Ur. 292
Drittes Blatt
162. Jahrgang
Erscheint ti-Nch mit Ausnahme deS Sonntag».
Di« „«letzeoer Samtllenblätter“ werden dem .LZazeiqer" viermal wöchentlich beigelegt, das „Xrdrtlatt fLr den Kreis Hießen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Overhessen
Mittwoch, ft. Dezember 19(2
Rolationsdruek und Verlag der Brübl'schen UmversilälS • Buch» und Eteindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Spedition und Torderet: Schul-
slraße 7. Expedition und Verlag:
Redaktion:e^1I2. Tel.-AdruAnzetgerGtesen.
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von der Tagesordnung abgesetzt.
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Der 'Artikel wird
hessische Zweite Kammer.
39. Sitzung.
Tarmstadt, 10. Tez.
Zu Beginn der Sitzung ist das Haus gut besucht, die Tribünen aber sind säst leer. Am Regierungstische haben neben den drei Ministern noch eine Anzahl Ministerialräte Platz genommen.
Präsident Köhler eröffnet die Sitzung um 10> ■_> Uhr: Ich heiße die Herren herzlich willkommen. Tie Ausgabe der Tagung wird darin bestehen, eine Reihe von Regierungsvorlagen zur Verabschiedung zu bringen, die am 1. Januar 1913 in Wirk tarnten treten sollen. Es wird dann eine Reil>e von Gegenständen zu beraten sein, die bereits von den Ausschüssen vorbereitet rour den. Wir wollen freie Bahn schaffen für die großen Aufgaben, die unser harren, nämlich den Hauptvoranschlag und die Beamten- besoldungsordnung, die Ihnen am Donnerstag ober Freitag im Druck zugehen wird.
Es wird dann in dic^Tagesordnung eingetretcn.
Abg. Dr. Fulda (Soz.). Ich bitte die Beratung über den dringlichen Antrag Adelung und Genossen auf morgen zu vertagen, da die Fraktion bisher nicht in der Lage war, eine Fraktionssitzung abzuhalten.
Das Haus beschließt demgemäß.
Es wird dann zu Punkt 2 der Tagesordnung übergegangen: Regierungsvorlage, Entwurf eines.Gesetzes, die Ausführung der landwirtschaftlichen Unfallversicherung betreffend. Der Artikel 1 bis cinschl. 4 werden nach dem Ausschußantrage angenommen.
Zu Artikel 5 nimmt das Wort zunächst der
Abg. Adelung (Soz.). .Ich gebe anheim, ob es nicht gut wäre, auch den Gärtnern, die nicht zur Laudwirtschastskammcr gehören, eine Vertretung im Ausschuß zu sichern. Wir haben etwa 600—700 gärtnerische Betriebe. Davon sind 40 zur Land- wirtfck>aftstamiuer herangezogen. Es würde nichts verschlagen, wenn der Ausschuß um ein oder zwei Mitglieder größer gemacht würde.
Abg. Bähr lBbd.l schließt sich dem Anträge Adelung an. Ich betone aber, daß ich die Fassung des Artikels 5, wie vom Ausschuß vorgeschlagen nicht unterschreiben kann. Dort wird vor^ geschlagen, daß statt durch die Kreistage die Mitglieder und deren Stellvertreter durch die Versammlung des Landwirtfchafts- kammerausschusses der einzelnen Provinzen wühlen zu lassen und zwar dergestalt, daß für jeden Ltzreis aus dem Streife je ein Mitglied und je ein Stellvertreter gewählt werden. Ferner hat sich das Ministerium der Finanzen Vorbehalten, drei weitere stimmberechtigte Mitglieder zu bestellen. Ich bitte, daß dieser Artikel von der Tagesordnung abgcsetzt wird, damit noch einmal mit der Regierung verhandelt werden kann. Nicht die Versammlung des Landwirtschaftskammerausschusses soll wählen, sondern die ganze Stammcr.
Abg. Reh (frei). Bp), Berichterstatter, bittet, die Fassung des Ausschusses beizubehaltcn.
Abg. Ko rell -Angenrod (236b.). Ich Tann mir keine Verbesserung von der Anregung des Abg. Bähr versprechen. Man ivll ruhig die Ausschüsse wählen lassen, da man. ja überall nach ; Vereinfachung strebt.
