Ausgabe 
12.10.1912 Erstes Blatt
 
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Nr. 241

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Anzeiger Gießen.

Annahme von Knjtigen für bie TageSnununer btS vormittags 9 Uhr.

Erstes Blatt

£162. Jahrgang

Somsteg, 12. Oktober 1912

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhessen

Kotationrdnick und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch und Zteindruckeret B. Lange. Bcöaftion, Srpedition und D ruderet: Zchulftrahe 7. Büdingen: Zernsprechcr Nr. 269 Seschüstsstelle Bahnhofstraße Iba.

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Die heutige Nummer umsatzt 18 Seiten.

politische Wochenschau.

Gießen, 12. Oktober.

Mit beinahe montenegrinischer Entschiedenheit hat der engere Vorstand des Bundes der Landwirte gegen Herrn o. Bcthmann-Hollweg den Schild erhoben, gegen denselben Kanzler, der so ost, und auch letzthin wieder, hat erklären lassen, das; eine der nichtigsten Zeitaufgaben sei, die hei- mische Vichproduktion auf einen immer besseren Stand zu bringen. Trotzdem wird ihm in der von uns bereits er­wähnten Erklärung in derDeutschen Tageszeitung" nach- aesagt, es habe den Anschein, als lasse er sich von der demo­kratischen Agitation auf neue wirtschaftspolitische Bahnen drängen. Wir glauben, das', es im Bunde der Landwirte viele verständige Menschen gibt, die der sonderbaren agrari­schen Kampfansage wider die Regierung mit Befremden gegenüberstehen. Ist denn die Gefahr der Wiederkehr einer Caprivi-Aera wirklich so groß? Haben nicht die meisten größeren deutschen Bundesstaaten, ähnlich wie Preußen, amtlich erklären lassen, daß bei den Maßnahmen gegen die Fleischteuerung das wichtige Ziel der Vervollständigung unserer deutschen Fleischproduktion nicht aus dem Auge verloren werden dürfe? Und ist nicht ausdrücklich hinzu­gefügt worden, die zeitweisen Zollerleichterungen sollten nicht etwa eine Aenderung unserer Wirtschaftspolitik in die Wege leiten? Die gestern von uns veröffentlichte Notiz der amtlichenNorddeutschen Allgemeinen Zeitung" hält dem Vorstand des Bundes noch einige andere berechtigte Fragen vor. Auch Herr v. Bethmann-Hollweg hatte ja einer Besserung der Vermittlung zwischen dem Er­zeuger und dem Verbraucher des Fleisches das Wort ge­redet. Man schlage darüber seine früheren Reichstagsrein n nach und vergleiche sie mit den Darlegungen derNord deutschen Allgem. Ztg", wie sie zur Begründung der letzten Maßnahmen veröffentlicht worden sind. Man laun wirklich nicht zu dem Vorwurf kommen, daß die Regierung grund­sätzlich andere Wege eingeschlagen habe. Herr v Beth marrn-Hollwcg ist den Heißspornen des Bundes die Antwort nicht schuldig geblieben. Sie hatten von einerVerhängnis vollen Minderung des Vertrauens" zur Regierung ge sprachen, und das amtliche Blatt hebt hervor, daß, wer so unsachlich vorgehe, über einehetzerische Agitation" seine: Gegner sich nicht beklagen dürfe. Weiter blickende Anhänger des Bundes der Landwirte werden ber Regierung recht geben, wenn sie meint, durch weitere Untätigkeit in der Frage der Fleischteuerung würde sie eher die bestehend«. Wirtschafts- und Zollpolitik gefährden, als durch die jetzt ins Auge gefaßten Maßnahmen. Daran, daß das Verständnis für die Ziele und Bemühungen der deutschen Landwirt schäft im Volke erhalten und gefördert worden ist, hat die Regierung wohl noch ein größeres Verdienst als der Bund der Landwirte, dessen Einseitigkeit jetzt dieNord- deutsche Allgein. Ztg." festnageln mußte. Wir haben aus dem Mannheimer Parteitag der Fortschrittlichen Volks­partei erfahren, daß unter den bisherigen entschiedenen Gegnern unserer Zollpolitik viele sich zu anderen Anschau­ungen durchgerungen haben und daß Pfarrer Korell mit seiner Schutzzollsreundschaft durchaus nicht mehr allein steht. Man erhebt nicht mehr den grundsätzlichen Kampfruf, son­dern geht gedämpften Tones in die Ausschüsse. Und selbst die vom Bunde der Landwirte so erregt bekämpfte demo­kratische Presse verschwindet auf leichten Sohlen an den

