Drittes Blatt
Br. 284
162. Jahrgang
Lrjcheinl täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „siebener Zamiliendlätter" werden dein .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „Krdsblatt für den Kreis wichen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zwennal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhesfen
Montag, 2. Dezember 1912
RotatiolrSdruck und Verlag der Brühl'ichen UniversitätS - Blich» und Steindruckerei.
R, Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition »itb Verlag: e=a®51. Redalkion:^G^I12. Tel.-2ldruAnzcigerGießeiu
Mb. Deutscher Reichstag.
74. Sitzung, Sonnabend, 30. November.
Am Bundeöratstische: Tr. Delbrück, Dr. Frhr. v. Bertling, Cisco.
Präsident Tr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 11 Uhr 15 Min.
ES findet zunächst die namentliche Abstimmung über den sozialdemokratischen Antrag zu der Teuerungs-Interpellation stall, der besagt, daß die Behandlung der Angelegenheit durch den Reichskanzler nicht der Anschauung des Reichstags entspricht.
Dir Abstimmung ergibt 140 Stimmen mit Ja (Sozialdemokraten, Volkspartci und die Polen) und 174 Stimmen mit Nein, bei 9 Stimmenthaltungen. Der Antrag ist somit abge- lehn t.
Es folgt die Beratung des Gesetzes
über Den Zufammenflotz von Schiffen,
sowie über die Bergung und Hilfeleistung in Seenot.
Staatssekretär des Neichsjustizamts Dr. Lisco begründet den Entwurf. Der Abschluß der internationalen lieber- einkommen über den Zusammenstoß von Schiffen und über die Hilfsleistung und Bergung in Seenot, denen der Reichstag 1911 zugestimmt babe, mache eö erforderlich, die Vorschriften der inneren deutschen Gesetzgebung mit den Bestimmungen, die auf Grund der Staatsverträge künftig für den internationalen Rechtsverkehr zur Anwendu -g fonnten werden, in Einklang zu bringen. Es wäre ein unbefriedigendes Ergeb is, wenn der deutsche Richter, je nachdem im einzelnen Falle nur Deutsche ober auch Angehörige eines anderen Ve? trags'taateö beteiligt sind, verschiedene Rechts- grundsätze anzuivenden hätte.
Abg. 1). Boehlcndorss (Kons.):
Der Entwurf ist lediglich formaler Natur, große Meinung?« Verschiedenheiten bestehen über ihn nicht. Eine Kommissions- beratung wird nicht nötig sein.
Abg. Dr. (sentier (NM.):
Es wäre sehr wünschenswert, ioenn internationale Abkommen dieser Art häufiger zustande kämen, uns daß sie mehr gewürdigt werden. Tie Tiplomotie und namentlich die deutsche würde ihre Wertschätzung in der Oeffentlichkeit erheblich verstärken, wenn sie die Initiative zu solchen Vereinbarungen weiter ergreift. Bisher haben sic sich auf die See. das weite Meer beschränkt, sie sollten ober auch auf den Landverkehr ausgedehnt werden. So ist auch be- bäuerlich, baß ber Reichstag beut internationalen Ucbercinfommcn ganz fang» und klanglos zugestimmt hat. Tiefer Entwurf ist nicht so bebeutfam, daß er noch in der Kommission beraten werden müßte,
Abg. Dr. Hcrzseld (Soz.):
Das Uebereinkommen ist ein neues Glied in ber Kette internationaler Vereinbarungen, bic wir burchaus begrüßen.
Abg. Dr. Heckfcher (Vp.):
Meine "politischen Freunde haben den Abschluß des internationalen Abkommens, daö diesem Gesetzentwurf zugrunde liegt, stillschweigend zugestimmt, aber das Stillschweigen war ein begeistertes. (Heiterkeit.) Wir halten das lieber» einkommen für einen Kultursortschritt und sind damit einverstanden, heute schon in die zweite Lesung einzutreten.
Der Gcsetzenturf wird in erster und zweiter Lesung u n ° verändert a n g'e n o nt in e n.
ES folgt die erste Lesung des Gesetzentwurfs über
M-erfaugslafcheii.
- Der Entwurf bestimmt, daß Kindersaugflaschen mit Rohr bber Schlauch, sowie Teile zu solchen Flaschen weder gewerbsmäßig hergestellt, noch zum Verkauf vorrätig gehalten, verkauft oder sonst in den Verkehr gebracht oder aus dem Ausland ein« geführt werden dürfen.
