Ausgabe 
16.7.1912 Erstes Blatt
 
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die Politik der österreichisch-ungarischen Monarchie, die ebenw wie wir an der Aufrechterhaltung des Friedens am Balkan interessiert ist, nicht ein glänzender Beweis der intimen Be­ziehungen zwischen der Türkei und Oesterreich-Ungarn?

Die Kammer sprach mit 194 gegen 4 Stimmen dem Ka­binett das Vertrauen aus.

Konstantknopcl, 15. Juli. Die von der Kammer zur Untersuchung der Angelegenheit des Verkaufes dreier Staatsdomänen im Vilajet Adana durch den früheren Finanzminister Nail Bey eingesetzte Kommission sprach lief) dahin aus, daß der zwischen dem Finanzministerium und den französi­schen Kapitalilten Grasen Lesseps und Baron Vandevreeg ab­geschlossene Vertrag als gesetzwidrig annulliert werden müsse. Einige Mitglieder der Untersuchungskommission beantragten Er­hebung der Anklage gegen den früheren Finanzminister.

Zur Verfolgung der desertierten Offiziere wurden Truppen von Monastir nach Dibra und Gorica abgeschickt. Dschavid Pascha wurde zum Kommandanten des 6. Korps in Monastir ernannt.

Saloniki, 15. Juli. Den von Skutari und Elbasan abgegangenen Truppen gelang es, die A u f st ä n d i s ch e n, die sich bei Tirana und .Akdschehissara gesammelt hatten, zu zer­streuen.

Wien, 15. Juli. Der Führer der aufständischen albani­schen Offiziere, T a j a r Bey, betonte in einem Briefe an einen im Auslande weilenden Albaner, er habe die Anträge der Regierung rundweg abgelehnt. Er sei überzeugt, daß das übrige Offizierkorps nicht gegen sein militärisches Ehrenwort gegen die Aufständischen ziehen werde.

Smyrna, 15. Juli. Hier ist eine starke Strömung gegen die gegenwärtige Regierung vorhanden. Rund 100 000 Mann sind in Smyrna zusammengezogen. Die Truppen, auf deren Stimmung das Ausbleiben eines italienischen Angriffs drückend wirkt, verlangen immer dringender Kampf oder Ent­lassung, damit sie sich ihren Erntearbeiten widmen können.

Belgrad, 15. Juli. Ein königlicher Ukas ordnet die Ein­berufung sämtlicher Reservisten zu einer zwanzigtägi- ae n Hebung in den Monaten Juli, August, September an. Sämtliche Reserveoffiziere werden zu einer sechswöchigen Waffen- übung einberufen.

Der monarchistische putsch in Portugal.

Aus Madrid wird gemeldet: Der Minister des Innern Barroso teilte mehreren Berichterstattern mit, daß die Rote der portugiesischen Gesandtschaft mit der von der portugiesischen Regierung überreichten Note gleichlautend sei. Es sei dies ein ungewöhnliches Vorgehen. Der Minister fügte hinzu, daß die durch die royalistischen Verschwörer verursachten Schwierig­keiten zum Teil auf die von dem portugiesischen Konsul begangenen Fehler zurückzuführen seien. Die spanischen Blätter sprechen sich im allgemeinen über das Vorgehen der portugiesischen Regie­rung beifällig aus. Die republikanischen und sozialistischen Mit­glieder des Madrider Gemeinderats haben an die portugiesische Regierung eine Sympathieadresse gerichtet.

In Loures, Bucellas und zwei anderen in der Nähe von Lissabon gelegenen Gemeinden haben die Republikaner die O r t s g e i st l i ch e n vertrieben. Zahlreiche Einwohner verfolgten die Geistlichen bis vor die Tore Lissabons. Der Pfarrer in Bellas ist verhaftet worden. Tie Blätter melden noch weitere Verhaftungen, die damit begründet werden, daß in Bellas eine Empörung angezettelt werden sollte.

Deutsches Reich.

Der Kaiser machte am Montag vormittag in Molde rfnen längeren Spaziergang und hörte am Abend einen kriegs­geschichtlichen Vortrag.

Wie die WienerZeit" mitteilt, wird der Erzherzog- Thronfolger Franz Ferdinand den diesjährigen M a - növern der deutschen Flotte bei Kiel beiwohnen. Auch in russischer Großfürst hat dazu eine Einladung erhalten.

