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gezeigt hat, richtet die bulgarische Regierung einen brüderlichen Appell an die serbische Regierung, von demselben sich durchdringen zu lassen und in seinen Bestimmungen die Notwendigkeit des Bündnisvertrages aufrecht zu erhalten und einzuwilligen in den Verzicht auf sein Rcvisions- begehren, indenr es sich hinsichtlich der Liquidierung und der Teilung der strittigen Zone auf die Entscheidung des obersten Schiedsrichters verlässt, die in der kürzesten Frist erfolgen soll.
Ausbreitung des Liberalismus im Bürgertum ist hierfür das allem wirksame Mittel. Wie können Sie aber erwarten, dass das liberale Bürgertum sich unserer Partei in Mengen anjchlieüen wird, wenn ^ie unsere Partei von der Gnade der Sozialdemokratie abhängig machen, d. h. von der Gnade derjenigen Organisation, die daraus ausgeht, gerade das Bürgertum mit samt seiner gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung zu zerstören?
politische Tagesschau.
Graf Feilitzsch j*.
Ter frühere bayerische Minister des Innern, Graf von Feilitzsch, ist Donnerstag mittags in München gestorben.
Max Freiherr von F-eilitzsch war am 12. August 1834 bei Hof geboren, ist also 78 Jahre alt geworden. Er wurde 1876 Polizcidirektor von München, 1879 oberbayrischer Regierungspräsident, 1881 Minister des Innern und zwar bis Ostern 1907. 26 Jahre lang blieb dieser Mann in schwierigen und kritischen Zeiten Minister, als Protestant und Liberaler bei einer klerikalen Mehrheit, und bei seinem durchaus freiwilligen Scheiden aus dem Amte erhielt er herzliche Achtnngsbeweise von Men Parteien und aus allen Kreisen. Er war ein Mann v-on überragender Bedeutung, wie Bayern im letzten Menschenalter kaum einen gehabt hat, ein Staatsmann, dem gegenüber die heute Regierenden Epigonen genannt werden müssen. Alle Erwerbszweige haben diesem weitaus schauenden Minister, der sich auch tzroße Verdienste um die Slrone erworben hatte, Großes zu danken.
Ter Nachfolger des Grafen Feilitzsch war B r c t t r e i ch, der bei dem Sturze des Kabinetts Podewils im Ministerium Hertling durch den Freiherrn von Soden ersetzt wurde.
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Freisinn und Sozialdemokratie.
Graf Hoensbroich hat an den Vorstand der Fortschrittlichen Volkspartei Preußens eine Zuschrift gerichtet, worin es heißt:
In den soeben beendeten Wahlen zuin preußischen Abgeordneten- hause sind von Organisationen unserer Partei Bündnisse mit der S o z i n l d e >n o k r a l l e geschlossen worden, wodurch in verschiedenen Wahlkreisen der Sieg der sozialdemokratischen Kandidaten über Kandidaten bürgerlicher Parteien herbcigesührt worden ist. Auch hat die Sozialdemokratie der Fortschrittlichen Volkspartei für ziigeücherte Gegenleistungen Wahlhilse geivährt gegen Kandidaten bürgerlicher Parteien. Es ist also bei deii preußischen Landlagswahlen - allerdings vereinzelt und mehr im kleinen - aber- lmals geschehen, >vas allgemein und im großen schon bei den iReichstagsivahleii 1912 sich ereignet hat, daß nämlich unter Ihrer Billigung und Leitting die Fortschrittliche Volkspartei Bündnisse mit der Sozialdemokratie geschlossen und ihr Handlangerdienste acleiftct hat gegen andere bürgerliche Parteien. Als Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei spreche ich es öffentlich aus, daß Sie durch dieses Verhalten schwere Schuld aui sich laden und unsere Partei am Wege führen, die äußerst verderblich sind.