Abg. B ü h r (Bbd.) geht noch einmal auf seinen Vorschlag ein.
Ministerialrat Höl zinger: Der Vorschlag des Abg. Bähr ist nicht annehmbar, da eine Komplikation wegen des Proportionalverfahrens eintreten würde.
Minister des Innern v. Hombergk bittet, daß man die Anregung des Abg. Adelung bezüglich der Gärtner formuliert und auf die morgige Tagesordnung setze.
Abg. Adelung (Soz.) wünsckst ebenfalls Msetzung des Ar-
Artikel G dieses Gesetzes wird auf Vorschlag des Berichterstatters Reh ebenfalls abgcsetzt, da er in engster Verbindung mit Artikel ■> sieht. Artikel 7 wird ohne Aussprack^c angenommen.
Artikel 8 des Gesetzes lautet in Abs. 1: „Ter Vorstand der Genossenschaft besteht aus einem Vorsitzenden und fünf Mitgliedern. Der Vorsitzende und sein Stellvertreter werden nach Anhörung der Geiwssensck)asrsversammlung von unserem Ministerium des Innern ernannt, das die aus Mitteln der Genossenschaft thtia zu zahlenden Vergütungen festsetzt."
Hierzu liegt ein Antrag Best vor, daß die Genossenschaft sich ihren Vorsitzenden selbst wählen könne. Ter Antragsteller begründet seinen Antrag.
Al>g. Bähr BbdI ist mit dem Antrag einverstanden. Die Regierung zahle leine Beiträge zur GenossensckM.
Abg. Finger (natl.) unterstützt gleichfalls den Antrag Best.
Minister des Innern v. Hombergk bittet, daß hierüber die Beratung ausgesetzt n-erde. Der Mg. Bähr ist im Unrecht, ivemt er meint, daß die Regierung Teilte Beiträge zur Genossen schäft leiste.
Mg. Bähr (Bbd.): Ter Staat zahlt wohl Beiträge, aber nicht die Regierung als solche.
Mg. Reb (freit Vp.): Der Mg. Bähr hätte ferne Anträge früher stellen sollen. w ,
Die Artikel 9 und 10 werden dann ohne Aussprache angenommen. , . . ,
Der Mg. Henrich (freif. Vp.) spricht Noch einige Wunickie im Namen der Beamten der Genossenschaft aus. Er wünscht die Etaatsbeamtengualifikation.
Minister v. Hombergk weist auf die Bestimmungen des Genossenschaftsgesetzes hin, wonach die Genossenschaft über die Anstellung der Beamten nach einer Dienstvorschrift zu ent scheiden hat.
Artikel 10, 11 und 12 werden dann angenommen. Zu Artikel 13 liegt ein Antrag Finger matL) vor, der die Anstellung Nou Knntrollärzten zur Sion trolle der Rentenempfänger auf dem Lande fordert. Auch der Abg. Lutz spricht sich in diesem Sinne cus, gegen den Antrag svrickst der Abg. Raab (soz. , ebenso die 2lbgg B u s o l d und R c h. Darauf wird der Antrag Finger «bgelehnt Der Ausschußantrag zu Artikel 13 wird angenommen. Tie Artikel 14—27 werden ohne Aussprache angenommen. Artikel 28 wird aus morgen vertagt, ebenso die Beschlußfassung ibet die ganze Vorlage.
