Nr. |59
Zweites Blatt
163. Zahrgang
Giehener Anzeiger
Erscheint ttglich mit Ausnahme deS Sonntags.
General-Anzeiger für Gderheffen
Tie „Siehener Zamtliendlätter" werden dem „Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das „Nreir'olatt für den Kreis Siehrn" zweimal wöchentlich. Tie „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- strahe 7. Expedition und Verlag: fc^öl. RedaktiomS-rzAl 12. Tel.-Adr.:AnzeigecGleßen.
Dienstag, 17. 3uni 1915
Rotationsdruck und Verlag der BrülU'schen Unioersiräts - Buch- und Sreindruckerec.
R. Lange, (SicBcu.
5nm Projekt Ser Nord-Süvbahn
erhalten wir folgende Zuschrift
Wie aus mehrfachen ?)i-.Heilungen bekannt ist, ist ein Projekt zum Bau einer .Hauptbahn von Hamm über Werl—Neheim— .Allendorf nack Finnentrop ausgearbei'et und dem Eisenbahn Minister vorgelegt worden. Tic neue Linie soll — abgesehen o.m der Erschließung^ des Saucrlanoes — die jetzt fehlende di rekteNord-Süd T u r chg a n g sl i n i c zwischen H amm (—Münster -Ner)se häfen^ unb Siegen Gieße n—F rant - < u r t werden, besonders aber soll ne eine wichtige r'lbüihr linie für die Güter des Ruhrlohlenbczirks und auch des Sieger landcs werden. Tiefen bedeutenden Aufgaben kann die neue Dahn nur dann gerecht werden, wenn sie als c r st i'lassigc, hochleistungsfähig e Schnellzug' und Aüterzug strecke gebaut unrb. Hierzu gehört vor allem, daß die Linie keine scharfen Krümmungen und keine starken Steigungen er hält. Die Linie ist daher auch durchaus nach diesen Grundsätzen entworfen: sie hat leinen kleineren Halbmesser als .500 Meter und leine stärkere Steigung als 1 :110.
Es ist nun die Bemerümg laut geworden, die S t e i g u n g e n Machten die Linie für durchgehenden Schnellzug- und starken Güterverkehr ungeeignet. Um diesem Irrtum vorzubcugcn, sei folgendes erwähnt:
Zwischen Hamm und Finnentrop besteht ein natürlicher Höhenunterschied von rund 170 Meter, denn Finnentrop liegt 234 Meter, .Hamm dagegen nur 65 Meter über dem Meeresspiegel. Tiefen Höhenunterschied muß selbstverständlich jede zwischen den beiden Punkten *n erbauende Linie zu überwinden. Nun ist aber außerdem nod) das bis auf 550 Meter ansteigende Lennepe Gebirge zu überwinden. In dem vorliegenden Projekt geschieht das aber mittels eines Tunnels derart, daß der höchste Punkt der Bahn auf 326 Meter .Höhe liegt. T ;c „verlorene" Steigung beträgt demnach nur rund 90 Meter, hält sich also in sehr bescheidenen Grenzen: sie ermäßigt sich aber bezüglich der Berechnung der Betriebskosten nod) auf 70 'Beter.
Außerdem wird der Höhenunterschied mit einem recht schwachen Steigungsverhältnis genommen. Tic stärkste Steigung der Linie 'beträgt nämlich nur 1 :110.
Aus den gesamten Steigungen ergibt sich, daß einerseits Schnellzüge mit einer Lokomotive mit recht hoher Geschwindigkeit und daß andererseits Güterzüge von großem O^e- ebenfalls von einer Lokomotive beförbert werben können. Tas sind aber bic für die Leistungsfähigkeit und die Wirtschaftlid)- feit der Strecke wichtigsten Gesichtspunkte.
Ein O Zug von 32 Achsen wird mit einer Lokomotive, der sogenannten 2-0-Heißbampflolömotive P 8 bespannt, von Hamm nad) Finnentrop eine reine Fahrzeit von 66 Minuten, von Fin- nentrop nad) Hamm eine solche von 54 Minuten erfordern: er wird 40 Minuten weniger gebrauchen als der jetzige beste 3115-
Ein Güterzug der größten zulässigen Länge 120 Achsen! wird von einer Lokomotive, der sogenannten L-Lotomotivc G 10 befördert werden können.
