Nr. 265
Erscheint ti-IIch mit Ausnahme des Sonntag».
Die „Oiehener ZamUienbläNer" werden dem .Anzeiger' viermal ivöchenllich beigeleat. da» „XreisdlaN für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Tie „Lsn-wirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Zweites Klatt 163. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhesien
Dienstag, U» November (913
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheo Universiläls • Brich- und S'.eindrnckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition unb Tnicfcrei: Schul« straße 7. Expedilion und Verlag: öl.
Redaktion: 112. Tel.-Adr.: 'AnzeigerGießeu»
polihfcbe (Zagcsfcbntt.
Auiundstns Vorträge ^in Flensburg.
Die amtliche „Nordd. Allg. Zlg." teilt mit:
?ur Bestattung von Ansnalmcen von dem gesetzlichen «prachvcrbote zuständige Regierungspräsident hatte die Zulassung der rwrtveglschcn Sprache in dein vorliegenden Fall deshalb ab- . &*c. namentlich auch unter dem Deckmantel des ^prmvenkamvics in den nationalumstrittencn Gebieten der Sckles- Nordmark sich bergenden antideutschen Bcircbungen den ölTentlidrcn Gebrauch der dänischen oder einer dem bänndicn >^wm fast gleichlautenden Sprache in einer öffentlichen Ver- Mmmlunq zu Flensburg unerwünscht erscheinen ließen. Erhöht wurden diele Bedenken unter anderem auch dadurch, daß im x°n-?ln ,^5^TC Eesangsvorträge des Kanimcrsängers Herold in ,®t)Ta(^c von den dänischspreckenden VcrsammlungSteil- vomEn in Flensburg zu deutschfeindlichen Kundgebungen miß- droucht worden waren; andererseits lagen besondere Gründe zur Genehmigung einer Ausnahme von der Regel des 8 12 RVG. sofern nicht vor, als Roald Anmndsen die deutsche Sprache beherrscht, und die weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Freusburgs der deutschen Nationalität angelfört, die dänische Minderheit aber sehr wohl deutsch spricht und versteht, Hiernach JxC mn‘ *u nahe, daß die Zulassung eines von
dänischer Seile angeregten Vortrages in einer dem dänischen ^biom verwandten Sprache sehr leicht als ein Erfolg der dänisch gelmnten Agitationsparlei ausgebeutct werden könnte. Da ander- iolts dem gleichzeitig angekündigten deutschen Vortrag Amundsens reinerlei Schwierigkeiten bereitet .worden waren, so ergab sich Ichon heraus ohne weiteres, daß die Nidchzulassunq der norwegi- schen Sprache sich weder gegen den Inhalt des Vortrages noch gegen die Person des Vortragenden richten konnte.
Wenn trotzdem der Minister des Innern den Regienmgs- vrälchenten zu Schleswig ersucht hat, den Gebrauch der uor- wcgilchen Sprache bei dem Amundsenschen Vortrage in Flensburg zu gestatten, so ist dies lediglich aus dem Grunde geschehen, um auch den Schein zu vermeiden, als wollte man cs einem Mann von so überragender Bedeutung und von so hohen wissenschaftlichen Verdiensten lvic dem Entdecker des Südpols gegenüber in Deutschland irgendwie an dem gebotenen Entgegenkommen fehlen lassen.
Die Nachricht, daß das Verbot der norwegischen Sprache nach- träglich aufgehoben sei, weil der § 12 des Vereinsgcsetzes auf wissenschaftliche Vorträge keine Auivendung finde, ist hiernach unrichtig.
Wenn das Verhalten des Regierungspräsidenten nicht zu tadeln war, so ist die Entschließung des Ministers erfreulich und anzuerkennen. Es ist den Dänenfreunden zumt Bewußtsein gekommen, daß die deutschen Beamten auf der Wacht sind und andererseits ist gezeigt worden, daß man Vertretern der Wissenschaft weitherzig gegenübersteht.
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Trunkenheit ist auch für den Studenten kein Milderungsgrnnd.