Es frnrb dann in ber Tagesordnung fortgefab'ren: .Regierungsvorlage, die Abänderung des Gesetz-es vom 6. August 1902 über lic Landestreditkasse. Hierzu nimmt zunächst das Dort der
Mg. Dr Osann (natl.): Ich lege großen Wert daraur, Zaß die Regierung uns über die landwirtschaitlichen Verhaltn'.ne in Hessen Auskunft gibt. Wir haben seit 1884 keinerlei größere Arbeit nfthr von der Regiening gesehen. .Durch 5mei Verordnungen war die Regierung bestrelst, eine Enttchmnkung des Guter- '«indels herbeizuführen: im Jahre 1908 und 191-,. Beide Verordnungen haben aber ihren Zweck nicht erfüllt. Dm Rech^ '■brednmq des Oberlandesgerichts im otrat' itne tm Zivilprozeß Stiert diesen Verordnungen die Gülttgkert abgeiprochen. ^ ^.er Redner macht dann auf eine ganze Reihe von Uebeliwnden 'aufmerksam, die sich beim Verkauft ergeben Bitten. Die Guter- «bändler haben über das Ministerium ntit JOufe der Justiz den "oieg davon getragen. Im Interesse der Erhaltung des Bauern-
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Mg. Ulrich (Soz.): Tr. Osann betrachtet die Sacln zu einseitig. Auch andere Güterschlächter muß man ausschalteri, diejenigen, die darauf ausgehen, Fideikommisse zu bilden, die auch gewerbsmäßig Güter kaufen. Ich bitte, daß die Regie- rung ihre statistischen Aufnahmen nicht nur auf die gewerbs mäßigen, sondern auch auf diejenigen ausdehne, die bestrebt sind, Fideikommisse zu bilden.
Geheimerat Best stellt fest, daß bereits Erhebungen angestellt wurden. Es wurden Kontrollvorscknüften für die Güter- Händler gesckwfsen. Von jedem Erwerbe eines Grundstücks mußte dem Streb.»amt Mitteilung gemacht werden und zwar wenigstens 14_ Tage vor der Veräußerung. Diese Anzeige hat den Zweck, daß die Kreisämter in die Lage kommen, den Gemeinden Kenntnis von dem beabsichtigten Verkauf zu geben, so daß evtl, diese das Gut übernehmen. Es find natürlich Versuche gemacht, diese Bestimmungen zu übergehen. Redner führt bann eine Reihe von Einzelfällen an.
Abg. Reh (Fr. Vp.): Die Mittel müssen berart fein, baß man mit ihnen umgehen kann. Die Regierung bat aber barin keine glückliche Hanb gehabt. Ter Redner kritisiert bann bic Bestimmungen im einzelnen vom Standpunkte bes Juristen aus.
Geh.-Rat Best legt dar, daß man mit den realen und nicht mit den theoretischen Fällen rechnen muß. Tie Bestimmungen bedeuten für die Händler, wenn sie sich daran halten, keine Schikane.
Abg. Schönberger /Natl.) führt aus, daß die Bestimmungen keinen praktischen Wert hätten. Er führt dann Fälle aus feinen Erfahrungen an.
Die Abg. Dorsch iBbd.), Wolf-Stadecken (Bbd.) und Leun iBbd.) begrüßen die Bestimmungen, weil sie bestrebt sind, den Güterschlächtern das Handwerk zu legen.
Abg. Busold (Soz.) rügt das Verhalten eines Bauern, der Mitglied des Bauernbundes sei, ber aber nicht direkt an einen anderen Bauern verkaufen wollte.
Abg. v. Brentano freut sich über die Einigkeit des Hauses in dieser Frage. Der Redner verbreitet sich bann über bic Protokollarpflichten ber Notare, bic noch recht unklar seien.
Abg. Tr. Osann (92011.) geht noch einmal auf bie bestehenden Bestimmungen ein. Die Güterhändler gehen int Lande umher. Tie Berkaussangebote geben meistens von Händlern aus.
Abg. v. Helmolt Bbd.): Wir bedauern es außerordentlich, baß ein Landwirt sich dazu hergegeben hat, sein Gut an einen Händler zu verlausen. Der Betreffende ist aber nicht Vorstandsmitglied des Bauernbundes, sondern nur ganz gewöhnliches Mitglied (große Heiterkeit) des Bundes.
Abg. Reh (Fr. Vp.) geht nochmals auf Einzelfälle ein. Die Bestimmungen seien kautschukartig. Ferner sprechen hierzu noch die Abg. Dorsch (Bbd.) und Ulrich (Soz.) und Geh.-Rat B c ft. Die Vorlage wird dann einstimmig angenommen.
Präsident Köhler teilt mit, daß eine dringliche Anfrage Ulrich und Genossen eingegangen sei, ob die Regierung Kenntnis davon hat, daß die Eisenbahnverwaltung eine Anzahl Schnellzüge, bic bisher in Offenbach hielten, jetzt an dieser Station vorbeifahren läßt.
