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17.9.1913 Zweites Blatt
 
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Kr. 218

Zweites Blatt

163. Jahrgang

Gießener Anzeiger

Erscheint lägNch mit Ausnahme deS Sonntags.

General-Anzeiger für Oberheffen

DieEichener Lamilienblätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. TieLandwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Mittwoch, 17. September 1913

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sch'en Universitäts»Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^s>51. Redaktion:e-^112. Tel.-Adr-'Anzeiger Gießen.

abzuwcichcn, haben wir keine

, Bebels Erinnerungen.

aus

den Massenstreik ein, Reichs- rust warnend, man solle das sei eine Katastrophe für die er fehlschlägt?

den: bisherigen bewährten Wege Veranlassung. (Stürm. Beif.)

Schreck (Bielefeld) tritt für tagsabgeordneter P e u s (Dessau) Ende bedenken. Ter Massenstreik Partei: was solle. werden, wenn

der deutschen Arbeiter viele Millionen aufgebracht, wir würden vielleicht nur eine Sympathie-Depesche erhalten. Deshalb ist es geradezu verbrecherisch, wenn man die Arbeiter in einen solchen aussichtslosen Streik hineinzuhetzen sucht. Was die Radikalen jetzt sagen, ist nichts lociter als eine sta r k revolutionäre Phraseologie. Rosa Luxemburg hat für ihren Zusatzantrag fast wörtlich einen Riederbarnimer Antrag übernommen und nur den Satz weggelassen, in welchem gesagt wird, man dürse vor keiner Konsequenz zurückschrecken. Dos: die Massen kein Ver­ständnis für einen gut organisierten Kampf haben, beweist bet Werstarbeiterstreik. Was Rosa Luxemburg will, ist reiner Syn­dikalismus, die Theorie der fortgesetzten Putsche. Dadurch werden aber die Gewerkschaften völlig aufgerieben. Von

Der sozialdemokratische Parteitag.

~ Jena, 16. September.

Der Masscnausstand.

Am heutigen zweiten Sitzungstage wurde lediglich das Thema des Massenausstandes erörtert an der Hand der Entschließung des Parteivorstandes und des Zusatzantrages der Radikalen. Die Hauptaussprache wurde von dem Abg. Eduard Bernstein ein- ^eleitct. Er führte aus, daß die Waffe des Massenstreiks heute noch nicht ergrisfen werden kann. Die belgischen Genossen haben Großes geleistet, doch herrschen bei ihnen ganz andere politische Verhältnisse, die ihnen einen wenigstens relativen Erfolg brachten. Bei uns, vor allen Dingen in Preußen, liegen die Dinge ganz anders. Man dürfe nicht ins Blaue hinein einen Massenstreik in Szene setzen, ohne an das Ende zu denken. Wenn in Belgien 460 000 Arbeiter in den Ausstand getreten sind, so entspricht das bet uns einer Anzahl von 21/2 bis 3 Millionen, und die bekommen wir nicht ohne weiteres zusammen. Wenn man den Massenstreik bis zur Bewilligung des preußischen Wahlrechts durchführen wollte, müßte man solange streiken, bis die rote Jahne auf dem Schlosse von Berlin weht. Wegen einer Teilresorm lohne sich eine derartige Anstrengung nicht. Unsere Organisation ist kräftig, so daß sie ein Staat im Staate geworden ist, und das ist den Gegnern viel unangenehmer, als ein Massenstreik. Wir dürfen deshalb unsere Organisation nicht aufs Spiel setzen.

Hieraus begründet Rosa Luxemburg den Zusatzantrag der Radikalen. Sie greift den Parteivvrstand Wegen seiner Lau­tzeit scharf an; er wisse nicht, daß in den Massen eine große Unzufriedenheit herrscht. Wir woUen frisches Blut im Partei­kampf sehen. Ter Parteivorstand will aber keine Schwarzseher dulden. (Heiterkeit.), Mit der Unzufriedenheit der Massen geht der Stillstand in der Mitgliederbewegung Hand in Hand. Scheidemann hat ja sogar für die Militärvortage Entschuldigungsgründe und hält lediglich die Nörgler in eigenen Reihen für eine Gefahr. Beim Regierungsjubiläum und beim Zarenbesuch hätten wir nicht ruhig zusehen dürfen, sondern eine gewaltige Demonstration ins Leben rusen müssen, an die der Zar sein Lebetag hätte denken müssen. Es sei Unsinn, wenn man fordere, den Massenstreik int geheimen vorzübereilen; er nruß aus den Massen herauskommen, wenn man Erfolg haben will. Eine Partei, die an der Spitze der Bewegung stehen will, muß die Massen im revolutionären Sinne vorbereiten. Wir wollen den Gegnern sagen: Wir schärfen unsere Waffen, wir frnd bereit! (Stürm. Beifall.)

