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Zweites Blatt
165. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Slehener Famtliendlätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Ureirblatt für den Kreis Giehrn" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zett- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für GberheM
Dannerstag, 22. Mai 1913
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e-8Abl.
Redaktion:L-gAI12. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
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hessische Zweite Kammer.
bs. Dar nt stadt, 21. Mai.
Um' IO1/2 Uhr eröffnet Präsident Köhler die Sitzung. Am Aegiernngstischc die drei Minister und eine Anzahl Ministerialräte.
Punkt 1. der Tagesordnung: Regierungsvorlage, Mutomobilv erkehr Weinheim— Trösel. Ter !Aus- schütz beantragt, die Kammer möge sich mit der Gewälstnng einer Staatsbeihilfe an die Gesellschaft Äutomobilverlehr Weinheim— Trösel im Betrage von jährlich 2500 Mark für die Rechnungsjahre 1912—1916 einverstanden erklären.
Minister Dr. Braun: Ich möchte dem Ausschuß meinen Dank aus sprechen für die rasche Erledigung der Angelegenheit Ich bin an die Vorlage nicht ohne Bedenken herangetreteu. !Es mußte von vornherein bedenklich erscheinen, eine solche Vorlage vorzubringen in einer Zeit, wo die Regierung mit der 'Ausarbeitung einer endgültigen Vorlage über den Äutomobilverlehr befaßt ist. Wenn wir trotzdem die Vorlage bringen, so hat das feinen Grund darin, daß es sich um eine bereits bestehende Linie Izandelt, die für, die Beförderung von Arbeitern von größtem Nutzen ist. Erhandelt sich auch um eine Linie, die nicht bloß hessisches Gebiet berührt, sondern auch Badeir. Wenn von Hessen etwas geschieht, muß ein Gleiches auch für Baden gelten., Noch längeren Verhandlungen sind wir überein gekommen, daß die erforderlichen Sub- ventioneir von'beiden Seiten je zur Hälfte getragen werden. Dieser Linie müßte aber iwch unser besonderes Interesse gelten, weil wir es für unsere Pflicht halten, die Arbeitskräfte bem' Lande zu erhalten.
Mg. Molthan (Ztr.): Im Ausschuß hat die Vorlage allgemeine Zustimmung gefunden, hoffentlich auch hier int Plenum. Unser NebenbahNnetz kann in dem Maße nicht ausgedehnt werden, es ist deshalb notwendig, daß wir zum Automobilverkehr greisen. Wir können diese Vorlage als einen Niederschlag jener Verhandlungen betrachten, die in dieser Frage hier gepflogen wurden. Ich richte an die Regierung die Frage, ob die Subventionierung auch den bereits bestehenden Linien zugute kommen soll.
Minister Tr. Braun: Es ist die 9 lb sicht der Regierung, euch bereits bestehende Linien zu subventionieren. Wenit das große Gesetz kommt, werden Automobillinien in größerem Um- fange vorgesehen werden.
Abg. K o rell-Angenrod (Bbd.): Wir stimmen der Vorlage zu, hätten aber gewünscht, daß schon die Gesetzesvorlage Vorgelegen hätte, wonach die Angelegenheit im allgemeinen geregelt werden soll.
Minister Dr. Braun: Es muß unterschieden werden zwischen her Erledigung eines Einzelfalles und eines' Gesetzes, das das Ganze regeln soll. Wenn es sich auch um' einen Automobilverkehr handelt, so darf man die Vorlage doch nicht im Mtomobiltempo herausbringen.
Abg. Ulrich (Soz.) unterstreicht, daß auch bestehende Linien unterstützt werden sollen.
Wg. Reh (Fortschr. Vp.): Nachdem, die Regierung erklärt hat, daß auch bestehende Linien subventioniert iverben sollten, stimmen wir der Vorlage zu. Daß es auch int Automobiltempo geht, hat die Regierung durch ihre Vorlage selbst bewiesen, ebenso der Finanzausschuß.
Minister Dr. Braun: Die Unklarheit darüber, ob auch bereits gestehende Linien subventioniert werden sollen, ist nur entstanden, weil die Vorlage im Automobiltempo eingebracht werden Mußte.
Kurze Ausführungen hierzu machen noch die Abg. Korell- Angenrod und Brauer (Bbb.).
