Nr. 270
Der ekfcwr
»tfcfjemi tuflCtd, auiter SonnlaqS. - Beilagen: Pier mal möchencltd) eirkncrSawilkiiblätter. nivnmai inöcbenil.lCreiSi bla» |ür6en Kreis 6iefc<n <Tieit6tefl unb dreimal; vt-einml monatL tand» wirrschaHlichtZeiNra-tn nrri'irtert) - *21 nltii:uhe: hn Oie 9<ehaftien 112, Verlag n. Expeduion 51 Jlbrefe ffit Depeschen:
Kuietflcr Wiesen.
Ilnuahuu »on Anzeige» •in die Trtjscsnummec bt6 vemutingS 9 Uhr.
Erstes Blatt
162. Zahrgang
Zreitag, 15. November 1912
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gderyesien
BotationsSdit und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und Steinbrudertl R. Lange. RedaMon, ikrpedition und Druckerei: Zchulsttatze 7.
vüdingen: Fernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle Bahnhofstrasse 16a.
vezu a»» ret ): monatlich 75 IM, oiertel» jährlich Ml. 9.20, durch ?lbhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Ui., durch Me'Uoft Ml.2.— uiertd- jäbrl. au-scht. Beitellg, Zeilenprew. lokal IbM^ au-ioana. 20 Btenmq. Chefredakteur: Ä vwctz. Vcrankwonlich für den oolitüchen leit August (floeq. für .Feuille- (on*. ,'Berini|d)ted* und „Leicckstsjaal^. R. 'Jleit» ratb; für ,otabt und Land": G.^cb. ’ux den Anzeigenteil L» Beck.
Die heutige Nummer umfaßt 14 Seiten.
Das nahe Ende des Krieges.
Von Sofia aus wird nun amtlich angegeben, das; die Türkei einen Friedensvorschlag gemacht habe, und im Hauptquartier bei Tschataldscha ist ein türkischer Parlamentär erschienen, um einen Waffen still staub anzubicten. Ter Be richt erstatt er der Wiener „Reichspost" meint freilich, daraus solle nichts iverdcn, und das bulgarische .Heer werde seine Angriffe sortsetzen und den Einzug in Konstantinopel keineswegs aufgeben Es sind indessen so mancherlei Verlautbarungen erschienen, die ein baldiges Ende der Fcindselig- f ei teil in Aussicht stellen, und die Wünsche des Militärs werden am Ende doch nicht ausschlaggebend sein. Tas; Bulgarien auf Verhandlungen sich nicht einlasscn will, ohne die (Generalität zu fragen, ist ja selbstverständlich
Die Diplomatie Bulgariens hat ein Interesse daran, den Frieden herzustellen, um bald über die künftige Gestaltung des Ballans ins Reine zu kommen. Denn wenn die Kanonen nach lange weiter donnern, wird es üver der serbischen Frage vielleicht noch zu offenen Ausbrüchen der Feindseligkeiten kommen, was der Türkei erwünscht lammen könnte. So wird vielleicht das Bestreben Englands gefördert werden, das bekanntlich darauf gerichtet ist, alle territorialen Streitfragen und Lösungen der Probleme bis nach Beendigung des Krieges zu Verlagen. Da Oesterreich mit hinlänglicher Tcutlidiftnt feine Wünsche angemeldet hat und da es erwiesen ist, das; der Dreibund mit Rumänien auf seiner Seite stehen wird und daß andererseits England die voreilige Poiucaresche Aktion mißbilligt hat, so kann auch Graf Berchtold mit dem Verlaus der Tinge zufrieden sein. „Alle Hände ruhen müde von dem tränenvollen Streit", und der Weltsriede scheint wieder einmal auf eine -Zeitlang gesichert zu sein.
Wir erhalten folgende Meldungen:
Ein ^ricbCiisDorfchlaq der Eürlei.
