Nr. 259
fünftes Blatt
M. Jahrgang
Lietzener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger für Sberhefien
Die „Giehener Familienblätter" werden dem »Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeitfragen" erscheinen monatlich zweimal.
Samstag, U. Oktober 1913
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Brich- und Steindrrrckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: e^äl. Redaktion:eE112. Tel.-Adr.:ArrzeigerGießen.
Deutsche Kolonien.
lieber den Postverkehr in den deutschen Kolonien im Jahre 1912
schreibt man uns:
Der Postverkehr in den deutschen Schutzgebieten nimmt von Jahr zu Jahr einen größeren Umfang an und zwar nicht nur der Verkehr zwischen den Kolonien und dem Mutterlande, auch der Verkehr in den Kolonien selbst. Die Eingeborenen einzelner Kolonien beteiligen sich recht lebl>ast am Postverkehr. Aus der jüngsten Statt ft i r seien einige Zahlen wiedergegeben: Die Zahl aller in den afrikanischen und Südsee-Kolonien erledigten Bricfsendungen betrug fast 12 Millionen Stück, genau 11 993 414. Uebcr 3 4 des gesamten Verkehrs entfällt naturgemäß auf Südwestafrika und Ost- a s r i k a 6 495 270 und 3 403 107 Stück). 4luch der Postanweisungsverkehr hat eine erstaunlich hohe Zahl erreicht, wenn man berück- stchtigt, daß der Eingeborene nur sehr selten Geldsendungen empfängt. Im Postanweisungsverkehr wurden 97 896 482 Mark ein- und ausgezahlt, wovon wiederum auf Südwestafrika 39,9, auf Oft- afrika 39,7 Millionen Mark kommen. Kam er un erhielt 12,3 Millionen Mark. Der Telegrammverkehr, hier hauptsächlich der Kabeldienst mit Deutschland, ist trotz sehr hoher Gebühren ganz bedeutend gestiegen, zur Beförderung kamen für Südwestafrika 424 158 Telegramme, Ostafrika 287 731, Kamerun 68 900, Togo 34 453, Neuguinea 1605. Die Zahl der nach den Kolonien abgesandten Zeitungen betrug 2 158 298, hiervon entfallen auf Südwest- asrika 1254 261, auf Östafrika 384 504, auf Kamerun 242 596, auf Togo 101 528, auf Neuguinea 147 115, auf Samoa 28 274 Zeitungen, die meist im Postabonnement bezogen wurden. Das Lese- bedürsnis ist also sehr groß. Der Postpaketverkehr hielt sich in engeren Grenzen, da verderbliche Gegenstände nicht versandt werden können. Tie meisten Pakete kamen aus Deutschland, aufgegeben wurden in den Kolonien nach auswärts naturgemäß weniger Pakete. Der Gesamtpaketvcrkehr betrug in Südwestafrika 138 527 Pakete, Ostafrika 59 285, Kamerun 36 942, Togo 15 380, Neuguinea 5296, Samoa 2111.
Der größte Teil der Poft geht noch auf den Köpfen der Träger ins Innere. 80 Proz. aller Post in den Kolonien selbst, abgesehen von der von auswärts eingehenden Post, wird an der Küste bestellt. Deutsch-Südwestafrika macht hiervon eine Ausnahme, hier ist der Küstenpostverkehr ganz minimal, die meiste Post geht ins Innere.
Trotz des großen Aufschwungs machen sich die Postanstalten in den Kolonien im ckktgxmroinen bisher noch nicht bezahlt, sie brauchen noch einen Zuschuß. Ein großer Teil der Posteinnahmen für die Kolonien wird allerdings auch auf das Konto des Mutterlandes gebucht.
Aus Stabt nnd Catib»
Gießen, 11. Oktober 1913.
Vom Most.
