Ausgabe 
13.4.1912 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt

M. 87

162. Jahrgang

Erscheint tlßNch mit NuSnohme etil Ssnnta-L.

'' 339 Meter lang.

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Drama.

Hauswirtschaftliche Vergleiche.

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Redaktion. Lxvedition und Druckerei! Schul» straße 7. Expedition und Verlag: 5L

Rehafttorce^® 112. LeU-Adr^An-eigerDlehen,

Lamm. Verein weibl. Angestellter. AneinemmnachsterVoch« eginnenden ihnimBm-ziksii binnen noch einige Tame- nlnebmen. Baldige Lnmü ungen erbeten

Marktplatz 18.

Der iöorftflnb.

Zamstag, 13. April 1912

Rotationsdruck und Verlag der vrüht'schen Untoerfuätl - Bruch- und Steindruckerei.

9t Lang», Ließen.

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ahme.

DieGießener LamiliendlSNer- werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich deiq-legl, das XrebblaM filr den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die ..randwtrtschaftllche» Zett, fragen" erscheinen monatlich eroeimaL

Amtlicher Teil.

Bekanntmachung.

Wegen Vornahme von Walzarbeiten wird die Straße 3 teilt* bad) L i ch vom 15. d. Mts ab bis auf weiteres für den 5u6n> verkehr gesperrt.

Ter Verkehr wird über LichGarbenteich geleitet.

Gießen, den 12. April 1912.

Großherzogliches Kreisamt Gießen-

I. V.: vr. Merck.

Vermischtes.

* Das Mangan a l s Lebenselixier der Vila n z e. Der französische Gelehrte Gabriel Bertrand, der sich die Er- 'orschnnq der Rolle des Mangans in der Natur zur Lebensan'gabe gesetzt hat, führt seine Untersuchungen mit bewlinderungsweNer Geduld und Genialität weiter und hat neue wicbtiae Ergebnisse daraus gewonnen, über die L. 'l'-argaillan in der Internationalen Monatsschrift berichtet. Schon früher hatte er nacbgeivieien, daß bas Mangansuliat ein ausgezeichnetes Düngemittel ist, auch in relativ geringen Tosen Welche geringen Mengen von Mangan aber noch auf die Entwicklung der Pflanzen einwirken, Hal Bertrand erst jetzt einwandfrei festgestellt. Er verwandte dazu eine beiondere 'Muscidineenart, ben Aspergillus ni. er. und untersuchte, welches bie fleinhe Menge von Mangan wäre, die einen Einfluß auf bie Ent­wicklung bes Aspergillus erkennen ließe. ES ergab sich, daß ein .'Manganqehalt bes Kulturmediums, der/ooooooo entspricht, b. h. ein Milligramm dieses Elements in 10 000 Liter Flüssigkeit den Gewichtsertraa um 10 Vroz. vermehrt. Bertrand ist der Ansicht, daß sich die Pflanze nicht iveiter entwickeln würbe, wenn man bas Mangan aus dem Medium gänzlich entfernt.

* Gute Aussichten. Ehemann:Gilten morgen, mein Herzchen! Nach was suchst du denn so lange? .Hast wohl den Schlüssel verlegt? Ich warte schon eine halbe Stunde hier unten." Sie:Den Schlussel hab' ich, aber den Ausklopfer kann ich nicht finden!"

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Glessen.

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»«sKjSar Wob ttave?' ° etbeten.

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beitem 4,4, bei den Beamten 4,5, bei den höheren Beamten 9,9 bezw. 10,0. Auf Staat, Gemeinde und Kirche entfallen bei den Arbeitern 1,1, bei den Beamten 2,0, bei den höheren Beamten 3,8 bezw. 3,0. Auf persönliche Bedienung entfallen vom Hundert der Gesamtausgabe bei den Arbeitern 0,1, bei den Beamten 1,3, bei den höheren Beamten 5,8 bezw. 5,9.