Sofia, 14. Di öd. Rach Mitteilungen von kompetenter Stelle hat die Pforte gestern der bulgarischen Regierung einen direkten Friedensvorschlag zutommcn lassen. Der Mini st errat hat über den Vorschlag noch nicht entschieden.
Eine amtliche Mitteilung der Pforte besagt, die Pforte beschloß, da sie bemerkte, daß die Verhandlungen zwischen den Mächten über die Mediation richt zu einem Einvernehmen geführt hat, sich direkt an die Kriegsführenden zu wenden. Einem Gerücht zufolge sind nicht nur mit Bulgarien, sondern auch mit Griechenland direkte Verhandlungen im Zuge. Ein Abgesandter ist nach Athen abgereist. Die Verhandlungen mit Bulgarien sollen sehr weit vorgeschritten sein.
Wie das Reutersche Bureau erfährt, haben alle Mächte dem türkischen Vorschlag zugestimmt, daß sie die Baltanverbündeten von dem türkischen Ersuchen um Vermittlung in Kenntnis fetzen und sich erkundigen wollten, ob sie bereit wären, Bedingungen, über die verl>andelt incrden könnte, zu stellen. Man steht im Begriff, Schritte diesbezüglich zu tun.
Tie Agence Bulgare meldet: Tie Vertreter der Groß m ächte machten heute nachmittag einzeln dem M i - nisterpräsidenten folgende Mitteilung: Ta sich die ottomanische Regierung an die Großmächte gewandt
und um Vermittelung gebeten bat, sind wir beauftragt. Eure Exzellenz zu fragen, ab Bulgarien geneigt ist, die Ver mittelung an;uncbmen, und bejahendenfalls uns nach den Bedingungen, denen diese Annahme unterliegen würde, zu erkundigen. Ter Ministerpräsident annvvrteie, die Regierung werde das Ersuchen der Türkei dem Hauptquartier zur Prüfung unterbreiten und s i ch m i t den verbündeten Kabinetten ins Einvernehmen s e tz e n
Der Präsident der bulgarischen Sobranje, Da new, berichtete im Ministerrat über seine Mission Soviel bis lot bekannt wurde, hat man den Eindruck von einem Erfolg
Waffenstillstand'?
Laut Wiener „Reichsposk" soll das türkische Militärkommando einen Parlamentär mit dem Ersuchen um Abschluß eines Waffenstillstandes in das bulgarische Hauptquartier von T s ch a t a l d s ch a gesandt haben. Von informierter Seite wird versichert, daß man die türkischen Vorschläge wohl prüfen, aber trotzdem die Aktion fort setzen werde. Nach Einnahme der Tschataldsck)astellungen soll ohne Zögern der Einmarsch in Konstantinopel bcw.rlstcl.ig lü.rDcn. Tie Armee bestehe auf einer Krönung ihres Werkes, und die Heeres^ leitung dürste vor einem Waffenstillstand die militärische! Aktion auf dieser Front ab schließen, ohne der Türk.i noch eine militärische El>anee zu lassen, damit das bulgarische Gros für eine eventuelle Verwendung in anderer Richtung frei werde.
Tas „Berl. Tagebl." meldet aus Konstantinopel: Nach einem hier umlaufenden Gerücht ist der Waffenftillsland angeblich Freitag mittag unterzeichnet worden. Wo, von wem und unter welchen Bedingungen, davon verla.it.t hier jedoch nichts.
Die „Tägl. Rundschau" will aus Ofenpest wissen, von maßgebender Seite werde mitgeteilt, daß Freitag früh- zwischen der Türkei und Bulgarien ein kurzer Waffen- ftillstand abgeschlossen worden sei.
Ter bulgarisck-e Finanzminißer soll er 1 Hirt hib n, das; die Balkanstäaten eine Kriegsentschädigung von der Türkei fordern würden.
Die Sd)la Lt bei Tscholaldscha.
