Ausgabe 
29.4.1912 Erstes Blatt
 
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Nr. 100

Ter «ießener Anzeige, erscheint täglich, außer Sonntag«. - Beilagen: viermal roöd)emlid) Sitbener.samillenblätter riveiinal ivöchentl.Hrei5- blattsürdenNreisSiehen (Tienstng und Freiings; jincunal moimtl. Land wirtschaftliche Seltsraaen fimilpied) - Ausch.'üsie: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen:

Anzeiger «ictzcu.

Annahme von Anzeige« hir die Tagesnunnner bi« vormittag« 9 Uhr.

Erster Blatt

162. Jahrgang

Montag, 29. April (9(2

GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

Rotationsörud und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und Zteindruckerei R. Lange. Redaktion, Expedition und vruckerei: 5chu!stratze 7. Büdingen: Fernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle Bahnhofstraße 16a.

Bezugspreis: monatlich75Vi^ viertel­jährlich 'Ulf. 2.20; durch Abhole- il Zweigstellen monatlich 63 Pf.; durch diePost 'Ulf. 2.viert d- jährl. ausschl. Bcflcllg. Zeilenpreis: lokal IdPs^ auSivärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A Goetz. Verantwortlich siir den politischen Teil: August Goetz; für .Feuille­ton^,.Vermischtes' und Gerichtssaal-: K. Neu­rath; fürStadt und Land': E.Heß; für den Anzeigenteil: H. Beck.

Die heutige Nummer umfahr 10 Seiten-

IHuloi) Mohammed der Einäugige.

Am 8. August 18,0 erließ die französische Negierung, nachdem das grandiose Lügengewebe ihres Siegesdepeschen- Schwindels zusammengebrocken war, jene denkwürdige Pro- flamation an das französische Volk, die mit den kennzeich­nenden Worten einsetzte:Jetzt, Franzosen, haben rotr euch die volle Wahrheit gesagt!" Und wie lautete diese Wahrheit:Einige unserer Negimenter sind unterlegen; unsere ganze Armee ist noch nicht besiegt; derselbe Hauch der Unerschrockenheit beseelt sie noch immer." Man kann ohne Uebertreibuiig sagen, daß den Parisern die volle Wahr­heit über den Ausgang desmilitärischen Spazierganges nach Berlin" erst überbracht worden ist durch die deut­schen Truppen.

Die französischen Machthaber haben nichts gelernt und nichts vergessen. Und so wenden sie denn die Taktik von 1870 jetzt erneut an auf die offiziöse Berick)terftattung über den Aufstand in Marokko, den man in Paris noch amtlich zu leugnen versuchte, als bereits die fran­zösische Garnison in Fez niedergemetzelt wurde. Die tele­graphischen Leitungen lvaren nicht in Ordnung, so wurde später versichert, ganz wie vor Jahrzehnten, lvahrend die Aiängel bei ganz anderer Leitung zu suchen waren. Auch jetzt noch arbeiten die Beschwichtigungshofräte auch in der französischen Republik gibt es solche Einrichtungen mit einem einer besseren Sache würdigen Eifer, um die Alarmnachrichten ausbent Scherifenretche nach Möglich­keit zu vertuschen, oder sie doch wenigstens den Fran­zosen, wie jede schlecht schmeckende Medizin, nur tropfen­weise beizubringen. Wenn in dem veröffentlichten Bericht des Gesandten Regnault versichert wird, daß die Meu­tereien der Truppen in Fez nur infolge der Ersetzung eines Teiles des Soldes durch freie Beköstigung veranlaßt wurde, und daß die Truppen später Beweise von Ergebenheit und Disziplin gezeigt hätten, so erinnert das lebhaft an die vorhin erwähnte Methode vom August 18<0:Jetzt, Fran­zosen, Haden mir euch die volle Wahrheit gesagt."

Die wirkliche Wahrheit steht zweifellos ganz anders aus. Richt amtlich, aber auch aus französischen Quellen stammende Nachrichten besagen, daß zwar in Fez, wo unter den Kanonen des Generals MoinierS der Belage­rungszustand herrscht, alles ruhig sei, daß sich aber in den Rvrdwestdistriktcn des Reiches eine allge­meine Erhebung gegen Frankreich vorbereite, und daß der mächtige Häuptling Achmed Hiba sich, an­geblich miber seinen Willen, an die Spitze seiner Stämme gestellt habe, um den heiligen Krieg gegen die Franzosen zu verkünden. Eine gemifie Ironie der Geschichte liegt darin, daß die Marokkaner hierbei die französische Taktik anmenben, indem sie Überall iht Lande die Sieger der scherisischen Truppen über die französischen Eindring­linge ausposaunen und auf diese Weise die Kricgsbegeiste- rung zu entflammen suchen.