Der Gewerkschaftsführer Abg. Bauer tritt der Vorrednerin scharf entgegen. Wenn die Massen soweit sind, geht der Massen­streik auch ohne Diskussion vonstatten. Tie ganze Frage ist keine Gewerkschaft- sondern eine Parteisrage. Wir haben keine Veranlassung, zu einer Schädigung der Gewerkschaften beizu­tragen, das sagt uns allein unsere .Verantwortlichkeit. Die Er­ringung des preußischen Wahlrechts ist absolut nicht so dringend getvorben, daß wir zu diesem äußersten Mittel greifen müßten. Wir müssen den Feind Schritt für Schritt zurückdrängen und vor allem unsere Vertretung im Reichstag stärken. Durch Be­geisterung der Massen in den Versammlungen erreicht man gar nichts; wenn sie nachher in das graue Elend zurückkehren, fühlen sie das doppelt schwer. Wir wollen nar dann an den Massenstreik denken, wenn wir das Problem auch verwirklichen können. Der belgische Generalstreik habe keinen nennenswerten Vorteil gebracht. Ter holländische im Jahre 1903

Gemeinsame Tagung der deutschen und österreichischen Industriellen.

** Leipzig, 16. September.

Um 10 Uhr vormittags wurde im Kongreßsaal der Internatio­nalen Bausachausstellung die gemeinsame Tagung desZentral - Verbandes Deutscher Industrie! le r und des Zentral­verbandes der Industriellen Oesterreichs eröffnet. Der Vor­stand des Zentralverbandes Deutscher Industrieller, Landrat a. D. R ö t g c r , begrüßte die Anwesenden sowie die Vertreter der Be­hörden und die Gäste aus Oesterreich, und führte dann aus: Als im Frühjahr dieses Jahres der Zenttalverband der Industriellen Oesterreichs an den Zentralverband Deutscher Industrieller mit dem Vorschlag herantrat, in Leipzig anläßlich der Internationalen Bausachausstellung eine gemeinsame Sitzung der beiden für das wirtschaftliche Leben bedeutsamen Korporationen zu veranstalten, wurde diese Anregung gern ausgenommen. Nicht int Gegensatz zu bestehenden Organisationen soll das Zusammengehen sein, es sott der Aussprache über die wichtigsten Probleme der Industrie ge­widmet sein. Die Anregungen, welche die beiden auf der Tages­ordnung stehenden Vorträge geben, sollen die Grundlage bilden zu einem Gedankenaustausch zwischen den Mitgliedern der beiden Verbände.

Sektionschef Brosche, Präsident des Zentralverbandes der österreichischen Industriellen, überbrachte die Grüße dieses Ver­bandes und betonte, die Tagung werde wickstige AusNürungen und Anregungen bieten. Der Redner gab der Hoffnung Ausdruck, den Zentralverband Deutscher Industrieller bald einmal in Oesterreich begrüßen zu können.

Abg. Dr. Liebknecht: Die Revolutionierung des preußischen Wahlrechts ist die große zentrale Aufgabe der Partei. Mit unseren Wahlrecktsdemonstrationen haben wir int Handumdrehen das Recht auf die Straße erobert. Der spontane Ruf zum Massenstreik hallt aus den Massen ebenso zurück, sie selbst haben diese Frage zur Debatte gestellt. Tic Resolution des Parteivorstandes legt der Massenstreikidee Fesseln an, deswegen empfehlen wir die schärferen Zusätze. In der preußischen Wahlrechtsfrage gibt es nur ein Vorwärts! (Ledh. Beifall.)