Aus diesen wenigen Angaben ergibt sich, daß die Befürch- itung, die Höhenim'endxede seien für die Linie zu schwierig oder gar zu unwirtscliaftlich, nicht begründet ist.
Eine Hetzrede des französischen Kriegsmimfters.
Rennes, 16. Juni. Bei dem Festessen bcs Preis- schießend hielt Kriegsminister Etienne eine Rede, in der er den Gegnern der dreijährigen Dienstzeit vorwarf, sie behaupteten, die Regierung wolle Frankreich zu einem Kriege treiben, während man nur den Frieden wolle.
'Ulan stehe vor der Tatsache, das; Frankreich gegenwärtig 470 000 Mann gegenüber 880000 habe, die Deutschland nächstens haben werde. Was solle man tun, um nicht eine Bente des Auslandes zu lucrbeit. Keine Regierung hätte anders gehandelt als die jetzige. Seit 43 Jahren, sagte der Minister, leben wir im Frieden. Wir haben ihn ertragen diesen Frieden selbst nm den Preis der ) d) iv c r ft e n Opsc r, weil wir nur, wenn wir angegriffen würden, Krieg führen wollten. Als der Kriegsniinister erst darüber nachdachte, wie man die Armee bei einer zweijährigen Dienstzeit verstärken könne, erfolgte schon der Tonn erschlag in D e il t s ch l a n d burdi die Vermehrung der Effektivstärken. Und in welchem Maße! Hätten ivir da untätig bleiben, die Tatsachen lediglich zur Kenntnis nehmen sollen, ohne zu erwidern? Dann hätten wir Europa anzeigen müssen, daß Frankreich nun über
wunden ist und das Land aufforbern, zu sterben, ohne gekämpft z» haben. Wohlan denn, ich habe meinem Sanbc das Alarmsignal gegeben. Ta Deutschland feine Effektivstärke plötzlich von 700 000 auf 880000 Mann vermehrt, m u ß cs i r gendwelcke T'läne haben. Welche, habe er md)t zu ergründen: aber als Kriegsminlster müsse er Maßregeln treffen: deshalb habe die Regterung den Mut, vom Lande so schwere, aber notwendige Spier
an verlangen. Wollt Ihr, rief der Minister aus, Vasallen und Trabanten Deutschlands werden? (Rufe von allen Seiten: „Nein! Nein!") Nun, wir auch nicht. Wir werden das -Siel verfolgen und bis an das Ende neben; wie groß and) die Anstrengungen fein mögen, wir werden sie überwinden.
Ter 'Minister wies darauf bin, das; er selbst ned) die Niederlagen erlebt habe und unter diesem Eindrücke erzogen movben fei. Frankreich wolle ruhig und zurückgezogen sein Friedensiverk betreiben; aber es verlange einen würdigen Frieden, wobei das Land mit seinen zivilisatorischen Aufgaben ivachse. Wenn aber cm unglücklicher Krieg cnisbrache, iverden wir, rief der 'Minister aus, mit dem ganzen Lande, mit unseren vortrefflichen F ü b r c r n und unsere m u n v e r g 1 e i d) l i d) e n Offizier» lorps, das die Bewunderung und Eifersucht aller fremdet; Armeen hcroorruft, da es gebildeter unb eifriger a ls jedes andere ist, mit unseren vorzüglichen Unteroffizieren zum Stege fd)reitcn. (Tonneruder Beifall, alles springt auf zu begeiuerten Hochrufen auf den Minister. Endlose Ovationen iverden tl)tn bargebradjt.)
Aus
SBom Verband hessischer Gerichtsassessoren.