Abg. Rühle (Soz.):
Das Gesetz wäre schon lauge nötig gewesen, ba es wenigstens Etwas zur Bekämpfung ber Säuglingssterblichkeit beiträgt. Tie Säuglingssterblichkeit in Deutschland ist eine Kultursch a n d e. (Stürmische Oho-Rufe.)
Präsident Dr. Kacmps ruft den Redner zur Ordnung. (Lebhafter Beifall.)
Abg. Rühle (Soz.):
Die Begründung deo Entwurfes ist ungenügend. Wir ber« nuffen darin jedes Gefühl für das niederdrückende und blamable Anwachsen der Säuglingssterblichkeit. Die Begründung verheimlicht, daß Deutschland beinahe alle Staaten ber Welt in der Säuglingssterblichkeit übertrifft. Deutschland in der Welt voran, heißt es immer. Aber leider ist das nur ber Fall, wenn es sich um Unkultur handelt.
Präsident Dr. Kaempf: Ich rufe Sie zum zweiten Mal zur Ordnung. (Beifall.)
Abg. Rühle:
Hekatomben von Säuglingen fallen alljährlich in Deutschland ben Verhältnissen zum Opfer. Natürlich ist das Proletariat dabei am meisten betroffen. Demi die Säuglingssterblichkeit hängt aufs engite zusammen mit dem Wohnungselend, ja sie ist ba= burdj' viel mehr bedingt al-Z durch die schlechte Ernährung. Die Mehrheit des Hauses muß angeklagt werden, daß sie für die Etill- Mhigkeit bisher nicht die beste Möglichkeit gegeben hat. Die Kindersterblichkeit in den ersten Jahren ist erschreckend hoch. Tie gesellschaftlichen Verhältnisse, bic Not, die Armut, das Elend, ver- schulden jährlich den Tod von 300 000 Kindern; diese Zustände sind eine Folge des herrschenden Zollsystems. Bisher hat man nichts dagegen getan. Erst jetzt, wo sich der Geburienrückganx zeigt, wo das Entvolkertingsproblem auftaucht, regt mon sich. Bei ber Reichsversicherung hat man versäumt, die er- forderlichen Maßnahmen zu ergreifen. Jetzt kreißen die Berge, und als Neues wird ein Saugflaschengesetz geboren. Wichtiger ol6 ein Saugflaschengesetz wäre die Sorge für den Inhalt der Saugflascheii und für die Belehrung der Mütter über die zweck- mäßigste Säuglingspflege gewesen. In Frankreich erteilt man hierüber Unterricht in der Schule, bei uns zieht man Religions- unterridjt bor. (Vizepräsident Tr. Paasche bittet den Redner, sich nicht so weit vom Thema zu entfernen.) Die praktischen Ergeb- iiisse des Saugslaschengesetzes in Frankreich sind ziemlich gleich null. Durch das Gesetz wird nun die Industrie und eine große Anzahl Arbeiter geschädigt. DaS Gesetz geht weit über die Kom- kelenz unserer Regierung hinaus; sie darf auf keinen r?all der Snbujtric die Exportmöglichkeit rauben.