Die Sozialdemokratie ist vaterlaiidslos und antideutsch, unsere Partei soll sein und ist vaterländisch und deutsch. Brücken zwischen diesen bcideii Polen gibt es nicht, so viele Berührungspunkte aus sozialpolitischem, politischem unb kulturellem Gebiete die Programme ibeider Parteien auch haben. Aus „Taktik", nn§ „praktischer Politik" iisw. unsere Parleikräste der Sozialdemokratie zur Verfügung stellen und die sozialdemokratischen Parteikrästc für uns erbetteln, ist grundschlechte „Taktik", ist völlig verfehlte, überaus kurzsichtige „Politik". Obendrein ist ein solches Verhalten vom nationalen Standpunkte auS, den ailch Sie als obersteil Standpunkt einzunehinen haben, fchmachvoll. Femer sind derartige Bündnisse grundsatzlose Schacher- politik, die alles opfert, um Mandate zu erlangen. Ich bekenne mich zu den Grundsätzen der Fortschrittlichen Volkspartei, aber diese Grundsätze müssen verwirklicht ivcrden durch ausrechten und deutschen Liberalistnus, nicht durch einen „Liberalismus", der, aller deutschen Gesinnung bar, einer Partei nachläust, die das Ehrwürdigste und Größte, was wir besitzen, Vaterlaitd und Vaterlandsliebe, in den Kot zieht und die dazu itoch unsere gesamte Wirtschaftsordnung zertrümmern will, die also unsere eigene Todfeindin ist. Bündnisse mit der Vaterlands- und gesellschaftsfeindlichen Sozialdemokratie sind die denkbar ungeeignetsten Mittel zur Besiegung der Reaktion.
Die Mörder Sdieffet Paschar vor Gericht.
Konstantiiiovel, LO. Juni. Bei dem Vorverhör der Mörder des früheren Großwesirs erklärte Toval Teivsik, der als erster verhört wurde, er habe die Tat aus Ueberzeugung begangen im Vertrauen aus lerne geistig ihm überlegenen Komplizen. Er schilderte die Tat, wobei er seine Komplizen anklagte, nicht Wort gehalten zu haben, da sie ihn im Stiche gelassen hätten. Der frühere Leutnant Mechmed Ali sagte aus, daß der Prinz Sabah Eddin zur Ausführung des Komplotts 1700 Pfund gespendet habe. Dieselbe Summe scheint der frühere Gesandte in Stockholm, Scheril, gewidmet zn haben. Ter Sekretär Scherüs, Tertef Teivsik, diente als Vermittler. Einige Tage vor der Tat begab sich Kiazint nach Konstantza, ivo er mit dem früheren Minister des Jnitern, Neschid, zusammentraf, der von Paris Geld zur Ausführung des Verbrechens brachte. Der Angeklagte machte sodanii belastende Aussagen über D a in a f Salih Pascha.
Der Miltäter K i a z i m hatte den Plan gefaßt, beit früheren Minister des Iiincrn Talaat in ein HauS zu locken, ihn dort gefangen zu halten und ihn» die Bedingungen der Verschwörer zu diktieren. Tie "Aussagen des Mörders Zia sind sehr belastend für Dainad Salih, Neschid Bey, die Generalstabsobersten Fttad und Kemal sowie den Cberfttentnant Sekki.
Jiii Anschluß aii diese Angaben machte der Militär- gouve riie u r von K onstantinopel Mitteilungen über die Verhandlungen Kiazims mit deut Prinzen Sabah Eddin und Dainad Salih, von denen der letzte in Briefwechsel mit dem in Paris bestehenden Komitee slaiid, dem Scheril Pascha, Neschid Bey und Said Pascha sowie cm auswärtiger Militärattache angehörten, der die Reise Kiazims nach Eonstanlza förderte. Die Verschwörer sollten ein Kabinett unter Kiamil Pascha bilden mit dem Prinzen Sabah Eddin als Münster des SleuBcrctt und Reschid oder Jsntail als Minister des Jniierii.
Die Zurückweisung der serbischen Ansprüche durch Bulgarien.
