Nr. 153
Erster Bleit
162. Jahrgang
Dienstag, 2. Juli 1912
General-Anzeiger für Oberhessen
Ter Strherier Nozeiger erscheint täglich, äuget ConntaqS. - Beilagen, viermal roöcbeni ■ i SiehenerZamiliendlättcr «zwcnnalwöchcntlNreir- l'IattfürdenNrrir Siegen (^icnßtag unb jyteitaq); siveimal monntL Land» wirt-choftliche Seitfragtn Feriiipiech • Anschlüße: für bie Redaki on 11*2, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen: Anzeiger (Weitert.
Wt’^r^aflrtSminer lrotationrdruck und Verlag der vrühl'fchen Univ.-Vuch- unt Steinöruderd K Lange. Heöaftion, Expedition und vruderel: §chn!fttaße 7. b's vormülags ^‘iibr. vüdingen: Fernsprecher Nr. 269 GeichäfLrstelle vahnhofstrahe (6a.
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abilt.4.) -if. 2.20; durch ohol:- il Aivetq ?.en vumtlifh *'5 :?f.; bar I) hie Uoft U'it **.— vieitel« jäbrL an?'.hl. 'Bctc.uj. . .eile? pieiS:lofall5W, • Ginart-:- 20 Liemuq. Chefredakteur: 91 Goeiz. Vera tnwrtt'ch für den politischen Teil: A'icp.iÜ Koen; für .Feuille- ton", »Vennischic:' und „Weriditefaal*: ü. Neu- ralh; für .Stadt und Vaiib": l <)eg; für ben Anzeigenteil; p. OJerf.
Die heutige Nummer umfafet 10 Seiten-
Lord Verersord über die englische Kotte.
Paris, 1. Juli. Der „Excelftoc" veröpentliclut ein J-niervckew seines Londoner -Korrespondenten mit Lord Beresford, oer unter anderem gesagt fyafre; Die jimgft von der englischen. Regierung im Mirretmeev getroffenen MaßnalMen tuaren gleichbedeutend mit her Räumung des Äüchtelmceres England besitze im Mittclmeer nicht mehr bic Oberlserrfchaft, der Weg nach Aegypten und Indien ift eine Teilstrecke freigegeben. Das in Gibraltar ge- laffene Geschwader soll nach dem dNittelmeer iuti> nach dem Atlantischen Ozean Front machen; dazu ist es zu schwach, es wurde oom Feinde vernichtet werden. Tie deutschen Kreuzer würden es int gegebenen. Augenblick zweifellos verhindern, sich mit der ^emcfleet (Heimatflotte) za vereinigen. Auf die Frage, ob der französischen Flotte infolge irgendwelcher Llbmachungen der Schutz der eng lischen Interessen im SDtitteimeer anvertraut worden sei, antwortete Beresford: Ja, ich glaube es. Ich könnte derartige Vereinbarungen nicht billigen. Es ist nicht gerecht, daß das französische Geschwader über unsere Sicherheit wachen soll. Da^ hieße unteren Nachbar mißbrauchen, denn England kann Frankreich für diesen Dienst keine Gegenleistung bieten. Könnte es denn nicht, wenn es je- mals nötig sein sollte, auf den Kontingent rechtzeitig 100 000 Mann werfen ? Nein! England ist zu einer solchen Anstrengung unfähig. Der gegenwärtige Staubet kann ferne Dauer haben, wenn die Franzosen, falls eines Tages gewisse Ereignisse eintreten, sich als Betrogene Vorkommen
wie der Dreibund seinen Mitgliedern Freundschaften und Ententen mit anderen Mächten nicht verwehrt, so hat auch der Zweibund die wenigstens in den letzten Jahren ungestört guten Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland nicht zu verhindern vermocht. Und dies wird aurii durch den von der französischen Presse aus recht durchsichtigen Gründen über Gebühr aufgebauschten Fall Kostewitsch nicht geschehen können. Die Spionage gehört nun einmal zum politischen Handwerk, und tnvnn ein fremder Staatsangehöriger wegen Spionageverdacht verhafte! wird, so berührt das "die offiziellen Beziehungen nicht, weil die Regierung des fremden Staates überhaupt nichts von Spionage weiß. Selbst wenn sich der Verdacht gegen den Hauptmann Kostewitsch etwa als unberechtigt Herausstellen joflte, hätte man in Rußland leinen Anlaß zur Beschwerde, da cS ja an Kompensationsobjekten — wir erinnern nur an die jüngsten Fülle Dreßter und Dahm — nicht mangels. Aber nach dem bisherigen Gang der Untersuchung scheint an der Schuld des Kostewitsch faitnt noch ein Zweifel möglich zu fein.
