Nr. 85 Drittes Blatt
162. Jahrgang
Erscheint tSgttch mtt vuSnahm« 6efl «onntagL.
Die „Sietzenrr Lamilienblötter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, da» „XreirdlaN fit den Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichei, öett- hegen" erscheinen monatlich zweunal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhefjen
Donnerstag, ft. April 1912
BUtettonfbrud and Verlag der Brühl'scheo UntoersuälS - ®nd>- und Steindruckerri.
9L Lange. Dießen.
ßledattton, Expedition und Druckerei: Schul* strotze ?. Expedition und Verlag: er^A bl. Redaktion: «-^112. Tel.-Adr^AnjeigerlLtetzen.
Dom hessischen canderlehrerverein.
— Mainz, 9. April.
Im Terrassensaal der Stadthalle zu Mainz fand heute, wie schon furz berichtet, die Vertreterversammlung des H es s. Landeslehrervereins statt, zu der 183 Vertreter aus 102 Bezirksvereinen erschienen waren. Die Gesamtzahl der Be- fud>er kann aus ungefähr 500 angenommen werden. Nachdem von 9 Uhr an eine Vorstandssitzung, sowie eine Vorversammlung vorausgegangen war, eröffnete der Obmann Duff um IO1/* Uhr die Versammlung. Der Vorsitzende des Mainzer Lehrervereins, Landtagsabgeordneter Bach, hieß die Erschienenen willkommen, indeyr er ausftihrte, daß nur ein gemeinsames Vorgehen zum endlichen Sieg und zur Erfüllung der gerechten Wünsche der Lehrerschaft führen Tonne. Es erfolgte hieraus die Erstattung des Jahresberichts für den Landeslehrerverein und den Verein provisorisch angestellter Lehrer zur gegenseitigen Unterstützung in Krankheitsfällen. Der letztere Verein weist im letzten Jahr trotz bedeutender Unterstützungen an erkrankte Schulverwalter einen Ueberschuß von 1000 Mark auf und besitzt ein Vermögen von 19 000 Mark. Dem Rechner Heck-Zwingenberg wird l/ierauf einstimmig Entlastung erteilt. Der Voranschlag für das Geschäftsjahr 1913 wurde sodann mit einigen unwesentlichen Aende- rungen angenommen. Da die Satzungen vollständig umgearbeitet sind, mußte eine Neuwahl sämtlicher Vorstandsmitglieder erfolgen, mit Ausnahme des Schriftleiters und Rettmers. Es entfielen von den abgegebenen Stimmen 161 auf den seitherigen Obmann H uff - Darmstadt, der also wiedergewählt ist. Als Obmannstellvertrcter wählte mau durch Zuruf, also einstimmig, Abgeordneten Hauptlehrer Bach- Mainz, als Schriftführer die Herren Lutz- und Loos-Darmstadt. Als Beisitzer gingen aus der Wahl hervor: Wagner- Großen-Buseck, Link- Rudingshain, Koch- Fried- berg, 3 ö ft* Offenbach, Laug- Beerfelden, Moll-Selzen und als Ersatzmänner: Rodenbach- Wöllstein und K o ch h a f e n- Obersaulheim. Bach-Mainz berichtete über die durch die Negierung eingebrachte Vorlage betreffend Aufbesserung der Beamten- und Lehrergehalte, zu der dann Obmann Huff noch nähere Erläuterungen hinzufügte. In der darauf folgenden Aussprache waren alle Redner der Ansicht, daß diese Vorlage nach verschiedenen Seilen nicht geeignet sei, die gerechten Wünsche der Lehrerschaft zu befriedigen. folgende vom Vorstand vorgeschlagene Entschließung fand einstimmige Annahme:
„Tic am 9. April 1912 in Mainz tagende Vertreterversammlung des Hessischen Landes-Lehrervereins bedauert auf das lebhafteste, daß die Vorlage der Großherzvgliehen Regierung vom 30. März 1912, die Gehalte der Volkssttmllehrer betreffend, unseren gerechten und billigen Wünschen nicht entspricht. Eine Härte liegt besonders darin, daß für die Lehrer an den Volksschulen im Vergleich zu den Reallehrern und im Vergleich zu den Beamten, denen sie sich nach Vorbildung und Wichtigkeit des Berufs zweifellos gleichstellen können, oine so geringe Aufbesserung vorgeschlagen ist, daß die bisher schon bestehenden, aber nicht zu rechtfertigenden Unterschiede in dem Gesamteinkommen noch bedeutend vergrößert werden. Unter Wahrung unseres grundsätzlichen Standpunktes der Gleichstellung im Gehalte mit den erwähnten Beamten gibt sich die heutige Vertreterversammlung der zuversichtlichen Hoffnung hin, daß von Regierung und Stärrdekammer eine den Zeitverhältnissen vollständig entsprechende Besoldungsordnung zum Gesetz erhoben werde. Als solche kommt nur ein Besoldungsgesetz in Bett acht, das allen Volksschullehrern in Stadt und Land, ob an Volks- oder an höheren Schulen, die Gehalte gewährt, wie sie für die mittleren Beamten vorgeschlagen lind. Im Interesse einer gedeihlichen Schularbeit und im Hinblick auf die Stellung des Lehrers in der Landgemeinde, sowie im Interesse einer großen Anzahl jetzt schon schwer belasteter Gemeinden, halten wir es für sehr bedenklich, wenn die gesetzgebenden Körperschaften einen Teil der Mehrausgabe der Gemeinde- statt der Staatskasse auferlegen. THe Äenderung des Gesetzes, die Witwen- und Waisenkasse der Bolksschullehrer be- "teffenb, begrüßt die Vertreterversammlung freudigst."
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ü. M a i n z, 10. April. Gestern fand die H a n p t v e r sa m m- lungdes Feuerversicherungsverbandeshessisch er Lehrer statt. Nach dem Rechenschaftsbericht ist der Reservefonds im abgelaufenen Geschäftsjahre auf 41030,86 Mark angewachsen. Der Verband zählt nunmehr 1966 Mitglieder, die mit 10 849 074 Mark versichert sind. Im Jahre 1911 wurden 19 Brandschäden mit 582,35 Mark geregelt. Die Geschäfts-
erträgnisse belaufen sich auf 10 019,91 Mark, die Geschäftslasten auf 4323,98 Mark, so daß ein Reingewinn von 5695,98 Mark erzielt wurde. Hiervon werden 500 Mark der Ludwig- und Alicc- stiftung überwiesen mit der Bestimmung, davon 100 Mark zur Rückzahlung zweier Lehrerheimsaktien zu verwenden. Für den verstorbenen Rechner, Lehrer Hamburger-Grünberg, wurde Lehrer Thierolf-Offenbach gewählt. Lehrer Dir kam -Nieder-Esch- bach wurde neu in den Vorstand gewählt. Die Herabsetzung der Prämien und die Einführung der Einbruchsdiebstahlsversicherung soll erwogen werden.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 11. April 1912.
•• Lehrerpersonalien. Uebertragen wurden den Lehrern Jak. Gust. Arnold zu Volxheim, Karl Jos. Ktns- b erger zu Dalheim, dem Reallehrer Gg. Klimm zu Gernsheim, den Schulamtsaspiranten Emil Adelberger aus Fürfeld, Jul. Reiber aus Gießen, Gg. R ö g l e r aus Kaiserslautern, Ludw. Rik. Schmitt auS Finthen, Jak. Wirth aus Pleitersheim, Alb. Zimmermann auS Ilbenstadt Lehrerstellen an d"r Volksschule zu Mainz; den Schulamts- aspirantinnen Maria Eichmann aus Mainz, Maria Hartleb aus Mainz, Maria Kottmaier aus Mainz, Elisabeth Wittich auS Darmstadt, Margareta Zimmermann aus Mainz Lehrerinstellen an der Volksschule zu Mainz; dem Lehrer Karl St ackert in Gras-Ellenbach eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Viernheim, dem Lehrer Gg. Bür st le in zu Rabertshausen eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Hungen; der Schlttamtsaspirantin Luise El aß aus BlödeS- heim eine Lehrerinslelle an der Gemeindeschule zu Osthosen.