Der Heurige wird in diesen Wochen gepflückt und gekeltert. Durch das schlechte Wetter des Sommers erfolgt die Ernte etwas später als sonst aber man hofft, daß der 1913er nicht so schlecht ausfällt, wie die ewigen Schwarzseher prophezeien. Was geschieht nun mit den Trauben nach der Weinlese? Vor dem Pressen oder Keltern werden die Trauben zerdrückt, um die Beeren zu öffnen und den Saft auKfließen zu lassen. Der Winzer nennt das maischen. Nur bei der Schaumweinbereitung, wo man vermeiden will, daß die Zellsäfte der Hülsen und des festeren Markes in größeren Mengen in den Most kommen, gibt man die Trauben ungemaischt auf die Kelter. Das Maischen geschieht auf verschiedene Weise. In Italien und Südfrankreich werden die Trauben auf hölzerne oder betonierte Rampen geschüttet, die einen Ablauf haben. Dann zertreten Arbeiter die Trauben mit bloßen Füßen, oder auch mit Kautschuk- oder mit Lederstiefeln. Diesem Verfahren wirb gegenüber dem maschinenmäßigen Zerdrücken nachgerühmt, daß die Kerne und Kämme nicht mit zerquetscht werden, die heute gebräuchlichen Entrappungsapparate und Traubenmühlen zeigen aber dieselben Vorzüge und sind auf jeden Fall sauberer und appetitlicher. Die Trennung von Most und Trestern (Schalen) geschieht heute nur in den wenigsten Fällen noch durch Austreten, Maschinen leisten hier saubere, schnellere und ausgiebigere Arbeit. Die Preßarbeit muß möglichst schnell vollzogen werden, weil sonst die Gefahr
vorliegt, daß unerwünschte Gärungserreger in den Most gelangen, die zu Weinkrankheiten Anlaß geben. Der Most muß auch einer genauen chemischen Untersuchung unterworfen werden, damit sein Zucker- und Säuregehalt festgestellt werden kann. Aus den Kernen nimmt der Most Gerbstoffe, aus den Hülsen und Kämmen Säuren und andere Frcmdstoffe auf, die seine Farbe beeinträchtigen und den Geschmack rauh und kratzig machen. Der süße Most wird dann in die Gärfässer gefüllt und geht dort allmählich in Wein über, der Heurige ist im Werden.
*
** Deutscher Frauen- Verein vom Roten Kreuz. Wie uns von der hiesigen Abteilung des Deutschen Trauen-Vereins vom Roten Kreuz für die Kolonien mitgeteilt wird, findet am Donnerstag, 30. Oktober, in Darmstadt im Saale des Musikvereins, Steinstraße 24, nachmittags 4 Uhr, die zweite ordentliche Hauptversammlung des Hessischen Landesverbandes statt. Laut der Tagesordnung wird Bericht über das abgelaufene Geschäftsjahr, das Kasscwesen des Vereins und über den Georg-Ludwigs- Garten in Swakopmund erstattet, dem sich die Neuwahl des Vorstandes anschließt. Ein Lichtbildervortrag von Frau Professor P lehn-Berlin wird die Versammlung, zu der sämtliche Mitglieder des Hessischen Landesverbandes geladen sind, beschließen.
** Die freiwillig e Sanitätskolonne v o-nt Roten Kreuz feiert in diesem Jahre das Fest des 10- jährigen Bestehens. Aus diesem Anlaß ist ein Konzert geplant, dessen Reinertrag lediglich den Bestrebungen 6er Sanitätskolonne zugute kommen soll. Der Orchester- Verein Gießen, sowie andere Kräfte haben ihre Mitwirkung zugesagt. Dank der aufopfernden Tätigkeit der aktiven Mitglieder der Sanitätskolonne konnte diese in den letzten Jahren im Dienste der Nächstenliebe ganz Außerordentliches leisten. Derartige Einrichtungen können aber nicht nur in der Stadt, sondern auch aus dem Lande, wo ein Arzt nicht immer sofort zur Stelle ist, segensreich wirken. Bei Unglücksfällen kann bei der ersten .Hilfeleistung durch unkundige Personen wesentliches Unheil angerichtet wer6en, während der ausgebildete Sanitätsmann bis zum Eintreffen des Arztes etwaige Gefahren (Verblutungen) durch entsprechende Maßnahmen verhüten und eventuell auch zur Linderung der Schmerzen des Verletzten durch Anlegen von Notverbänden (bei Knochenbrüchen usw.) beitragen kann. Auch bei Krankentransporten spielt die entsprechende Ausbildung des Transporteurs eine ganz wesentliche Rolle.