Die von der Erhebung erfaßten Familien hatten eine Jahresgesamtausgabe zwisä)en 12004000 Mk., während die Ausgaben der zwei Familien höherer Beamten von rund 6600 Mk. i. I. 1894 auf rund 12 500 Mk. i. I. 1908 bezw. von 1830 Mk. i. I. 1899 bis auf 6100 Mk. i. I. 1910 gestiegen sind.

Als Sonderheft zumReichs-Arbeitsblatt" sind zwei Wirtschaftsrechnungen höherer Beamtenfamilien und eine Erhebung von Wirtschaftsrechnungen minderbemittelter Fa­milien erschienen. Aus beiden Veröffentlichungen gibt die Soziale Praxis" eine Statistik wieder, die erkennen läßt. Hundert der Gesamtausgaben bei den verschie­denen Arbeiter- und Beamtenschichten auf die wichtigsten Ausgabegruppen entfallen. Wir entnehmen dieser Statistik die nachstehenden Angaben.

Vom Hundert der Gesamtausgaben entfallen auf Nah- rungs- und Genußmittel bei ben Arbeitern 52,0, bei den Beamten 36,7, bei den.höheren Beamten 30,9 bezw. 32,5. Auf Kleidung, Wäsche, Reinigung entfallen vom Hundert der Gesamtausgaben bei ben Arbeitern 11,2, bei ben Beamten 14,4, bei ben höheren Beamten 9,1 bezw. 8,8. Auf Wohnung unb Haushalt entfallen bei ben Arbeitern 17,0, bei den Beamten 19,2, bei ben höheren Beamten 19,2 bezw. 21,2. Auf Heizung unb Beleuch­tung entfallen bei ben Arbeitern 4,3 bei ben Beamten 3,8, bei ben höheren Beamten 3,8 bezw. 4,1. Aus Gesund- hei ts- unb Körperpflege entfallen bei den Arbei­tern 1,3, bei ben Beamten 3,7, bei ben höheren Beamten 2,1 bezw. 3,1. Aus Unterricht, Schulgelb und Lehr­mittel entfalten bei ben Arbeitern 0,6, bei ben Beamten 2,4, bei ben höheren Beamten 6,0 bezw. 2,2. Auf g e i st i g e unb gesellige Bebürfnisse entfallen bei ben Ar-

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für lvberhejjen

fahren. Dafür ist bas Pflichtbewußtsein, bas Gefühl ber Interessengemeinschaft mit bem ganzen Volk zu fest be- grünbet. Andererseits aber wolle man nicht Uebermensch- liches von ben Beamten verlangen. Nur zu Unrecht wird ja von einer Gehaltserhöhung gesprocl>en, eine solche würde im wirtschaftlichen Sinne tatsächlich nur bann vor­liegen, wenn ben Beamten gegen früher eine bessere Lebenshaltung ermöglicht werben sollte. Jetzt aber hanbelt es sich nur barum, den Beamten, bie bei ihrem heutigen Gehalte infolge der Verteuerung aller Lebensbedürfnisse ihre frühere Lebenshaltung herabsetzen, sich selbst im Notwendigeneinschränken mußten, zu ermöglichen, annährend auf den früheren Stand zurückzukommen. Durchaus natürlich und selbstverständlich findet man es, daß alle anderen Arbeiter bis herunter zum ungelernten Taglöhner ihre Lohnansprüche erhöht haben, daß jeder Pro­duzent die Preise seiner Produkte hinaufsetzt. Der hessi­sche Staat stellt von Jahr zu Jahr höhere Ansprüche an die Ausbildung, bie Vorbildung seiner Beamten, infolge der Vereinfachung der Staatsverwaltung wird fortgesetzt größere Arbeitsleistung von jedem Beamten verlangt, kann und darf das hessische Volk unter diesen Umständen seinen Beamten die Lohnzulage verweigern, die der geringste Ar­beitgeber heute seinem Taglöhner zahlen mutz? Von den Beamten wird verlangt, daß sie auch den geringsten Volks­genossen nach Gerechtigkeit und Billigkeit behandeln. Daß das hessische Volk auch den Beamten diese Billigkeit und Gerechtigkeit zuteil werden lasse, ist der Ofterwunsch der hessischen Beamten.

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politische Tagesschau.