Wie dem aber auch sei, so können durch solche Vor- fälle, wie fd/on betont, die offiziellen Beziehungen nicht berührt werden, und daß diese zwischen Deutschland und Rußland durchaus geordnete und diplomatisch freundschaftliche find, das wird durch die Zusammenkunft vor Baltischport erneut zum Ausdruck gebracht. Beide Staaten haben manche gemeinsamen und wenig kollidierende Interessen, und nach etlichen Schwankungen scheint man sich auch im Zarenreiche trotz einiger Panflavistischen Extratouren zu der Erkenntnis durchgerungen zu haben, daß es mehr Erfolg verspricht, nach Möglichkeit mit, als gegen den deutschen Nachbar zu arbeiten.
Berlin, 1. Juli. Der Kaiser gedenkt heute abend von der Wildpartftation aus sich nach Danzig-Neufahr- wasser und von da nach Rußland pl. begeben.
Die Zwettaiserzusammenkunst.
Die auf den 4. Jult angesetzte Zusammenkunft zwischen Kaiser Wilhelm und dem Zaren Nikolaus Hal schon, bevor sie stattfand, den Franzosen, die ein Monopol auf die russische Freundschaft zu haben glauben, starkes Kopfzerbrechen und unverhohlene Sorgen verursacht, die man unter dem Schlagwort zu verdecken suchte, daß es sich bei der Zweikaiserzusanunenkunft um eine rein private unb persönliche Angelegenheit handele. Daß diese Kennzeichnung nicht den Tatsachen entspricht, geht schon aus der ganzen Ausmachung hervor, mit der diese Begegnung ins Werk gefeu wird, üßenn es sich auch hierbei in erster Reche um eine Erwiderung des Besuches handelt, den Zar Nikolaus Ende Oktober 1910 dem deutschen Kaiser in Potsdam abgestattet hat, so ist doch schon durch die Teilnahme des deutschen Reichskanzlers, des Premierministers Kokowtzow und oes Ministers Sasonow der politische Einschlag dieser Fürstenbegegnung bedingt. Und wenn Herr v. Bethmann- >Hollweg namher noch Herrn Sasonow in Petersburg auf- zusuchen beabsichtigt, so wird er dies schwerlich zu dem .Zweck tun, um »ich mtt ihm über das gute oder schlechte Wetter zu unterhalten.
jDihi wenigstens über das politische Wetter, das sich hie unb da noch immer recht unfreundlich anlaßt, und das besonders im südofteuropaischen Wetterwinkä, wo der tttali enif ch-tu r kis ch e ü r ie g jeden Augenblick die ' gefürchtete Balkanfrage au fr ollen tarnt, eine katastrophalen Charakter au]'reift. Freilich, wenn türkische Blätter der ! .Hoffnung Ausdruck geben, daß „ftaifer Wilhelm als Freund Iber Os man en bei bei Zusammentunst mit dem Zaren in aufrichtiger, unparteiischer Friedensliebe da.- Terrain für eine Vermittelung suchen" locrbe, so wird dabei übersehen, daß es fürs erste noch immer an einer Grundlage für eine solche Vermittelung fehlt, da sich die italienischen und die türkischen Anschauungen über die Möglichkeit eines Frie- densSchlusses bisher nur recht wenig genähert haben. Wohl alier i|i es wahrscheinlich, daß bei den Besprechungen in den ftnnischeu Schären von den Mitteln die Siebt; sein i'toirb, mit oeren Hilfe auch in der Folge eine Lokalisierung des Krieges gesichert und der Ausbruch des drohenden Balkanbrandes verhindert werden kann Ist doch hier gerade ein Punkt, wo bisher Mißtrauen gegenüber der russischen Poliltt — mar denke nur an die Dardanellew- fragc' — t-errschtr, wobei s ognr, wie die Konflikt wegen des Botschafters LouiS in Petersburg gezeigt hat, erhebliche Dis seren en zwisewm Frankreich unö dem Zarenreiche ^herrschten — vielleicht auch noch herrschen.