Landkreis Gießen.
— Lollar, 10. Oft. Die Gemein de ratssitzung am Dienstag, den 14. Oktober 1913, abends 8 Uhr, hat folgende Tagesordnung: Gesuch der Königl. Eisenbahnverwaltung [um Anschluß der beiden Dienstgebäude an das elektrische Leitungsnetz. Gesuch des Bezirks Gießen Gabelsberger Stenographie um Ueberlassung eines Schulsaales zur Erteilung des Unterrichts. Desgl. Gesuch der Stenographen- Vereinigung Stolze-Schrei). , Errichtung einer Schutzhütte im hiesigen Gemeindewalde. Zentralheizung für das hiesige Rathaus.
Kreis Lauterbach.
~ Lauterbach, 10. Oft. Als eine Folge der schon ost durch eingeführtes Schlachtvieh aus außerhessischen Gebietsteilen eingeschleppten Maul- und Klauenseuche ist dem Vernehmen nach durch die Regierung angeordnet worden, daß das mit der Bahn eintreffende fremde Schlachtvieh mittelst Wagen durch die Stadt nach dem hiesigen Schlachthaus gebracht werden muß. Diese Maßnahme wird nicht allein von,den Landwirtes, begrüßt, die bei jedem im Schlachthof festgestellten Seuchen- verdacht die unangenehmen Sperrmaßregeln zu gewärtigen hatten, auch von den Bewohnern der Straßen, durch die bisher die Schweine usw. in Herden getrieben wurden, wird diese Einrichtung angenehm empfunden, haben sie doch manchmal recht unan
genehme Erfahrungen mit einem ausgerissenen Tiere in ihren Gärten machen müssen.
Starkenburg und Rheinhessen.
ch. Ober-Ingelheim, 10. Okt. Bei der hier abgehaltenen GemeinderatSwahl übten rund 82 Prozem der Wähler ihr Stimmrecht aus. Von 820 Wahlberechtigten gaben 670 ihre Stinnnen ab. Gewählt wurden die Herren Heinrich Weitzel III. mit 551, Josef Hirsch mit 431, Friedrich Möser mit 341, Jakob Friedrich Freund mit 334 und Jakob Hartkopf mit 313 Stimmen. Die Herren Hirsth, Hartkopf und Freund waren im letzten Turnus aus- geschieden.
Univertzitäts-Nacbrichten.
Die Ausländer an den bayrischen Universitäten.
Nunmehr hat int Anschluß an die bereits mitgeteilten neuen Universitätssatzungen das Kultusministerium Vorschriften über die Zulassung von Ausländern an den bayrischen Universitäten erlassen. Sie bedeuten, wie wir der F. Z. entnehmen, in manchen Punkten eine wesentliche Milderung gegenüber den bisher geltenden Bestimmungen. Eine Höchstzahl für die Zulassung von Ausländern ist nur noch bei der medizinischen Fakultät vorgesehen und zwar gleichmäßig für alle ausländischen Staaten. Es beträgt nämlich die zulässige Höchstzahl von Studierenden aus einem ausländischen Staate für die medizinische Fakultät München 150, für die medizinischen Fakultäten Würzburg und Erlangen je 40. Die Bestimmung vom 11. April 1911, wonach russische Staatsangehörige, die an einer bayerischen Universität immatrikuliert werden wollen, schon vorher auf einer russischen Hochschule studiert haben müssen, ist außer Kraft getreten. Es können demgemäß russische Medizinstudierende, wie alle anderen ausländischen Studierenden ihr Fachstudium in einer bayrischen Universität beginnen. Im Interesse der einheimischen Studierenden wurde für die Studierenden aus denjenigen Ländern, deren Angehörige im letzten Semester die Höchstzahl erreicht haben, eine spätere Frist zur Einschreibung zu den Vorlesungen und Hebungen an der medizinischen Fakultät und für das Belegen der Plätze vorgesehen. Die medizinische Fakultät wurde ermächtigt, im Bedarse-- falle diese Fristen auch für Angehörige anderer ausländischer Staaten festzusetzen. Der Ministerialerlaß sieht die Er Hebung einer Semestergebühr von 50 Mark für ausländische Studierende vor. Diese Semestergcbühr ermäßigt sich für Angehörige von Oesterreich-Ungarn, der Schweiz uni) von Luxemburg auf 30 Mark.
vermischtes.
