Nr. 2\2
Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich Giehener§amilienblätter; zweimal wöchentl.Ureis- blatt für den Kreis Gietzen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Landwirtschaftliche Zeitfragen Fernsprech - Anschlüsse: sür die Redaktion 112, Vertag u. Expedition öl Adresse für Depeschen:
Erstes Blatt (65. Jahrgang Mittwoch, (5. Oktober M3
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Siebener Anzeiger
fiw Vcrantivortlich für den
E-L General-Anzeiger sür Oberhessen MW
bis vornittlagc, 9 Uhr. Rotationsdruck und Verlag der SrLHI'schen Univ.-Such- und Steindruckerei li. Lange. Redaktion. Expedition und Druckerei: Schulftratze 7. An^i,«ueil:' H? Beck.
Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.
Tageskalcuder aus dem Jahre 1813.
15. SD ftv 6ic r. Tie hessische Brigade kommt von Wittenberg nach Taucha, nordöstlich von Leipzig. — Napoleon beginnt die Aufstellung seines noch 170 000 Mann starken Deeres rings um Leipzig.
Zur Welsenfrage.
Diel wichtiger als die bayerische Königsfrage ist die gegenwärtig im ganzen deutschen Volke viel erörterte braun- schwergrschc Thronfolgefrage. Weiteste Kreise sind darüber empört, daß die Welfenpartei auch jetzt noch ganz ungeniert und öffentlich ihre Hetzarbeit vollbringen darf, und man findet es unverständlich, daß das Fürstenhaus der Welfen dies einfach duldet, im stillen vielleicht sogar von dieser „Anhänglichkeit^ sehr erbaut ist. Ganz abgesehen davon, daß die lebenden Welfenfürsten sich immer noch weigern, den Verzicht auf Hannover endgültig für sich und ihre Nachfolger auszusprechen, wird es als unumgänglich nötig angesehen, daß die politische Welfenpartei aufgelöst wird, das heißt, daß der Prinz Ernst August ihr eine deutliche Absage zugehen läßt. In dieser Beziehung genügt es durchaus nicht, daß der Prinz sich auf seinen Fahneneid beruft und darüber beleidigt ist, daß man in seine Worte Zweifel setzt. Als regierender Herzog von Braunschweig hat er zweifellos noch-' andere Pflichten. Dahin gehört es, daß er das Treiben der Welfenpartei durch sein eigentümliches Stillschweigen nicht indirekt unterstützt. Man erwartet von ihm vielmehr, daß er reinen Tisch macht. Das Tann er und das muß er, wenn seine Rcichstreue und seine Gesinnung gegen das preußische Königshaus wirklich ganz lauter und einwandfrei ist. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" bemüht sich vergeblich, die Erregung im Volke über diese Dinge mit unzureichenden Mitteln zu beschwichtigen:
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt:
In einem Artikel des „Hannoverschen Couriers" wird die bevorstehende Erledigung der braunschweigischen Thronfolge als ein politisches Opfer bezeichnet, das aus dynastischen Rücksichten gebracht werde, und scharf getadelt, weil des Kaisers Tochter den letzten Welfensprossen zum Gemahl erkor. Man gehe über wichtige Reichsinteressen hinweg und treibe Hauspolitik. Der hierin liegende Vor- Wurf ge gen den Kaiser Tann nicht scharf genug zurückgewiesen werden. Mögen auch die Ansichten über die Bedingungen für die Thronbesteigung des Prinzen Ernst August in Braunschweig noch auseinandergehen, fest steht jedenfalls, daß für die Haltung des Kaisers und seiner Regie, .urg nicht die Heirat der Tochter des Kaisers und dynastische Haus- interefsen, sondern die von dem Prinzen vor der Verlobung und der Hochzeit mit der Zustimmung seines Vaters abgegebenen Erklärungen und damit für die Zukunft dem Reiche und Preußen geleisteten Garantien entscheidend waren.
Dazu kommen immer wieder neue unerfreuliche Momente; jetzt heißt es sogar schon, das künftige Herzogspaar wolle sich mit welfischen Einflüssen umgeben:
In einer Zuschrift eines Braunschweigers an den „Hannoverschen Courier" wird behauptet, daß der künftige Herzog Ernst August einen klerikalen Hofmarschall und Die Prin-
6m unbekannter Brief Heiner.