Aus Berlin wird uns geschrieben:
Den Kampf gegen den Alkohol wollen jetzt auch die U.niversitätsbehörden aufnehmcn. Bisher galt beim Studenten Trunkenheit als strafmildernd, während im .Heere Trunkenheit als strafverschärfend galt. Den goldenen Mittelweg will jetzt die Bonner Universität sbehördc einschlagen, nachdem in letzter Zeit die Ausschreitungen infolge von Trunkenheit gerade in Bonn sehr zugenommen haben. Die Bonner Behörde hat, wie man uns schreibt, folgenden Ukas erlassen:
„Bei den zu unserer Entscheidung kommenden Tiszi- plinarfällen machen wir wieder und wieder die Erfahrung, daß von den angeschuldtgtcn Studierenden starke oder gar sinnlose Angetrunkenheit als Entschuldigungsgrund geltend gemacht wird. Einzelne Fälle aus neuerer Zeit veranlassen uns daraus hinzuweisen, daß wir dieser Art der Verteidigung im allgemeinen eine Bedeutung nicht bci- zumessen und die Trunkenheit als Milderungsgrund nicht anzuerkennen pflegen. Von einem durch langjährigen Bil
dungsgang im Charakter gefestigten Angehörigen der Universität muß ein solches Maß von Selbstzucht und Willenskraft erwartet werden, daß er sich nicht durch übermäßigen Alkoholgenuß um die Beherrschung seiner Sinne und Handlungen bringt. Handelt er gegen diese Pflicht, so hat er auch die Folgen zu tragen."
Diese Auffassung wird auch von den Berline r Uni versilätsbehörden und dem preußischen Kultusministc rium gekeilt. Zur Ehre Berlins sei mitgeteilt, daß der Berliner Universitätsrichter wenig Gelegenheit hat, Strafen wegen Trunkenheitsdelikte zu verhängen. Am Rhein und im Süden ist man trinkfroher als im nüchternen Norden.
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Eine Acnderung des Drucksachenportos durch Schaffung von neuen Tarifstufen soU von den Ver- trchuigcii des Handels beim Reichspostamt beantragt werden. Es soll keine Verbilligung des bestehenden Tarifs eintreten, er bleibt erhalten. Er soll aber durch Zwischenstufen ausgestaltet werden, ohne daß die Ausgabe neuer Marken notwendig wird. So sollen 150 Gramm z. B. 8Pfg (5- und 3 Psg. Marke), 550 Gramm 23 Pfg. kosten. Die Höchstgrenze für Drucksachen soll nicht nur 1 Kilo, sondern wie im Weltpostverkehr 2 Kilo betragen. Ein Einnahmeverlust wird durch diese Neuerung schwerlich für die Post eintreten, vielfach aber eine Arbeitsersparnis, dentt wer jetzt Drucksachen im Gewicht von 150 Gramm versendet, teilt diese in zwei Briefe, bei Massensendungen fällt die Porto ersparnis ins Gewicht, die Post hat aber doppelte Arbeit.
Zu den Zta-iveror-netenwahlen in Giehen.
Die Hauptversammlung der Nationalliberalen.
g. Gießen, 11. Nov.
Der National liberale Verein Gießen setzte gestern abend die Reihe der parteilichen Entscltließungen bezüglich der demnächstigen ^-tadtoerordneten-Wahlen durch eine Haupt- Versammlung im „Kaiserhof" fort. Herr Professor Körte, Rektor der Universität, streifte den Gang der politischen, auch kommunal-politischen Ereignisse der letzten Zeit und erwähnte namentlich das Abkommen mit der Fortschrittl. Volks- p art ei, das auf dem Boden der Gleichberechtigung der beiden liberalen Parteien zustande gekommen sei. Es sei vielleicht durch das.Dazwischentreteu des Bürgervereins und verschiedener Bezirksvereine die Möglichkeit einer Veruneinigung gegeben, insbesondere durch den Wunsch der Sozialdemokraten nach einer stärkeren Vertretung int Stadtparlament, habe sie doch anfänglich ganze 14 Sitze gefordert. Aber nachdem man sich der Fvrtschr. Volkspartei zu Gefallen bereit erklärt habe, für den ausscheidenden Herrn Krumm — falls er nicht wieder kandidieren wolle — einen anderen Sozialdemokraten auf der Liste zuzulassen, bestehe begründete Aussicht auf einen friedlichen Ausgleich der verschiedenen Interessen. Unter kein en Umständen könne frei lich eine Kandidatur.Beckmann in Frage kommen; die Sozialdemokratie verfüge aber auch über andere, ruhigdenkende, relativ gemäßigte Männer, etwa die Herren Fourier, Andreä oder Diehl. Da die Sozialdemokraten ein gemeinsames Vorgehen abgelehnt hätten, brauche die Nationalliberale Partei keine übermäßigen Rücksichten zu