Ministerialdirektor Dr. b. Joncqui^res:
Wir beklagen alle die hohe Säuglingssterblichkeit, wir wissen ober alle auch, daß wir sie nicht allein durch gesetzgeberische Akte bekämpfen können. Dazu gehören auch Maßnahmen bcr_ praktischen Verwaltung und ber christlichen ßic bestätig» leit (Beifall rechts und in ber Mitte. Lachen b. b. Soz.) Sie Säuglingssterblichkeit ist bei uns erheblich zurückgegangen. 1901 betrug sie 20,7 Pcoz., 1910 nur noch 16,2 Proz. (Zuruf
II i rn
bei den Soz.: Rur? lam-st i gegenüber 20 Pr-n. ist 10 Vr-n schon ein merklicher Fortschritt. Hoffentlich lucrDeii wir noaj weiter kommen. Im übrigen möchte ich gegenüber den Eingriffen des Vorredners doch daran erinnern, daß wir uns heute lediglich mit einer einzigen Maßnahme zu beschäftigen haben. ES fragt sich nur. ob diese Maßnahme auch geeignet ist, zur Verringerung ber Säuglingssterblichkeit beizutragen. Dafür glauben wir in der Begrünbung den Nachweis erbracht zu haben. Diesen Nachweis zu erbringen, hielten wir un5 allerdings für verpflichtet, weil wir uns bewußt sind, daß mir durch dieses Gesetz in gewißem Umfange in dir Industrie eingreifen müssen. Wir wollen bas nicht ouS bureaukratischcr Regiersucht tun, sondern weil ein ernstes-sozialeö Problem im Hintergründe steht. Wir haben unS deshalb in ber Begrünbung barauf beschränkt, lebiglich den Beweis zu erbringen, daß der Gesetzentwurf geeignet ist, zur Bekämpfung bet Säuglingssterblichkeit beizutragen. Frankreich ist uns hier borangegangen; man hat in Frankreich auch nicht geglaubt, damit die Säuglingssterblichkeit auS der Welt zu schaffen. Ein Gesetz haben wir deshalb eingebrackt, weil die Regelung lediglich durch Polizeivcrordnungen rechtliche Bedenken gegen sich hatte.
Abg. Sittart (Zentr):
Eine solche Maßnahme, die der von unS allen beklagten Kindersterblichkeit entgegentritt, muß schleunigst erledigt werden. Man darf nicht warten, bis einmal der Zukunftsstaat da ist. Ich möchte schon heute die Regierung bitten, uns in der Kommission eine Statistik vorzulegen darüber, inwieweit in sozialdemokratisch geleiteten Gemeinden etwa die Kindersterblichkeit geringer geworden ist. Tas Millionenheer der Sozialdemokratie hat nichts geleistet, um die Säuglingssterblichkeit zu verringern. (Ohot b. d. Soz.) Sehen Eie sich einmal an, was die christliche Charitas auf diesem Gebiete getan hat!
Abg. Schulenburg (Natl.):
Den Sozialdemokraten ist jede Saugflasche recht, um sich mit Haß gegen die heutige Gesellschaftsordnung vollzusaugen. (Heiterkeit.) Wie man die Religion mit dieser Angelegenheit verknüpfen kann, ist uns unverständlich. Selbstverständlich gehört die Religion in die Schule. Da das Gesetz Nachteile für die Industrie mit sich bringt, werden wir es in der Kommission erst prüfen müssen.
Abg. Dr. Müller-Meiningen (Vp.):
Wir stehen der Gesamitenoenz ber Vorlage sympathisch gegenüber. Daß b:e Kindersterblichkeit in den bäuerischen Gemeinden nm größten ist, beweist, baß es an Aufklärung fehlt. Wir unterstützen daher die Anregung zur Errichtung einer Neichsanstalt für Erforschung ber Säuglingssterblichkeit. Einzelheiten behalten wir uns für bic Kouimissionöberatung hör.
Abg. Dr. Burkhardt (Wrrtsch. Vgg.) erklär! gleichfalls seine Zustimmung, wenn auch noch einige Verbesserungen nötig wären.
Der Gesetzentwurf geht an eine Kommission von 14 M i t g 11 e b e r n.
Es folgt bic erste Beratung beS Entwurfs eines
postscheffgesetzes.
<stnaf§fefretär des Reichspostamts Krcitke:
Dmch Gesetz vom 18. Mai 1908 wurde ber Reichskanzler ermächtigt, das Postscheckverfahren durch Verordnung einzuführen.