Im Lavoro wird ein unbekannter Brief Heinrich Heines ver- Lfsentlicht der der Zeitung von dem gegenwärtigen Besitzer des Schreibens Herrn Heinrich von Armistedt aus Riga, zur Verfügung gestellt wurde. Der Brief war an den Großvater des heutigen Eigentümers, an Christian Heinrich v. Wörmann, gerietet der 1814 in Riga geboren wurdet, später preußischer und dann deutscher Generalkonsul wurde und 1874 in Mentone starb. 'Christian Heinrich v. Wörmann genoß in Rußland nicht nur durch seine großen Finanzunternehmungen Ansehen, er war auch als ein großzügiger Mäcen der Künste und des Schrifttums be- rinnt- in feinem Schlosse brachte er prachtvolle Kunstsamm- ungen Mammen, Schriftsteller rind Künstler Werften als Gaste ans seinen Besitzungen. und immer war Wörmann bemüht, rrngen- den Begabungen nach Kräften den Weg zum Erfolge und zum Rulnn zu ebnen. In Hamburg lag die Wahnung Salomon tziin7s des Onkels Heinrichs, in der Nahe, des Wormannfchen Hauses und dadurch entstand auch d,e Bezielmng zu Christ,an Heinrich o Wörmann. Wörmann lernte Heinrich H-'ne m Paris Annen und »wischen den beiden Mannern entstand alsbald eine k^rzNckw Freundschaft, die bis zum Tode des Sichten; ungetrübt istf-b Der Rrief Heines, der im Lavoro veröffentlicht wird, stammt berefts^aus den Leidenstagen des Dichters. Schon seit drei Jahren bütete Heine das Bett, seine benihmte „Matratzengrmt"; mit cAnäfäkckcn" das er in seinem Schreiben erwähnt, meint ^r secke Frau und' Gefährtin Mathilde Der Bries, der vom 18 Februar 1852 aus Paris datiert ist, lautet:
liebster Wörmann, mein Verleger Campe schreibt mir aus Hamburg daß es ihm nicht möglich gewesen ist, meinem Bruder Heine in Petersburg ein Exemplar meiner frühesten Meta M lassen. Vielleicht wird es Ihnen, mein
Wörmann, gelingen, in Riga eines auszutrelben, in SmS -Alle ich Sie bitten würde, es nach Petersburg zu welchem »all Ihnen dadurch keine be-
Ä MbkerS. M^in größter Wunsch wäre. Sie sobald sondere Muhe erw ' $cr Winter geht zu Ende, und gewiß als möglich wicde^ul^ie Heimweh nach den Wäldern den ^pftlsinenbäumen von Livadia erwachen, das Heim- Orangen- und AP eistneno^ fln ben ufern der Newa,
A dE &«unb forcierten Bärentatzen. Gewiß nrerben Sie dÄer Morgen in Ihrer Kibitka Platz nehmen , und au „em^u vieler^ Levante, an der ine Sonne jeben
WruckTehren M der gg Bärenfelle aufsteht, um sich nicht
©Äftien« zu erkälten. Aber ich werde Sie 1 3 n Wiedersehen können, was Mich lehr traurig
mÄ tin ich lebe hier vollkommen vereinsamt und Sie ge-
zessin Viktoria Luise eine klerikale Hofdame hätten. Es sei dies das Freiherrliche Ehepaar Reisner von Lichtenstern. Der Freiherr, der schon in München persönlicher Adjutant des Prinzen war, habe, als dieser in preußische D i e n st e übertrat, ausdrücklich abgelehnt, es ebenfalls zu tun und stehe heute als bayerischer Oberleutnant und Kammerjunkcr der Rathenower Hofhaltung vor. Seine Gemahlin, eine Tochter des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Grafen Podewils fungiere als einzige Hofdame der Prinzessin. Der Vater des Oberleutnants, der zu der bayerischen Schloßgarde der Hartschiere gehört, gelte als naher Freund des Frhrn. v. Hertling, des Ministers v. Or- tercr und des Erzbischofs Bettinger. Die Braunschweiger wünschten, daß ihr Landesherr von Anfang an von Leuten umgeben sei, denen weder welfische noch klerikale Gesinnung nachgcsagt werden könne.
