Ausgabe 
9.5.1913 Zweites Blatt
 
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Nr. 107 Zweites Blatt

165. Zahrgang

Lrfcheinl ISgttch n:tt Ausnahme des Sonntags.

DieSiebener Familienblötter" werden dem ^Unzeiqer" viermal wöchentlich beigelegt, das ..KrcisNatt für den Kreis Eietzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen seit- frageu" erscheinen monatlich zweimal.

Geyeral-Ayzeiger für OÄerhefjen

W

greitag, 9. Mai 1913

Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion:e-^112. Tel.-Adr.: AnzeigerGteßen.

V6Ugewerb§- imb Wohnungsnot GrrMftuZsspefulatwn.

Von Rechtsanwalt Dr. Spohr, Gießen.

Tic Einblicke, die der Anwalt in der Praxis von allen Seiten und Jntcressenftandpnnkten in den Fragenkomplex erhält, der durch die Ueberschrift dieser Zeilen bezeichnet wird, berechtigen mich, hier in kurzen Zügen zu diesen Fragen Stellung zu nehmen. Tie äußere letzte Veranlassung gibt mir der kürzlich erklärte Konkurs £) Keßler.

Ist der Notstand vorhanden? Daß er es im Baugewerbe unb damit auch in weiten Kreisen der Hausbesitzer ist, das ist tzu auffallend aller Enden zu verspüren, als daß es in dieser Frage einer besonderen Antwort bedürfte. Daß die Mieter über einen harten Notstand klagen, ist ebensowenig zu. bestreiten. Das sind Tatsachen, denen man nicht mehr ausweichcn kann und darf. Aber eS 'gilt, den rechten Einblick in die gegenseitigen Beziehungen zu gewinnen und den unheilvollen Einfluß einer- gewinnsüchtigen Spekulation auf die Beziehungen ans Licht zu stellen. Welcher Art ist nun der Notstand für die Mieter? Woher kommt er?