Verschiebung der Wehrvorlagen?

ImTag" beschäftigt sich der Abg. Erzberger mit der in manchen Zeitungen erörterten Frage, ob nicht eine Vertagung der Wehrvorlagen bis Herbst in Aussicht stehe, da die Zeit bis Pfingsten wegen der Beendigung der Etat­beratung nicht ausreiche. Herr Herzb?rger meint sehr eifer­voll, bann müsse man eben bis n a ch Pfingsten tagen. Unb bann fährt er nicht mit Unrecht fort:

Die Verschiebung der Beratung der Wehrvorlagen, die ber Bundesrat angenommen hat, wäre ein ungeheurer, schwerer politischer Fehler internationaler Art, ein Armuts­zeugnis für die Regierung und ein Zeichen hilfloser Schwäche des deutschen Volkes. Freunde und Gegner brr Vorlagen müssen sich darin einig sein, daß von einer solchen Verschiebung gar keine Rede sein kann, falls wir Deutschen nicht zum Gespött der Wel« werden wollen. Darum kann im Ernste auch keine einzige ver­antwortliche Stelle daran gedacht haben. Nichts würde hierdurch gewonnen, aber sehr, sehr viel verloren. Insoweit heute Schwierig­keiten vorhanden sind, verschwinden diese nicht in neun Monaten, sie werden eher größer und gefährlicher. Eine Verschiebung könnte nur einen Zweck haben, wenn in der Zwischenzeit Neuwahlen stattfinden sollten und man die Wehrvorlagen als Vorspann gegen die Sozialdemokratie benützen wollte; aber auch dann müßte doch erst ein Konflikt zwischen Bundesrat und Reichstagsmehrheit ent­standen sein, und der ist heute nicht da. Es kann aber nicht' Aufgabe einer klugen Staatsregierung sein, Konflikte zu schaffen.

Wir sind ber Ansicht, baß bie Rebewut, namentlich beim Schluß ber Etatberatung, cingebämmt werben muß. Wenn man nach Herrn Erzberger geht, so wirb bas Zentrum ben Wehrvorlagen keine Schwierigkeiten machen; er schreibt u. a.:

Tie Maßnahme der Vorbereitung der Mobilmachung in Frankreich und besonders in Rußland hat im letzten Jahr die Aussichten Deutschlands verschlechtert; wir müssen unter allen Umständen den alten Vorsprung wieder erlangen. Hat England seinen Zwcimächtestandpunkt als ehernes Rüstungsgesetz ausge­stellt, braucht das Reich als erste Militärmacht den Vorsprung in der raschen Mobilmachung als erste Friedensgarantie. Die in England mit fieberhafter Hast beschleunigte Schaffung des Expeditionskorps von 150 000 Mann zeigt jedem Sehenden, daß eineFront nach drei Richtungen" nahegerückt ist; da hängt von der Schnelligkeit der Mobilmachung für uns gar alles ab, im höchsten Grade sogar die endgültige Entscheidung des Sieges. Sollen nun wir Deutschen hadern, zaudern, verschleppen, derweil andere sich gegen uns rüsten? Aehnlich steht es bei der Flotte; das Intervall der Schwäche unserer Seewehr in den Tagen der Nckruteneinstellung (September und Oktober) darf sich nicht wiederholen; man hat von den englischen Maßnahmen des Septembers 1911 wahrhaftig genug. NurwennEnglandein Offensiv- und Defensiv-Bündnis mit Deutsch- land eingehen würde, könnte man eine andere Haltung einnehmen; Vorschläge über Rüstungsbeschränk­ungen zäumen das Pferd am Schwänze auf und sind nur ein weiterer Ring in der Kette der Einkreisung des Reiches. Von maßgebender deutscher Seite ist England auch bekannt geworden, daß wir ein solches Bündnis einzugehen bereit sind; aberkeine Antwort ist auch eine Antwort", sagt der Deutsche und handelt danach. Gerade die Indienststellung eines dritten Geschwa­ders ist für uns unumgänglich notwendig; ich habe sie im letzten Jahre bei der Beratung des Marineetats gefordert.

