165. Jahrgang
vierter Blatt
Nr 221
Erscheint IS-Iich mit Ausnahme des Sonntags.
Frauen-Rundschau
Was wird aus den studierten Frauen?
zu- von
Tie „Giehener Zamtlienblätter" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich bcigclegt, das „Krcisblatt für den Kreis Eiehen" zweiinal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweiinal.
Mit Stolz weisen die von den Frauenorganisationen scunmengestellten Statistiken auf die stetig wachsende Anzahl Frauen hin, die im Gegensatz zu früheren Zeiten Gvmnasialbildung und akademische Bildung erobern und später in den verschiedenartigsten Berufen verantwortungsreiche Stellungen mit Erfolg aus- füllen. Aber hinter der Frage nach dem erhöhten Bildungsniveau und der beruflichen Versorgung der neuen Frauengeneratron er» hebt sich eine andere noch tiefer greifende, Frage, die bisher noch nicht beantwortet werden konnte: Wie gestaltet sich im Durch- schnitt das Schicksal der Frauen mit Gymnasial- und Unt-
Srantfurter Brief.
Von Dr. C. Weichardt.
Frankfurt a. M., im September.
Es wird .Herbst: die Premieren drängen und hausen sich wie die Acpfcl int Obstsack. Noch aber sind alle Taunusbahnen voll besetzt, und man kann nicht widerstehen, man steigt an der Hauptwachc in eine der eleganten, mit Gepäcknetzen und icder Bequemlichkeit versehenen Elektrischen und fahrt, den Loäteingcn der Theater zum Trotz, in die grünen Höhen chnem, die Frankfurt gegen den Nordwcststurm schützen und letzt im Golddunst der Herbstsonne erst ihre ganze reite Schönheit pinbreitcn. ..can fährt nach .Homburg und stellt mit Staunen fest, daß in einem grünen Winkel seines Parkes ein bunter iiamenscher Te m - pel, ein Geschenk sür den Kaiser, aus dem Rasen gewachten ist, reizvoll, wenn man ihn sür sich betrachtet, doch befremdend in seiner Umgebung; man biegt bei der obligaten Besteigung des Großen Feldbergs zur grünen Kuppe des nur um weniges niedrigeren Kleinen Feldbergs ab und beiichtrgt mit Interesse das eben vollendete wissenschaftliche Observatorium mit feiner Erdbebenwarte, der Ballonhalle und dem hohen Enenturm. Man träumt, sommerlich versunken, noch von irgend einem Felsvorsprung in ben Abend hinein und erinnert sich Plötzlich — ein kühler Hauch steigt über die Höhe —, gelesen zu haben, daß im .Hochgebirge der erste Schnee gefallen ist. Und da wacht die Sehnsucht nach der Kunst wieder auf, — nun es Abend und
Wahrhaftigkeit abgelegt hat. So steht sie denn auch einiger* maßen verlegen vor der bedeutendsten Aufgabe, die ihrer narrt. dem Bau der lünftigcn „Kaiscrbrück c", die die Alte JJiain* brücke ersetzen soll. Ganz kann es vielleicht nie gelingen, solch ein durch die Jahrhunderte geweihtes Bauwerk mit seiner von Erinnerungen genährten geistigen Macht in einer gleichwertigen Neuschöpsung wieder auserstehen zu lassen; die Sckmahrt verlangt erweiterte Bogen, das allein steht schon einer ähnlich FraftDoIlen Gedrungenheit, wie sie der alten Brücke eigen ist, im -Lege. Immerhin: so schwächlich, wie das aus der Zusammenarbeit Zweier tädtischen und eines tüchtigen privaten Architekten entftanbene Modell sich gibt, kann und darf die neue Brücke nicht werden. Jede Betonung, jede Steigerung fehlt diesem Bau; ängstlich ist das projektierte Böhlesche Reiterdenkmal Karls des Großen auf die Seite, gleich auf den ersten Pfeiler, geschoben, als könnte die Mitte der Brücke es nicht tragen, und aus den mächtigen Pfeiler- rundbauten der alten Brücke sind nüchterne Träger mit ganz niedrigen Vorkopsen geworden, die technisch ihr Gutes haben mögen, architektonisch betrachtet aber den mageren, ^ärmlichen, phantasielosen Eindruck des Ganzen nod) bestärken. Die Streitfrage, ob wieder roter Mainsandstein oder grauer Musckcttalkstcin verwendet werden soll, kann vorerst in den Hintergrund treten gegenüber dem unerläßlichen und bis jetzt nicht erfüllten Gebot, datz diese Brücke zwischen Deutschlands Süden und Norden em Bau voii symbolischer Macht des Ausdrucks werden muff.
