Nr. 222
Zweites Blatt
? 163. Jahrgang
Mehener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger für Oberhejfen
Tie „Siebener Zamilienblätter" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeitsragen" erscheinen monatlich zweimal.
Montag, 22. September M3
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindnickerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktion:e^112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
Potttische Tagesschau.
Die badischen Landtagswahlcn.
Tic nationalliberale Partei Badens veröffentlicht ihren Ausruf für die bevorstehenden Landtagswahlen. In diesem Aufruf weist sie einleitend auf das Gedenkjahr 1913 und das Regierungsjubiläum des Kaisers hin und den Segen, der dem deutschen Volke durch die 2o jährige Friedensherrschaft erwachsen ist.
Auch die Erledigung der Wehrvorlage wird anerkennend betont. Ter Aufruf weist sodann aus das Wahlabkommen mit ber Fort schriftlichen Volkspartei für ‘Sie .Hauptwahl hin und aut das Zusammengehen dieser beiden Parteien mit der Sozialdemokratie für die Stichwahlen als Abwehr der drohenden klcrikal-kon- servativen Mehrheit. Diese Wahlabkoimnen ließen aber, wie in früheren Jahren, allen daran beteiligten Parteien, also, auch der nationalliberalen Partei, die volle inmere Freiheit. Die nationalliberale Partei sei und bleibe trotz des Wahlabkommens insbesondere eine scharfe Gegnerin der Sozialdemo- kr a t i e. In dem Aufruf wild dann das Programm der Partei entwickelt: diese wünsclN unter anderem die Einführung der Verhältniswahl und die Verlängerung des Dotationsgesetzes.
Zum Schluß wird ttoch die Ausdehnung des Verkehrsnetzes von Baden durch neue Eisenbahnen und Einrichtung von A u t o m o b i l l i n i e n sowie nachdrücklich die Versorgung des ganzen Landes mit elektrischer Kraft gefordert.
Am gestrigen Sonntag haben die K o n s e r v a t i v e n in Karlsruhe einen Parteitag abgehalten, wobei als erster Redner der Abg. v. Heydebrand das Wort ergriff.
Die Furcht vor den Folgen einer konservativ-klerikalen Mehrheit sei unberechtigt. Die Konservativen würden sich rückschritt- lick>en Bestrebungen des Zentrums auf kulturellem Gebiet wider- fehen. Der Großblock besorge die Geschäfte der Sozialdemokratie. Immer mehr würden die Grenzlinien zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Gesinnung verwischt. Die Sozialdemokratie habe es daraus abgesehen, 'das Volk in zwei Lager zu spalten. Dann konnte es natürlich nicht ausbleiben, daß er auch das bekannte Ministerwort von der Sozialdemokratie als einer großen Bewegung zur Hebung des vierten Standes nrit ironischer Betonung einlaufen ließ. Die Liberalen hätten eine schwere Schuld auf sich geladen dadurch, daß sie sich an der Seite einer solchen Partei, wie die Sozialdemokratie sie darstelle, befänden. Sodann wandte sich Herr v. Heydebrand der Besprechung der Stellung der Konservativen im Reichstage.bei der Erledigung der Deckungsvorlagen zu. Von einem Block der Linken glaube Herr v. Heydebrand nicht, daß er auf die Dauer positive Arbeit leisten könne. Das Zentrum aber werde an einem Block der Mitte deshalb kaum großes Interesse haben, weil es durch diesen Block der Mitte mithelfen dürste, die Geschäfte der Linken zu besorgen.
