Nk. 6
Drittes Blatt
163. Jahrgang
Erscheint Kyllch ntü Ausnahme des Sonntags.
Die ZamMenblätter" werden dem
^Anzeiger- viermal ivöchentlich beigelegt, das »Ireisblatt für den Kreis Siehen" zweimal wöchentlick. Die „Landwirtschaftlichen 3eit- fraged" erscheinen monatlich zkveimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Mittwoch, 8. Januar W3
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universiläts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: 51.
9lebaftion:e^ll2. Tel.-Adr,:AnzeigerGießen.
Der Unglüdsfall in ker franzöiischen Marine.
Toulon, 6. Ian. Der Oberbefehlshaber Admiral Bou6 Lapeyrere begab sich an Bord des Panzers „Mass6na" und ernannte einen Ausschuß, der die Ursache des Unglücksfalles untersuchen soll. Bei der Explosion wurden noch zwei Seeleute leicht verletzt. Ein Offizier des Linienschiffes erzählt folgendes: Sobald sich die Explosion ereignete, stiegen die Mannschaften der Heizanlagen schnell, doch ohne Panik auf Deck. Der Kommandant erteilte kaltblütig und bestimnut seine Befehle, worauf jeder wieder an seinen Posten eilte, während die Hilfsarbeiten um die Heizanlagen, aus. denen rwch immer Dampf drang, in Angriff genommen wurden. Sobald es möglich war, drang der Kapitän bis zu dem Raum vor, in dein man die acht schrecklich verbrannten Leichen fand, die von den Krankenwärtern in Watteverbände gehüllt wurden.
Der „Massöna" befand sich nicht weit von der großen Reede, als die anderen Schiffe plötzlich eine starke Rauchwolke von dem Kriegsschiffe aufsteigen sahen. Bald darauf erfuhr man, daß eine der Dampfröhreir geplatzt war und acht in der Heizkammer befindliche Leute von dem siedend heißen Wasser verbrüht worden waren. Sieben waren sofort tot, der achte atmete noch, als die Rettmngsmann.scha.f- ten in die 5)eizkammern eindrangen, starb jedoch einige Augenblicke später. Zwei Leute hatten leichte Brandwunden erlitten. Nach einer späteren Meldung wurde ein Obermaat während der Rettungsarbeiten lebensgefährlich verletzt. Der „Massena" gehört zu dem kürzlich von dem Nordgeschwader dem MittÄmeergeschwader zugeteilten <ßttn5er«» schiffe- _ __
Deutsche Kolonie«.
Die südweftafrikanischeu Diamantenabgabcn an d a s R e i ch.
Durch kaiserliche Verordnung vom 30. Dezember wird die Umwandlung der bisherigen südwestafrikanischen Diamantenabgabcn in die von den Förderern gewünschte Abgabe vom Reingewinn mit Rückwirkung vom 1. Januar 1912 eingesührt. Die Steuer beträgt c6/ioo der Betriebseinnahme und vermindert um 7O/ioo die Betriebskosten. Der Betrag, welchen, die Förderer als Ersatz für die bis zur Verleihung des Abbaurerhts gemachten Aufwendungen den Betriebskosten Zuschlägen dürfen, beläuft sich auf 2,50 Mk. für jedes Gramm, der in den Südfeldern 10 Mk. für jedes Gramm der in den Nordfeldern gewonnenen Diamanten. Die Förderer dürfen 10 Proz. Zinsen aus dem jeweils nicht abgeschricbenen Werte der dem Abbaubetrieb dienenden Gegenstände den Betriebskosten hinzurechnen. Damit ist den von den Förderern geäußerten Wünschen in vollem Umfange Rechnung getragen worden. Die zur Ausführung der Verordnung erforderlichen Vorschriften werden demnächst erlassen.
Ans Statt unt Cant.
(Sie i'en, 8. Januar 1q13.
