Ausgabe 
18.4.1913 Drittes Blatt
 
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Ht. 90 Drittes Blatt

163. Zahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Zamtiienblötler" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Sberhefien

Sttifag, 18. April 191Z

Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'scheii Unioersitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: e-^51. Redaktion:^-r^112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.

Preußisches Abgeordnetenhaus.

Berlin, 17. April.

Schneller als erwartet werden durste, wurde das Haus 'heute mit dem Kaltusvoranschlag fertig. Ein reckst heiteres Jnter- meszo gab es, als der Abg. Dr. Rnnze 19Sv. * bei Befürwortung einer größeren Förderung der Kirckstnmusit sich auf das Wort Luthers berief:Wenn an einem Ort die Musika ertönt, daun flcugt der Teufel von dannen". Vernehmliche RufeSehr richtig" ersäwllen aus den Reihen des Zentrums, was dem Redner Veranlassung gab, unter stürinischer Heiterkeit seiner Freude Ausdruck zu geben über diese lieber ein frimmung des Zentrums mit Luther.

Abg. Dr. Liebknecht (Soz.l richtete plumpe Angriffe gegen unsere höchsten Gerichte, das OberverlvaltungsgcriM und das Reichsgericht, die er der Klassenjustiz beschuldigte, Angriffe, die sowohl der Abg. Wvhna FreikJ wie der Abg. Dr. v. Campe i9iatl.' mit Entrüstung zurückwiesen. Abg. Dr. Maurer (Natt.) beklagt die Ucberfüllung des Oberlehrcrberufs. Tie Beschwerden des Abg. Dr. Heß über eine imparitätischc Behandlung der ka­tholischen Kandidaten seien gänzlich unbegründet. Demgegenüber hält der 2lbg. Dr. Heß 3cntr. seine Behauptung aufrecht.

Beim Eisenbahnvoranschlag befürwortet Dr. Gottschalk -Natl.) u. a. den Wunsch der Werkführer, in das mittlere Be- amtenverbältnis übcrnonrmen zu werden, und Wg. Dr. von ^>cheuckendorff (Natt. erbittet das Wohlnwllen des Mi­nisters für den restlichen Bestand der Eisenbahntelegraphisten noch etwa 800 Beamtem.

Nachdem man sich dann noch des längeren beim Bauvor­anschlag und dem Voranschlag des Ministeriums des Innern über vieterlÄ Wünsche, .Klagen und Anregungen unterhalten hatte, erfolgte nach siebenstündigcr Sihungsdaner Vertagung.

Aus den Reichstagrausschüssen.

:: Berlin, 17. April.

Bei der Fortsetzung der Beratung des Heeresvoranschlags im Budgetausschuß spielte die P f c r d c g e l d c r f r a g e noch^ eine erhebliche Rolle. Der K r i e g S m i n i st e r und in seinem Sinne auch der konservative Berichterstatter v. P u t l i tz betonten, daß die Tendenz im Laufe der Zeit gewesen sei, für die wcgsallende« Pferderationen dauernd Pferdegelder zu gewähren, und die jetzt in der Vorlage vorgenommene Regelung entspreche tatsächlich der bisherigen Auffassung des Reichstags; eine Streichung würde ein­fach eine Reduktion der Gehälter bedeuten. Tie Nationalliberalen vertreten gleichfalls die Meinung, daß die Neuregelung tatsächlich eine Beschränkung der Rationen auf die wirklich gehaltenen Pferde bringe und somit den Wünschen des Reichstags entspreche. Bei den heutigen Kaufpreisen für Offizierspferde müßten immer noch erhebliche Summen zugelegt werden. Bis zu einem, gewissen Grade stimmte auch ein volksparteiliches Mitglied zu, es konnte sich aber nicht recht damit abfinden, daß anstatt der erwarteten Ersparnis nun eine Verteuerung eintreten soll. Das Zentrum blieb jedoch bei seiner Meinung, daß von einer Entschädigung der blinden Rationen nicht die Rede gewesen sei. Man müsse eben der Steigerung des Luxus Einhalt tun. In der weiteren Aussprache äußerte der K r i e g s m i n i st er,sein Bedauern über den üb e r h a n dne h m e n d e n Luxus, sah aber darin eine allgemeine Erscheinung, die weder auf das Offizierkorps be­schränkt, noch von dort ausgegangen sei. Er protestiere dagegen, daß hier eine Einkommensvermindcrung beschlossen werden solle, und zwar mit dem moralischen Einschlag, als ob bisher auf diesem Gebiete nicht ganz korrekte Bezüge gezahlt worden seien. Man möge doch dies der Armee in ihren Führern nicht antun, es würde niemand diese Verdächtigung verstehen.