Hintertürchen dieser Ausschüsse und lobt, was sie es ist noch gar nicht so lange her früher verdammt hatte. Sie bekommt vielleicht allmählich auch Respekt vor der realpolitischen Würdigung der Tinge, wie sie nun einmal liegen, und stellt die grundsätzlichen Lehren zurück.

könnte der Bund der Landwirte von dieser Entwick­lung nicht auch lernen? Auch er sollte einige seiner zu weit rankenden Reben etwas beschneiden und an eine Re­form feiner bisherigen Taktik denken. Für ihn liegt die realpolitische Erwägung darin, daß die Regierung nicht daran denkt, eine Aera Caprivi wieder hcrbeizuführen. Die Lage ist wirklich ähnlich wie die für den Balkan angekün­digte: es gibt durch Krieg nichts zu gewinnen.

Wir dürfen die diplomatische Einigkeit der Großmächte, auf die Herr Poineare und seine Pressetrabanten so stolz sind, nicht allzu hoch bewerten. Die schöne Phrase vom Status quo ist wirklich nur eine Formalität, wie der Hände­druck, mit dem zwei Boxer einen Zweikampf beginnen. Hinterher kommt es meist anders. Es mag sein, daß einige Mächte, darunter Frankreich, den Balkanmatch, dessen Aus gang gar so problematisch ist, am liebsten verschoben haben wollten. Nun aber König Nikita das Kriegsbeil ausge­graben hat, kann der kranke Mann am Goldenen Horn lange auf barmherzige Samariter warten. Die fromme Klosterschnle des Haager Schiedsgerichts hat den Wider­stand der ftumt fen Welt noch nicht besiegt. Wieder erleben wir es, daß der sittliche Gedanke, der die Grundlage eines Staates bilden muß, den internationalen Ereignissen keine Richtung zu geben vermag.Da herrscht der Streit, und nur die Stärke siegt." Ja, wenn alle Großmächte ohne Ausnahme an dem Geschick des Balkans uninteressiert wären, dann tonnte der Rat der Diplomaten ein Machtwort sprechen, wie es bei der Entwicklung der Kreta-Frage öfter geschehen ist. Aber auch daun würde es den vier Balkan- l'taaten gegenüber nicht leicht werden, durch eine internatio­nale Staats- oder Polizeigewalt die Völkerschtägerei zu ver­hindern. So wird denn jeder der interessierten Staaten seinen Acker verlassen und nehmen, was er kriegen kann. Später wird bann die Hauptfrage sein, ob und wie Oester­reich und Rußland sich einigen können. Wenn die Türkei aus dem Kriege mit dem Balkanbund siegreich hervorgehen sollte, wird man vielleicht doch noch einmal auf den fa­mosen Status quo sich verständigen. Sind aber Zar Ferdi­nand und seine Verbündeten vom Kriegsglück begünstigt, so wird der Halbmond mehr und mehr aus Europa zurück- weichen müssen, und eine neue Arrondierung der Balkan­länder wird wahrscheinlich die letzte Folge sein. Dabei liegt es leider durchaus im Bereiche der Möglichkeit, daß auch die Großmächte zu ernsten Auseinandersetzungen lom- men und die zwei Dreibünde auf ihre Haltbarkeit geprüft werden.

Vie Bedrängnis der Türkei.

Auch heute sind keinerlei entscheidende Meldungen zu verzeichnen. Der Balkanbund hat sich noch nicht *um Worte gemeldet, und immer wieder heißt es in willkürlich er­fundenen Meldungen der Blätter,morgen" werde Bulgarien die Antwort erteilen. Wenn es wahr i|t, daßuder König von Bulgarien in das Truppenlager an der Grenze abgereift ist, ferner, daß serbische Truppen in den Sandschet' Novi- bazar eingezogen seien, wäre ja der Kriegszustand tatsäch­lich schon hergestellt, und die Kriegserklärung hätte nur

noch eine formelle Bedeutung. Die Türkei richtet sich allem Anschein nach darauf em, indem jie weiter mobili­siert und auch ihre Flotte in Bereitschaft setzt.

lieber die Vorgänge auf dem montenegrinischen Kriegs­schauplatz sieht man heute ebensowenig klar wie geftent Es mag fein, daß die Montenegriner einen kleinen Augen­blickserfolg gehabt haben, ob sie für die Dauer siegreich bleiben, ist recht fraglich. Die Malisforen, in deren Adern serbisches Blut fließt, haben sich in Der Zahl von einigen Tausend den Feinden der Türkei angeschlossen, dagegen Kämpfen Albaner durchweg auf der osmanischen Seite.