Zu der im Marineverordnungsblatt veröffentlichten Ur­kunde wegen Stiftung einer Ko lo n i al d e n k m ü n z e bemerkt dieNorddeutsche Allgemeine Zeitung": Alle ehemaligen Schuhtruppenangehörigen, die nicht mehr im aktiven Dienst stehen, aber sich noch unter militärischer Kontrolle befinden und An­sprüche auf die Denkmünze geltend machen, haben zu deren Er­langung sich nicht an das Kommando der Schutztruppen im Reichskolonialamt, sondern unter Vorlage des Militärpasses bezw. sonstiger Ausweispapiere an das zuständige Bezirkskommando bezw. Meldeamt zu melden. Ehemalige Schutztruppenangehörige, die unter keiner militärischen Kontrolle mehr stehen und Anspruch auf die Kolonialdenkmünze geltend machen, wenden sich am zweck­mäßigsten unter Vorlage ihres Militärpasses bezw. sonstiger Aus­weispapiere an das ihrem jetzigen Wohnsitz zunächst gelegene Bezirkskommando bezw. Meldeamt. Im Auslanoe tritt bei diesen Personen an Stelle des Bezirkskommandos die zuständige Kon­sulatsbehörde.

Ter Reichskanzler Dr. v. Bethmann Hollweg ist nach Berlin zurückgekehrt.

Tie badische 1. Kammer hat das Finanzgesetz einstimmig angenommen, nachdem Frhr. v. Stotzingen erklärt hatte, es sei zu erwägen geweseü, ob man das Finanzgesetz in­folge des Wstrichs der Anforderungen für die badische Ge­sandtschaft in München nicht ablehnen solle, wogegen Geh. Regierungsrat Lewald erklärte, daß die 2. Kammer berechtigt gewesen fei, die Posten zu. streichen.

Ausland.

Laut römischen Blättern hat der B a t i k a n bei der L i q u i - dation der kürzlich verkrachten Florentiner Banea per il Clero l1/* Millionen Lire verloren.

Bei dem Empfang, der anläßlich des französischen National- festes auf der französische nGesanbtscha st in Brüssel stattfand, protestierte der Vorsitzende der französischen Handels­kammer gegen die Angriffe, die während der Wahlbewegung Agitatoren und Zeitungen der katholischen Partei dadurch leisteten, daß sie die französischen Laienschulen als Apachenbildner des Schlages Garnier und Bonnet bildlich und wörtlich bezeichneten. Der französische Gesandte pflichtete dem Protest seines Lands­mannes bei.

Der russische große TorpedokreuzerNovik" er­reichte bei der ersten Probefahrt bei Reval voll ausgerüstet mit kriegsmäßiger Belastung während mehrerer Stunden eine Geschwin­digkeit von 361/4 Knoten. Das Schiff ist also das schnell st e Kriegsschiff der Welt. Es ist nach den Plänen der Vulkan­werst von den Pulitowwerken gebaut und mit vom Vulkan gelieferten Maschinen und Kesseln ausgerüstet. Da bei der Fahrt nicht die volle .Maschincnleisttlng in Anwendung gebracht worden ist, ist zu erwarten, daß das Schiff eine noch erheblich größere Geschwindig­keit erreicht. \

Laut Meldung derNowoje Wremja" aus Tokio hat der ehemalige japanische Ministerpräsident Prinz Katsura, der im Lause dieses Monats in Petersburg eintreffen wird, den Auftrag, mit Rußland einen neuen Vertrag abzuschli eße n, in dem die endgültige Teilung der Mandschurei und der Mongolei zwischen Rußland und Japan scstgelegt wird. Sollte es zu keinem Vertragsabschluß kommen, so fei Prinz .üatsura beauftragt, einen Allianzvertrag mit Deutschland abzuschließcn.

Aus Fez wird vom 12. d. M. gemeldet: General G o u r a n d ist heute früh hier cingetroffen. Seine Kolonne dürfte am 14. Juli morgens einziel-en, um an der zu Ehren des Nationalfestes ver­anstalteten Truppenschau teilzunehmen.