nehmen. Ter Anspruch der Sozialdemokratie auf Beibehaltung ihrer bisherigen Mandate habe da gegen eine gewisse Berechtigung, umsomehr, als man ja auch bereit sei, den Katholiken aus Gründen der Parität ein solches zu gewähren. Nachdem die Herren Fabrildittektor Man, Kaufmann Möbs und Amtsgerichtsrat Wachtel al? katholische Kandidaten genannt worden seien, habe man sich schließlich auf den letzteren geeinigt. Damit sei nun den Wünschen der rechts stehenden Parteien genug getan, und mau dürfe durchaus nicht die n a t i o n a l l i be r a l e Kandidatur Wenzel als eine weitere Verbeugung gegen rechts bezeichnen. Lange bevor Herr Kling Herrii Wenzel auch als ihm und seinen Freunden genehm bezeichnet habe, sei an diesen Herrn von nationalliberaler Seite geoacht worden. Herr Wenzel sei zwar nicht organisiertes Mit glich der Nationalliberalen Partei, aber gut liberal und habe ein Herz und Interesse für die Arbeiterschaft. So gut
sich die Fortschrittlick>e Volkspartei bemühe, Arbeiter zu ihren Bestrebungen heranzuziehen, habe auch seine, de> Redner.-. Partei Veranlassung, einen Mann wie Herrn Wenzel, der vielen "er- sönlich gut b kaunt sei und überall den alle be en Hin r. ! mache, als Kandidaten zu bezeichnen. Herr Wenzel habe auf Ehre.c- wort erklärt, kein Antisemit zu sein und auch die Herren Kaufmann, Metz und Krumm wollten und könnten das nicht von ihm behaupten. Seine Unterstützung durch den d r i ft I i rf> e n Gesellenverein sei kein Gruiid zu gegenteiliger Annahme.
Weiter kam Herr Prof. Kürte auf die n a t i on a 11 i b e r a 1 e n Kandidaten zu sprechen. Auf die Partei kämen nach dem Waltt- abkommen mit den Freisinnigen sieben Herren. Davon würden die Herren Dr. Haberkorn, Geh. Kommerzienrat Heichelheim und L. Petri II als seither bewährte Stadtverordnete selbstverständlich wiedergewählt: neu zu besetzen wären also vier Mandate. Dafür schlage der Vorstand folgende Herren vor: Kommerzienrat Klingspor (Vertreter der Großwdnstrie, Landtagskandidat), Landge'ricktsdircktvr S ch m c ck e n b e ch e r oder Landgerichtsrat Neuenbagcn (ein Jurist nötig. Herr Rechtsanwalt Kaufmann hat entschieden ahgelehnt), A e n z e 1 (trotz der ungerechtfertigten Bedenken des Herrn Stiebet: man dürfe diesem Druck nicht weichen) und Lehrer Hag gen Müller ials Lehrer der Gewerbeschule in Fühlung mit Handwerkerkreisen, Vorsitzender des Beamtenvereins, Unterstützung durch die Bezirks- vereine Nordwest und Südwest) oder Architekt P a n l M ü l le r. Tie Herren Klein nnd Küchel haben entschieden abgefeimt. Herr Pros. Kransmüller scheidet aus, da bereits sein Schwiegervater Stadtverordneter ist.
Herr Prof. Kransmüller, obgleich entschiedener Gegner der Sozialdemokratie, möchte das Kompromiß mit der Fortschrittlichen'Volkspartei nicht durch Ablehnung jeder sozialdemokratischen Kandidat nr über den Hausen wersen. Wollen die Freisinnigen freilich mehr als einen Sozialdemokraten ins Stadtparlamcnt bringen, mögen sie es auf Kosten ihrer eigenen Mandate tun. Auch Herr Pros. Körte will den Fortschrittlern nicht unnötig vor den Kopf stoßen. Die Führer der Nachbarpartei hätten sicher den ehrlichen Wunsch, mit den Nativ- nallibcralen zusammenzugehen. Wenn die Sozialdemokraten jetzt über ein allgemeines Zusammengehen anders dächten, hätten sie sich ja direkt an den Vorstand der s)?ationallibera(cn Partei wenden können. Ebenso bittet Herr Dipl.-Jng. Müller, das Abkommen nicht an dem einen Sozialdemokraten scheitern zu lassen: selbst ein zweiter sei zu ertragen. Von Seiten der Sozialdemokratischen Partei habe man ihn telephonisch gebeten, die Meinung der Versammlung in dieser Hinsicht herauszufordern. Herr Kommerzienrat K l i n g s p o r erklärt, die Fortschrittliche Volkspartei habe iorrckt gehandelt, wenn sie mit den Sozialdemokraten in Unterhandlungen getreten sei: dazu war^jie in aller Form ermächtigt gewesen. Für mehr als einen Sozialdemokraten sei er allerdings nicht. Das Wa hl ab kommen mit der Fortschrittlichen Volkspartei, einschließlich Ueberlasjung je eines Mandats an Sozialdemokraten und Katholiken, wird darauf angenommen.