Für die große Menge der kleinen Mieter gewinnt man den richtiger: Maßstab nur, wenn man beachtet, daß die 9)?iete gerade bei ihnen einen all zu groß en Anteil ihres Einkorn mens verschlingt; was der kleine Mieter bei uns heutigentags an Wohnungen geboten erhält, ist dagegen,, an früheren Verhält nissen geinenm, ganz entschieden besser geworden. Mit der Er­höhung der Lebenshaltung im allgemeinen sind vor allem auch die Ansprüche an die Wohnungen größere geworden. Wer wollte auch etwa einem Rückfall in unsere alten, jetzt mehr und mehr überwundenen Wohnungsverhältnisse mit ihren Spelunken, dumpsen lüft- und lichtarnren Winkeln das Wort reden? Die gerade bei uns in Hessen eingetretcne erhebliche Besserung der Wohnungs- Verhältnisse ist ja nur erfreulich und muß weiter gefördert und unterstützt werden. Nur darf man nicht ohne weiteres davon reden, daß die Mieten etwa allenthalben höher geworden oder- gar unerschwinglich geworden seien. Wohnungen in gewissen Lagen Gießens, im Inneren der Stadt sind gerade diesen erörterten .Umständen entsprechend im Preise stehen geblieben, ja billiger geworden oder um keinen Preis mehr an den Mann zu bringen. Wohnungen, die in der sog. guten alten Zeit als reizvoller stiller Winket bevorzugt waren, finden heute keinen Mieter mehr, weil sie keine Fenster auf die Straße haben, sondern etwa nur auf einen kleinen, engen Hof. Tast die Mieten in den jetzt be­vorzugten freien Lagen, in den neueren Wohnungen höher gc- worden sind und in Zukunft zweifellos noch höher werden- müssen, ist nicht zu bestreiten; ein Plict auf die Entwicklung der Ver­hältnisse in allen andern aufstrebenden Städten zeigt es. Wer man darf kaum behaupten, daß diese Mietsteigerung auch nur Schritt gehalten hätte mit den Ansprüchen, die heutigentags alle Welt an die Wohnungen stellt. So ist insbesondere auch das Raumbedürfnis auch der kleinsten Leute gegen früher gewachsen, mehr Licht, mehr Luft, bejsere Einrichtung der allgemeinbenutzten Treppen, Flure usw., in mittleren.Wohnungen die Installation von Wasser, und elektr. Licht oder gar eigener Badeeinrich­tung, lauter Tinge, die in den größeren Wohnungen heutigen tags überhaupt selbstverständlich sind, alles dies mußte selbst­verständlich eine Preissteigerung im Gefolge haben. Wer dar: fordern, daß er auf Kosten und zum Ruin der Bauunternehmer oder Hausbesitzer nur ja recht billig und doch modernen An­sprüchen entsprechend wohne? Jeder, der Einsicht in die Ver­hältnisse hat, weiß, daß die Wohnungsnot heute noch eine ganz anbre sein würde, hätten unsere Bauunternehmer zur rechten Zeit gemerft, daß sie nur zu ihrem eigenen Verderben noch bauen und dem Ruin entgegen gehen. Nur daß weiter draus losgebaut wurde, obwohl die Lasten immer höhere wurden, nur diesem Umstande verdanken die Mieter in Gießen ein immer noch ziem­lich reichliches Wohnungsangebot und Preise, die vielfach die Selbstkosten des Hausbesitzers nicht mehr decken. Haben wir doch immer noch im Durchschnitt mit einem Miet ausfa tl von ca. 71'2 Proz. zu rechnen bei Mieten, die noch lange nicht allent­halben einen Rohertrag in Höhe von 6 Proz. des Anlage­kapitals erbringen und das trotz gesteigerter Lasten. Gleichwohl wäre es verkehrt, leugnen zu wollen, daß auch die Mieter in einem relativen Notstand sich befinden; was sie zur Be­friedigung eines gesunden Wohnbedürsnisses nach dem Maßstabe moderner- Forderungen auswenden müssen, steht zu ihren son­stigen Einkontmensverhältnissen nicht im richtigen Verhältnis; bei vielen ist das Einkommen keineswegs entsprechend den höheren Mietaufwendungen gewachsen. Das gilt ganz besonders auch für alle Kreise der Festangestellten, insbesondere der Beamten und unter ihnen wieder der lleineren und mittleren. Soweit die allgemeine Einkommenssteigerung den Ausgleich iridjt zu bringen vermag, zumal die Ausgaben für die übrige Lebens Haltung ja auch erheblich gestiegen sind, vermag nur die Herab­setzung der- öffentlichen Lasten, die das Baugewerbe und den Hausbesitzer bedrücken, Abhilfe zu bringen und die Er­drosselung des wucherischen Spekulantentums!

Und nun, nwher vor allem die Rot des Baugewerbes und damit des Hausbesitzes? Vorweg: auch der Eigenbesitzer, der aus dem Vermieten keine wesentliche Einnahmeauelle macht, ver­spürt diese Rot; aber von ihm soll hier nicht die Rede sein: daß er im eigenen Hause wohnt, ist ein Vorzug, den er sich eben auch etwas kosten lassen muß. Der größte Notstand, ein Notstand, der mich geradezu befürchten läßt, daß noch viele Zusammenbrüche erfolgen werden, herrscht im Baugewerbe. Das Geschäft des Bauunternehmers ist gewiß lohnend gewesen, da­mals, als die Bewegung einsetzte, die aus dem alten Wohnungs- elend hinausverlangte; die Forderung moderner, gesünderer Woh­nungen hat den Bauunternehmer größeren Stils hervorgebracht, den Mann, der n i ch t kraft seines Kapitals, sondern kraft seiner Arbeit es auf sich nahm, auf eigene Rechnung zahlreiche Häuser zu erbauen. Tie Nachfrage, das Bedürfnis hat ihn geschaffen. Diese Nachfrage ist im Sinken, das Bedürf­nis ist annähernd gedeckt, aber der Bauunternehmer batte in­zwischen seinen früheren Gewinn in seinem Baugeschäft investiert und jedermann weis:, wenn ein Geschäft nicht mehr geht, so ist das in ihm investierte Kapital zum größten Teile verloren v es muß im Baugeschäft durch, den Wert der erbauten Häuser amortisiert sein, oder es gibt einen glatten Verlust. Das Hand­werkszeug des Bauunternehmers ist dem Verderb im höchsten Grade ausgesetzt; will er vorteilhaft wirtschaften, muß er mög­lichst feine eigene Sandgrube, Backsteinbrennerei und Steinbrüche. Fuhrpark usw. haben und die Abschreibungen aus alle diese Dinge sind außerordentlich hohe, da die Abnutzung außerordentlich groß ist. Dazu kommt, daß 'Eisenpreise, Preise für Zement, Kälk. Kohlen zum Steinbrennen im Laufe der letzten 1520 Jahre um 70 bis 100 Proz. und mehr gestiegen sind, die Baugelder wurden teurer, Zinsen, Diskont, Provisionen sind seit einer Reihe von Fahren kaum je wieder auf einen normalen Stand herab­gesunken, kurz, nur das Großkapital fand in diesen Zeiten seine Rechnung. Dazu kommt die Steigerung der Arbeitslöhne; ein guter Maurer, der vor etwa 15 Jahren nur 2.80 Mark erhielt, muß 'heute mit 4.50 Mark bezahlt werden und will sehr, sehr vorsichtig behandelt sein. Die Arbeitszeit ist direkt und indirekt verkürzt, die Arbeitsleistung eher gesunken, als gestiegen. Kom­men hinzu die immer höher gestiegenen Leistungen für das

