieser Völker im Schmuck von Mhr und Waffen unseren bewundernden 3Miden gezeigt. Nicht im Kamps und Schlachtgetümmel jedoch stehen beute die Völker der Völkerschlacht von Leipzig vor unserem geistigen Auge, viel­mehr in friedlichem Wettbewerb, den ernsten Aufgaben der Kultur und Zivilisation zu dienen, deren Lösung uns allen gemeinschaftlich obliegt. Und so darf ich Sie begrüßen in Er­innerung an eine Zeit der Kämpfe und Kriege bet einem Feste des Friedens.

In diesem Sinne danke id) meinen Gästen für ihr Erscheinen und 'erhebe mein Glas auf das Wohl der erhabenen Monarchen und Staatsoberhäupter, welche ich die große Freude habe, hier vereinigt und vertreten zu sehen. Sie leben hoch!

Bei der Tafel im GewandlMuse saßen zur Rechten des Kaisers Erzherzog Ferdinand von Oesterreich, Prinz Wilhelm von Schweden, der Prinzregent von Bayern, zur Linken der König von Sachsen, Großfürst Kprill und der Kronprinz von Sachsen. Nach der Tafel hielten die Maje­stäten Cercle ab. Ter Kaiser reifte nm 8.15 Uhr ab; er wurde vom König von Sachsen zur Bahn geleitet. >Tie Verabschiedung war überaus herzlich.

Um 8.25 Uhr reifte der Erzherzog Franz Fer­dinand, vom Kronprinzen von Sachsen zur Bahn ge­leitet, ab.

Später begaben sich der König und die noch hier an­wesenden Fürstlichkeiten in die Alberthalle, wo das Ora­torium von SeyfardtAus Tentschlands großer Zeit" zur Aufführung gelangte. Von dort fuhren ine Fürstlich­keiten nach dem Neuen Theater, um dort die glänzende Fest­beleuchtung des Augusttlsplatzes zu sehen.

Mit eintritt der Tunkelheit setzte in der ganzen Stadt eine Illumination ein. Alle Fenster waren reich be­stellt Tie öffentlichen Gebäude und großen kaufmänni)chen Firmen erstrahlten im Licht langer Reihen elektrischer Glühkörper, Gassonnen und Gaslaternen. Auf den großen Plätzen loderten von den Obelisken die Flambeaux auf. Zwischen den Pylonen zogen sick) Girlanden elektrischer Bir- mm wie .Perlschnüre hin. Um 6 Uhr begann im Gewand­haus die Königliche Tafel für die anwesenden Fürstlich-