Es folgt die Besprechung über die n a t i o n a 11 i 6 c r a l c n M andate. Herr Prof. Körte erklärt, nicht länger mitarbcitai zu können, wenn man sich von der Fortschr Bolksp. a n d i c W a n d drücken und Herrn Wenzel fallen lasse. Das würde man in Arbeiterkreisen mit Recht sehr übel auffassen. Desgleichen versichert Herr Prof. Krausmüller, daß cs nach der fortschrittlichen Resolution kein Zurück mehr gebe. Er selbst habe Herrn Wenzel zu feiner Kandidatur ermutigt, weil er überzeugt fei, Wenzel sei nicht Antisemit. Ein vor einigen Tagen erschienener Artikel der „Kleinen Presse" habe zwar mit einer gewissen Absicht gesagt, die Nationalliberalen wollten an Stelle Troß' Wenzel präsentieren, aber das laufe nur auf eine offenbare Schädigung seiner Kandidatur hinaus. Herr Wenzel habe die Absicht gehabt, in die Natt. Partei einzutreten, könne es aber in diesem Augenblick sickwr nicht, um sich nicht in falsches Lickst zu setzen. Herr Prof. Körte weiß, daß die Sozialdemokraten die Kandidatur Wenzel furchten. Er schlägt darum vor, an die Fortichr. Volkspartei einen .höflichen Brief des Inhalts zu riayten: Wir halten an der Kandidatur des Herrn Wenzel fest: Wenzel ist nicht Antisemit. Daß er bei uns nicht organisiert ist, lündert nicht, ihn auf die Liste zu setzen. Einem Bedenken dB.! Herrn Kommerzienrat Kling- s p o r, ob es nicht vielleicht doch zweckmäßig sei, wenn Herr Wenzel freiwillig zurücktritt, entgegnet Herr Prof.
Der „Grotze Meyer"
Wer kennt nicht die alte Börsenanekdote,»wie ein schalkhafter Besucher dem andern eine Wette vorschlägt, er werde zwölf der Anwesenden und jedem allein dieselbe Mitteilung mack)en und jeder werde darauf wortwörtlich dasselbe sagen. Ter Aufgeforderte ^aubt das nicht und geht ruhig die Wette ein; der Schlau köpf aber gewinnt sie glänzend, i'.rdcm er aufgeregt auf ein Opfer nach dem andern losstürzt mit der Frage: „Haben Sie schon gehört, der Meyer hat Bankrott gemacht?" Mit der Regelmäßig feit des Automaten erfolgt zwölsmal nacheinander die hastige Gegenfrage: „Welcher Meyer?" Es gibt ia zahllose Maier nut a und c, mit i und y, die sich höchstens fürs Auge untcrsdw'.den und in Handel und Wandel tätig find. Allgemein bekannt aber, soweit die deutsche Zunge klingt und gelesen wird, ist doch nur ein Meyer, der Meyer schlechthin, vhne Vorname, von allen andern des Namens unterschieden durch die seit der Vater Zetten übliche Verbindung mit dem Begriff des Konversations-Lexikons. „Haben Sic denn sckwn im ,Meyer' nahgesehm?" kann man jedem entgegnen, der über irgenoeuie Sache int unklaren ist, die nur irgeitd- nrie von allgemeinem Interesse sein kann, und der Gefragte wird die Antwort verstehen nnd sich recht ost nnt der flack)en Hand an die Stirne fahren. Auch der geneigte Lefer ist nch selbstverständlich sckwn bei unsrer Ueberschrift sofort darüber klar gcroeicii, bah der ,Große Meyer" nichts andres sein kann als das welt bekannte Konversations-Lexikon*), das jetzt ni sechster Auflage mit 20 stattlichen Bänden wieder vollständig vorlicgt.