Mach weiteren Reden wurde eine Entschließung angenommen, in der sich der Parteitag einverstanden erklärt mit der Haltung der konservativen Rerchstagsfraktion in der Frage der Wehr- und Deckungsvorlagen, darauf schloß Prinz zu Löwenstein die Versammlung. Während der Versammlung kam der Wah la u fr uf zur Verteilung. In ihm heißt es u. Kl.:
„Ohne unserem evangelischen Standpunkt etwas zu vergeben, kämpfen wir anderSeitedesZentrums gegen alle Feinde christlicher Kultur, gegen alle Forderungen, die von einer materialistischen Wissenschaft erhoben werden; denn wir verkennen nicht, was wir mit den Katholiken gemeinsam haben . . . Den kommenden Landtag wird die Frage des Proporzwahlrechtes beschäftigen. Auch die Konservativen haben dem Antrag an die Regierung auf Vorlage eines Wahlrechts, das sich auf dem Proporz aufbackt, zugestmimt. Es kann aber keine Rede davon sein, den Proporz einzusühren, wenn nicht andererseits dafür gesorgt wird, daß den natürlich staatserhaltenben Schichten unserer Bevölkerung ein vermehrter Einfluß auf die Gesetzgebung zugesichert wird. Die roh- mechanische Anwendung des Proporzes mit feiner geistlosen Herrschaft der Zahl würde eine Verstärkung des sozialdemokratischen Einflusses in unserem Staatswesen für alle Zeiten bedeuten. Soll die Proporzwahl nicht zu einer neuen scharfen Waffe der Sozialdemokratie werden, so ist es nötig, daß die landwirtschafttreibende Bevölkerung und die der kleinen Stäidte in ihrer natürlichen Bestimmung für Staat und Gesellschaft im Gesetz gebührend Berücksichtigung finden. Es darf bei dieser Wahl nicht ausschließlich aug. großstädtischen Rücksichten verfahren werden. Die Stimmen sollen nicht nur gezählt, sondern auch gewogen werden."
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Für die Versetzung des deutschen Konsuls Schlieben bon Belgrad nach Quito wird der „Köln. Ztg." als Grund anaeaeben daß er gegen den Willen des deutschen Gesandten in Belgrad bei der Rückkehr des Königs Peter das Konsulat beleuchtet und beflaggt habe. Die „Köln. Ztg." bemerkt dazu:
Die Tatsache mag an sich nicht gerade bedeutsam erscheinen; aber sie kennzeichnet sich im Zusammenhang mit der politischen Rolle die Herr Schlieben in Ueberschreitung seiner Besugnme in Belgrad und früher auch anderwärts zu mieten suchte, als eine Kundgebung nicht nur gegen Oeßerreich-Ungarn, sondern auch ,7g°n di° amtlich- Politik d-s D-ut'ch-a R-ich-s. Nicht einmal her russische Vertreter Hartwig, der durch lerne osterreicknemdliche Politik einen großen Ruf hat, batte sich zu einer solchen Temoiv ftration öeranlaüt gefühlt. Daß sich die. Leitung der österre,chnchen «RntiHf durch die fortgeicpt olterreichieindliche und Serbien be- gü^stigende Haltung e.nes deutschen Beamten beschwert fühlte, kann man ihr nicht verübeln, und es wäre kein Wunder, wenn |ie darüber in Berlin Klage geführt hätte.
Der „Vorwärts' über den Jenaer Parteitag.
Der Vorwärts" äußert seine Befriedigung über den Parteitag'und meint, es sei nützlich gewesen, daß auch die Kritik am Parteivorstande ausführlich zum Worte gekommen sei. Bemerkenswert ist, daß das Zentralorgan den F-euilletonismus der Rede" in der Parte: beklagt, und damit hat das Blatt allerdings recht beobachtet, wenn es schreibt^^n Auseinandersetzungen innerhalb
der Partei nicht allzusehr mit den Waffen des Witzes und schillernder Geistr eich eleien zu kämpfen suchen Man hat mit Recht vor übertriebenem ^-eutlle- ronismus in der literarischen Behandlung poltttscher Dinge gewarnt, es scheint uns aber nachgerade am Platze zu sein, diese Warnung auch vor dem Feuilletonis- mus der Rede zu erheben. v
Wir wollen wahrhaftig niemandem zumuten, sorgfältig jeden witzigen oder selbst boshaften Einfall in der Partcidiskussion zu unterdrücken, aber man sollte seine Reden erst recht nicht auf Schlager dieser Art an le gen, auf Schlager, die in der Sache auch nicht das geringste beweisen! Vielleicht war Bebel — wenn man seine Reden vom ästhetischen Standpunkt aus betrachtet — gar zu ernst und sachlich. Aber seine Reden entschädigten dafür zehnfach durch den tiefen Ernst, durch die innere Wärme, Die jedes Wort durchglühtc, jeden Gedanken durchleuchtete. Diese innere Wärme vermissen wir jetzt so manchmal bei Partcidebatten, bei denen es sich doch um das Wohfl und Wehe der Partei handelt. Und wir wissen, daß das nicht nur unser Eindruck gewesen ist!