Erfolge der Montenegriner.
C e t i n j e, 14. Okt. Die Montenegriner haben die zersprengten Albaner auf der Linie G u s i n j e - D j a- kowa zurückgeworfen. Einzelheiten über die Kämpfe fehlen.
Die Not albanischer Flüchtlinge.
Wien, 14. Okt. Nach Nachrichten, die aus Elba- s a n eingetroffen sind, sind dort bisher über 5000 Frauen, Kinde rundGreise auf der FluchtvordenSerben aus Ochrida und Struga sowie Dibra eingetroffen. Fortgesetzt treffen neue Scharen von Flüchtlingen ein, deren Elend furchtbar ist. Es ist kaum möglich, die Frauen und Kinder unterzubringen. Ein großer Teil irrt obdachlos im Gebirge umher, dem Hunger preisgegeben.
Ein Zusammenstoß zwischen Griechen und Türken.
Wien, 14. Okt. Wie die „Südslawische Korrespondenz" aus Saloniki meldet, ist es bei Xanti zwischen griechischen und tür fischen Truppen zu einem blutigen Z u s a m m e n st o ß gekommen. Die Griechen haben die türkischen Abteilungen zurückgedrängt und Kojumköj besetzt.
Ausland.
Die 'bei gifch e Kammer trat zu einer außerordentlichen Tagung zusammen, welche die Aufgabe hat, das neue Schulgesetz, durchzuberaten. Das Haus trat am Dienstag sofort in die Hauptausfprache ein, welche der Minister der schönen Künste einleitete.
Der französische Kriegsmini st er Etienne, der von der Ostgrenze nach Paris zurückgekehrt ist, erklärte einem Berichterstatter, daß er von seiner Bcsichtigungsreise durchaus befriedigt sei. Wenn auch noch nicht alles vollendet sei, so sei man doch so weit, um dem augenblicklich Notwendigen genüge zu tun. Bor drei Monaten sei noch nichts dagewesen, j tz': seien in den neuenKasernenbauten, welche die alten Kasernen an Bequemlichkeit übertrafen, ganze Bataillone so gut untergebracht und ernährt wie in irgend einer Garnison. In drei Wochen oder einem Monat, sofort nach dem Eintreffen der Klasse der Zwanzigjährigen, werde die Rekrutenausbildung beginnen können, und zu Beginn des nächsten Jahres würde Frankreich eine großartige Armee und die festeste Deckung haben, welche es jemals besessen habe. Das Land könne Vertrauen haben. Etienne soll übrigens amtsmüde sein.
hören zu der Kategorie jener wenigen Manschen, deren Herzen ich mich ganz anvertraue. Ich sterbe im vollen Besitz meiner selbst dahin und schließe die Lippen über so viele Dinge, die ich sah und über die ich oft im Stillen sp unbändig lache. Es geht mir ziemlich schlecht und manchmal schäme ich mich nicht, die .Geduld zu verlieren, die jch vier ganze Jahre lang auf- brachte, um meine Schmerzen wie ein Held zu ertragen. Mein „Hauskätzchen" sah Sie in einem Konzert und in der Italienischen Oper: sie spricht gern von Ihnen und flüstert Ihren Namen auf eine recht amüsante Weise. Ihr kranker Freund — Heinrich Heine."
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Oie deutsche Sprache in Japan.
