folgen öfter den Spuren unserer Besiegten als denen unserer Besieger: Rom wurde hellenisiert, aber Griechenland nicht romani- sicrt. Jede Betonung des Augenfälligen beleidigt. Den lärmenden Redner beklatschen zwar die Hände: in des Herzens Tiefe aber verachten wir ihn. Wir sind blind gegen das Glänzende, aber das Feine fesselt sofort. Die Gipfel, die im Nebelschleier liegen, ziehen wie durch Zauber unfern Blick an.
Danke Gott für den regelmäßigen Schlaf, der den Verstand erfrischt, aber die Erinnerung trübt und so das Dasein erträglich macht. Wie ein Sommer seinen Vorgänger vergessen macht, so löscht jeder Tag den vorangehenden aus: die ganze Vergangenheit, die hinter dem Gestirn liegt, ist bis auf wenige Punkte gleich iörmig. Gar bald lvird der Rückblick unerguicklich, daß wir lieber ganz in der Gegenwart bleiben. Eine einzige empfindliche Stelle kann uns ganze Zeitläufte der Erinnerung verleiden: wir bewohnen nur die angenehmen Zimmer unseres Herzens und schließen alle änderen zu. Tas Vergessen vermag so gründlich aufzuräumen, daß wir frischen Geistes auf jenen Schauplätzen wandeln, die voll Erinnerungen waren.
Je beweglicher, desto wechselnder und daher desto mehr der Abwechslung bedürftig sind wir: die Empfindsamkeit kleidet sich in immer neue Formen. Zu unserer Befriedigung brauchen wir in gleick>er Weise Behagen und Ungemach, Sicherheit und Gefahr, Mühe und Muße: Feiertage kann man nur feiern, roenn sie selten sind. Immer an denselben Ort gefesselt sein, mag zum Verzweifeln erscheinen, und doch ist die Unruhe des Reisens zwecklos: die verlockende Landkarte verwandelt sich in einen langweiligen Fahrplan, wenn wir sie durchgenießen wollen. Wie schön erscheint die Welt vom heimatlichen Herd aus: draußen.aber, in ihrem Gewirr, kennen wir bald nichts Schöneres als die Heimkehr. Wo Tätigkeit braust, da verstummt der Gedanke. Mit noch größerer Erwartung als wir den Betrieb und die Lust des Ledens suchten, versenken wir uns wieder in die Abgeschiedenheit unserer Betrachtung. Von allen Seiten drängt sich der Mensckenstrom zur Großstadt, um jich da zu stauen und wieder in die Vorstädte zurückzufließen. In den Mittelpunkten und an den Sammelplätzen des Verkehrs glaubt man die höchsten Formen des Lebens zu finden: statt dessen zeigen sich wilde Gestalten und abgehetzte Gesichter, die verstört anderswoyin stürmen. Leute, die sich immer gleich bleiben, sind nicht so sehr innerlich ^gleichmütig als nach außen gleichgültig. Nur im Hasen hat die Seele ruhiges Wasser: uferlose Säuvärmereicn haben ihre Ebbe und Flut. T-as Leben muß in gar manches Ausdrucksmittel übersetzt werden, damit es verstanden werden kann, und wenn wir seinem Wechsel nicht zu folgen^ vermögen, so wird auch sein Einsluß an uns nicht offenbar. Ter Tag selbst ist nur der wandernde Schein aus dem Leuchtturm der Ewigkeit. Soll der Mensch, umgeben von so geivaltigen Veränderungen auf der Erde, in der Luft und am Himmel, starr bleiben können? Das Klima gibt unserer Stimmung das Vorzeichen, so daß auch im Geist nicht immer dieselbe Tag- und Jahreszeit herrsck)en kann. Und wenn der Körper sich bald leicht beschwingt fühlt, bald schwerfällig, wie sollte sein geistiger Mieter davon unberührt bleiben? Tie Seele ist ein Wasser, das seine Färbung nicht in erster Linie sich selbst verdankt, sondern eher dem
umspannenden Himmel des Einflusses. Jedes blaue Mittelmeer ist der verflüssigte Himmel seines Südens.