bs. Darmstadt, 16. Juni. Der Verband hessischer Gerid)tsässessoren hielt gestern seine diesjährige Hauptversammlung in Frankfurt ab. Wie der Vorsitzende seststellte, gehören dem Verband 91 Assessoren und 24 an- geftellte Mitglieder an; nur 18 meist beurlaubte Assessoren in Hessen find nicht Mitglieder des Vereins. Den Haupt- gcgeustand der Erörterung bildete die Frage des Assessorcn- mangels, der durch die Justizflucht in Hessen veranlaßt ist. Es wurde festgestcllt, daß von den 25 Kandidaten des letzten Staatsexamens fid) nod) keiner zum Eintritt in den Justiz- dienst habe entschließen können. Man erklärte dies für sehr begreiflich, da ftd) höchstens die Verwendungszeit nächstens etwas günstiger stellen werde, während die jetzt 12 jährige Wartezeit zur Anstellung demnächst auf 14 bis 16 Jahre steigen würde. Nach allgemeiner Auflassung könne Abhilfe nur gcschaflen werden 1. durch Umwandlung der bauernd von Assessoren besetzten Richter- und Staatsanwalts- stcllen in definitive, 2. durch Verwandlung der schon jetzt etatsmäßigen Amtsanwaltsposten wenigstens in den größeren Städten in dekretmäßige Stellen, wie in Preußen, 3. durch obligatorische Anrechnung der gesamten Vordienstzeit, soweit sie 2 Jahre (wie in Sachsen-Weimar) oder dock) 3 Jahre (wie in Elsaß-Lothringen) übersteigt. 4. durch angemessene Berücksichtigung im Rahmen aller Staatsdicnstanwärter bei der Besoldungsreform, sei es durck) Gewährung eines Wohnungsgeldes, sei es, wenn dies überhaupt zugcbilligt wird, durch Erhöhung des jetzigen Endgehalts bis zum Anfangsgchalt der übrigen akad. Beamten. — Der Vorsitzende berichtete dann nod) über die Fortbildungsfrage und erkannte dankbar an, daß das Ministerium neuerdings den Besud) der Fortbildungskurse in Frankfurt genehmigt habe, ihnauchdurchErsatzvonReisckosten undTeilnehmergebühren er- leichtere. Man kam aber im Gegensatz zu den auf dem letzten hessischen Richtertag von Prof.Dr. Mitter maier aufgestellten Leitsätzen zu dem Ergebnis, daß besondere Einrichtungen fürFort- btldungskurse in Hessen nicht ratsam seien, da hierzu viele Voraussetzungen fehlten. Es empfehle fick) vielmehr eine Verbindung mit der Gesellschaft für wirtschaftliche Ausbildung in Frankfurt, das ja für ganz Hessen den günstigsten Mittelpunkt für solche Kurse bilde.
Ein Sommerfest im Wahlkreise Bingen-Alzey auf der Waldeck.
Ingelheim, 15. Juni. Etwa 3000 Personen zogen heute in langem Zuge von Ober-Ingelheim aus nad) der Waldeck. Dort sollte beim Bismarcklurmc ein national- liberales Partcifest gefeiert werden. Die Veranstaltung war von der Witterung sehr begünstigt. DaS Fest wurde durch Heinrid) Biegler eröffnet, der die zahlreich Erschienenen im Namen der Nationalliberalen Partei von Ober- Ingelheim begrüßte. Fräulein Lotte St em ml er aus Ober-Ingelheim trug hierauf ein Gedicht von Kaiser Fricdrtä)s Tod vor. Die F e st r c d c hielt der Reichstags- abgeordncte des Wahlkreises Bingen Alzen Dr. Becker. Er ließ fick) insbesondere über die Zeit der Regierung Kaiser Friedrichs und der 25jährigen Regicrungs des Kaisers Wilhelm II. aus. Er beleuchtete die einzelnen Rcgicrungö- abschnitte und sprad) eingehend über die sozialen Errungenschaften, die Deutschland gerade während der letzten Jahre aufzuweisen hat. Mit einem Hoch aus den Kaiser schloß er seine Ansprache. Neber die Zeil der Befreiungskriege, den zu der Zeit im deutschen Volke herrschenden Geist sprad) der Vorsitzende der Natiouallibcralen Partei des Wahlkreises Alzey Bingen Justizrat Calman, Alzey. Weitere Ansprachen hielten der Landlagsabgeorduete Schott, Uffhofen, der ein Hock) auf den Reichstagsabgeordneten Dr. Becker ausbrachte, Ingenieur Babing, Bingen, bcr über die deutsche Armee sprach, Gc richtsassessor Keil, Wörrstadt, der über die deutsche Flotte sprach u. a. gemeinschaftlich Gesungene Lieder, Vorträge der Kapelle der 88er aus Maiuz bildeten die weiteren Bestandteile des abwechselungsreichen Programms. Abends fanden eine bengalisch Beleuchtung des Bismarcksturmcs aus der Waldeck, eine italienische Nacht u. a. Volksbelustigungen statt. Den Schluß bildet der Rückzug imdj Ingelheim im Scheine bunter Papierlaternen.___________________________
Deutsche» Neich.