Die für die Franzosen bedenklichste Meldung aber ist die von der Ausrufung Mulay Mohammeds des Einäugigen, des Bruders des Sultans Mulay Hafid, zum Gegensultan. Ueberraschen lann diese Alarm nach richt nicht, denn das Institut der Kronprätenden­ten war in Rtarokko, das, wie alle muselmännischen Staaten, keine seste Thronsolgeordnung besitzt, sogar vor der französi­schen Invasion außerordentlich bctiebt. Der jetzige Sultan Mulav Hafid hat detanntlich mit Unterstützung der Fran­zosen seinen älteren Bruder Abdul Asis vom Thron gestürzt, weil dieser sich nicht zum gefügigen Werkzeug der Eroberer degradieren lassen wollte. Mulay Hafid aber ist nur ein Strohmann des französischen Regimes, und es märe daher nicht weiter verwunderlich, wenn jetzt die nicht unterworfe­nen Stämme in Rtarokto der Fahne des neuen Gegensultans zulaufen würden. Gilt doch Ätulay Hafid feinen Unter­

tanen als ein Feigling, der nicht einmal wie der letzte europäische Mourenköntg Boabdil el Chico, der im Jahre 1492 zur Flucht nach Afrika gezwungen wurde, Tränen für fein Land hat. Mer wenn uns die Geschichte weiter be­richtet, daß die Mauren, als sie damals aus Granada ver­trieben wurden, die Schlüssel ihrer Häuser mit sich nahmen, weil sie nicht an der Möglichkeit ihrer Rückkehr verzweifel­ten, so deutet das zugleich darauf hin, daß auch ihre jetzigen Nachkömmlinge kaum bereit sein dürften, ohne ernstliche Gegenwehr ihr Land und ihre Freiheit preiszugeben.

and so werden denn die Franzosen damit rechnen müssen, daß der Spaziergang nach Marokko sich zu einem sdhr ernstlichen Kriege ausdehnen kann, der durch die poli­tische Lage noch verwickelter wird, da naH den Erklärungen Poincares im französischen Ministerrat die französisch- spanischen Verhandlungen über die Teilung deS fcherifischen Bärenfelles so schlecht stehen, daß mit ihrem Ab­bruch gerechnet wird.

Niemaiid wird eS unS verdenken dürfen, wenn wir hierbei in Deutschland etwas von jener Freude empfinden, die als die reinste gilt, nämlich die Schadenfreude. Aber die Franzosen können versichert sein, dag man in England, dessen Machtstellung im Mittelmeer durch die französische Festsetzung im Ätaurenreich erheblichen Abbruch erfährt, nicht anders denkt, und daß man eüdlich in Italien an­gesichts der zerfahrenen Sage In Tripolis, wohin ja die Italiener durch die französische Marokkopolurk gedrängt wurden, halb spöttisch, halb wehmütig spricht: geteiltes Leid ist halbes Leid!

T>e Ausrufung des neuen Sultans.

P aris, 28. April. Nach einer Depesche desJrn- parcial" aus Melilla sollen mehrere Stämme im In­nern Marokkos einen Bruder Mulay Hafids, Moham­med den Einäugigen, zum Sultan ausgerufen haben. Sie Ernennung des franzöfischeu Eeneralresidenlen in Marokko.

Paris, 27. April. Der in Rambouillet tagenbe Mi­ni st e r r a t beschloß, General L y a u t e y zum General- r e f i b e n t e n von Marokko und G a i 11 a r b, den ge­genwärtigen Konsul von Fez, zum Generalsekretär zu er­nennen. Regnault, der bisherige Gesandte von Tanger, erhält einen Gesandtschaftsposlen in Europa.

Eine Note derAgence Havas" besagt: In dem Be­richt, den der Ministerpräsident in der Frage der Er­nennung des Generals Li aut eh dem Präsidenten Fallieres unterbreitet, heißt es u. a.:

Durchaus nötig fei es, daß die bürgerlichen und militärischen Machtbefugnisse in die Hand eines einzigen Mannes gelegt wür­ben. Tie Ausgabe, die seiner harre, sei schwierig und Dcrnndclt. Er solle dem Protektorat Geltung verschaffen unter Beobachtung der Verpflichtungen Frankreichs gegenüber den Mächten, er solle gerade der Auffassung des Protektorats treu bleiben, die in Einklang stehe mit den internationalen Verträgen und er soll auch verstehen, durch geschickte Verfügung über die französischen Streitkräfte in Marokko und durch vernünftige Ausführung des politischen, ökonomischen und strategischen Programms, die An­nahme des Protektorats seitens der marokkanischen Stämme vorzu­bereiten und zu sichern. Ter paffenbe Mann für diese Aufgaben sei Liautey.