ES ift möglich, ia sogar wahrscheinlich, daß in diesem Zusammenhang auch noch über manche anbei:c Fragen von weltpolitischer Bedeutung gesprochen werden luirb, wie etwa Die Bagdadbahn frage- die im wesentlichen schon im Jahre 1910 geregelt worden ist, und die damit zusammenhängende persische Frage, bei der allerdings für Deutschland nur rein wirtschaftliche Interessen in Frage kommen. Jin übrigen ist aber von der Möglichkeit irgeno- 101'1(1)er politischer Neuorientierung nicht die Rede, und wenn hie und da von der Wahrscheinlichkeit n.uer Mächte- gruppierungen gesprochen wiro, so ist das müßige und haltlose Kombinatton. Deshalb haben auch die Franzoseii keinerlei Anlaß, sich zu beunruhigen, denn nichts liegt der deutschen Politik ferner als der für absehbare Zeiten aus- sickstslose Versuch einer Sprengung des Zweibundes. Aber
und cs wäre unangenehm, wein, da, sro: .ösische V . dann über das „Perfide Albion" schreien würde. FcanE reich hat angesickus der militärischen Hilfsquellen kein In tercsse daran, fiel» mit uns durch Bande zu verlnüpsen, welche über die Entente cordiale hinausgehen. Fran: reich tonnte übrigens die Aufgabe, die finnzösisch-eng lischen Interesse» im Mittelmeer zu vertreten, nicht en. sprechend erfüllen, denn Italien und Oesterreich werden un Jahre 1916 zusammen 14 Ueberdreadnoughts haben. Die Franzosen noch 9. Gegenwärtig bauen Jcalien unb Oesterreich sechs UeberdreadnoughiS und Frankreich hat nur zwei auf feinen Werften. Englanu kann seine Oberherrschaft zur See nicht auf geben, ohne abzuda nten. Schiffe, Schiffe unb wieder Schiffe mit den entsprechenden Mann-, schasteil, bas ist, was wir brauchen.
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London, 1. Juli. Das „Daily Ehronicl^ spricht sich in einem Leitartikel optimistisch über bie deutsch- englischen Beziehungen aus. Die Bemühungen. Lord Haldanes seien nicht vergebens gewesen unb oic Ankunft oes Freiherrn Marschalt von Bieberstein berechttge zu neuen Hoffnungen Das Blatt glauot, daß die Be-. Ziehungen sich bessern werden, weil das Ziel weder imaginär noch künstlich sei, sondern den wirklichen Richtungen der beiden Länder entspreche. Als Handelstreibende unb exportierende Nationen stehen Deutschland unb England an der Spitze Europas und haben enorme Zitteren 'n gemein. Im Vergleich damit sind die Gründe für ihre iiLi.agonie unbedeutend. _____ _
~ Der Krieg um Tripoli;.
Rom, 1. Juli. Der Senat nalym die Gefetz^svorlage betreffend die Errichtung eines K o l o n i a l m i n i - steriums an, nachdem Ministerpräsident Giolittt hervorgehoben hatte, e, sei eine notwendige Folge bei Eroberung Libl)ens, baß Italien eine rechte Kolonuilpolitik einschlage. Zuerst müsse man, führte Giolittt aus, vollständig uub genau bie Bedingungen in dem neuen Gebiet studieren,: über die Italien seine Souveränität erklärt Hube. Das.! Kolonialministerium ■* rbc- sich vor allem mit Studien zu beschäftigen l-aden unb sich stufenweise entwickeln.