Punkt 2. Regierungsvorlage, das Landgestüt betreffend. Der Ausschuß beantragt Annahme.
Punkt 3. Landes-Heil- und Pflege an st alt bei Gießen. Der Ausschuß beantragt Annahme der Vorlage. Beide Punkte werden ohne Aussprache erledigt.
Punkt 4. Dringliche Anfrage der >Abg. Reh und Henrich, die Kosten der Wehr Vorlage und'die Besoldungs- Vorlage betreffend. Hierzu verliest der Staatsminifter Dr. von Ewald folgende Regierungsantwort:
1. Tie Stellung der Großherzoglichen Regierung zur Frage der Aufbringung der dauernd erforderlichen Mittel für die Wehr- vorlage ist durch die Gesetzentwürfe bestimmt, mit denen der Reichstag zurzeit befaßt ist.
Ob uiid inwieweit die Aufbringung dieser Mittel in Hessen besondere gesetzgeberische Maßnahmen nötig macht, läßt sich erst beurteilen, wenn die Teckungssrage von den gesetzgebenden Faktoren des Reichs gelöst ist und es sich übersehen läßt, wie die Lösung auf die Finanzen des Großherzogtums nach Art und Maß zurück^ toirft.
2. Nach Ansicht der Großherzoglichen Regierung liegt kein zwingender Grund vor, die ^Beratung der Besoldungsvorlage zu verschieben, bis über die Ausbringung der Mittel für die Wehrvorlage entschieden ist. Die Beratung ist schon um deswillen geboten, weil die Großherzoglich!? Regierung baldigst Gewißheit batüber erhalten muß, welcher Aufwand durch die Regelung der Desoldungsverhältnisse nach Ansicht der übrigen gesetzgebenden Faktoren entsteht. Wohl aber wird eine Verabschiedung der Be- loldungsvorlage nicht erfolgen können, bevor Aarheit darüber besteht, inwieweit etwa das Reich für seine Zwecke die finanziellen Hilfsquellen des Landes stärker in Anspruch nimmt. Nach dem bisherigen Verlauf der Verhandlungen int Reich hofft die Groß- herzogliche Regierung indes, daß über die Deckung der Kosten der Wehrooriage so zeitig entschieden wird, daß es nicht erforderlich werden wird, deswegen die Verabschiedung der Befoldungsvorlage zu verschieben.
Abg. Henrich (Fortschr. Vp.): Tie beiden Gegenstände berühren wichtige Aufgaben der Gegenwart, zu denen die gesetzgebenden Faktoren des Landes gerade setzt Stellung zu nehmen verpflichtet 'find. Weil die Frage im Reichstage noch nicht erledigt ist, tnüß es der Regierung willkommen sein, die Meinung der Kammer zu hören. Abgesehen von einer geplanten Weg- mhme einer Stempeleinnahme, die uns nach drei bezw. sechs Fahren einen Ausfall von vielleicht 150 000—200 000 Mark bringen wird, läßt der Rcichsgesetzeittwurf den Bundesstaaten zwei Wege offen: Hessen Tann entweder hier den auf seinen Anteil entfallenden Betrag an veredelten Matrikülarbeiträgen in Höhe von 1600000 Mark durch eine eigene Bcsitzsteuer aufbringen oder es kann die reickusgesetzliche Vermögenszuwachssteuer in Straft treten lassen. Beide Wege sind für Hessen gleich bedenklich Wir können den leiteten Weg nicht wählen, wenn Preußen nicht ein Gleiches tut. Das wäre ein Signal für „bewegliche Steuer tzahler". Vergrößern loir durch Erhöhung der direkten Stenern den Abstand von den preußischen Sätzen, bann wirkt das ab ichreckend. Hier gibt es nur einen Ausweg: eine auf Reichsgesetz beruhende obligatorische Besitzsteu.er. Ms solck)e käme in erster Linie eine Reichsvermögenssteuer in Betracht. Findet diese zu maßen Widerstand, bann die früher schon einmal von der Reichs icgierung eingebrachte Erbschaftssteuer.