Oeuticher Philologen- und Schulmännertag.
Am 28. und 29. September versammelt sich zum 22. Male der Deutsche Gymnasialverein, und zwar diesmal in Marburg a. L. Der Geschichts- und der griechische Unterricht werden die Ausgaiigs- punkte der Verhandlungen bilden. Im Mittelpunkt steht em Vortrag des UniversitätsprosessorS Tr. Wendland aus Göttingen über die griechische Lektüre. Bei dieser Gelegenheit wird zum ersten Male das neuentdeckte Stück des Sophokles „Die tipurhmide' ausgeführt werden. Zu gleicher Zeit tagt an derselben titelte der Deutsche Germanistenverband, um über die Gestaltung des deutschen Unterrichts an den höheren Schulen zu beraten, und chließlich wird die Gründungsversammlung des Verbandes deut- cher Geschichtslehrer abgehalten werden. Diese Veranstaltungen bilden sozusagen die Einleitung zur 52. Versammlung deuteclscr Philologen und Schulmänner vom 29. September bis 3. Oktober, welche mit einer gemeinschaftlichen Fahrt der Teilnehmer zur Saalburg beschlossen wird. Wälzend der Tagung wird über die mannigsachen Beziehungen der höheren Schule zu Wissenschaft und Leben von berufenen Vertretern der Universität und Schule gesprochen werden. Es wird über „die Wissenschaft und Technik bei den Hellenen" und „die Anfänge des römischen Dramas" ebenso verhandelt werden wie über „die Herkunft der Siebenbürger Sachsen", über „Germanen und Jiidogermanen", über „Hebbels Agnes Bernauer", über „den Rhythmus des französischen Verses", über „Babylon im Lichte der deutschen Ausgrabungeii", über den „musikalischen Akzent in den skandinavischen Sprachen"; aber auch moderne pädagogische Themata stehen zur Verhandlung: so z B. „Gymnasium und Realschule", „die Gefallen des Sports', die Leistungen der höheren Lehranstalten", „Neue Anforderungen an die höheren Lehranstalten", „die Behandlung erotischer und sexueller Probleme im Unterricht". Daß auch das jüngste Unterrichtsfach, die Biologie, zu seinem Rechte kommen wird, ersieht man aus dem Thema: „Biologie und philosophische Propädeutik", ja sogar die Bedeutung des Kinematographen ft» den Unterricht wird in einem Referat „Kinematographische Vorführung mathematischer Beweise" erörtert werden. Hiermit ist die Zahl der zur Diskussion stehenden Fragen keineswegs erschöpft, die genannten Punkte bilden nur eine kleine Auswahl. Damit kennzeichnet sich der Marburger Kongreß als ein Kulturparlament, das fern jeder Einseitigkeit und abhold jeder der modernen Schule gesührlichen Weltfremdheit seinen ans allen deutschen Gauen herbei- eilenden Teilnehmern Anregung und Belehrung in reichstem Maße zuteil werden lassen wird.