Alles ist im Fluß. Es gibt keine Erfahrung, die nicht bald ihre rauhen Tage überwindet. Nur durch unsere Kreuz- und Querfahrten können wir die dunklen Küsten des Daseins erkunden: gerade unsere Unbeständigkeit gibt Anhaltspunkte zu unserer Beurteilung. Welcher klare Himmel des Idealismus wäre nicht zuweilen überzogen und regnerisch? Tas Wirkungsvollste im Landschaftsbild des menschlichen Lebens ist der Nebel des Leids auf den geistigen Höhen.
*
bs. „Somme r" von Thaddäus Rittner im Tarm- städter Hostheater. Aus Darmstadt, 10. Oktober, wird uns geschrieben: Zugleich mit Wien und Prag führte das Darmstädter Hoftheater heute Thaddäus Rittners dreiaktige Komödie „(Sommer" auf. Mit Dichter äugen sind Personen und Tinge aus einem interessanten Milieu geschaut. Die Handlung spielt in einem Sanatorium. Ter Dichter hat aus der bunten Schar, die sich an solchen Orten teils aus Notwendigkeit, teils aus Laune ein Stelldichein gibt, einige herausgegrissen. Tie Frau des Mcdizinal- rats, die ohne Liebe nicht leben kann und darum immer verliebt sein muß. Ein hysterischer Jüngling muß ihre Liebeslaunen ertragen, ein Jüngling, der glücklich ist in dem ihm eingeimpften Gedanken an den baldigen Tod. Er ist glücklich, weil er immer am Schoße seiner Mutter gehangen, Frauen und Frauenlisteir nicht kennen gelernt und weil er dm Kampf ums Tasein nicht auf sich zu nehmen braucht. Im Augenblick da ihm Gewißheit wird, daß er doch noch länger leben muß, ^al^^nur noch diesen Sommer, schwindet just in der StuWfrv, in der die Frau bereit ist, mit ihm durchzugehen, auch die Furcht vor der kommenden Verantwortung uno auch feine Liebe Er geht ins Wasser, aber aus Feigheit nur bis an die Knie. Tie Frau Medizinalrat roenbet sich nun wieder ihrem Gatten zu, dem sie weismacht, daß Hans Torup ins Wasser gegangen sei, weil sie ihn abgewiesen hatte. Ter gute Medizinalrat geht in ihre Schlinge, solange, bis es der holden Gattin gefallen wird, wieder einmal verliebt zu sein. Um diese Handlung, die sich an dm scharf umrissmen Charakteren emporrankt, gruppieren sich Einzelmmschm, die nicht minder fein beobachtet sind. Von drastischer Komik enthält Rittners Komödie nirfas. Auch keine faulen Witze, die nur das Ohr aufnimmt. Seine Smtenzm wollm verstanden, wollen begriffen, wollen erlebt sein. Tie Aufführung ließ die sichere Hand der Spielleiter Eger und Valdek erkennen Frl. Berka als Medizinalrätin war ganz cm sinne des Dichters das Weib, Herr Kurt Ehrle als Torup nht tn Zittern und Zagen, echt in Liebe und Liebesraserei. Den Konfektionär machte Herr Heinz. Sehr gut in manchen Einzelheiten. Tie Damen Gothe, Meißner und Alsen spielten ihre verliebtm Frauchen mit dem richtigen Takt. Herrn Baumeister liegt die Rolle des Tr. Wimmer nicht. Er war zu sehr Polter- geiit. Vielleicht läßt sich im Zusammenspiel noch mehr Lercfaig- keit erzielm. Manches war zu hart, zu betont. Tie Bühnen- ausitattung muß noch hervorgehoben werden, besonders die des zweitm Aktes, Im Schluß machten sich einige Zischer bemerkbar.
Ur. 241
Drittes Blatt
162. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme be5 Sonntags.
Die „Gießener $amilienblät1er" werden dem «Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt ffir den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seih fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Aiyeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Samstag, 12. Oktober 1912
Rotationsdruck und Verlag der Drühl'schen UniversitätS - Buch- und Steindruckerei.
R. Lauge, Dießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e=#*> 51.
Redaktion:«^ 112. Tel.-Adr.: AnzeigerÄießen.