Aus der Antwortnote Bulgariens an Serbien sind noch folgende Stellen von allgemeinem Interesse:
Es steht außer Zweifel, daß Bulgarien, indem es das Gros der türkischen Streitkräfte aus den Schlachtfeldern von Lüle Burgas und Bunar Snii'ar zerschmetterte — von den Kämpfen und der Festhaltung der asiatischen Reserven bei Tschataldscha und Bulair zu schweigen — mehr als seine vertragsmäßige Pflicht getan hat. Bezüglich der K o m p e n s a t i o n s f o r d e r u n g e n, welche mitber Tatsache begründet werden, daß Bulgarien mehr (Gebiet im Osten erlange, während Serbien solches im Westen verliere, konstatiert die Note, daß diese Forderungen dem geheimen Zusatzabkommen zuwiderlausen, welches die äußerste Grenze der beiderseitigen Erwerbungen im Osten vom Struma und von Rhodope und im Westen und Norden von Schardagh an bestimme. Die bulgarische Regierung habe, von dem Gefühle der Solidarität geleitet, auch die serbische Negierung rechtzeitig mehr als einmal verständigt, daß Bulgarien bereit sei, Serbien zu unterstützen. Der Entschluß Serbiens, aus die Adriaküste zu verzichten, ist ohne Wissen der bulgarischen Negierung gefaßt und wenn das Aufgeben des Adriaküstengebiets für Serbien ein von den Großmächten auferlegtes Opfer bildet, so bildet die Abtretung SilistriaS, das Aufgeben Tschataldschas und der Marmaraküste auch ein solches für Bulgarien. Uebrigens ist diese Forderung nicht von großer Bedeutung für Serbien nach dem Entschluß der Mächte, ihm einen kommerziellen Zugang zum Adriatischen Meer zu gewähren, und nach der Vereinigung der serbischen und montenegrinischen Grenze, die schon jetzt Serbien die Verfügung über ausgezeichnete Häfen gibt, nämlich über Dul- c i g n o und A n t i v a r i, und ihm die Möglichkeit seiner vollen wirtschaftlichen Unabhängigkeit in der Zukunft zusichert. Tie Kooperation der Griechen und Montenegriner hat die Lage nicht geändert, denn das Eingreifen der griechischen und montenegrinischen Armee, welche mit denselben türkischen Streitkräften kämpften, die von den Bulgaren abgeschnitten waren, hat die Operationen der Serben beträchtlich erleichtert. Da anderseits die griechischen Ansprüche auf Gegenden abzielen, welche unzweifelhaft mazedonisches Territorium sind, auf welche Serbien keine Ansprüche zu erheben sich verpflichtet hat, so besteht fein Grund, Griechenland an der Teilung der einzelnen zwischen Bulgarien und Serbien strittigen Gebiete teilnehmen tzu lassen. Was die t e r r i t o r i a l e n Ansprüche Montenegros betrifft, so erklärt Bulgarien, kein diesbezügliches Interesse zu besitzen. Auf die serbische Behauptung, daß die Fortsetzung des Krieges nach dem Scheitern der Londoner Verhandlungen ausschließlich int Interesse Bulgariens erfolgt sei, so muß bemerkt werden, daß der Abbruch der Verhandlungen und die Wiederaufnahme der Feindseligkeiten im Jntcr- efl'e und im gemeinsamen Einvernehmen der Verbündeten beschlossen wurde, ohne daß Serbien die geringsten Einwendungen erhoben hätte: im Gegenteil, Serbien hat nach Wiederaufnahme des Krieges seine Truppen entsandt, um Montenegro behufs Einnahme Skutaris zu unterstützen, wo die Feindseligkeiten nie aufgehört hatten, ebenso wie sie vor Janina nicht zum Stillstand gekommen waren. Die serbische Regierung setzt sich mit dem Vertrage in Widerspruch, wenn sie als strittige Zone das ganze Gebiet zwischen Schardagh und dem Rhodope-Gebirge sowie den Archipel und den Ochrida-See bezeichnet uitd wenn sie erklärt, daß die Art der Verteilung der Gebiete durch den Vertrag nicht endgültig geregelt sei.
Die umfangreiche Antwortnote schließt:
Aufrichtig überzeugt von der Notwendigkeit und Fruchtbarkeit des Bündnisses, das bisher so günstige Ergebnisse für beide Völker
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: es@51. Redaktion:e-ÄAI12. Tel.-Adr.:AnzetgerGießen.
Samstag, 2\. Juni 19(5
Rotationsdruck unb Verlag der Brühl'schen UniversitätS - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
FvLrncn-Rnttdschau. Ein unterschätzter Berus.