** Neue Reklamemöglichkeit. Bekanntlich hat eine Neuigkeit erhöhte Zugkraft, selbst wenn sie einen in die Augen springenden „einseitigen" Vorteil in sich schließt. Eben wird unserer Redaktion (!) der Vertrieb von Reklamepostkarten angeboten: Der auf der vorderen Kartenseite befindliche zum Beschreiben vorgesehene Teil, ist in 8 Neklamefelder geteilt, von denen jedes 3,1 Ztm. lang und 2,2 Ztm. hoch ist. Die in einem solchen Felde unter- gebvachte Reklame kostet für 10000 Postkarten nur — 50 M ar k. Zum Vergleiche wollen wir nur anführcn, daß im »Gießener Anzeiger der gleiche Anzeigenraum 90 Pfg. bis 1.05 Mk. losten würde. Wir nehmen wohl mit Recht an, daß eine Reklame int G. A. für 1 Mk. bei den 17 000 Beziehern mehr Erfolg hat, als eine gleich große Anzeige auf 10000 Postkarten für 50 Mk. Wozu wird das Gelb des Jnserenteir denn aber auch benutzt? 10 Postkarten sollen für 25 Pfennige an Private, an Gastwirtschaften und sonstige Geschäftsleute sogar für 10 Pfennige abgegeben werden. Da die Post nichts verschenken darf, weiß der Inserent ganz genau, ivofür er die 50 Mk. bezahlt: er arbeitet für die Post und die Postkartcnverbrau- cher. Eine allerliebste indirekte Steuer. Ob wohl viele Leser von dieser „billigen" Reklame Gebrauch machen werden?
•* Im Lichtsvielhause Bahn boi st raße wird von beute an ein wissenschaftlicher Film vorgellihrl, der besondere Beachtuna verdient. Ter Firma Path6 frGres in Paris ist es gelungen, einen Avparat zu konstruieren, der es ermöglicht. 1 20 0 Ausnah m e n in der Sekunde vhotogravlnßb feft- zulmlten Ta die Bewegungen mancher Körper im Weltenraum mit einer solchen Schnelligkeit vor heb geben, daß unser Auge nicht im Stande ift, sie in ihren einzelnen Phasen zu verfolgen, ist es nunmehr möglich, durch diesen überschnelleu Kinematographen b tt Mangel zu beseitigen. Der Filnt zeiat verschiedene (Srf heimmgen tu der Rat ar. bereit Vorhandensein wir nur in zwei Stadien kennen, ihren Anwngs- und ihren Endzustanb. Z. B. das Eutsteben eines Wasserstrahls und eine auf diesem balancierende Kugel. Wir seien diese Veivegungen hmidert'ach verlangsamt. Wir beobachten ferner einen Gewehrhalm, der gegen die Rückwand der Patrone schlagt-, die Kugel beim Verlassen des Kanonenrohrs, ihren Flug durch die Lust: die Ankunft der Kugel am Ziel, das hier die aut dem Wasserstrahl tanzende Kugel ist. Endlich zeigt noch der Film, tvie ein fester Gegenstand zerschmettert wird durch die Wucht des Anpralles eines mit einer Geschwindigkeit von mehreren Inmbert Metern in der Sekunde steigenden Ges.bosses. Der äußerst intereffante Film wird nur bis Freitag voraenwrt
Landkreis Gießen.
= Allendorf a. b. Lda., 7. Jan. Am Sonntag hielt der Turnverein bei Gastwirt Bauer seine Hauptversammlung ab. Der 1. Vorsitzende PH. H o f brachte die 7. Buirdesturnsahrt, die hier abgehalten wurde, in Erinnerung, bei der her Verein einen Ueberschuß zu verzeichnen hatte. Darauf solare der Jahresbericht und die Rechmrngsablage. Bei der Vorstandswahl wurden wiedergewählt: PH. Hof, 1. Vorsitzender, Hch. Bergen, Reänrer, Wilh. Schwalb, 1. Turnivart, Emil Bergen, 2. Turnivart. Neugewählt wurden Jost Benner als 2. Vorsitzender, Friede. Sämeider als Schriftführer, Wilh. Keil als Zeugwart und 4 weitere Vorstandsmitglieder. Nach Beendigung der Wahl sprach Mitglied Schneider über das Turnen und machte die Jugend nock"'K^ cnck"'erksam, fleißig weiter zu turnen. Der Vere n h t. ii Barvermögcn von annähe nb 50) Mk und eine Mitgliederzahl von c.iu.i uü .^ann zu verzeichnen. Der Verein hält am 19. Januar sein Wintervergnügen ab.