* Brände. In der Ningerfchen Möbelfabrik in Hohen- s a l z a wütet ein Großseuer. Alle Werkstätten wurden vernichtet. Die Entstehungsursache ist unbekannt. — Bei einem Brande m Dortmund ist eine 68jährige W i t w e u m g e k o m in e n.
* Ungetreuer Rechtsanwalt. Der Rechtsanwalt Schott ans Nikolai stellte sich der Staatsanwaltschaft in Gleiwitz, weil er aus einer Konkursmasse 15 000 Mk. unterschlagen hatte.
* Zur Entstehung der Rachitis. Die Kurve der Erkrankungsziffern der in den einzelnen Monaten innerhalb drei Jahren in der Kinderklinik der Lemberger Universität beobachteten rachitischen Kinder, beginnt nach den Ausführungen Dr. Raczynski-Lemberg (Przegl. lekarski) im November anzusteigen, erreicht im Mai den Höhepunkt und sinkt im Oktober bis zu ihrem niedrigsten Punkt. Berücksichtigt wurden bei dieser Statistik nur Kinder von 3—12 Monaten, die ausschließlich mit Muttermilch genährt wurden. Um zu prüfen, welche Rolle der Einfluß der Sonnenstrahlen bezw. das Fehlen der Sonne auf die Entstehung der Rachitis hat, sind vom Verfasser eingehende Stosswechseluntcrsuchungen an zwei von derselben Mutter stammenden Hunden vorgenommen worden. Der kleinere mit einem Gewicht von 250 Gramm wurde im Garten unter ständiger Einwirkung des Sonnenlichtes aufgezogen, der
Franen-Nun-schau.
Haussraucnlcben in alter Zeit.
Die gute alte Zeit! Ist sie nicht in so mancher Beziehung die schlechte? Unsere modernen Damen werden gewiß dieser Ansicht sein, wenn sie sich in die Schilderungen des alten Hausfrauenlebens vertiefen, die der bekannte französische Kulturhiftonker Humbert de Gallier in dem soeben erschienenen dritten Bande seines großen Werkes „Die Sitten und das Privatleben von ehemals" auf Grund alter Haushaltungsrechnungen und eines reichen Briefmaterials entwirft. Eine cinfache Bürgersfrru von heute würde entsetzt sein über die gesellschaftliche Stellung, die damals jelbft hochadlige Damen einnahmen, und sie würde die Fahne der Frauenemanzipation entrollen, müßte sie unter den Bedingungen aufwachscn und leben, die ben Mädchen und Frauen pes itz. Jahrhunderts natürlich und selbstverständlich erschienen.
Das Dasein einer eleganten Dame unserer Tage aber unterscheidet sich stärker von dem ihrer Urgroßmutter, als diese selbst in den Grundbedingungen ihrer ^Existenz von einer Frau der biblischen Zeiten entfernt war. — Verfolgen wir den Lebenslauf eines Mädchens, das einem adligen Herrn der Provinz im Zeitalter Ludwigs XV geboren wird. Gleich nach ihrer Geburt wird die Tochter in ein entferntes Torf zur Ammse gebracht; man läßt sie hier 3_£ Jahre; dann wird sie ins Kloster gestleckt und hier in einförmiger Strenge in allen hausfraulichen Arbeiten und Kenntnissen unterrichtet. Ihre Zeit verteilt sich zwischen ihrer Andacht in der Sakristei, den Lehrstunden in der Küche, im Waschraum, in per Apotheke, der kurzen Essenszeit im Refektorium und der Nacht Um Schlafgemach. Sie lernt nicht nur kochen und wasck-en und plätten und nähen und Spitzen klöppeln; sie lernt auch heilsame Arzneien bereiten, Verbände und Umschläge anlegen. Kanu sie da- nelbeu noch ein wenig lesen, rechnen, eine richtige Verbeugung machen und, wenn auch unvrthographisch, schretben, so ift ihre Ausbildung vollendet, und sie steigt in der Rangordnung des iFrauenklosters aus der weißen über die blaue in die rote Klasse