Diese Angelegenheit soll morgen auf die Tagesordnung gesetzt werden, damit der Herr Finanzminister Gelegenheit hat, sich hierzu zu äußern.
Schluß der Sitzung V22 Uhr. Fortsetzung morgen vormittag 9Va Uhr.
Das weitere Arbeitspensum.
Zu lebhafteren Auseinandersetzungen dürfte die über die Besoldungserhöhung der Kammerbeam- t e n zwischen Negierung und beiden Kammern bestehende Meinungsverschiedenheit führen, wenn auch der Ausdruck eines „Konflikts", den verschiedene Zeitungen brauchten, zu weitgehend ist. Tie 9Neinungsverschiedenheit, di.' durch eine Anfrage der sozialdemokratischen und fortschrittlichen Abgeordneten in Fluß gekommen ist, besteht darin, daß beide Kammern die Geyältcr der Kammerbeamten über die Sätze der gleichartigen Kategorien der Staatsbeamten hinaus erhöht 'haben. Die Regierung hat den von beiden Kammern darüber beschlossenen Initiativgesetzentwurf nicht mit den übrigen Besoldungsgesetzen verabschiedet und auf die gestellte Anfrage hin neuerlich bei einer Besprechung im Finanzausschuß' sich bereit erklärt, der Erhöhung zwar zuzustimmen, aber nur unter der' Bedingung, daß die Kammerbeamten aus der Reihe der übrigen Staatsbeamten ausscheidcn. Hiermit sind aber die Kammcrbeamten selbst nicht einverstanden, da ihnen hierdurch der Rücktritt in den Staatsdienst unmöglich gemacht wird. Da Regierung und Kammer bis jetzt noch auf ihrer Ansicht beharren, ist das Ende der Sache noch nicht abzusehen, doch wird cs wohl zu einem Ausgleich noch kommen.
Alle anderen größeren Vorlagen sind erst für die Zeit nach Weihnachten zu erwarten. Zwar wird der Voranschlag über die Staatseinnahmen und Ausgaben im Jahre 1913 altem Brauch zufolge noch vor Weihnachten der Zweiten Kammer zugehen, aber er wird zunächst den Finanzausschuß beschäftigen. Im engen Zusammenhang damit steht die Beratung der ebenfalls noch ausstehenden endgültigen Besoldungsreform für Beamte und Lehrer; wovon der Entwurf der Regierung bereits mitgeteilt worden ist. Angekündigt wird weiter von dem Organe der Zentrumspartei eine Anfrage über die angeblich in Hessen bestehende Beschränkung der religiösen Orden irtib außerdem kündigt es einen Sturm in der Je suite ns rage an. Für beide Sachen wird es aber in der hessischen Kammer nicht viel Gegenliebe finden, da Nationalliberale, Bauernbund, fortschrittliche Volksparteiund Sozialdemokraten die Regierung dabei wohl unterstützen werden. Ob noch weitere Aufgaben, wie z.B. die beabsichtigte Reform des Volkschulgesetzes, die Kammer noch in dieser Wintertagung beschäftigen werden, steht noch nicht fest.
Deutsches Reich.
Die mecklenburgische Verfassungsvorlage ist durch anseinandergehende Beschlüsse der Stände wieder ab - gelehnt worden. Tic Ritterschaft nahm den früheren Verfas- sungsantrag des Erblandmarschalls v. Lützow auf Eickhof an. Tie Landschaft stellte sich von neuem auf die früheren Beschlüsse von 1909. Jeder der Beschlüsse bedeutet die Ablehnung ber Regierungsvorlage, welche somit gescheitert ist.
Der Reichstagsabgeordnete v. Halem (Rpt.), Vertreter des Wahlkreises 5 Marienwerder seit Januar d. I., hat sein Mandat niedergelegt. Durch diesen Entschluß ist er der Ungültigkeitserklärung seiner Wahl durch das Plenum des Reichstags zuvorgekommen. Bekannt
lich batte der Wahlprüfungsaussckmß seine Dahl für ungültig erklärt, weil er zu Unrecht in die Sttchwalsl gekommen roar und eigentlich der polnische Kandidat gewählt war. Bei der Ersatzwahl dürfte das Mandat wieder in polnische Hände fallen.