Kreis Lauterbach.
~ Lauterbach, 7. Ian. Gestern abend hielt auf dem „Felsenkeller" Herr W. Kirsten ans Weißenfels einen Vor
trag über die hygienische und soziale Bedetttung der Na tu r- h eilt nn de. Durch zahlreiche Unterschriften gaben die An- ivesenden ihre Zustimmung kund und will man versuchen, in nächster Zeit der Gründung eines Naturheilvereins hier nüherzutreten.
Kreis Schotten.
st. Schotten, 7. Ian. Gellern beging Bürgermeister Kromnt in voller körperlicher und geistiger Rüstigkeit die Feier seines 7 0. Geburtstages. Am Vorabend wurde ihm von der GesangSabteilung des Turn- und Gesangvereins ein Ständchen gebracht. Der 1. Sprecher Wendeberg feierte in treffenden Worten die Verdienste.des Bürgermeisters Kronnn als früherer Vorsitzender des Vereins und hob besonders hervor, wie er es verstanden hatte, das wacklige Vereinsschiff in den 60er Jahren mit sicherer Hand zu leiten und glücklich in den Hafen zu bringen. Bürgermeister Rr out in dankte tiefgerührt für die erwiesene Ehre und gelobte, auch fernerhin, so viel es in seinen Kräften stände, die Bestrebungen des Vereins zu unterstützen. Am Vormittag des gestrigen Tages erschienen die Gratulanten sehr zahlreich in der Wohnung des Bürgermeisters, nachmittags überbrachten auch Mitglieder des StadtvorstandeS herzliche Glückwünsche. Möge es dem Geburtstagskinb noch recht ost vergönnt sein, im greife seiner Familie und als Bürgermeister zum Wohle der Stabt den Tag zu feiern. — Im Jahre 1912 wurden beim chiesigen Standesamt eingetragen: 54 Geburtsfälle, darunter 2 uneheliche, 13 Eheschließungen und 28 Sterbe» täfle, darunter 2 Totgeburten und eine tot aufgefundene Person.
Kreis Friedberg.
1^. Friedberg, 7. Jan. Die Stadtverwaltung hat in diesem Herbst noch eine große Anzahl von Obstbau men pstanzen lassen. Gegenwärtig zählen unsere Obstanlagen 5000 Bäume, dazu kommen die 2000 Obstbäume des Stadtteils Fauerbach
Hessen-Nassau.
pfi Crumbach, 7. Ian. Auch in diesem Winter verschwindet wieder ein Teil von der „ Langhecke", die Parzelle wud in Ackerland umgewandelt Es werden etwa 400 Festmeter Nutzholz gefällt, wodurch für die Dorfbewohner eine lohnende Wlnterbeschästigung geboten wird, unb hat auch die hiesige Pfarrei einen ansehnlichen Waldbestand. Die Jagd ergibt jährlich 1310 Mk. für die Gemeindekasse.
GanfccL
Deutsche Tabakindustrie.