Tas Reutersche Burcan meldet aus Sofia. Privatnach richten zufolge ist es b en '-Bulgaren gelungen, das Zentrum der türkischen Tschataldschalinie zu durchbrechen und Katemkoj zu besetzen
Das Blatt „Mir" meldet, daß die Bulgaren in die Linie von Tschataldsä a cingerütft seien. Die Lage der Türken sei kritisch. Das Blatt erklärt, der Krieg nähere Heb feine m E n b c. Es fei unmöglich, anzunehmen, daß die Türk.i angesichts der bevorstehenden Vorstöße der Bulgaren io wahnsinnig sein werde, den Krieg nach dem Fall von Tschataldscl)a fortjufchm.
Tic Montenegriner.
Rjcka, 14. Nov. lieber das heutige nächtliche D o m b a r d e m e n t wird berichtet, daß es der nioiite negrinischen Artillerie gelungen sei, die Batterien auf dem Tarabosch und vor Skutari zum Schweigen zu bringen. In dem Gebiet der Stadt seien starke Beschädigungen angerichtet worden. Einzelne Werke auf dem Tarabosch sollen gänzlich zerstört und ihre Besatzungen zerstreut worden sein. ________
Eetinie, 14 Nov. Während der t»mloffenen Nacht er-, folgte eine heftige Beschießung Skutaris, die überall längs des Sees gehört wurde. Auch heute früh wurden die Operationen fortgefetü.
Tas „Berk. Tagebl." meldet aus Wien: Aut die Vorstellung d e s ö st e r r c i ch i s che n Ge s a n d t e n in E e 11 n i t liegen der mon t enegrini f dfren Operationen gegen M e b u a u n d A I l e f s i o annvortete nach b.'in montenegrinischen Amtsblatt M ö n i g Nikolaus, es fei undenkbar, bau Medua und Alleffio nidt bem serbischen Königreich angeglicbert^mürbcn, umsomehr, als bie Türkei heute »iebt mehr existiere -rem tta- lienifd u Gesandten, der ebenfalls erklärte, bau die beiden Häfen loeber Montenegro noch Serbien, sondern dem autonomen Albanien zusalleu sollen, antwortete der König, tue italienische Regierung werde sich um "bte Liebe und die Sympathie für die eigenen nationalen Interessen Italiens bringen. Der Status quo existiere nicht mehr und Italien sei gegenüber Oesterreich, was Albanien anlange, nicht gebunden.
(Eine b utiqc Zchlacht bei Monaftir.
Ter Berliner „Lokalanz" meldet aus Belgrad: Eine ehr blutige und von türkischer Seite-energisch geführte Schlacht soll am Freit-ag bei Monastir begonnen haben.
Das 1 orgelten ö r Griechen.
Athen, 14. Nov Amtlich wird gemeldet, daß die Griechen M e 1 s o v o n besetzten.
General S a p n n d j a k i s telegraphiert hierzu aus Arta: Nach achtstündigem Kampfe nahmen wir die Stadt Metsovon. Tie Türfen hatten 40 Tote und 81 Gefangene. Tic Griechen hatten einen Toten und sechs Verwundete Tie Fahne der griechischen Flotte wurde ans dem Fort gehißt.
Maßregeln gegen Jnngtürken.
Konstantinopel, 14. Nov Es scheint, daß die Regierung infolge des letzten Versuches des Komitees, wiedeo zur Macht zu gelangen, strenge Maßregeln gegen tie Jung türk en trifft. Ter zweite Kammer Herr des Sultans, Tewsik Pascha, welcher verdächtig wer, die Schritte der Inngtürken bei dem Sultan begünstigt zu haben, wurde a b g e s e tz t Dem früheren Miniftcr T ) ch a- rid P a s ch a und dem Direktor des „Tanin" Dschahid, gegen welche Haftbefehle erlassen worden maren, gelang eö, über Eonstanza nach Europa zu entfliehen.