Gleichzeitig wurde bestimmt, daß die grundsätzlichen Bestimmungen durch Gesetz geregelt werden sollen. Es schien für die Sache ersprießlich, einen Zeitraum von drei Jahren vergehen zu lassen, bevor man an die Ausarbeitung des Gesetzes heranging. Nachdem am 1. Januar 1909 das Postscheckverfahren eingeführt wurde, warteten wir bis zum Ablauf des Jahres 1911, bis wir dem Reichstag durch einen Geschäftsbericht von der Entwicklung des Scheckwesens Keniitnis gaben. Wie günstig sich dieser Dienst entwickelt hat, haben die Herren ja aus ter Denkschrift ersehen, Auch für 1912 hat diese günstige Entwicklung weiter angebalten. Im ersten Jahre betrug die Zahl der Konteninhaber rund 36 000, im zweiten Jahre 49 000, im dritten Jahre 62 000, und nach Ablauf dieses Jahres werben es 75 000 sein. 1912 erfolgten ungefähr 101 Millionen Buchungen im Gesamtbeträge von 30 Millwr- bcn. Diese gewaltigen Zahlen zeigen bic Notwendigkeit ber Einführung bes Postscheckverfah-, rens. Von biefen 80 Milliarden sind 16 Milliarben ohne Bargeld ausgeglichen Worten, sie haben also eigentlich das erreicht, was wir anstrebten. Während des vierjährigen Bestehens haben wir uns bemüht, etwa hervortretende Mängel zu beseitigen und das Scheckwesen weiter zu entwickeln. Tas ist geschehen dadurch, daß wir mit dem Reichsbankgirowesen in Beziehung getreten sind und das Scheckwesen auch auf Postaufträge und Postnachnahmen ausgedehnt haben.
Wir sind ferner mit dem Ausland in Verbindung getreten nach der Richtung, das Postscheckverfahren auch auf daö Ausland auszudehnen, und es ist uns gelungen, im Verkehr mit Oesterreich, Ungarn, Schweiz, Belgien und Luxemburg dieses Verfahren bereits einzuführen, während wir mit anderen Staaten darüber noch in Verhandlungen stehen. Tie Herren werden aus den Zeitungen gesehen haben, daß auch Vertreter der fremden Völker hierher gekommen sind, um sich das Scheckwesen anzusehen und zu beurteilen, ob es möglich sein werde, auch bei ihnen ba§ Scheckwesen einzuführen. Wenn also nach dieser Richtung hin diese E,.irichtung Anklang bei den Beteiligten gefunden habe, so ist das leider, was den Tarif anbetrifft, nicht in allen Punkten der Fall. Es bat sich bei ber Entwicklung herausgestellt, daß es von vielen Kreisen schwer empfunden wird, daß bei dem Postscheckverkehr die Grenzen zwischen Zahler und Empfänger betreff der Gebühren nicht richtig gezogen find. Ten Herren ist bekannt, daß, sobald mehr als 600 Buchungen vorkommen, für einen Kontoinhaber, eine Zuschlag, gebühr für jede Buchung von 7 Pia. in Anrechnung kommt. Tas hat zur Folge, daß der Absender, ber Zahler vielfach nicht weiß, wie hoch bie Gebühr werden wird, ba ja die Höhe der Zahlungen abhängig ist von den Bewegungen, die auf dem Konto des Empfängers staitgefundcn haben. Diese UnbcQuemlicbfeiten haben ba« hin geführt, den Wunsch auszudrücken, daß diese Gebühr gleich bei der Einzahlung oder bei ber Uebermcifung frankiert wird.
.Wir haben ^nach Verlauf der ersten drei Jahre Vertreter ber verschiedenste.-, Stände zusammenberufen, Vertreter von Handel und Industrie, von Landwirtschaft, von Handwerk und Gewerbe, von Genossensckwften und Sparkassen, von Anwaltsvereinen uito., und wir haben beraten, in welcher Weise das Scheckverfahren nützlich auegeftaltet werden könne. Tabei ist das Ergebnis heraus- gekommen, das wir Ihnen in den Gesetzentwurf borgelegt haben. Besonders wichtig ist der Gebührentarif. Da finden Sie, daß gegenüber dem bisherigen Mindestsatz von 5 Pf. für die Emzah- hing eine Einheilsgebübr von 10 Pf. erhoben werden soll. Wir haben nicht die Absicht, ein Geschäft zu machen. Nach ber Zusammenstellung bet Gebühreneinnahmen unb Zinsen ergibt lick, daß die Summe gerade zur Teckung der Ausgaben auS- rkicht. Tie Vorlage bringt erstens einen klaren Übersicht« lichcn Tarif. Diese Einheitlichkeit der Taxe wurde von den Beteiligten mit großer Freude begrüßt. Zweitens wird zur Belebtheit des Postscheckvcrkehrs die Herabsetzung der Stammeinlage aus 50 Mk. beitragen. Deshalb werden sich
auch viele mittlere Geschäfte daran beteiligen können. Ich ernt’ johle daher den Entwurf aufs wärmste, über Einzelheiten wird sich reden lassen.