Seit dem Jahre 1875 ist im Deutschen Reich die Produktion von Zigarren von 5200 auf 8000 Millionen Stück unb von Zigaretten von 150 auf 9380 Millionen Stück gestiegen. Die Zunahme beträgt bei Zigarren etwa 54 Prozent, bei Zigaretten aber rund 5500 Prozent. Im Vergleich hierzu sei erwähnt, daß sich in derselben Zeit die Bevölkerung des Deutschen Reichs von 42,5 auf 65,4 Millionen, also um annähernd 54 Prozent vermehrt hat. Dabei bat aber in diesen 31/» Jahrzehnten der Tabakverbrauch pro Kops in Deutschland wohl kaum zu genommen, eher ist ein kleiner Rückgang anzunehmen. Man darf eben nicht außer Acht lassen, daß in der angegebenen Periode der Verbrauch und demnach auch die Produktion von anderen Tabakfabriken, namentlich von Rauch- iind Schnupftabak erheblich gesunken ist. An. Stelle der Pfeife ist die Zigarre getreten, und in neuester Zeit ist wieder die Zigarre mehr und mehr durch die Zigarette verdrängt worden. Die Zi- garettenfäbrilation ist infolgedessen eine unserer jüngstenJndustrien, sie hat sich in den lebten Jahren mehr und mehr zur Großindusttie entwickelt. Von 1903 bis 1911 ist die Zigarrenproduktion in Deutschland nur von 7400 auf 8000 Millionen Stück, die Ziga- rettenproduktion aber von 3200 auf 9380 Millionen Stück an- gewachsen. Für 1912 ist mit einer weiteren Steigerung der Zigarettenproduktion auf 11300 Millionen Stück zu rechnen, während in der Zigarrenproduktion die Vorjahrszisser schiverlich überschritten werden wird.
Die Konzessionsverlängerung der türkischen Tabakregie.
Die Verhandlungen über die Erneuerung der Konzession der türkischen Tabakregiegesellschaft dürsten erst in einigen Wochen wieder ausgenommen werden. Seitens der Pforte ist angedeutet worden, daß sie zu einer Verlängerung der Konzession für mehrere Jahre unter der Bedingung der Gewährung eines größeren Vorschusses seitens der Gesellschast geneigt sei. Diese Erneuerung der Konzession könnte sich aber selbswerständlich nur auf jene Gebiete, welche der Türkei verbleiben, also auf Konstantinopel und den Rest Thraziens, sowie vorlviegend auf die asiatische Türkei erstrecken. Die Gesellschaft erklärt, laut N. Fr. Pr., den Wert einer solchen minder umfangreichen Konzession geringer zu veranschlagen, zumal es fraglich sei, ob die Türkei auf ihrem reduzierten Gebiete in der Sage sein würde, zureichende Sckmtz- maßregeln gegen die Konterbande zu ergreifen. Tie Mehrheit des Aktienbesitzes der Tabakregiegesellschast befindet sich beim französ scheu Kapital und die sranzösischen Interessenten streben eine Verlängerung der Konzession an. Hierbei wird jedoch er- llärt, daß auch bei einer Liguidation des Unternehmens für die Aktionäre gegenüber der heutigen Bewertung der Aktien kein Verlust entstehen würde.
Eingesandt.
lFür Form und Inhalt aller unter vieler Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)
Gießen, 8. Jan.
Zur Frage der Burgermeistereiverlegnng.
Ende April 1912 wurde der Stadtverordneten-Versammlung eine von 1264 Gießener Burgern unterzeichnete Eingabe unterbreitet, die sich gegen bie Verl egung der städtischen Aemter in die alte Klinik richtete unb auf die vielen Nachteile des Projettes lfinwies. Ter Tert dieser Eingabe folgt am Schlüsse dieser Zeilen. — Hat man schon seit dieser langen Zeit nicht gehört, wie es der Eingabe ergangen ist, so sind wir um so mehr erstaunt, plötzlich, — wie von einem Blitz aus heiterem Himmel überrascht — zu vernehmen, daß dies unglückselige Projekt auf der Tagesordnung der nächsten Stadtverord- neten-Bersammlimg steht, daß also in wenigen Tagen eine Entscheidung herbeigeführt werden könnte.