Die Ernennung des Generals Liautey zum General­residenten in Marokko wird von der überwiegenden Presse mit lebhafter Befriedigung begrüßt.

Tie Zunahme des Aufstandes.

Aus Tanger wird gemeldet, bay bie Gärung im Charb gebiet zunehme. Nach Arbaua feien dem Ritt­meister Vary zwei Kompagnien Kolonialinfanterie und eine Maschinengewehrablcilung als Verstärkung geschickt worden, doch sei es sehr fraglich, ob die Verstärkungen genügen werden, da auch die von Vary befehligten Fuß­truppen ausreißen dürften. Die Wirkung der Er­eignisse von Fez und die Meuterei von Ar­baua werden sich wohl bald auch int Norden Ma­rokkos fühlbar machen und man kann nicht leug­nen, daß bereits unter den europäischen Ansiedlern in

Tanger eine gewisse Beunruhigung Platz gegriffen hat. Wenn diese auch nicht ganz gerechtfertigt fein möge, so täte doch die Regierung aut daran, durch die Entfendmig einiger Kriegsschiffe die Besorgnisse der Europäer zu zer­streuen.

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Ans Hessen.

Zur BcamlknbesolduutSsrage.

Darmstadt, 28. April. Der DerbandderHcssi- schen Finanzbeamten hielt heute hier seine 14. Hauptversammlung ab. Nach Erledigung der ge- schästlick)en Angelegenheiten fand eine vebhaf.e Aussprache über die Regierungsvorlage betr. die neue 'Beamten- bes oldungsordnung statt. Es wurde folgender Be­schluß einstimmig angenommen:

Ter Verband begrüßt eS bankbar, baß die Großh. Regierung eine Vorlage cingcbracht hat, die die Möglichkeit bietet, der hes­sischen Beamtenschaft nach langer Wartezeit eine wesentliche Er­leichterung in dem schweren Existenzkampf zu verschaffen, den sie unter dem Truck der anhaltenden und noch weiter steigenden Verteuerung aller Lebensbedürfnisse zu bestehen hat. Wohl sind in der Vorlage nicht alle Wünsche erfüllt, die die hessische B<> amtenschaft im Hinblick aus die Verhältnisse in anderen Bundes­staaten zu äußern berechtigt ist. Namentlich in der Richtung der Ausgleichung von Härten in der bestehenden Besoldungsorbnung und der Verbesserung der Hinterbliebenenversorgung. Ter Ver­band hofft icdoch zuversichtlich, baß die Regierung unb die Lanb- stände in gemeinsamer Arbeit auf ber Basis der Grundlage baldigst und jedenfalls noch in der gegenwärtigen Tagung ein Gesetz schaffen, das der hessischen Beamtenschaft eine Besserung ihrer Einkomm ensverhältnisse mindestens in dem Umfange bringt, wie sie durch die Vor­lage in Aussicht gestellt ist. Zugleich aber protestiert ber Verband energisch und laut gegen die etwaige Auffas­sung, daß die Vorlage zu Fall kommen soll, wenn nicht eine völlige Beseitigung der bestehen de u Harten mnb Mängel erreicht werden kann."

Deutsches Reich.

Ter Ausschuß des Reichstages zur Vorberatung des Ent­wurfs des Gesetzes, betreffend die Beseitigung des Brannt­weinkontingents konstituierte sich unter Vorsitz des Abg. Tr. Zehnter (Ztr.). Ihr gehören fünf Deutsch-Konservative, sieben Mitglieder des Zentrums, ber Vorsitzenbe mit eingerechnet, ein Pole, drei Nationallibcrale, vier Mitglieder der Fortschritt­lichen Volkspartei und acht Sozialdemokraten an.

Ter Hauptvorstand des Deutschen O st m a r k e n v e r e i u s nahm in seiner letzten Sitzung eine Entschließung an, in der eine Schwankung in der Änsiedelungspolitik ber^fnegierung als erwiesen bezeichnet wird. Im einzelnen erhebt die End­schließung die Vorwürfe einer Einschränkung der Ansiebelungs- tätigfeit und einer Verzögerungspolitik betreffs des Parzellierungs­gesetzes. An die Vertreter ber nationalen Parteien im £anbtagc, und an die öffentliche Meinung wird die Bitte gerichtet, für die Fortführung der BiSmarckschen Polenpolitik ein^utreten.