soziale Versicherungswesen (Kranken , Jnvaliditäts-, Unfallver­sicherung! und dann «nicht zum geringsten in Anschlag zu. bringem die Erhöhung der Stempelkosten aller Art <für Grunderwerb, Verkäufe, Baubescheide usw. ) Straßenkostenbeiträge, Kanalanschluß kosten, Kanalgebühren und vieles andere mehr. Kann man sich da wundern, daß das Baugewerbe nicht mehr lohnt, ja lwr_ dem gänzlichen Ruin steht? Kann man sich noch wundern, daß die Wohnungen teurer werden müssen?

Beachtet man nun diesen Verlauf der Dinge, so kann es ferner kaum Wunder nehmen, daß unsere Bauunternehmer zumeist aus dem Bauhandwerk ohne kaufmännische Vorbildung hervor gegangen, in der Kostentalkulation allen den einstürmenden Fak toren nicht gerecht mürbe». Sie stellten ihre Arbeit aus eine falsche rechnerische Basis, und wer heute nicht rechnet, der ist ganz gewiß verloren! Eine Buchführung zu haben, die alle diese Faktoren berücksichtigt, das ist eine schwere, schwere Kunst! Unsere Unternehmer waren den Anforderungen dieser Kunst nicht gewachsen: sie dachten, es müsse doch etivas dabei herauskommen, wenn sie sich von morgens früh bis abends spät abarbeiteten, sobald und solange es das Tageslicht nur erlaubte. Fa sie zahlten jahrelang die höchsten Steuern von einem Kapital, das ihnen nicht gehörte, von einem Einkommen, das sie gar nicht hatten. Gar manchen hat der Ruhm, zu den 50 Höchstbesteuerten zu gehören, so viel gekostet, daß er in Gefahr gerät, überhaupt nicht steuerpflichtig zu sein. Ist doch die Gemeindegrundsteuer bei Lichte betrachtet, zumeist eine Besteuerung der Schulden und eine schwere. Toppelbesteuerung eines sowieso kärglichen Ein­kommens. (Schluß folgt)

Arrs HebTen.

Für den parlamentarischen Besichtignngs-Ansfing.