Abg. Frank (Mannheim): Wir spielen nicht mit den Waffen, sondern wir schürfen sie. Wir kommen in Preußen nicht mehr ohne den Massenstreik aus. Wir müssen den herrschenden Klassen zeigen, daß das Proletariat gewillt ist, sich in der Wahlrechtsfrage sein gutes Recht unbedingt innerhalb oder außerhalb des Par­laments zu holen. Hierin gibt es zwischen Nord und Süd keinen Unterschied. Wenn Genosse Bauer die revolutionäre Phraseologie bedauert, so beklage ich seine konservative Phraseologie weit mehr. Es kommt in Preußen eine Wahlreform oder ein Massenstreik. (Beifall.)

Abg. Ledebour: Parlament und Massenaktton find kein Widerspruch, sondern sie müssen sich gegenseitig ergänzen. Wenn wir uns gegen die Massenaktion aussprechen, können sich die Gegner alles erlauben.

Abg. David: Der zur Eroberung des preußischen Wahlrechts inszenierte Massenstreik würde zu einer furchtbaren Katastrophe der modernen Arbeiter führen, da wir nicht die Mehrzahl der Bevölkerung hinter uns haben und uns auch die wirtschaftliche Munition fehlt. Hunger wird kommen oder eine Hunger­revolte. Durch Blut erobern mir bie 23a ft tonen des preußischen M ili tär staates nicht.

Klara Zetkin erhält ihren Vorwurf, der Parteivorstand treibe Ermattungsstrategie, und sei von Organisattonswut befallen, aufrecht. In der wirtschaftlichen Krisis muß der Arbeiter sowieso hungern und er bringt alljährlich Opfer auf dem Schlachtfeld der Arbeit. Er braucht sich also vor blutigen Zusammenstößen nicht zu fürchten.

Abg. No s ke (Chemnitz): Wir haben gegen den Schutzmanns­säbel keine Verteidigungsmöglichkeit, und ich möchte nicht nochmals sehen, wie deutsche Arbeiter vor ihm Reißaus nehmen müssen.

Silberschmied (Berlin) und Busemann (Bochum) sprechen gegen, Laufenberg (Hamburg) für den Generalstreik.

Daraus wird ein Schlußantrag angenommen.

In seinem Schlußwort hebt Scheide mann hervor, daß et sich nur gegen jene Nörgler gewandt habe, die sich als Schulmeister der Partei auffpielen wollen. Rosa Luxemburg war heute geradezu sanft und milde gegenüber dem, was sie vor dem Parteitag von sich gegeben hat. Die Partei wird von Rosa Luxemburg geradezu verspottet. Nicht Reden und Leit­artikel setzen die Massen in Bewegung, sondern Tatsachen, welche den Massen an die Nieren gehen. Liebknecht bezeichnete mich als einboshaftes Suber". (Heiterkeit.) Man forbert von uns zur Erregung der Massen gröbere Akkorde im Reichstag nun, auf Liebknecht, Ledebour und mich kann das nicht zu­treffen (Heiterkeit), uns hat man schon zugerufen: zum Fenster hinaus! Der Redner ersuchte um Ablehnung des Zusatzantrages.

In persönlicher Bemerkung verwahrt sich Abgeordneter Dr. Liebknecht dagegen, daß er Scheidemann alsboshaftes Luder" bezeichnet habe. Er habe sich 'nur gegen dessen Mießmachung gewandt.

Die hieraus folgende namentliche Abstimmung über den Zusatzantrag ergab nach vorläufiger Zählung dessen Ablehnung mit 3 3 0 gegen 141 Stimmen. Es besteht also Tein Zweifel, daß die Entschließung des Parteivorstandes mit überwältigender Mehrheit angenommen ist. Hierauf wurde die Sitzung auf morgen vertagt.

Ich habe eine letztwillige Verfügung getroffen und hoffe. Du bist damit einverstanden, daß, wenn ich zur großen Armee ab- berufen werden sollte, bevor derdritteBand9t usmeinem Leben" fertig geworden ist, Du die Herausgabe übernimm[t, foweit das Manuskript druckfertig vorliegt. Ich habe noch wenig zu tun, so ist der Band bis mit 1882 abgeschlossen. Nachher gehts Lascher.

Voraussetzung ist, daß an dem Manuskript keine anderen als nur stilistische Aenderungen vorgenommen nxrben. Tatsächliche nur dann, locmt sichs herauSstellt, daß eine von mir angegebene .Tatsache eine irrtümliche ist, die ich selbst berichtigen müßte. Insbesondere sollen auch keine Namen noch lebender Personen, die ich nenne, unterdrückt ober abgekürzt wiedergegeben werden, soweit ich dieses nicht selbst im Manuskript getan hohe.