Wie oft mag in den seckfs Jahren feit dem.Erscheinen des Anfangsbandes der neuen Bearbeitung der „Grotze Meyer inkognito am Stammtisch das große Wort geführt haben! hat die ganze Tafelrunde bei der Berührung einer schwimgen tfragc in dankbarer Bewunderung den gründlichen Auseinander,etzungen des Freundes gelauscht, ohne daran zu denken, datz der gelehrte Redner kurz vorher mit heißem Bemühen seine Weisheit ans dem soeben erschienenm Bande des großen Meyer"^^«chopft und dann das Gespräch nnt ,d.lauer Berechnung „auf vas Gebiet zu lenken verstanden hat, über das er fetzt ,o gründlich Bescheid weiß. Es ist ein harmloser und nützlicher Ehrgeiz, der so zwar
*) Meyers Großes Konversations-Lexikon. Ein NachsÄage- werk 'des allgemeinen Wissens, ^^te ^nzüch n^arbenct-. und vermehrte Auflage.^Mehr als 150 000 AttlrelundVer Ä^Iämn9Fm 1L7 uÄu522 (darunter 18(F Forbendrucktaseln und 343 s^büarch'ge Kortenbei- laaeni sowie 160 Tertbeilagen. 20 Bande in Halbleder gebunden zu je 10 Mark. (Verlag des Bibliographischen «jnfHhit» in stichtigepflückt^^Lorbeeren einheimst, aber dock zugleich der bequemen Belehrung der andern dient. Und selbst roem einer den
Kniff merkt, wäre es unrecht und unschön, ihn zu verraten oder zu tadeln.
Früher gefielen sich wohl manche Fachgelehrte darin, mit cinent leichten Spott auf die Bildungsstufe herabzublicken, die aus denc Koiiversations-Lexikon ihr Wissen schöpft. Heute ist das anders geworden, und wer noch solckM Exklusivität huldigt, dem konnte es mutatis miltandis ergehen wie dem Professor, der den Kandidaten fragt, ob er zufällig wisse, welcher Gkbenf tag heute sei. Die prompte Antwort, es sei der Geburtstag Napoleons oder sonst eines großen Mannes, setzt den Professor in Staunen, und er fragt mit der grimmigen Laune des Era rninators, woher der Kandidat das wisse. „Auch vorn Abreiß kalendei" lautet die selbstbewlißte Antwort. Ist es auch immer hin noch nicht Sitte, so ohne weiteres herauszusagen, daß man mehr oder weniger seine „Bildung" dem Könckersations-Lexikon verdanke, so wird es doch niemand mehr unterschätzen dürfen. Ter Umfang des allgemeinen Wissens ist so rapid angewacksen, daß gerade der Fachgelehrte sich darauf beschränken muß, einen immer kleiner werdenden Ausschnitt in selbständiger Forschung zu beherrschen — für alles andre wird ilym der „Große Meyer" ein ebenso willkommenes, ja unentbehrliches Hilfsmittel sein, nm nicht den Zusammenhang mit dem Ganzen und mit seiner Zeit zn verlieren, wie dem ungelehrten Zeitgenossen. Nock trägt ja der roste Me^er'" die h'rkömrnliche Bezeicknung eines .^on- vcrsationS-Lexikons, hvie schon vor 200 Jahren das „Reale Staats-, Zcitungs- und Konversationslexikon", das 1704 zu Leipzig erschienen ist. Aber der Name trifft doch nickt mehr recht zu, besser ist der Nebentitel „Nachsckzlagewerk des allgemeinen Wissens".
Ter „Große Meyer" hat es auch längst nicht mehr nötig, durch ein an gehängtes Verzeichnis der Mitarbeiter an jedem Bande das alte Vorurteil zu zerstreuen, daß ein Konversations-Lexikon von fingmertigen Kompilatoren und Abschreibern verfaßt werde. Jeder größere wissenschaftliche ober technische Artikel verrät einen Verfasser, der mit der vollen Beherrschung des Stosses die seltenere Gabe verbindet, das Wichtige selbständig herauszuarbeiten und allgemeinverständlich darzustellen. Ter Redaktion verbleibt dabei freilich noch die nicht minder schwierige Aufgabe, das Verhältnis der einzelnen Beiträge zum ganzen Werke räiumlich zu regeln unb wo nötig auch zu kürzen, ohne den Sinn zu ändern. Es steckt eine riesige Arbeit int „Großen Meyer", die der Fernstehende höchstens ahnen kann. Ter Ruhm und die Volkstümlichkeit ist kein Erbe, das von einer Auflage auf die andere übergehen könnte: wer sich die Mühe gibt, die vorletzte Auflage in einzelnen Artikeln mit der jetzigen Bearbeitung zu vergleichen, bekommt so ein Bild des rastlosen Fortschrittes in Wissensckiaft und Leben aus allen Gebieten.