Heer und Flotte.
Ein Vergleich der Flottcnstärken.
Für den Stärkevergleich von Flotten bieten die Zahlen der Wasserverdrängung immer noch die beste Grundlage. In ihnen kommt die Kampfkraft am deutlichsten zum Ausdruck. Einer im neuesten „Nautilus" enthaltenen bezüglichen Zusammenstellung entnehmen wir folgendes: Es beträgt die Wasserverdrängung aller im Mai dieses Jahres fertig gewesenen Schiffe in England 2 232 630, in Deutschland 964 849, in den Vereinigten Staaten von Nordamerika 854 520, in Frankreich 729 540, in Japan 527 050, in Italien 330 520, in Rußland 317 970 und in Oesterreich- Ungarn 222590 Tonnen. Das in diesen Zahlen einbcgrif- fene, als veraltet anzusehcnde Material, d. h. alles, was vor dem Jahre 1894 vom Stapel gelaufen ist, beziffert sich für England auf 238 400, für Deutschland auf 76 245, für die Vereinigten Staaten auf 107 970, für Frankreich auf 94 870, für Japan auf 35 730, für Italien auf 94 000, für Rußland auf 55 090 und für Oesterreich-Ungarn auf 20 850 Tonnen. Somit führt die italienische Kriegsflotte den verhältnismäßig größten Bestand an veralteten Schiffen, während Deutschland nicht ungünstig dasteht. Zu beachten ist, daß die Angaben des „Nautilus" sich lediglich auf die vorhandenen Kampfschiffe beziehen, also Schul-, Troß- und sonstige Schiffe ohne Gefechtswert außer Betracht lassen. Was die Neubauten anlangt, so steht auch hier England mit 624 710 Tonnen an der Spitze. Es folgen Rußland mit 414_890, Deutschland mit 308 768, Frankreich mit 273 900, Italien mit 228 220, Japan mit 208 820, die Vereinigten Staaten mit 200100 und Oesterreich-Ungarn mit 64 510 Tonnen. Hinsichtlich des umfangreichen russischen Neubauprogramms muß bemerkt werden, daß seine Durchführung noch weit im Felde steht, da die dortige Marineverwaltung erst noch dafür Sorge zu tragen haben wird, daß die für den Kriegsschiffbau im eigenen Lande notwendigen Werften geschaffen werden.
Der sozialdemokratische Parteitag.
~ Jena, 20. Sept.