Tic Antwort der Pforte an die Mächte wird vermutlich an den längst gefaßten Beschluß, fremde Beiräte anzustellen, erinnern und erklären, daß freund- schaftliche Ratschläge der Mächte stets willkommeu sein wer­den. Die Zubilligung weiter präzisierter Garantien oder gar die ausdrückliche Annahme einer Kontrolle der Mächte kann, so meldet man aus Konstantinopel, als aus­geschlossen gelten. In türkischen politischen Kreisen glaubt man, daß die Mächte jeden Anschein eines Drucks auf die Pforte vermeiden wollen.

Tic türkische Mobilisierung.

Laut Konstantinopeler Meldungen wurde die tür­kische Mobilisierung nunmehr bis auf das 45. Le­bensjahr ausgedehnt.

Wie aus Rom gemeldet wird, soll Enver Bey zum Divisionskommandeur ernannt werden und sich auf dem Weg in die Heimat befinden, wo ihm das Oberkom- mando über ein Armeekorps übertragen werden wird.

Die Mobilmachung geht, so wird aus Saloniki gemeldet, musterhaft ruhig vor sich. Die Truppen zeigen vorzügliche Haltung.

Ein am Freitag erlassenes Irade ordnet die Mo­bilisierung der Flott can.

Die Antwortnote der Balfanjtaaten.

Sofia, 11. Okt. lieber den Inhalt der Antwort-. notc der Balkan staaten auf die österreichisch-russische Vermittlung ist bisher keine volle Einmütigkeit erzielt worden. Man glaubt, die Antwort erfolge e ft morgen. In unterrichteten Kreisen verlautet, die Ant­wort soll u. a. die Forderung einer administrativen Auto­nomie für alle europäischen Vilajets sowie einer gemein­samen Kontrolle der Großmächte enthalten. Die Forde­rungen dürften gleichzeitig durch eine Note der Türkei mitgeteilt werden, worauf nach einigen Tagen das Ulti­matum abgehen dürfte.

Ein serbischer Einfall in den Sandschak Novibazar?

Der BerlinerLokalanzeiger" meldet aus Belgrad: Ser bi sche Banden von etwa 5000 Mann sind in Sandschak Novibazar eingerückt und suchen Verbindung mit den Montenegrinern. Prinz Georg folgt mit ser­bischen Truppen. Die serbische Antwort an die Mächte wird wahrscheinlich gleichzeitig mit der bul­garischen nach Abschluß des Gedankenaustausches beider Kabinette abgegeben werden. Die Kriegserklärung Serbiens wird für Anfang nächster Woche erwartet.

In Altserbien und im Sandschak Novibazar verüben die Baschibozuks große ©reue! taten gegen die serbische Bevölkerung.

Die montene riiüfdi=türf fehen Gesechle.

Podgoritza, 10. Okt. (Amtliche montenegri­nische Meldung.) Die Montenegriner nahmen

(Eine amerikanische Zanft-Aufsührmig.

Tas Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das Dollarland Amerika gilt uns im alten Europa als ein wahres Wunderlaird. Daß aber neben vielem wirklich Großem und Imponierendem viel Kulturlosigkeit vorhanden ist, sucht ein neues Buch über die Vereinigten Staaten, das demnächst erscheinen wird, nachznweisen. Sviridion Gopeevic legt in seinem WerkeU. S. A. Aus dem Dollarlande, Sitten, Zustande und Einrichtungen der Vereinigten Staaten", die Erfahrungen jahrelangen Aufenthaltes in den Ver- ciniaten Staaten nieder. Ter Verlag von Eduard Heinrich Mayer in Leipzig ermöglicht es uns, aus den Aushängebogen einen Ab­schnitt ans dem interessanten Buche zu verössentlichen, der sich in dem Kapitel über amerikanische Kunst findet.