** Staatsbahn-Personal-Nachrichten. Befördert wurden zu Eisenbahn-Lokomotivführern die Reserveführer Friedrich, Wittich, Haas, Karl Becker, Edler, Henß, Faller, Wilh. Franz, Krug, Daniel, Hirdes, Karl Jüngst und Alb. Wießer sämtlich in Gießen, Ludw. Werner in Gladenbach, .Hernr. Hoffmann, Blödorn und Kauffeld in Friedberg. Ernannt wurden zu Äsenbahn-Lokomotivheizcrn die Hilssheizer Neuhausen, Heinz, Zanger, Feix, Jos. Wehner, Emil Manns, Rich. Hoffmann und Schleiter sämtlich in Gießen, Ammer in Elm, Kober in Nidda, Geibel, Christ und Aug. Schneider in Wetzlar, Striegnitz und Hüchel in Gladenbach, Wilh. Schmidt III. und Katzenbach in Friedberg, sowie Elfte in Gelnhausen. Befördert wurde zum Rangiermeister der Rangrerführer Wilh. Thomas in Friedberg, zum Weichensteller der Hitfsweichensteller Bommers- heim in Nidda. Ernannt wurden zu Bahnwärtern die Hilfsbahnwärter Dörr in Gießen, Phil. Richter in Ostheim bei Butzbach, Keiner in Dorlar und Jak. Stein in Garbenteich, zu Leitungsaufsehern die Hilfsaufseher Heun in Gießen, Bender in Butzbach, Herbert in Gelnhausen und Futer in Wetzlar, zum Rangrerführer der Hilfs sichrer Lepper in Gießen. Versetzt wurden der Eisenbahn-Güter-Vorsteher Schmitter von Lauterbach nach Alsfeld, der Eisenbahn- Güter-Vorsteher Weiß von Alsfeld nach Dillenburg, der Reserve-Lokomotivführer Edler von Londorf nach Gießen, die Reserve-Lokomotivführev-Kauffeld von Aschaffenburg und Heinr. Hoffmann von Hanau beide nach Friedberg i. H.
Landkreis Gießen.
s. Lollar, 9. April. Zur elektrischen Lichtanlage für die Gemeinde Lollar sei noch mitgeteitt: Die Anlage des Ortsnetzes bis zum Zähler in den einzelnen Familienwohnungen ist der Firma Hinderthür aus Siegen übertragen worden. Die bis jetzt zugelassenen Installateure wie Firma Hinderthür-Siegen, Otto Kutscher, Seb. Wild- Lollar und H. Brinkmann-Gießen, sind verpflichtet, in den Häusern, in denen sie Jnstallationsarbeiten ausfuhren, auch sür jede in diesem Hause wohnende Familie auf Kosten der Gemeinde zwei Lampen ohne Beleuchtungskörper zu 9.75 Mk. mitzurichten. Es hat jeder Installateur vor Beginn der
Arbeit über sie eine Zeichnung anzufertigen, sowie einen ac* naixen Kostenvoranschlag aufzustellen, der von beiden Teilen zu unterzeichnen ist, um spätere Reklamationen zu vermeiden. In dem Voranschlag dürfen die von der Okmcinbc geleisteten Gratislampen nicht mitgerechnet werden. Diese zwei Lampen für die Familie werden von dem Installateur der Gemeinde besonders zur Rechnung gebracht Es bekommt jede Familie einen Zähler, der direkt an deren Wohnung, im Hausflur oder Vorplatz anzubringen ist. Sämtliche Zähler werden von der Firma Hinderthür installiert. Die Strompreise sind: zu Beleuchtungszwecken bis zu 200 Kilowattstunden die Stunde 40 Pfg., die weitere 35 Psg.; für Kraftanlagen die Stunde 20 Pfg. Die Zählermieta beträgt monatlich bei 3 Glühlampen ‘20 Psg, bei 5: 30 Psg., bei 10: 40 Pfg., bei 15: 50 Pfg., bei 20: 60 Pfg., darüber: 70 Pfg. Der elektrische Strom wird von den Buderusschen Eisenwerken aus Wetzlar bezogen und die Gemeinde Lollar bezahlt für die Kilowatttstunde 14 Pfg. Trotzdem es sich empfiehlt, mit den Hausinstallationsarbeiten jetzt schon zu beginnen, um eine spätere Ueberhäufung der Arbeit zu vermeiden, scheint kein richtiger Zug in der Sache zu fein. Es hat dies wohl seinen Grund in den ungleichen Proft- verhältnissen. Während sämtliche Installateure die frei- gelieferten Lampen für 9.75 Mk. installieren, fordern sie für jede weitere Lampe 11 Mk. und mehr.- Dieser Preisunterschied läßt befürchten, daß außer den Gratislampen ganz wenig Erweiterungslampen installiert werden, wodurch die Rentabilität der ganzen Einrichtung in Frage gestellt wird. Es wäre wohl angebracht, wenn die Gemeinde die Installation sämtlicher Lampen zu dem Preise von 9.7.5 Mark übernehmen wollte, und die entstehenden Kosten durch Amortisation tilgen würde. — Die Arbeiten zum Bau der neuen Lumdäbrücke wurden in der letzten Gemeinderatssitzung der Eisenbetongesellschaft Lolat-Gießen übertragen. Die Gesamtkosten betragen 10000 Mk.