$erienbetrad)tungen eines hessischen Beamten, i.

Die Gehaltsvorlage als Osterhase; wird es ein echtes Ei werden, ober ein leeres Papier bleiben? Viel hundert Beamtenfamilien haben biefe Frage während ber Muse- stunben bieser Feiertage zu beantworten gesucht.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist ber hessische Beamte in ben politischen Streit gezerrt worben. Die aerobe in Hessen so übermächtig einsetzenbe antisemitische Bewegung hat bereits Enbe ber 80er Jahre als Schlagwort ben Kampf gegen bie Beamtenschaft in ben politischen Streit geworfen. Das Ministerium Finger sollte wegen seines Beamten­erlasses auf bie Weltausstellung nach Chieaao gesanbt wer­ben.Wir finb nicht Antisemiten gegen Die Juben, son­dern gegen bie Beamten unb Abvokaten", so konnte man wohl in Flugblättern lesen, in Wahlreben hören. Woher biefe Gegnerschaft gegen einen Stanb, ber sich in Hessen aus allen Schichten ber Bevölkerung ergänzt, sich niemals abgeschlossen hat gegen bie übrigen Volksschichten, stets mit bem Volke unb für dasselbe gearbeitet hat? In Hessen gibt es vielleicht einige Beamtenfamilien, aber keine Ädels- ober sonstige Klasse, bie bie Aemter besetzt. Die hessischen Verwaltungsbeamten sind von Anfang an die Führer und Träger des landwirtschaftlichen Vereins- und Genossen­schaftswesens gewesen, dem unsere Landwirtschaft alle He­bung und Förderung verdankt. Der hessische Richter hat sich früher wie heute das Zeugnis verdient, daß er Klassen­justiz nicht kennt; in den ländlichen Bezirken ist er von jeher ber Berater unb Vertrauensmann seiner Bezirkseingesesse­nen gewesen. Mit bem System absoluter Fiskalität ist unter einer ununterbrochenen Reihe liberaler Ministerien seit einem Menschenalter gebrochen, ber Vorteil ber Ge- meinbe gegenüber bem des Staates in ben Vorbergrunb ge­rückt worben. Unmöglich ist es beshalb nahezu, einen recht- fertigenben vernünftigen Grund für jene von auswärtigen Agitatoren in bas Lanb getragene Bewegung ru finben. Trotzdem hat jenes Schlagwort bei ber bäuerlichen Be­völkerung Hessens gezündet, agitatorisch sich als zugkräftig erwiesen und ist noch in den Wahlkämpfen ber letzten Jahre mit Erfolg benutzt worben.

Bei dieser zwei Jahrzehnte hindurch wachgehaltenen Agi­tation gegen die Beamtenschaft war es geradezu selbstver­ständlich, baß in jenen Kreisen auch bie finanziellen Schwie­rigkeiten, in bie bas Lanb burch eine überstürzte unb kurz- sichtfae Finanzwirtschaft geraten war, ber Beamtenschaft Zur Last gesetzt würbe, währenb doch in erster Linie ber Landtag burch seinen Wetteifer, Bahnen zu bauen, neue Schulen zu grünben u. bgl. m. und das Bewilligen des Budgets verantwortlich dafür zu machen ist neben der Regierung, die Beamten doch nur auszuführen haben, was im Staatshaushaltsplan festgelegt ist. Aber die Beamten mußten als Prügelknaben herhalten, das paßte in die her­gebrachte Stimmung.

Diese Stimmung allein macht es begreiflich, daß keiner der maßgebenden Faktoren das geringste Bedenken ge­tragen hat, zahlreichen Beamtengrupperi Nebeneinkünste von oft erheblichem Betrage zu entziehen, ohne auch nur im geringsten an einen Ersatz, eine Entschädigung zu denken, als eben Nebeneinkünfte nicht auch Einkünfte wären, mit denen der Bewerber um ein Amt rechnet, mit denen ber Familienvater bei Einrichtung feiner unb ber ©einigen Lebenshaltung rechnet. Es braucht hier nur an bie Stem- pelprovisionen, bie Mutatio ns gebühren ber Gerichtschreiber erinnert zu werben, sowie baran, baß man bei ber im Jahre 1907 in Gestalt eines Wohnungsgelbzuschusses be­willigten Teuerungszulage ben Inhabern von Dienst­wohnungen burch Nichtgewährung bes Zuschusses bie Miete dieser Wohnungen um ben Zuschuß verteuerte, auch eine Zulage.