Abg. Dr. Südekum (Soz.):
Wir haben bcn ersten Versuch be6 bargeldlosen Verleb r 8 freubig begrüßt, aber bas Ergebnis ist burchaus nicht so । befriedigend gewesen. Der Verkehr muß sich noch viel weiter . ansbehnen, bad suchte bie Verwaltung geradezu zu verhindern. : Sie hat gegenüber aiislänbischen Verwaltungen eine Niederlage erlitten. Die Einzahlung muß gebührenfrei bleiben. Wir beantragen Ueberweisung an die Budgetkommission.
Abg. Irl (Ztr.):
Der Entwurf muß eingehend geprüft werben. Mehrere Einzelheiten geben boch zu Bedenken Anlaß. So würbe bie Ei«zahlungSgcbühr die kleinen Gewerbetreibenden schädigen.
Abg. Frommer (Kons.):
Im einzelnen sind gewiße Verbesserungen der Vorlage nötig. Die lO.Pfennig.Gebühr würde eine Verfündignng an dem landwirtschaftlichen Genossenschaftswesen bedeuten. Wir rechnen auf das gewohnte Entgegenkommen deS Postministers in der Kommission.
Abg. Beck-Heidelberg 02nfL)‘J
Die Befürchtungen, daß da? GenosfenschaftSivesen geschädigt merbc, dürften doch nicht so ängstlich aufgefaßt werden. Für daS Wichtigste halten wir die Herabsetzung ber Stamm« e i n l a g e n . auf diese kommt eS vor allem an. Tann aber auch auf den Tarif, ber sachgemäß auegeftaltet werden muß. Er inuß möglichst einfach, übersichtlich unb nicht zu hoch sein. Drc lO-Pfennig-Gebühr ist ober ganz entschieden zu hoch. Dagegen begrüßen mir freubig. baß auf bie Zuscklaggebühr verzichtet wird. DaS berechtigt aber nicht 00311. daß dafür der erhöhte 10-Pfcnnig« Tarif cingeführt wird. ’ Auch scheint bebenklick, baß für bie Regelung bes Verkehrs dem Bundesrat zu viel Befugnisse überwiesen sind. Es kommt bann nicht dazu, baß bie Beteiligten gehört werben. Die jetzige Regelung bcS UeberlocisungSverkehrS steht auck mit früheren Erklärungen des Sekretärs in Widerspruch. Im wesentlichen stehen wir auf dem Boden der Vorlage, über die Einzelheiten werden wir in ber Kommission sprechen.
Abg. Dr. Dove (Vp.):
Ohne den st i 11 c n Frieben der Diskussion stören zu wollen, mache ick doch darauf aufmerksam, daß das Gesetz bis 1. April 1912 in Kraft gesetzt sein sollte. Die Vorlage schafft manche Erleichterungen, sie überläßt aber zu viel den Vcrorb« jiungcn des Bundesrates. Die Entwicklung wird sich hoffentlich unverändert fortsehen. Den Postbeamten, die immer neue Aus- gaben in einer an sich geradezu glänzenden Weise losen, spreche ich gern unseren Dank aus. (Beifall.)
Die Vorlage wird ber Bubgetkommission überwiesen. Montag, 2 Uhr: Erste Lesung bes Etats.
.Schluß %8 Uhr,
veuts^er Spattaffentag.
:: Charlottenburg, 30. Nov.