Ter Reichstag wird die zweite Lesung der Wehrvortage erff am Mittwoch beenden. Hierauf wird das Staatsange- hörigkeitsgesetz in dritter Lesung verabschiedet w?r- den und neben Heineren Vorlagen (Wechselrecht, Literatur- abkommen mit Rußland usw.l die vlenarreifen Wahlprüfungen beraten werden. Mit der Beratung bcr Steuer- Vorlagen wird sich das Plenum in der laufenden Woche kaum noch beschäftigen, da der Wunsck) besteht, alle Tetfunge* gesetze hintereinander im Zusammenhang zu beraten.
Eine Anfrage im Reichstag.
Tie 9lbgg. Dombe ck (Ztr. und Sosinski ('Pole) haben int Reichstag eine kurze A n f r a g e eingebraebt, in der der Reichskanzler gefragt wird, ob ihm bekannt sei, daß der Oberschlesische Berg- und Hüttettmannische Verein zu Kattowitz nach dem letzten B e r g a r b e i t e r a u s st a n d über die streikenden Arbeiter für 3 Monate die Arbeitsaussperrung verhängt hat und daß staatliche Werke fid) diesem Vorgehen angeichlossen laben. Tie Fragesteller wünschen ein lÄnschreiten der Regierung.
Das verhalten Serbiens.
Belgrad, 16. Juni. Tic serbische Regierung bot bic offizielle Einladung bcr russischen Regierung zu einer möglichst balbigen Zusammenkunft bcr vier Ministervrä s i - beulen nad) Petersburg dankbar angenommen. - Pas ch i t s ch hat bic bereits eingereichte Tcnri) f i o n bes Kabinetts zurückgezogen.
Lin Kongreß für Reklame.
In Baltimore sinb gegenwärtig 5000 Vertreter des In- seratengeschäftes unb bcr amerikanischen Industrie zu einer imponierenden Kundgebung versammelt, bic „die Annonce als eine wirkliche Macht in bcr Entwicklung der Welt" jum Ausdruck bringen soll. Tic Versammlung, die sich mit Stolz als Repräsentantin bcr ganzen Ration fühlt, würbe von dem Gon terncur des Staates Marnland feier!ictj begrüßt und durch eine herzliche Botschaft des Präsidenten Wilson eröffnet.
Tie erste Rede, bic Touglas Graves aus Boston hielt, ging da- von aus, daß Deffentlicbfcit das Lebenselcment des Handels dai- fttiie; bis vor wenigen Jahren sei bic Reklame nur eine ..zufällig' Macht" gewesen, deren Bedeutung man instinktmäßig erfannfe utto beten Wirkung man durch mehr ober minder glückliche Veriud>e erstrebte: ein tieferes und Uareres Verständnis bcr Methoden unb ber Wichtigkeit der Reklame sei erst jetzt erreicht worben, und als ein bezeichnendes Resultat sei cs aufzufassen, dar bas I n s e r a t e n w e s c n von den amerikanischen Universitäten als ein besonderer Beruf anertannt worden sei, für den auch eine besondere Ausbildung gewahrt irerben müsse. Aus einem bilettan tiich geübten Handwerk sei die Reklame zur >1 un 1t gcjDortnn, bic zu ihrer wahren Entwicklung des KümtlerS bcbuiic. zte Aufgabe des Kongrefscs für Retlame soll nun darin bestehen, icbe. unfaire unb trügerische Annoneenwescn auszuschalten und zu bieiem Zwecke einen Gerichtshof einzusenen, bcr über alle amerikanischen Reklameangelcgenheiten ein endgültiges Urteil zu fallen habe Zahlreiche Adressen von Zeitungen. Zcitichnsten unb großen Industrieunternchmungcn wurden verlcicn.