Gegen all biefe Erscheinungen unb Erlebnisse sind bie Beamten nicht unempfinblich gewesen, weite Kreise ber- selben finb üerbittert, denn auch ber Beamte ist nur ein Mensch. Aber in ihrer treuen Pflichterfüllung hat bie Beamtenschaft nicht nachgelassen, tag-täglich in seinem Dienste feurige Kohlen auf bas Haupt derer gehäuft, bie sie mit Uebelwollen betrachten. Denn die Beamten finb ja Glieder des Volkes und haben die Hoffnung nicht aufge­geben, daß bas irregeleitete Volk bald wieber erkenne unb bekenne, baß bie Beamtenschaft Fleisch von seinem Fleisch, sein bester, unermüblich für es arbeitenber und denkender frreunb unb vor allem nickst sein Gegner ist. Es ist bie Osterhoffnung ber hessischen Beamten, baß an Stelle bes von frevelnder Hanb gesäten Unkrauts des Mißtrauens, endlich die Blume des Vertrauens erblühen möge zum Segen des Hessenlandes.

II.

Werden bie Lanbboten ben Mut frnben, jener irre­geleiteten Volksmeinung entgegen ben Beamten Gerechtig- feit unb Billigkeit widerfahren zu lassen?

Tie Regierung hat in ihrer Begründung zur Gehalts­vorlage überzeugend nachgewiesen, daß bie hessischen Be­amtengehalte zurückgeblieben sind ganz erheblich gegenüber ber Verteuerung aller Lebensbedürfnisse, daß der hessische Beamte aanz beträchtlich schlechter bezahlt wird, als alle übrigen deutschen Beamte. Ist die Ausbildung des hessi­schen Beamten billiger? ist er unfähiger? Hat er weniger Arbeit und Verantwortung als der Reichsbeamte, ber preu- Bifaic ober badische Beamte? Niemanb wirb es wagen, auch nur eine bieser Fragen zu bejahen, beweisen kann man e£ j eben falls nicht, denn es ist einfach nicht wahr. Besteht aber eine Gleichwertigkeit mit ber übrigen beutschen Be­amtenschaft bie zahlreichen Berufungen hessischer Be­amten unb Staatsdienstanwärter in anbern beutschen Staaten finb ein sichtbarer Beweis bafür kann man bann bas Begehren einer Gehaltserhöhung, einer annähern­den Gleichstellung ablehnen? Eine volle Gleichstellung mit ben Gehalten anberer Staaten wirb ja nicht beantragt. Die höheren Beamten bleiben auch nach ber Regierungs­vorlage noch 10 Prozent volle 10 Prozent hinter ben preußischen Gehaltssätzen zurück. Die hessischen Be­amten werden im Interesse weiterer Gesundung ber Staats- nnangen biefe Zurückstellung ohne Murren hinnehmen, wie früher so auch künftig in ihrer Pflichterfüllung nicht nach bem Sprichwort: quäle vinum tale latinum ber»

Eine amerikanische wahlrauserei.

Bay City (Michigan), 11. April. Die Erbitterung zwischen ben Anhängern Tafts unb Roosevelts kam auf bem republikanischen Staatskonvent ZU einem heftigen Ausbruch. Die Anhänger Tafts hatten sich frühzeitig in den Besitz des Zeughauses, in bem ber Konvent abgehalten wurde, gesetzt unb verwei­gerten ben Gegnern den Eintritt. Die Anhänger Roose­velts stürmten bie Eingänge unb kletterten zu ben Fenstern hinein. Als ber Vorsitzenbe versuchte, bie Ordnung herzustellen, sprang ber Führer ber Roose- veltianer auf bie Tribüne unb begann zu reden, er wurde aber durch einen Parteigänger Tafts heruntergestoßen. Eine allgemeine Rauferei folgte. Endlich mußte Polizei und Miliz geholt werden. Die An­hänger Roosevelts zogen sich zurück, nachdem sie Delegierte ihrer Richtung zum Nationalkonvent gewählt hatten. Die Anhänger Tafts nahmen darauf ihrerseits bie Wahl noch einmal vor und ber Nationalkonvent wirb über bie Recht­mäßigkeit bieser beiben Delegiertenwahlen zu entscheiden haben.