emum — Mit 16 Jahren korumtt iie zu den Eltern zuruck, die sie nicht kennt und die sie als ein kleines Mädchen behandeln, solange sie nicht verheiratet ist. So wird Fräulein von Mont miratl noch 8 Tage vor ihrer Heirat von der Mutter daziiver- rirteilt zur Strafe am „Katzentisch" zu epen, weil ne un ealon eine Verbeugung schlecht ausgesührt Hatz Ist die lange Dame Iran, so flimmert man sich wenig darum, „Mädchen haben immer was", beißt e? und „Gott wird helfen". Man schreibt vielleicht an den Arzt der benachbarten Stadt aber bevor bei der langsamen Post die Antwort kommt, kann die Patientin, wenn ste ernstlich krank ist, länoft aeftorben sein Je weniger man sich sonst um |ie kümmert, mi! desto grbßerer Sorgfalt betreibt man die Wahl des Gatten, probei aber das Fräulein selbst kein Wort mttzurchen hat. In langen
Gesprächen und Verhandlungen erörtern die beiderseitigen Eltern die Mitgift, die Aussicht auf etwaige Erbschaften, wobei man mit dem Leben der Onkel und Tanten recht wenig pietätvoll umgeht; man setzt genau die Ausstattung der künftigen Braut fest: 24 Taschentücher, 12 Hemden, 1 Brokätrobe, 1 aus Samt, 1 aus Gold- oder Silberstoff; alles Kleider, die gewöhnlich bereits im Besitz der Großmutter gewesen waren. Und dann kommt endlich, der große Tag der Hochzeit, an dem das Fräulein sich zum er ft en» und einzigen Mal in ihrem Laben als Mittelpunkt fühlen kann, um sodann bei dem Ehemann in ein noch härteres Joch zu kommen.
Die Hausfrau muß über alles wachen; sie hat die Verwaltung des ganzen Haushaltes, ja auch der häufig sehr ausgedehnten Besitzungen. Der Mann ist in Versailles bei Hose, er ist bei seinem Regiment oder amüsiert sich sonstwo; er kümmert sich um nichts, das ist so der Brauch. Als eines Tagls bei einem Edelmann ein Feuer ausbricht und die Diener ihn unn Hilfe rufen;, fährt er sie unwillig an: „Sagt das meiner Frau; Ihr wißt, daß ich mich nicht um das Haus kümmere." So sehen wir denn die Ehefrau der alten Zeit unablässig in Küche, Keller und Hof beschäfttgt. Mme. de Villevrain beaufsichtigt selbst das Einbringen des Getreides und kümmert sich um ihre Seidenwürmer; Mme. de Se- üigne pflanzt selbst die Bäume, die bann ihr geldbedürftiger Sohn abschlagen läßt, bevor sie noch groß sind: Mme. de Longeviale verkauft eigenhändig ihre Ochsen und rechnet mit den Pächtern ab; sie arbeitet vom Morgengrauen bis zum Abend und [trieft dann noch bis spät in die Nacht hinein Strümpfe; sie hat eine „Fuhrmannsgesundheit", deren sie sich rühmt. Der Stolz von Mme. de La Valette mieber ist der Hühnerhof, und die Herzogin von Nevers steht selbst am Herd, um die Pasteten zu backen. Die Gräfin von Tressan kostet die Saucen und ist ihrem Haushofmeister beständig aixf den Fersen. Und für die nötige Arbeit, ja für mehr als das, sorgt der Herr Gemahl. Er stellt sich plötzlich mit einem Haufen von Gästen ein, die alle unterAebracht werden wollen und zwar recht behaglich und gemütlich. So bekommt Mme. de Ssvery auf einmal 18 Gäste, auf die sie nicht vorbereitet war und muß sie in den Dienerzimmern einquartieren, während die Domestiken auf dem Heuboden schlafen. Hat sie die fröhliche Schar untergebracht, dann geht es wieder zum lEinmachen in die Küche aber zur Wäsche, denn sie besprengt ihr Linnen selbst auf der Bleiche, zählt die Stücke aus und faltet sie. Eine gut gelungene Wäsche ist ihre größte Freude. Und ihre sonstigen Vergnügungen? Was man so gemeiniglich unter Amüsement versteht, das existiert für sie nicht. Abends hat sie zu flicken und zu nähen funb für ihre Garderobe zu sorgen. Dabei verfährt sie sehr sparsam. Reiche und durchaus nicht geizige Damen tauschen ihre Toiletten mit denen ihrer Freundinnen aus. Mme. de Severy ist beglückt, als es ihr gelingt, „gegen vier alte Kleider eine schöne Robe einzuhandeln". Und solch ein Kleid trägt man wenigstens. 