Das Urteil über die Berufsarbeit der Frau bat in den letzten Jahrzehnten eine große Wandlung durchgemackst, viele Vorurteile sind gefallen, und während früher einem jungen Mädchen der gebildeten Kreise nur die Wahl zwischen Sefamn, Erzieherin, Krankenpflegerin blieb, bietet sich ihm jetzt eine große Fülle der verschiedensten Arbeitsgebiete, und es kann sich für bat Beruf entf(fatben, der seiner Veranlagung und Neigung am nächsten kommt, ohne aus seiner gesellsckxmlrcfail Sphäre farcruS- auge'bcn Tas ist ein ungeheurer Fortschritt int Vergleich zu den Anschauungen, die noch vor 20 Mähren vorherrschten. Aber noch sind nicht alle Vorurteile überwunden, auch letzt gibt es noch manchen Berns, der unter dem falschen Urteil der OeiDeutlichkeit zu leiden har. Ein solcher bisher noch ichwer verkannter und unterschätzter ist der der Verkäuferin. .
। Hierüber plaudert eine im Maiheft der „Zeitschrift des Kaus- Ntännischen Verbandes für weibliche Angestellte^ veröffentlichte $ s^Es^ist zunächst eine durchaus falsche Auffassung, die Arbeit einer Verkäuferin geringer einzuscl>ätzen. als die einer kaus- tiutnnifd)eii Bureaubeamtin. Mag dieser tfirnia Millionen umsetzen, sie bat nichts damit zu tun als Briefe zu stenographieren, mit der Maschine zu schreiben, Zahlen aus einem Buch ms andere zu tragen, Rechnungen und Frachtbriefe abzuschretben. Auch zu der nervenzerrüttenden, eintönigen Arbeit am ^elepyon drängt sich so manche Dame, die um feinen Preis als Verkäuferin — auch selbst in ein seines ^pezialgesckxift euttreteii lufabe Und so, wie die öffentliche Meinung heute noch urteilt, kann man es ja auch keiner Dame verdenken Wer eine Verkäuferin muß, wenn sie idren.Plav nchttg Msplllen wll, die Eigenschaften einer Dame im bellen inne de^ Worttv habm.
Taktvolles sicheres Benehmen, fetnstnntges ^ritanimiy far t>ie 'Eigenheit des andern, gewandte Llusdrucksweise, naturhefa ^ic- bknswürdigleit, das alles sind Talente, die man in erster als gesellschaftliche bezeichnen wird, für ba? rein kaufmanuifche kommen sie weniger in Betracht. . ' .
Nun kann wohl eingewendet werden, baR .«ne -tarne in einem offenen Berkaufsgeschätt manchen Belästigungen und Demütigungen ausgesetzt ist, die ihr in emem geschlossenen Ar- b-ätsrauni erspart bleiben; auch das ist ein Vornttcll. Gerade die Oeffentlichleit des Raumes legt korgesetztm^Kollegen Uifa aach dem laufenden Publikum eine gewme B-efchrankung im rücksichtslosen Sichgehenlassen aus Und dann morst «ne Tarne vor Belästigungen sicher? ^'e einzige Wehr da- gkg«i liegt in ihrer Persönlichkeit leibst. Es geht eben Hand ir Hand: gebildete Verkäuferinnen ernerfttts und höhere gcsell- schaftlick^c Einschätzung di«'es Berufes anderett«ts.
Und wieviel Anregung bietet der Beraft .der Verkäuferin. Sie kommt täglich mit b«t verickstedensten Mmlchenzusammen, sie lernt die mehr oder weniger bedeutenden d<Morckrchk«wn hau- sif kommender Kunden in ihren Etgenfatlen kemt«r Wer nut Hencn Augen und wachen Sinnen um sich 1^' MM
Junten Vielerlei des Geschäftslebens die nje^tf^ltfn .In- r egungen auch zur Weiterbildung der .eigenen derwuttchkeit ftn- d'M. Und ferner, wie selbständig arbeitet bcc Verkäuferin, ^yroer
Französische Frauenurtcilc
über die englischen Wahlrechtsweiber.
,L3ürden Sie als englischer Richter die Suffragetten verurteilen? Und wenn Sie Anhängerin des Frauenftimmrerfas
wären, auf welche Weise glaubten Sie es erreichen zu können?" Diese beiden Fragen haben die „Annales" einer Reihe hervorragender Frauen Frankreichs vorgelegt, um das Urteil der französischen Frauenwelt über die englischen Wahlrechtsweiber zu erfahren. Die Antworten, die bisher porliegen, sind alle darin einig, daß Suffragetten, die die Gesetze übertreten, gesetzmäßig zu bestrafen seien, und nur eine Schriftstellerin, die Rachilde, will die auftührerischen Wahlrechtsweiber nicht ins Gefängnis, sondern ins Irrenhaus schicken.