Reichsdeutscher Mittel st and s verband.
In den Gesamtausschuß des Reichsdeutschen Mittel- standsvcrbandes ist, wie man uns mitteilt, durch Beschluß des Hauptvorstandes auch Reichstagsabg.' Dr. Werner gewählt worden.
Ausland.
Der französische Parteitag der Radikalen und Sozialistisch-Radikalen in Toul nahm nach ziemlich lebhafter Besprechung einen Antrag an, in dem eine Wahlreform auf der Grundlage des Mehrheitsgrundsatzes befürwortet wird, die ausschließlich von der republikanischen Mehrbeit beider Kammern gemacht werden soll. Tie Verhältniswahl und der Wahlquotient wurden abgelchnt.
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Die Chinesen in Tibet.
Für die aus Schanghai stammende Nachricht über ein Vordringen der Chinesen im östlichen Tibet fehlt es an einer Bestätigung, und in Peiing w rd diese Meldung dementiert, lieber die Tätigkeit des Gouverneurs von Szetschuan läßt sich nichts feststellen; aber das Herannahen des Winters läßt die Aussichten seiner Unternehmung zweifelhaft erscheinen.
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Aus Mexiko.
Nach einem Telegramm aus Mexiko haben die Aufständischen am Mittwoch die B u n d e s t r u p p e n bei Excolon geschlagen. Tie Bundestruppen sollen etwa 100 Tote gehabt haben.
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Dr. Nieberdingf.
Der „Reichsanzeiger" widmet dem am 10. b M.
74 Jahren verstorbenen früheren Reichsjustizamts Wirll. Rat Tr.
Au» QcHcn.
— Der Geheime Staatsrat und Bevollmächtigte im Bundesrat, Gustav Krug von Nidda, wird, wie wir schon kurz meldeten, demnächst in den wohlverdienten Ruhestand treten. Auf einem Gute bei Nidda geboren wurde Krug nach seinen Studien i. I. 1866 Hosgerichtsadvokat in Darmstadt und i. I. 1883 mit dem Titel Obcrfinanzrat als vortragendes und juristisches Mitglied in das Finanzministerium berufen. Im Jahre 1890 wurde ihm und seiner Familie die Wiederaufnahme seines mehrhundertjährigen Adelstitels Krug v. Nidda gestattet. Im Jahre 1891 erfolgte seine Ernennung zum Geh. Obersiuanzrat, und i. I. 1893 zum Ministerialräte und Vortragenden Rat im Finanzministerium. Gleichzeitig wurde ihm der Vorsitz in der Steucrabtcilung übertragen, den er bis zum Jahre 1898 inne hatte, wo er zum Geheimerat im Staatsministerium und Ministerium des Innern aufrückte. Im Jahre 1899 wurde er zum Geheimen Staatsrat ernannt. Zahlreiche hessische und andere Auszeichnungen ehrten feine Verdienste.
Alter von
ICirdie und Schule.
" it Bg.äofskon'ercn, in Fulda.
Für die Bischvfskonserenz, die bisher verschoben werden mußte ist nunmehr der Termin feitgcsctzt worden. Die Konferenz soll am 5. November in Fulda staltsinden. Den Vorsitz wird Kardinal Dr. v. Kopp führen.
'ingestoffen - le Schaufenster Otto Aahnhosstrakc 49
K«hr 4 Co. Rabattmarken.—
Deutscher Zugen^g richtstag.
~ Frankfurt, 11. Oft.