In San Francisco las Gopeevic eines Tages am Prin­zeß-Theater eine Ankündigung, daßGoethes Faust mit der Musik von Gounod in der von der amerikanischen Zensur gestatteten Bearbeitung" ausgesührt werden sollte. Tiese Aufführung be­schreibt er nun folgendermaßen:Faust" wurde stilvoll eröffnet, indem Musik ein Mendelssohnsches Lied spielte, dessen Melodie der Dirigent aus der Geige wiedcrgab, wobei er aber sich durch die elektrischen Klingeln des Theaters begleiten ließ, die über den ganzen Theaterraum verteilt waren. Tann begann das Stück selbst: Zunächst sehen wir Faust so wie in der Gounodschen Oper, aber Mephisto ersckxunt zuerst in seiner natürlichen Gestalt und verwandelt sich bann erst in einen weißen Pudel, der Faust zur Schenke begleitet. Nach seiner Rückkehr verwandelt sich der Pudel wieder in Mephisto und zeigt ein kleines Bild von Gretchen. Ein schöner Zug des amerikanischen Zensors ist es, daß er Gretchen vor lauter Anständigkeit die Juwelen zurückstcllen läßt, als Faust etwas zärtlicher wird. Und Faust nimmt sie auch wieder zurück. Die Gartenszene ist in Gretchens Zimmer verlegt, wobei dem Publikum zu verstehen gegeben wird, daß nicht Gretchen Faust einließ, sondern daß Mephisto ihn mit Zauberkunst in das Zimmer schmuggelte. Aber selbstverständlich läuft alles in allen Ehren ab, indem Gretchen nicht etwa Faust über Nacht bei sich läßt, sondern ihn sittsam heimsendet. Im nächsten Bilde sehen wir nun Gretckien vor dcm Gnadenbildc händeringend, aber nicht etwa, weil sie sich Mutter fühlt, sondern weil sie mach Versickerung des amerikanischen Zensors', esbereut", mit Faust geflirtet zu haben. Etwa so, wie die Amerikancriiinen esbereuen", geheiratet zu haben, wenn sie durchbreimen ober um Scheidung einkommen. Taß Gretchen jungfräulich geblieben ist, gibt der Zensor auch dadurch zu ver­suchen, daß er nach ber Serenade unb dem 'Zweikampf Gretchen durch bie Polizei verhaften läßt,weil sie in den Verdacht gerät, ihren Bruder ermordet zu haben", und nur deshalb wirft man sie in den Kerker! .

Huch in ber Kerkerszene sieht man die moralische Klaue des

wackeren Zensors. Gretchen ist wahnsinnig, aber Faust kommt nicht dazu, ihr den Vorschlag zur Flucht zu machen, weil Mephisto ihn durch Vorzeigeii der Schrift daran hindert. Fault ist entsetzt und will um Gnade bitten, da erscheint aber der Erzengel Michael mit dem Flammenschwert im Kerker unb senkt dieses empört gegen Faust, woraus Mephisto diesem erleichtert den Hals umdreht und mit ihm zum Fenster hinausfährt. Tann lehrt Mephisto zurück und will auch Gretchen holen. Warum? durfte dem Zensor ebensowenig flat sein, wie dem Publikum, denn nach seinerVcr- benerung" ist ja Gretchen unschuldig im Kerker. Ties sieht auch Erzengel Michael ein, indem er sich beeilt, abermals mit seinem Flammenschwert dazwischen zu treten, um Gretchen zu ^schützen Und Mephisto geht brummend ab, während (3retd)cn vor schrecken stirbt und vom Engel in den Himmel getragen wird."