Im einzelnen beantwortet Juliette A d a m die erste Frage dahin, daß sie die Suffragetten vorausgesetzt, daß sie zum Richter in England bestellt wäre) gerade deshalb verurteilen würde, um ihnen die Gleichheit von Mann und Frau vor Augen zu führen. Marie-An ne von Bovet meint, die Frauen müßten zwar bestraft werden, erinnert jedoch daran, daß auch die Männer mit Hilfe der Gewalt vieles durchgesetzt und die „Menschenrechte^ erlangt haben. Ihre Gewalttaten (sie meint zur Zeit dec frauzö- sischen Revolution) waren dabei viel schlimmer und blutiger, als die der Wahlrechtsweiber in England, die bisher wenigstens noch niemanden getötet haben. Tie Gyp äußert sich nur auf die erste Frage, dafür aber etwas ausführlicher: sie mürbe die Wahlrechtsweiber nicht nur bestrafen, sondern, in der .Hoffnung, sie los zu werden, sie im Gefängnis ruhig verhungern lassen, wenn sie durchaus wollen, und gewiß keine Zwangsfütterung anwenden. Dchyielc Lesu cur antwortet ziemlich zurückhaltend. Sie ist keine Anhängerin des Frauenstimmrechts, meint jedoch, man dürfe die Suffragetten nur für ihre Verbrechen und Gesetzesübertretungen bestrafen, nicht aber für ihre Ueberjeugimg.
Was die zwette Frage anlangt, so hält Juliette Adam die Einführung des Frauenstimmrechtes an fiel nicht für durchaus wünschenswett, sondern sie denkt an eine Reform des parlamentarischen Lebens, an dem die Frauen nicht durch ausdrückliche Erteilung des Stimmrechtes, sondern auf etwas andere Weise teil haben sollen. Die heutigen Volksvettretungen will sie iräm- lich durch Vertretungen der einzelnen Berufe ersetzt wissen, so daß über alle Fragen Fachleute zu Rate siyen. Unter diesen Abgeordneten der Zukunft befänden sich selbswerstandlich auch Frauen, weil eben Frauen auf einzelnen Gebieten besonders sachverständig sind. Ferner hat sie eine Beschränkung des männlichen Wahlrechtes un Auge, die auch einiges für sich fat: sie betrachtet die „soziale Person", nämlich die Familie, und meint, diese müsse das Stimmrecht haben, dafür sei es Unverfairattten beider Geschlechter nicht zu geben. Marie-Anne von Bovet unterscheidet bei der Beantwortung der zweiten Frage zwiscfan Theorie und Praxis. Vom Standpunkt des Logikers, so führt sie Lord Salisbury an, spricht nichts gegen die Einführung des Frauen- Mmmrechts. Tie Sache hat aber noch einen Haken: an dem Tage, wo sie das sßrauensttmmrecht bekommt, ist auch ihre Waschfrau itnnmbercdjtigt! Die bereits oben angeführte Rachilde entpuppt >ich als eifrige Gegnerin des Frauenstimmrechts. Ten Frauen das StimTnrecht geben, heißt, wie sie es kraß m,sdrückt, der Hysterie eine Rolle in der Leitung der Völker einräumeu,
Verkauf, den sie erledigt, ist ihre eigene Leistung, von ihrer persönlichen Geschicklichkeit hängt es oft allein ab, ob das Geschäft sich für beide Teile, Käufer und Verkäuferin, befriedigend entwickelt.
Wie häufig handelt es sich auch nickst bloß um das Vettanfen einer vorrätigen Ware. Ost nimmt die Verläuserin Aufträge für besondere Ansettigungen an, da gilt es, Ratschläge zu er- teücn, die Ausführung nach verschiedenen weiten hin zu erörtern: uceist gehört zu der richtigen Annahme einer, Bestellung nicht viel weniger Sachkenntnis, als zu der prattischen Ausführung nachher erforderlich ist.