Tie Nationalliberalen verbanden sich dann mit den Konserva­

tiven zu einem Antrag, der die unveränderte Auf­rechterhaltung des bestehenden Zustandes nach dem Etat für 1912 wünscht. Im Anschluß daran bat auch der Kriegsminister, es wenigstens beim alten zu lassen, wenn die Neuregelung nicht an­genommen werden sollte. In der Abstimmung wurde die Regie­rungsvorlage gegen die nationalliberalen und konservativen An- Iragsleller abgelehnt. Desgleichen der Antrag, alles beim alten zu h-e'en. Angenommen* wurden zwei Zentrums- an träge- zunächst soll den Erläuterungen zu den betreffeirden Etattiteln zugesügt werden, daß für Offiziere, die durch die neue Regelung einen Ausfall an ihren Bezügen erleiden, die bis 31 März 1913 gültigen Vorschriften über die Vergütungen für Rationen so lange in Kraft bleiben, bis sie ein höheres Einkommen aus dem Reichshaushalt beziehen. Im übrigen wurde den Er­läuterungen zum Pferdegeldtitel eine Reilu von Bestimmungen hinZugefügt, die den Grundsatz, nur die wirklichen Pferdehalttmgs- kosten zu vergüten, genauer zum Ausdruck bringen soll.

Hieraus sand noch eine Aussprache über die graue <seld- uniform stall. Tie feldgraue Bekleidung ist so wett^gelangt, daß die Kriegsgarnitur überall fertiggestellt und eine <yrieben3= aarnittir für die Infanterie und Jäger in dieiem ^ahre fertig ist, bei der .Kavallerie 1914, bei der Artillerie und den Pionieren sowie den Verkehrstruppen 1915. Es sollen in Zukunft die beiden Garnituren n c b e n e i u a n d c r getragen werden. Man müsse feststelle,i, ob die feldgraue Gckrmtur sich auch kur den Frieden eignet. Das könne nur durch.umfangreiche Versuche geschehen. Man brauche auch in Zukunft noch weiteres blaues Tuch. Aus der Mllle des Wsschusses heraus wurde der Verlmm- derung Ausdruck gegeben, daß man immer noch nicht zu dem Eitt- schluß, eine einheitliche Uniform zu schaffen, gekommen sei.

Ter Wahlprufuugsansschutz

erklärte in feiner heutigen Sitzung die Wahl des Abg. Kolsch lNatl Kehl-Offenburg) für ungültig, lieber die Wahl des Abg. List (Natl., Eßlingen) wuöven Beweiserhebungen beschlossen.

Das Verfahren gegen Jugendliche.

Der Ausschuß zur Beratung eines Gesetzentwurfs über das Verfahren gegen Jugendliche beriet heute über verschiedene An­träge bereit wichtigster von dem nationalliberalen Abg. v a n C gVf e r gestellt wurde. Er verlangt, datz der Verstand schon in dem Moment ausgestellt werden soll, in dem die Eröffnung des Hauptverfahrens ftattfiudel. Ter Regierungsentwurf bestimmte, daß der Rechtsbeistand erst für die Hauptverhandlung genommen werden soll Der nntionalliberale Antrag wurde angenommen.

2lus Hessen.

Aus dem Finanzausschuß der Zweiten Kammer.