Der a m c r i t q n i d) c Senat hat die Wahl des Sena- tors L o r i m e r aus Illinois wegen Wahlbestechung für u n g ü l - t i g erklärt. Während des Bürgerkrieges sind mehrere Mitglieder des Senats wegen Landesverrats aus diesem ausgeschlossen wor­den, aber es ist seit 115 Jahren nicht vorgekommen, daß ein Sena­tor wegen Bestechung seinen Sitz verloren hat.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 16. Juli 1912.

** Tageskalender für Dienstag, 16. Juli. Operetten- Gastspiel uu Sladttheater:D i e lustige Witwe'. Anfang 8 Uhr. *

* Für d i e Sitzung der Stadtverordneten- Versammlung Donnerstag, 18. Juli, nachm. 4 Uhr, ist folgende Taaesordnung vorgesehen: 1. Mittei­lungen. 2. Ausbau der Lonystraße. 3. Baugesuch der Handelskammer. 4. Verbindungsweg von der Süd-Anlage nach der Plockstraße. 5. Anlage eines Weges am^ Fabrik­grundstück von Seuling an der Margaretenhütte. 6. lieber» brückung des Landwehrgrabens (Grenzgraben zwischen Gießen und Heuchelheim). 7. Vulkanol-Belag in der Wolken- gasse; hier: Abkommen mit der Firma C. Vetter A.-G. zu Würzburg. 8. Errichtung eines Bedürfnishäuschens am Lindenplatz. 9. Anlage eines neuen Viehmarkt- playes. 10. Entwässerung des vorderen Teils des Trieb. 11. Einführung der Berufsvormundschaft. 12. Gesuch des Friedrich Weller um Erlaubnis zum Schankwirtschafts­betrieb im Hause Wetzlarer Weg 65. 13. Desgleichen der Heinrich Bönsel Ehefrau für Schützenstraße 18. 14. Des­gleichen des Wilhelm Mayer um Erlaubnis zur Erweiterung seines Schankwirtschaftsbetriebes im Hause Kaiser-Allee 27.

* * O r d e n s a n g e l e g e n h e i t. Der Großherzog Hal der Fürstlich Erbach-Schönbergschen Beschließerin Emma Bailey zu Schönberg die Goldene Verdienstmedaille des Ludetvigs-Ordens verliehen 'und dem Rud. Zahn zu 'MormL die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen der ihm von »em König von Württemberg verliehenen Silbernen Ver- »ienstmedaille erteilt.

* * Erledigte Lehrer st elle. Eine Schulstelle zu Nieder-Mo ck st a d t.

Geheimrat Dr. Ne idhart Nach kurzem Krankenlager ist am Sonntag abend im 76. Lebensjahr der Geh. Obermedizinalrat Dr. Neidhart, der seit 25. Jahren vortragenber Nat im Ministerium des Innern, Abteilung für öffentliche Gesundheitspflege war, in Darmstadt gestorben. N. ist in Altenschlirf bei Lauterbach geboren, war längere Jahre Kreisarzt und beging im Jahre 1910 sein bOjähriges Doktorjubiläum. N. hat sich besonders um das hessische Sanitätswesen sehr verdient gemacht und zur Einführung dieser Wohltätigkeitseinrichtung beigetragen. Auch als Vor­sitzender des Hessischen Landesverbandes gegen den Mißbrauch geistiger Getränke, als eifriger Mitarbeiter bei der Gründung der Trinkerheilstätte und bei der Darmstädter Volksküche wird N. ein dauerndes Andenken hinterlassen.

* * D as Lufts chif fViktoria Luise" kam heute früh 93/4 Uhr auf seiner Fahrt von Hamburg, wo es heute früh aufgeftieejen war, über unsere Stadt und fuhr nach Frankfurt weiter.

Zur Aufführung am LudwigSbrunnen wird uns mitgeteilt, daß die musikalische Leitung in den Händen des Untersekundaners Franz B a u er lag, was aus dem Theater­zettel allerdings nicht zu ersehen war.