Frühlings, Empfindungen beim Untergang der Sonne oder Betrachtungen in der Silvesternacht. Die Pfannkuchen und den Punsch 'einzuflechten, wagten wir nicht. Einkehr in sich selbst, edle Vorsätze für das neue Jahr wollte der Lehrer Trotz der elenden Schule" und trotz der „denkbar prosaischesten Umgebung" (vielleicht gerade deswegen:) faßte Hedwig Dohm fchon im 11. Jahre ben Entschluß Dichterin zu werden Jrn Hause war sie damals der tiwndenbock: fte hatte alle Unarten begangen, sie mar, wenn fte es bestritt, eine durchtriebene Lügnerin, ihre Schweigsamkett war Dummheit, ihre Abseitigkeit närrischer Trotz. In Phantasien und -träumen fand fte das Gegengewicht zu dieser trüben Ctegenroart: „Allem eS gab ftir mich auch Stuiiden innigster Beglückung. Die stunden, in denen ich abends vor dem Einschlasen träumend fabulierte: Tauiend-und- eine-Nacht-Abenteuer, die brillantesten Stellen schrieb ich mir auf den Leib. Die Träume waren mein eigentliches Leben, die 2ftrk- lichkeit eine schale, belästtgende Episode. Ein Schwelgen wars m Ruhm Gold, Liebe — natürlich einer glühenden Liebe, die em königlicher Prinz mir widmete, der mein ehelich Gemahl wurde Die An- und Abschaffungen, die meine Traumphantafien ms Werk setzte, oerftiegen sich ins Unermeßliche. Mit den Millionen, die mir wie Wasser durch die Finger rollten, rottete ich mit Stumps und Stiel die Armut aus ... Ick) schaffte die vielen Brüder ab, und die Mütter korrigierte ich wesentlich ... Ich war die größte Dichterin Europas ... In Ehrfurcht vor mir er- itarben meine Geschwister und das Volk jubelte mir zu: „Heft, Heil unserer Wohltäterin".
Samstag, 20. September 1915
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universiläts - Buch- und Steindmckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^51.
Redaktion: 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
-^Man fragt sich, wo ist denn künstlerische Kultur int neuen i Frankfurt noch lebendig, wenn das ernste Theater keine Freunde i findet und auch die Musik, die absolute wenigstens wahrend der 1 letzten Winter stark in den Hintergrund getreten ist? ®a ertajnt man deutlich: das reiche Frankfurt hat fein <yclb m der bildenden 1 Kunst gefunden, hier betätigt sich eine Liebhaberei die - dank _ ihrer materiellen Macht allerdings -Kulwrwerte schafft. Der ; Frankfurter Kunstoerein hat cme Auswahl der schönsten und , wertvollsten Gemälde des 19. Jahrhunderts aus Frankfurter Privatbesitz ausgestellt, „Frankfurter Kunst, chatze ist die Ausstellung getauft, und wirklich: schätze der Kunst find hier in einer Fülle und Prägnanz vereint,, daß man aus ihnen lückenlos die Geschichte der modernen Kunst von Goya bisvan Gogh ablesen kann. Von Goya stammt das Wort, da» vielleicht einen letzten, absoluten Maßstab für die Wertung von Gemulden bebrütet: Malerei ist Deutung der Natur durch Farbe. Nun, der größte Teil dieser Frankfurter Kunst,chatze ist so wenig literarische Malerei wie malerisches Kunstgewerbe: man steht erstaunt vor einer Menge Schöpfungen, die ivirklich Farbenkmist, ,)-arbensym- bolif, Deutung der Natur durch Farbe darstAlen. Es ist, als habe ein sehr geschmackvoller Museumsleiter, nicht aber eine Anzahl privater Liebhaber diese Bilder gesammelt. ^ Sulleben zartester Tönung von Goya, Laiidschaften voll lichten Lebens von Constable und Turner, Daubignys Naturgedichte mit der remm Melancholie ihrer Farbenklänge, ein Corot von allerdings sehr winzigen Maßen, Daumiers unvergeßliches Theater , das wie sein