Dar ht stad t, l 7. April. Der F i na nzauss ch u st id e r 3 weit e it K a m in e r trat heute vormittag unter Nor-fil' des Wq O s a n n zur Fortsetzung )einer Besatungen SÄien Zunächst wurde in Anwesenheit des Chefs der faSnluni »Ä- Rat Wtlbrand, die ReMernngs- Ä betr F o r sl n u tz u n n, beraten und irn wesmrt- Kt9 acnehnuqt. Es handelt .ich ,in der Vorlage um ^ffinnhiniaen unb Forstrechte der Gemeinde r a l S a.

ti'KtiSkS SS

erfahren haben. Der Regierungsvertreter legte eingehend die Gründe gegen diesen Antrag dar und be­tonte, daß es notwend-ig sei, die großen Farstbezirrke mit ihren bedeutenden Werten von akademisch vorgebildeten Beamten verwalten zu lassen. Auch verschiedene Ausschuß- Mitglieder wandten sich gegen den Antrag; es wurde n. a. darauf hingewieseu, daß bereits im vorigen Jahr nach den Vorschlägen der Regierung eine wesentliche Berein- achung in der Forstverwaltnng eingetreten ist. Ein Be­schluß wurde über den (Antrag Jvutz noch nicht gefaßt. Ein anderer Antrag Ioutz, 'betr. die Tiefbauämter, soll erst gelegentlich der Reorganisation des Bauwesens mit beraten werden. Zu den verschiedenen Anträgen von Mit­gliedern des Hauses waren die Antragsteller zur Vertretung ihrer Anträge eingeladen. Abg. Senßfelder befür­wortete seinen Antrag über die Verbesserung der Verkehrs­verhältnisse der Gemeinde Gernsheim, Abg. Mergelt legte die Notwendigkeit der Bahnverbindung Reichelsheim-Fürth näher dar, Abg. Schott befürwortete seinen Antrag be­züglich der Reblausbekampfung, Abg. So Herr begründete seinen Antrag, betr. die Gleichstellung des Lehrpersonals in Bingen mit der übrigen Lehrerschaft und Abg. Kredel begründete den Antrag auf Entschädigung für Wasserschäden rn den Gemeinden llnter-^Seusbach und Hildersllingen. In der Aussprache darüber zeigte sich der Ausschuß bereit, eine Entschädigung zu 'befürworten, jedoch nur insoweit, als damit auch wirkliche Verbesserungen zwecks Verhütung ahn licher Wasserschäden erreicht werden können. Auch hierüber wurden indes vom Ausschuß noch keine Beschlüsse gefaßt. Die Anträge Ulrich, §au<f und Schönberger, betr. die Volksschullasten, wurden vorläufig von der Be­ratung zurückgestellt, bis die durch die nationalliberale Fraktion von 'der Regierung gewünschte Denkschrift über die Höhe der Kosten im Falle einer Nebern ahme der Volks­schullasten auf den Staat der Kummer vorgelegt sein wird. Die Weiterberatung des Finanzausschusses erfolgt am Freitag vormittag.

Die Nieder-Modauer Genossenschastrkrise.

bs. D a r m st a d t, 17. April.

Heute wird als einziger Zeuge der Landwirt Daniel Perron vernommen. Seine Aussage in Bezug aus die Verhaftung Adams deckt sich im wesentlichen mit der seines Bruders von gestern. Auch er bekundet, daß er mit seinem Bruder zweimal bei Ihrig war. Ihrig habe ihnen gesagt, daß man einen Mann, wie Atrnin, der so viel für die Genossenschaft getan habe, nicht anzeigen dürfe. Bei dem zweiten Besuche habe er ihnen gesagt, sie hätten eine Anzeige nicht nötig, er selbst habe das besorgt, er hätte hier noch die Akten, er tarne gerade vom Staatsanwalt.