Ta möchten wir nun nochmals an alle Herren Stadtverordneten die sehr dringende Bitte richten, alle die in der Mugabe genannten
Erwägungen nochmals aufs genaueste zu prüfen unb diesem', fast alle Stadtteile so sehr schädigenden Projekte endgültig bie Zustimmung zu versagen.
Im Namen der 1264 Unterzeichneten der Eingabe vom 30. Avril 1912.
Viele Gießener Bürger.
Die Eingabe lautet:
Gießen, den 30. April 1912.
Au die verehr!. Stadtverordnetenversammlung der Stadt Gießen Gießen.
Tas Gefühl der Sorge und der Unsicherheit, daß dieldrohende Gefahr der Verlegung der Bürgermeisterei und der städtischen Aemter in die alte Klinik noch bestehe, Ivie wir aus dem Bericht der Stadtverordnetenversammlung vom 25. April wissen, veranlaßt uns heute, die verehrl. Stadtverordnetenversammlung x\ody mals auf Ibie schweren Bedenken, welche diesem unglückseligen Projekt entgegenstehen, aufmerksam zu marf>en.
Wir möchten daher nicht versäumen, unsere Ansicht über dieses Projekt zu äußern und den Herren Stadtverordneten dringend ans Herz zu legen, diesem für die innere, nördliche unb östlickw Stabt unheilbringenden Plane ihre Zusttmmung zu versagen. Es bedarf ja eigentlich keiner besonderen Frage, daß ein Rathaus mit der Bürgermeisterei in den Mittelpunkt einer Stadt oder in dessen Nähe, nicht aber an die Peripherie, gehört. Ferner sollte es gar keiner weiteren Ausführung bedürfen darüber, daß der in Aussicht genommene Platz wohl der allemngeeignetste ist, den man sich für diesen Zweck nur denken kann. Ohne dringende Not soll man doch nicht das wirtschaftliche Zentrum künstlich verlegen wollen unb daburch wiederum die inneren, nördlichen und östlichen Stadtteile noch weiter schädigen und entwerten, wie es leider schon seither genug geschehen i st. Nach unserem Em-pfinben kann es doch nicht Aufgabe der Stadtverordneten fein, die Entwicklung der Stadt in einer gewissen Richtung einseitig und künstlich zu fördern zum Nachteil der anderen Teile. Daß der jetzige Platz der Bürgermeisterei an der Ecke der Süd-Anlage unb Gartenstraße der geeignetste unb auch schönste für ein solches Gebäude ist, ist ohne Zweifel. Würbe aber bas Rathaus in bie alte Klinik verlegt werden, so hätte dies beit Nachteil, daß viele Leute, bie mit ber Bahn kommen, einfach einen Zug überschlagen, ihre Geschäfte eilig in der Bürgermeisterei, oder genauer in einem der vielen Aemter, erledigen unb schnell wieder zurückfahren würben, ohne von bem eigentlichen Gießen etwas gesehen zu haben. Für die Geschäftsleute wäre das selbstverständlich von großem Nachteil. Außerdem ist die jetzige Lage für alle, bie an ber Bürgermeisterei zu tun haben, die bequemste. Es hat ja vieles für sich, wenn alle städtischen Aemter in einem Gebäude vereinigt werden können, aber das läßt sich auch erreichen ohne bie alte Klinik. Es ist gar nicht so schwer, die jetzige Bürgermeisterei zu vergrößern. Durch Anbau nach der Shnagoge zu könnte ein größerer Flügel entstehen, in dem man recht viele Aemter unterbringen könnte. Sobald dieser nicht mehr aus- reidten sollte, dann ist auf dem Hofe noch reichlich Platz für einen entsprechenden Bau. Sollte in absehbarer Zeit bann die Gasanstalt einmal verlegt werden, was ja im Interesse der ganzen Stadt reckst bald zu wünschen wäre, dann hätte man hier den allerschönsten unb passendsten Matz für ein großes, modernes Rathaus, in dem sämtliche städtischen Aemter untergebracht werden könnten: eventuell ließe sich auch noch eine passende, geräumige Wohnung für den Herrn Oberbürgermeister darin errichten. Es fragt sich aber sehr, ob das Bedürfilis der Verlegung der Bürgermeisterei jetzt schon ein dringendes ist. Dies wird von vielen, mit den Verhältnissen Vertrauten, geradezu o ent eint.