Unter zahlreicher Beteiligung von delegierten der äuge* schlossen en Unlervcrbcmde und verschiedener großer Einzelspai- lassen trat heute vormittag hier der Deutsche Sparkassenverbaiid zu seiner diesjährigen Mitgliederoersammlung zusammen. Der Tagung lag der Geschäftsbericht für das Jahr 1912 vor, wonach der Verband gegenwärtig 2552 Kaffen mit einem Einlagebestanoe von 15 915 022 Mark umfaßt. Als Mitglied beigetreteu ist das Königlich Sächsische Ministerium des Innern. Wiroüerbänbc sind gegründet außer dem bereits seit mehreren Jahren bestehenden tasiroverbandc Sächsischer Gemeinden in Pommern, Schlesien, Posen, Hannover, Sachsen, Thüringen, Anhalt, Schleswig-Holstein und Würtlcmberg. Das jetzt verabschiedete preußische Gesetz über die 'Jlnlcgung bestimmter Prozentsätze des Vermögens der 2parfaiicn in Staatspapieren hat gemäß dem ablehnenden Be schlusse der letzten Mitgiiederoeriaminlung die Crganc des Ver bandes zu iortöauernben Bemühungen veranlaßt, das Selbst bestimmungsrecht der Sparkassen und die eigene Sorge für die Liquidität in kritischen Zeiten ausrecht zu erhalten, wenigstens aber h-ic nun der Staaisregteruug gebotenen Eiüeichtcrungen wegen Haltung des Nefervejonds und Verfügung über die lieber schüffe Tür die Sparkassen günstig zu gestalten. Die Geldver- mittelüngsstelle des Deutschen Sparlasscuoerbaudes litt in der nveiten välstc des Jahres unter der herrschenden Geldknappheit, die Verbindung mit der Geldvermittclungsstellc des Deutschen Städtetages besteht ton. Es erfolgten Geldangebote in Höhe von 3 4aO000 '.Wart, Geldnachstagen in Höhe von 2188000fr Mark: vermittelt wurden 2 Millionen Mark. Die Finanzen des Versandes find steigend und gestatten, daß, Ivie bislwr, ein Fünftel der Beiträge unerhoben bleibt. Der Haushaltsplan für das kommende Geschäftsjahr balanciert in Einnahme unb Aus gäbe mit etwa 45 000 Mark.
Der Vorsitzende des Verbandes, Oberbürgermeister Reima- rus ^Magdeburg) führte im Anschluß an den Geschäftsbericht, den Syndiius Götting erstattete, noch ans: Mau würde es nicht verstehen, wenn wir über den infolge ber Kriegsgerüchte erfolgten A n st urm auf die S v a r f a f f e n
gan; kurz hiirweggehen würden. In den letzten Jahren siird ja vielfach unsinnige Gerüchte entstanden. Liber man kann sagen, daß noch nie so viel zuiammengelogen ist wie in diesem Jahre. Alannierende Gerüchte aller Art erschienen in den Zeitungen, ausgehend von unveranttvortlicher Stelle und über Gebühr auf- gebaustt t Vernünftige Menschen sollten sich dadurch nicht aus- regen lassen. Diese Gerüchte haben zu einem ganz unsinnigen Gebühren seitens unterer Bevölkerung geführt. In der Furcht vor einem Kriege, um sein bißchen Gelb zu retten, sind die Sparkassen in geradezu törichter Weise gestürmt worden. Es bot ein beschämendes Schauspiel, wie deutsche Männer daraushin, daß von unverantwortlicher Stelle der Krieg als in Aussicht stellend bezeichnet wurde, ihr Geld abholten, um es dann nach einigen lagen wieder zu bringen. Wenn von den zahlreichen Sparkassen, welche von der Kriegsangst bedroht waren, eine hervor- gehoben werden soll, so ist es die M a g ö c b u r g c r. Tort sind innerhalb der letzten vier Wochen über 3 Millionen Mark abgehoben worden. Man hat dort die Frage auigeroorfen, ob man nicht Artikel in den Zeitungen lov- lai'fen und das Publikum warnen und ausklären soll. Der Spar- iassenverwalter hat sich dafür entschieden, die Beträge ohne weiteres und ohne auf die Kündigungsfrist Anspruch zu erheben, -urückzuzahlen. Manche weniger gut fundierte Sparkassen können aber durch so etwas in eine unbequeme Lage kommen, wenn so plötzlich und so ungerechtsenigt falsche Gerüchte austauchen. Es nt beschämend, daß ein Teil unseres deutschen Volkes auf diese Gerichte so reagiert hat. Was denken sich die Leute, wenn sie in solchen Fällen maisenhast ihr Geld abfolen? Sie lassen cs dann zum Teil zu Banken bringen. Cb es ba sicherer ist, weiß ich nicht. Wo kann bas Gelb sicherer sein, als in einer großen Sparkasse, hinter ber bie ganze Stadt steht? Eine größere Sicherheit im Kriegsfälle gibt es nicht, als die deutschen Spar- tapen bieten. Sie dürfen überzeugt sein, daß die Banken, ujtb be,anders die nufü gut fundierten, unb solcher haben wir ja auch eine ziemliche Anzahl, im Kriegsfälle in viel größere Verlegen»