Der Zeuge ist als Kontrolleur und Aufsichtsratsmitglied des Vereins tätig gewesen. Er gehört dem Verein seit 1890 an. Vor.: Was für einen Wert hat denn nun aber eine Kontrolle, die solche Resultate erzielt? Zeuge: Heute sehe ich, daß sie eben keinen Wert hat. V o r s.: Warum hat man dem Adam so großes Vertrauen entgegen gebracht? Zeuge: Adam hat im ganzen Odenwald das größte Vertrauen genossen. Der Zeuge Perron erzählt dann, wie im Jahre 1905 bekannt wurde, daß Wechsel «im Umlauf waren, die von den Vorstandsmitgliedern Adam und Roßmann unterzeichnet waren, mit denen der Verein aber nichts zu tun hatte. An gefälschte Wechsel habe aber niemand geglaubt. Adam sei darüber im Verein zur Rede gestellt worden, und er versprach auch, die Sache zu regeln. Es waren Wechsel im Gesamtbeträge von etwa 90000 Mk. Adam galt als ein sehr reicher Mann, und 90 000 Mk. tuaren für ihn nach feinem Vermögen eine Kleinigkeit. Was mit den Wechseln nun ge­schehen ist, weiß der Zeuge nicht. Aber in den Jahren 1907 und 1908 tauchten neue Wechsel auf. Ihrig, den man darum be­fragte, sagte, daß der Verein auch diese Wechsel ein lösen müsse, da es sonst Wechselklagen geben würde, und die Mitglieder kämen um Haus und Hof. ES lüft dann auch» int Verein ein Beschluß «gefaßt worden, diese Wechsel einzulösen. Damals habe Ihrig ver­anlaßt, daß Adam seines Postens enthoben würde. Er ist bann zwar nicht mehr Rechner gewesen, aber dafür Kontrolleur ge­worden. Vor s.: Wie kam denn das, daß ein Manu, der sich derartiges zmckmlden kommen ließ, Kontrolleur werden komtte? Hat denn dabei nientanb etwas gefunden? Der Zeuge kann hierauf nichts Bestimmtes antworten. Adam sollte auch einmal für eine Schuld Anerkenntnis leisten. Er weigerte sich aber und behauptete, daß Pallmann der Schuldner sei. Adam versprach auch, eine Schuldanerkenntuis Pallmanns herbeizustbassen. Einige Tage später brachte er sie auch. Der ist dann zu Pallmann ge­gangen. Dieser habe ihm aber gesagt, daß er nichts unterschrieben hätte, das hätte derPhilipp" unterschrieben. «Gemeint ist Philipp Adam.) Trotz dieser Urkundenfälschung erklärt der Zeuge, daß das Vertrauen zu Adam damals nurteilweise" erschüttert worden sei. Ebenso verhält es sich mit einem zweiten SchuldanerknintniS von 75 000 Mk., das auch von Adam gefälscht war.

Es kommen nun die Auszahlungen an Adam durch Beck zur Sprache, die dieser an Adam nach seiner Entlassung vom Rechnerposten gemacht hatte. Zeuge P erro n weiß sticht, ob es dem Beck verboten worden sei, Gelder au Adam auszuzahlen. Hier mischt sich nun auch der Angeklagte Beck ein. Er kommt wieder mit der Bel-auptung, daß ihm oon allen Seiten gesagt worden sei, dem Adam müsse geholfen werden. Der V v r s. macht ihn darauf aufmerksam, daß er ein Recht zum Aus­zahlen doch nur dann gehabt hätte, wenn er vom Vorstand uui) vom Aufsichtsrat die Ermächtigung dazu erhalten haben würde. Vors.: Zeuge Perron, haben Sie sich um diese Aus­zahlungen nicht gekümmert? Zeuge: Wenn man zu Beck kam, war er immer grob.Ihr Bauern versteht von der Sackst nichts. Geht auf eure Felder. Ich bin Genossenschaftler vom Kops bis zur Sohle." Das war seine Redensart. Der Angellagte Beck bestreitet ganz entschieden, das gesagt zu haben.