den die Zweite Kammer mit Mftgliedern der Ersten K a m m e r und Vertretern der Regierung nach O b e r h e s s e n am 23. und 24. Mai veranstaltet, ist jetzt mit den Einladungen des Kammerpräsidenten Köhler auch das ilästere Programm ver­sandt worden. Am 23. Mai vormittags is: nod? eine kürzere Kammersitzung. Tann erfolgt die Wfährl von Tarmstadt mittags 12.14 Uhr und die Anlünft in Friedberg 1.21 Uhr, wo int Hotel Trapp das gemeinsame Mittagessen ßattfindet. Nach Besichti­gung des Lehrerseminars, der Stadtkirche und der Blindenanstalt erfolgt nm 4.04 Uhr die Weiterfahrt nach Bad-Nauheim und dort Besichtigung des neuen Bahnstifsbcrues, der Badeanlagen und der damit zusammenhängenden technischen Werke. Von 71/2 Uhr ab ist Besuch des Konzerts im Kurhaus und Abendessen im Kur holet, gegeben vom Finanzministerium. Tie Uebernacstlung er­folgt nach Wunsch in Nauheim und Friedberg. Am Samstag, den 24. früh 7.55 Uhr erfolgt mittelst Sonderzugs die Abfahrt nack Wölfersheim und Besichtigung des neuen Kraftwerks, sowie Erläuterung der Anlage. Tie Abfahrc von Wölfersheim erfolgt 10.10 Uhr und die Ankunft in Inheiden 10.52 Uhr. H!er­find et Besichtigung und Erläuterung des Wasserwerks und der Quellen und daran anschließend ein von der Provinz Oberstessen gegebenes Frühstück ftatr. Tie Abfahrt von 3nbeiben erfolgt 11.53 Uhr, die Ankunft in Bad Salzhausen 12.24 Uhr. Hier ist zunächst ein Vortrag des Hemm Provinzialdirektors Geh. Rat Dr. Usinger über die Elektrizitätsver­sorgung der Provinz Ob er Hess en vorgesehen. Nach dem gemeinsamen Festessen im Kursaal erfolgt eine Besichtigung der Änlagen und des Kaufmanns-Erholungsheims. Die Rück­fahrt nach Friedberg erfolgt nachmittags 5.38 Uhr, womit 5er offt-zielle Ausflug seinen Wsckluß findet.

Ans dcm Finanzausschuß.

Dar in stad t, 8. Mai. Der Finanzausschuß be sprach in seiner heutigen Sitzung die Formulierung jdes Antrages wegen der Abschwächung der außerordentlich starken Belastung von Tarmstadt und den klei­neren Landstädten durch die Kosten der höheren Schulen. Ter Antrag K 0 r e l l - Angenrod, die Regierung zu ersuchen, die nachträgliche Erhebung des Fcuerver- s i che r un g s st em p els für die Zeit vom 1. April bis 14. Fuli 1912 int Verwaltungswege zu erlassen, wurde ab- gelehnt. Ter sozialdemokratische Antrag Berthold, be­treffend den Bau einer Verbindungsbahn von Bischofs­heim nach Goddelau, wurde einstweilen znrückgestellt. Der Ausschuß wird seine Beratungen morgen fortsetzen.

Deutsche liotomen»

Die Beratungen des internationalen Kolonialiuftitutes.

L 0 n d 0 n , 8. VLai. Das I n t e r n a ti>on a l e K0 l0 n i a l i n st i t u t beriet gestern über die V 0 l l st r e ck b a r - Leit kolonialer Gerichtsurteile int Mutter- lande und umgekehrt. Berichterstatter war Senator S p e h e r - Brüssel.' Zn der Aussprache vertrat Geheimrat bn er-Berlin das deutsche Stzstem der unbedingten gegettfertigen Vollstreckbarkeit der kolonialen und mutter­ländischen Richt-ersprüche. Zn demselben Sinne sprachen die Vertreter von Frankreich, Italien, Holland und Por­tugal. Lord Reah berichtete, daß in England, wo bisher koloniale Gerichtsurteile als ausländische behandelt werden, neuerdings eine Tendenz zur Annäherung an das System der Kolonialtrativuen hervorgetreten sei. Hierauf begannen die Verhandlungen über die Stellung der Regte-> rung zu den Missionen. Der erste Berichterstatter, Konsul Bo h s e n-Berlin, betonte, daß Staat und Missio­nen zwei voneinander unabhängige Faktoren in der Ent­wicklung den'Koloriten seien, daß der Staat den verschiedenen Kulten weitgehende' Mions fr eih-eit geben müsse, daß andererseits die Missionen sich der politischen Tätigkeit enthalten müßten. Für Erziehungszwecke, Krankenpflege und ähnlickw Wohlfahrtszwecke könnte die Regierung finan­zielle Beihilfen bewilligen. Der Mitberichterstatter Staats­rat H asselm an n-Holland stimmte im wesentlichen bei.

Die nächste Sitzung findet Ostern 1914 in Algier statt.