Die Methqlalkoholoergiftungen vor Gericht.

sh. Berlin, 12. April,

Die heutige Verhandlung in dem Prozesse gegen Sckjarmach und Genossen wegen der Methylalkoholvergiftung zeigte das alte Bild: Umfangreiche Beweisanträge der Verteidigung, Reibereien und Zusammenstöße zwischen Verteidigung und Gerichtshof und zwischen den Verteidigern untereinander, sowie zwischen den Seinen Angeklagten.

Gleich zu Beginn der Sitzung stellt R.-A. Tr. Werthauett den Antrag, den Oberregierungsrat Buecha aus dem Reichsschatzamt zu laden und ihn darüber zu vernehmen, ob in maßgebenden.Kreisen! die Giftigkeit des Methylalkohols bekannt sei. In den Nachrichten für Handel, Industrie und Landwirtschaft, die vom Reichsamt des Innern herausgegeben werden, sei in der Nummer voM 2. April 1912 mitgeteilt, das mit Trinidad eine Zolltarifvei> Änderung eingetreten sei, insofern, als Methylalkohol ausdrücklich als Spirituose und als trinkbar bezeichnet werde.

Es werden dann eine Reihe von Zeugen vernommen, die von Zastrow Sprit bezogen haben. Tie Witwe des angeblich infolge Methylalkoholgenuß verstorbenen Schaffners Schneider gibt an, daß ihr Mann am Weihnachtstag einen Rollmops gegessen und dazu ein Glas Schnaps aus der Gastwittschaft Flamm getrunken habe, der, wie der Zeuge Gastwirt Flamm angibt, aus Scharmachschem Sprit hergestellt war. Schneider ist am Tage darauf gestorben. Verteidiger R.-A. Bredereck stellt wieder fest, daß der Schnaps nur durch den Zutritt von Säure giftig wirke. Als der Verteidiger R.-A. Tr. Werthauer noch einmal feinen Antrag wiederholt, den Oberregierungsrat Buccha zu vernehmen, bemerkt der Vor­sitzende, das Gericht müsse sich erst schlüssig machen, ob der Sach, verständige zu laden sei, woraus R.-A. Werthauer erklärte, daß das ein Rechtsirrtum des Vorsitzenden sei; wenn die Verteidigung die Ladung eines Sachverständigen beantrage, so habe das Gericht die Pflicht, diesem Antrag auch stattzugeben. Bors.: Wer soll denn überhaupt noch geladen werden? Bert. Dr. Werthauer: Ich muß demnächst wahrscheinlich bitten, alle Zeugen und Sach- verständigen noch einmal zu laden. R.-A. Bredereck verlangt die nachmalige Ladung des Nebenklägers Lehmann. Ter Vorsitzende erklärt, daß dies schon geschehen sei, daß aber der Nebenkläger nicht auf gefunden werden konnte.

Tie Vetteidiger Jaffe und Dr. Werthauer beantragen nun­mehr, ihre Mandanten Meyen und Scharmach aus der Haft zu entlassen, sowie die Kaution des auf freien Fuß gesetzten Aw­geklagten Dahle freizugeben. Ter Werthauer weist auf den Fall des Margarinefabrikanten Mohr hin, der, ttotzdem ihm ber "Job von 150 Menschen zur Last gelegt war, sich immer auf freiem Fuß befand. Tas Gericht lehnt die Haftentlassungsanträgc ab, beschloß aber, den Oberregierungsrat Buccha als Sachverständigen zu vernehmen.

Tann wurden die weiteren Verhandlungen auf morgen vertagt.