Rom, 1. Juli. Die Lgenzia Stesani meldet aus Ferna: Abteilungen von Askarrs unterftübt von einem Bataillon Breuasie r und eiu^r Gefecht-ballerte nniernah- men am Vormittag Erkundigung; sie stellten fest, daß, das Gros des Feindes sich nach Regealine zurückgezogen? und Ttcine Gruppen be- Sidi-Ali gelassen batte. Diese wurden durch einige Schüsse vom Kriegsschiff „Jride" zerstreut.
Die Agenrra Stesani meldet aas Benghusi vom, 30. Juni: Die Konzentrierung des Feindes, die m ben letzten Tagen angeordnet wurde, inißlang. Zahlreiche Stämme beantworte! en nicht den Appell.
Konstantinopel, 1. Juli. Das K> legönriuifterium^ verösfentlicht über ben Kamps bei Sidi S aid am 2d. Juni einen Bericht, nach dem die Italiener nach einem Kamps von 7 Stunden unter großen Verlusten sich zurückgezog.n haben. Die Türken hatten 100 Tote und 2üu Verwundete.
Nach italienischer Darstellung ist dieser Berickü vollkommen falsch. -Die Italiener hätten die Höhen von Sidi Said in Besitz genommen, nachdem der Feind da»on getrieben war. Die Verluste der Türketl and Araber ül'w- ichritten weit die in der türkischen Meldung angegebenen, da allein die Zahl der auf dem Schlachtselde zuruckgelafsenen Toten 200 betrage.
Der schönste vrieswechsel öcs jungen Goethe.
Die Briese an Auguste zu Stolberg. Von Dr. Max Hecker (Weimar).
Goethes Briefe an die Schwester seiner beiden „Sturm- und Drang"-Kameraden, der Grafen Stolberg, die uns den tiefsten Einblick in bie Seele des Faust-Schöpfers gewähren, sind vor etwa Drcivieckeljahrliundert einmal erschienen und seitdem nur in den großen Sammelwerken gedruckt worden. Im Rattn.ii einer Sammlung billiger Lände, deren erste Reihe der Jw'el-Verlag unter dem Titel „Insel-Bücherei" er- sch- nen laßt, wird dieser köstliche Schay nun der breitesten Allgemeinheit zugänglich gemacht. Wir sind in der Lage, einen 2eil der Einleitung zu dieser Ncuausgabe, in der der bekannte Goethe-Fotscher Dr. Hecker das interessante Problem bieicr merkwürdigen Beziehung des Dichters zu einer ihm persönlich unbefannicn „schönen Seele" zum erstenmal eingehend behandelt, unteren Lesern vorzulegen. Tie Red.
- „Sturm und Drang" — an dem ergreifendsten Erzeugnis dieser ausgewühllen Epoche, an den „Leiden des jungen Werlhcrs" Halle sich .uigufte Luise Gräfin zu Stolberg-Stolberg entzündet, als sie im Januar 1775 an den ihr fremden Dichter ben ersten Brief richr te. Geboren am 7. Januar 1753, Sprößling eines uralten nie?erbeut)elfen Gefchlechtcs, lebte sie „still und bewegt" ein unscheinbares reiches lieben; das 'übliche Holstein, Die dänische Insel Seeland, die Niedernngen der Elbmündung jnib mit ihrem Wechsel von Wieie und Buchenwald, von Moor und Ackerfläche, von schäumender Meeresbraiidung und tojenDem Landsee der begrenzte Scnauplah dieses weiten Daseins gewesen.