Ter lommandierende General des ersten Armeekorps ordnete die Verhaftung des E x m i n i st c r s T a l a a t Bey an, der feinen Posten auf dem Kriegsschauplatz verlassen und sich nach Konstantinopel begeben hat. Die Polizeibehörde forderte lalaat Bey auf, sich innerhalb 21 Stunde zu seinem Truppenteil zu begeben, andernfalls werde sie seine Verhaftung verfügen.
Tie Cholera.
Konstantinopel, 14. Nov. Tie Cholera soll unter den Truppen an der Tschataldschalinie eine gefährliche Ausdehnung angenommen haben. Gestern sollen über 500 Erkrankungen, von denen viele tödlich warm, vorgekommen sein. Tie Verhält,lisse Vosuieus nud Aufgaben der Zukunft.
Ofen pest, 14. Nov Ter Bosnische A u sschu ß der ö ft e r r e i d) i f d) e n Delegation nahm bie Kredite Bosniens an. Im Laufe der Aussprache erklärte ber gemeinsame Finanz^ Minister v. Bili n S i i die vo l i tischen Verhältnil'ia Bosniens seien v o l l st ä n b i g normal, die Bevölkerung zeige sich ausnahmslos lonal unb kaisertreu. Der Minister besprach im einzelnen das E i s e n b a h n p r o g r a m in unb bcbanbelt besonders die Linie Auhojno Arzatto, bie im ersten Jahre bes Bauprogramms gebaut werden solle. Die Linie ist, ohne Rück-
Ger art Hauptmann.
(1862 — 15. November — 1912.)
GS sst ein schönes Zeichen unserer Zeit, daß man kürzlich beschlossen hat, den 50. Geburtstag unserer deutschen Dickster besonders hervorzuheben. Manchem, der sein Leben lang gerungen hat, wird so im Spätsommer seines Lebens noch eine kleine Freude, eine Anerkennung zu teil, die ihm schließlich mehr wert fein kann, als aller Nachruhm, als Gedenktafeln und Standbilder.
Ter fünfzigjährige Hauptmann steht auf einer Hohe des Ruhmes, wie sie wenige Münftler erklommen. Er, der es auf der Schule nickst cütmal bis zum Einjährigen bringen konnte, ist heute Ehrendoklor ber exklusivsten Hockstchule ber Welt, ber Um öerfität Orford An seinem 50. Geburtstag steht .-oauptmanu sieghaft unb anerkannt ba als bas stärkste Talent, als einer der ernstesten Künstler, als ber deutscheste Dichter, ben wir unser nennen. „
Im „Hirtenlieb", biefem wundervollen Bekenntnis-«rragment, schildert der Dichter den Kamps mit seinem Engel: er rühlt nd> tief verstrickt in Elend und Dunkel ber Großstabt, wo immer „der eine gleiche Schrei gehetzter Kreatur gellt:" er will lein Brot nicht mehr „im Kot ber Straße" Indien er zweifelt an )einem Dämon, den er einen Spuk nennt, er sehnt sich an? feinem Reich, „Ivo die Pest des Lasters ewig frißt", nach der Heimat unb dem Friedl, der Seele. Dock' ber Engel zeigt ihm, daß er auch in den „abgelegenen Gaffen" der Not, in allem Weh die Ewigkeit geimbi unb durch die Sphären des Traumes geleitet er den Künstler in die heilige Idnltit alttcflamentarifdicn Patriarchentums Und so wird der Sehnende, der nur gestalten kann, was cr gciebcn, jelbit zu Jakob und dient um Rahel lieben Jahre, bis Lea jein Lei! wird, und noch sieben Iabre um Rahel, um ferne Kunst . . . Nie war ihm wie den anderen Natiiralisten, die Abschilderung der Natur Selbstzweck, aber sein Kämpfen um Wahrheit trieb ibn in die Gliederungen der Not, aus denen er sehnsüchtig bie Augen empor hob Nack) schwärmerischen Anfängen — bas „Promethibenlos" bezeichnet dies tollkühne Flügelschlagen einer matzlojen Phantajie hat Hauptmanii in strenger Entsagung um die Dichtung gedient, in schlichten Studien nach dem Leben icntc Beobachtung, seine Gharalrcriitil, seine Gestaltungskraft geübt. Aber geboren wurde diese realistische „Arme Leme-Poefie" aus ^m M. lech, aus dem Web der Weit. Dem jungen Poeten war das Aesthetiiche nichts, das Soziale, das Religiöse alles^ Lange hat man dreien Urgrund des Glaubens, atls dem lern Dichten auffhep, nicht klar erkannt Erst sein eigentümlicher tienmniger Ehnstils-Roinan „Emanuel Quint" — die Ausführung der frühen ^tubie vom ..Apostel" — offenbart ganz dieses Hauptelement seiner Per- 'önlichkeit. . . .. ..