In den fortgesetzten Beratungen des 3. Deutschen Jugcnd- gerichtstagcs erstattete Pros. Dr. Graf G lei spach (Pragi einen Vortrag über „Straf- und Erziehungsmittel im einzelnen, ihre Anwendung und Organisation". Er stellte eine Reihe von Leitsätzen auf, in welchen er u. a. für das Strafgesetz drei Altersstufen, Unzulässigkeit des Strafverfahrens gegen Srinbcr verlangt unb bic Bedingungen ber Straffreiheit für geistig Minderwertige unb für Jugenbliche usw. sestgelegt wissen will. Erläuternb bemerkte ber Vortragenbe hierzu, baß um bic Jahrhunbertwenbe fast alle Kultnrstaatcn ber Kriminalität unb Verwahrlosung ber Jugenb in anberer Weise als bisher entgegengetreten seien, entweber burch allgemeine Strafbestimmungen ober durch besonbere Gesetze. Tic meisten Reformen haben bie Vereinigten Staaten vorgenommen, auch Englanb hat sein Jugenbgericht wesentlich vervollkommnet. Teutschlanb habe auf dem Gebiet ber Jugenb- fürsorge Hervorragenbcs geleistet, bie Reform bes Strafrechts habe es aber noch nachzuholen. Tie Notwenbigkeit hierfür werbe von keiner Seite bezweifelt, aber auch nicht bie Dringlichkeit ber Ausgabe. Tie unbiskutable Prügelstrafe werbe am besten burch Totschweigen crlebigt.
Auch ber zweite unb britte Vortragende zu dem gleichen Thema stellte Leitsätze auf, die sich in den Grundzüffen mit jenen des ersten Redners decken. Amtsgerichtsrat Allmcn- r ö d e r (Frankfurt) verlangte u. a. ein Reichsfürsorgegesetz und Jugendgerichte in ber besonberen Form der Personalunion von Jugenbstrasrichter unb Vormunbschaftsrichter.
Pastor Backhausen (Hannover) befaßte sich in erster Linie mit der Frage ber Heraufsetzung ber Strafmünbigkeit und schlug als Erziehungsmittel u. a. vor ben Verweis, bie Erziehungs-
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Die Harmonie öes Lebens.
Von St. B. St an ton.
Nachstehend geben wir unseren Lesern ein Kapitel aus dem neuen Buch des amerikanischen Philosophen St. B. Stan ton „Seele und W c l t", das soeben in einer vorzüglichen deutschen Ucbertraguug bei Julius Hoffmann in Stuttgart (Preis geheftet '3 Mk., geschmackvoll gebunden 4 Mk.) erscheint. ' Die Schrift!.
ES ist gut, daß nicksts aushält, oder wir könnten es nicht aushalten. Tie Tinge sind noch etwas trcrgängticber als ihre Kraft zu gefallen. Auf der Tafel des geistigen Feinschmeckers darf keine Schüssel mehr als einmal erscheinen. Sogar solche Lust, für die eine Ewigkeit zu kurz schien, wird einmal lästig: Tage ohne Sorgenwolken bedrücken uns durch ihr Blau. Jeder zu lang hingezogene Genuß verliert sich; der unbestrittene Standpunkt wirb langweilig. Der Mensch erreicht Stufen aber nie .in Ziel: das Glück selbst vermag nickst, ihn glücklich zu machen. Wenn wir alles erlangen, was wir forderten, so wunbeni wir uns, warum wir so wenig fordern konnten. Tas Sehnen des Herzens wird nie gestillt.
Niclsts ist so gut, daß zeitweiliger Wechsel nicht besser wäre. Ist der wunschlose Zustand allgemein, so macht er uns unruhig, ist er dauernd, dumpf: von allem Einerlei wenden wir uns unbefriedigt weg. Selbst der heißersehnte Friede treibt uns durch seine Langeweile wieder zurück in den haßerfüllten Kampf, unb ein recht garstiger Zwischenfall ist uns immer noch lieber als ewige Musterhaftigkeit. Wir können alles besser ertragen als Stittstanb: nimm einem Mensckstm das sichere Brot, aber laß ihm seinen Tabak ber Zerstreuung. Ter Tag ist unerträglich, der nicht etwas zu bringen verspricht: wo man in so sicheren Geleisen geht, baß nichts „Vorkommen" kann, ba gähnt bas Leben. Die Zuffinft ist ein Postbote, ben alle begierig erwarten, bringe er gute oder schleckste Nachrichten. Wo keine Ueberraschung möglich rst, da ist ber Jubel verbannt: Berechnung und Vorsorge.schließen das Wunderbare aus. Alles Eintönige ist des Lebens Stundengeläute, Abwechslung aber sein Glockenspiel: nicht in den Tönen, sondern in ihrer harmonischen und mannigfachen Folge liegt der Reiz der Melodie.