Der heutige letzte Verhandlungstag des sozialdemokratischen Parteitages begann mit einer Besprechung über die Maifeier. Ebert «Berlin) wies auf die Schwierigkeiten hin, die sich aus der Llusführung der früheren Parteitagsbeschlüsse, insbes. des Beschlusses ergeben, daß die nichtfeiernden Parteigenossen ihren Arbeitsverdienst am 1. Mai an den Maifeierfonds abführen sollten. Eine große Anzahl der Genossen hat sich geweigert, dies zu tun, so daß sich große Schwierigkeiten ergeben haben. — Nach kurzer Aussprache, in der bedauert wird, daß ein so hohes Ideal wie der Weltseiertag so verhunzt worden ist, wird ein Antrag des Parteivorstandes angenommen, in welchem dem Beschluß des Leipziger Parteitages 1909 hinzugefügt wird, daß der Parteitag von den in Bureaus und Redaktionen der Partei und der Gewerkschaften angestellten Parteigenossen erwartet, daß sie ihren Arbeitsverdienst am 1. Mai an den Maiseierfonds abliefern. — Nach dem Bericht des Beschwerde-Ausschusses wird das Ergebnis der Vor- sta ndswa hl mitgeteilt. Zu Vorsitzenden sind gewählt H aa] e und Ebert, zum Kassierer Braun und zu weiteren Vorstandsmitgliedern Geh risch, Molkenbuhr, Hermann Müller (Berlin), P f a n n k u ch (Berlin), Scheide mann (Berlin), Bartels (Wernigerode) und Frau Luise Z i e tz (Hamburg).
Ein Antrag, welcher verlangt, daß die preußische Landtagsfraktion dafür wirken solle, daß der Austritt aus der Kirche kostenlos sei, wird angenommen. Tie Wahl des Ortes für den nächsten Parteitag wird dem Parteiausschuß überlassen.
In dem nun folgenden Schlußwort führt der Vorsitzende Ebert, nachdem er den Genossen von Jena und den Vertretern der Presse gedankt hat, folgendes aus:
„Wie auf den übrigen Parteitagen, so sind auch hier über die Art des Massenstreiks und dessen Provaganda die Meinungen auseinandergegangen. Volle Einigkeit herrscht aber über das Ziel, zu dessen Erreichung, wenn alle anderen Mittel versagen, eventuell ber Massenstreik angeweiidet werden soll. Tie Treiflaffenlcbmad) muß beseitigt werden, koste es, was es wolle! Unser Entschluß ist klar, nicht nur für die Partei, sondern auch für die, welche sich der Beseitigung des Treiklaffenwahlrechts wldersetzeil. Wenn es sein muß, werden wir zum äußersten Mittel greifen. Es ist io, wie ein Parteigenosse getagt hat: Entweder werden wir ein freies Wahlrecht in Preußen haben, oder ivir roerben den Massenstreik haben. Für untere Gegner war bie Tagung eine bittere Enttäuschung. Sie setzten ihre einzige Hoffnung in die Selbstzersieischung der Partei. Gerade an diesen Parteitag haben unsere Feinde besondere Hoff- nungen geknüpft. Mit Freude fönnen wir konstatieren, daß bet aller sachlichen Schärfe tmsere Verhandlmtgett getragen wurden von gutem kameradschaftlichem Geiste. Wenn wir in die Heimat zurückkehren, tun wir es mit dem Gelöbnis, in alter Treue unser Bestes einznsetzen für die Partei, für die Befreiung des Proletariats aus wirtschaftlicher und politischer Unterbrücfung. Seiten lassen wollen wir uns von dem glänzenden Beispiel tmseres Meisters August Bebel. So trennen wir uns mit dem alten Schlachtruf: „Tie deutsche, die internationale Sozialdemokratie, sie lebe hoch!"
Tie Delegierten stimmten dreimal in ber. Ruf ein und fangen darauf bie Arbeitermalseillaise. Hieraus erklärt ber Vorsitzende den Parteitag für geschlossen.
V * . - a
Nach dem „Vorwärts" ist die Entschließung des Genosser Wurm nach einer von ihm angenommenen Ergänzung mit starker Mehrheit - 336 gegen 140 Stimmen - angenommen worden. Große Mehrheit fand auch ein Antrag, der der Fraktion die Zu- ftimnumg zu ihrer Haltung ausspricht.
Erster Deutscher „wünschelruteu-Cag".