5—6 Jahre. Wohl gibt es auch Feste: die großen
Jahrmärkte, den Karneval, das Ende der Ernte. Aber man ist auch schon vergnügt, wenn man abends im Schein eines Flackerlämpcheus beim Spinnen oder Nüsseknacken znsamniensitzt und sich hübsche Geschichten erzählt. Ja, es waren andere Zeiten, aber daß die Hausfrauen darum weniger glücklich waren, wer möchte das wohl behaupten ? i
«
ff. M ü 11 erpc n s i o n en. Im Laufe der letzten beiben Jahre sind in einzelnen Staaten der Union wichtige Gesetze über „Mütter - pensionen" in Kraft getreten, nach denen Witwen mit Kindern, denen die nötigen Mittel fehlen, einen gewissen staatlichen Zuschuß erhalten. Der Hauptbeweggrund zur Einführung dieser Gesetze war in den meisten Staaten, die diese Gesetze jetzt haben, die Erwägung, daß die Kinder im Interesse des Staates besser in der Familie bleiben, als in irgendwelchen Erziehungsanstalten: außerdem spart der Staat gewöhnlich auch, wenn er die Unlerhtttwigs- foften unmittelbar den Müttern übertrefft, weil er dann feine kostspieligen Institute zu errichten braucht. Die Art der Auszahlung der Mütterpensionen sowie ihre Höhe wechselt von Staat zu Siaat. Nach einer Mitteilung W. B. Shaws in der amerikmischen „Reviews of Reviews" hat z. B. in Illinois die Vettvaltung der Jugendgerichtshöfe darüber zu entscheiden; im Staate Wisconsin hat die Regierung einen eigenen Ausschuß für Mütterpensivnen eingesetzt, und in anderen Staaten wieder, so in New Verseh, ist die Verwaltung der Mütterpensionen den einzelnen Ortsbehörden überlassen. Der Bettag der Mütterpensionen schwankt für Witwen mit einem Kinde zwischen 36 und einigen 60 Mi. im Monat, und für jedes weitere Kind tritt eine bestimmte Erhöhung ein. Sobald ein Kind der Witwe eine gewisse Altersgrenze erreicht hat (Die zwischen 14 und 18 Jahren liegen kann) erlischt natürlich das Anrecht auf die Bezahlung der Mütterpensionen für dieses Kind. In jedem Falle, wo ein Anspruch auf Mütterpension erhoben ftrirb, wird eine Untersuchung eingeleitet, gewöhnlich von dc» Orts- behörden. Im Staate Pennsnloanien aber ernennt der Gouverneur für jede Grafschaft einen Ausschuß von 5—7 Frauen, in deren Hand die Entscheidung gelegt wird. In diesem Staate beträgt die Mütterpension für eine Witwe mit einem Kinde 13 Dollars, also rund 55 Mk.; hat die Witwe zwei 'Kinder, so kann sie zwanzig Dollars, etwa 85 Mk. im Monat beanspruchen, bei drei Kindern 26 Dollars, 110 Mk., und für jedes weitere Kind bekommt sie 5 weitere Dollars (21 Mk.) monatlich. Der Staat Ohio bewillig'' eine etwas höhere Mütterpension, nämlich 15 Dollars, rund 64 Mr. im Moiiat, für jedes weitere Kind steigt die Witwenpension, und eine Wi live mit 5 Kindern erhält 44 Dollars 1167 SOlf.) monat* lieft. Im Staate New Yersen gibt cs eine Höchstgrenze der Mütter« Pension von 30 Dollars. £127 Mk.) monatlich.