Da ich nnt Wissen niemand Unrecht getan habe und die historische Wahrheit es erfordert, daß nicht gefärbt wird, so liegt Tein Grund vor, an dem Niedergeschriebenen zu ändern. Die Briese von mir an meine Frau, an Engels, an Dich, bleiben Fainilieneigentum. Die Briefe von mir an Vollmar, Motteler, Auer usw. gehören ins Archiv. Die Briese an Schlüter sindi diesem wieder zuzustellen. Ebenso gehören alle an mich nicht persönlich gerichteten Briese, die ich zwecks Information an mich nahm, ins Archiv. Sämtliche Broschüren und .Aktenstücke sind mein Eigentum.

Ich bitte Dich, diesen Bries besonders forgfättig aufheben zu wollen zwecks Deiner Legitimation.

Natürlich hat KautsH zugesagt, diesen Wunsch zu er­füllen.

ImVorwärts" veröffentlicht Kautsky einen Bries Bebels letzten Tagen, in dem dieser ihm schreibt:

Zürich, den 21. Juli 1913.

Lieber Karl!

;unö der schwedische im Jahre 1909 seien völlig zusammen-! meister Dr. D i 11 r i ch "namens der Handelskammer Leipzig deren 'gebrochen. Für bte schwedischen .Genässten hüt die .Solidarität;' Präsident Kommerzienrat .Schznitt willkommen.

Geheimrat Müller vom Reichsamt des Innern überbrachte die Grüße des Reichskanzlers sowie des Staatsministers des Innern und des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes. Die Reichsregie­rung bringe den Verhandlungen der beiden Verbände das größte Interesse entgegen..Es seien bedeutsame Fragen, die zur Aussprache zwischen den Industriellen beider Nationen geeignet seien. Geheim­rat Mor g enstern begrüßte die Versammlung namens der säch- Nchen L-taatsregierung. Er betonte, ans dem Munde des Königs von Wachsen hätten die Teilnehmer erst gestern vernommen, welch hoher Wert der sächsischen Industrie beigemessen wird. Es sind alle Voraus)etzungen gegeben, daß die Annäherung zwischen den deut­schen und österreichftchen Industriellen reiche Früchte zeitigen werde. Im Namen der Stecht Leipzig hieß die Versammlung Oöerbürger-

polHifcbe Tcrgcsschau.

Zur braunschweigischen Thronfolgcsrage wird uns aus Berlin geschrieben:

Zurzeit finden zwischen der preußischen Krone und den Vertretern des Hauses Cumberland die Schlußbe­sprechungen statt über die Bidingungen, unter denen das Haus Cumberland die Regierung in Braunschweig an- Ireten soll. Diese Verhandlungen werden streiig vertraulich geführt. Gesagt darf aber werden, daß die Verhandlungen vor dem Abschlüsse stehen, der allgemein befriedigen wird. P r i n z E r n st Au g u st w i r d e i n e n f ar m li ch e n V e r- zicht auf Hannover aussprechen, da andernfalls ein einsttmmiger Beschluß im Bundesrat über die Auf­hebung der EiltschlieHungen vom 2. Juli 1885 und vom 28. Februar 1907 nicht zu erwarten ist und ein solcher un­bedingt herbeigcsührt werden muß. Das Schreiben des Prinzen Ernst August an den Reichskanzler vom 20. April d. I. verpflichtet den Thronanwärter staatsrechtlich zu nichts. Nach dem Stairde der Angelegenheit ist anzunehmen, daß der Verzicht des Prinzen bald erfolgt und der Bundes­rat im Oktober der Angelegenheit nähertreten kann. Die Ucbernahmc der Regierung in Braunschweig kann alsdann erfolgen. Gesagt kann auch werden, daft bis zum gegen- ivärtigen Stande der Ange legen l)-eit zahlreiche Schwierig­keiten zu übertoinden waren, die zum Teil durch bte welfische Agitation bedingt waren.