** Halle a. S., 20. Sept.
Der Verband znr Klärung der Wünschelmtensrage hält unter dem Vorsitz von Dr. mcb. Aigner (München) seinen 1. VerbandSlag ab. Zur Tagung sind zahlreiche Ehrengäste erschienen, unter ihnen der Oberpräsident der Provinz Sachsen v. Hegel und der Prorektor der Uni« versität Halle, Geheimrat Strauch, die von dem Vorsitzenden hcrzlicl, begrüßt wurden. Den crllen Vortrag hielt Dr. Aigner über den gegenwärtigen Stand der Wimschelrutcnsrage. Die Geschichte der Wünschelrute läßt sich, so führte der Redner auS, sehr weit zurückverfolgen. Eine Wünschelrute ist ein frischgeschnittener Gabelzweig der Weide oder Haselnuß von etwa 20 cm Länge und der Stärke eines Fingers. Während man früher Ort und Zeit deS Schnittes, dann den Feuchtigkeitsgehalt für die Fähigkeit der Rute in Betracht zog, erkannte man endlich, daß die Elastizität deS Werkzeuges die Wirkung hervorruft,so daß man jetzt an Stelleder brüchigen Holzrutc Fischbeiustäbchen und Metalldrähte benutzt. Die Handhabung ist sehr einfach: der elastische Stab muß sich in labilem Gleichgewicht befinden, und er sucht dann nach oben und unten in vertikaler Richtung auSzu- weichen, sobald ein Wasserlauf überquert wird. Die größte Mehrzahl der Menschen kann allerdings ohne die Reaktion zu spüren, nut einer Wünschelrute Wasserläufe überqueren. Mindestens 5°/0 ber Menschen sind aber in der Lage, den Ausschlag der Wünschelrute festznstellen. Das Aussuchen untcrlrdlschcr Quellen bot sehr reichliche Gelegenheit zu be- dkiitilngsvollen praktischen Versuchen, die Bohriingen haben stets den Be- fund des Rutengängers bestätigt. Die Nuteiigängerkunst kann auch beim Aufsuchcn von Lcuungsdefelten erprobt werden. Dies ist in einem Falle geschehen, der die Münchener Städtische Gasanstalt betraf. Dort wurde em fortgesetztes Sinken deS Druckes der Warmwasscrleitung und rin Fallen des WasserstandeS in dem dazu gehörigen Wasserreservoir sestgestellt. Als Grund hierfür konnte nur ein Leitung-defekt in Betracht kommen. Der Rutengänger des Städtischen Wasser« iverks konstatierte zwei 40 Ecntimetcr von einander entfernt liegende Stellen als Bereich deS Defekts. Eine Nachgrabung an der bezeichneten Stelle ergab, daß eine undichte Muffe den großen Waffcrverlust verursacht hatte. Nach Abstellung des Schadens war der Druck in der Wasser- leitung sowie der Bestand im Reservoir unverändert. Hierdurch ist zweifelsfrei der große Wert der Wünschelrute festgestellt. Der Redner geht darauf des längeren auf die physikalischen Erklärungen der Wünschelrute ein. Bei dcu Erfolgen, die die Wünschelrute namentlich in der letzten Zeit zu verzeichnen hatte, darf man auf keinen Fall davon sprechen, d >ß die Wünschelrute abgetan sei. DaS gerade Gegenteil sei der Fall. Den bisher bekannten Anschauungen über die menschliche Physiologie und besonders denen über die Abhängigkeit deS menschlichen Organismus von den Natnrkräften, die ihn umgeben, können wir durch Erforschung der Wünschelrute wertvolle Ergänzungen zn Teil werden lassen. — Der durch zahlreiche Lichtbilder erläuterte Vortrag erntete lebhaften Beifall.
(an-wirtschaslliche Kreisfdiau vüdingen.