* * Ernteaussichten. Mit dem Kornschnitt ist in unserer Gegend begonnen worden. Der Roggen er­gibt eine gute Ernte. Ebenso versprechen Weizen und Gerste gute Ernten. Nur der Hafer steht nicht gut, der Samen ist infolge der vorjährigen Trockenheit, wodurch sich die Körner sehr ungleich entwickelten, nicht gleichzeitig aufgegangen; die Haferäcker zeigen daher viel Nachwuchs. Die Kartoffeläcker stehen gut, nur sind leider viele Knollen nicht aufgegangen. Die Schuld schreibt der Land­wirt ebenfalls der vorjährigen Trockenheit zu.

* * Des Schäfers Abschied. Zu der gestrigen Notiz sei mitgeteilt, daß der veröffentlichte Abschiedsgruß nicht von dem Schäfer selbst herrührte, sondern von einigen Leuten gemacht worden ist, die dem Schäfer bei seinem Fort­gang halfen.

Landkreis Gießen.

b. W i e s e ck, 15. Juli. In der heutigen Gemeinde­ratssitzung 'Erklärte vorerst der Vorsitzende, daß die Stadt Gießen nach Aussage des Herrn Oberbürgermeisters mit dem unsererseits gemachten Angebote zur Erlangung der elektrischen Straßenbahn von 30000 Mk. nicht einverstanden sei. Nach längerer Beratung wurde be­schlossen, der Stadt Gießen weitere 5000 Mk., also eine Gesamtsumme von 35 000 Mk. zu bewilligen und zwar mit der Bedingung, daß die Ueberführung auf dem nächsten Wege, der Kreisstraße WieseckGießen zu errichten sei und der von der Stadt eingeführte Fahrpreis bestehen bleibe. Der Gemeindevorstand beschließt weiter, daß, wenn auch die Stadt dieses Angebot abschläglich behandelt, alle Unterhandlungen abgebrochen werden sollen. Die Stellung der Wohnhäuser zur Straßenfront in der Alten- busecker Straße ergibt ein unschönes und unpraktisches Straßenbild. Der Gemeindevorstand beschließt deshalb, alle in Zukunft zu erbaueirden Hofreiten nur dann zu geneh­migen, wenn sie im rechten Winkel zur Straßenfront zu stehen kommen. Weiter wurde der Ankauf von Gelände am Lichtenauer Wege beschlossen, das direkt an Gemeinde­gelände anschließt. Nach Besprechung verschiedener An­gelegenheiten wurde die Sitzung geschlossen.

= Kloster Arnsburg, 15. Juli. Die kirchlichen Kreise Oberhessens, die den Kampf gegen die Trunk­sucht führen, waren gestern hier beisammen, um sich in gegenseitiger Aussprache zu stärken und zu fördern in dem notwendigen, aber schwierigen Kampfe gegen dieses Laster. ImParadies" fand zunächst eine von Pfarrer Weber- LonggönS abgehaltene gottesdienstliche Feier statt, an der auch der Graf von SolmS-Laubach teilnahm. Darauf ging es in den Saal des RettungShaufeS, wo eine Erfrischung ein­genommen und dann von verschiedenen Rednern die Sache der Trinkerrettung beleiichtet wurde. Eine besondere Ueber- raschung mochten den Teilnehmern einige Kinder aus Rod­heim bei Hungen, die unter Pfarrer Schl of fers Leitung einige packende Gedichte zu Gehör brachten.

Kreis Alsfeld.

Niede r - Ohm e n, 15. Juli. Am SamStag wollte ein hiesiger Landwirt Klee holen. Im Begriff, auf den Wagen zu steigen, stürzte er herunter, die Kühe zogen an und der Wagen ging über seinen Körper. ES wurden ihm mehrere Rippen eingedrückt, welche die Lungen verletzten. Er kam zur Klinik nach Gießen.

Kreis Büdingen.

-s-Nidda, 15. Jüli. Bei der heutigen Gemeinde- rats-Ersakwahl wurden Metzgermeister Hch. Rull­mann II. und Landwirt Wilh. Uyl II. gewählt.

Starkenburg und Rheinhessen.