Am Abend versinnbildlidstc ein impmanter Auszug die Macht unb Größe bcr amerikanischen Reklame. An ber ^pi^c marschierten der Gouverneur von Maryland und bei Bürgermeister von Baltimore: bann folgten Ahorbnungcn von jebem Staat bcr Union unb Kanadas. 50 rcichgcsthmucktc Wagen ver körperten bic größten Reklamcinbustrien; ein,grotzssr Wagen Mürbe von 20 Maultieren gezogen Aeitgerabrt, oad.^an ißranzisto fanbte, mar mit gewaltigen Mengen von Aiiirfncn uaib Blumen beladen: bic wcstlid>en Staaten waren burdi mal. reiche Gruppen von Cowboys mid Cowgirls vertreten. Eine ?rmia, bic mit türfildvii Teppid)eu l>arü>clt. bot bcr gewal Hgen Zusdrauermenge beit offenen Einblick in eine tonst dem Tbcndlänbcr ängstlich versdstoffene Lvl)orc: rlyr ^lagcn^ uclltc
Innere eine-' Harems bar. Auf den ichwellcnben 2.inanen Ahnten sich sck-önc Odalisken, und mit der verichwenbcn,chen gArsdraustelluug seiner Waren hatte das Geschäft nicht g> tirt. WolkcnkraScr unb Fabrikanlagen en nmuature mit er- •CL|djtctcn Fenstern würben baber getragen; elcrtrilche -^ickt- rSkcmcn flammten zu Hunderten in dem Zuge auf und mi)chtcn
ihr gelles Lickst mit dem bunten Schein des bengalischen Feuerwerkes, bas abgebrannt würbe. Sogar bic Suffragetten fehlten nickst; sie hatten mehrere oon Sdstmmeln gezogene Wagen gestellt, in denen hübsck>e ÄLäbcheu ihre Fähnckstn schwangen. Große Firmen ließen ihre Waren gratis unter die Menge verteilen, und so wälzte sich ber Zug in cinem^Chaos von Lärm, Farben- bunt^cit unb Lustigteit durch die Straßen.' der Triumph ber Reklame war zu einem großartigen Volksfest geworben.
*
— Das Gutenberg-Museum. In Mainz fand vorgestern vormittag bic Eröffnung des im Jahre 1900 gelegentlich bcr nOOiährigen Geburtstagsfeier des Erfinders bcr Buchdrucker- fünft ins Leben gerufenen Gutenberg-Museums statt. In den Räumen des Museums sind Urkunden ausgesteUt, welche auf bas Leben des Altmeisters Bezug haben, ferner die ältesten Zeugnisse von Gutenberg als Erfinder des Buchdrucks, die ersten Druckwerke unb solche, bic ben Wcrbegang bcr Tnvographic bis auf bic heutige Zeit darstellen Tas Museum gibt ein lebenbiges Bild von der rastlosen Weiterarbeit und dem Streben nach Vervollkommnung auf diesem Gebiet.
— Berliner Iu bi l ä um s m u s i k. Aus Berlin wirb uns geschrieben: Die von bcr Gcneralintenbanz bcr Königlichen Schauspiele veranstalteten Festvorstellinigen im Königlichen Lpern- Hause zur Feier, des Regierungsjubiläums wurden am Freitag mit bcr neu cinfrubiertcn „Götterdämmerung" abgeschlossen. Die ersten brei Teile des Ringes sinb schon vor längerer Zeit in neuer Fassung aufgeführt worden, jetzt wurde die Arbeit durch eine wohlgelungciie Darstellung bcr „Götterdämmerung" gekrönt Auch biefe Neuinszenierung trägt den Charakter bcr Art bes Grafen von Hülsen-Häseler: forgsaltige Ausführung der Details und be- sondere Betonung bcr Lickueffekte. Manche Einzelheit wäre auch in dieser Neuinszenierung zu bemängeln, aber sie fällt nicht ins Gewicht gegenüber bcr Größe bes Gcfamteinbrucks, den die ganz wunbervollen Bühnciibilber einer verfeinerten Regiekunst Hervorrufen. Musikalisch hatte bic Aufführung ihre Hauptstütze in dem erlesenen Orchester. Leo Blech zeigte von neuem, daß er völlig über ber Materie steht, unb es läßt sich nicht schildern, wie ergreifend dieses köstlickie Tongemälbc zu Gehör gebracht wurde. Tie Festvorstellung erhielt auch dadurch einen erhöhten