Mit den klaren Augen innigster Liebe und ttessten MiUetdens
blickt diese Kunst auf den langen Trauerzug der „Weber", aus die seelische Qual der Familie im „Friedensfest", auf bie unschuldig schuldige Gestalt des „Fuhrmann Henschel". Tie Mackste von Traum und Tob leiten diesen Gotiker, ber wie der Küiistler^bes „Hirtenliebes" vergraben ist ins Irdische, znrn Ewigen, mm Jen I eiligen. Im Traum fall en die Schlacken des Endlichen ab von des Maurers Matern Töchterlein, entrollt sich die düster schwüle Tragödie der „Elga", fühlt sich Jan, der Vagabund, als Fürst und Herr. Ter Tob bringt in bem herrlichen „Michael Kramer" zum erstenmal bie Versöhnung in bie bis babin so vergeblich nach Harmonie brängenbe Well ber Hauptmannschen Tidjtung. Und auch ber mittelalterliche Begriff b.er Erlösung wirb nun in feiner Dichtung offenbar: bie reine Liebe ber Jungfrau führt ben armen Heinrich bie Stufen der Gnade empor. Dies Drama bedeutet den .Höhepunkt jener religiös-mittelalterlichen Rickjtung des Haupt- mannfeijen Geistes, die einen eigenartigen Ausdruck auch in feiner vor kurzem erschienenen Nackjdichtung der Lohengrin-Sage erhalten hat, die wir im Auszug wiedergegeben haben.
Einen weiten.Weg bat der Dichter zurückgelegt vom Eltern- Haus, der „Preußischen Krone", in Obersalzbrunn bis zum r:chön- heitstraum auf der Akropolis, von der krassen Realistik des Erst- lingsdramas bis zur riaihidycn Ruhe der Kaiser Karl-Tragödie. Und nod) sind die Psode alle, die sid) in seiner Entivicklung kreuzen und zu einem Ziele sichren, nicht zu Ende gegangen Neben der Heimatkunst, die stets ber Nährboben seines Schattens war, steht bei- innerlich qrübclnbe Drang bes Ienseitsvrovheten unb als letzte, zukunftsreichste Wefensentjaltung bie antike Heiterkeit uub Sinneiiircube, nach der er ringt. Der erste grotze bicbtcrifdic Wurf gelingt Hauptmann in ben „Webern". Etwas Neues ist hier gefchafien: Der Stil bes Volksbramas, und mit dieser Tragödie ber Arbeiter, bie etwa Gleiches für die Dichtung bedeutet, wie Meuniers W.'rk für b c bi!b nde Kunst, g roinnt Hauptmann einen Platz in ber Weltliteratur. Aus ben Urticicn des Heimatsgefübls und der Familienüberlieferung ist bie Krönung seines sozialen Weltanschaunngsbildes geschaffen. Und wie hier aus dem kleinlich leichnenden Naturalismus durch die Macht einer Periönlichkeit ein Monumentalstil entsteht, so erblüht not, wendig aus der Armeleutschilderuug eine visionäre Traumkunst im „Hannele" Hier ist der Sckritt zu einem „ibealiitifdicn Im- pressionismus", einer pfnchologii'cven Darstellung des Transzenden- taleu getan, die bann bie „Versunkene Glocke" vergröberte unb populär machte Den Stil ber „Weber" menbet ber kühn fon- idjreitcnbe Dichter im „Florian Geyer" auf bas hiitorifdx Drama an und gibt wieber etwas ganz Originales, an bas jebes spätere Geschichtsbrama wirb anknüvfen müssen. Unb ebenso etwas ganz Neues ist bie Art, wie er ben naturalistischem Stil im „Biberpelz" für das hohe Lustspiel ausmünzt unb in ber „Mutter Wolffen" eine Meisterleistnng lebendigster Charakteristik bietet.