(!) Mainz, 15. Juli. Vor einigen Wochen wurde einem hiesigen Großmetzgermeister während der

Fahrt von Hamburg nach Kiel eine Brieftasche mit 52 000 Mark gestohlen. Heute ist ihm die Tasche als Eisenbahndienstbrief leer zugegangen. Turch einige in der Tasche befindliche Reklamekarten konnte der Absender auf den Eigentümer schließen. Von 307 Bewerbern um die demnächst zu besetzenden beiden Beigeordneten­stellen sind 35 in Frage gekommen, von denen nunmehr sechs zur engeren Wahl stehen.

ch. Bingen, 15. Juli. Ertrunken sind heute nach, mittag im Rheine bei Kempten die beiden 11 unb 10 Jahre alten Söhne Heinrich und Josef des Lehrers Josef Vock m Kempten. Die Jungen waren baden gegangen und gingen plötzlich unter.

Heffcn-Nassau.

w. Wiesbaden, 15. Juli. Ter Magistrat hat den Ankauf des ihm von der luxemburgischen Finanzkammer zum Preise von 2 Millionen Mark angebotenen Jagd­schlosses Platte bei Wiesbaden abgelehnt. Damit sind die Gerüchte von dem Ausbau des Jagdschloßes Platte zu einem Kaiserschloß endgiltig illusorisch geworden.

Gießener Strafkammer.

Gießen, 12. Juli.

Personenftandsvergehen.

Der frühere Standesbeamte P. O. von D. wurde wegen Ver­gehens gegen das Personenstandsgcsctz in eine Geldstrafe von 3 Mark genommen.

Auf den Reichstagswahlkampf

geht die Privatklage des als antisemittschen Agitators bekannten Parteisekretärs M. H. in Hamburg gegen den Redakteur der Ober- hessischen Volkszeitung F. A. V. in Gießen zurück. V. brachte im Oktober v. I. in der Oberhessischen Volkszeitung einen Artikel über eine Versammlung in' Erbenhausen, in der H. gegen die Sozialdemokratie stark ausfällig geworden sei. Durch diesen Ar- titel fühlte sich H. beleidigt und strengte Klage an, die den Erfolg hatte, daß V. von dem Schöffengericht Gießen zu einer Geldstrafe von 30 Mark und zur Vetöffentlicltung der ausgesprochenen Ent­scheidung in feinem Blatte verurteilt wurde. Diese Strafe erschien jedoch dem Parteisekretär H. keine angemessene Sühne und er verfolgte Berufung. In der Verhandlung vor der Strafkammer wurde von dem Gericht den Parteien ein Vergleich nahegelegt und darauf hingewiesen, daß nach Beendigung des politischen Kampfes eine Aussöhnung der Gegner am Platze sei. Ein Ver­gleich kam bann auch dahin zustande, daß V. die beleidigenden Aeußerungen mit dem Ausdruck des Bedauerns zurücknimmt, sämtliche Kosten trägt und die Veröffentlichung des Vergleichs in [einem Blatte bewirken muß. Da der Privatkläger selblt in dem Termin nicht anwesend war, behielten sich beide Parteien das Recht vor, den Vergleich zu widerrufen.

Wahrung berechtigter Interessen.

Ter Maurermeister B. M. in Großen-Buseck klagte gegen den j »chdeckermeister I. P. in Gießen wegen Beleidigung. Der Klage liegt folgender Sachverhalt zu Grunde. Arbeiter des Angeklagten hatten bei einer Dachausbesserung, die sie vorzunehmen hatten, von Abbruchmaterialien, die der Privatkläger in der Nähe der Arbeitsstelle liegen hatte, einige Holzstücke weggenommen unb verbrannt und auch zur Herstellung einer Feuerstätte einige Sand­steine unbefugt in Benutzung genommen. Als Privatkläger nun brieflich 22 Mark Schadenersatz von dem Angeklagten begehrte, zieh ihn dieser in seinem Rückschreiben, über die Höl»e der For­derung aufgebracht, der Erpressung. Hierdurch fühlte sich der Privatkläger beleidigt. Das Schöffengericht erkannte auch auf eine Geldstrafe von 5 Mark. Die gegen dieses Urteil von dem An­geklagten eingelegte Berufung wurde verworfen und das erste Urteil aufrecht erhalten. Die Strafkammer ging dabei davon aus, daß der Angeklagte den die Beleidigung enthaltenden Bries zm Wahrung berechtigter Interessen geschrieben babet daß er aber durch den Vorwurf der Erpressung über das Maß deS zur Jn- teressenwahrung Erforderlichen hinausgegangen fei und daß er sich auch der Rechtswidrigkeit des Borwurfs bewußt gewesen sei.