„Sturni und Drang" — wohl müsjte es reizvoll sein, diese mächtige Bewegung' sich in empündsamer Mädchenscele bewähren zu jehen, aber oic Briefe^ Gustchens, die uns solchen Anblick bieten könnten, sind bcu Flanimcn zum Opfer geiallen, denen !Goethe 1797 die Dokumente alter seiner persönlichen Beziehungen überantwortet hat. Dafür zeigen unS seine eigenen Antworten vom Jahre 1773 das Lckw.u iel der jungen Zeit in seiner er- habenjlen Gestalt. Wie machtvoli weht uns ans diesen Zeilen, die mit strudelnder Feder „hntgewuhlt" sind, der feurige Atem deS Dichiergenius entgegen, bei das Mmtertum der Welt und deS eigenen Herzens zu löten ringt, der bie Wirrsale des Daseins, das Wonne und Schmerz zugleia) ist, m künstlerischen Formen zu bändigen utebt! Wie wechselt in diesem Hopfenden Busen, der Himmel und Holle nebeneinander umschlieht, die Flut der üessten Empfindung; aus lichter Klarheit und Götternälie ins Dunkel der Eedennot hinabge«lürzt, au lauchend aus Kleinmut und Ver„!.>eislung z.> l:.-. wiger Havertt dt auf die ein
geborene .nra t und das waltende Schicksal, ergreifi dieses Gemüt reden neuen Zustand mit Mgestumer Lechensa-ast. Dem U^bct
schwang des Gefühls versagt sich das sonst so gefügige Wort; ui bedeutungsschwerem Stammeln, halben abgebrochene« Lauten einer erschütternden Vollnatur macht sich der Sturm des Innern Luft. „Ich bin wie ein kleines Kind", ein Kind, das, hingegeben jedem Augenblick, sich in lallenden Tönen überstürzt, um von Leiden und Freuden sich zu entlasten, die daS Herz erdrücken möchten. So harte auch Weither emsr gerufen: „O was ich ein Kind bin!" Und wie hier bie „Leiden des jungen Werthers", so Hingen andere Dichtungen dieser reichen Epoche an anderen Stellen unserer Briefe an. „Ich will Ihnen feinen Namen geben, denn was find Namen gegen das unmittelbare Gefühl", dieses erste Wort Goethes an Gujtchkir ist wahrhaft wcsensverwandt jenem Faustischen Bekenntnis: „Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Namen dafür!"
„Faust" steigt auf aus unseren Briefen; unmittelbar in die Werkstatt des Dickiters wird uns em Einblick erlaubt, wenn wir auf die Befchreibung des „Rattenliedes" stoßen. Unb neben „Faust" stehl „S teil a", das kühne „Schauspiel für liebende", herausgeboren aus dem sclig-schmerzltchen VerhälMis zu Lili 2cböncniann. Lili — das ift der Gegenstand der Frankfurter Briefe. Wir sehen das unlösbare Geslccht von Qual und Entzücken, in dem sich Goethe verfangen hat. Das bluten;unge Mädchen, vollkommen schort und tiebenswürdig, in kindlicher Harmlosigkeit sich des Zaubers ersrcuend, bir von Zhr auSgebt, rind wiederum fähig und bereit, dem Geliebten Familie unb Heimat aufzuopfern, erhebt ihn nut der itraft ihrer innigen Neigung zur Hohe überirdifchen Glückes, unb eine finstere Gewalt zerrt ihn unbarmherzig hinab in ccn ''Lbgrum- innerlicher Verstörtheit ; das Graue-, vor der Alltaglichteit, der er sich über» liefern foll, oic Furcht vor dem platten Nackchar- und Gevattcr- wesen, der öibctroillen gegen daS spießbürgerliche Getriebe, bie leere Selbstgefälligkeit eines verrottenden Gemeinwesens. Hin und her gcrr Tn zwischen ie icbe und Freiheilssehnen, fiiwct Goethe feinen Stcuttpunkt zu ruhiger Erwägung, sein Groll kehrt sich gegen bie Braut, die des unseligen Zwittpaltes muchuldigc Ursache ist, er rlagt sie mit abweisender Kulte unb büßt jein Unrecht in bitteren Seldsivorwürfen, er übergibt 'ich dem Strudel gesell- schastlichec Vergnügungen, um die innere Unruhe zu übertäuben.