Außerdem halten wir überl-aupt die Idee, das Rathaus iu die alte Klinik zu verlegen, aus dem Grunde für eine verfehlte, weil das ganze Gebäude für diesen Zweck vollständig unzweck mäßig ist. Die alte Klinik, die nicht einmal unterkellert ist, ist und bleibt ein unglückseliger Bau. Wenn man erst anfängt, daran zu rühren, um bie Räume zweckentsprechend herzurickstm, dann wird man bald erfahren^ müssen, welche Unsummen Geld eine solche Reparatur, die zum Schluß doch nichts halbes und nichts ganzes darstellt, foüct. Man hört da von Fachleuten Zahl-n, die weit über die 200 000 Mk. hinausgehen: es ließe sich doch wohl mit einem wesentlich kleineren Betrag ein ganz respektabler Anbau Herstellen. Auch ist ja bie ganze Sage infolge des Eifenbahn lärmes für ein ruhiges Arbetten ganz ungeeignet. Bei einigem guten Willen wird sich dieses Gelände schon vorteilhaft verwerten lassen. Unseres Erachtens sollte man die „Verwertung der alten Klinik" zu einer Preisaufgabe für unsere hiesigen, tüchtigen unb intelligenten Architekten machen, und sind wir überzeugt, daß dann Vorschläge sich zeigen werden, die sowohl den Beifall ber Herren Stadtverordneten wie der großen Mehrheit unserer Mitbürger finden dürften. Auf jeden Fall sollte man nicht aus dem Grunde, weil man nun einmal die alte Klinik hat, den verhängnisvollen .Entschluß fassen, dahin das Rathaus zu verlegen und dadurch ohne eigentliche Not die Mehrzahl der Gießener Einwohner, selbst bis zum oberen Selters- iveg hin, aufs empfindlichste zu schädigen. Ein solcher Entschluß würde ohne Zweifel von so unherlvoller Tragweite sein, die sich heute in ihren Folgen noch gar nicht ridrtig übersehen läßt. Der südliche unb füböstliche Teil unserer Stadt sind mit vielen öffentlichen Gebäuden gewiß bevorzugt genug, unb man soll zu deren Gunsten nickt nock mehr die übrige Stadt vernachlässigen und schädigen. Nicht einzelne, sondern alle Stadtteile müssen in ihrer Entwicklung nach Möglichkeit unterstützt iver- ben, darüber läßt sich eben mit keiner Dialektik hinauskommen. Die Zinsen des Kaufpreises der alten Klinik, die scheinbar jetzt verloren gehen, werden wohl ohne Zweifel durch die nicht aus- bleibende Wertsteigenlng reichlich wieder eingebracht werden.
WaS wir wollen, ist, 'daß dieses, die Interessen der Altstadt sehr schädigende Projekt bald und endgültig beseitigt werde, damit alle die, denen die Interessen der seither so stiefinüttcrlick behandelten alten Teile unserer Stadt am Herzen liegen, endlich beruhigt werden.
Wir bitten daher die verehrten Herren, Stadtvei-ordneten, alle diese Punkte iwchrnals in Erwägung zu ziehen und dem Projekt der Verlegung der Bürgermeisterei in bie alte Klinik ihre Zustimmung enbg üTt i g zu versagen. Sie werden dafür des Dankes der Mehrheit der Einwohner Gießens gewiß sein.
Hochachtungsvoll
1 2 6 4 Gießener Bürger, bereit Original-Unterschriften der Petition an die Stadtverord neten-Versammluug beiliegen.
TÜRKaPABSTs
----FRANKFU RT - MAIN---- Mayonnaise
Remouladen-Sauce.
unrtluiuiH jrinlir chuinc!