LautBcrl. Morgenpost" geht in parlamentarischen Kreisen daS Gerücht, das Zentrum beabsichtige in der Fommcnbcn Aussprache über die Hecresvorlagen im Budgetausschuß des Reichstages den Antrag zu stellen, das Militär- strafgesctzbuch dahin zu ändern, daß jedeArtvonTuell- vergehen mit sofortigem schlichten Abschied be­straft wird.

Für den Wend des 1. Mai sind in Groß-Berli» siebzig politische Versammlungen der Sozialdemokratie vorgesehen. Tie Baugewerbe- unb Holzindustrie-Organisation beschloß, alle Arbeiter, die am 1. Mai feiern, bis zum 6. Mai auszusperren, die Metallindustriellen sollen zumteil ebenso lange aussperren, zumteil die Feiernden gänzlich entlassen.

Ausland.

Tie Sammlung für das Militärflugwesen in Frankreich hat, so wird aus Paris gemeldet, den Betrag von drei Millionen überschritten.

Morningpost" meldet aus Teheran vom 20. April: Die Beschießung der Moschee in Mesched durch die Russen hat die Bewegung unter den Mullahs gefördert, die mit einem heiligen Krieg gegendie Fremden drohen.

Eichener lionzerloerein.

V. Üorrzert. Dritter Rammcrmusikabeud.

Gießen, 28. April.

Der heutige Kammermufikabend vermittelte uns die Kenntnis zweier interessanter urfb für Gießen neuer Werke moderner Rich­tung, die schon für ba3 Konzert vom 7. Januar geplant waren, aber wegen Erkrankung eines Mitglieds des Redner-Quartetts ver­schoben werden mußten.

Es ist ein sehr verdienstliches Unternehmen der Konzertleitung, neben den bewährten und beliebten Werken älterer Meister auch die neueren und weniger bekannten zu Wort kommen zu lassen, selbst auf die Gefahr hin, bet manchen konservativeren oder bequemeren Elementen der Zuhörerschaft es nicht immer voll nach Wunsch zu treffen. Tas vortreffliche Rebner-Quartett aus Frant- furt, sowie unser Professor Trautmann sind überdies Künstler von so festbegründetem Ansehen, daß sie sich selbst gewagte« Versuche, als der heutige Abend darstellt, getrost gestatten können; sie verfügen auch über Die erforderliche technische und geistige Viel­seitigkeit, um Neues und Neuestes Der verschiedensten Richtung mit Sicherheit und Reise zu bewältigen und zur Geltung zu bringen.

Die Reihenfolge der Darbietungen war klug gewählt: zuerst bei noch frischer Aufnahmefähigkeit der Hörer die schwerste Kost, das F-moll-Cuintett von Cäsar Franck, Dann das wohl­bekannte, aber immer wieder gern gehörte C-dur-Cuartett von Mozart, zum Schluß das wirkungsvolle, aber weniger tiefe B-dur- Ouintett von Sgambati. Bei dem Mozartschen Wert überrascht immer wieder die für jene Zeit merkwürdig ernste und kühne Ein­leitung; Der langsame Satz, der ganz in Wohllaut und Holdselig­keit schwelgt, wurde mit besonderer Warme und in musterhaftem Zusammenllang gespielt. E. Franck, in Teutschland hauptsächlich durch sein schönes CratoriumTie Seligpreisungen" bekannt, hat, wie so mancher Künstler, erst nach.feinem Tode Die verdiente Beach.ung gefunden; Die Tiefe und Der Ernst feiner Künstlernatur toi: auch ein gewisser Hang zu schwerblütigem und grüblerischem Wesen deutet auf die germanische Slbitammung dieses be­deutende» »ylftanzöjifchen Misters bin; such fein Quintett zeigt

diese Eigenschaften. Bemerkenswert ist, soweit nach einmaligem Horen geurteilt werden kann. Die Neigung zu orchestralen Wir­kungen und ein gewisser tiefbohrender, beinahe pessimistifckicr Zug, Der das ganze Werk durchzieht und chm einen sehr einheitlichen, wenn auch düsteren Charakter verleiht; am packendsten schien uns ber tief empiundene Mittelsatz, Der auch eine besonders schöne Wiedergabe fand. 'Das Sgambatische Quintett kann wohl nicht auf gleich hohe Stufe gestellt werden. Es ist sehr geschickt unb gebiegen, auch wirkungsvoll gearbeitet, und sucht mit Glück mo- Derne Pfade zu wandeln, vermag aber doch nicht eine gewisse Aeußer­lich kett und Zerfahrenheit zu vermeiden; zuweilen schleichen sich auch opernhafte Wendungen und pathetische Kantilenen cm. Die Dem Italiener nun einmal im Blute zu liegen scheinen. Nichts­destoweniger schätzen wir auch Die Bekanntschaft mit diesem Werke als einen Gewinn zumal bie Ausführung eine vorzügliche war und durch Schwung und Feuer auch über schwächere Stellen glücklich Hinwegtrug.