Die englische Sprache ist in Japan das verbreitetste europäische Idiom. Kein vorwärtsstrebender Kaufmann kann ihre Kenntnis entbehren, und darum wird sie auf den Mittelschulen, — die etwa unseren deutschen Realschulen entsprechen — sehr eifrig gelehrt. Dagegen muß derjenige, der die Offizierslaufbahn anstrebt oder sich einem der wissenschaftlichen Berufe, wie dem des Arztes, Juristen oder Ingenieurs, widmen will, unbedingt auch das Deutsche erlernen. Belegt man doch auf Nippon die meisten wissenschaftlichen Fachausdrücke mit deutschen Benennungen! Jedes japanische Gymnasium — es gibt im ganzen Reiche acht solcher Anstalten, die eigentlich in der Mitte zwischen unseren Gymnasien und unseren Hochschulen stehen — zerfällt in drei verschiedene Fakultäten, in eine literarisch-juristische, eine technisch-landwirtschaftliche, sowie in eine medizinische. In der medizinischen und der literarisch-juristischen spielt nun der Unterricht im Deutschen eine große Rolle. Er Wird z. B. in der letzteren neunmal wöchentlich erteilt. Interessant sind die Einzelheiten, die uns Renno- suke Fujisawa in der Monatsschrift „Asien" darüber erzählt: Tie Anfangsgründe der Grammatik vermittelt den Schülern meist ein Landsmann, daneben aber unterrichtet zugleich auch ein deutscher Lehrer, der an keinem Gymwasiüm fehlt. Verhältnismäßig früh beginnt man mit dem Lesen ernster deutscher Schriften. So erinnert sich z. B. unser Gewährsmann, daß man auf der literarffch- juristischen Fakultät, zu der er gehörte, unter anderem das Folgende — ganz oder teilweise — las: „Die ersten Elemente der Wirtschastslehre" von Dr. Costa, „Der Kampf ums Recht" von IHering, eine Novelle von Ch-amisso, auch Schillers „Jungfrau von Orleans" sowie etwas aus seinem „Mfall der Niederlande". Ueberaus schwierig gestaltet sich für die jungen Leute das Präparieren der aufgegetrenen Abschnitte. Da es nämlich noch immer kein gutes deutsch-japanisches Wörterbuch gibt, so müssen sie auf dSm Umweg über das deutsch-englische zum Ziele zu gelangen suchen. An Gelegenheit, das Studium des Deutschen fortzusetzen, fehlt es ihnen übrigens später auf der Hochschule keineswegs, -so-
Wechsel des Kommandos in der Cy rena ika.
Der italienische Ministerrat enthob den General Brie- cola auf feinen Wunsch seines Kommandos in der Cyre- naika, das er seit zwei Jahren inne hakte und sprach feind Genugtuung über das geschaffene Werk aus. Der Ministerrat beschloß, das Abberusmugsdekret Briccolas und die Ernennung des Generals A m e g l i o zu seinem Nachfolger dem' Könige zur Unterschrift zu unterbreiten.
ßecr riird Flotte.
— Die erste Einstellung deutscher Wehrpflichtiger in eine deutsche Kolonialtruppe, die nach der Novelle zur Wehrordnung jetzt möglich ist, wird erst im nächsten Frühjahr in Südwestafrika erfolgen. Man rechnet damit, daß die Zahl der Auszuhebenden nur sehr gering sein wird und daß dadurch für die Schutz-, truppe selbst Konsequenzen nicht zu ziehen sind. Eine Verminderung der -Schutztruppe kann durch die Einstellung einiger Rekruten nicht bedingt werden. Die Zahl der Wehrpflichtigen in der Kolonie ist nicht sehr groß. Man dürfte mit einem wirklichen Ersatzgeschäft erst rechnen können, wenn die erste junge wehrpflichtige Generation in der Kolonie selbst herangewachsen ist.
Kirche unt Schule.
— Das 50jähri-ge Bestehen des Deutschen Protestantenvereins und zugleich der am 15. Okt. im „Rheingold" beginnende Deutsche Protestantentag wurden am gestrigen Dienstag abend mit einem Festgottesfl bienfte in der am Gendarmenmarkt gelegenen Neuen Kirche in Berlin eingeleitet. In der Festrede des Hauptpastors D. Steg e-Hamburg warf der Redner einen geschichtlichen Rückblick auf das 50jährige Bestehen des Deutschen Pro- testantenvereins. Die Begründung fei ernte dringende Notwendigkeit gewesen, da nirgeiids eine so große Verklüstung herrsche als im Kirchenleben. Es galt der religiösen Duldsamkeit eine Stätte zu bereiten und cm Stelle der im Verfall begriffenen Pastorenkirche eine Volkskirch-e zu errichten. Den Bemühungen des Dentsck)en Protestantenvereins sei die Schaffung des Zivil st andsgesetzes und einer Kirchen Verfassung zu danken, wonach die kirchlichen Angelegenheiten von den Gemeinden verwaltet werden. Der Deutsche Protestantenverein habe noch immer große Kämpfe zu bestehen. Er habe sich aber trotz aller Anfeindungen zu behaupten gewußt und werde den Kampf für religiöse Duldung und Freiheit mutig fortsetzen undj nach wie vor bemüht sein, Glaube und Wissenschaft zu reinigeN. Die Feier schloß mit Gebiet und Segen.