Dann noch ein nickst zu. verachtender Vorzug: Die Verkäuferin ist im allgemeinen gesünder als die Bnreaubeamtin. Diese ist stundenlang an ihren Schreibtisch gefesselt: die Verkäuferin dagegen hat angemessene Bewegung, sie hat durch die große Mittagspause Gelegenheit, an die Luft zu kommen und kann ifa Mittagessen im Familienkreise genießen, auch das fehlt den meisten Buchhalterinnen, Stenotypistinnen usw. bei englischer Tischtzeit, die in der Praxis oft eine eckst deutsche ist, nur ohne die zweistündige Mittagspause. Gegen den Einwand, daß der Geschäftsschluß um 8 Uhr den Besuch von Tfaater, Konzerten und Gesellsck?aften unmöglich macht, möchte ich noch bemerken, daß in einem gut geleiteten Gesck)äft die Erlaubnis zu einem früheren Verlassen der Arbeit gennf; gern hin und wieder gegeben mcrbcn wird, wenn die Leisturrgen der Betreffenden sonst zufriedenstellend sind. Bei regerem Geschäftsgang läßt sich die versäumte Zeit auch dadurch ciufalen, daß die Verkäuferin an solchem Tage ausnahmsweise zu Tisch nicht fortgeht und dafür am Abend zwei Stunden früher frei ist. Ter allgemeine 6 Ufa- Schluß der Ladengeschäfte taucht ja jetzt auch schon am Horizont der Möglick'.eiten auf. Vielleicht geht es.mit der Verwirklichung dieses manck)em heute noch unausführbar cricheinenden Gedankens schneller, als sich atmen läßt.
Was nun die Bezahlung anbelangt, so stellt sich diese für Verkäuferinnen im allgemeinen durchaus nicht geringer als für Bureauangestellte, und eine gute, besonders tüchtige Ver- fäuferin wird auch besonders gesckstitzt und entsprechend bezahlt, um so mehr, als die ^luswahl heute nicht groß ist.
Es gilt also vor allem, die eingewurzelten Vorurteile gegen den Beruf der Verkäuferin zu übcntnnixm, und da diese durch Tatsachen widerlegt werden können, so müßte meines Erachtens das ersehnte Ziel in absehbarer Zeit zu erreichen sein. Alles, was man in dieser Sache erhoffen und critreben kann, deckt sich aber auch mit den Zielen des Teutschen Käuferbundes und ähnlicher Wohlfahrtsbestrebungen, und so bin ich der festen Zuversicht, daß die beiden Gedanken: höhere gesellschaftliche Bewertung des Verkäuserinnenberuss und damit Eintritt gebildeter Tarnen in diesen in nicht allzuferner Zeit wettgehendes Veritändnis nn- den werden. Es wäre gleichzeitig ein Schritt vvrwätts auf dem Gebiet der Frauenberufe, dessen segensreiche Folgen bis in die fernste Zukunft nachwirken müßten.
Aus Stadt stiib Cand»
Gießen, 21. Juni 1913.
Krankcnkaftenvcrband für das Großherzogtum Hessen.
Tex Krankeniassenverband für das Großherzogtum Hessen hatte im Berichtsjahr eine weitere Erhöhung der Turchschnittsrnitgliederzahl zu verzeichnen. Sie stieg bei 29 Orts-, zwei Jnnungs- und einer Betriebskrantenkasse von 107 209 aus 112 231 Mitglieder, zugerechnet die Mitglieder aus den vier Kassen, die sich an der Statistik nicht beteiligt haben, sogar auf 115 535 ober um 7926 Mitglieder. Tie größte Zunahme hatte die Ortskrankenkasse Mainz mit 1480 Mitgliedern zu verzeichnen. Es folgen: Worms mit 999 und Offenbach mit 802 Mitgliederzunahme. Ein Mitgliederrückgang besteht bei den Ortskrankenkassen in Auerbach mit 80 und Finthen mit 48 Mitgliedern. Die Durchschnittsmitaliederzahl in den beiden Jnnungs- kassen verringerte sich von 769 auf 745.
Die Ge sam t e i nn ah m e der an der Statistik beteiligten Kassen betrug 4 749 570.32 Mk. gegen 4 523 557.88 Mark. Es bedeutet dies eine Mehreinnahme von 226 012.44 Mk. Die Gesamtausgaben betragen 4 447 457.19 Mark gegen 4 185 807.23 Mk. im Jahre zuvor. Das Mehr beträgt demnach 261012.44 Mk. Unter den Ausgaben befindet sich eine Kapitalanlage von 403 007.87 Mk. Im einzelnen wurden im Berichtsjahr 1912 gegenüber 1910
Ur. Zweites Blatt 163. Jahrgang
Erjchemt täglich mti Ausnahme des Sonntags. J D
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