Eduard Schleich. Bor hundert Jahren, am 12. Ok­tober 1812, wurde dem Gutsbesitzer Scksteich in Haarbach, Bezirks­amt Vilsbiburg in Niederbayern, wenige Stunden von der alten Herzogsstadt Landshut, ein Sohn geboren, dessen späteres Wirken für die Entwicklung der Landschastsmalerei in Deutschland von höchster Bedeutung geworden ist. Was Eduard Schleich als Maler geleistet hat, ist in den Annalen der modernen Kunstgeschichte schon längst mit goldenen Lettern verzeichnet. Begabt mit dich­terischem Empfinden und außerordenllich befähigt, die zarten und stürmischen Regungen der Natur auf sein Auge und Gemüt wirken zu laßen und sestzuhalten, hat er die so gewonnenen Stimmungen in sarbcnreickxm Bildern mit höchster Feinheit widergespiegelt. Kein Epiker gleich Karl Rottmann, bei dem die poetische Wirkung sich mehr aus dem großzügigen Stilisieren der Natur ergibt, ist er ber Lyriker, ber mit bem Schmelz ber Farbe die Einsamkeit unb Sck-wermut ber Heide, bie Mystik dunkler Waldesdickichte und Wald seen, den romantischen Zauber des auf den Lagunen, Kanälen unb Palästen Venedigs zitternden Mondlichtes, die herzerfrischende Hoffnungsfreudigkeit der Frühlingslandsck)aft und das satte Be­hagen des Sommers zum ergreiseTiden Ausdruck gebracht hat. Wie John Constable die moderne landschaftlich Stimmungs- malerei in England und Frankreich mit dem Erfolge angeregt hat, daß an der Seine die berühmte Schule von Barbizon erstand, so Eduard Schleich in Deutschland: er ist der Vorläufer der Sttm- mungslandschaflsmalerei geworden, dem besonders die Münchener Sckmle ihren hohen Aufschwung zu danken hat. Obenan stehen seine Jsarlandschaften in ber Schackschen Galerie und ber Neuen Pinakothek in München sie gehören zu den schönsten und stim- mungsvollsten Werken, bie seinem poetischen Empfinden und seiner hingehenden Naturbeobachtung entsprungen sind. Wohl in keiner größeren Galerie Deutschlands ist er unvertreten geblieben. In seiner Jugeiid war er ein wildes Blut, das weder in der katho­lischen Erziehungsanstalt zu Amberg noch auf dem Gymnasium in

München gut tun wollte. Seine einzige Lust war zeichnen. Nichts­destoweniger wurde er von der 9)2lincbener Akademie als talentlos zurückgewiesen. So brach er sich selbst Bahn, indem er sich an den Bildern eines Joh. Christtan Etzdorf, Nottmann und Morgenstern, sowie an denen der alten niederländischen Landschafter und beim Studium der Natur fortbildete. Auf Reisen in Ungarn, Italien, Belgien unb Frankreich suchte er seinen Anschaunngskreis zu er­weitern. Die neue Schule ber Landsckxrstsmalerei in Frankreich blieb nicht ohne Einfluß auf ihn. Schon um bie Mitte des 19. Jahrhunderts hatte er die Höhe ber Meisterschaft erreicht unb hiermit feinen Ruf begründet. Er starb als Professor, Ehrenmit­glied der Münchener und anderer Akademien unb Besitzer großer goldener Medaillen am 8. Januar 1874 an der Cholera, die damals in Müncl-en epidemisch aufgetreten war. Sein Wirken hat einen neuen Abschnitt in der deutschen Stimmungslandscksaftsrnalerei ver­anlaßt, und darum wird sein Andenken dauernd bestehen bleiben-

Von Felix Weingartner, dessen Konzerte in Fürstenwalde demnächst 'beginnen, wird eine Flugschrift erscheinen, die den Titel trägt:Erlebnisse eines St g L Kapell­meisters in Berlin". Im wesentlichen gibt sie das Ma­terial ber bekannten Prozesse Weingartners gegen die Berliner Generalintendantur mir teünrcifc neuen und überraschenden Auf­schlüssen mieber: zugleich enthält sie eine memoiren hafte Darstellung der künstlerischeii unb gesellschaftlichen Zustände, die Felix Weingartner in seiner Stellung kennen lernte. Die Broschüre wird einen Tag nach ber am 15. b. Mts. bevor­stehenden Verhandlung vor dem Reichsgericht in Sachen Wein­gartners gegen die Generalintendantur zur Ausgabe kommen.

Schaffung eines Einheitssystems für die deutsche Stenographie. Am 14. unb 15. Oktober wer­ben im preußischen Kultusministerium unter dem Vorsitz des Provinzialsckmlrats Prof. Siebe Beratungen mit Vertretern von neun Stenographiesystemen stattfinden, um erneut den Versuch zur Schaffung eines Einheitssystems fürtne deutsche Stenographie zu machen.

Eine japanische M usikreise in Europa. In Japan wird gegenwärtig von einer Truppe der bekanntesten Mu­siker des Landes eine Reise durch Europa hör bereitet, bereit Ausgabe es sein soll, bem, Abendlanbe bie orientalische Musik naherzubringen. Wenn dieser Versuch gelingt, so hofft man die Instrumente, die Tondichtung unb Vokalmusik Japans in größerem Umfange in Europa einführen zu können.

Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissen­schaft. Bon Ernst Zahn, ber im Laufe des Monats hier aus seinen Werken vorliest, wird demnächst ein neuer Band Er­zählungen unter dem TitelWas das Leben zerbricht" bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart erscheinen.