Ausland.
Tic Getreideversorgung ber Schweiz.
Der schweizerische Nationalrat nahm nach langer Verband« hing einen Antrag betreffend bic Maßnahmen für vermehrte Gelrcideversorgung in ber Schweiz an. Alle Redner waren barin einig, daß eine Vermehrung der durchschnittlichen Vorräte not* wendig sei. Einige Redner kritisierten die wenig kaufmännische Art, wie die W c i j c n f ä u f c bewerkstelligt würden. Die äußerste Linke empfahl bas Getrcidehandelmonopol. Tie Agrarier verlangten die Förderung des inlänbifdKit Kornbaus, gegebenenfalls durch Schutzzölle, die Industriellen staatliche Begünstigung der Einlagerung und Frachterleichterungen bei der Zufuhr. Der Vertreter Basels wies darauf hin, baß die Rhein- schisfahrt ein wichtiges Mittel der Getreideversorgung sei. Bundesrat Motta sprach sich sür den Anttag aus, lehnte dagegen den Monopolvorschlag ab, weil er das Brot verteuern und weil bic Bestimmung des Kaufpreises durch bic staatlichen Oryane zur politischen Frage würbe. Eine Verbesserung der Getteideversor* gung sei durch indirekte Mittel zu erreichen. Die Regierung sei bestrebt, von Italien Frachtermäßigungen auf der Linie Genua-Gotthard zu erlangen. D i e Einfuhr aus Italien würbe bann so billig werben, wie aus Deutschland.
Die Unruhen in Liberia.
Die „Kölnische Zeitung" meldet .aus Monrovia: Das Leben der Europäer in Vestosrivcr ist durch l iberische Soldaten bedroht. Tee Europäer beabsichtigen, den Ort zu verlassen. Von deutschen Kriegsschiffen ankert der „Panther" vor Vestosrivcr, der „Eber" vor Monrovia.
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Der Diebstahl der Kölner Kaiser kette.
Köln, 10. Dez. Die Verhandlungen in dem Prozeß lvegen des Diebstahls der Kölner Kaiserkette wurden heute wn-nsetzt. Ein Goldschmied aus Köln bekundete, daß er sich eines Tages in der GeseUschast von Bayer und Kniep besunden habe. Von Bayer sei er gefragt worben, wieviel ein Gramm Gold von der Kaiserkette wert sei. Kniep sagte zu dem Zeugen, er werde ihm die Kette in vier Teilen bringen, damit er sic einschmelze. Den Zeugen Sprachlehrer W u n s ch a u hat ber Angeklagte kurz nach dem Diebstahl gefragt, ob er davon schon gelesen habe. Diesen Streich habe er auch mit aussühren wollen, er sei aber auswärts gewesen und nun habe der „Jean" und der „Lange" die Sache gemacht, bie er so schön vorbereitet habe. — Der Angeklagte Baver erklärte hierzu, daß seine trüberen Ausführungen über den Diebstahl barer Unsinn gewesen seien. Er habe sich zu der fraglichen Zeit mit seinem Motorrad in Hennef aufgehalten und habe wegen eines Motorschadens erst eine Stunde nach dem Diebstahl in Köln cintrefsen können. — Eine Schwester des Angeklagten Hochgeschuri verweigerte ihre Mssage. — Zu dem Zeugen Kriminalschlitzmann Freitag hat der Angeklagte Bayer gesagt: Jetzt haben die beiden die Sache allein gemacht, ich werbe sie „verzinken", wenn ich meinen Teil nicht herausbekomme. Bayer hat weiter erzählt, er habe bie Sache schon früher, schon vor 14 Tagen machen wollen; bamals habe es aber nicht geklappt, da der Blitzableiter lose war. — Eine Frau Haefke bekundete, baß Bayer in ihrer Gegenwart die Aeußerung getan habe: „Donnerwetter, baß die beiden mit der Kette durchgebrannt sind und ick nichts abgekriegt habe." — Tie Schwiegermutter ber Zeugin bestätigt biesc Angaben. Bayer habe noch hinzugefügt, er sei einen Tag zu spät gekommen, er hoffe bic beiden anderen in Lüttich zu treffen. — Bei einigen Goldwarenhändlern, bic als Zeugen vernommen wurden, haben bic Angeklagten sich erkundigt, ob sic geschmolzenes Gold kauften. — Bei ihrer weiteren Befragung behaupteten Kniep und Hoch- g e s ch u r , daß ber eigentliche Täter der große Unbekannte sei, der sich Fritz Schneider nenne. — Um settzusteUcn, ob au ber Person dieses Schneider etwas Wahres ist, soll auf Gerichtsbeschluß der Zapfer des Gasthauses Lange in Hamburg und eine Wirtschafterin als Zeugen geladen werden. — In der weiteren Beweisausnahme wurden noch eine Reihe von Zeugen vernommen, denen gegenüber die Angeklagten sich durch ihre Aussagen verdächtig gemacht haben sollen. Die Vernehmung bot indessen keine neuen Gesichtspunkte.