Hessen-Nassau.
fc. Limburg, 8. April. Der Kreis Limburg hat mit der Elektrizitäts-Aktien-Gesellschaft, vorm. W. Lahmeyer & Co. in Frankfurt a. M. über die Lieferung elektrischer Arbeit im Kreise Limburg einen Vertrag abgeschlossen, nach dem sich die ElektrizitätS-Aktien-Gesellschast verpflichtet, bis zum 1. Oktober 1913 die Gemeinden Sinter, Eschhofen, Mühlen, Lindenholzhausen, Mensfelden, Nauheim, Niederbrechen, Werschau, Oberbrechen, Niederselters, Ober- selters, Eisenbach, Staffel, Elz; im Laufe deS Jahres 1913 die Gemeinden: Offheim, Dietkirchen, Niederhadamar, Niederzeuzheim, Oberzeuzheim, Frickhofen, Dorndorf, Wilsenroth, Langendernbach, Dorchheim, Mühlbach, Waldmannshauscn, Hangenmeilingen, Heuchelheim, Ahlbach; im Laufe des Jahres 1914 die Gemeinden: Ellar, Lahr, Fussingen, Hausen, Hintermeilingen, Faulbach, Niederweyer, Oberweyer, Steinbach, Ohren mit elektrischer Energie für Licht, Kraft und sonstige Zwecke an versorgen, ferner die Gemeinde Malmeneich binnen sechs Monaten, nachdem die Ortschaft Hunasangen im Krei'e Westerburg an das Leitungsnetz der E.-A.-G. angeschlossen, sowie weiter die Gemeinden Würges, Dombach und Schwickershausen binnen neun Monaten, nachdem die E.-A.-G. das Durchleitungsrecht durch das Gebiet der Gemeinde Erbach »lud durch das der Stadt Camberg erhalten hat, mit elektti- scher Arbeit zu versehen. Die E.-A.-G. liefert den Strom für Beleuchtungszwecke für 40 Pfennig pro Kilowattstunde, für Kraft-, Heizungs- und sonstige gewerbliche Zwecke für 20 Pfennig pro Kilowattstunde. Auf diese Preise werden je nach Verbrauch noch entsprechende Rabatte bewilligt.
Neu-Weilnau, 8. April. Den vielen Wanderern, Radfahrern und Automobilfahrern, die die Strecke Usingen— Weilburg entlang des wundervollen Weiltales zurücklegen.
Der erste deutsche Hamlet.
(Zum 100. Todestage I. F. Brockmanns, 12. April.)
Es war im Jahre 1776, als am Hamburger Theater eine Premiere stattsand, bic eine theatergeschichtliche Berühmtheit behalten hat. Zum ersten Male wurde Shakespeares Hamlet, und zwar in der Bearbeitung Schröders gespielt, die, wie man sagen darf, das Meisterwerk des Briten erit ftir unsere Bühne erobert hat- Ter Erfolg war gewaltig. Dorothea Ackermann erschütterte die Zuschauer als Ophelia aufs tieffte; Schröder als Geist lieferte eine hervorragende Leistung, aber den Erfolg entschied, lote natur bch, der Darsteller des Hamlet, und von diesem Tage an wurde Johann Franz Brockmann zu den ersten Schauspielern Deutschlands gezählt.
yroämann, der erste deutsche Hamletdarsteller, war damals 31 Jalne alt und hatte em so bewegtes Leben hinter sich, luie es damals alle Jünger der Bühne durchgemacht zu haben pflegten.