Es wird dann über die Urkunde von 275 000 Mark ge­sprochen, die auch der Zeuge Perron mit unterschrieben hat. Er erzählt, daß Kommerzienrat Ihrig gesagt hätte, sie sollten diesen Betrag ruhig übernehmen, zu zahlen brauchten sie nichts, das alles wird sichabrenten". Der' Zeuge hat zu Ihrig gesagt das wird wohl dann an die. 30 Jahre dauern. Ihrig habe aber geantwortet, daß das in einigen Jahren bereits erledigt sei. Ob diese Urkunde in die Bilanz eingestellt worden war, weiß der Zeuge nicht. Von einer Verzinsung sei keine Rede ge wesen. In der Generalversammlung sei die Höbe des Verlustes nicht angegeben. Es wurde nur gesagt, daß ein Verlust vom Vorstand und vom Aufsichtsrat übernommen worden sei. Beiß Konradi: Warum hat beim aber niemand von .Ihnen etwas von der Höhe der Summe gesagt? Zeuge: Wir waren ja die Leidtragenden inib da spricht man nicht gerne davon. Der- Zeuge entsinnt sich, daß der Revisor Müller damals zu Ihrig ge­sagt habe, er solle doch in der Generalversammlung die Wahr­heit sagen.

Es wird nun der Angeklagte Beck darüber befragt, warum denn er selbst in der .Generalversammlung die Höhe des Ver­

lustes nicht bekannt gegeben habe; denn er habe je die Ver­lesung der Bilanz begonnen. Beck weicht aber einer bestimmten Antwort aus. ©o habe auch Ihrig gesagt, daß man der Ge­neralversammlung nicht von einem ungedeckten Verlust Mit­teilung machen dürfe, sonst würden die Spareinleger davon laufen. Ferner hat Ihrig gesagt, daß alle Vorstandsmitglieder regreß­pflichtig seien und haftbar gemacht werden können. Der Staats­an w a l t will aber beweisen, daß Ihrig diese Regreßklagen eben zu hintertreiben gesucht habe, während Ihrig natürlich das Gegenteil tun will. Ter Staatsanwalt hält dem Ange­klagten Ihrig vor, welche rechtlichen Bestimmungen er dafür geltend machen kann, daß Vorstandsmitglieder, die 1908 em- getreten sind, für Verluste haftbar gemacht iverden können, die 1904 ein getreten sind. Justizrat 5) allwachs fragt den Zeugen Perron, wer die Regreßklagen betrieben habe. Der Zeuge antwortet, die Vorstandsmitglieder- und auch Kommerzienrat Ihrig. Auf die Frage des Beisitzers K o n r a b i, warum der Zeuge denn ein solches Schriftstück unterzeichnet hätte, erwidert der Zeuge, daß er alles unterschrieben hätte, was ihm vom Hemr Kommerzienrat vorgelegt worben wäre. Man hätte ja einun­endliches Zutrauen" zu ihm gehabt. Verteidiger Neuschaff er: Herr Person, sind Sie sich überhaupt über die Stellung eines Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedes klar gewesen? Zeuge: Nein. Es stellt sich heraus, daß Perron noch nicht einmal die Statuten des Vereins gekannt habe. _ .

Es kommt dann zu einer großen Aussprache über dr e Abtretung der 2 7 5 0 0 0 M a r k -11 r k n n d e an die Ge­nossenschaftsbank. Der Zeuge und die anderen Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder waren in dem Glauben, daß diese Ur­kunde dem Verein gehöre. Ihrer Ansicht nach wollte die Ge- nonenschaftsbaiik die Urkunde nuraufheben". An eine . Ab­tretung habe aber niemand gedacht. Es werden aber etntge Briefe' verlesen, die der Zeuge selbst mit unterzeichnet hat, wo von einer Abtretung direkt gesprochen ist. Das ist ein schla­gender Beweis dafür, mit welcherSachkenntnis" man in Nieder- Modau Bankgeschäfte betrieb.

Ter Zeuge hat eine Hppothek von 50 000 Mark seiner Frau überschrieben, die aber von dem Konkursverwalter angefochten wird. Zurzeit schwebt dieser Prozeß noch. Sein anderes Ver­mögen ist bereits mit Beschlag belegt Er besaß 98 000 Mark. Verliert der Zeuge den Prozeß, so ist er ein völlig mittelloser Mann.

Der Zeuge ist durch die ungewohnte geistige Anstrengung völlig erschöpft. Die Verhandlung iinrb daher um 1% Uhr abgebrochen. Fortsetzung morgen 81/2 Uhr.

LairSwrrtschast.