| Hierauf sprach der Geschäftsführer des Zenttalverbandes Deut­scher Industtieller Regierungsrat a. D. Schweighoifer über: Tas Unternehmertum und feine volkswirt­schaftliche 23 ob en tun g". Er führte aus: Die Entwicklung unseres Wirtschaftslebens zeigt in seinem fortschreitenden Jndi- vidualisierungsprozeß, daß der Persönlichkeit im Unternehmertum immer größere Bedeutung zukommt. Ungefähr drei Viertel der Gefamtbevölkerung Deutschlands sind zurzeit in Handel, Ge­werbe und Industrie beschäftigt und nur ein Drittel in der Landwirtschaft. Durch angeftrengte Arbeit ist es der In­dustrie gelungen, für diese gewaltige Menschenmenge stän­dige Arbeitsgelegenheit bei steigenden Löhnen zu ver- schassen. Tie von der deutschen Industrie an die deutschen 'Ar­beiter zur Zahlung gebrachten Löhne haben sich von Ialwzehnt zu Jahrzehnt verdoppelt. Es wird dadurch schlagend das Utopisttsche und die Unhaltbarkeit der sozialdemokratischen Verelendungs- und Konzentrationstheorie bewiesen, während entstellende und ver­hetzende Schlagworte darauf hinauslaufen, daß die Masse der Besitzlosen sich vermehrt und das Kapital in immer weniger zahlreichen Händen sich befindet und die Unternehmer bei der fortschreitenden Intelligenz unserer Arbeiterschaft immer mehr entbehrlich seien. Der Anstoß zu unserer sozialpolitischen Ge­setzgebung sei von der Industrie ausgegangen. Seit Bestehen der sozialen Gesetzgebung bis zum Jahre 1911 sind den Arbeitern über 9 Milliarden Mark ausbezahlt worden. Zuwendungen, die doppelt so hoch sind als die 23eiträge, welche die versicherten Arbeiter selbst auhubringen hatten. Zum Schluß forderte der Redner, daß die Industrie mehr als bisher in den Parlamenten vertreten sein müsse, besonders int Reichstag, um wirksames als bisher den Schädigungen der industriellen Interessen ent- gegentreten zu können.

Hierauf sprach der Vorsitzende der österreichischen Industriellen, Dr. Hermann (Wien) überDeutsche und öster­reichische Arbeiterschutzgesetzgebun g".

Die internationale Arbeiierschutztonserenz.

Bern, 16. Sept. Tie internationale Arbeiterschutzkonfereii; unterzog in der heutigen Plenarsitzung die Vorschläge betreffend das Verbot industrieller Nachtarbeit fiir jugendliche Arbeiter und die Festsetzung der Arbeitsdauer für die in der Jn­dusttie beschäftigten Frauen und jugendlichen Arbeiter auf höch­stens zehn Stunden. In der allgemeinen Beratung der Konferenz gruppierte sie sich in zwei Ausschüsse, um die Vorschläge einzeln genau zu pimsen. Zum Vorsitzenden des ersten Ausschusses (Verbot industrieller Nachtarbeit) wurde der Führer der deutschen Ab­ordnung der Direktor im Reichsamt des Innern Caspar, zum Vorsitzenden des zweiten Ausschusses (Festsetzung der Arbeitsdauer) Millerand, der Führer der französischen Abordnung, ernannt.

Deutsche ^Kolonien*

Kampfe mit den Eingeborenen in Neu-Kamerun.

Als die ersten noch ungewissen Nachrichten von Gin* geborenenunruhen im Munibecken von Neu-Kamerun, denen der Feldwebel Sievertfen zum Opfer fallen sollte, zur Küste gelangten, unternahm der Bezirksleiter Assessor Elte st er zusammen mit dem Forstmeister Dr. Eschcrich und 24 Polizeisoldaten von Ukoko aus eine Expedition in das Auf­standsgebiet. Aus dem soeben über den Verlauf dieser Expe­dition imDeutschen Kolonialblatt" veröffentlichten aus­führlichen Bericht des Bezirksleiters Eitester sei folgendes hervorgehoben:

Die Schwierigkeiten begannen hinter Oweng nach der lieber» schreitnng des Komo. Jn Nsogobur hieß es, daß die nächsten Dörfer, Ojerk-Dörfer, uns auflauerten, ebenso seien die Wege in südöst­licher Richtung gesperrt. Unser Ziel war Metak, wo wir etwas von der Grenzexpedition zu erfahren hofften, über die niemand nähere Auskunft geben konnte. In Nsogobur konnten die aufge­regten Träger nur mit Mühe vorwärts gebracht werden. Ich schickte den farbigen Feldwebel Jakibu, einen sehr ruhigen Sol­daten, mit 6 Mann zur Sicherung voraus, dann folgten wir Europäer mit 4 Soldaten, dann die Trägerkarawane mit dem Rest der Soldaten. Jakibu stieß schon nach einer halben Stunde auf die erste sogenannte Wache, 4 bewaffnete Leute, die in dem voll­kommen unübersichtlichen alten Farmland an dem nur etwa dreißig Zentimeter breiten Weg gedeckt gesessen hatten. Diese Wache war gar nicht zum Schießen gekommen, sie war offenbar von der Spitze überrascht worden. Ich ließ sie festnehmen. Von jetzt ab wurde mit der äußersten Vorsicht und langsam marschiert. Schon nach wenigen Minuten hörten wir die ersten dumpfen Schüsse der B u s ch g e w e h r e, denen der scharfe Knall der Soldatengewehre folgte. Ein Zweifel über die kriegerische Absicht der Gegner war nunmehr ausgeschlossen. Die Spitze war auf eine zweite Wache ge­stoßen. Die Kampsesweise ist für den Europäer und die Karawane die denkbar gefährlichste. Im dichten Farmland schießen diese Wacheleute auf etwa zehn Schritt und verschwinden, ohne daß man sie zu Gesicht bekommt. Die Spitze stteß auf eine dritte und vierte Wache, ehe sie an das Dorf herankam, wobei jedesmal Schüsse ge­wechselt wurden. Hier fand der Hauptwiderstand statt. Im Sumpftand, das nur auf wackeligen Stämmen zu passieren war, lagen die Ojerks gedeckt. Im Dorf, dessen Eingänge durch schwerr- Pfähle verrammelt waren, wurde die Kriegstrommel gerührt und gelungen. Die Gegner schrien, wir dürften nicht passieren. In den Sumps fielen vier Pangwe des Dorfes Ainsok. Während der Feld­webel mit der Spitze das Dorf von der Seite angriff, warteten wir vor dem Dorfe. Ter Gegner flüchtete. Wir stiegen den sehr steilen Hang zum Dorf hinan, zertrümmerten die Balken und drangen in das Torf ein, in das die Spitze von der Seite einge­drungen war. Ich ließ sofort nach allen Seiten Wachen aufftellen Rach etwa 20 Minuten kam int strömenden Regen die Träger­karawane an. Verluste hatten wir nicht gehabt. Einem Soldaten war durch einen Schuß, der aus dem Dorfe abgegeben wurde, ein eckiges Geschoß durch den Stiefel gegangen und hatte den Fuß ge­schrammt.

Ick) ließ die Umgegend des Dorfes freischlagen, um Schußfeld zu erhalten und einen Ueberfall der Gegner zu verhindern Die erbeuteten Gewehre und ein Faß Pulver wurden vernichtet. Ter Gegner griff nachts nicht an. In der ganzen Umgebung wurde eifrig die Alarmtrommel gerührt. Vor dem Abmarsch am nächsten Morgen wurde das Torf in Brand gesteckt. Wenige Minuten hinter dem Dorfe wurde von der Seite in die Karawane hineingeschossen und ein etwa zehn Meter hinter uns gehender Träger am Rücken verletzt. Der Schuß kann nur aus nächster Nähe, auf etwa 3 bte 5 Meter, abgegeben sein: es war eine etwa drei Finger breite Brandwunde, die der Träger erlitten hatte und die nur von dem Feuerstrahl des Gewehres herrühren konnte. An der Reislast waren vom Schrot Schußspuren zu sehen. An dem Versteck des Schützen waren die Spitze, wir Europäer und einige Träger vorbeigegangen, ohne den Mann zu entdecken. Aus dem Weitermarsch nach Nkore begann in der etwa ein Kilometer hinter uns marschierenden Trägerkarawane ein Träger durch lautes Trillern die Bewohner von Nkore auf un­ser Kommen aufmerksam zu machen. Der die Aufsicht ührende Gefreite untersagte ihm bieS zunächst, dann warf dieser Träger die Last weg und suchte zu entkommen. Der verfolgende Soldat hat ihn nicht erreichen können u#ü> erschossen. Diese drakonische Maßregel war notwendig. Es war den Trägern vorher