Drama" wieder wie mit Blitzeshelle Menschenschicksale enthüllt, Monets ähnlich bezwingendes „Abendessen bei Lmsley , dann Sisleys flimmerige Winterlandschast, cme einzige Schneekuhle und Frostluft hinter kahlem Geäst, endlich van Goghs „Erdarbeiter , ganz Geschöpfe des Bodens gleich ben gezackten Baumstämmen, vor denen sie graben: lauter Stücke, die in jeder großen öffentlichen Sammlung einen Ehrenplatz verdienten. Die Kunst des Auslandes ist auch in ebenso malerischen wie dichterischen tichopfungen von Israels und Segantini und Porttäts der Amerikaner Sargent und William Chase, dessen Herrenbildnis außerordentliche Qualitäten hat, vollwertig vertteten. Unter deii deut,chen Romantikern von Schwind bis Thoma fehlt kaum emer. Alfred Rethrt überrascht durch ein fast dürerisch kräftiges und lebensvolles Porträt des Herrn PH. I. Passavant; von Spitzwegs zarten Humoresken, die sich doch immer mit ihrer malert,d)en Schönheit über das Anekdotische erbeben, entzückten gleich sechs an der Zahl. Ein volltönender Feuerbachscher Farbenakkord, Hans v. Marses sehnsuchtsvolle Linienrhythmik fehlen nicht. Unter fünf Bocklins setzt
Francesca da Rimini "durch die fchmerzgeborcne innere Glut bet äußerster Diskretion der Farbengebung in Erstaunen; Tchoma wirkt ungleichwerttg, doch seine Gewitterland,chaft hat die Weft- räumigfeit seiner besten Schöpfungen. Die ncudeutiche Malern endlich hat unter den Frankfurter Sammlern kluge und geschmackvolle Käufer gesunden. Man sieht so typische Liebermanns wie den schreitenden Bauer"; Leibl, Uhde, Klinger, Kalckreuth ,md mit allerbesten Arbeiten vertreten, unter einem Dutzend Trubner- scher Gemälde stehen der „Holzhauerplatz", bas „Kloster Seon ein Interieur u. a. auf ber Höhe seiner selbstsicheren Malkunst, und Corinths machtvolles Selbstbildnis, Slevogts virtuose?)hmne unb Hodlers fast musikalisch rhythmisierte Landschaften lasten I den Eindruck, den diese Ausstellung aus ben ersten Blick macht, - zur Gewißheit werden: Frankftirt besitzt im Bereich der bil- , denden Kunst wirklich eine künstlerische Kultur.
Um so befremdender berührt das Ver,agen der öffentlichen : Baukunst in Frankfurt, die noch kaum ein einziges volles Be- ; kcnntnis zum neuen Geiste in der Architektur, zur Kraft und
waltungsdirektor der städtischen Bühne, Herr L. Arnold, ein kräftigeres Wörtlein mitsprecheii und mit ihm zusammen Intendant Volkner und Martin, unser bester Regisseur, die Geschicke des Hauses vorsichtig und überlegt zu leiten suchen werden, mag eine Gesundung eher eintreten, als wenn wiederum ein neuer Mann von auswärts käme, der die Sdiroiengleiten des Franksnrter Bodens nickt kennt. Nur mit emer ziemlich derben Kost unb handfesten Kunst ist unter Turckschnittspubllkum zu gewinnen. Insofern entspricht ein Lustspielhaus wie das Neue T h e a t e r bem Charakter des Franksurter Theaterpublikums weit eher, unb es soll sich eines wachsenden Abonnentenstammes erfreuen. Ucbrigens geht es an ber ernsten Literatur nicht ganz vorüber, unb man hat ihm erst die,er Tage Aufführungen von Schnitzlers unocrblafitem „Zwischenspiel unb Bahrs ,-Me ster zu banken gehabt. Allerdings fehlt bem neuen Theater für wiche Stücke wiederum das Publikum, es fehlen ihm zum zeit auch die
Entscheidungen aus der Unfallversicherung.