Der Sntrourf wegen Entschädigung der Schössen und Geschworenen ist dem Reichstage zugegangen. Nach dem Entwurf erhalten Geschworene und Schöffen Vergütung der Reise­kosten und für jeden Tag der Dienstleistung Tagegelder. Die Höhe wird später der Bundesrat bestimmen. Eine ^Ht- rückweisung der Tagegelder ist nicht statthaft, es handelt sich hier um die gleichen Erwägungen, wie sie "bei den Bei­sitzern der Gewerbe- und Kaufmannsgerichte maßgebend sind. Bisher konnte die Wähl zu Schöffen und Geschwore­nen abFelehnt werden, wenn der Betreffende den mit der Ausübung des Amtes verbundenen Aufwand nicht tragen konnte. Diese Ablehnung ist auch jetzt noch zulässig, muß aber genügend im einzelnen begründet werden. Zur all- gemeinen wird es sich hier um Äusircchmefälle handeln.

ßccr unö FLotte.

Das französische u n d _d a s deutsche Heer.

Gegenüber B a r t h 0 u s Berechnung der Friedens- Präsenzstärke des deutschen und des französischen Hee­res in seiner Bankettrede zu Caen stellt dieNordd. Allg. Ztg." fest, daß die Gesamtstärke des deutschen Heeres im Frieden einschließlich der Kapitulanten und Einjährigen 04.1000, die des französischen 581 000 beträgt, das sei also ein Unterschied von 60 000, nicht 180000 zuungunsten Frank­reichs, wie Barthou irrtümlich behauptete. Selbst w-enn die zum Dienst ohne Waffen Eingestellten abgezogen werden, etwa 38 500 in Frankreich und 2700 in Deutschland, so beträgt Deutschlands Ueberlegenheit nur 95 bis 93 000, also die Hälfte dessen, was Barthou in Caen als Tatsache an ga b.

Diertes Deutscher Uaiserpreiz-WeWußeu.

§ Frankfurt a. M., 8. Mai.

Nach beitgroßen Kanonen" der rheinisch-westfälischen Vereine treten heute jene der Hauptstadt aas. DerBerliner Lchrer- gcjangverein",. der schon einmal Inhaber der Kaiserkette mar, derBerliner Sängerverein Caecilia Melodia" und derErkjche Männergesangverein". Weiter waren heute noch derPosener Lehrergesangverein", derPotsdamer Männergesangverein" und derMagdeburger Männerchor" gemeldet.

Der Kaiser tarn wiederum 10 Minuten zu früh, gab aber sofort das Zeichen zum Anfang, und so kam es, daß der Po­sener L e h r e r g e s a n g v e r e i u noch etwas unter der Unruhe des Publikums 511 leiden hatte. Seine Leistungen mar en höchst anerkennenswert. Das Material Hingt verschiedentlich etwas, dumpf, aber die musikalische Durchbildung kann nicht besser sein. Ter Verein ist etwa um einen halben ^on gestiegen und blieb in dieser Tonlage bis zum Schluß, so daß er in B-Dur endete. Tie weichen Stellen gelangen ihm am schönsten.

Der Berliner Sängerverein Caecilia ?Jictobia brachte alles zu wenig schattiert, was besonders im Mittelsatz ausfiel. Mit dem WahlchorHoch empor" von Curti zeigte der Verein, daß er auch über ein wunderschönes Piano und Pianissimo verfügt. Auch der zweite WahlchorNachtlieb" von Kuhlau wurde in einem von Wohllaut gesättigten Piano und Pianissimo wieoer- gegeben. -

Ter Potsdamer Männergesangverein zeichne,? sich weniger durch hervorragendes Material als durch bemerkenswerte musi­kalische Eigenschaften aus. Der Mittelsatz geriet nunderbar leicht. Die musikalische Natur seines Leirers zeigte sich^ auch in, ber Wahl des in gewisser Beziehung undankbaren Schumannschen ChoresDer Eidgenossen Nachtwache". Schade, daß er etwas sank. Dagegen wurde der zweite Wdhlchor, da-? VolksliedHorck), was fern int" von draußenrein", sehr reizend gesungen.

Der Berliner Lehrergesangverein verriet vornehme Zurück­haltung gleich am Anfang bei den beiden Süllen des Preis-- choresEntrechtet" undgeknechtet", ebenso ein durchaus^rich­tiges marschmäßiges Tempo. Bei der KraftstelleDrei Tage" war der Verein um einen halben Ton gestiegen. Den Mittel­satz hat wohl kaum irgend ein Verem so wahilmttgciättigt vorgetragen wie der Berliner.