Ohne beständige Schärfung durch Wechsel wird die Beobachtung stumpf und die Tatkraft matt, und unser Bedürfnis danach steigert sich so, daß es schließlich nur irock) durch den Schlaf befriedigt wird. Tas Wandellose hemmt den Fortschritt, weil es bie Anregung tötet. Alle normalen Funktionen zeugen von denselben Bebürfnis r:ad> Ablenkung: wenn schon der Körper in unveränderter Haltting ermüdet, um wie viel mehr der Geist! Wir schmoren in unserem eigenen Tunst, wenn daS Denken nickt aufgerüttelt wird: es liegt niehr Musik im Leben als nur der eintönige Takt unseres Herzens. Ter Lfasdruck muß, wie Tee, rasch abgezogen werden, damit er den ätzenden Gerbstoff nicht herausziehe, wenn er lange aus den Blättern des Gedankens stehen bleibt. Die Wiederholung ist ein Gast des Geistes, der läfrig wird. Auf einer Sache verweilen heißt sie schädigen: sowie der günstige Eindruck verblaßt, wächst der Widerspruch. Schroffheit schafft nur neuen Widerstand und verfehlt ihren Zweck: Sanftheit dagegen wirkt werbend. Wir
gstN.
Deutsches Ncich.
Der Reichstag.
Eine Korrespondenz teilt mit, es sei nicht ausgeschlossen, daß der Reichstag noch in diesem Monat einberufen werde. Wiederholt hätten deswegen in letzter Zeit Besprechungen zwischen dem Reichskanzler und einigen Politikern stattgefunden. Der Bureaudirektor des Reichstages erklärt zu dieser Meldung, daß amtlich von einer Einberufung des Reichstages nichts bekannt sei. Also vielleicht außeramtlich?
dringenil | i Interesse X r unserer V teMi'l een
Arnold Nieberding einen Nachruf, in dem es u. a. )eißt: Seine Amtszeit fiel in eine für die Rechtsentwick- ung in Deutschland bedeutsame Periode. Mit dem Zu- tanoekommen des Bürgerlichen Gesetzbuches ist ein Name unauflöslich verbunden. Seiner unermüdlichen Energie war es in erster Linie zu verdanken, daß es gelang, das große, lang vorbereitete Werk in einer einzigen Session des Reichstags zur Verabschiedung' zu bringen und in den beiden Jahren die noch zahlreichen umfangreichen Nebengesetze, deren es zur vollen Einheit des deutsckstm bürgerlichen Rechtes bedurfte, zu erledigen. Die spätere Zeit seiner Amtsführung war vorwiegend einer umfassenden Reform unseres Strafrechts und des Strafprozesses gewidmet.
Der Reichstagspräsident Dr. Kaempf bat der „Freisinnigen Zeitung" zufolge sich nun doch entschlossen, sein Mandat für den ersten Berliner Reichstagswahlkreis nicbcr^ulegen. Kaempf war bekanntlich bei den letzten Wahlen in der Stichwahl gegen den Sozialdemokraten Düwell mit 7 Stimmen Mehrheit gewählt worden: die Wahl wurde Don den Sozialdemokraten angefochten und der Wahlprüfungs- aussckmß beschloß BeweiScrlstbnng. Die „Berliner Morgenpost" schreibt: „Daß die Nachwahl vor dem Wieberzusammentritt bes Reichstages stattfinbet, bürste als ausgeschlossen gelten. Wirb vielleicht Pauer, ber sein Präsibium in Stuttgart niebergelegt bat, K aempfs Nachfolger? Ober sinb Fäben gesponnen, bic Herrn Paaschc bas Avancement Ermöglichen, ober winkt nun doch Herrn Spahn ber besinitive Besitz bes -Sessels, ben nach zwei Tagen niederzulegen seine Partei ihn nötigte?"
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aussicht durch Jugendbeamte, Trennung von ber bisherigen Umgebung unb Unterbringung in einer Familie unb schließlich Unterbringung in einer staattich beaufsichtigten Erziehungsanstalt: bie Staatsanwaltschaft solle erst aus Anirag bes Jugendamtes (dem Vormundschasts- unb Jugendrichter in einer Person cingreiien.