Die Verquickung der Befoldungsvorlage mit der Wehrvorlage lehnen wir ob. Das Besoldungsgesetz wäre erledigt, wenn es bon vornherein in seiner jetzigen Gestalt vorgelegt worden wäre. An der Verzögerung der Beratungen trägt der Finanzausschuß 'eine Schuld. Eine Frage ist es, ob nicht Kräfte am Werke sind, bie die Erledigung der Vorlage vereiteln. Der Beschluß des ’■ Ausschusses der Ersten Stairrm'er hat diese Wirkung. Eine 'Entscheidung über die Kosten der Wehrvorlage tst erst 1916 zu ^warten. Ein finanzieller Zusammenhang zwischen WelMwrlage Befoldungsvorlage ist nicht vorhanden, Das' Huiausziehcn
der Besoldungsvorlage ist gefährlich. Es wird Erbitterung in die Beamtenschaft getragen. Ter Redner berührt dann bie Kosten, die er als nicht so hoch ansehen kann, daß ein Grund zum. Abwarten vorhanden sein sollte.
Abg. Dr. Osann (ntl.). Der Wehrbeitrag wurde erheblich mehr als eine Milliarde aufbringen, wenn er richtig anfgefaßt werden würde. Durch die Heranziehung des Einkommens würde fiel) ein großer Betrag erzielen lassen. Sind) den höheren Beamten müßte es ein Bedürfnis sein, ihren Teil zur Wehrvorlage beizutragen. Die Unterlagen des Vermögens sind im allgemeinen sehr vroblematifd). Wenn man auf den Weg der Erhebung der Malrö fularbeiträge verfallen sollte, müßten die direkten Steuern erhöht werden. Der Reichstag wird in dieser Beziehung zu imtersuchen haben, ob die 91 ntrage Basseriuann und Erzberger Verwirklichung gefunden haben. Für den der eine Belastung der Einzelstarten nicht will, für den ergibt sich der Ausweg einer direkten Steuer für das Reich. Wenn die Belastungen immer mehr werden, kann das für die Einzelstaaten geradezu verderblich werden. Für so große Bundesstaaten wie Preußen ist das ungefährlich. Es wäre doch wohl erwünscht gewesen, daß die Regierung schärfer daraus hingewiesen hätte, welche Eingriffe in die Emzelstaaten eine derartige Besteuerung des Vermögens von Reick)swegen zur Folge haben würde. Id) stehe nach wie vor auf dem Standpunkt einer Reichserbsdiaftssteuer. Wenn id) vor die Frage gestellt werden sollte, ob id) das Besitzsteuergesetz annehmen sollte, so müßte ich diesen Weg gehen, weil er eine größere Schonung der Minderbemittelten bringt. Wenn das Besitzsteuergesetz in Kraft tritt, haben wir dem zu folgen, was das Reich uns auferlegt. Das Bestreben der Ersten Kammer scheint dahin zu gehen, daß der gemeine Wert inhibiert und der Ertragswert an seine Stelle gesetzt werden soll. Tas wäre eine bedeutende Erschütterung der Grundlage unserer Steuergesetzgebung. Tie Umstände drängen dazu, die organische Besoldungsordnung herbeizuführen. Mit der Wehrvorlage hängt die Beamtenbesoldung vielleicht roeniger zusammen, als mit unseren wirklichen Verhältnissen im Lande. Wie die Wehrvorlage zu nerabfdüeben sein wird, wird eine Frage sein, die sich im Reichstage regelt.
Abg. Ulrich (Soz.) Wir müssen erst abtvarten, was die Reichsgesetzgebung uns bringen wird. Ich wäre erfreut gewesen, wenn die Dtegierung uns gesagt hätte, lote sie sich zu ben einzelnen Fragen im Bundesrate gestellt hatte. Atts der 9lntiuort haben wir jetzt allerbing§ erfahren, daß die Öeamtenbefolbitng allerdings mit der Reichs-Wehrsteuergesetzgebung in Beziehung steht. Darm liegt für die Beamten ein neues Moment der Beimriihigung. Ich bin mit der Regtermigserklärung nicht ztlfrieden, ionbern bin mit den Interpellanten der 9lnfidit, daß wir die Besoldung unbebingt erlebigen müssen, losgelöst von der Frage bev Reichssteuer. Es steht fest, daß das Tefinitivum keine höhere Belasttuig als das Provisorium bringt.
Abg. Brauer (Bbd.). Jnr Gegensatz ;u dem Vorredner sind mir mit der Regierungsvorlage fiitirieben. Tie Reichswehrbesteuerung hat auf bie Finanzen be-5 Laubes Einfluß unb darum können wir sie nid)t außer acht lassen bet der definitiven Regelung der Beamtenbesoldung. Es ist and) nicht richtig, baß die Höhe der Belasttuig durch das Provisoriunt schon feftfteljt.