I. Büdingen, 21. Sept.
Unsere Kreisstadt steht seit Freitag unter dem Zeichen der Landwirtschaft, und die Ausstellung, die sie zusammengebracht habe, darf wohl ohne Uebertrcibung als mustere gültig bezeichnet werden. Der Ausstellungsplatz befindet sich in der Nähe der Saline. Direkt am Nebeneingang ist die Halle für Pferde errichtet, von denen 70 Tiere (Belgien und Oldenburger) ausgestellt sind. Daneben befindet sich die Halle für Simmentaler Rinder, deren 120 Stück aufgetrieben waren. In den Schweinebuchten war die stattliche Anzahl von 55 Tieren ausgestellt. Biegt man links ein, so kommt man zu der Halle, wo die Kuh des kleinen Mannes, die Ziege, ausgestellt ist. 100 Stück der blendend- weißen behenden Tierchen schauen den Besuchern treuherzig entgegen. In dieser Halle finden wir auch das Geflügel, welches mit 125 dtummern glänzte. Begibt man sich wieder zum Ausstellungsplatz zurück, so kommt man zur Halle für die wissenschaftliche Abteilung. Diese Hallo ist in einzelne Nischen eingeteilt, und in jeder bietet sich dem Beschauer ein schönes, lehrreiches Bild. Besonders hervorzu- heben wäre die Darbietung der Deutschen Ammoniak-Verlaufsvereinigung, des Külkstickstosf-Bureaus, der landwirtschaftlichen Winterschule Büdingen, des landwirtschaftlichen Instituts der Landesuniversität Gießen, der Kulturinspek- tion Friedberg, des Ministeriums des Innern, Abteilung für Landwirtschaft und Gewerbe, ferner der Landwirt- schaftstämmer für Hessen und des Landwirtschaftskammer« Ausschusses für Oberhessen. Hier finden wir auch noch kleinere Ausstellungsgegenstände, wie Separatoren, Hilfsmittel für Vogelschutz, ein Vogelschutzgehölz usw. In der letzten Ausstellungshalle sind die Erzeugnisse des Ackerbaues und der Oftzucht in geschmackvoller Weise mit viel Arbeit und Fleiß zusammengestellt. Auf dem von den Ausstellungshallen begrenzten Raum sind die Maschinen- und Geräteausstellung, sowie die Vergnügungsstätten untergebracht.
Von gutem Wetter begünstigt, wurde am Samstag die Ausstellung durch den Vorsitzenden des Landwirtschafts- kammer-Ausschusses, Landtagsabg. Breidenbach-Dorheim eröffnet.
Die Kreisschau des Kreises Büdingen hat nicht nur alle Erwartungen erfüllt, sondern weit übertroffen, und wenn auch einzelne Aussteller bei der Preisverteilung leer ausgehen mußten, so dürfen sie keineswegs entmutigt sein, sondern müssen sich das Gesehene zu nutze machen. Große Arbeit hat die Einrichtung der Schau sowohl dem Land-- mirtschaftskammer-Ausschuß für Oberhessen, als auch den verschiedenen g-estausschüssen verursacht. Alle haben ihre Aufgabe vorzüglich gelöst. Der Besuch war außerordentlich groß; die gesamte Bevölkerung des Kreises Büdingen und der angrenzenden Gebiete schien zusammengesttömt zu sein. Um die Mittagszeit, besonders aber als der Festzug im Gang war, wanderte eine riesige Menschenmenge durch die Stadt nach dem Festplatze. Die Eisenbahn konnte kaum den Verkehr bewältigen und sah sich genötigt, Sonderzügc bis Nidda einzulegen.
Einen Glanzpunkt des Festes bildete dor Festzug. Er wurde an der Gasfabrik aufgestellt und bewegte sich unr i/23 Uhr durch die Straßen zum Festplatz. Es waren darin mehrere sehr schöne Gruppen auf Wagett dargestellt: Eeres- wagen, Iagdwagen, Pomona und Flora, Schützengesellschaft, Milchwirtschaft, Brauerei Nidda, die .Kirmes in Rohrbach (gestellt von Amtmann Bär-Rohrbach), die Spinnstube von Wallernhaufen, .Bacchus- und Büdinger Erntewagen