Die rolqenbc Entwicklung bes Dichters aber ist gleichsam ein Heimifchwerben im eroberten Gebiet, ein Ausbauen, Tort» bilden lind Vervollkommnen der ersten Entwürfe, der alten Ideen Immer mehr Sck-lackeu sind von feiner Kunst abgcfaUcn und immer freier, immer ljarmonifdier schließt er die vmd>iebcncn Stile, in benen er fidj uerfud’4, zur Einheit zusammen. Die Themen ber früheren Zeit hat er in geläuterter unb vertiefter Weise wieber ausgenommen, so bie Tragik bes bcbcutenbni Mannes zwischen zwei Frauen aus ben „Einsamen Menschen" in „Gabriel Schillings Flucht", bie Psychologie bes .Künstlers aus dem „Kollegen Crampton" im „Michael Kramer", bie Christussilhouette bes „Apostels" in bem großartigen Weltbilb bes „Emanuel Quint". Der erste Versuch in ber „Versunkenen Glocke", bie Welt ber Phantastik zu bewältigen, wirb mit vollem Gelingen in „Pippa tanzt" sortgejührt unb bie große Linienführung bes „Florian Geyer" erhält ihre seelische Vertiefung im „Armen Heinrich" unb „Kaiser Karls Geißel". Die Charakteristik^ ber ersten Lustspiele ist zwar in bem Scherzspiel „Schluck und 3au" nickst erreicht: daiür ist hier die ichwierige Ausgabe gelöst, eine komplizierte Spiegelung des Ichs durchzusühren Ein Fortschritt ist eS auch, wenn Hauptmann, ber nur feste Hnbivibualitäten gegeben hatte, die psychologische Entwicklung der Charaktere, zuerst im „Fuhrmann Henschel", darstellt. Seine vollendetsten Werke entstammen freilich auch in der zweiten Periode noch der heimischen Erde und dem naturalistischen Stil: das oon grandioser Schicksalsstimmiing erfüllte Drama des „Fuhrmann Henschel", die von sinnlicher Leidenschaft burchglühte (Geschichte bet K inbes- mörberin Rose Bernbt unb bie packenbe, leiber von Episoben umwucherte Tragöbie ber „Ratten" Anbere Werke wachsen aus dem Naturalismus etwas unorganisch heraus, wie „Schluck unb Iau" mit der glänzenden Schilderung der beiden Vagabunden und Dem blassen Bild des romantischen Hofes, „Pippa" unt „Grifelda" mit den packenden, derb realistischen ersten Akten Die reinste Durchführung eines einheitlichen Stils ist in „Kaisei Karls Geißel" erreicht. Aber freilich herrscht künstlerische U.n- ücberbeit noch allenthalben in den letzten. Großes erstrebenden Arbeiten des stets sich wandelnden, stets weitenvandernben Meisters.
«
— Kurze Nachrichten aus Kunst unb Wissen- s cha s t. Wie uns aus Königsberg i. Pr. gerne!bet wirb, hat ber Straf- unb Prozeßrechtslehrer in der bärtigen Iuristen- fafultät orö. Professor Dr. jur Eduarb Ko hl r au sch einen Rus an bie Universität Straßburg i. Els. er hätten. Sbuarö KohL- raiiidj ist am 4. Februar 1874 zu Darmstadt gehören.