Ter Vorsitzende Dr. Mohne, Amtsgericht?rat in Berlin, dankte den Vortragenden unb bedauerte, daß der ärztlich c Stand bei den Beratungen nickn vertreten gewesen sei, was seinen Grund lediglich in ökonomischen Rücksichten gehabt habe.
In der Aussprache hob Fran Generalkonsul Ni sch «Berlin» ben außerordentlichen Wert ber Kinderhorte hervor, die sehr viel zur Verminderung der Kriminalität der Jugendlichen beitragen könnten Frl. Goudstickcr (München), bic Vorsitzende ber Rechtsschutzftelle für Frauen, trat der* Bemerkung AllmenröderS entgegen, ber sich gegen bie Zuziehung ber Frau zum Schönenamte ausgesprochen habe, unb wies darauf hin, daß die Mehrzahl ber Frauen bic Zulassung zu diesem Amte wünsche. Staatsanwalt Koth 'Königsberg betonte, daß der Staatsanwalt am Jugendrichter eine außerordentlich wertvolle Hilfe haben werde, ba dieser nach ben Lebenbcn sich sein Urteil bilden könne, währenb ber Staatsanwalt sich seine Meinung aus ben toten Akten nehmew müsse. Nachbem noch von verschicbenen Rebnern die Angriffe gegen Herrn Allmenröder als ungerechtfertigte bezeichnet worben waren, würben bic Verhanblungen auf morgen vertagt.
Au» Studt und Canöe
Gießen, 12. Oktober 1912.
♦* Stadktheater Gießen In Otto Erich Hartlebens „R o s e n m o n t a g" am nächsten Sonntag abend wird Herr Jensen, der neue jugendliche Held, oer sich in „Traum ein Leben" so vorteilhaft eingeführt hat, zum ersten Male in einer großen modernen Rolle auftreten. Die „Traude" spielt Frl. de Brntyn. — Am Sonntag nackfmittag wird der neue Lustspielschlager „Die fünf Frankfurter" wiederholt. Beide Vorstellungen finden bei kleinen Preisen statt und es ist so lebhaftes Interesse vorhanden, daß Interessenten gut tun werden, sich vorher Plätze zu bestellen. Billettbesteilnugen bittet man der schnelleren Erledigung wegen nicht an die Direktion, sondern an die Kasse des Stadttheaters zu adresjieren.
** Fürdas hiesige Telegraphenamt ist beim Postscheckamt in Frankfurt ein Konto Nr. <>801 eröffnet worden. Ans dieses Konto können durch Abschreibung von dem Postscheckkonto der Fernsprechteilnehmer die fälligen Fernsprechgebühren entrichtet werden. Es wird dabei in folgender Weise verfahren: Das Telegraphen- amt teilt dem Postscheckamt in Frankfurt zu den Fälligkeitsterminen den von den Teilnehmern zu entrichtenden Gesamtbetrag an Fernsprechgebühren mit. Das Postscheckamt belastet das Konto der betr. Teilnehmer mit diesem Betrag. Zur Benachrichtigung geht den Teilnehmern mit dem nächsten Kontoauszug ein mit dem Aufgabestempel versehener Lastschriftzettel zu. Die Gebührenzettel werden den Teilnehmern vorher von dem Telegraphenamt in gelber Tasche übersandt. Findet der abzuschreibende Betrag im Guthaben keine Deckung, so wird er in gewöhnlicher Weise eingezogen. Da von dem Scheckausgleich der Fernsprechgebühren im Vergleich zu den großen Vorteilen, die das Scheckverfahren der Allgemeinheit ebenso wie jedem einzelnen kaufmännischen Unternehmen bietet von Fernsprechteilnehmern, welche ein Scheckkonto unterhalten, immer noch nicht in dem erwünschten Umfange Gebrauch gemacht wird, so sei auf die Einrichtung hiermit erneut aufmerksam gemacht.
** Luftfahrer-Verein Gießen. Der Verein hielt am vorigen Montag seine erste Sitzung ab. Als erster und wichtigster Punkt der Tagesordnung wurde die Möglichkeit einer Flugveranstaltung und einer