w Mainz, 10. Tez. Wegen Körperverletzung mit töttichem Erfolg, begangen an dem Bierverleger Franz Joses Koch aus Alzey, wurde der 19 jährige vorbestrafte Taglöhncr Oieorg M etz - ler aus Blödesheim zu 4 Jahren, und der 17jährige Dicnftknccht Heinrich Dietz aus demselben Orte zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Verhandlung dauerte bis 12y3 Uhr nachts.
§ 2er beleidigte Hexenmüller. In welchem Um* fange in manchen Gcgndcn Deutschlands noch der ülbcrglaube blüht, zeigt eine Verhandlung vor der Chemnitzer ©traf- kämm er, die als Berufungsinstanz in einer Privatbeleidigungsilage gegen einen Cbcrgcnbarm verhandelte. Die Vorgeschichte der Klage ist folgende: Auf einem ländlichen Grundstück hatte man die Entdeckung gemacht, daß das Wasser des Brunnens einen eigenartigen Beigeschmack angenommen hatte, der Brunnen tonnte also nur vergiftet sein, und ber Grundstücksbesitzer wandte sich, um den Uebeltäter zu erwischen, an einen Mühlenbesitzer. Dieser stand in ber ganzen Gegend in dem Rufe, ein heiliges Buch zu besitzen, mit dessen Hilft alle Verbrechen aufgedeckt werden könnten. Es wurde berat auch die entspreck-ende Manipulation mit biefart heiligen Buche vor genommen und dadurch ein Nachbar als vermeintlicher Bniratentrergifter „entdeckt". Als ber Obergendarm von diesem Rnfuge hörte, stellte er den Mühlenbesitzer zur Rede und nannte ihn in begreiflicher Empörung einen Schwindler und alten Hexeranüller. Darauf strengte biefer die Privatbe- leidigungsklag-e an. Schon in der ersten Verhandlung vor deut Schöffengericht bekundete ber als Zeuge gelobene Mühlenbesitzer, daß er hoch unb heilig an die Wirksamkeit seines Zauberbuches glaube. Dieselbe Aussage machte er vor der Strafkammer. Der £ bergenbarm war in ber ersten In lanz f eigesprochen worben unb auch die Strafkammer kam trotz des heiligen Buches zu einen; freispreckenden ErteraNms._____________________________________
wandern und Reisen, Bäder.
Norbsccbad Büsum. In einer Versammlung des „Babevereins" sprach ber Babekommissar Herr E. v. MüUer- Berneck über bie Saison von 1912. An der Hand von Freauenz- zahlen anderer Bäder unb Sommerfrischen zeigte er, baß Büsum mit ieinem Besuche recht zufrieden sein könne. 1911 hätten alle Bäder größere Besucherzahlen als dieses Jahr gehabt. Auch in Büsum sei die Besucherzahl des Vorjahres nicht ganz erreich, aber daß man ihr so nahe gekommen sei trotz des geradezu abschreckenden Wetters, beweise glänzend, daß die spezifische Eigenart, das „Wattenlaufen", die Büsum neben dem Seebabc noch bieten könne, Kurgäste auch dann noch anzuziehen vermag, wenn sogar unfreundliches Wetter von einer Badereise abrät.