Erfolgreiche Berufung.

Ter Gerbermeister W. H. I. in Alsfeld war vom Schöffen­gericht Alsfeld wegen Beleidigung $u einer Geldstrafe von 20 Mark verurteilt nrorben. Auf ferne Berufung wurde das Schöffengerichtsurteil aufgehoben und der Angeklagte von Strafe und Kosten freigesprochen, da die Aussage eines so nahen Ver­wandten wie des Vaters des Privatklägers zu einer Verurteilung nicht für ausreichend erachtet wurde.

Postwagen und Elektrische.

Der Postkutscher K. M. in Gießen war vom Schöffengericht in Gießen bestraft worden, weil er int Sommer v. Js. mit dem Postpackwagen mehrfach auf dem Seltersweg vor der elektrischen Straßenbahn herfuhr, obwohl er hätte zur Seite fahren können. Er hat sich hierdurch gegen § 10 der Vorschriften über den Verkehr der Elektrischen vergangen. In der Berufungsverhandlung machte der Angeklagte geltend, daß den Posten reichsgesetzlich ein Vor­recht eingeräumt sei und daher § 10 der Sttaßenbahnvetorbnmrg keine Anwendung finben könne. Die Strafkammer als Berufungs­gericht gelangte denn auch zur Freisprechung des Angeklagten. Die Staatsanwaltschaft focht dieses Urteil an, weil der § 10 der erwähnten Verordnung hätte zur Anwendung gelangen müssen. Das Oberlandesgericht hob das Strafkammerurteil mit der Be­gründung auf, daß die Tat des Angeklagten nach § 366 Zifß 2 R. St. G. B. wegen mutwilligen Verhinderns Anderer am Vor bei­fahren strafbar sei und dieser Bestimmung auch die Post unter­worfen fei. Die erneute Verhandlung vor der Sttafkammer, an die die Sache zurückverwiesen worden war, führte zur Ver­urteilung des Angeklagten zu Geldsttafen von zweimal 3 Mk., wobei sich das Gericht der Rechtsauffassung des OberlandeS- gerichts anschloß.

GerrchtssaaL.

Sebastopol, 15. Juli. Das Marinekriegsgericht derhan« beite heute über die Aufwiegelung der Mannschaft zur Besitz­ergreifung des PanzerkreuzersJoan Slatoust". 10 Matrosen wurden zur Todesstraße, 5 zu sechsjähriger Zwangsarbeit Verurteilt.

handel.

£ uyemburg, 13. Juli. DemLuxemburger Wott" zu­folge hat die luyemburgifcbe Staatsregierung einem englischen Finanzkonsortium die Konzession für die Erzeugung einer Wasserkraftanlage an der oberen Sauer mit elek­trischer Zentrale erteilt von der das aanze Großherzogtum mit elektrischer Energie versorgt werden soll. Die Konzeffion ist auf die Dauer von 60 Jahren gewährt.

Sport»

Stockholm, 15. Juli. Während des gefirmelt Marathon­laufes wurden bet Oesterreicher Slavik und 8er Portugiese Lazaro vom Sonnenstich getroffen. Während der Oester­teicher außer Gefahr ist, starb Lazaro heute morgen im Lazarett, Im Ringen der Federgewichtsklasse erhielt der Finne Kos kelo den ersten, der Deutsche G e t st a ck e t den zweiten und bet Finne Lasanen ben dritten Preis. Im Springen vom hohen Trampoline erhielt Miet' (Schweden) die goldene. Zürnet (Deutschland) die silberne und Blomgren (Schweben) die bronzene Medaille. Im Gruppenschwimmen für Damen siegte England mit 5 Minuten 52,6 Sekunden unb erhielt die goldene Medaille. Zweiter toujrbe Deutschland mit 6 Minuten 4,6 Sek. (silberne Medaille), Oesterreich wurde dritter (bronzene Medaille). Im Prämienreiten fielen drei Preise an Schweden. Es folgte ein Deutscher, zwei Schweden. An dem Reiten nahmen 21 Be­werbet aus Schweden, Deutschland, Dänemark, Frankreich, beL .Vereinigten Staaten, Norwegen und Belgien teil.