Nach weiteren kurzen 9luöfülirungen der Abgg. Mergell (ntl.) und Öenrich (Fortsd)r. Vp.» spricht nochmals
©taatsininifter Dr. von Hw alb: Ich kann nur nochmals auf das verweisen, was der Herr Reichskanzler aut 12. April 1913 tut Reichstage gesagt hat. Alle Versuche, im Wege einer Reichs» Vermögenssteuer die Teckung zu beschassen, iverdeu nicht zum 3tcle führen. Wir erklären, daß bie Verabschiebung der Besoldungsvorlage nicht möglich ist, bevor die Wehrvorlage erledigt ist. Id) bitte, den Anregungen des Abg. Tr. Osann ztt folgen und bie Vorlage in Arbeit zu nehmen. Er erläutert bann, baß bie Befürchtung, daß nur ber gemeine Wert der Besteuerung zugrunde gelegt werden soll und nicht der Ertragswert, unbegründet ist.
Abg. B a ch (natl.): Tie Verquickung der Beamienbesoldungs- orbnung mit ber Wehrvorlage gibt Grnnb zur 95eunnt(ngimg. Es ist nicht ausgesd)lossen, baß bie Frage bis zum neuen Lanblag hinausgefchobeit wirb, ba sich ber Lanbtag in ber letzten Zeit feines Beisammenseins in ber gegenwärtigen Zusammensetzung kaum noch mit ber Vorlage belassen wirb, wenn bis zur Verabsd)iebmig ber Wehrvorlage geivartet wird. Die Sache kamt ganz gut weiter beraten werben. Tie Regierung hat aiierfannt, baß bie Beamten aufgebeffert werben müßten. Sie kann b es halb keine Abstriche z>i Gunsten ber Wehrvorlage machen. Die Beantten empfinben es als eine Ehrenpflicht, zu ben, Losten ber Wehrvorlage beizttsletiern.
Tr. Osann (natl.) ermibert kurz auf bie Tarlegtmg bes Staatsministers bezüglidt be»S gemeinen unb bes Ertrags wertes.
Finanz in inister Dr. Brann: Tie uerbünbeten Rc- gientngeit stehen auf bem Stanbounfte bes Reichskanzler-^. In ber Reidts-Vermögens- unb Reichs-Einkommensteuer liegt eine Wefaljr für bie Selbstänbigkeit ber Btmbesstaaten; sie ist beshalb für bie Regierungen schlechterdings unannehmbar. Cie ist and) einmütig abgelehiit ivorben.
Abg. 91 b e 1 u n g (Soz.): Id; kann nid)t anertennen, baß bie Selbstänbigkeit bet Bundesstaaten gefährbet ivirb. Was hat bie Beratung ber Vorlage für einen Wert, wenn sie tuegen ber Wehrvorlage nicht verabschiedet tuerben baff ? Wir kommen um bie Verpflichtung, für unsere Beamten zu sorgen, nicht herum, mit ober ohne Wehrvorlage. Ich habe ben Einbruch baß bie Stlippc ber Wehrporlage nicht unliebsam emphmben wirb. Ausgefallen tst mir an ber Debatte, baß aste Parteien ihre Ansicht zu biescr Frage kuub° gegeben haben, nur bas Zentrum nicht.
9lbg. Jo utz (ivilb): Tie Wehrporlage kann mit der Beamtenvorlage nicht in Verbindung gebracht werden.
Schluß ber Sitzung nach 1 Uhr. — Fortsetzung Freitag vormittag 9 Uhr.
Aus ßeffen.