Erfreulich war die bantbare Anteilnahme Der Zuhörerschaft. Leider zeigte der Saal einige Lücken, die wohl auf Rechnung des Frühlings---sonmagnachrnsttags zu setzen sind. P.

Preisausschreiben. Zur Tausendiahrseiet der Stadt Kassel im Sept. 1913 ist die Aufführung eines Festspiels tn ber neuen Stadthalle geplant. Ter Stoff des Feftspiels muß ber Kasseler Geschichte entnommen sein, kann aber dichterisch frei ge­staltet werden. Um geeignete Stücke zu gewinnen, wirb ein all­gemeines deutsches Preisausschreiben erlassen unb cm Preis von 2000 Mark für die beste Arbeit ausgesetzi. Ter Ankauf weiterer geeignet erscheinender Manuskripte bleibt Vorbehalten. Tie näheren Bedingungen des Ausfchrcibens versendet gebührenfrei bas Stadtoerkehrsamt Kassel (Rathaus).

Eine neuentdeckte Oelskizze Vermeers. Ter junge Berliner Kunsthistoriker Tr. Eduaro Plietzsch hat unter den Handzeichnungen des königl. Kupferstichkabinetts in Berlin eine Lelskizze von Vermeer, dem Zeitgenossen Rembrandts, wiederentdeac, bie bisher in ber sogenannten zweiten Garnitur als Zeichnung eines Unbelannten ausbewahrt wurde. Tie Siizze gibt ein sehr charakteristisches und lebensvoUeS Knabenportrat

wieder unb bereichert unsere Kenntnis PermeerS und in Sonder« heil feiner Technik nicht unwesentlich.

Ei nneuer Caras o". Die Londoner Blätter be­richten über das erste Auftreten eines bisher unbekannten Tenors, Giovanni Martinelli, inTosea". Als der junge Sanger, ber noch vor kurzem in Neapel die Klarinette in einer Militär­kapelle spielte, den wundervollen Wohllaut seines Organs sieg­haft erklingen ließ, ging ein leises Raunen ber Bewunberung durch bas Publikum des Covcnt Garden Theaters unb nach Be­endigung {einer ersten Arie bereiteten ihm bie Zuhörer eine be­geisterte Huldigung. Der Fortgang ber Oper mußte eine kurze Zeit unterbrochen werden, bevor sich ber Beifall ausgetobt hatte. Neben ber ungewöhnlichen Schönheit ber Stimme trug auch bas ausgezeichnete Spiel, baS derneue Caruso" in ber Nolle beS Malers Cavaraiwssi entwickelte, zu dem fast beispiellosen Er­folg bei.

lck. Schlangengift als Heilmittel geaen Tuber­kulose. Tr. I. Ambrose Thompson in Hyattsoille (Maryland) har sub, wie sich derStandard" berichten läßt, durch Schlangen­gift selbst von ber Tuberkulose befreit Er hat dabei an sich selbst ein Verfahren durchgeführt, von dem schon bie Medizin des Sanskrit weiß: 4000 Jahre vor unserer Zeitrechnung kannte der Weise Sushruta bereits die Heilwirkung des Schlangengiftes bet In­fektionskrankheiten. Tie alten Inder verwandten es, indem sie sich mit dornigen Zweigen peitschten und dann die Haut mit dem Blute eines Tieres einreiben ließen, das an einem Schlangen­bisse gestorben war. Tr. Thompson hat sich das Sdjlangengr' in ab-gemessenen Mengen eingespritzt, wobei er sich eines Gemisches der beiden bekannten Schlangengiftarten, des Eolobrins unb des Viperinö bediente. Jedes Der Gifte einzeln schädigt oen ttarper des Menschen stark, beide gemeinsam aber heben sich in ihrer Giftwirkung fast völlig auf. Tr. Thompson behauptet, in seinem Körper könnten nach der Schlangengiftkur ferne Tuberkeln mehr nachgewiesen werden.

Kurze 'Nachrichten aus Kunst und Wissen­schaft. In der Universitätsklinik zu Halle a. S. ist der bekannte Chirurg ujtb Orthopäde Dr. Nürnberg- Erfurt nach einer Nierenoperation gestorben.