Der Bolzenpresser I. H. in Wetzlar erlitt einen Unfall dadurch, daß ihm ein Stahlsplittcr ins Auge flog. Nachdem trotz klinischer Behandlung bas Auge nicht erhalten werden konnte, bewilligte die Süddeutsche Eisen- und Stahl- Berufsgenossenschaft dem Verletzten eine 25 Prozent. Rente. Hiergegen erhob der Verletzte durch die Rechtsberatungs- beschäfttgt, berichtete interessante Einzelheiten über die Art, wie das Mount-Holyoke College das außerordentlich interessante Material sammelte, das jetzt der Oeffentlichkeit übergeben wird. Die Anstaltsverwaltiing ging dem Lebensschicksal alle ihrer ehemaligen Zöglinge, die seit dem Jahre 1842 nach dem bestandenen ■ Examen in das Leben hinaustraten, nach. In 2827 Fällen iDon insgesamt gegen 5000 entlassenen ehemaligen Zöglingen) konnten die wesentlichen Einzelheiten des späteren Lebensschicksales aus- geftärt werden. Das gesammelte Material erbrachte ein recht ungünstiges Bild. Ein sehr hoher Prozentsatz der „studierten Frauen" blieb unverehelicht; das bedenklichste daran aber ist die Tatsache, daß der Prozentsatz der unverehelicht Gebliebenen in den letzten Jahrzehnten ganz enorm gewachsen ist, während man eher auf das Gegenteil gerechnet hätte. Tie Sta- tistik zeigt, daß nicht weniger als zwei Drittel der Frauen, die in den letzten Jahrzehnten ihre akademischen Prüfungen bestanden, ehelos bleiben. Auf 100 graduierte Frauen entfielen tm Durchschnitt während der Jahre 1842—49 15, die unverheiratet blieben, unb 85, die heirateten. In den folgenden Jahrzehnten verschiebt sich das Verhältnis wie folgt: 1850—59 25 Ehelose, 75 verheiratete; 1860—69 39 und 61; 1870—79 41 und 59; 1^80—89 42 unb 58. Vom Jahre 1890 an überwiegen bereits die Ehelosen: von 1890—99 zählte man auf 100 ehemalige Schülerinnen 42 verheiratete Frauen unb 58, die unverheiratet durchs Leben gehen mußten: 1900—1909 aber erreicht die Zahl der Verheirateten nur noch 24 von 100, während 76 ehelos bleiben. Es kann also kein Zweifel fein, daß die empfangene höhere Bildung die Neigung oder die Möglichkeit der Frau zur Begründung einer Familie außerordentlich verringert, wobei man noch besonders berücksichtigen muß, daß in ben Vereinigten Staaten die materielle Schwierigkeit einer Eheschließung für die Frauen geringer ist, da bic Frage einer Mitgift der Braut im Gegensatz zu Europa eine ganz untergeordnete Rolle spielt. Wie verhält es sich nun mit der Fruchtbarkeit jener-studierten Frauen, die u» die Ehe eintraten?
Die Statistik ergab, daß von 100 Ehen dieser „studierten Frauen" nicht weniger als 39 kinderlos blieben, wahrend die allgemeine Durchschnittszahl der unfruchtbaren Frauen für die ganze Bevölkerung nur 10-12 Prozent betragt- Wieviel Kinder zählten jene Frauen, bie Mutter wurden? 1890 99 entfielen 2,4 .Kinder auf jeden Haushalt, 1900—1909 nur noch 15 Das Gesamtergebnis ist: von akademisch gebildeten Frauen empfängt das Land nur 6 Kinder, während es nahezu 40 er« haften würde, wenn die studierten Frauen den anderen glichen.
Wie lange würde die Nation fortbestehen, wenn alle Frauen die höhere .Gymnasial- und Universitätsbildung erhielten?
versitätsbildung?