Ein Grazer von Geburt, war er nacheinander Handwerkslchr Itng, Bedienter, angehender Kleriker, wandernder Seiltänzer und Schaulvicler, Schreiber und Baderlehrling gewesen, bis er schließ- Itd) d"ogültig zum Schausvielerberufe überging. Mir der Boden burgid)eii Truppe hatte er Jahrelang Oesterreich die Kreuz und rlc< 7rucr durchzogen, sich dann der Kurffchen Gesellschaft ange- schloyen und endlich 1771 von Schröder den R u f a n d a s Ham- bürg er Theater erhalten, der den Wendepunkt in seinem Leben herbeiführen sollte. Schröder, auch als Theaterdirektor ein genialer Mann, erkannte in dem noch verwahrlosten jungen Künstler den bildungsfähigen Stoff, nahm sich seiner freundschaftlich an, sttmlte ihn und hatte die (Genugtuung, Brockmaun immer tüchtiger Iich entfalten, immer sicherer in die Gunst des Publikums sich einleben zu sehen. Das Jahr 1776 wurde Brock man ns T r i u nt b b i a b r. Hatte er schon als Essex in der ,,Gunst der Fürsten' einen großen Erfolg errungen, so wurde sein Ruhm durch den Hamlet aufs höchste gesteigert und vollendet. Dreizehn- mal hintereinander wurde das Stück mit Brockmann in der Titelrolle damals in Hamburg gegeben, und seine Berufung an d a s H o f bu r g t h e a t e r in Wien war die unmittelbare Folge des Erfolges, der schnell in ganz Deutschland bekannt wurde.
Wir haben eine Schilderung der Rolle von Joh. H. F. Müller, der im Auftrage bc* Wiener Theaters nach Hamburg enffandt Ivorden^war. Er berittstete an seine Behörde: „Schon in der erften Szene des Hamlet zeigt Brockmailn den denkenden Künstler. Er trat mit edlem An stand auf. Seine Sprache ist rein, rund und kraftvoll, seine Stellung, da er den Geist seines Vaters Eickt, war malerisch. Sein starrer, auf das Phantom gehefteter Lftck entwickelte sich, da er in der Folge das schreckliche Verzechen seines Oheims erfuhr, mit nach «nb nach steigender,
richtiger Gradation in Jiache drohende Züge! Auch im Wahnsinn vergaß er die Natur nicht, da er ja zuweilen absichtlich Vernunft erblicken ließ, sich aber meisterhaft wieder faßte und zu seiner erlünftelten Verwirrung zurückkehrte.
Auf der Reise nach Wien machte Brockmann in Berlin Halt und hier erzielte er mit seinem Hamlet einen solchen Erfolg, daß in der preußisttjen Hauptstadt eine förmliche Brockmann- Raserei ausbrach. Ter Hamlet mußte Mal auf Mal wiederholt werden — der Ruf des Sttickes für ganz Deutschland ist eigentlich damals, durch Brockmanns Leistung, endgültig gegründet worden. Bei jeder Vorstellung stieg die Begeisterung des Publikums so hoch, daß Brockmaun hervorgerufen wurde, — damals eine völlig neue und unerhörte Sitte! Eine Medaille wurde auf ihn gefchlagen. Schink schrieb über seine Darstellung eine eigene ausführliche Schrift, und selbst jo ruhige und vorsichtige Beobachter, wie Moses Mendelssohn, zollten seiner Darstellung des Hamlet die größte Bewunderung. Mendelssohn schrieb damals, Garrick könne Brockmann zwar nicht in dem täuschenden Ausdrucke der Leidenschaften, wohl aber in der Kenntnis der großen Welt und in bei* tiefen Studium seines Autors übertroffen (xtben. Daß sich Brockmaun an die weltberühmte Hamletdarstellung G a r - ricks, die ihm durch Lichtenbergs Londoner Briefe und sonstige persönliche und literarische Mitteilungen vertraut geworden sein mag, angelehnt, hat, scheint außer Zweifel zu stehen. Was den Gesamtcharakter seiner Rolle betrifft so bleibt es zweifelhaft, ob wir heute an Brockmanns Hamlet noch eben viel Geschmack finden würden. Aus allen Berichten geht hervor, daß er die humoristische Seite am Hamlet stärker betont bat, als wir das heute vertragen möchten. Eine Berichterstatterin ist durch seinen Hamlet zu der Bemerkung angeregt worden, er machbe unterweilen den Wildsang vom Stande, und Schink schätzt weniger das ersttmtternde Pathos an seiner Rolle, als jene Stellen, wo die schneidende Ironie vorherrscht. Eine weitere Stärke des tBrock- mannschen Hamlets scheint das Elegische gewesen zu sein.