Ter Magdeburger Männerchor hat nicht viel be­sonderes Material. Der Vorttag litt auch unter Unreinheiten. Auch die Tonbildnng des Vereins ließ sehr zu wünschen übrig. Tie Wirkung ging verloren, denn der Chor wurde schließlich um eine ganze Stufe zu tief gesungen und endete statt in A-Dur in G-Tnr. Bei allem Streben kann man hier nur von einer mittelmäßigen Leistung sprechen.

Der Crksche Männergesangverein (Berlin। brachte die dramatischen Stellen des Preischors sehr gut zur Wirkung und auch der Mittelsatz klang schön aus. Da der Chor bereits bei dem ersten Tempo einen halben Ton gestiegen, war, so endete er in D-Tur.

In der halben Sttinde, während der sich die Preisttchter zur Berattmg zurückzogen, standen die Vereine in Gruppen in der weiten Halle. Plötzlich erhob sich- hier und da ein ohren­betäubender Jubel. Mit Windeseile verbreitete sich die Nack>- ridjt, welcher Verein

z u m engeren Wettbewerb zugelassen war. >Es sind dies: Männergesang vereinConcordia" «Essen- Ruhr«, Essener Männergesangverein, MännergesangvereinSans­souci" «Essen - Rnlw), Berliner Lebrergesaiigverein, Berliner SängervereiuCaecilia Melodia", Posener Lehrergesangverein, Wiesbadener Mäimergesanzvcrcin, MännergesangvereinSchlegel und Eisen" lBvchum«, Potsdamer Männergesangverein, Magde­burger Männerchor, MämrergesangvereinConcordia" lAaclfenh Barmer Sängerchor, MännergesaugvereinLiedertasel" i^Oi. Glab­bach), und selbstverständlich der Kölner Männergesangpcrein.

Wenige Minuten später erschien der

Stund en ch 0 r", der durch Vertrauensmänner beit Vereinen übermittelt würde. Diese wurden bann in verschiedene Lokale der Stadt geleitet, wo die Einübung des Clwres begann.

Inzwischen waren in der Kaiserloge die 21 Ehrenpreise für das eängerfeft zur Aufstellung gelangt. Tie goldenen und silbernen Gefäße erregten im Verein mit der Kaiserkette das höckrste Interesse des Publikums. Von den nicht in die engere Wähl gekommenen Vereinen wurden für

Trostpreise bestimmt: Sängervereinigung Krefeld, Männerchor Duisburg, Sängerbund Duisburg, Männergesangverein Erfurt, Erkschcr Männergesangverein Berlin, Dorttmmder Männergcsangverein, MännergesangvereinRheinland" (Koblenz), Sängerbund So­lingen.

DerStundenchor" ist ein saft durchweg in C-Dur ziemlich leichtgehendes Werk des Berliner Musikdirektors Eduard Behn,Wanderlied" betitelt. Der recht banale Text stammt von Professor Rübe 1.

Die einzelnen Vereine entledigten sich im allgemeinen ihrer Aufgabe recht wacker, doch fiel beim Magdeburger Männerckwr sein geringes Material wieder sehr auf, so daß man die Ent­scheidung des Kreisrichter-Kollegiums, das die vorzüglichen Offenbacher T u r n c r | ä n g e r ganz aussallen ließ, nicht verstehen kann.

Sofort nach Beendigung dos Chors zogen sich die Preisrichter zum zlveiteumal^zur Berattmg zurück, während auf dem Podium die über 800 Sänger des Frankfurter Sängerbundes und die Musiker des Frankfurter Opernhauses Platz nahmen. Ferner wurden die Vorsitzenden und Dirigenten sämtlicher am Wettsingen beteiligt gewesener Vereine ersucht, sich aus das Podium zu be­geben. Um 1 .5 Uhr abends erschienen die Preisrichter ivieber in der Kaiserloge. Unter ungeheurer Spannung intonierte der Frankfurter Sängerbund zunächst den Mozartschen ChorO weile, Geist des Friedens, Schutz des Schönen!" Während die feier­lichen Klänge durch den Saal schallten, marschierte das Pagen­korps nach der Sängertribüne. Gleichzeitig erschienen, ans den Seitenkiilisseu des Podiums hervorttetend, Trompeter in mittel­alterlicher Tracht. Unter Fanfarenklängen betrat ein Reichs- Herold das Tirigenteiundt unb verkündete unter lautloser otille des Publikums, daß die Kaiserkette 'dem Berliner