Die Verwaftung einer der bekanntesten und ältesten amerikanischen höheren Frauenbildungsanstalten, des im Universitätsrang stehenden Mount-Holyoke College ist es Vorbehalten geblieben, zum erstenmal dieser «Seite ber Angelegenheit nachzugehen, xr. Bertillon, der sich in einem Aufsätze des Matin mit den (nge^ niyen dieser in sorgsamer Arbeit zusammengebrachten Aufschlüße
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oherhessen
Heichst wird. ,
Im Overnhause spürt man bic Reisesaison noch am internationalen Fremdenbesuch, dem gerade jetzt vielsach ein ausverkauftes Haus zu danken ist. Die Anziehungskraft ber Oper ist unter Robert Volkners Intendanz merklich gestiegen, und in ber Tat' man wirb nicht leicht eine schönere Vorstellung etwa von „Figaros Hochzeit" erleben als die Neueinstudierung in Frankfurt. «Starke Szenenbilder haben hier den vollkommenen Einklang von Natur unb Stil, Martins nachdichtende Regie hat ben Staub der Schablone aus allen Winkeln gefegt, Rottenberg ist ein geborener Mozart-Dirigent, und das Ensemble der Solisten, von Volkner durch sehr glückliche Neuengagements ergänzt, hat fick in ben Mozart-Stil so weit hinemgefunben, daß man stellenweise glauben kann, die alte italienische Gesangsschule gewinne endlich wieder die Oberhand. So ist auch „Coft fan tuttc unter Pollaks iWrem Dirigentenstab unb in Krähmers imauf- bringlicbcr Regie dieser Tage hier wieder in einer Weise zu Ehren gekommen, daß alle Einwände gegen diese köstliche Musik- fomöbie hinfällig würben. Neben Mozart wirb Verdi starker als bisher das Repertoire unserer Oper beherrschen: ber ^ahr- bunbertgebenftaq soll mit der Erstaufführung des „Don Carlos und einer Wiederaufnahme des „Falstaff" gefeiert werden. Kurz tman singt wieder in der Oper.
Das Frankfurter Schauspielhaus hat zwar das Interesse und die Liebe des Frankfurter Publikums sich noch nicht zurückerobert, in den Augen ber Welt aber steht es heute als <ines ber interessantesten unb schicksalsreichsten Theater da. "Spieg- lein, Spieglein an der Wand! Wer wird der nächste Intendant ? An alle Garderobenspiegel im Schanspielhaufe wird lfeute die Frage von vielen Künstlern, die gerade auch ber letzte tenbant nach Frankftirt geholt hat, sorgenvoll gerichtet. Man weiß' Felix Holländer ist in erster Linie aus ganz^ persönlichen Gründen seinen Verpflichtungen ut Jöerhn unb ,yrante ’furt untreu geworben. Aber hier in Frankfurt hatte ihn die ganze Situation doch sowieso wohl dahin gedrängt, die schwere Aufgabe, das städtische Schauspiel zu sanieren, andern zu über- lassen Mit ungeheurem Energieanfwand hat voll ander die tiarne «maepacft, an die zwanzig neue Mitglieder hat er gebracht, titucke über Stücke erworben, neben überflüssigen eigenartige unb wertvolle, unb nun meinte er wohl, mit einem Schlage muffe das Beater unb feine Kasse sick, füllen. Wer da- Frankmrter PnbÜ- funi ist W schwierig in belnmdeln. Dahl gib! eS hier eme banne Sefnd’t geistig lebhaft interessierter, für( altes ülene unb Onoinelle bankbarer Menschen; fvav ledoch fehlt, ist der geistig^. MittA- stand sozusagen, unb wenn er da ist, w steht er im überteuren Uanksurt nach der wirtschaftlichen Seite am zu ausgesprochenem Mittelstand^niveau, um die sichere titutze eines ernsten Theaters bllden zu können. Mit bieien. Publikum hat Hollander kaum gerechnet' er war auch als Tl)eatermann noch viel zu sehr ,-ichtt.r, ^itnat' und Idealist, als daß es ihm Spaß machen konnte, sJn npfrf>äftlitf)en Notwendigkeiten, um bic man m Frankfurt L Ä^LLt, nachingrdcn Wenn ich! dirlfticht dar «r-.