cs)clreuen Bericht dieser traurig-sußen Bläutigamszeir hat Goethc dein unbekannten Mädchen nugeuattet; abci immer aurö neue bricht bic Klage durch, daß er das Lohte, Tiefste, Geheimste nur von '.ulunb zu Mund lagen könne. So ist er denn also schon damals der bitteren Wahrheit inne geworden, daß aller Seelen- fr oft zum Trotz die persönltae Gegen-vart ganz allem ein wahres Verhältnis zu bestimmen und zu befestigen Dermögeuo sei, unb doch bleibt er noch unerschvistich in ocr Erfindung von Mitteln, das getrennte wirkfam zu vereinigen. Von Tag um Tag, von 3tunoe um Stunde gibt er Rechenschaft, um sich über alle Fernen
hinweg ganz darziiftkllcn; er bittet: „Schreiber, Sie doch auch immer die Daten", weil er die lange Zeit hin-oegtilgen m können hofft, die Gustck/ens Briese Haden reifen müssen, r borgt Hilfe von seiner Zeichenkunst und gibt der Freundin ein Bild feiner Stube — jener Stube, Oie feine Seufer um Hili gehört,.
und Drang" legt sich zur Ruhe, Goethe reift feiter Männlichkeit' entgegen, die nur in unmittelbarer Gegenständlichkeit wesen unb wirken mag, und in demselben Maße, wie ihm volle Realität' alles Seins zur Lebensbeoingung wiro, welkt bas hastig emporgetriebene Verhältnis zu Gnftä:n Stolberg ab.
Die einzige Gelegenheit, die sich ihm gebot.n fjat, bie Vertraute seiner Frankfurter Leiden persönlich kennen zu lernen,: hat Goethe versäumt, als er im Dezember 177., ihre Brüder, | entgegen dem ursprünglichen Plane, allein von Weimar abreiscni ließ. Ter herzogliche Freund hielt ihn damals fest, und sie, die nun aui länger denn ein Jahrzehnt seines heißen Verlangend unerreichbarer Pol sein sollte, Eljarlotte von Siem. Rur selten wirb Charlottens Name genannt in den Briesen, die Gustchen noch aus Weimar erhalten hat, der Einfluß ihres stetig-milden Wesens ist jedoch n:cht ztt verkennen. Wie viel ruhiger öcr Ton, wie viel gleichmäßiger Derw uns Erzen.ung, wie viel g^ dämpster der Ausdruck neuen Leides, dessen Ursache im Dunkel bleibt! Die sahlieichen Gedankensrriche, bic, wie Erdrisse einen heißen Booen zeigst en, die ftebcniben Franksurter Biieie durchsetzten, kommen fiiftcner und seltener aus ruhig soitlausender Feder. Wie ettüschcuder Frühling eines herrlichen Sommer- morgcns wehr c6 lerbn, wie ein Wipfelgruß aus oem geliebten Garten im Pa«. Alle seine i Heren Gc n 1 .....u sü beerbt, har Goethe der teuren Frau gestanden; 'ie ist auch in Gustchen Swlbergs Lcichrecht eingeLtctcn, a.y ver,lebende Frauensee.e ute Beichten eines umgetricbcnen Dichter Herzens entgegenzunehmen. Hier war die lebendige Hand, bie sich kühlend am Oie erhitzte Stirne legen fonnte, Fülle her Wirklichkeit, Jiraft der Gegen- wan — Da mußte Geistchens - Vo zu leerem Schemen r ' lasten.
Und noch einmal, nach einem Mensck-enalter voll wechselnden Schicksals, ist Gustchen ungenuen vor den LtumMgttvoroencn bingetreten, um m eindringlichem Bekehr'-ugsversuch .u erweisen, wie nah ihicm liebevollen Herzen . :r Freund Oer Fugend geblieben sei. Kein Mephistopheles begrin'st. da- 'Vertrauen eu er guten Seele, die, ihres Glaubens voll, sich heilig quält, ihn, der ihr einst so viel von seinem tiefsten Selcht ge -.mH, verloren halten zu sollen! Goeches Antwort, ernst uno -u.'cd^ . i>: bi.5 erhabenpe Betenrnnis seiner reinen Welrfrömmigkcil. ei r als einmal ist er das Ziel eifriger Christianisierungsl.:|r gerat er., bie er dann wohl mit derbem Spott in ihre 2<at. en zurück- verwiesen hat — was ist's, Vas in gutmeine: r .. i.,,ung hier mit Milde und verzeihendem Pcrirändnis j 3.1:11 heißt?