Und wie inhaltlich immer wertvoller und zuverlässiger, ist der „Große Meyer"' auch stets praktischer für den Gebrauch bet mehr nab mehr wachsenden Kreise geworden, denen er sich als
hilfsbereiter Freund und Leiner bietet, um aus jede Frage, die nur einigermaßen einen festen Kern enthält, die rascheste und bündigste Antwort zu gehen.
Wer nicht täglich unb stündlich damit zu tun hat, Auskunft zu geben oder sich selbst zu orientieren auf Gebieten, die außerhalb seines Bildungsganges liegen, der kann sich kaum »otstellen, was alles in dem „Großen Meyer" zusammengetragen ist. Jeder Beruf, jedes Fachiitteresse besitzt im „Großen Meyer" ein Nack>- schlagebuck für Ein-elhciien, die dem ^))edädftnis leichter eiitsallen, ein Repetitorium aus dem neuesten Standpunkt der Wisseusckfast. Und selbst wer völlig ratlos, nur im quälenden Gefühl der Unwissenheit sick) bemüht, seine Bildung zu erweitern, dem kann der gewissenhafte Helfer nur den freilich etwas amerikanisckrn Rat geben, in irgendeinem Bande des „G)roßen Meyer" zu blättcnn und die Bilder anzusehen, bis er ans einen Artikel stößt, der ihn tiefer intcrefficrt, und ihn dann von Anfang bis zu Ende zu lesen, lns zur Angabe der Süd)er und Hilfsmittel am Schlüsse. Jedenfalls ist das nützlicher und unterhaltender, als in irgendeinem Bücherverzeichnis lfcrnmzusuchen und bloß nach dem einladenden >ilang eines Titels ein Buch zu wählen, das dann in der öffentlichen Bibliothek bestellt wird. Bei der Benutzung einer Bildungsbibliothek, die einen Lcsesaal zur Verfügung stellt, gibt' der „Große Meyer" in seiner heutigen Ausgestaltung die beftc und kürzeste Einführung: er ist zu diesem Zwecke selbst der kleinsten Volkslesehalle als Grundstock zu empfehlen.
Dazu empfiehlt ihn aber schon seine fast unbcgreirlidx* Billigkeit. Ter Deutsche beschwert sid) gern über die hohen Preise für bessere, besonders wissenschaftliche Vückcr. Ter Tnrckichnittspreis von 30 Pfg. für den Truckbogen bei einfachem Satz kann aber an sid) nicht als hoch bezeichnet werden: bei sd)wad?cm Absatz verliert der Verleger beträchtlich. Nun gibt jeder der 20 Bände des „Großen Meuer" rund 60 Bogen, dazu noch rah1rcid)c Tcrt- beigaben, Uebersidsten, Stammtafeln, Tabellen, Abbildungen im Text, farbige und schwarze Bildertafeln, Karten, Stadtplänc — nach dem üblichen Maßstabe wäre der Band mit wenigstens 30 Mark zu berechnen, er kostet aber im festen Halblederband nur 10 Mark. Wie ist das überhaupt nur möglich? Selbstverständlich nur bei einer Organisation der geiftigen Arbeit unb der Technik der Herstellung, wie sie das Biblioqraphisd)e Institut als eins der allergrößten deutschen Verlagshäuser int Lause von Generationen geschaffen hat — aber dock zugleich auf der Grundlage des Bildungsstrebens eines Kulturvolkes von 80 Millionen unseres geschlossenen Sprachgebietes in Mitteleuropa und weitern 25—30 in der Zerstreuung übet den Erdball. Beim „Großen Meyer" geht eben alles ins Große, das ist das Geheimnis seiner Unüber- trcsflichkeit — wenigstens bis zur näd>sten Auslage! — und feiner Verbreitung. Wer ihn nicht schon besitzt, müßte ihn sid) unbedingt anschaffen! F. G. Schultheiß.