Im Neichstagswahlkceis Etbach Bensheim
fanden am 17., 18. unb 20. Mai von der Nationalliberalen Partei einberufene öffentlich-politische Versammlungen in Höchst, König und Erbach i. O. statt, in denen der Rcichstagskandidat im Wahlkreis Mainz-Oppenheim, Oberlehrer Dr. Otto Keller-Oppenheim, und der Geschäftsführer der Freien Vereinigung hefsischer Nationalli bcraler, Dr. Otto Linse, sprachen. Sämtliche Versammlungen waren von Angehörigen der politischen Parteien, auch aus den umliegenden Orten, gut besucht. Dr. Keller behandelte am 17. in Höchst und am 18. in König das Thema „Deutsche Weltmachtpolitik" In beiden Versammlungen folgte dem Vortrag eine lebhafte Aussprache, an der sich in Höchst auch einer der Mitbegründer der Reichs- Partei in Hessen, Rechtsanwalt B o p p-Darnistadt, beteiligte. In Erbach im Odenwald sprach Dr. Linse über „Die Stellung der politischen Parteien zu den politischen Tagesfragen". Auch seine Ausführungen lösten eine lebhafte Er örterung aus, in der insbesondere das Verhältnis der liberalen Parteien in Hessen besprochen und die Kampsweise einzelner Führer der Fortschrittlichen Volkspartei gegenüber der Freien Vereinigung hessischer Nationalliberaler kritisiert wurde, eine Methode, die sicherlich nicht geeignet sei, das von der Freien I Vereinigung aus taktischen Gründen angestrcbte Einvernehmen
zwischen den liberalen Parteien zu gewährleisten. In Höchst i. O. wurde eine nationalliberale Ortsgruppe gegründet.
Nene antimlMariftjsche Kundgebungen in Frankreich.
Paris, 21. Mai. In Boulognc bei Paris fanden gestern nachmittag arge antiinilitaristische Straßenkuud- gebuitgeit statt. Zwei Autos, die rote Fahnen unb große Anschlags zettel mit der Inschrift: „Nieder mit dem Gesetz über die drei Jahre!" „N jeder m i t der Armee!" trugen, fuhren durch die Straßen der Stadt. Der Polizeikommissar ließ die Automobile durch Schutzleute mittels Räder verfolgen und es gelang auch, eines der Automobile und zwei Insassen festzunehmen. Einige Stunden später wurden in Boulogne etwa 40 Gestellungspflichtige, denen eine Trikolore vorangetragen wurde, von etwa 5 0 A n t i m i 1 i t a r i st e n , die in bem Lokal eines Arbeiterkonsums versammelt gewesen waren, überfallen und mit Steinen beworfen. Schutzleute schritten ein und es entstand ein heftiges Handgemenge, icobci ein Polizeikommissar und vier Gestellungspflichtige nicht unerheblich verletzt wurden. Inzwischen war aus dem benachbarten St. Eloud eine Abteilung) Kürassiere herbeigeeilt, bei deren Anblick bie Antimilitaristen in das Konsumvereinslokal zurückflüchteten. Zwölf A n t i m i l 11 a r t ft e n wurden verhaftet. Die Unlerfuchuug ergab, daß auf Seiten der Antimilitaristen auch ein Artillerist in einer Arbeiterbluse an der Rauferei teilgenommen hatte.
Paris, 21. Mai. Aus der Place de la Repu- .blique versuchte gestern abend eine Gruppe Soldaten des 28. Infanterieregiments eine Kundgebung gegen die Zurückbehaltung ber Iahresklasse von 1910 zu veranstalten, wurde jedoch von der Polizei zerstreut.
9lus Macon (Dep. Saone-et-Loire) wird berichtet: Gcsteni abend versammelten sich au h u n d er t S o l d at en auf dem Ilebuugsplatz unb durchzogen sodann in geschlossenem Zug bie Straßen ber Stadt, indem sie riefen: „Nieder mit ben brei JahrenI", die Internationale fangen und ben Sozialismus hoch leben ließen. Niemand behinderte sic; erst als der Zug sich auflöste, kam eS zwischen Soldaten unb Zivilisten, die gegen die .Kundgebung Einspruch erhoben, zu. Streitigkeiten. Ein Leutnant, ber die Leute vorbeiziehen sah, begnügte sich damit, den Namen eines- Korporals 's e st z u st e l l e n , d e r - s i ch besonders'' lärmend benahm.
In ber „Guerrc Sociale" schreibt Gustave Herva, vvn dein es vor kurzem 'hieß, baß er ben antimilitaristischen Treibe- * reicn entsagt habe, ut -einem „Vive l"Armee" betitelten Artikel, bns -Bolt will weder ben 28mc>natigen noch ben BOmonatigeit noch ben 3jährigen Dienst. Toni, Belfort und Renilst) bilden die erste Warnung, warten wir mal beit September ab, wo bie Iabresklasse heimgefchickt locrbcn soll. Wenn es da it i d; t in allen Kasernen revoltiert und Tausende von Meutereien gibt, bann willichdekoriert werben!