Aus dein Vogelsberg. Auf welche Weise manchmal Land- ivirte ihr Gut leichtfertig veräußern, zeigt nachstehender Vorfall. Ein wohlhabender Landwirt eines kleinen Ortes im Vogelsberg wollte sich, da er in seiner Ehe kinderlos geblieben, von der Land­wirtschaft trennen, um den Nest seines Lebens im Ruhestand zu verbringen. Er beabsichtigte daher, sein etwa 100 Morgen großes Gut nebst Oekonomiegebäude, sowie 18 Stück Rindvieh, 2 Pferden und allem sonstigen' landwirtschaftlichen Zubehör zu verkaufen. Anstatt nun das Feld einer öffentlichen Versteigerung zu unter­werfen, wobei er sicherlich ein gutes Geschäft gemacht hatte, ver­kaufte er einem Gütermakler aus einem benachbarten preußischen £rte das ganze Gut für 45 000 Mk. Dabei wurde von dem Güter­händler in dem Vertrag festgelegt, daß berimige, welcher von dein Verkauf zurücktritt, eine Geldbuße von 2000 Mark zu zahlen habe. Die Kreisbehörde erhielt jedoch von Verivandten deS Landwirtes von dem Handel Kenntnis, und dieser gelang es, den Kauf wieder rückgängig zu machen. Sie veranlaßte die Gemeinde, das Gut selbst m" erwerben; doch mit dem Unterschiede, daß diese jetzt 5000 Mk. mehr für das Gut zahlte als der Güterhändler. Das Geschäft, das dieser bei dem Kauf gemacht hat, da er jedenfalls die in dem Vertrage festgelegten 2000 Mk. beanspruchen wird ist jedenfalls ein wohlüberlegter und listig durchdachter Schleich- haiidel.

P r 0 v i n z i a l - I u n g vi e h w e i d en. Vom Landwirt­schafts-Ausschuß für Oberhessen wird uns geschrieben: In Aner­kennung der Wichtigkeit, ivelche dem Weidebetriebe für die Ent­wickelung der Jungtiere beigemessen werden muß, sind auch dieses Jahr zahlreiche Anmeldungen bei dem Landwirtschastskammer- Ausschuß eingelaufen, doch können mit Rücksicht auf den sich recht günstig entwickelnden Graswuchs, der durch kräftige Frühjahrs- düngung gesteigert ivird, noch weitere Zulassungen von Rindern für sämtliche Weiden erfolgen, sofern die Anmeldungen bis zum 20. d. MtS. erwirkt werden.

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Franks u r t a. M., 16. April. Unter Ausschluß der Seffent« lichlcit verhandelte heute die Strafkamincr gegen den verantwort­lichen Redakteur derVollSstimme", Richard Wittrifch, wegen Mi; ajeftä tsbeleidigung. Tie Beleidigung wurde in einem1 Artikel derVolkSstimnie" vom 13. Februar erblickt, der sich mit der Rede des Kaisers iw Deulsch-.'u Landwiickschaftsrat befa&te. Wi11ri sch wurde deshalb heute zu 4 Monaten Gefängnis ver­urteilt, sein Verteidiger, Reicl>stagsabgeorbnelcv Heine (Berlin), hatte Freisprechung oder Festungshaft beantragt, der Staatsanwalt batte 6 Monate beantragt.

Eingesandt.

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)

Gießen, 17. April.

Der schöne Rase n in den Anlagen beim alten Friedhof ist mit Massen von weißem Papier bestreut. Gibt es niemand, der diese Zierden der Toten einsammelt und einer edleren Wevnsendung zufuhrl?

TLirchttehe Nachrichten.

Israelitische Rellgisttsgeselischast.

©ottcsbicuft.

Montag: Morgens 6.00 Uhr.

Dienstag, den 22. A p r i l, und Al i 1 t w 0 ch, den 23. A p r i I: Passahfcst.

1. Tag: Vorabend 7.20. Vormittag 8.00. Predigt.

Nachmittag 4.00.

2. Tag: Vorabend 8.20. Vormittag 8.00.

Nachmittag 4.00. FcstesauSgaug 8.20.

Wochengottesdienst: Morgens 6.30, abends 8.20.

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