7. verbanöstag des Landes-Zrauenvereins vom Roten Rreuz.
^Darmstadt, 14. Okt.
In Anwesenheit der Großherzogin von Hessen begann heute vormittag im Saalbau zu Darmstadt der 7. Verbandstag der Deutschen Landes-Frauenvereine vom Roten Kreuz. Der Vorsitzende Ge-» neralmajor z. D. Everth begrüßte die Erschienenen und verlas zunächst ein Handschreiben der Kaiserin, das folgenden Wortlaut hatte: „Zu meiner großen Freude hat der hessische Alice-Frauen- Verein die Vorstände der deutschen Landes-Frauenvereine ein» geladen, ihre diesjährige Tagung in Darmstadt abzuhalten. Der erlauchten Protektorin der Alice-Frauen-Vereine möchte ich meinen allerhöchsten Dank dafür aussprechen. Die mir vorgelegte Tages
wohl an den beiden großen kaiserlichen Universitäten zu Tokio und Kioto als auch an sämtlichen Privathochschulen für Medizin oder Rechts- und Staatswissenschaften und begreiflicherweise auch, an! den Militärbildungsanstalten wird — zum Teil sogar sehr eifrig — Deutsch getrieben. Sehr schwer soll es allerdings den Studenten fallen, den Vorlesungen zu folgen, die deutsche Professoren: in unserer Sprache halten. Hierzu reicht die auf den Gymnasien, genossene Vorbildung im Deutschen offenbar noch nicht aus. Doch, wird auf diese auch mehr und mehr Gewicht gelegt, so daß ein immer tieferes Vertrautwerden der gebildeten Japaner mit unserem Idiom zu erwarten steht. Daß die hohe Wertschätzung, die cs dank dem (Hnftuß deutscher Wissenschaft und deutschen Geisteslebens heute schon erfährt, noch immer im Steigen begriffen ist, das beweist am besten die Tatsache, daß man auch den japanischen Mittelschülern allmählich die Möglichkeit zur Erlernung dieser als so wichtig erkannten Fremdsprache zu bieten sucht: Schon seit längerem gestattet es eine Ministerialverfügung auch den Mittelschulen, in ihren Oberklasseu fakultative Kurse im Deutsches abzuhalten. Mangel an deutschen Lehrkräften zwingt aber leider gerade diese Anstalten oft noch, von der Neuerung vorläufig abzu- sehen.
— Fr ankfu rter Theaterbries. Sem Benellis „Mahl der Spötter". Aus Frankfurt a. M. wird uns geschrieben: Nun hat das zuerst in Wien in deutscher Sprache gespielte Renaissance-Trama des jungen, rasch zu Ruhm gelangten italienischen Dramatikers Sem Benelli, „Das Mahl der Spötter" auch seine reichsdeutsche Uraufführung erlebt. Ms eine Erbschaft Holländers, und großenteils mit jungen, von Holländer engagierten Kräften brachte am Montag das Frankfurter Schauspielhaus das Stück heraus. Einen vollen Begriff von diesem erfolgreichsten Drama der italienischen Bühne gab die Aufführung nicht: der hxiße Atem, der diese vier Akte durchweht, war nur stellenweise spüäwr, und wo sich unter den neuen Mitgliedern ein Talent verriÄ, gab es sich noch nicht beherrscht genug, um das Stück zu tragen. Vielleicht kann diese Orgie von Haß und Liebe nur in der Verkörperung durch romanische Schauspieler mit der ganzen Flammenglut ihrer Leidenschaft wirken. Echt und unverfäffcht sind diese Renaissancemenschen: Giannetto, der grausame Schwächling (Herr Janßen), macht zwar keinerlei innere Entwickelung durch, sein Charalt^ vertieft sich nicht, aber er ist ein Charakter, und auch in den Adern des tobenden Kraftmenschen Neri rollt rotes, warmes Blut. Das Frankfurter Publikum nahm das Drama des Italieners etwas widerstrebend, doch schließlich mit ziemlich lebhaftem