Aus Nancy wirb gemMbct: Trotz aller von ben Militärbehörden getroffenen Vorkehrungen veranstalteten eine Anzahl Soldaten des 8. Artillcricregi- ments in einem Mannschaftszirnmer chic Kundgebung gegen die dreijährige Dienstzeit und sangen die Internationale. Mehrere Artilleristen wurden ins Gefängnis abgeführt und die Mannschaft ber betreffenden Batterie mit Kasernenarrest bestraft. Heute Nacht wurden in verschiedenen Kasernen kleine 9l n s ch l a g s z e 11 e l angeklebt, die gegen die Zurückbehaltung der Altersklasse Einspruch erheben und i)ic Soldaten ber Besatzung, auffordern, sich nm nächsten Sonntag auf bem Stanislausptatz an einer .Kundgebung zu beteiligen. — Ter „Ternps" melbct, man habe in Toul ben Entwurf eines von einem Solbaten an 3 a u r e 5 gerichteten Briefes gefunben, in welchem mit-, geteilt wirb, baß eine große S t r a ß e n kn n b g e b u u g irährend bes Zapfenstreiches am letzten Samstag vorbereitet gewesen, jcbvch durch Spitzel verhindert worben sei.
Paris, 21. Mai. Im Hofe beö T o u r c kl e s-K a- ferne in ber Avenue Gambetta versammelten sich an 150 Manu unb riefen: „Nieder mit ben brei Jahren!" Sie zerstreuten fich jedoch sofort auf Befehl ihres Vor* gesetzten.
Die Bestrafung der Schuldigen.
Aus T o u l luivb berichtet, General P a u habe seine Untersuchung gestern abend beendet. Tie Militärbehörde beobachtet über da»s Ergebnis vollständiges Stlllsckuveigeii. Es öcrlaufet lediglich, daß General Pau im Hinblick aus die zu treffenden Stras- maßnähiucn die Teilnahme eines jeden einzelnen wegen Beteiligung, an ben Kunbgebnngen in Betracht kommenden Soldaten qcntur geprüft habe. Heure begibt sich General Pau nach Belfort, um au di hier eine Untersuchung über die dort vorgekommenen Militarkundgebunyen cinz-uleiien, an denen zumeist Soldaten des 20. Infanterieregiments beteiligt gewesen waren. In Toul sind gestern vier Kommissare der allgemeinen Sicherheitsbchördc ein» getroffen, um Nachforschungen anzustellen, inwieweit bei den mili- tärifdyen .Kundgebungen der Einfluß von Zivilisten int Spiel war.
In einer späteren Meldung heißt cs:
Naneh, 21. Mai. Kraft der vom Minister übertragenen Vollmacht hat General P n u entschieden, baß alle an ben Kunb- gedungen in Toul beteiligten Räd eis führer unb Helfershelfer in Straflwmpagnien geschickt werben.
In einer Erörterung über die militärischen Kundgebungen erklärt bie „France", baß ein st renges Exempel statuiert werden müsse, inan möge bie M c u t c r c r von Toul n a ch M arokko schicken, bort würben sie lernen, wie man bem Vaterlanbe bient, nnb sie würben gebessert und stolz zurückkehren unb überall bereitwillig marschieren, wohin immer sie geschickt werden. '
Nn it c 1), 21. Mai. General G o e t s ch y , ber Komman- baut des 20. Armeekorps, erließ einen Tagesbefehl, der besagt, infolge ber bebaucrlichcn Vorfälle in Tv-nt sei zunächst vor dem Abschluß ber Untersuchung verfügt worden: 16 Militärpersonen werden dem Kriegsgericht überwiesen, 15 für (bie Strafabteiinngen vorgeschlagen, 40 mit JMrreft zwischen 30 unH 60 Tagen bestraft unb 13 wegen Schlaffheit in der viandhLbnng ihrer Befugknissc de- rfrabiert ober in einen niedrigeren (Mrab versetzt.
Das Zuchtvvli zeigen cht von Trohes verurteilte eine Anzahl Antimflitaristen, die aut letzten Samstag während des Zchpfeirstreiches BeschimpfnugLir gegen bic Armee auSgestoßen hatten, zu Gefängnisstrafen von 6—3Q Tagen.