Aus Hedwig Dohms Kindhcitscrinneruugen.
Zu ihrem 80. Geburtstage, 20. September.
<mna ic über Frauen geschrieben, es war in tieffter < Seele Erlebtes. Selbstcrlebte Wahrheiten sind unanfechtbar - ' diese Worte Hedwig Dohms sind der Schlnpel zur Personlichreit i Ä Schttststellcrin und Vorkämpferin der Frauenemanzipation, mtc Rorberunnm zur Bermung dar Frau Jaben tbte lettc llrfada in ihrer brbtücflcn Jugand, wo fte, obglerch wohlhabender «eute S nb, sich nicht frei cnttnltcn kann unb unter dem litt in einer falschen Zett geboren zu fein. Aus dieser zSS? Qeif ihrer ^uaenb hat sie selbst einmal allerlei Ennne- ’iSnacn nzählt Ihre Natur stand zu der ihrer Mutter im, schroffsten Xaenfa&m ° ,Weinc Mutter (so schreibt sie', rasch, resolut, auf- Emckend lierrschsüchtig. Eine robuste Frau mit wunderschönen ^iken Händen Sie war der Herr im Hau,e. Eine erstklassige kHausfrau von stupender Leistungsfähigkeit. Ich stell, versonnen, ?.rcki sam schüchtern. Ich fürchtete mich vor meiner Mutter, '^r ihren Gewaltsamkeiten. Herzhaft unb mit gutem Gewissen ?n^rdi damals geprügelt. Die Kindermabckien knufften mit. Prügel 3b2Xq Zi beinahe identisch." Ganz anders war. der Äer dn 18 Kinder: „Mein Vater, der gab uns nie einen
Ein stiller, ergebener Herr. Wir wußten nichts von Eag. ^^^ichts von uns. Tags über war er in feiner l&'rif- da sie weit hinten in der Königstadt lag unb wir ut ^?Nähe des Höllischen Tores wohnten, kam .er mittags nicht ncacn 8 Ulyr abends, wenn wir schon un Bett nach Hause, erst gegm „ unt) Mädchen lebten
'•^Tptr^ntci^ Selten die Bruder „Feilten sich gEich uMer- f^ren^faul in der Schule unb wuscheir sich am liebsten cx”a!J;eIl mar dieser Teil ber Schöpfung burchaus unwm- «^tbftck^'Die Mäbchen, die saßen möglichst stell, sittsam, machten pathisch. Die JKa ) Freistunden, von der mühsamen Perlcn- ^andarbnten tu i^hi- ,um cnigen Strumpsstopfcn herunter, ÜSh h/r^teJmahqe Ahulweg von der Sommerwohnung Tier» garten räur TnSp? »ar® bie einzige Gelegenheit zu korper- lichen Ex^ besuchte Hedwig Dohm sehr gern, obwohl der UnteEt wte die Lehrer nach ihrer Darstellung.alles andere Ils a?t waren ,Zü lernen gabs da nicht viel,,zu einer korrekten Ortboctecwhie Hase ich es nicht gebracht. Gematz der Anschauting, ^die ai^ch h^fte noch fortwirkt, daß ber Zweck ber, weiblichen Erziehung nicht bic Entwicklung ber Intelligenz, sondern dre des Amüts sei, wurde uns Wissenswertes nur in den mnumalften Dosen verabreicht . . . Auf Herzensbildung zielten auch die Themata des deutschen Auftatzes: .Gefühle beim Begum des