Das beste Bild von seiner Persönlittffeit hat Meyer, der bekannte Biograph Schröders, gegeben. Er schrieb: „Brockmanu war ein schöner Mann, trotz der Neigung seiner Gestalt zur Korpulenz. Seine Augen waren ausdrucksvoll und feurig. Seine Stimme blieb wohlttingend, er besaß Stolz, Anstand und Lebhaftigkeit. Was er an dem wahren Ausdruck der Leidenschaft nicht erreichte, das traf und vergütete er reichlich in allen sanften Zügen des Uebergauges zu Mitleid und Rührung. Waren ihm vollends Sinnlichkeit, Spott und Launen beigemischt, durfte er sich zu Schmeicheleien und Neckereien herablassen, so mußte er triumphieren. Das Liebkosen, welches die Herzen besticht, der Blick, der alles ausdrückt, was er wollte, das Gesicht, dem es ohne Verzerrung gelang, zur Hälfte Spott, zur Hälfte Ergebenheft zu malm, der Stolz, der in seiner Herablassung noch Stolz blieb.
die Wolke der Schwermut, die der Freude Platz machte, sind nie glücklicher ausgedrückt worden, als durch ihn." Brockmaun behauptete auch neben Zeitgenossen wie Schröder und Fleck die Stellung eines er st en deutschen Schauspielers seiner Zeit; ein Mann wie Jffland nannte ihn die personifizierte Wahrheit. Von 1789 bis 1791 hat er das Burgtheater selbständig und einsichtig geleitet und besonders den Spielplan durch Shekespeares Werke bereichert. In der Blüte seiner Jahre zog er sich zurück und starb im Alter von 67 Jahren.
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— Neue Funde auf dem Palatin. Ter Leiter dec großen Ausgrabungen auf dem Forum Romanum, Giacomo Boni, hat einem Redakteur der Tribuna einige außerordentlich interessante Mitteilungen über die glücklichen jüngsten Erfolge der Grabungen auf dem Palatin gemacht. Es handelt sich um die Arbeiten, die die Einzelheiten des kaiserlichen Palastes des Domitian ans Licht bringen sollen. Man hat jetzt in der unmittelbaren Umgebung der Baderäumlichkeiten die Ueberrefte der alten W a s ser- leitungen mtdeckt, die ihre Wasser dem neronischen Aguadukt entnahmen und durch ein weitverzweigtes kompliziertes Röhren- systetn dem kaiserlichen Schlosse zusührten. In der privaten Basilika zur Rechten konnte eine Treppe sreigelegt werden, die zu mächtigen unterirdischen Gewölben hinabführte. Diese Anlagen weisen ganz merkwürdige konstruktive Eigentümlichkeiten auf. Tie Fortsetzung der Ausgrabungen wird durch die starken Erdrutsche und Geländeverschiebungen erschwert, die sich zwischen dem Palatin und dem Germanum im Lause der Zeit vollzogen haben. Auf der Richtung zu dem Gewölbe des Caligula stieß man auf ein noch älteres Gewölbe Besonders werwoll aber ist die Auffindung des prachtvollen Fußbodens im kaiserlichen Speisesaal, der mcht nur ein wertvolles Dokument darstellt, sondern zugleich em Kunstwerk von wunderbarer Pracht und Schönheit ift. Er besteht aus eingelegten Kreisen und Ornamenten aus ägyptischem Granit, dazwischen tauchen immer wieder Stücke pur- pursarbenen griechischen Marmors aus, und auch der gelbe Marmor Numidiens ist kunstvoll zur Steigerung der Farbenwirkung verwendet. Man ist jetzt damit beschäftigt, die aufgefunoenen Stücke wieder zusammenzufügen, die in ihrer Gesamtheit anen anschaulichen Begriff von der Pracht und dem Prunk des kaiserlichen Roms geben. Aber außer diesem Fußboden entdeckte man noch in derselben Erdschicht eine zweite wundervolle Booenbe- kleidung, die jetzt gehoben wird und die Boni bei der Kostbarkeit des verwendeten Materials und der Schönheit der Aussührung das Prächtigste nennt, was wir bisher an altrömischeu Fußböden kennen. Die Musterung zeigt Blumenmotive und soll von mivergleichlicher Schönheit sein.