Glanz, baß der Kaiser und bic Kaiserin, Prinz Heinrich und seine Gemahlin und andere Mitglieder der kaiserlichen Familie der Vorstellung beiwohnten. Während bk ersten Feftvorstellungen etwas unter bcr Tcilnahmslosigkeir des Publikums litten, setzte das allgemeine Interesse bei dem Ringe sofort ein, unb so bot bas Haus an ben letzten Abenden ein festliches unb glanzvolles Bilb. Parallel mit den Feftvorstellungen gingen vier Darstellungen bcr „Ariabne von Naxos", die gleichfalls gut besucht würben. Im großen Saale ber Philharmonie finbet gegenwärtig eine Becthoo^nfcicr
statt. Sie steht unter Führung bes Kapellmeisters Mengelsbcrg, bes Leiters bcr Museumskonzertc in Frankfurt a. M., unb wurde wohl in erster Linie für die Fremden berechnet, bic man zu Den Jubiläumsfesten m Berlin in großer Zahl erwartete. Ein be» sonberes musikalisches Interesse der Gäste hat sich freilich nicht gezeigt, unb so konnten Nenner bcr Berliner Musiloerhältnme von vornherein sagen, baß eine solche Veranstaltung in ben Sommermonaten mißglücken mußte. Der Besuch bleibt Denn auch hinter ben allcrbcschcibcnsten Erwartungen zurück. Musikalisch sinb die Aufführungen durchaus gelungen. Mengelsberg ist ein Aapellmeistcr von anerkannten großen Qualitäten, bas Philharmonische Orchester ist in dem Vortrag ber Werke Beethovens natürlich völlig sicher, unb bic Solisten Schnabel, Knote unb .Hiibermann gehören zu ben Stützen bes musikalischen Lebens unserer Zeit. Zum Vortrag gelangten Beethovens Sinfonien unb Ouvertüren und Lieber. Das letzte Konzert am Montag bringt bic Neunte Sinfonie.
— Raffaels Sixtinische Madonna — ein Bilb b c s j ü n g st c n G e r i ck t e s ? Obgleich über Raffaels Sixtinische Madonna in Dresden bereits soviel geschrieben worden ist, so glaubt dennoch ber Petersburger Kun morscher E. v. Liphari bchaupttn zu Dürfen, baß bisher iwck niemand den eigentlichen Sinn der Komposition ersaßt habe. Wie er in einem Aufsatze der „Zeitschrift für bildende Kunst" mitteilt, verdankt er die Erkenntnis ber wahren Bedeutung des berühmten Werkes einem gelehrten, inzwischen bereits verstorbenen Freunde, dem Abbe Bonnet. Es ist, so sagt Liphatt, jedermann bereits bcr" impassible, fast starre Ausbruck der heiligen Jungfrau aufgefallen, und nock> mehr der ftrengc Ernst des Christuskinbes. Wie ist diese Charatteristik zu erklären ? Tic Mutter Gottes steigt mit dem göttlichen Richter auf dein Arme vom .Himmelsthrone herab zum jüngsten Gerichte. Ihre Mission als Vermittlerin ist vollendet: uncrbittlidi richte: der Sohn bic Lebenden und bic Toten. Tic hl. Barbara sieht machtlos auf bic zu richtenbe Menschheit heruieber, unb der hl. Sirtus ist entsetzt über die Gewalt, bic bem Richter gegeben ist. So schauen auch mrdstsam anbetenb Die Kinderengel zum Christuskinde empor. Dies die von Liphart aufgenommene Erklärung des Abbes Bonnet. Sie ist geistreich, aber von den verschiedensten Seiten her anfechtbar unb, um nur einen Punkt zu streifen, so md)cinr cs dock) im höchsten Grade als unwahrscheinlich, daß bei Richter bes jüngsten Gerichts von Raffael als Kinb auf den Armen feiner Mutter bargestellt fein sollte.
_— Warum Verbi sein Abgeorbnetenm anbat aufgab. Der große Musiker Verbi wat. wie bekannt, eine Zeitlang auch politisch tätig, ober seine Tätigkeit als Abgeordneter i'agtc ihm wenig zu Gino Monaldi, ocr weben in italienischer Sprache eine umfangreiche Biographie Verdis ver-


